Sneak Review: Vorne ist verdammt weit weg

Image Hosted by ImageShack.us

Ich denke, es wird mal wieder Zeit die deutsche Sprache ein wenig zu bereichern: Vorne ist verdammt weit weg - das Kinodebut des Kabarettisten Frank-Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig (mir nur bekannt vom durchzappen ohne je hängengeblieben zu sein) - würde ich als Michelstandskomödie bezeichnen. Denn als Film sagt Vorne ist verdammt weit weg vielleicht mehr über das deutsche Befinden aus, als er eigentlich wollte.

Der Trailer droht es bereits an: “Der deutsche Mittelstand ist bedroht.” (Der deutsche Humor, zartes Pflänzchen das er ist, übrigens auch… aber dazu gleich.) Und wenn man dem Film glauben darf, dann lebt der deutsche Mittelstand tatsächlich gefährlicher als Tokio Hotel als Vorgruppe auf einem Konzert von Iron Maiden.

Die Feinde sind leicht auszumachen. Schmierige Südländer, asiatische Horden, nepostische Betriebsräte, stimmenabgreifende Wirtschaftsminister, verwöhnte Bonzenkinder, das Großkapital an sich und eigentlich jeder der einen Anzug trägt. Und wenn man sie nicht sieht, dann erkennt man die Feinde des deutschen Mittelstandes schon an ihrer Sprache: Sofern sie dem Zuschauer nicht konsequent einen zynischen Unwort-des-Jahres-Kandidaten nach dem anderen an die Omme donnern (”Freisetzung von Arbeitskräften”, “die Massenarbeitslosigkeit die Erlösung der Massen vom Joch der Arbeit”), nutzen sie Anglizismen. To wit Denn merke: Wer Anglizismen verwendet, kann nur ein schlechter Mensch sein. (Wusste schon Sideshow Bob, als er sich den deutschen Satz “Die Bart Die” eintätowieren ließ.)

Dabei kann man noch etwas abstufen. Wer bisher immer brav Deutsch sprach und nur ein oder zwei Anglizismen einflechtet - so wird aus dem “Vati” plötzlich der “Daddy” - der ist zwar von der Dunklen Seite der Macht verführt worden, ist ihr aber noch nicht hilflos verfallen. Wer allerdings einen Anglizismus nach dem anderen ausspeiht, von “sitting ducks”, “emotional baggage”, “fit for the future” und dem “revitalizing in Deutschland und dem rest of vorlt” redet, der ist schon seelenloser Sklave des Kapitalismus und unrettbar verloren.

Die Angst vor dem Fremden, die sich auch in der Angst vor dem Anglizismus zeigt, lässt sich ebenfalls in anderer Hinsicht finden. Denn der Feind des Deutschen ist natürlich auch der Ausländer. Der Pole oder der Mongole etwa, der “genügsam wie eine Bergziege” ist und darum für einen Lohn schuftet, mit dem der Deutsche nicht mehr mithalten kann. Die alte Sekretärin wird nach 23 Jahren gegen ein stilloses, aber kostengünstiges Luder aus Osteuropa ausgetauscht und der deutsche Gärtner darf als Penner auf der Straße herumschlurfen, während ein ausgebildeter HNO-Arzt aus Togo seinen Job zum halben Preis macht.

Ich glaube zwar wirklich, dass das nicht Barwassers Absicht war, aber der Film bedient da stellenweise exakt die Vorurteile, die einem auch alle vier Jahre von den Plakaten der Marke “Schnauze voll von Bonner Bonzen” angrinsen. Besonders da sich keine ausländische Figur in Vorne ist verdammt weit weg je über das Klischee zu erheben vermag. Seien es nun die stereotypen, stets höflichen, asiatischen Geschäftsleute, die alle Li heißen und heuschreckenartig über den deutschen Arbeitsmarkt herfallen oder sei es der freundliche afrikanische Ex-HNO, der ein Sprichwort nach dem anderen maltraitiert. Szenenapplaus und einen riesigen Lacher gab es im Kino an einer Stelle, als ein Chinese der Tochter des mittelständischen Firmenbosses Tränen aus den Augen wischt und diese dabei so hochzieht, wie das kleine Kinder machen wenn sie Chinesen imitieren. Gut, der Überbiss und der Chinesenhut fehlten, aber an der Stelle suppte das Klischee schon sehr unangenehm bräunlich über.

