Book Report: Run, Embassytown, Dispatches, Plague
June 18th, 2011Greg Rucka – The Last Run
The Last Run ist der dritte Roman, der aus Greg Ruckas ungemein empfehlenswerter Comic-Agentenserie Queen & Country hervorgegangen ist. In Zeiten, in denen alte Genregrößen völlig enttäuschen, legt Rucka eigentlich mit schöner Regelmäßigkeit genau das vor, was ich von Spionageromanen erwarte: Gut konzipierte, actionreiche und dreckige Geschichten mit einem Schuß politischem Zynismus, die dabei nicht die 350-Seiten-Grenzen sprengen. Nachdem Tara Chase in den letzten beiden Romanen zuerst in Saudi-Arabien die Hintermänner eines Terroranschlags auf London ausschaltete und dann dafür sorgte, dass Usbekistan ein zuverlässiger Partner im Kampf gegen den Terror bleibt, egal wie schlecht es mit den Menschenrechten aussehen mag, wird sie dieses Mal damit beauftragt, einen hochrangigen Spion aus dem Iran herauszuschleusen. Und wie es die Genrekonventionen verlangen, läuft die Mission natürlich nicht glatt, so dass Chace sich plötzlich im Feindesland gestrandet findet, während ihr Vorgesetzter Paul Crocker alle politischen Fäden ziehen muss, damit der britische Geheimdienst Chace nicht einfach im Stich lässt.
Der Plot hat ein ordentliches Tempo, das Buch kommt gut voran, die Actionszenen sind knackig geschrieben… aber in der Gesamtheit unterwältigt The Last Run leider doch. In A Gentlmen’s Game sah es so aus, als wenn Rucka sich in die Spitzenklasse der Spionageautoren katapultieren könnte, aber schon Private Wars ließ leicht nach und The Last Run ist nochmal ein Stückchen schwächer: So sauber der Plot auch vorangetrieben wird, so wenig reißt er vom Hocker. Wirklich überraschende Wendungen oder dramatische Szenen finden sich nicht. Das mag auch daran liegen, dass dieses Mal die Figuren allesamt ausgesprochen pappkameradig wirken: Der zu exfiltrierende Spion hat keine Charaktertiefe, der Antagonist der Geschichte hat nur ein Interesse, das aber nicht ausreichend begründet wird und selbst Tara Chace, eigentlich eine starke Figur die im Verlauf der Jahre einige sehr komplexe und widersprüchliche Wesenszüge spendiert bekommen hat, kommt im Rahmen des Buches so gut wie nie über den Status des Action Girls hinweg. Und auch der Ort der Handlung bleibt hier so wenig definiert, dass man im Buch jedes “Iran” durch fast jeden anderen nahöstlichen Ländernamen ersetzen könnte, ohne dass The Last Run dadurch schlechter funktionieren würde.
Wie gesagt, es ist immer noch ein höchst kompetenter Roman, der beim Lesen unterhält und nicht, wie die letzten Clancy- oder Forsyth-Werke, die Intelligenz des Lesers beleidigt. The Last Run ist als Strand- oder Busfahrtslektüre durchaus empfehlenswert. Aber angesichts des Potenzials, das Ruckas Romanserie vor sieben Jahren angedeutet hat, enttäsucht die sich einschleichende Stagnation doch. Wenn The Last Run also wirklich die letzte Mission Tara Chaces im Rahmen von Queen & Country sein sollte, dann könnte ich inzwischen damit leben.
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China Miéville – Embassytown
China Miéville hat mit Perdido Street Station einen Bombenstart im Genre urbaner Fantasy hingelegt. Mit The Scar und The Iron Council, die ebenfalls in seinem Bas-Lag-Universum spielen, untermauerte Miéville die Einschätzung, einer der beobachtenswertesten jungen Genre-Autoren zu sein. Und theoretisch hatte Miéville damit eine Nische gefunden, in der andere Autoren sich langfristig eingerichtet hätten: Ein auslandendes Fantasy-Universum mit massiver Kontinuität und einer eingebauten Fanbasis? Super! Einmal im Jahr einen Bas-Lag-Roman rauskloppen und dann der Kohle beim Reinkommen zuschauen.
