Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr

Es mag Sie, werte Leserschaft, vielleicht überraschen, aber es ist nur Wahlkampf in Hessen. Das mag man kaum glauben, angesichts des Umstands, dass sich CDU und SPD derart in die Wolle gekriegt haben, dass die rabiateren Parteimitglieder schon vorschlugen, vor die Kuppel des Reichstags ein “Donner-” zu setzen und die Koalitionsstreitigkeiten dann darin ein- für allemal auszutragen. Und sogar unsere Bundesaußenministerin Angela Merkel hat sich getraut auf einen Staatsbesuch und für eine Wahlkampfempfehlung in Deutschland vorbeizuschauen. Ein beeindruckendes Schauspiel, bedenkt man dass der Halleysche Komet öfter an Deutschland vorbeikommt als das Merkel.

Dem Hessen-Dagon, dem brutalstmöglichen Aufklärer aller Zeiten, ging in den letzten Wochen der Arsch ein wenig auf Grundeis. Obwohl die SPD eine Kandidatin ins Rennen um den Ministerpräsidentenposten schickte, die den wohl unwahrscheinlichsten Nachnamen aller Zeiten vorweisen kann und von der man eigentlich erwarten sollte, dass sie nur grün-karierte Ganzkörperanzüge trägt, begann Dagons absolute Mehrheit in Hessen zu schwinden. Und während die SPD mantrahaft skandierte “Mindestlohn! Mindestlohn! We accept you! We accept you! One of us! One of us! Mindestlohn! Mindestlohn!“, begann in Dagons Unterwasserhauptquartier die Suche nach einem geeigneten Wahlkampfthema.

Zynisch und menschenverachtend wäre es, würde man Dagon unterstellen, dass ihm der brutale U-Bahnangriff zweier junger Männer, die zunächst von der Presse als “Raucher“, dann als “mit Migrationshintergrund” indentifiziert wurden (worauf man vielleicht dank des “Scheißdeutscher” auch direkt hätte kommen können), gelegen gekommen wäre. Erstmal musste nämlich der allgemeine Gefahrenraum U-Bahnhof, von dem wir schon lange wussten, dass dort primär Morlocks hausen, seine volle Wirkung entfalten. Zwei weitere Übergriffe in München. Dann ein Vierter. Weitere Übergriffe in Frankfurt und Berlin folgten. Und in Heilbronn sogar einer ganz ohne U-Bahn.

Dass “Jugendgewalt” und “Gewalt durch jugendliche mit Migrationshintergrund” heiße Eisen sind, die es anzupacken gilt, das ist wohl unbestreitbar. Aber die Form in der das hier stattfindet, ist wieder ein Musterbeispiel dafür, warum man sich von Medien und Politik regelmäßig verschaukelt fühlen darf, denn einmal mehr haben wir viel Lärm um Nichts. Wobei ich mit Nichts nicht das Problem meine, sondern das was am Ende bei dieser Debatte mal wieder rauskommen und die Situation verbessern wird: Nichts.

Beginnen wir mit der Rolle der Medien: Jeden Tag liest man jetzt über ein bis zwei weitere Übergriffe von Jugendlichen. Was die Frage offenwirft: Ist seit dem ersten Angriff in München die Quote der von Jugendlichen begangenen Gewalttaten um mehrere tausend Prozent explodiert? Oder ist das ein weiterer Beleg dafür, wie die Medien eine gefühlte Bedrohung erschaffen können, die in der Form nicht mit den realen Daten übereinstimmt.

Meine, nicht mit Statistiken abgedeckte, These: Die Jugendgewalt ist ähnlich hoch wie sie vor einem Monat war… und sie wird ähnlich hoch sein wie nächsten Monat, wenn die Medien eine neue Sau gefunden haben, auf der sie splitterfasernackt durchs Dorf reiten, während die Übergriffe von Jugendlichen (egal ob Rauchern, Migranten oder rauchenden Migranten) keine Sendezeit mehr bekommen, weil sie nicht so interessant sind wie Britney Spears neueste Eskapaden. Mal wieder an den Federn herbeigezerrter Vergleichsfall: Die Vogelgrippe, die immer noch so gefährlich ist wie im Frühjahr 2006, die aber seit über einem Jahr total uninteressant zu sein scheint und in den Medien, wenn überhaupt, unter “inferior news” abgelegt wird. Weshalb plötzlich weniger Handlungsbedarf zu bestehen scheint, als noch vor knapp zwei Jahren.

Es gilt also für die Politik schnell zu handeln, ehe das ohnehin begrenzte Zeitfenster sich geschlossen hat: Sonst steht man mit seinen tollen Konzepten da und der aufgebrachte Volksmob hat sich schon auf das nächste Entrüstungskonzert begeben. Wie immer wenn sich komplexe Probleme stellen und man nicht viel Zeit hat um die Probleme anzugehen, mein Wahlbenachrichtungszettel läd mich für den 27. Jännar in das Wahllokal meines Vertrauens ein, gilt es Entschlossenheit und Härte der Hand zu demonstrieren: Warnschußarrest, Erziehungscamps und “schnellere Ausweisungen” sind die Zauberworte der Stunde.

Bestimmte Probleme mit diesen Vorschlägen, etwa dass “Jugendliche mit Migrationshintergrund” eben nicht gleichbedeutend mit “Ausländer” ist, weil das Kinder von Ausländern sind, die zum Teil schon in der dritten Generation in Deutschland leben und ihre “Passheimat” nie gesehen haben, die fragwürdigen Methoden der Erziehungscamps oder der Umstand dass die Einsparungen bei Polizei und Justiz - die jetzt bemägelt werden - von Dagon selbst ausgingen, werden schnell beiseite gewischt, denn um echte Politik geht es hier ja nicht. Um die echte Politik kann man sich nach dem Wahlsieg kümmern, wenn das Thema wieder vergessen und möglichst stiefmütterlich behandelt wird. Jetzt geht es darum Angst zu nutzen und auf einer Stimmung zu surfen.