Wobei der gefühlte Rassismus wohl wirklich eher Unfall, denn Absicht ist. (Was ihn nicht weniger entlarvend macht.) Denn auch die Deutschen in diesem Film bekommen kaum so etwas wie charakterliche Tiefe zugestanden. Die Kapitalisten sind böse. Punkt. Sie entlassen Menschen, weil das böse ist. Und weil es böse ist, steigen die Aktien. Denn auch der Aktienmarkt ist böse. Und Aktionäre sowieso. Abends trifft man sich dann, gibt damit an wieviele Arbeitskräfte man freigesetzt hat, zwirbelt sich den Schnurrbart und zündet sich ein paar fette kubanische Zigaretten mit ‘nem 1000-Euro-Schein an und lacht über die “Sozialromantiker”. Weil auch sowas böse ist. Muhahahaha.

Der einzige Sympathieträger in diesem Film ist natürlich Erwin Pelzig selbst, der hier den Stellvertreter des einfachen, deutschen Michels gibt. Auch wenn er statt der Michelkappe einen Bauernhut und ein Herrenhandtäschen trägt. Und das obwohl er wirkt wie Dennis the Menace und seinem Nachbarn das Leben zur Hölle macht. Sein Nachbar, dass ist der einbeinige Chauffeur mit den sieben Kindern, der hier als menschliches Gesicht für die Opfer des Raubtierkapitalismus herhalten muss, obwohl er unter Pelzer mehr zu leiden hat als unter seinem Chef.

Vorne ist verdammt weit weg ist ein Film, dessen Grundhaltung - die im Kino offenbar gar nicht so schlecht ankam - mir in gewisser Hinsicht Angst macht. Es ist nämlich ein Film, der zwar zeitgemäße Themen aufgreift, dabei aber von der Gegenwart so weit entfernt ist, wie der Papst von einer Alimentenzahlung an Alice Schwarzer. Vorne ist vielleicht wirklich verdammt weit weg, weshalb man sich lieber nach hinten orientiert. Zurück in die Gute Alte Zeit des Wirtschaftswunders, als wir in Deutschland noch etwas waren. Und da können wir wieder hin: “Made in Germany” - der einzig gute Anglizismus - steht schließlich noch immer für die besten Waren der Welt.

Die Antwort auf die Probleme die Globalisierung und Neoliberalismus mit sich bringen, ist es sich nicht zu bewegen. Wenn es Raubtierkapitalismus heißt, dann muss man dem vielleicht eine Vogel-Strauß-Soziale-Marktwirtschaft entgegenstellen. Frei nach dem Motto: Seh’ ich ihn nicht, sieht er mich auch nicht. Mauer drum, Deckel druff und gut ist. Wenn man nichts verändert, dann muss es ja so weitergehen wie in den Goldenen Fünfzigern. Wäre der Film mehr als oberflächlich politisch, irgendwo würde man für Schutzzölle und die Rückkehr zum Protektionismus argumentieren.

Mit dem Einkaufwagen hat das Elend dieser Welt angefangen. Denn seit es Einkaufswagen gibt, will der Mensch immer mehr haben, als er mit zwei Händen tragen kann.” So das Fazit von Erwin Pelzig an einer Stelle des Films. Und ungefähr auf diesem Niveau, einem Niveau auf dem sonst ein paar Biere, ein Aschenbecher und ein Skatblatt zu finden sind, hält sich der im Film gebotene politische Diskurs. Alle Schlagworte zwischen Globalisierung und Underperformer werden mal kurz in den Raum gestellt und dann da stehengelassen. Den größeren Zusammenhang allerdings, den stellt der Film nie her. Und dass es Vorne ist verdammt weit weg dabei auch nie schafft, seine eigene Spießigkeit zu erkennen, hilft der Sache auch nicht.