Nur dass Miéville damit Gefahr gelaufen wäre, seine Fantasy zu der konservativen Literatur werden zu lassen, die er in seinen Geschichten doch konstant ablehnt. Und so hat der Londoner Sozialist seinem Fantasy-Universum 2004 den Rücken gekehrt und sich, trotz der Forderungen seiner Fans, bis heute nicht wieder ins Bas-Lag begeben. Statt eines vierten Romans rund um die Stadt New Crobuzon schrieb Miéville in den letzten sieben Jahren ein sehr kreatives Jugendbuch (Un Lun Dun), einen Krimi über eine osteuropäische Stadt, die aus zwei Staaten gleichzeitig besteht (The City & the City) und einen Pulproman um Londoner Kulte, die die Apokalypse einzuleiten gedenken (Kraken). Es scheint, als wolle Miéville sich konstant neu erfinden. Und dazu passt, dass er nun – immerhin 13 Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Romans King Rat – mit Embassytown erstmals in Science-Fiction-Gefilde vorstößt.
Und was für eine Science Fiction das ist…
Linguistische Science Fiction, nämlich. Ein Subset, das bisher eher dünn besiedelt ist. Stephensons wegweisendes Snow Crash fällt ein, Smion schlug Orwells 1984 vor und als Film erschien vor einiger Zeit Pontypool, der mit den Ideen eines Logovirus spielte… und abgesehen von einigen Kurzgeschichten, fällt mir ansonsten kein weiterer Titel ein.
Embassytown erzählt die Geschichte eines kleinen, menschlichen Außenpostens auf der Heimatwelt der Ariekei, am Rande des bekannten Universums. Diese Ariekei sind in ihrer Gestalt und ihrer Philosophie völlig fremdartig und haben so gar nichts von den typischen Nasenhöckeraliens aus Star Trek. Der wichtigste Unterschied zu uns Menschen ist, dass die Ariekei zwei “Münder” (bzw. zwei Organe) haben, mit denen sie Sprache produzieren können. Und sie nehmen diese Sprache nur wahr, wenn sie von einem Wesen mit Verstand gesprochen wird, nicht von einer Maschine. Die Menschheit hat darum angefangen Botschafter zu züchten, Menschen die sich in ihrem Wesen und Denken so ähnlich sind, dass sie jeweils als einer der beiden Münder fungieren. So wird etwa aus den Individuuen Cal und Vin nur gemeinsam der Botschafter CalVin.
Der andere große Unterschied zu den Menschen ist, dass die Ariekei nur Dinge sprechen können, die objektiv wahr sind. Zu Lügen, selbst zu Metaphern, sind die Ariekei nicht in der Lage. Vergleiche können sie nur dann anstellen, wenn tatsächlich existiert, womit sie etwas vergleichen wollen. Damit die Redensart “das ist wie der Mensch, der regelmäßig mit den Fischen schwimmt” von ihnen genutzt werden kann, muss eben jener Mensch ein Mal pro Woche für die Ariekei in ein Schwimmbecken mit Fischen steigen. Es ist ein Konzept, das Miéville zu erklären versucht (der evolutionäre Vorteil sich immer auf das Verlassen zu können, was der andere sagt), das aber trotzdem eine gewisse Suspension of Disbelief benötigt: Warum sind die Ariekei nicht in der Lage, einfach einen Teil der Wahrheit zu verschweigen? Das ist ja noch kein aktives Lügen. Und wenn sie nur über existierende Dinge sprechen können, wie können sie dann Strategien für die Zukunft entwickeln? Planen?
Die eigentliche Handlung des Romans beginnt, als die Menschheit EzRa schickt, einen neuen Botschafter mit einem leichten Fehler seiner Aussprache, der eine ganze Spezies plötzlich abhängig von seinen Worten macht: So als sei seine Sprache eine Droge. Auch das ist ein Konzept, das man kritisch auseinandernehmen kann, aber warum eigentlich nicht? Geräusche lösen ja auch in uns Emotionen aus, Stimmen können körperliche Reaktionen auslösen und wer war nicht mal nach irgendeinem Lied süchtig, hat es dutzende Male am Stück gehört?