Eine Stimmung die auch von der ZEITUNG quotenträchtig geschürt wird. Anderswo werden derweil die alten Feindbilder mal wieder rausgekramt, statt ernsthaft zu debattieren: “Kulturbereicherer”, “Musels”, “die 68er”, “Multikultipsychopathen” und “Gutmenschen”. Es läuft etwas falsch in der Bundesrepublik wenn ausgerechnet Christian Pfeiffer als mäßigende Stimme auftritt.

Anyway: Die Jugendgewalt hat es geschafft zum ersten großen Themenblock des Jahres 2008 zu werden. Was, zugegebenermaßen, eine ziemliche Leistung war. Immerhin hat sie sich da gegen ein Joint Venture aus zwei anderen Themenblöcken durchgesetzt: Letztes Jahr um diese Zeit war das große Thema natürlich Knut, der kleine Eisbär, Scheißbär. Im Dezember war das große Thema derweil Eltern die am Tod ihrer Kinder schuld sind. Man sollte annehmen, dass die Kombination beider Themen - Eltern die ihre niedlichen Eisbärkinder umbringen - die öffentliche Aufmerksamkeit vollends binden sollte. Tja, Pustekuchen: Selbst niedlicher Eisbärkannibalismus hatte keine Schnitte gegen die gewalttätigen Jugendlichen.

Das Thema war, wie das im zynischen Jargon heißt, sexy geworden. Jetzt schnell ein Statement oder eine Paper dazu der Presse lancieren und man konnte sicher sein, dass man ein wenig von der medialen Aufmerksamkeit bekommt, die man so dringend benötigt. Das Problem: Die wirklich guten Positionen “law and order” oder “mehr Jugendförderung” hatten sich schon die Politgranden Koch, Merkel, Struck und Zypries unter den Nagel gerissen. Was natürlich niemanden davon abhalten sollte, sinnlose Geisterfahrerdebatten zu eröffnen, um auch ein Stück des Medienkuchens abzubekommen. Und damit sind wir auf dem Nebenkriegsschauplatz, um den es hier eigentlich gehen soll.

Auftritt: Friedbert Pflüger. Pfriedbert Flüger ist ein Gewinnertyp, den nichts vom Gewinnen abhalten kann. Nicht einmal die Realität. Damals, anno domini 2006, verkündete er siegesbewusst: “Die CDU in Berlin ist wieder da, nach fünf schweren Jahren.” Wohlgemerkt, nachdem die Berliner CDU gerade ein schlechteres Ergebnis - das zweitschlechteste in ihrer Historie - eingefahren hatte als noch vor fünf Jahren. Und vor einer Woche, am 6. Januar, da war Pflüger plötzlich wieder da.

Pflüger will Morde erst nach 20 Uhr sehen“, sprang mich die Schlagzeile an. Was ich schon irgendwie verwunderlich fand. Waren Morde bisher vor 20 Uhr gesetzlich erlaubt? Hatte ich die große Chance vertan unausstehliche Mitmenschen vor fahrende Busse zu schubsen oder nervtötenden Hausierern mit der Axt den Scheitel nachzuziehen? Und sollte ein Politiker nicht eher ein generelles Mordverbot fordern, statt es auf die Zeit vor 20 Uhr zu beschränken? Warum will Pflüger überhaupt Morde sehen? Ist doch ziemlich unappetitlich.

Nun: Der Teaser informierte mich. Es ging natürlich nicht um den Mord an sich, es ging um Morde im Fernsehen. Wie gesagt, die guten Themen waren schon weg, die Hinterbänkler müssen also mit den Krümeln vorlieb nehmen, die vom Tischtuch fallen. In diesem Fall bedeutet das: Medienschelte.

Zur Eindämmung von Jugendkriminalität will der CDU-Politiker Pflüger Mord und Totschlag vor 20 Uhr vom Bildschirm verbannen. In der “Bild am Sonntag“ beklagte er eine zunehmende Brutalisierung des Fernsehens. “Viele Kinder schauen tagsüber allein fern“, sagte Pflüger. “Ich bin der festen Überzeugung, dass die Hemmschwellen für Gewalt sinken, wenn Kinder Hunderte von Morden erleben.“

Womit Pflüger primär meint, dass man bitte morgens nicht die Spielfilme vom Vorabend wiederholen solle. Pflügers Vorschlag kommt überraschend, passt aber in den populistischen Tenor. Denn in der Debatte über die Jugendkriminalität war bis dato das Fernsehen in dieser Form nicht attackiert worden. Die zunehmende Brutalisierung des Fernsehens ist als Topos natürlich mindestens so alt, wie das Fernsehen selbst und Pflügers Argumentationslinie kann von mehreren Seiten aus hinterfragt werden: Das Tötungsverbot würde durchaus einen Teil des Nachmittagsprogramms der deutschen Sender aushebeln. Seriendauerbrenner wie Star Trek, Charmed, Matlock, Diagnose: Mord oder Mord ist ihr Hobby würden ebenso wie Picket Fences: Tatort Gartenzaun oder die Anime-Serie Detektiv Conan von den Mattscheiben verschwinden. Vielleicht ist das der Preis den man dafür zahlen muss, dass Lenßen & Partner endlich in Frührente geschickt werden. Fraglich derweil ob das auch für die abstrusen Mordphantasien aus den nachmittäglichen Gerichtsshows gelten sollte, die man ja nicht sieht, sondern die nur von den Laiendarstellern hölzern als Geständnis abgelegt werden.

Um zu zeigen, dass er nicht nur auf billige Effekthascherei aus ist - frei nach dem Motto: Wir haben was getan und es hat uns nicht einmal Geld gekostet, anders als wenn wir mehr Polizisten oder Street Worker einstellen würden - hat er auch gleich eine Idee, wie das funktionieren könnte:

“Keine TV-Morde mehr vor 20 Uhr – das muss ein Ehrenkodex werden“, forderte der Vater zweier Kleinkinder. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern könne man politisch darauf dringen, was er in seiner Funktion als Rundfunkrat beim rbb auch tun werde, sagte Pflüger. Bei den Privaten sollten Firmen nicht mehr werben, wenn sich die Sender nicht an einen entsprechenden Ehrenkodex hielten.

