Sneak Review: Persepolis

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Zunächst ein Geständnis: Trotz meines Ein-Euro-Jobs als reisender Comicnerd, habe ich bisher weder Persepolis, noch Persepolis 2 gelesen, obwohl es sich dabei um eine der größten Comicerfolgsgeschichten der letzten zehn Jahre handelt. Daher kann ich also nicht sagen wie werksgetreu die Verfilmung ist oder ob sie nun besser, schlechter oder doch genau so gut wie der Comic ist, auf dem sie basiert. Aber, wenn ich mich mal aus dem Fenster lehnen darf: Eigentlich ist das hier auch absolut schnurz, denn Persepolis ist als Film der auf eigenen Füßen steht, unabhängig von der literarischen Vorlage, im wahrsten Sinne des Wortes ganz großes Kino.

Marjane Satrapis Erzählung von ihrer Kindheit und Jugend im Iran erst vor, dann nach der Islamischen Revolution, ist in erster Linie immer genau das: Die filmische Biographie eines ganz normalen Mädchens in einem für uns doch sehr fremden Land. Es geht größtenteils um das alltäglichle Leben einfacher Menschen im Teheran von 1978 bis 1992. Dass dabei Politik eine entscheidende Rolle spielt, ist nur verständlich. Aber sie tritt nie so weit in den Vordergrund, dass sie den Film an sich reißt. Carter, Reagan, Bush oder Ayatollah Ruholla Khomeini werden im ganzen Film nie namentlich erwähnt, auch wenn man immer spürt, dass ihre Politik zu jeder Zeit Auswirkungen auf das Leben Satrapis hatte.

Persepolis beginnt mit einem kleinen Rückgriff auf den Aufstieg Reza Shahs und den Unruhen der späten Siebziger, als sein dikatorischer Sohn gestürzt wurde und sich die Hoffnung in der Familie Satrapis ausbreitete, dass es nun besser kommen möge… nur um dann in ein noch schlimmeres, noch unterdrückerisches politisches System abzustürzen. Der Film zeigt dabei in feinfühliger Art und Weise, wie sich das Leben im Iran der Achtziger gestaltete, immer befürchtend von den Hütern der Revolution verhaftet zu werden oder im konstanten Bombenhagel des ersten Golfkriegs umzukommen.

Satrapi erzählt, wie man sich im Iran mit der Angst arrangierte, nur gelegentlich gegen das System sprach, das Alkohol, Musik und freizügige Kleidung verbot… und all diese Dinge auf verbotenen Parties zumindest im Geheimen auslebte. Wobei auch das Risiko und die tragischen Folgen nicht verschwiegen werden, welche die Entdeckung dieser verbotenen Feste durch die Geheimpolizei mit sich brachte. Eine der interessantesten und amüsantesten Szenen zeigt wie sich Satrapi und ihre Freundinnen als Teenager heimlich über westliche Musik unterhalten, sie sich dann auf dem Musikschwarzmarkt ein verbotenes Iron-Maiden-Tape kauft und von da an, zumindest kurzfristig, mit Kopftuch und “Punks not Ded”-Jacke durch Teheran zieht.

Persepolis verharmlost die islamische Theokratie nicht, es zeigt deutlich die Verbrechen auf, die die Mullahs im Namen Allahs verüben, das Unrecht das geschieht und die Unterdrückung, die - nicht nur, aber besonders - Frauen erfahren. Aber zeitgleich zeigt Persepolis auch, dass “der Iraner an sich” nicht existiert. Es gibt die repressiven Fundamentalisten, aber Satrapis Familie gehört nicht dazu. Ihre gebildeten Eltern, ihre Großmutter (eine wunderbare Figur, die schon zuviel gesehen hat um sich von der Islamischen Republik sonderlich beeindrucken zu lassen), ihr kommunistischer Onkel, ihre Nachbarn und natürlich auch Marjane Satrapi selbst passen nicht in das Bild, dass viele von uns haben werden, wenn sie an den Iraner denken. Mich selbst eingeschlossen. Bärtige Fanatiker sind zumindest in Satrapis Umfeld nicht zu finden.