Embassytown mag sein erster Abstecher ins Genre der SF sein, trotzdem ist es ein typischer Miéville: Der Sozialist aus London baut einmal mehr eine fremdartige Stadt auf und denkt erneut über Freiheit und Abhängigkeit nach. Denn eine Sprache, in der man nicht lügen kann, in der es keine Fiktion gibt, ist eine Sprache, die den Sprecher an die Realität und an die Wahrheit fesselt. Kein Wunder also, dass einige Ariekei versuchen, das Lügen zu erlernen um sich so von den Fesseln der Sprache zu befreien. Und ebenfalls kein Wunder, dass andere Ariekei und sogar Menschen alles in ihrer Macht stehende tun, um dies zu verhindern. Es ist eine kluge Theorie des Gesellschaftsaufbaus, der hier nachgegangen wird: Die Gesellschaft und Kultur der Ariekei basieren völlig darauf, dass sie eine Sprache haben, in der sie nur objektive Wahrheiten sprechen können. Die Gesellschaft hat sich im Rahmen der Möglichkeiten entwickelt, die ihr die Sprache gelassen hat. Will man nun den staatlichen Aufbau verändern, dann muss zunächst die Sprache an sich verändert werden. Staatliche Identität und sprachliche Identität in Personalunion. Eine Idee, der wohl nicht nur Orwell zustimmen würde, sondern auch Victor Klemperer mit seiner Lingua Tertii Imperiii.
Ein typischer Miéville ist Embassytown aber auch dahingehend, dass Ideen, Konzepte und Personen eingeführt werden, die im Verlauf der Geschichte irgendwo verschütt gehen und keine weitere Relevanz besitzen. So wird früh das Konzept des Immers eingeführt, dem Analog zum Hyperraum in anderen SF-Geschichten und es wird zunächst viel über die Funktionsweise, die Grenzen und Gefahren des Immers gesprochen… und nach Seite 50 hat dieses Immer keinerlei weitere Relevanz für die Geschichte. Vielleicht baut Miéville hier vor, vielleicht plant er weitere SF-Geschichten in diesem Universum zu erzählen und legt darum schonmal den Grundstein für den Begriff “Immerverse”. Andererseits hat er dieses Herumhängenlassen von Handlungsfäden auch in fast allen seinen anderen Büchern schon praktiziert. (Man erinnere sich an die denkende Maschine in Perdido Street Station, von der man nie wieder hörte.)
Das ist allerdings ein kleiner Kritikpunkt und mit knapp 400 Seiten lernt Herr Miévielle zudem zunehmend, sich kurz zu fassen und Geschichten etwas konzentrierter und korsettierter zu erzählen, als er das in den Tagen vor The City & the City tat. Embassytown überzeugt als SF-Roman: Die fremdartigen Wesen und Orte, die Verquickung von Linguistik und Gesellschaft, die starke Erzählerstimme, das Einfühlen in die Außenseiter. Dazu kommt eine Geschichte, die sich am Anfang ein wenig zu ziehen scheint, ab dem Moment des Auftretens des neuen Botschafters mit seiner Drogenstimme aber richtig an Fahrt gewinnt und auf faszinierende Weise die Reaktionen einer ganzen Spezies betrachtet, die plötzlich kollektiv abhängig ist von etwas, das ihnen nur eine andere Spezies geben kann. Die Menschen in Embassytown mögen wichtige Akteure sein, die Erzählerin und Protagonistin Avice Banner Cho mag ein Mensch sein, aber eigentlich dienen sie nur als Linse, durch die wir die Geschichte der eigentlichen Stars des Buches wahrnehmen: Den Ariekei und ihrem Sprachwandel.
In den letzten zehn Jahren hat Miéville drei Mal den Arthur C. Clarke Award und einmal den Hugo Award gewonnen. Dank Embassytown ist es nicht unwahrscheinlich, dass der gute Mann noch etwas mehr Platz im Trophäenschrank wird finden müssen. Ein Buch, das jedem Freund intelligenter SF wärmstens ans Herz gelegt sei.