Wir merken: Wenn ein Politiker von “Ehrenkodex” spricht, dann meint er “Gesetz”. Zumindest für die öffentlich-rechtlagigen Sendeanstalten. Und nun könnte man Pflügers Argumentationslinie mit einem Augenrollen und Schulterzucken ignorieren, aber der Geist war halt aus der Flasche. Und die Idee, dass bestimmte Medien die Jugend verrohen und damit für unsichere Straßen sorgen, ist ein Klassiker. Echte Entrüstungsprofis sind natürlich ein wenig konsterniert, dass Pflüger hier mediale Aufmerksamkeit erhält, obwohl er doch einen totalen Amateurfehler beging: Der Schockbegriff in diesen Debatten sollte natürlich “Killerspiele” sein, nicht “Fernsehen”.

Brigitte Zypries, bekannt als Faktotum unseres Bundesinnenministers Dr. Seltsam, erkannte diesen Schlendrian von Pflüger natürlich sofort und schob in der N24-Sendung Links-Rechts nach:

“Auch PC-Spiele, Playstations, Spielkonsolen und dieses ganze Zeug”, seien für den Nachwuchs “natürlich Gift”, so die Ministerin wörtlich. Zypries betonte: “Die Kinder lernen weder Sozialverhalten noch bewegen sie sich, wenn sie vor diesen Teilen sitzen, sondern werden zugeschüttet.”

Dass die Medien natürlich eine gewisse Mitschuld an der Gesamt”debatte” haben - siehe die plötzliche Flut an Berichten über Jugendgewalt, die schon bald wieder abklingen wird… also, die Berichtsflut, nicht die Jugendgewalt - ist schwer von der Hand zu weisen. Die nebenbei aufgezäumte Debatte rund um die Mediengewalt erscheint allerdings irreal und fern von realen Lösungsmöglichkeiten, hat aber den Vorteil, dass alle vorgeschlagenen Lösungen eben fast kein Geld kosten. Und sowas ist im politischen Bereich immer ein starkes Argument dafür etwas zu befürworten. Klar, es hat nichts gebracht. Aber überlegen sie doch mal, was so ein Heer an Sozialarbeitern den Steuerzahler kosten würde.

Stellen wir uns die ernste Frage: Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Jugendgewalt zurückgeht, wenn vor 20 Uhr im Fernsehen nicht mehr gemordet wird? Nein? Na, dann wäre der nächste Schritt vielleicht das Verbot von gewaltätigen Lyrics! Die fördern… öh, einen Moment… die fördern… ähm, halt die auch nicht… die fördern… nein, jetzt habe ich’s… die fördern natürlich auch die Jugendgewalt.

Friedbert Pflüger muss derweil machtlos mitansehen, wie neben Zypries auch andere Politiker vorbeikommen, um sich auf seinem eigenen Nebenkriegsschauplatz auszutoben. Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Wir erinnern uns: Oettinger war selbst Opfer von Jugendgewalt und hat ein durchaus interessantes Verständnis von Recht, Ordnung, Moral und Amoral. Und dieser Oettinger hatte kurz nach Pflügers Epiphanie das Bedürfnis das Problem der Jugendgewalt auch mal zu lösen und setzte der friedbert’schen Medienkritik darum die Krone auf:

Es gibt Programme, die in einigen Sendern verstärkt kommen, von denen ich erhebliche Gefahren für die Erziehung der Jugend ausgehen sehe”, sagte Günther Oettinger heute in Stuttgart. Explizit nannte er die Fernsehsender RTL 2 und Super RTL. Hier sehe er eine “schädliche Entwicklung” bei der Qualität. Bei einer CDU-Veranstaltung in Markgröningen soll Oettinger kürzlich gar von “Scheiß-Privatsendern” gesprochen haben.

Wo Super RTL - ein Sender der irgendwo zwischen Cartoon- und Sitcomrestposten, SpongeBob Schwammkopf, den typischen Bitte-Lächeln-Epigonen und T.V. Kaiser anzusiedeln ist - die Mitschuld daran trägt, wenn Renter in der U-Bahn von gewalttätigen Spacken zusammengetreten werden, das sei mal dahingestellt. Das jugendgefährdenste in deren Programm dürften das Potpourri aus alten 90er-Jahre-Talkshows sein, die der Sender jeden Abend ausstrahlt. Aber: Das tut er weit nach Pflügers 20-Uhr-Marke… und wenn das in den Neunzigern am Nachmittag nicht gereicht hat die Jugend zu verrohen, dann ist es doch eher unwahrscheinlich, dass dem hanebüchenen Geprolle genau das nun am späten Abend gelingen sollte.

Zumindest macht er nicht den Fehler wie Pflüger die “Killerspiele” zu ignorieren: “Sowohl im Fernsehen als auch bei Computerspielen gebe es leider eine Zunahme von gewaltgeneigten Bildern, sagte der Stuttgarter Regierungschef.” Und natürlich ist da das Problem, dass das Fernsehen nicht mehr den hehren Ansprüchen genügt, mit denen es mal auszog die Welt zu erobern:

Etliche Sender lösten auch den früher gültigen Anspruch, dass Fernsehen auch zur Bildung beitrage, nicht ein. Für “Produkte mit gutem Namen” sollte nicht im Umfeld jugendgefährdender Sendungen geworben werden, forderte Oettinger die Wirtschaft indirekt zu einem Werbe-Boykott bei jugendgefährdenden Sendungen aus.

Gleich danach zog Oettinger, hoch zu Roß in glänzender Rüstung, aus um den Call-In-TV-Geiern den Gar aus zu machen. Seine regionale Landesmedienanstalt hat da ja den ersten Schritt schon getan, ich bin sicher, Oettinger wird den Worten Taten folgen lassen. Und während Oettinger auszog, sprang die Süddeutsche Zeitung auf… und zwar auf den fahrenden Zug.