Ganz im Gegenteil: Es ist fast schon erschreckend, wie verwestlicht der Iran in vieler Hinsicht vor der Revolution war und auch danach noch blieb. Die junge Marjan läuft durch die Wohnung ihrer Eltern und spielt Bruce Lee. Auf den Parties wird westliche Musik gespielt und Alkohol getrunken, Mädchen himmeln westliche Musiker (Abba, Michael Jackson, Iron Maiden) an oder träumen von den Diskotheken Europas. Godzilla läuft im Kino, Terminator 2 - Tag der Abrechnung im Fernsehen. Und als die junge Marjan zu aufmüpfig wird, schicken sie ihre Eltern zu ihrer eigenen Sicherheit nach Wien, wo Derrick im Fernsehen läuft und Marjan mit den Problemen einer Iranerin im Exil im Speziellen und den Problemen eines Mädchens in der Pubertät im Generellen zu kämpfen hat.

Der zumeist in Schwarz-Weiß gehaltene Zeichenstil der für Persepolis gewählt wurde, passt wunderbar zur Geschichte: Er ist simpel aber effektiv, oft verspielt und trotzdem immer angemessen. Humoristische Passagen (die Abenteuer der vorlauten Marjan, die Darstellung eines Jungen den Satrapi liebte vor und nach seinem Seitensprung, eine “Eye of the Tiger”-Montage) werden ebenso gelungen umgesetzt, wie rührende oder tragische Momente. Der schlichte Zeichenstil ist besonders effektiv und bewegend, wenn er in Schattenrißform Bilder aus dem Krieg oder vom tödlichen Ausgang einer Demonstration transportieren muss. Als Realfilm hätte Persepolis nicht im Ansatz so schön funktioniert, wie in dieser Form. Kudos dafür, dass man sich hier nicht von den Erwartungen des Massenmarkts hat beeinflussen lassen.

Persepolis größte Stärke ist, dass im Zentrum des Film immer eine gute Dosis Humor und Selbstironie zu finden ist. Selbst in den tragischsten Momenten bleibt die Erzählung verspielt und leicht augenzwinkernd, an keiner Stelle fällt Satrapis Geschichte der Hoffnungslosigkeit anheim, immer schwingt da der Glaube mit, dass die Dinge sich bessern könnten. Das gefällt mir besonders gut, weil es zeigt, dass Anspruch eben nicht automatisch staubtrocken, humorfrei oder langweilig sein muss. Bloß weil man eine Geschichte in amüsantem Tonfall erzählt, bedeutet das nicht, dass man die Geschichte selbst nicht ernst nimmt. Die Fähigkeit zu jeder Zeit zu unterhalten und nie ins Melodramatische abzurutschen, ist eindeutig die größte Stärke von Satrapis Erzählung.

Persepolis ist ein wichtiger Film, weil er dem Iran ein menschliches Gesicht gibt. Weil er uns Einzelschicksale aus der Innensicht präsentiert und mir einen Iran aufgezeigt hat, der mit meinen Vorstellungen des Landes und seiner Einwohner doch stark kollidiert ist. Und es ist ein lohnenswerter Film, weil er mit seinem menschlichen Fokus auch eine ungemein effektive Warnung vor politischer und religiöser Radikalität, vor Unterdrückung, Angst und Unfreiheit aus jeder Richtung ist.

Und selbst ohne diese Relevanz ist Persepolis in jeder Einstellung ein berührender, ein bewegender, ein eindringlicher, ein unterhaltsamer und dabei ungeheuer menschlicher Film, der auch als Liebeserklärung einer Exil-Iranerin an ihr Heimatland verstanden werden darf. Aller politischen Probleme zum Trotz. All das zusammen macht Persepolis zu einem ungeheuer großartigen Stück Kino und zum besten Film den ich in diesem Jahr bisher gesehen habe. Ein schlichtweg wundervoller Film, der unbedingt empfehlenswert ist.