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Michael Herr – Dispatches
Dispatches wird als das Buch über den Vietnam-Krieg gehandelt. Michael Herr war für den Esquire als Berichterstatter in Vietnam und packte seine Erfahrungen und Erlebnisse dann 1977 in eben dieses Buch, das in Auszügen als Vorlage für Szenen oder Figuren in Coppolas Apocalypse Now und Kubricks Full Metal Jacket diente.
Herrs Schreibstil kann dabei als romanhaft bezeichnet werden, womit sich Dispatches in eine Tradition mit Büchern wie Truman Capotes In Cold Blood oder Norman Mailers The Fight einreiht. Dass dieser gewählte Stil hier funktioniert, liegt auch daran, dass Michael Herr eben keinen klassischen Kriegsbericht schreibt, keine Betrachtung großer Strategien, keinen Text über die Gesamtkonzeption (so es sie denn gab) des Indochinakriegs, sondern dem Leser einfach eine Salve an Kriegsfragmenten entgegenschießt. Einblicke in das Leben und die Psyche der Soldaten im Dreck. Viel enger an den Vietnam-Erfahrungen die Tom Savinis Karriere beeinflussten als an dem, was General Westmoreland der Presse erzählte.
Dispatches fordert den Leser auf den ersten Seiten: Erst nach einem guten Drittel des Buches ringt sich Herr dazu durch, einer längeren Narrative zu folgen: Der Belagerung von Khe Sanh. Bis dahin springt er von Anekdote zu Anekdote, von Hörensagen zu verstörenden Momenten, die er selbst erlebte, ohne dass dabei eine klare Linie erkennbar wird. Wer, so wie ich, mit den falschen Erwartungen an das Buch herangeht, wer hier eine klar strukturierte, chronologische Abhandlung erwartet, wird zunächst völlig überrollt. Was vermutlich Herrs Absicht war: Denn was man aus den Anekdoten erfährt, ist dass genau das die Erfahrung der G.I.s in Vietnam war. Kinder, die schlecht vorbereitet in einen Krieg geschickt werden, dessen Sinn sie nicht verstehen und die dann Teile von Missionen ausführen, deren Gesamtheit sie nicht erfassen können.
Der Krieg ist für die von Herr beschriebenen Soldaten ein Kaleidoskop des Schreckens, ein strukturierter Kriegsbericht der mit Hintergrundinformationen angereichert ist, würde dem Wesen des Biestes nicht gerecht. Was allerdings ebenfalls zur Verwirrung heutiger Leser beitragen mag: Als Zeitgenosse wurde man täglich mit Begriffen wie der NVA, Dien Bien Phu, Super Hueys, Chinooks und Montagnards konfrontiert. Und all den TLAs, die ein Krieg mit sich bringt. Heute sollte man zumindest einen rudimentären Überblick über den Vietnamkrieg besitzen, um von Slang und Idiomatik nicht völlig erschlagen zu werden. Denn auch hier tut Herr dem Leser ganz bewusst nicht den Gefallen, irgendwelche Begriffe zu erklären oder zu kontextualisieren.
Direkt zu Beginn erzählt Dispatches von folgender Begebenheit: Ein Soldat schafft es als einziger seines Platoons von einem Hügel lebend ins Lager zurückzukehren. Er stirbt, ehe er sagen kann, was auf dem Hügel passiert ist. Willkommen in Vietnam.
Aber es geht ja ohnehin nicht um Kontext. Dank der fehlenden Kontextualisierung ist das nicht einfach ein Buch über junge Männer im Krieg in Vietnam, sondern ein Buch über junge Männer im Krieg. Punkt. Die Geschichten, die Herr hier erzählt, die Verhaltensweisen die er beobachtet, hätten wahrscheinlich in ähnlicher Form in jedem Krieg gefunden werden können; unter Caesars Legionen in Britannien ebenso wie bei Napoleons Truppen in Russland oder in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten.