Für eine in München beheimatete Zeitung ist die Jugendgewaltdebatte natürlich besonders interessant, ist doch die Münchener U-Bahn derzeit, wie die CSU mit diesem Werbeplakat eiskalt diagnostiziert hat, sogar marginal unsicherer als die Hauptstraße in Sadr City. Und weil man nicht immer nur Koch Paroli bieten möchte, schließt man sich der Sturmformation Pflüger-Zypries-Oettinger an, mit einer Artikelserie die ein erschreckend naives und ewiggestriges Weltbild enttarnt. Da erinnert man daran, dass damals - vor dem Kartoffelkrieg - die CDU-Länder ja gegen den Willen der SPD die Privatsender erst ermöglichten, um sich den angeblich linken öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Druck zu machen. Wir erinnern uns an das Schlagwort vom “hässlichen Rotfunk”. Und dann wird schadenfroh befunden:

Heute sind manche der Christdemokraten entsetzt über die Spätfolgen ihrer Kulturrevolution und die Entwicklungen im “dualen System”, wie sie das Nebeneinander des öffentlich-rechtlichen Blocks (ARD, ZDF) und der entfesselten Kommerzkräfte nannten.

Sexy Clips, Dschungelshows, debile Manga-Comics, Menschenhaltungsformate wie Big Brother, bizarre Doku-Filme, Spielfilme mit Action und Trallala, auf der anderen Seite kaum Nachrichten oder anspruchsvolle Informationssendungen - für Wertkonservative ist es eine Mixtur des Grauens, die sie da geschaffen haben.

Ja, huch: Spielfilme mit Action! Das ist schon schlimm! Aber dann das Trallala! Das kann man doch keinem Menschen zumuten. Fachkompetent auch, wie Hans-Jürgen Jakobs “debile Manga-Comics” im Fernsehen entdeckt haben will. Wobei ja schon Manga-Comics doppelt gemoppelt ist… so wie Roman-Bücher. Klar, wenn der Herr “Manga-Comics” schreibt, dann meint er damit Animes. Mangas sind ein anderes Medium. Aber wenn ich schon eine Angriffsschrift verfasse, dann sollte ich zumindest solche Klopse vermeiden. Und erinnert diese Auflistung noch jemand an Mama, Papa, Zombie, in dem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in den Achtzigern vor der jugendverrohenden Kraft des Videorecorders warnten?

Stammen nicht übermäßig viele entliehene Filme aus der verbotenen Ecke mit zumeist ausländischen Billigproduktionen? Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror.

Eigentlich finde ich die Liste aus den Achtzigern sogar noch prosaischer. Am Ende bleibt ein resigniertes:

Vogel und andere CDU-Politiker hatten die Erwartung, dass die Manager der Privatsender sich ebenso verantwortlich für das Programm fühlen würden wie die Verantwortlichen von ARD und ZDF. Da sind sie nun eines Besseren belehrt worden: Der ewige Kampf um die Einschaltquoten und das Werbegeld haben die TV-Sender durchweg zu knalligen Unterhaltungsmaschinen gemacht, nicht aber zu Instanzen der Aufklärung.

Womit er natürlich nicht vollends Unrecht hat, ein Großteil des deutschen Fernsehprogramms ist unerträglicher Schmodder, aber das Welt- und Menschenbild das hier vertreten wird, finde ich bedenklich: Dient es nicht der Hochkultur, dann hat es keinen Wert. Dem schließt sich auch der, von mir in Bürgerrechtsfragen eigentlich sehr geschätzte, Heribert Prantl an:

Dass viele den Knopf jeden Tag erst nach fünf oder sechs Stunden finden, ist Teil der Unmündigkeit, und die ist nicht unbedingt selbstverschuldet.

Die Fernsehlandschaft ist nicht Ursache, sondern Abbild der neuen Klassengesellschaft; sie wird aber auch vom Fernsehen zementiert. Die Bildungsoffensive der sechziger und siebziger Jahre ist Geschichte; sie wartet auf Wiederholung.

Und folgert dann, dass die BAföG-Kürzungen damit zu tun hätten, was als logischer Sprung von A nach B nur mit einem Wurmloch in der Mitte machbar sein dürfte. Lustig auch, dass die “Unmündigkeit (unverschuldet)” der Langzeitglotzer kritisiert wird, der Ruf zeitgleich aber danach geht, das Fernsehen mehr und stärker zu reglementieren. Prantl kann gut und böse klar scheiden:

RTL 2, 9Live, Kanal 1, SuperRTL und DSF für die Unterschicht; dort gibt es Sendungen mit hohem Prol-Faktor und anzüglicher Sex-Werbung mit freiem Übergang zur Pornographie. [...] Am anderen Ende der TV-Skala stehen Sender wie Arte, mit feinen Produktionen für den feinen Geschmack. Die jeweiligen Zuschaueranteile sind auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Unterschichtenfernsehen, wie Harald Schmidt es damals, vor der Zeit mit Berufsproll Pocher, selbst nannte auf der einen Seite und auf der anderen Seite “feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Was allerdings an Kanal Eins so unterschichtig ist, das möge man mir doch mal erklären: Erste Hilfe mit den Johannitern? Der Bericht über den alten Bauhof in Stollberg? Oder gar die Wiederholung des Lugauer Krippenspiels in der Kirche Niederwürschnitz? Schon klar, Prantl meinte kabel eins, aber auch da scheint man am Ziel vorbeizuschießen.

Man schaukelt sich ein wenig die Eier, weil man weiß wo auf der Fernbedienung arte zu finden ist. “Feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Wobei natürlich durchaus mal gefragt werden darf, ob Filme wie Die Nacht der reitenden Leichen oder die Russ-Meyer-Streifen nur dann “für den feinen Geschmack” sind, wenn sie auf arte laufen, oder auch wenn sie RTL II im Nachtprogramm verstrahlen würde. Und ganz im Ernst und bei aller Zuneigung zu arte-Formaten wie Mit offenen Karten oder Karambolage, eine Fernsehwelt die größtenteils aus eklektischen Kunstformaten besteht, würde mir auch Angst machen. Und gezielt an über 90% der Bundesbürger vorbeisenden.