Am Ende hat man einen Film der zwar den Zeitgeist der Hartz IV Gesellschaft trifft (vgl. auch: Arme Millionäre auf RTL) und ein simples Gut/Böse-Weltbild anbietet, der dabei aber niemals Kinoniveau erreicht. Kurz vor Ende gibt es eine hübsche Trauermontage unterlegt mit einem Stück der kommenden Platte von PeterLicht, aber insgesamt fühlt sich Vorne ist verdammt weit weg nie wie ein Kinofilm an, sondern wie ein auf Kinoformat aufgeblähter Fernsehfilm, der eigentlich im Wochendendprogramm des Bayerischen Rundfunks verstrahlt werden sollte.

Auch humoristisch wird, bis auf zwei oder drei Ausnahmen, ausnahmslos biederer deutscher Humor geboten, der irgendwo zwischen Klamauk und Klamotte anzusiedeln ist. Im Kern ist Vorne ist verdammt weit weg ein Film den auch die ZEITUNG hätte produzieren können. Ein Film, der den Verlierern der Globalisierung aus der Seele spricht und ihnen in leicht verdaulicher Form die Schurken und die einfache Antwort (wenn wir alles so lassen wie es ist, geht auch alles weiter wie es ist) vorsetzt. Anschließend dankt man im Abspann, den ja eh keiner durchsitzt, noch brav den Gebrüdern Warner, die den Streifen vertreiben, und der SonyBMG. So ist’s brav. Wasser predigen und Wein saufen.

Eine gewisse Relevanz kann man dem Film aber dann doch nicht absprechen, denn eines muss man Barwasser ja doch lassen: Er trifft die Stimmung in der Bevölkerung. Er legt den Finger in jene Wunden, die man besonders zu spüren glaubt oder tatsächlich spürt. In gewisser Hinsicht bannt er die German Angst exzellent auf Zelluloid. Und so ganz aus dem Nichts kommt dieses Gefühl ja nicht, von der Globalisierung überrollt zu werden. Dazu bietet Vorne ist verdammt weit weg dankenswerterweise gleich noch die simplen Antworten, Klischees und Schuldzuweisungen an, die sich auch in den Wahlwerbespots so mancher Rattenfänger am rechten, linken und mittigen Rand des Parteienspektrums finden lassen. Und das sowas so gut ankommt, sollte vielleicht doch zu denken geben und dazu ermutigen, sich zu bemühen, diese Stimmung nicht weiter um sich greifen zu lassen. Denn schlechte Kinofilme sind wahrscheinlich noch das Harmloseste, was aus solch einer Gemengelage hervorgeht.

1/5

8 Responses to “Sneak Review: Vorne ist verdammt weit weg”

  1. avenger Says:

    Dein Schreibstil ist echt gut, danke für die Kritik, traurigerweise ein deutscher Film mehr den man wohl leider in die Tonne treten kann.
    Wieder Geld gespart fürs Kino, das eigentlich bittere an solchen Kinogängen ist eigentlich dass die beste Investition wenn man den Abend revue passieren lässt die Nachos mit Käsedip waren… (und die überstehen bei mir gerade mal die Werbung und Trailer)

    Deutsches Kino oder TV-Produktionen sind eigentlich nicht schlecht, allerdings wird mir jedesmal übel wenn ich Abklatsch XY aus den USA oder sonst wo her “im deutschen Format” sehe.
    Haben wir echt keine eigenen Ideen?
    Nehmen wir als Beispiel “Deutsche Actionfilme” (was für ein Wort):
    Ich bekomme jedes mal einen Lachkrampf wenn ich einen KriminalOBERkommissar sehe, der selbstverständlich seine 9mm schräg hält wenn er dem Bösen den Zeitzünder aus der Hand schiesst - selbstverständlich während er mit seinem Streifenwagen über die Autobahnbrücke springt und anschliessend punktlandet…

    Die selbe Szene aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Ja! Das ist für den deutschen Kinogänger glaubwürdig.
    In Deutschland? NEIN (”Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.”)!

    Deutsches Kino hätte so eine Mainstreamabklatsche nicht nötig, Talente sind vor und hinter der Kamera genug da, allerdings wird wohl für sichere Kohle eine Menge Ideen über den Haufen geworfen - leider…

  2. Sebastian Says:

    Neulich lief der thematisch wohl ähnliche Film “Ich Chef, Du nix” mit Erkan und Stefan (allerdings haben sie ihr Prolltürkenkorsett ja schon länger abgestreift). Da gab es am Ende auch eine sehr peinliche Rede über die Firma, die es zu retten gilt, weswegen jetzt mal alle für lau schuften müssen, so dass ich dachte, der Film MUSS einfach von der INSM gesponsort sein. Aber darauf habe ich dann doch keinen Hinweis gefunden.