Da wo Logik, Kontext und Verständnis fehlen, kehren primitivere Instinkte und Konzepte zurück: Die Entzivilisierung muss nicht an Orten wie My Lai gesucht werden, sie findet sich überall im Dschungel. Uralter Aberglaube und Fetische kehren selbst zu studierten Menschen zurück. Ein Hinterhalt im Dschungel wurde nicht überlebt, weil man Glück hatte, sondern weil man einen Glücksbringer dabei hatte. Ein kaputtes Gewehr. Einen bestimmten Helm. Etwas, das man einem toten Vietcong abgenommen hat. Und künftig ohne diesen Fetisch auf Patrouille zu gehen, bedeutet den sicheren Tod. Gleiches passiert mit bestimmten Soldaten, denen “magische” Eigenschaften zugeschrieben werden. Weil sie mehrere Missionen unbeschadet überlebt haben, etwa. Oder weil sie gar nicht anders können, als den Krieg zu überleben: Orrin etwa, ein G.I. aus Tennessee, den seine Freundin betrog während er um Khe Sanh kämpfte. Und von dem Moment an, in dem er den Beichtbrief seiner Freundin erhielt, war er für die anderen Soldaten ein Held und ein Glücksbringer, der den Krieg überleben würde: Weil er nur noch für eine Sache lebte. Nach Tennessee zurückzukehren und seine Freundin zu erschießen. Solange seine Freundin lebte, konnte Orrin nicht sterben. Die große Narrative verlangt es.
An anderer Stelle berichtet Herr von einem G.I., der seiner Freundin eine Halskette aus den abgeschnittenen Ohren von ihm erschossener Vietnamesen schickte und überhaupt nicht verstehen konnte, warum sie plötzlich seine Briefe nicht mehr beantwortete. Angesichts solcher Geschichten fragt man sich, ob Francis Ford Coppola vielleicht genau richtig gelegen hat, als er Joseph Conrads Heart of Darkness als strukturelle Vorlage für Apocalypse Now wählte.
An einigen Stellen ist Dispatches dann wiederum doch ganz Kind seiner Zeit und bietet einen faszinierenden Einblick in die Gesellschaft der Vereinigten Staaten in den ’60er und ’70er Jahren: Nachdem Martin Luther King ermordet wurde, fragten sich einige schwarze G.I.s ganz offen, warum sie sich nicht einfach umdrehen und mit der M-16 ihre weißen Unterdrücker in der gleichen Uniform abknallen sollten. Wie Muhammad Ali einmal sagte: “No Vietnamese ever called me Nigger.”
An anderen Stellen deckt Herr den pechschwarzen Humor auf, den der Krieg mit sich bringt. Etwa in der Geschichte jenes Colonels, der davon überzeugt war, dass alle seine Männer Kampferfahrung brauchen und auf Patrouillen gehen sollten. Nur um kurz danach jeden einzelnen seiner Köche in Hinterhalten verloren zu haben. Oder der Bericht über die 309. Air Squad, die dafür zuständig war, Entlaubungsmittel über Vietnam auszufliegen und in Anlehnung an Smokey Bear das Motto “Only we can prevent forests” wählte. Massivst morbid, wenn man sich die Folgen des Einsatzes von Agent Orange vor Augen führt.
Der wohl interessanteste Teil des Buches ist allerdings das letzte Kapitel, in dem Herr den Blick wegbewegt vom Leben der Soldaten und stattdessen betrachtet, inwiefern der Vietnamkrieg bereits ein Medienkrieg war, bzw. die Kriegserwartungen der Soldaten durch die Medien geprägt wurden. So erzählt Herr davon, dass Soldaten ihre ganzen Modus Operandi alten Kriegsfilmen anpassen, sobald eine Kamera in ihrer Nähe ist. Soviel zu der Idee, dass Soldaten sich erst heute durch moderne Videospiele anders verhalten, als die Soldaten in früheren Kriegen.