Spannend auch, was Prantl aus der ganzen Misere ableitet:

Ein verzweifelter Pädagoge hat vom Bethlehemitischen Kindermord der Moderne gesprochen. Das klingt dramatisch ausweglos. Ganz so ist es nicht. Es gibt Gegenrezepte.

Schon mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man die Ganztagsschule einführen müssen. Sie ist weniger ein Zugeständnis an die zeitknappen Doppelverdiener-Eltern der Mittelschicht als eine Art Internat für Kinder aus der Unterschicht und aus sozialen Randgruppen: ein Ort der Schicksalskorrektur.

Mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man übrigens auch Kondome mit Kumquatgeschmack einführen sollen. Ist als Kausalkette ungefähr genau so stringent und logisch wie Prantls Forderung und sein Glaube, der Staat müsse den Schaden beheben, den das Fernsehen erst angerichtet habe. Und, ganz im Ernst, welche Möglichkeit hätte der Staat eigentlich den Schaden zu beheben, den avide Internetsurfer davontragen müssen? Es ist der Wunsch nach staatlicher Kontrolle, nach der guten, alten Zeit ohne Privatsender, der aber zu kurz greift: So wie das Argument nicht greift, man müsse “Killerspiele” verbieten, weil Eltern nicht kontrollieren könnten, was ihre Kinder da so spielen. Und, wie gesagt, Gott steh uns allen bei wenn die Debatteure mal in der Gegenwart ankommen und das Internet entdecken. (Btw: NSFW!)

Erinnert sich noch jemand an das Ausgangsthema? Nein, denn die Nebendebatte hat sich abgenabelt und verselbstständigt. Besonders da die Süddeutsche zeigt, dass eben nicht nur die ZEITUNG ihre Macht zum Agenda Setting verwenden kann:

1984 setzten sich die kommerziellen Rundfunkanbieter dazu. Sie führten Sexfilmchen, Gameshows und Soaps ein. Außerdem die Einschaltquote, die Zielgruppe, die Marktanteile. Anstatt sich zu unterscheiden, es mit dem Journalismus ernster zu nehmen, entschiedener auf Dokumentationen moderner Prägung und auf mehr als nur ein paar sehr gut gemachte Krimis zu setzen, fingen ARD und ZDF an, die private Konkurrenz zu kopieren und ihre Stars abzuwerben. In einem System mit der in Europa höchsten Anzahl frei empfangbarer Sender (über 30) muss man sich für 7,3 Milliarden Euro Gebühren ein anderes, ein öffentlich-rechtlicheres Profil leisten.

Die Hervorhebung stammt von mir. Der Wunsch ist klar erkennbar: Zurück in die Achtziger, besser noch die Siebziger oder Sechziger, mit einer überschaubaren Fernsehwelt die zudem den Vorteil hat, dass sie besser staatlich kontrolliert und reguliert werden kann als die Flut an Privatsendern. Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Warum ARD und ZDF mit den Privatsendern direkt konkurrieren (sie qualitativ teils sogar noch unterbieten, wie Roger Schawinski festhält)? Auch keine Ahnung. Ob Jugendgewalt damals wirklich kein Problem war? Eher fragwürdig. Und was das alles mit den Übergriffen, der Jugend und dem Migrationshintergrund zu tun hat? Ehrlich gesagt: Gar nichts mehr.

Was man der Süddeutschen lassen muss, sie versteht es sowas am richtigen Termin zu starten: Am zehnten Januar geht in mehreren Artikeln das deutsche Bildungsbürgertum unter, am elften Januar öffnet RTL erneut die Tore ins Dschungelcamp (Bush hätte bombardieren lassen… SCNR). Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

In Gestalt einer einzigen Sendung sieht die Süddeutsche hier noch einmal all die Menetekel vereint, die sie am Vortag für das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit diagnostizierte.

Je gebildeter ein Zuschauer, desto weniger interessiert ihn die Dschungelshow, brachte die Zuschauerforschung hinsichtlich der beiden ersten Staffeln heraus. Es wird niemanden überrascht haben. Eigene Misere befördert die Bereitschaft, Gefallen an Programmen wie diesem zu finden, bei denen es am Ende eben um Erniedrigung, Zirkus, Gladiatorenkämpfe und um Sadismus geht.

Reflexion und Rache eigenen Nicht-Genügens und selbst erfahrener Kränkungen: Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! ist das Fernsehen der Gekränkten und Beleidigten. [...] Was hier gelingt, ist das Ansprechen der niedrigen Sensorien bei dem Zuschauer, der gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag: eine Show als scharfes Gewürz für ermattete Seelen und Geisteszustände.

Es ist interessant, und heuchlerisch, wenn die Süddeutsche zwar erkennt, dass der “Eventcharakter der vergangenen Dschungelcamps [...] weniger darin [lag], dass so viele Leute eingeschaltet hätten“, als eher “im Heißlaufen der Medienmaschine“, aber gleichzeitig nicht sehen kann oder nicht sehen will, dass sie mit einem Empörungsartikel wie diesem eben nur ein Zahnrad in exakt jener Medienmaschine ist. Zum Zahnrad wird man auch dadurch, dass man nicht nur vor, sondern auch nach Beginn der Sendung nochmal naserümpfend über die “hoffnungslos hinterregenwäldlerischen Show” berichtet. (Nachtrag: Und mit einer Bildstrecke, die Clickrate in die Höhe treiben will.) Die Sorge vor dem Werteverfall, der Gladiatorisierung des Fernsehens existierte derweil schon lange vor der Ankunft der Privatsender.

Es ist eine große Entrüstung, ein Heulen, Zetern und Zähneklappern, dass es RTL wagt Ich bin ein Star - holt mich hier aus! in eine dritte Staffel zu schicken. Und auch wenn ich das Format mal als “televisionäre Totgeburt” bezeichnete, in Zeiten da einige Sender ihre Zuschauer rund 20 Stunden am Tag via Call-In-Shows abzocken, in denen Tarot und anderer Hokuspokus einen festen Platz auf der Mattscheibe haben, teils in der Prime Time, und in denen man allen Ernstes Samstags Abends eine Sammlung semi-lustiger YouTube-Videos als eigenständiges Fernsehformat verkaufen kann, da wirkt gut gemachter Sadismus wie eine frische Brise.

