Fidei Defensor: In Defense of Skiffy
Zunächst ein Disclaimer: Ich bin voreingenommen in dem, was ich nun schreibe. Ich bin, wenn man denn so will, als Lobbyist unterwegs. Denn ich lese, seitdem ich mich erinnern kann, Science Fiction. Angefixt wurde ich von meinem Onkel. Zumindest indirekt. Denn als der anno tobak bei meiner Großmutter auszog, ließ er einen Großteil seiner Science-Fiction-Bücher (Heyne und Bertelsmann SF & F Club) in seinem alten Zimmer zurück. Und dort stolperte der junge Björn, damals auf der Suche nach einem Weg sich ein paar langweilige Nachmittage zu vertreiben, über besagte SF-Sammlung, von der er vom ersten Moment fasziniert war. Nur der Versuch meines Onkels mich auch noch mit dem Perry-Rhodan-Virus zu infizieren schlug fehl. Gucki der Mausbiber war mir dann doch etwas zu… öh… pulpy.
Auf der anderen Seite konnte ich mich einem Buch, das ich inzwischen auf Deutsch und auf Englisch ein halbes Dutzend mal gelesen und in mehreren Film- und Fernsehversionen gesehen habe, von Anfang an nicht entziehen: Frank Herberts Dune. Irgendwas an diesem Buch packte mich sofort und ließ mich nie wieder los. Vielleicht das politische Drama, die ausschweifende neo-feudalistische Gesellschaftsordnung, vielleicht auch nur der Umstand dass man auf Arrakis kilometerlange Sandwürmer reitet. Meine Mutter war zunächst nicht sonderlich begeistert von meiner neu entdeckten Leselust. Lesen? Ja. Aber doch bitte nicht Skiffy und die Lustigen Taschenbücher, sondern lieber etwas Anständiges. Beispielsweise die Autobiographie von Wolfgang Schäuble: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb.
Aber ich war nicht mehr für “normale” Literatur für Jungs in meinem Alter zu gewinnen. Der Zug war abegefahren, egal wie oft man mir zu Weihnachten irgendein Abenteuer von Enid Blyton’s Fünf Freunden unter den Tannenbaum packte. Hey, klar, viel Spaß im Zeltlager, im Burgverließ, auf der Apres-Ski-Party oder wo auch immer euer Quintett sonst aufschlägt. Ist sicher toll da. Aber reitet erstmal den verdammten Shai-Hulud und dann sprechen wir weiter.
In der Kurzform: Ich bin, welch Überraschung, bis zum heutigen Tage ein SF-Nerd geblieben, egal ob die SF mir als Buch, Film, Fernsehserie, Hörspiel, Videospiel oder Comic über den Weg lief. Und ich hatte selbst nie Probleme damit bei der Frage nach meinen Lieblingsbüchern Skiffy und “Literatur” im gleichen Atemzug anzugeben. Dune neben A Heart of Darkness? Passt. Hyperion im gleichen Atemzug mit Gulliver’s Travels? Klar, warum denn nicht. Aus dieser Warte heraus fiel es mir nicht leicht zu begreifen, oder auch nur zu erahnen, wie schwer sich viele Schreiber und Leser damit tun, SF in irgendeiner Form als Genre zu akzeptieren, das potentiell gutes Material hervorbringen kann.
Warum ich jetzt darauf komme? Ich bin derzeit dabei mein zweites Praktikum an einer Schule zu verbringen, wo ein Englisch-LK gerade Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale liest. Zukünftiges Amerika, niedrige Geburtenrate durch die Zerstörung des Ökosystems, Neuengland ist jetzt eine christliche Theokratie names Gilead (Gen 31,21) und Frauen haben so ziemlich alle Rechte verloren. Christliche Taliban und so. Man kennt das. Für mich stand relativ schnell fest, dass The Handmaid’s Tale Science Fiction ist. Zukünftiges, diktatorisches Amerika? Unfruchtbarkeit durch Umwelteinflüsse? Yep, das liegt definitiv in Skiffy-Land, würde ich sagen. Das Buch hat 1987 sogar den ersten Arthur C. Clarke Award verliehen bekommen.