Hochinteressant ist auch Herrs Schlaglicht auf die Propaganda in Vietnam: Da ist der Soldat, der einen Vietcong erschoss und einen Kriegsgefangenen rettete und dann in pressetauglicher Manier einen Orden dafür erhielt, dass er 14 Vietcong erschossen und 6 Kriegsgefangene gerettet habe. Da ist der Umstand, dass das JUSPAO gleichzeitig für “psychological warfare and press relations” zuständig ist und das kaum ein Journalist kritisch hinterfragt. Da sind die Euphemismen, die schon George Carlin zur Verzweiflung trieben: Helikopter feuern “discreet bursts” ab, die Zivilisten in Stücke reißen. Tote Amerikaner und Südvietnamesen sind “friendly casualties” und G.I.s geraten nicht in einen Hinterhalt, sie geraten in ein “meeting engagement”, aus denen sie dann mit “light losses” hervorgehen.
Und die Betrachtung des Press Corps in Vietnam ist mindestens so interessant wie die Betrachtung des Press Corps in Washington, die Tim Crouse in The Boys on the Bus vornahm: Da sind Journalisten von College-Magazinen, die nur ihre marxistische Weltsicht bestätigt haben möchten. Da sind Journalisten, die Kriegsjunkies werden und ohne den Rausch selbst an Patrouillen teilzunehmen (und im Notfall selbst ein Gewehr abzufeuern) nicht mehr leben können. Da sind Journalisten, die ihre Hotelbar in Saigon nie verlassen und einfach nur die Presseberichte des JUSPAO weitergeben. Und da sind alte Journalisten, die den Krieg und all seine Schlachten trivialisieren müssen, weil sie befürchten, dass ihre eigenen Kämpfe gegen die Japaner im Pazifik ansonsten an Bedeutung verlieren.
Wenn man sich erstmal in den Stil eingefunden hat, den Herr hier nutzt, dann wird ganz schnell klar, dass Dispatches tatsächlich eines der erkenntnisreichsten und einfühlsamsten Bücher ist, die je über den Krieg an sich geschrieben wurden. Ein Türöffner für spätere Kriegsreportagen wie Generation Kill und in den Einblicken, die es in die menschliche Psyche in Zeiten größter Anspannung vermittelt, auch nach fast 35 Jahren noch absolute Pflichtlektüre.
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David Hajdu – The 10 Cent Plague: The Great Comic Book Scare and How It Changed America
Oberflächlich betrachtet ist The 10 Cent Plague eine Reportage darüber, wie Comics in den 1950ern in den USA als Verderber der Kindheit gesehen, zum Teil verboten und dann in nur noch in völlig zahnloser Form veröffentlicht wurden. Bei genauerer Betrachtung ist The 10 Cent Plague aber auch eine Betrachtung, wie faschistische Strukturen in aufgeklärten Demokratien auftreten können und wie Medien und Politik gewillt sind, zum eigenen Vorteil (seien es Stimmen oder die Quote) mit den Ängsten der Bevölkerung zu spielen und diese zu verstärken. Insofern ist The 10 Cent Plague nicht nur für an der Comichistorie interessierte Leser ein spannendes Buch, sondern beispielsweise auch für Freunde von Horrorfilmen oder Videospielen.
David Hadjus These ist, dass die ’50er kein Jahrzehnt völliger Anpassung waren, wie sie im Rückblick oft dargestellt werden, sondern das Verrücken kultureller Grenzen – wie so oft – einfach in einem Medium stattfand, dass lange Zeit schlicht nicht wahrgenommen wurde: Comics. Hadju beginnt mit einem knappen Abriss der Geschichte des Mediums, vom Yellow Kid der Zeitungen des späten 19. Jahrhunderts bis zum Aufstieg von EC Comics in den ’50ern, die sich primär deshalb so gut verkauften, weil sie zunächst im Crime- und später im Horror-Genre alles bisher an Blut und Gewalt gesehene in den Schatten stellten, bzw. jungen Männern in den Romanzen-Comics der selben Ära Frauen präsentierten, die in ihrer Unterwäsche über Jungs redeten. Hadju kauft den damaligen Comicmachern nie die Selbstdarstellung ab, dass diese Comics erzählerische Perlen waren. Er betreibt durchaus eine kritische Betrachtung der handwerklichen Umsetzung, aber er ist gewillt Comics da zu verteidigen, wo sie es verdient haben: Etwa dass Harvey Kurtzmans Two-Fisted Tales keineswegs stumpfe US-Propaganda waren, sondern ihren Lesern erklärten, dass Krieg für Soldaten auf jeder Seite der Front schrecklich ist.
