Short Fiction: When Sysadmins Ruled the Earth

Ein Claim der in Bezug auf Cloverfield gelegentlich gemacht wurde, war dass es die erste große Katastrophengeschichte der YouTube-Generation sei. Dem möchte ich, nachdem ich jetzt Cory Doctorows When Sysadmins Ruled the Earth gelesen habe, deutlich widersprechen. Denn Doctorows Story über eine Gruppe Systemadministratoren, die den Kataklysmus einer globalen Terrorkatastrophe in ihrem Rechenzentrum überleben und jetzt darüber diskutieren, wie es nach der Katastrophe mit dem Internet weitergehen soll, ist mindestens so effektiv dabei das Ende der Welt in ein kontemporäres Gewand zu kleiden:

The Internet Archive was offline in the Presidio, but the mirror in Amsterdam was live and they’d redirected the DNS so that you’d hardly know the difference. Amazon was down. Paypal was up. Blogger, Typepad and Livejournal were all up, and filling with millions of posts from scared survivors huddling together for electronic warmth.

The Flickr photostreams were horrific. Felix had to unsubscribe from them after he caught a photo of a woman and a baby, dead in a kitchen, twisted into an agonized heiroglyph by the bioagent. They didn’t look like Kelly and 2.0, but they didn’t have to. He started shaking and couldn’t stop.

Wikipedia was up, but limping under load. The spam poured in as though nothing had changed. Worms roamed the network.

When Sysadmins Ruled the Earth hat mich an vielen Stellen stärker in die Magengrube getroffen als Cloverfield das schaffte, vielleicht weil es meine Lebenswelt besser umfasst als dass die Hipster im Film taten. Vielleicht weil ich mir auch vorstellen könnte, als Überlebender einer großen Katastrophe zuerst das Netz zu nutzen, um zu erfahren was gerade vor sich geht. Und, so bizarr es klingt, vielleicht wegen der Idee dass die Menschheit gehen, das Internet aber zumindest noch eine Zeit lang überleben könnte und sich nach dem letzten Menschen dort noch immer Spambots und Würmer tummeln würden. Das ist… deprimierend.

Doctorow, Co-Editor von Boing Boing, hat sein Ohr exakt am Puls der Zeit. Die allgemeine Angst vor dem großen Terroranschlag und die Attitüde der Borderline-Autisten die das Netz am Leben halten, verbindet er zu einem gelungenen Gesamtpaket. Besonders da sich Doctorow in der Materie auskennt und so etwas sehr seltenes schafft: Er schreibt glaubhafte Dialoge für Nerds. Die Leute hier reden nicht irgendwelchem sinnfreien Technobabble wie in 24 oder Die Hard 4.0, sondern sie benutzen Computerskills und Termini, die dem Netzbürger nicht fremd sind. Vom Usenet über den BOFH und PEBKAC bis hin zur Declaration of the Independence of Cyberspace, die heute vielleicht wichtiger ist als sie es bei ihrer Veröffentlichung vor zwölf Jahren war.

Eine sehr spannende und sehr, sehr zeitgemäße Geschichte, die man möglicherweise in ein paar Dekaden in der Literaturwissenschaft als Beweisstück für den Zeitgeist des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends verwenden wird. Und man kann die Kurzgeschichte kostenlos hier zu lesen. Zumindest wenn man die grässlichen Illustrationen ausblendenden kann:

*Cary Doctorow - When Sysadmins Ruled the Earth.
*Und das Ganze nochmal als Podcast.

***

(Postskript: Und wenn man dann in der richtigen Stimmung ist, bietet sich auch gleich noch die Doku Life After People des amerikanischen History Channels an.

Oder aber man lädt sich Doctorows Novel Down and Out in the Magic Kingdom auf seiner Seite legal und kostenfrei herunter. Oder ein paar weitere Stücke Short Fiction aus seinen Sammlungen Overclocked und A Place So Foreign. Das ist empfohlen, aber optional…)

4 Responses to “Short Fiction: When Sysadmins Ruled the Earth”

  1. PlayStar Says:

    Eine der besten Kurzgeschichten die ich seit langer Zeit gelesen habe. Danke für die Empfehlung!

  2. grobi Says:

    Das ist echt gut… Richtig gut…

    Leider muss ich meine Kommentar mal Richtung Offtopic führen. Mir sagte der Name Doctorow bis heute nichts, BoingBoing besuche ich nicht so häufig. Eine Namenssuche bei Amazon hat den dritten Teil von diesem “DMZ” - Comic ausgespuckt. Ich weiß, dass du mit Comics zu tun hast ;-), daher die Frage: lohnt sich die Reihe? Ich bin ein bißchen unbeleckt, was moderne Comics angeht. Zwar steht hier neben mir einmal der komplette “Preacher”, da drüben auf dem Bücherregal wartet “Y - The Last Man” auf die letzten Bände und ein bißchen von Alan Moore hab ich auch (”Vendetta” + “Gentlemen”). Passt “DMZ” da irgendwie rein?

  3. Björn Says:

    Doctorow hat nur das Vorwort für das dritte DMZ-Paperback geschrieben, der eigentliche Autor ist Brian Wood. Bisher habe ich nur den ersten Band von DMZ gelesen (Band 2 und 3 sollten spätestens Mittwoch bei mir eintrudeln), fand den aber ziemlich angenehm. Riccardo Burchielli zeichnet ein ziemlich beeindruckendes, vom Bürgerkrieg zerstörtes New York, das ganze hat einen sehr hippen, sehr schnellen Stil, aber auch einige ziemlich beeindruckende, ruhigere Momente. Nach Band 1 weiß ich noch nicht, wohin die Serie läuft, aber sie hat mich so weit geangelt, dass ich Nachfolgebände bestellt habe um es herauszufinden. Das was ich da bisher gesehen habe, fand ich ziemlich cool.

    Nachtrag: Du kannst die erste Ausgabe (ein Sechstel des Paperbacks) hier legal als PDF runterladen und dir selbst ein Bild machen.

    Nachtrag 2: Auf deine zweite Frage. Vom Stil her würde ich DMZ näher bei Y verordnen, als bei Moore oder Ennis. Hat ein wenig was von Warren Ellis’ Transmetropolitan (was auch ein absoluter Kauftipp von meiner Seite aus ist).

  4. Momentaufnahme 19|02|2008 « HELL™ Says:

    [...] Auf die Buchstaben: “Otherland” - Tad Williams “When Sysadmins Ruled The World” - Cary Doctorow (Eine der besten Kurzgeschichten die ich seit langer Zeit gelesen habe. Danke Björn!) [...]

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