Das dürfte Frau Atwood sehr geärgert haben. Turns out, after all: Ms. Atwood dares to disagree. In diesem Interview (in dem sie auch den spannenden Faktoid raushaut, dass die deutsche Geburtenrate so gering ist, dass wir 2020 alle Türken sind… wha-huh?) betont die gute Frau:
No, it certainly isn’t science fiction. Science fiction is filled with Martians and space travel to other planets, and things like that. That isn’t this book at all. The Handmaid’s Tale is speculative fiction in the genre of Brave New World and Nineteen Eighty-Four. Nineteen Eighty-Four was written not as science fiction but as an extrapolation of life in 1948. So, too, The Handmaid’s Tale is a slight twist on the society we have now.
Ein klassischer Topos. Science Fiction wird auf ein Zerrbild reduziert, das schon seit den 1950ern nicht mehr wirklich aufrecht zu erhalten ist. Derweil wird qualitativ hochwertige SF durch neue Terminologie herausgelöst. Speculative Fiction ist in diesem Fall der Begriff der Wahl. (Ein Begriff den wohl zuerst Isaac Asimov oder Robert A. Heinlein einführte, wobei Heinlein ihn nur dazu nutzte wissenschaftsfokussierte SF von der gesellschaftsinteressierten SF zu separieren. Den Überbegriff SF akzeptierte er auch weiterhin.) Auch dass man 1984 und Brave New World trotz aller SF-Elemente (komplette Geschichtsfälschung, die Zwei-Wege-Bildschirme in jeder Wohnung, die Gedankenpolizei) aus der SF-Geschichte ausnimmt ist nichts Neues. Und BNW darf wegen mir der Damnatio Memoriae anheim fallen, auf dass nie wieder Kinder mit dieser langweilig-holzhämmerigen und fürchterlich unzeitgemäßen Pseudo-Satire auf ewig vom Lesen vertrieben werden. Sorry, das kam gerade über mich.
Interessant, dass Ray Bradburys Fahrenheit 451 – nicht weniger dystopisch als 1984 und sogar um einiges zeitnäher und mit weniger SF-Elementen versehen – in solchen Aufzählungen fast nie genannt wird. Vielleicht weil Bradbury nebenbei mit The Martian Chronicles, The Illustrated Man, Something Wicked This Way Comes und The October Country (hervorragende) Bücher und Kurzgeschichten geschrieben hat, die ganz offensichtlich “Genre” sind (SF und Horror, in jedem Fall “Genre” und nicht “Literatur”). Okay, ironische Annekdote: Fahrenheit 451 ist sein einziges Buch, das Bradbury tatsächlich selbst als SF bezeichnet. Die Dinger die ich als SF bezeichnen würde, nennt Bradbury selbst “Fantasy“, weil sie so nicht stattfinden könnten.
Derweil bietet Margaret Atwood eine weitere Erklärung an, warum ihre Bücher nicht Science Fiction sind:
A lot of science fiction is fantasy. It’s people flying around on dragons, other worlds of strange life forms.
[...] Oryx and Crake is not science fiction. It is fact within fiction. Science fiction is when you have rockets and chemicals. Speculative fiction is when you have all the materials to actually do it. We’ve taken a path that is already visible to us. In 1984 and Brave New World, you could see all the elements that were farther down that particular path. I don’t like science fiction except for the science fiction of the 1930s, the bug-eyed monster genre in full bloom.
Akzeptieren wir jetzt mal die Aussage mit den Drachen (auch wenn Jonathan Gabriel widersprechen würde) und konzentrieren wir uns auf den zweiten Teil. “Speculative fiction is when you have all the materials to actually do it.” Also, anders als die SF-Konzepte wie Raketen oder Chemikalien. Is’ klar. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Definition arg danach klingt, dass Frau Atwood es irgendwie geschafft hat die letzten fünfzig Jahre SF zu verpassen: William Gibson, Richard Matheson, Neal Town Stephenson, John Brunner, Dan Simmons, Greg Bear, Vernor Vinge, Charles Stross, Paul di Filippo, Peter F. Hamilton, et al. schreiben sicher nicht nur über Raketen und Chemikalien.