Hadju berichtet von Schulen, die schon am Ende der 1940er Comics sammelten und dann öffentlich verbrannten und von Lehrern die (zum Wohle der Kinder) in ihren Schulen Initiativen lostraten, Comics an den Schulen zu ächten und in lokalen Läden und Kiosken aus den Regalen zu verbannen. Er spricht dazu mit Beteiligten, die zugeben, dass sie selbst nie Comics gelesen haben, sondern die Comics extra für die Bücherverbrennungen kauften, um sich beim Lehrer lieb Kind zu machen oder die von Schülern erzählen, die diese neuen Regelungen genossen: Sie selbst lasen weiter Comics, während sie andere Kinder schikanierten und verprügelten, wenn diese Comics lasen. Sogar von Schülern organisierte Boykotts werden erwähnt, gerichtet gegen Läden die Comics nicht aus den Regalen entfernten. Ironisch, wenn man bedenkt, dass dieser Kulturkampf oft nominell zur Wahrung der Demokratie geführt wurde.
The 10 Cent Plague ist nicht nur ein Buch über Comiczensur, es ist auch eine sehr lesenswerte Geschichte des EC-Verlags, seiner wichtigsten Mitarbeiter und deren Konkurrenzkämpfen untereinander. (So erfährt man etwa, dass Verleger Bill Gaines so erbost war über den Erfolg von Harvey Kurtzmans Mad, dass er mit Panic seinen eigenen Humorcomic veröffentlichen musste, obwohl doch Mad in seinem eigenen Verlag erschien.) Zudem ist es ein Betrachtung der amerikanischen Psyche im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Hadju diagnostiziert eine ungeheure Angst vor der eigenen Jugend: Eine gefühlte Zunahme der Jugendkriminalität, der dann durch Filme wie The Wild One ein Gesicht gegeben wurde.
Und Comics als Medium, das vor allen anderen jene Werte erodiert, die Kinder zuvor kontrollierbar hielten, das zur Deliquenz anstiftete und alles verächtlicht machte, was anständig und gut sei. “[Comics] are a menace to the right thinking of our american youth and should be banned throughout the country,” wie das Stamford Board of Education festhielt.
Womit der zweite zeitgenössische Aspekt erwähnt ist: Die Angst vor der Unterwanderung und Gehirnwäsche. Politiker und Lehrer versuchen Comics als typisch kommunistische Propaganda darzustellen (während die englischen Kommunisten Comics verbrannten, weil diese angeblich die amerikanische Gewaltkultur exportierten), derweil man in EC-Comics Werbeanzeigen veröffentlichte, die die Zensurideen als typisch kommunistisch anprangerten. Eine schlechte Idee, da eben diese potenziellen Zensoren im Kongress über das Fortbestehen von Comics zu entscheiden hatten und besonders verschnupft darauf reagierten, von William Gaines als Kommunisten tituliert zu werden. Das beste Kapitel dieses Buches, in dem Hadjuk stets durch sehr stilsichere Prosa glänzt, schildert die Anhörungen zum Thema Comics vor dem Kongress und beschreibt in gekonnter Weise, wie William Gaines sich aus reiner Nervosität möglicherweise sein eigenes Grab schaufelte, als er abgetrennte Köpfe auf Titelbildern als “durchaus im Rahmen des guten Geschmacks” bezeichnete.