Natürlich berichtet niemand darüber, so wie die Sendung ja auch niemand guckt. Wenn man darüber berichtet, dann empört wie die Süddeutsche. Oder bildungsbürgerlich ironisierend, wie Spiegel Online. Yep, das selbe Onlinemagain, das noch vor wenigen Wochen in der Lage war das ähnlich gekünstelte Format Der Arbeitsbeschaffer als Lackmustest für den Zustand der deutschen Gesellschaft zu nehmen, den dort präsentierten Zustand ganz unironisch als Standardsituation zu verorten und daraus die Abgreifermentalität der deutschen Hartz-IV-Empfänger abzuleiten. Und die Frankfurter Rundschau wird ganz meta und spricht darüber, warum alle über das Format sprechen.

Man verbiegt sich schon sehr, um nur nicht den Eindruck zu erwecken, man könne ernsthaft über eine Sendung sprechen, die wahlweise tatsächlich ein Massenphänomen ist, oder erst zu einem wird durch den Versuch der Presse im Feuilleton darüber zu schreiben, ohne etwas über die eigentliche Show auszusagen. Einzig die ZEITUNG arbeitet mal wieder offen mit RTL zusammen, lässt ihren eigenen Outback Jack das Camp testen und hat exklusive Insiderstories, etwa darüber dass Björn Hergen Schimpf “tobte, weil man ihm im Hotel die [ZEITUNGS]-Bibel, die er mit ins Camp nehmen wollte, gestohlen hatte.” Schön zu wissen, dass Schimpf als guter Christenmensch auf seine ZEITUNGS-Bibel besteht und nicht einfach die jede dahergelaufene Feld-, Wald- und Wiesenbibel akzeptiert, die wahrscheinlich bei ihm im Hotelzimmer herumlag.

Der Umgang der Presse mit Ich bin ein Star ist beispielhaft für den Umgang der Zuschauer mit der Sendung. Vielleicht weil das Gefühl entsteht, dass man die Sendung “nicht gucken darf”. Und so kommt es dann, dass die Show niemand guckt, sie aber irgendwie eine Einschaltquote von 33% holt. Hrmm, seltsam. Noch seltsamer, dass jetzt einige Presseorgane das Format verdammen, die noch im Sommer Rotz und Wasser geheult haben vor Entrüstung darüber, dass Sat.1 seine Informationsschiene zurecht stutzt. Eine Informationsschiene die größtenteils aus dem Vorlesen der Klatschspalte der ZEITUNG bestand und die viele der jetzt im Dschungel internierten D-Promi-Zombies überhaupt erst erschaffen hat.

Ehrliches Geständnis: Ich gucke Ich bin ein Star. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein gutes Buch aus der Hand legen oder die Playstation ausschalten würde, nur um ja keine Sendung zu verpassen. Aber wenn ich gerade eh nur ziellos im Netz auf der Suche nach klugen Flaubert-Aufsätzen von Julian Barnes Inspiration für den nächsten Text bin, dann lasse ich die Sendung gerne parallel dazu laufen. Es ist ja nicht so, als würde sie ihre Hauptfunktion nicht erfüllen: Zu unterhalten, wenn man “gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag”. Ein Zustand, den man sich nach einem langen Arbeitstag, nach Streß in der Schule, der Uni, dem Büro, auf dem Bau oder im Bau auch mal zugestehen darf. Beleg für den Kulturverfall: Zog ich neulich doch ein hirn- und anspruchsloses Herumzappen doch glatt Andrei Tarkowskis Stalker vor, weil ich nicht in der Stimmung war um mir einen langsamen, hochgeistigen, interpretationsbedürftigen Klassiker des sowjetischen Kino zu geben.

Okay, unterhalten tut Ich bin ein Star nicht konstant, dafür gibt es dann doch zuviel Leerlauf in der Mitte, wenn die Insassen des Camps einfach nur in der Gegend rumsitzen und nichts tun, aber von einem handwerklichen Standpunkt ist die Show hervorragend gemacht: Die Schnittfolge, die Musikunterlegung, die Moderatoren, die kleinen “Story Arcs” die man in die einzelnen Folgen einbaut, all das hat eine schwer bestreitbare Qualität. Vielleicht ist es der Umstand, dass ich Wrestling gucke, der mich entspannter zugeben lässt, dass ich auch ins Dschungelcamp reinschalte. Wenn die Leute gesehen haben wie du aus einem Mülleimer frisst, dann werden sie dich nicht mehr auslachen wenn du zum Abendessen zu Burger King gehst. Aber Ich bin ein Star kann mich unterhalten. Es ist nicht die beste Form der Fernsehunterhaltung - Serien wie Pastewka, Deadwood, Life on Mars, The Shield oder Firefly würde ich der Sendung vorziehen - aber es ist Unterhaltung. Und das kann eine Qualität für sich sein, auch wenn wir gerade in Sachen Fernsehen immer noch ein Problem mit dem Konzept haben, dass es unterhält statt den von der Süddeutsche erwarteten “Bildungs- und Kulturauftrag” auszuführen, statt als “Instanz der Aufklärung” zu fungieren.

Die Briten, die allerdings insgesamt eine weitaus bessere Fernsehlandschaft haben als wir in Deutschland, stehen dem Konzept von Shows wie Ich bin ein Star weitaus entspannter gegenüber. Dort geht das Format inzwischen in die siebte Runde und wird auch von der britischen Presse jenseits der Sun thematisiert. Mal ganz abgesehen davon, dass man einer Show nicht böse sein kann, die Johnny Rotten gezwungen hat sich als angestrengte Dramaqueen zu entlarven.

