Sneak Non-Review: Vicky Cristina Barcelona
Ein echter Kritiker würde nie einen Film kritisieren, den er nicht bis zum Ende gesehen hat. Ein echter Kritiker wird allerdings auch dafür bezahlt alles bis zum bitteren Ende durchzusitzen, während ich mein eigenes Geld ausgebe für das Prärogativ einen Film vorzeitig zu verlassen und trotzdem “Bah! Humbug!” zu granteln.
Rebecca Hall ist der Stereotyp der konservativen, angepassten, gefühlsunterdrückenden Studentin, die glaubt sich nach Sicherheit zu sehnen und deshalb auf direktem Wege eine Ehe mit einem Wall-Street-Langweiler-aus-Suburbia anstrebt und das offenherzige Angebot auf schnellen Sex mit Javier Bordem, dem suaven Latin Lover aus dem Lateinamerika Europas (Spanien) so heftig ablehnt, dass sofort klar ist, dass die beiden ziemlich bald in der Kiste landen werden. Scarlett Johansson ist der Stereotyp der pseudo-intellektuellen, abenteuerlustigen Studentin die einen pseudo-intellektuellen, abenteuerlustigen Kurzfilm darüber gedreht hat, warum Liebe so schwer zu definieren ist, weshalb sofort klar ist, dass ihr irgendwer (vermutlich der suave Latin Lover aus dem Lateinamerika Europas, der nebenbei weltoffener Nihilist ist) ziemlich bald zeigen wird, dass sie in erster Linie ein Kind ist, das von keine Ahnung vom Leben hat oder auch nur von dem was sie wirklich will. Studenten sind in diesem Film Stereotypen die man sonst als Touristen bezeichnet. Barcelona ist eine Stadt die aus stereotypen Postkartenmotiven besteht. Penelope Cruz taucht in dem stereotypen Teil des Films den ich gesehen habe noch nicht auf, wird aber sicher in das stereotyp-amoröse Geflecht verwickelt sein, sobald sie anwesend ist. Christopher Evan Welch ist (im Original) der allwissende Erzähler aus dem Off, dessen Funktion es ist - anders als die Funktion guter Erzählstimmen - zu erzählen was man gerade auf der Leinwand sieht, was man eben auf der Leinwand nicht gesehen hat oder was die Charaktere denken und fühlen. Das ist ökonomischer als von Scarlett Johansson zu erwarten, dass sie diese Gedanken und Gefühle in Gestik, Mimik und Tonlage zum Ausdruck bringt. Filmstudenten sind Stereotype, die erklären werden, welchen tieferen Sinn diese Erzählweise hat, während ich ein Stereotyp bin, der der Meinung ist, dass so eine Erzählform im Handwerkskasten eines erfahren Regisseurs nichts verloren hat. Woody Allen ist besagter erfahrener Regisseur, weshalb der Film trotzdem gut ankommen wird und all das was mich tierisch genervt hat, als gewagte Absicht zu interpretieren ist.
Zwanzig Minuten ist die Zeitspanne, die ich es bei Vicky Cristina Barcelona im Kino ausgehalten habe, ehe ich ganz dringend weg musste. (Wobei es nur einen Bruchteil der Zeit gedauert hat, um jede einzelne Figur auf der Leinwand zu hassen.) Mehr als genug Zeit ist also vorhanden, in der der Film in eine innovative, smarte, unterhaltsame Richtung gleiten kann, die mein voreiliges Verdammen als Irrtum enttarnt. Wahrscheinlich ist das allerdings nicht. Und wenn ich Recht haben sollte, dann ist das hier der Song, den Allen als ehrliches Titellied hätte auswählen müssen.
November 26th, 2008 at 8:28 am
Suav!
Du hast deinen intellektuellen Nimbus auf’s Spiel gesetzt compadre. Hätte ich aber auch gemacht… andere Frage, hat Allen den selben Film vor kurzem nicht schon mal gedreht?
November 26th, 2008 at 10:39 am
Nein, hat er nicht. Seine letzten Filme spielten ja alle in London. Riesenunterschied.
Ich vermisse übrigens den alten Allen. Sleeper, Bananas, Love and Death, Everything You Always Wanted to Know About Sex* (*But Were Afraid to Ask)… damit kann ich was anfangen. Aber irgendwie hat mir nichts was er in den letzten 15 Jahren gedreht hat etwas gegeben. Und es erschien mir einfach nicht wahrscheinlich, dass dieser Film daran was ändern würde…
November 26th, 2008 at 10:45 am
Gerade Das hier aus den IMDB Comments zum Film gefischt. Passt zu deiner Kritik.
December 4th, 2008 at 5:51 pm
[...] so zu bieten hat, sind mir die von Woody Allen noch immer am liebsten. Da kann Björn noch so sehr schimpfen, aber der hat den Film ja nicht mal zu einem Drittel [...]
March 3rd, 2009 at 6:44 pm
Sach mal, gibts hier bald mal wieder was zu lesen? Ich lechze nach Artikeln die so lange sind das sie ausgedruckt und aufgestapelt bis zur Mondnazibasis (und zurück) reichen würden! Und da die NASA ihr Mondfahrprogramm eingestellt haben bist du unsere einzige Chance, Spacehitler und seine Jet-Pack Schergen ein für alle mal zu schlagen!
May 6th, 2009 at 3:45 pm
[...] kein Review, sondern einmal mehr ein Sneak Non Review. Bezüglich der moralisch-ethischen Fragen ob man etwas kritisieren darf, das man nur zum Bruchteil [...]
June 28th, 2009 at 3:29 pm
Boah. Ich habe diesen Film mir gestern abend zu Gemüte führen müssen. Im Gegensatz zu dir habe ich allerdings bis zum bitteren Ende ausgehalten.
Alter Schwede, was für ein belangloser, eindimensionaler, naiver Scheiss! Aus diesem “Konzept” gleich einen Pornofilm zu machen, wäre wesentlich ehrlicher gewesen.