In der Geschichte der Comicprozesse, so Hadjuk, geht es weniger um Bildergeschichten als eher um ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Der in Comiczirkeln bis heute verhasste Dr. Frederic Wertham, dessen Seduction of the Innocent als Kronzeuge der von Comics ausgehenden Gefahr diente, wird als unwissenschaftlich arbeitender Populist präsentiert, der überinterpretiert, übertreibt (“I think Hitler was a beginner compared to the comic book industry.”) und sein Buch nicht etwa in wissenschaftlichen Journalen, sondern in Frauenzeitschriften vorstellt. Senator Estes Kefauver, treibende Kraft hinter den Anhörungen, erscheint derweil als einer der ersten Poltiker, die das Medium Fernsehen als PR-Werkzeug verstanden haben und der mit im TV übertragenen Anhörungen zu Angstthemen den Weg ins Weiße Haus suchte und dabei auch nicht davor zurückschreckte, überzeichnete Comicparodien gewalttätiger Groschenromane (isb. der Mike-Hammer-Romane eines Mickey Spillane) als Beleg für die Gewalttätigkeit der Comics heranzuziehen. Und das Fernsehen schlachtet das ganze Thema für die Quote schon damals möglichst reißerisch aus. Unter anderem auch Irwin Kershner (später Regisseur von The Empire Strikes Back) in der Sendung Confidential File. (Inzwischen in Gänze auf YouTube.) Wenn man sich hier andere Namen denkt – Schünemann, Beckstein, Pfeiffer, Koll – dann wirken die Mechanismen scheinbar noch immer.
Aber auch die Comicmacher kommen nicht übermäßig gut weg: Gaines schlägt eine Selbstregulierung vor, um staatlicher Regulierung zuvorzukommen. Die Idee eines Feigenblattes wird geboren, eines Gummiinstrumentariums, das von den Comicmachern kontrolliert wird, nur um dann feststellen zu müssen, dass die Comics Code Authority gar nicht daran denkt, ihre Arbeit halbgar zu machen und penibel darauf achtet, dass die unzähligen und oft lächerlichen Regularien (keine Drogen, keine übertriebene Gewalt, keine Verächtlichmachung von Ordnungsmacht und Religion, etc.) eingehalten werden. Der Todesstoß für Comics als kreatives Medium, der sie teils bis weit in die 1980er hinein beinträchtigte. (Marvels The ‘Nam thematisierte z.B. den realen Vietnamkrieg, durfte aber nicht erwähnen, dass hier Drogenmissbrauch an der Tagesordnung war.) Alles was bleibt ist ein harmloser, zahnloser, seichter Rest an Comics. Für Hadju ist aber genau diese Selbstzensur der Initialzünder für die Counterculture der 1960er, für Männer wie Robert Crumb, die mit grotesken Horrorcomics aufwuchsen und nun selbst gezwungen waren, die durch den Comics Code entstandene Lücke zu füllen.
The Ten Cent Plague ist ein intelligent geschriebener Blick auf eine oft sehr einseitig als kulturell stagnierend bewertete Dekade und auf eine Zensurdebatte, die vieles vorwegnimmt, das auch in den letzten Jahrzehnten bei Zensurdebatten immer wieder aufkam (seien es die englischen Video Nasties, Mama, Papa, Zombie oder eben die “Killerspiele”-Debatten). Dank des immens lesbaren Schreibstils von Hadju hält das Buch auch in potenziell drögen Momenten seine hohe Qualität. Besonders hervorheben sollte man, wie lebendig es Hadju gelingt einzelne Comicpanels oder das Layout ganzer Seiten einzufangen und zu beschreiben, da er hier nur mit Text und nicht mit Abbildungen arbeiten kann. Das ist schon ein großes Lob, denn sowas ist wirklich kein leichtes Unterfangen.
Comicfans werden dank der ausführlichen Einbindung von Zeitzeugen hier O-Töne und Geschichten finden, die ihnen bisher nicht bekannt waren. The Ten Cent Plague ist aber darüber hinaus ein Buch, das man bei Zensurdiskussionen beiden Parteien in die Hand drücken kann: Der Abstand von inzwischen fast sechs Jahrzehnten hilft vielleicht zu verstehen, dass die oft als einmalig empfundene, schädlichen Wirkung eines neuen Mediums längst nicht so außergewöhnlich ist, wie man vielleicht annehmen mag.



















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