  3. Blogabfertigung Nürnberg Says:

    Hat man eigentlich außerhalb Frankens mitbekommen, dass Erwin Pelzig ein Kabarettist und Satiriker ist? Ihm deshalb Ausländerfeindlichkeit zu unterstellen ist auch so typisch deutsch, dass es einem die Schuhe auszieht!

    Ich werde mir diesen Film trotzdem anschauen und mich freuen, wenn er mich UNTERHÄLT! Denn das soll dieser Film, und nicht etwas ausdrücken, was man sich von einer amerikanischen Millionen-Produktion eigentlich gewünscht hätte…

  4. Björn Says:

    Den Zusammenhang zwischen Ausländerfeindlichkeit und Kabarettist bekomme ich nicht ganz auf die Reihe. Der Film hat, soweit es mich betrifft, eine Tendenz “die gute alte Zeit” zu romantisieren und dazu gehört auch die Angst vor dem Ausländer. Nicht dem Ausländer an sich, aber dem Ausländer als Gefahr für den deutschen Arbeitsplatz. Außerdem schrob ich ja auch: “Wobei der gefühlte Rassismus wohl wirklich eher Unfall, denn Absicht ist.

    Und wenn die stereotype, asiatische Heuschreckengruppe oder die Sache mit den verzogenen Augen fränkische Satire ist, dann darf sie gerne da bleiben.

    Abgesehen davon: Viel Spaß mit dem Film und der Unterhaltung, die ich in ihm nicht gefunden habe. Respekt auch zur Vorwärtsverteidigung eines Films den Sie, nach eigener Aussage, noch nicht angesehen haben.

    Wir hier bei Agitpop bedauern natürlich, dass wir Ihre Meinung bzgl. des Films nicht teilen. Da Sie diese vorher aber nicht bekannt gaben, mussten wir leider unsere eigene Meinung entwickeln. Sollten Sie zukünftig rechtzeitig ankündigen, wie wir einen Film besprechen sollen, dann können wir solche peinlichen Faux Pas sicher vermeiden.

    Mfg, usw.

  5. StoiBär Says:

    Erwin Pelzig ist und bleibt Kabarettist. Findet Ihr nicht, dass Ihr ein wenig damit übertreibt, was Ihr aus dem Film rausinterpretiert? Wer fragt nach der Handlung in “Schuh des Manitu”, “Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem” oder “Ritter der Kokosnus”? Da geht es auch mitnichten um die Handlung.

  6. Björn Says:

    Kabarett ist aber eben nicht wie andere Comedy die pirmär auf eine hohe Gagdichte abzielt, sondern hat eine dezidiert politische Note und immer auch eine Aussage.

    Und Vorne ist verdammt weit weg ist weder gezielt abstrus wie Texas oder Kokosnuss, noch eine Nummernrevue wie Manitu. By the way: Der direkte Vergleich mit diesen Titeln würde Vorne auch nicht gut tun.

  7. Blogabfertigung Nürnberg Says:

    Naja, ich meine eben, wenn ein “Ausländischer Investor” dargestellt wird, dann ist der nun mal aus dem Ausland! Das hat doch dann nix mit Ausländerhass zu tun!!

    Aber ich werde mich weiter äußern, wenn ich den Film gesehen habe!

    Mfg, usw und so fort

  8. Frankenblog! Freiheit für Franken! Frei statt Bayern! www.bayern-wolln-mer.net Says:

    [...] Auch Witz- und Wortspielmäßig erwarte ich mir einiges von dem Film, der bestimmt wieder zielsicher auf alle Klischees abzielen wird (wie bei Hartmut und Dr. Göbel halt auch) - auch wenn nicht alle ein Klischee von ausgemachter Ausländerfeindlichkeit unterschieden können… aber immerhin meinen andere: “Absolut Empfehlenswert, Note 1 Weiterempfehlung 100%” und sogar der Stoibär meint, dass Pelzig sicherlich nicht enttäuschen wird! [...]

Leave a Reply