Gleichzeitig wird BNW kanonisiert: “[Y]ou could see all the elements that were farther down that particular path“. Um. Ja, fast. Am Charing’s Cross startet die Fünf-Uhr-Rakete (huch… Raketen… sollte es am Ende etwa doch… nein, unmöglich, undenkbar…). Big Ben heißt Big Henry. Christliche Religion wurde durch den Propheten Henry Ford ersetzt. Fast alle Menschen werden in Laborgläsern geboren. Die Weltregierung existiert unter den zehn Controllern, nach dem alles zerstörenden 9-Jahre-Krieg. Hindernisgolf und Rolltreppenkegeln sind beliebte Freizeitsportarten. (Ideen die so abstrus sind, dass man sie – wüsste man es nicht besser – wohl eher in alten SF-Schundmagazinen als in einem veritablen Literaturklassiker wie BNW vermuten würde.) Das Ende von Krankheit und Alter. Ja, alles was Huxley hier präsentiert ist eine vorsichtige Extrapolierung seiner Zeit, ernsthaft und ohne Chemikalien und Raketen. Nicht im Geringsten wie der hanebüchene Schnick-Schnack den man in Science-Fiction-Werken finden würde.
Hanebüchener Schnick-Schnack wie “talking squids in outer space“. Auch das definiert für Frau Atwood SF. Und ist inzwischen von vielen Skiffy-Lesern als selbstironische Bezeichnung übernommen worden. Warum auch nicht, es ist eine schöne Bezeichnung. Mit Worten umgehen kann sie, die Atwood. Das muss ihr der Neid lassen. Ich bin übrigens nicht der einzige, der Atwoods Panik bloß nicht als SF kategorisiert zu werden für abstrus hält. Sprach Terry Pratchett, dessen Discworld ganz eindeutig Fantasy ist, zu diesem Thema:
But you’ve also got to read in the genre, because we all know what science fiction written by someone who doesn’t know about science fiction is like. They’ve got these ‘really great ideas’ like Margaret Atwood had –bioengineered organisms, that’s a new one! And the reviewers fall for it because they don’t know any different, assuring us that if it’s by Atwood or Crichton it’s not really horrid science fiction. That infuriates me beyond measure. Oryx and Crake has got the science fiction sticker on it all the way through (though it’s not particularly original), and yet because she wrote it, it’s ‘not science fiction.’
Es existiert in gewissen Kreisen eine regelrechte Hysterie sich schnellstmöglich davon zu distanzieren, dass man SF sein könnte. Das Pressekit zu Minority Report – wir erinnern uns fliegende Autos, Zauberbildschirme, Psi-Polizei – erklärte in einem der schönsten Versuche sich reinzuwaschen: “[Minority Report] is not SF, it’s future reality“. Schön auch die Aussage zu Threshold: “It’s all played real and true, and it’s not played as science fiction,” he said. “It’s played as science fact.” Science Fact? Also: Science?
Cormac McCarthys Pulitzer-Preis-Gewinner The Road ist, laut Michael Chabon, nicht Science Fiction. Vater und Sohn reisen durch die von einer Katastrophe verwüsteten USA? No, Sir, not SF at all.
Es gibt dieses nette Feature im Ansible Newsletter: As Others See Us. Da findet man unzählige Gymnastikübungen die zeigen, wie weit man sich verbiegen kann um nur nicht das böse SF-Wort auf etwas anzuwenden, das man selbst mag. Besonders lustig, wenn man versucht einen Autoren retroaktiv aus dem SF-Ghetto zu retten. Philip K. Dick, etwa: “Saying Philip K. Dick writes science fiction is like saying George W. Bush’s primary goal is a below-par round of golf. No, wait a minute… I digress. [...] Sci-fi conventions are merely tools Dick uses to externalise the trauma of his rancid thoughts to his readers; to allow them to pseudo-understand. Sci-fi merely lends the canvas to Dick’s artistic spattering.”