In Deutschland sind gute Quoten für ein Format wie Ich bin ein Star eher ein weiterer Grund für Politiker von den hinteren Rängen, quasi das Polit-Äquivalent zu den Lagerinsassen, zu fordern, dass man jetzt endlich gesetzgeberisch tätig werden und gegen den Nonsens vorgehen müsse. Da ist ein Gefühl, geteilt vom und der Politik, dass man bestimmte Standards moralisch, intellektuell, qualitativ festlegen müsse, dass man besser wisse was für den Menschen vor der Glotze gut sei, als der Mensch vor der Glotze. Und so sehr ich das aktuelle Fernsehprogramm auch verabscheue: Die Vorstellung, dass bald Heribert Prantl, Friedbert Pflüger und Günther Oettinger bestimmen was ich zu sehen bekomme, die macht mir noch mehr Sorgen.

Wenn Kopien von Shows wie Ich bin ein Star überhand nehmen, dann würde ich die Aufregung verstehen. Aber es erscheint mir zynisch kalkuliert in einem Land das nichts gegen Call-In-TV unternimmt, immer nur dann panisch mit den Flügeln zu schlagen, wenn ein professionell gemachtes Großprojekt wie das Dschungelcamp vorbei kommt. Und gerade Ich bin ein Star funktioniert durchaus als kathartisches Mittel. Denn da drin sind immerhin “Stars” - to wit: D-Promis, die gerne Stars wären - die sich wahlweise schon durch den Promi-Dschungel Realität gekämpft haben oder planen das nach der Show zu tun. Da drin sind Menschen, die nach Aufmerksamkeit und Ruhm verlangen - gerne auch ohne besondere eigene Fähigkeiten zu haben. Da liegt der Unterschied zwischen diesem Menschenzoo und den Gladiatorenspielen im Antiken Rom.

Ich würde die Sorgen verstehen bei Formaten wie Die Super Nanny, Raus aus den Schulden oder Der Arbeitsbeschaffer, wo man gezielt sozialschwache, medien-unerfahrene Unterschichtler vor die Kamera zerrt und ihre menschlichen Dramen ungeniert vor der TV-Nation ausbreitet… aber solche Sendungen werden dann plötzlich von Spiegel Online als ehrliche Aufarbeitung der German Condition geadelt. Irgendwas läuft da doch nicht rund. Die überforderte Unterschichtenmutter mit dem Nazi-Sohn, die hat mein Mitleid sicher. Aber die Figuren im Dschungel? Daniel Küblböck? Susan Stahnke? Naddel? Désirée Nick? Dolly Buster? Carsten Spengemann? Diese quotengeilen Mediennutten? Ich will nicht kalt klingen: Aber wer im Puff schläft, der darf sich nicht beschweren wenn er gefickt wird. Man wird es mir nachsehen, dass ich meine moralische Entrüstung und mein Mitleid für Menschen aufhebe, die sie wirklich verdient haben.

DJ Tomekk? Alleine für seine Verwendung des Sesamstraße-Jingles in “Kymnotize” sollte man ihn, Lil’ Kim und Trooper Da Don direkt nach dem Dschungelcamp noch durch die Quotenhöllen Die Burg, Die Alm und Johannes B. Kerner jagen. Und seinen Kumpel Flavor Flav gleich hinterher: “Ich bin horny // Yell, ich geb’s dir von vorne // [...] In der Küche, auf’m Herd // In der Scheune auf’m Pferd // Denn ich mag es derb und danach noch mehr.” Ja, mein Mitleid hält sich doch arg in Grenzen. Und es sollte diese mediale Vorhölle noch länger geben, da sind anderen Gestalten, die man nur zu gern da sehen würde: Kai Diekmann, vielleicht, ganz sicher Max Schradin, Ninja Wagner und wie sie alle heißen. Warum nicht noch den Mattusek, Peter Scholl-Latour, Uri Geller, Claus Christian Malzahn und Claudia Roth mit dazu sperren?

Festzuhalten, dass Ich bin ein Star seine Faszination auf Sadismus und niedersten Reflexen basiert? Geschenkt. So als hielte man fest, dass ein Kreis rund ist. Man kann der Sendung ja vieles vorwerfen, aber es ist nicht so als würde sie dies verschleiern. Zumindest tut man in diesem Format nicht so, als wäre man altruistisch, als wäre man um das Wohl der Kandidaten besorgt, so wie das Vera Int-Veen oder ausgerechnet Jürgen und Alida aus Big Brother in ihren “Wir helfen Menschen”-Dramen vorheucheln. Oder so wie man das vor einigen Jahren bei dieser Comeback-Show auf ProSieben gemacht hat. Wer hat da nochmal gewonnen? Coolio? Na, das war ja ein voller Erfolg.

Dirk Bach und Sonja Zietlow wissen genau was sie da moderieren und das lassen sie raushängen. Beiden ist klar, dass auch sie theoretisch da unten im Dschungel sitzen könnten. Tun sie aber nicht, und so sezieren sie aus der Höhe die Einspieler, in denen kaum einer der Kandidaten zugeben will, dass das hier der letzte Griff nach Ruhm ist. Und wenn sie nicht die Kandidaten mit Hohn und Spott übergießen, dann bekommt die restliche Fernsehwelt ihr Fett weg. Kulturpessimist der ich bin, wage ich mal festzuhalten: Bach & Zietlow sind um einiges unterhaltsamer als Schmidt & Pocher.

Will sagen: Man kann Ich bin ein Star vieles vorwerfen. Sehr vieles. Unter anderem, dass ein Tag im Lager der Langweiler eigentlich nicht genug Material für eine Stunde TV hergibt, sondern eher auf eine halbe Stunde zusammengekürzt werden könnte. Aber man kann dem Format nicht vorwerfen, es wäre in der Grundintention unehrlich oder belüge seine Zuschauer.

