Die, Welle, Die!

Das hier neulich schon als erschreckend mau enttarnte Remake von Die Welle läuft ja jetzt seit ein paar Tagen auch ganz offiziell in Deutschlands Kinotheken. Und darf, wie das bei deutschen Produktionen mit Message™ halt so ist, auch einmal die große Nachrichtenehrenrunde drehen. Was sowas ähnliches ist wie Werbung, nur besser, weil der Verleih dafür nichts bezahlen muss.

Und irgendwer der in Verbindung mit dem Film steht, scheint seine Freude daran gefunden haben Werbung für lau unterzubringen. Kurzer Schwenk: Im Film gibt es diese eine Szene, in der die Schüler so richtig abdrehen und sich entschließen die Präsenz ihrer Gruppe (Die Welle, duh!) in der Stadt in der das ganze Brimborium spielt mal so richtig bekannt zu machen. Sie ziehen also los und pappen “Die Welle”-Sticker an Autos, Wände, Scheiben, Hinterköpfe und alles was nicht bei drei klebstoffabweisend ist. Und nebenbei beginnen sie alle fünf Meter irgend ein Gebäude mit ihrem Logo zu taggen. Die Kernaussage der Szene: Oha! Das gerät alles ein wenig außer Kontrolle! Die Gruppe beginnt ihre Präsenz in der Stadt klar zu machen, ein wenig so wie die Nazis damals, als aus allen Fenstern Hakenkreuzflaggen hingen. Und der durchschnittliche Zuschauer beginnt zu erahnen: “Faschismus ist irgendwie nicht so toll.” Selbst zeitgemäßer Faschismus nicht.

Tja, der durchschnittliche Zuschauer. Bei irgendeinem Werbehansel hat die Aktion derweil scheinbar zu einer ganz anderen Idee geführt: Mein Gott, wäre das nicht eine geradezu kongeniale virale Marketingkampagne? Die Leute würden alle paar Meter das Logo des Films sehen und sich fragen, was ist das nur? Und dann laufen sie alle ins Kino um den Film zu sehen. Und wir müssten nichtmal viel Geld dafür ausgeben, so als wenn wir - total unhip - ‘ne Plakatwand oder ‘ne Litfaßsäule bezahlen müssten.

Gesagt, tungetan: Und so prangt hier inzwischen in der Innenstadt an jeder Straßenlampe und jeder Regenrinne, an den Briefkästen, an Telefonzellen, an Türgriffen, an den Geländern im Treppenhaus der Uni und hunderten anderen Lokalitäten so ein Sticker auf dem das “Die Welle”-Logo zu finden ist, zusammen mit der Internetadresse für die offizielle Homepage. (Die ich hier nicht verlinke, sonst gewinnen die Terroristen… by the way: Um richtig street zu wirken hättet ihr Spacker eine tinyurl nutzen sollen, dann wirkt es weniger nach Werbekampagne.) Und weil das noch nicht reicht, hat man angefangen Wände und Bürgersteige mit dem selben Logo zu taggen. Erneut inklusive Internetadresse der offiziellen Homepage.

Hey, ich habe erstmal nichts gegen Sticker Art oder gegen Graffiti im allgemeinen, aber ich habe ein echtes Problem damit, wenn hinterher die Allgemeinheit dafür aufkommen darf, die Überreste einer Werbeaktion (und nichts anderes scheint es zu sein… wäre die Internetadresse nicht mitangegeben, ich würde vielleicht von einer Aktion gelangweilter Teens ausgehen, aber so…) zu entfernen, bei der irgendwer dachte, dass sie nicht peinlich, sondern unglaublich urban wirkt und nebenbei noch ‘ne Menge Geld spart. Und ich hoffe, ganz wertkonservativ, dass der Urheber dieser Kampagne gepackt wird und für die Entfernung der Sticker und Graffitis selbst blechen muss. Als Abschreckung: Ich kann nämlich darauf verzichten, dass diese Art der Werbung noch weiter um sich greift.

Anyway: Im Zuge dieser Werbeaktion schafft es Die Welle mir sogar noch einen ganzen Meter unsympathischer zu werden. Schlicht weil ich die Botschaft des Films jetzt nochmal ganz anders auffasse: Faschismus mag für sich genommen echt scheiße sein, aber - hey! - er eignet sich wunderbar für Werbezwecke.

Geile Aussage, deutsches Kino. Danke dafür.