Na danke. Das wird Dick, der immer als ernster Autor angesehen werden wollte, freuen. Schickt ihm den Respekt und ein paar Schecks ins Jahr 1960, als er finanziell so abgebrannt war, dass ihm ausgerecht Robert A. Heinlein, ein SF-Autor dessen oft als faschistisch ausgelegte Tendenzen so gar nicht mit Dicks Weltbild übereinstimmten, ihm Geld schenken musste und Dick anbot, ihm eine elektrische Schreibmaschine zu kaufen. Ich denke, Kate Nepveu hat es in ihrem “Theorem of Genre” schön ausgedrückt:
If an artist makes a point of asserting that a creative work is not science fiction, then (1) the odds that the work is science fiction increase to a near-certainty, while (2) the odds that the work’s science fiction elements (e.g., world-building, science) are good decrease dramatically. Nb.: the work as a whole may still have artistic merit.
Corollary:
If an artist makes a point of asserting that a creative work is not science fiction because “science fiction is X”, then the statement “science fiction is X” is almost certainly wrong.
Ich kann allerdings verstehen, warum sich das literarische Establishment vor Science Fiction ekelt. Unsere bekanntesten Aushängeschilder sind nun einmal Star Wars und Star Trek. (Und während ich Texte für diesen Eintrag suchte, lief auf Kabel1 gerade “Prototype“, eine Voyager-Folge die so daneben ist, dass sie den Machern der Buck-Rogers-Kinoepisoden aus den Zwanzigern zu peinlich wäre.) Und ausgerechnet jene Kurzgeschichtensammlungen die die beste SF des Jahres zusammentragen, haben meist Titelbilder die jede Wahl zum “Worst Cover of the Year” gewinnen würden. Jedes Jahr aufs Neue.
Seltsame Raumschiffe. Fiese Aliens. Es wirkt alles sehr klischeebeladen. Beispielsweise das Titelbild des Solaris Book of New Science Fiction. Ich verstehe, warum das manche Leute abschreckt. Es sieht nach fürchterlichem Pulp aus. Und auch wenn wir alle erwachsen genug sein sollten Bücher nicht nach ihren Titelbildern zu beurteilen… wir wissen von uns selbst, dass wir es doch tun. Würden Sie, als anständiger Mensch, ein Buch mit diesem Titelbild im Bus oder im Büro lesen?
Und so entgeht hier vielen Menschen unter anderem Stephen Baxters “Last Contact”, eine Geschichte bei der ein SF-Element (Big Rip) nur der Aufhänger ist für eine sehr menschliche Geschichte über eine Mutter, ihre Tochter, den Blumengarten und das bevorstehende Ende der Welt. Eine traurige, leise, melancholische und sehr schöne Geschichte, voll stillem Fatalismus und der menschlichen Art trotzdem weiterzumachen wie bisher. Wäre die Geschichte an anderer Stelle veröffentlicht worden, mit der Betonung sie sei “nicht SF”, dann hätte Baxter viel Lob einheimsen können. So wird die Geschichte nur jene erreichen, die sich vom Coverdesign nicht abschrecken lassen.
Die Debatte SF versus Literatur wurde auch hier schon einmal im Blog geführt. Vorwürfe damals: SF ist primär mit Technik beschäftigt die nicht realisierbar ist, SF ist apologetisch und eskapistisch so lange in Afrika die Kinder verhungern und alles womit sich SF beschäftigt sind die Hirngespinste ob Robter Menschenrechte haben oder man Hitler als Kind umbringen sollte. Was natürlich eine fiese Falschdarstellung ist: SF geht auch der Frage nach welche Strahlenpistole am besten geeignet ist um der bösartige Alien-Invasion Herr zu werden, die irgendwann ins Haus steht.