5/5

9 Responses to “Sneak Review: Persepolis”

  1. Chris Says:

    Danke! Endlich mal wieder was im Kino, was man gesehen haben muss. Bei Filmszene hat er nur deshalb nicht so gut abgeschnitten, weil die Comicfassung tatsächlich noch besser sein soll. Kann ich nicht beurteilen, ich kenne sie leider auch nicht…

  2. Nerdcore » Links vom 15. 11. 07: Jede Menge Musikindustrie, Persepolis, Google Pirate und verlassene Swimmingpools Says:

    [...] Sneak Review: Persepolis Zunächst ein Geständnis: Trotz meines Ein-Euro-Jobs als reisender Comicnerd, habe ich bisher weder Persepolis, noch Persepolis 2 gelesen, obwohl es sich dabei um eine der größten Comicerfolgsgeschichten der letzten zehn Jahre handelt. Daher kann ich also nicht sagen wie werksgetreu die Verfilmung ist oder ob sie nun besser, schlechter oder doch genau so gut wie der Comic ist, auf dem sie basiert. Aber, wenn ich mich mal aus dem Fenster lehnen darf: Eigentlich ist das hier auch absolut schnurz, denn Persepolis ist als Film der auf eigenen Füßen steht, unabhängig von der literarischen Vorlage, im wahrsten Sinne des Wortes ganz großes Kino. [...]

  3. Andi Says:

    Na komm, Du hast doch zuvor nicht wirklich geglaubt, daß im Iran nur bärtige Mullahs existieren. Die Perser gibt es seit fast 3000 Jahren…

  4. Björn Says:

    Nein, ich kenne ja auch einige (Exil-)Iraner die ich sehr gerne mag und habe einiges über die Geschichte des modernen Persiens von circa 1920 bis zur Islamischen Revolution gelesen. Mit Schwerpunkt auf dem ‘53er Putsch, zugegeben. Das ist ein Steckenpferd von mir.

    Aber ich hätte trotzdem nicht gedacht, dass die Menschen sich dort noch so viele Freiräume geschaffen haben, in denen sie der Theokratie entfliehen. Und der gegenwärtige Iran ist mir als Land ähnlich fremd wie Nordkorea. Das erste was mir einfällt, wenn ich Iran höre ist nunmal, leider, die Verschleierung der Frauen, die Hinrichtung von Homosexuellen, die anti-westlichen Wandgemälde in Teheran, die unverhohlenen Drohungen gegen Israel, die Holocaustleugnung Ahmadinetschads, die brennenden Flaggen während der Karikaturenkrise. Und daraus entsteht bei mir im Kopf die Vorstellung eines zutiefst vordemokratischen, radikalen Landes.

    Eine negative Einschätzung, die ich dann automatisch auf die Mehrheit seiner Einwohner übertrage, auch ohne das zu wollen… und da hat der Film mir schon geholfen ein wenig Perspektive zu gewinnen und mein eigenes Denkmuster nochmal zu hinterfragen.

  5. maloXP Says:

    Ich freue mich sehr auf den Film, danke für das Review. Ich kann dir zur Gegenwart im Iran nur wärmstens dieses Buch empfehlen, das sehr genau und mitreißend ist.

  6. asnarok Says:

    Das hört sich ja super an, bin schon auf den FIlm gespannt.
    Zum Thema “westliche Sicht auf den Iran” ändern kann ich dir - falls du sie noch nicht kennst- die bbc doku Rageh Inside Iran bei google video wärmstens empfehlen:
    http://video.google.de/videoplay?docid=554201962695917482&q=rageh-inside-iran&total=27&start=0&num=10&so=0&type=search&plindex=0

  7. mkraxx Says:

    Jaaaaa,

    ich habe gerade beide Comicbände gelesen, ins Kino kommt der Film in dem Kino in dem ich arbeite erst Ende November, aber ich freue mich schon wie ein Schneekönig drauf…

    Also, egal in welchem Medium das auch stattfinden mag, Persepolis sollte man gesehen haben.

  8. mkraxx Says:

    Hallo,

    ich poste das jetzt einfach hier, weil ich nicht weiß, wo es sonst hinpassen könnte:

    Du scheinst subversiver zu sein als du vorgibst, vom Webfilter an unserer Akademie, wirst du geblockt, weil er dich in die Kategorie “Weapons/Military” einsortiert….

    Wo ist der versteckte Inhalt ;-))))))))

  9. Björn Says:

    Argh! Dann werde ich sicher auch schon gerasterfahndet…

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