7 Responses to “Die, Welle, Die!”

  1. Chris Says:

    Huh, die Links bei den Filmfreunden sind ja interessant! Dass der Bericht des damaligen Lehrers Jones über die “wahre Begebenheit” ausgeschmückt und frisiert wirkt, fiel selbst mir auf, aber dass das gesamte Experiment derart schlecht dokumentiert ist und außer Jones selbst heute kaum noch irgendwer Konkretes zu den damaligen Abläufen sagen kann, hätte ich so nicht vermutet.

    Da stellt sich schon die Frage, ob damals an der Cubberley überhaupt irgendetwas Nennenswertes passiert ist. Etwas, das den ganzen Trubel bis in die heutige Zeit hinein rechtfertigt. In der Schülerzeitung gabs nur einen größeren Artikel zur Welle, zu einer Zeit, als alles schon vorbei war. Und wenn Jones bedauert, dass sich beispielsweise auch die Eltern nicht eingeschaltet hätten: Vielleicht lag es ja daran, dass die ganze Aktion bei weitem nicht die Ausmaße hatte, die er ihr im Nachhinein gerne zuschreibt? Genau wird man das wohl nie wissen.

    Trotzdem wirkt der Zauber um die “wahre Begebenheit” selbst in diesem Fall. Bei einem kaum glaubwürdigen Film, der sich nur lose an fragwürdige Umschreibungen von Ereignissen hält, von denen heute kaum noch jemand sicher sagen kann, wie sie sich konkret und im Detail abgespielt haben. Trotzdem wirbt man mit dem Slogan “nach einer wahren Begebenheit”, obwohl von der Wahrheit da mit Sicherheit fast nichts übrig ist.

    Diese übersteigerte Medienresonanz, ich begreife sie einfach nicht. Okay, es geht um Faschismus, das zieht bei uns sowieso immer. Aber trotzdem…

  2. MENt Says:

    Das mit den Stickern, die man Leuten gibt, die sie dann für 2 Kinokarten oder so verkleben, gab’s ja schon damals bei “Die fetten Jahre sind vorbei”.
    Nur in dem jetzigen Fall machen sie ja Werbung mit etwas, das im Film angekreidet wird.
    Hmmm, nicht sonderlich durchdacht…

  3. henteaser Says:

    Die bewerben also einen Film über ein außer Kontrolle geratenes Schülerprojekt zum Thema Faschismus mit eben jenem Mittel, welches die außer Kontrolle geratenen Schüler nutzen, um ihre Weltanschauung kundzutun?

    Hoffentlich ist es in diesem Fall nicht schlimm, wenn ich mal in die Runde frage …

    IDKKK *godwin-mode on*

    … was ihr davon gehalten hättet, wäre Der Untergang auf ähnliche Art ‘viral’ bekannt gemacht worden:

    Mit Hakenkreuz- und Durchhalteparolen-Graffiti und Sirenengeheul. Nicht zu vergessen die Kinder und alte Leute, die mit panzerfaustbeladenen Fahrrädern durch die Innenstadt fahren.

    *godwin-mode off*

  4. Daniel Says:

    Godmode is iddqd, schande schande… ^^

  5. henteaser Says:

    Aber nicht bei diesem Spiel.

  6. MartinM Says:

    Im Unterschied zu den beiden berühmtesten Experimenten, mit denen autoritäres Verhalten “ganz normaler Menschen” untersucht wurden, dem
    berühmten “Milgram-Experiment” und dem nicht minder berühmten “Stanford Prison Experment” (das die Grundlage zum Film “Das Experiment” lieferte), ist “The Third Wave” in der Tat lausig vorbereitet und miserabel dokumentiert.
    Allerdings lässen sich das “Milgram-Experiment” und das “Stanford Prison Experiment” nicht so gut in den Lehrplan des Schulfaches “Gemeinschaftkunde” einbetten, wie der Sturm im Wasserglas, der dann groß “die Welle machte.”
    Eine Parallele zum Film “Das Experiment”: die “wahre Begebenheit” wurde für die Inszenierung so weit aufgeblasen und dramatisiert, dass der angebliche Wahrheitsbezug völlig flöten ging.

  7. Ludwig Kamberlein Says:

    Endlich mal ein kritischer Artikel über die Welle. Manchmal denkt man schon, man lebt in einer Gutfühl-Diktatur … - es gibt sicher subtilere antifaschistische Filme, die in den Medien aber leider selten erwähnt werden.

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