Fieserweise würde ich unterstellen, dass dieses Zerrbild primär präsentiert wurde um – siehe oben – möglichst viel Raum zwischen SF (schlecht) und einem Werk das man mag (1984, gut) zu schaffen. Zunächst zur Definitionsfrage: SF bedeutet für mich nicht automatisch, dass “Science” den Kern der Geschichte darstellen muss. Auch wenn es im Term drin ist, aber Worte können ihre Bedeutung ändern, alte Bedeutung verlieren, neue Bedeutung hinzugewinnen. Der Begriff “Mall” für Einkaufszentrum macht sich im deutschen Sprachgebiet breit. Ursprünglich bezeichnete er einen öffentlichen Platz an dem Pall Mall spielte. Die Bedeutung ist heute komplett verschwunden. Und wir brauchen dieses Wissen nicht um zu verstehen, was eine Mall im modernen Sinne ist.
Kann also nicht SF, trotz ihres Namens, nicht eine Form von Fiction sein in der die Science eben nicht im Zentrum steht, nicht die treibende Kraft ist? Besonders da das Spiel “aber es ist nicht SF” auch geführt werden kann, indem darauf verweist dass die Technik im Zentrum steht, wie dieser Leserbrief belegt: “Arthur Clarke’s great claim to fame is he takes real world engineering and makes it plausible. It’s not so much science fiction as future engineering writing.” Kernaussage: Buch X ist keine SF. Wahlweise weil zuviel oder zu wenig, zu gute oder zu schlechte Technik vorkommt. Oder übersetzt: Weil ich Buch X mag.
Den Vorwurf, dass sich SF nur mit Hirngespinsten beschäftige lasse ich mal außen vor. So wie man sicher meinen Einwand ignorieren würde, behauptete ich dass es in Drawing Room Dramas nur um Frauen geht die Menstruationsbeschwerden haben, gelangweilt in der Gegend rumsitzen und deren größte Sorge es ist, dass der knackige Unterschichtentyp vielleicht ein Stück von – huch! – ihrem Unterschenkel gesehen haben könnte. Hubbah. Das Spiel können wir für jedes Genre spielen.
Relevanter der Vorwurf, dass SF automatisch schlecht oder unterlegen ist, weil sie sich nicht mit realen Problemen auseinandersetzt. Das halte ich für sehr kurz gedacht und im Ganzen für fragwürdig. Zum einen, weil nicht jeder immer mit der Realität konfrontiert werden will. Muss man unbedingt Schindler’s List sehen um zu begreifen, dass der Holocaust schlecht war und sich nie wiederholen darf? Könnte die gleiche Erkenntnis nicht durch ein Werk purer Fiktion zustande kommen? Und sind Parabeln, Metaphern, Stellvertreter nicht schon seit Urzeiten ein literarisches Stilmittel gewesen? Falls dem so ist, warum darf das bei der SF nicht so sein?
In Das Experiment (im Original: Град обреченный) geht es Arkadi und Boris Strugatzki ja auch nicht in erster Linie darum, dass eine Stadt von Pavianen heimgesucht wird oder die Kontreullere des Experiments die Sonne nach Belieben ein- und ausschalten können. All das sind Stilmittel, der SF entlehnt, die dazu dienen eine Geschichte zu erzählen, in der es hintergründig um philosophische, moralische und gesellschaftliche Fragen geht. Der Roman ist auch eine Kritik am System des Sozialismus sowjetischer Prägung, weshalb er erst nach der Einführung der Politik von Glasnost und Perestroika das Tageslicht sah. Ist er, weil er der Themen der SF bedient, nun weniger wert?