Und damit schlagen wir jetzt den Bogen zurück zum Anfang: Gerade dieser Vorwurf, die Show würde niederste Gelüste ansprechen - nicht aus der Luft gegriffen - wird interessant, wenn man mal überlegt, welche Maßnahmen jetzt in der Jugendgewaltdebatte urplötzlich von der Politik auf den Tisch gelegt werden: Schnelle Abschiebung, Bootcamps, Erwachsenenstrafrecht ab 18 zur Regel machen, Warnschußarrest, Anwendung des Jungedarrests auch für Kinder unter 14. Es ist schon spannend, wo man “das Ansprechen der niedrigen Sensorien” verortet und wo man besorgt ist, dass man in erster Linie Sadismus, Kränkungsgefühle und Rachegelüste befriedigt. Der Unterschied zwischen deutschem Fernsehen und deutscher Politik ist vielleicht geringer, als man das gerne wahrhaben möchte. Nur mal so ganz locker in den Raum gestellt.

Ich selbst habe derweil vor, mit folgender Gesetzesinitiative in den Wahlkampf zu ziehen: Gewalttätige Jugendliche schneller ins Dschungelcamp abschieben! Mit dem Vorschlag dürften dann wirklich alle Seiten gewinnen.

11 Responses to “Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr”

  1. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Hammer, Nagel, Kopf, paßt Says:

    [...] Der Unterschied zwischen deutschem Fernsehen und deutscher Politik ist vielleicht geringer, als man das gerne wahrhaben möchte. [Agitpopblog] [...]

  2. Mental Savage :: Ich bin ein Star, holt mich hier raus Says:

    [...] Angeblich guckts ja keiner, aber es ist erfolgreicher denn je: das Dschungel-Camp von RTL, in dem eine Gruppe Nicht-mehr-ganz- bzw. Noch-nie-wirklich-Prominenter zum fröhlichen Kakerlakenessen versammelt wird. Und was soll ich sagen: ich gucks. Man muss gar nicht so weit gehen, das Dschungelcamp als “gut gemachten Sadismus” zu loben, es ist aber in jedem Fall professionell gemachte Unterhaltung, die vom Produktionsniveau her um einiges höher angesiedelt ist als der meiste Billig-Trash, der ansonsten bei RTL & Co. versendet wird. Alleine die Tatsache, dass ein großer Teil der Sendung live ist, ist fürs Privatfernsehen, wo selbst große TV-Shows wie “Wer wird Millionär” vom Band kommen, bemerkenswert. [...]

  3. David Says:

    Spitze finde ich übrigens, wie Du mit der unerwarteten Abhandlung über “Ich bin ein Star…” die Abschweifung vom Thema in der öffentlichen Debatte nachzumachen scheinst, um dann zum Schluß auf wirklich großartige Weise wieder darauf zurückzukommen. War das geplant oder hat sich das beim Schreiben so ergeben?

  4. henteaser Says:

    @David: Das hat Björn sicherlich beim Simpsons-Gucken gelernt.

  5. Ist F!XMBR politikerfeindlich? Ein Interview mit der BamS | F!XMBR Says:

    [...] Nach langer Zeit hat sich nun das Weblog agitpop in die Diskussion um ausländerfeindliche und populistische Politiker eingeschaltet. mehr… [...]

  6. Hosrt Says:

    @henteaser

    Das ist 11te Staffel. Die erste wirklich schlechte Staffel(Manche meinen die 10te wäre die erste schlechte). Ich denke nicht das Björn mit der verglichen werden will.

  7. Hessen etc. pp. at from hades Says:

    [...] Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr [...]

  8. Tom Says:

    In der Kommunikationswissenschaft nennt man den in den ersten Absätzen beschriebenen Effekt übrigens “Framing”.

    Bedeutend, dass Medien (und Rezipienten) eine Art Tagcloud kreieren, wo “dicke” Schlagworte (ergo: Geschehnisse) eher für eine Nachricht verwandt werden.

    Schön veranschaulicht beim Blog des Instituts für KW an der LMU, der Piazza:

    http://piazza.ifkw.lmu.de/index.php/2008/01/04/kommunikationswissenschaft-zum-zusehen/

  9. henteaser Says:

    @Hosrt/Horst: Im Prinzip ja, aber es ist schlimmer als gedacht. Denn Björn hat den Themensprung (oder framing, whatever) bei Fra-Jo Wagner abgegriffen! ;)

  10. agitpop - 90 minuten hardcore, echte gefühle! » Blog Archive » Lady Bitch Ray - Debattentod Delüks Says:

    [...] Aaaah! Jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema an: Der Nebenkriegsschauplatz “Fernsehen = teh evil” scheint sich inzwischen erschöpft zu haben, das eigentliche Thema ist als Aufhänger auch nur noch bedingt tragfähig, jetzt wo Merkel den Hessendagon zurückgepfiffen hat und der sich wieder als Kartograph versucht, also übernimmt man in den Medien nun als irrelevantes Sekundärthema - den Videokommentar von Jens Jessen auf ZEIT Online. Wenn sich die Politisch Inkorrekten, Schirrmacher in der FAZ, sein Kumpel Dieckmann bei der ZEITUNG und sogar der Ringelnatz des 21. Jahrhunderts zu dem Thema äußern, dann will man ja nicht die schöne Sau vorbei reiten lassen, ohne sich selbst drauf zu setzen. Was die Blogosphäre kann, das können die klassischen Medien schon lange. [...]

  11. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Lady Bitch Ray - Debattentod Delüks Says:

    [...] Aaaah! Jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema an: Der Nebenkriegsschauplatz “Fernsehen = teh evil” scheint sich inzwischen erschöpft zu haben, das eigentliche Thema ist als Aufhänger auch nur noch bedingt tragfähig, jetzt wo Merkel den Hessendagon zurückgepfiffen hat und der sich wieder als Kartograph versucht, also übernimmt man in den Medien nun als irrelevantes Sekundärthema - den Videokommentar von Jens Jessen auf ZEIT Online. Wenn sich die Politisch Inkorrekten, Schirrmacher in der FAZ, sein Kumpel Dieckmann bei der ZEITUNG und sogar der Ringelnatz des 21. Jahrhunderts zu dem Thema äußern, dann will man ja nicht die schöne Sau vorbei reiten lassen, ohne sich selbst drauf zu setzen. Was die Blogosphäre kann, das können die klassischen Medien schon lange. [...]

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