Was ist mit George Orwells Animal Farm? Ist eine Geschichte über sprechende Tiere die andere Viecher auf einem Bauernhof unterdrücken auch “absolut apologetisch und eskapistisch, solange es hier und heute Menschen gibt, die keine Rechte haben“? Falls nicht: Warum kann dann die SF keine Parabeln auf gegenwärtige Ereignisse präsentieren? Verliert Jonathan Swifts zersetzende Gesellschaftskritik an Schärfe und Wert, nur weil sein Gulliver die englische Gesellschaft nicht in einem realistischen Setting seziert, sondern zwischen Riesen und Zwergen, unter sprechenden Pferden und auf einer fliegenden Insel?
Und was ist mit H.G. Wells? War of the Worlds, The Island of Dr. Moreau, When the Sleeper Awakes und The Time Machine sind ziemlich eindeutig im Reich der SF anzusiedeln: Riesige marsianische Kampfroboter, Mensch-Tier-Hybride, die Zeppelinflotte über London und Zeitmaschinen? Skiffy.
Aber Wells, dessen Werke bis heute wunderbar lesbar geblieben sind, war ein geschichtsinteressierter Sozialist. Und das lässt sich selbst in seinen SF-Novellen finden. Dr. Moreau behandelt unter anderem den Erhalt repressiver, gesellschaftlicher Strukturen durch Religion (Moreau als der Gott, der die Gesetze bestimmt). In War of the Worlds sind die Marsianer Stellvertreter für die Kolonialpolitik des British Empire. Brutale Expansionisten, mehr am Militarismus interessiert als an geistigem Fortschritt. The Sleeper Awakes ist ein Vorläufer von Dystopien wie BNW oder 1984. Und die Morlocks und Eloi in The Time Machine stehen für die Arbeiterklasse und die besitzende Klasse im viktorianischen England. Einerseits kann man Wells’ nun wirklich nicht absprechen, dass er Skiffy schrieb, andererseits wird es schwer dann aufrecht zu erhalten, dass SF keine relevanten Themen abarbeite sondern sich nur mit Hirngespinsten beschäftige. Wären Wells Geschichten besser oder wertiger, hätte er den Kolonialismus direkt und nicht auf Umwegen gebrandmarkt?
Die Frage kann übrigens, über die Grenzen der SF hinaus, generalisiert werden: Ist etwas, das reale Ereignisse anspricht wertiger als etwas, das rein fiktiv ist? Ist Shakespeares Richard II ein besseres Werk als The Tempest? Hat Titus Andronicus mehr zu sagen als A Midsummer Night’s Dream, weil das antike Rom tatsächlich existierte, während das Reich Faerie komplett fiktiv ist? Ist Picassos “Guernica“, weil es Bezug nimmt auf den realen Schrecken den Krieg mit sich bringt, ein relevanteres Gemälde als Hoppers “Nighthawks“? Ist Georg Grosz’ “Die Säulen der Gesellschaft” wichtiger als alles was Henri Matisse gezeichnet hat, weil sich Grosz mit der politischen Realität beschäftigte, während Matisse dem Auge wohlgefällig war? Ist es nicht auch “absolut apologetisch und eskapistisch” sich ein Bild von Roy Lichtenstein ins Zimmer zu hängen, statt einer Kriegsphotographie James Nachtwey? Oder sich Beethovens Mondscheinsonate anzuhören, statt “Universal Soldier” oder einen anderen Protestsong über reale Ereignisse?
Fiction, in jeder Form, kann beeinflussen und der Meinungsbildung dienen. Sie muss es natürlich nicht, aber es ist möglich. In der fünften Staffeln von The Shield gibt es eine Szene, in der die Cops einen Kriminellen foltern, weil sie überzeugt sind, er habe einen ihrer Partner gekillt. Der ironische Twist: Als Zuschauer wissen wir, dass der Verdächtigte nicht der Täter war. Trotzdem wird er so lange gefoltert, bis er gesteht. Dann, man hat ja nun die Gewissheit den Richtigen zu haben, wird der Kriminelle exekutiert. Bei den Folterszenen – unter anderem wird der Kerl so lange mit schweren Stahlketten traktiert, bis seine Rippen brechen – schwenkt die Kamera nicht weg. Die Szenen sind hart, brutal, nur mühsam zu ertragen. Und in gewisser Hinsicht “absolut apologetisch und eskapistisch”. Wie kann ich mit einer fiktiven Figur sympathisieren, wenn in der Realität echte Menschen gefoltert werden?
Aber nach dieser Folge The Shield kann ich deutlicher sagen, dass ich gegen den Einsatz von Folter bin, als nach dem x-ten trockenen Artikel über Abu Ghreib oder das Ticking Bomb Scenario. The Shield gibt mir Figuren, mit denen ich sympathisiere und einen glaubwürdigen Kontext. Dadurch werde ich stärker in die Szene selbst eingebunden.Und obwohl es nur um fiktive Folter geht, mache ich den Schritt in die Realität und befürchte, dass solche Szenen sich auch im Meatspace abspielen können. Und ich weiß nicht, ob irgendeine Form der Non-Fiction – außer vielleicht ein echtes Video das “enhanced interrogation methods” zeigt – diesen Effekt auf mich gehabt hätte.
Fiction kann also beeinflussen und kann, egal wie unglaublich die Situation, wie befremdlich die Welt in der sie stattfindet auch sein mag, informieren und überzeugen. Menschen dazu zu bringen sich über Kontexte in der realen Welt Gedanken zu machen. Und, ja, auch die SF kann das. So wie auch Horror, Fantasy, Kinderbücher. Möglicherweise könnte sogar Pornographie sowas erreichen, wobie die Idee natürlich schon eher hanebüchen ist. Da liegen die Prioritäten dezidiert anders. Anyway: Joe Haldemans Forever War ist seine persönliche Abrechnung mit Militarismus und den USA während des Kriegs in Viet Nam. Sicher, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, Zeitdilatation und Aliens. Aber im Kern, in der Intention ähnelt Forever War doch arg dem kritisch gewürdigten Roman Catch 22 von Joseph Heller.
David Brin hat in Earth ökologische Themen angerissen, die erst in den letzten zwei Jahren den Mainstream erreicht haben. Und sowas ist keine neue Erscheinung: John Brunner war mit Stand on Zanzibar und The Shockwave Rider seiner Zeit weit voraus und beide Werke werden gemeinhin als SF angesehen. Zanzibar, geschrieben 1968, greift gesellschaftsrelevante Themen auf, auch wenn die Geschichte in der Welt des Jahres 2010 spielt. Überbevölkerung. Die damit einhergehenden politischen Spannungen. Eugenische Gesetzgebung. Extremismus. All das verpackt in einen SF-Roman, der sogar noch einen interessanten, neuartigen Schreibstil vorweisen kann. Aber, weil SF, der breiten Öffentlichkeit komplett unbekannt.
Und The Shockwave Rider ist als Buch nicht “unrealistischer” als Brave New World. Eine Art Internet? Die Idee eines sich selbst replizierenden Virus, sprich “Wurm”? Genetic Engineering? Bildung nur für die Kinder reicher Bürger? Viele, wenn auch nicht alle, Ideen des Buchs sind nach 32 Jahren mehr oder weniger bestehende Realität. Das ist eines der Probleme, wenn man versucht den SF-Begriff so auszulegen, dass Brave New World, The Handmaid’s Tale oder 1984 nicht mehr darunter fallen. Man muss viel SF in diese neue Kategorie mitnehmen, die schon immer als SF akzeptiert wurde und die man vermutlich gar nicht in der neuen Gattung haben wollte.
By the way: Natürlich kann Fiction auch in die negative Richtung beeinflussen. Da wo mir The Shield als abschreckendes Beispiel für Folter dient, da scheint mir 24 diese Methode ungemein schmackhaft zu machen. Und natürlich kann auch die SF zum Negativen beeinflussen. Man denke nur an das lange Zeit sehr populäre Bild des arischen Übermenschen als Held dieser Stories. The Incredible Planet hat so einen Helden. Oder L. Ron Hubbards Schundepos Battlefield Earth, mit der bösen Alienrasse der Psychlos und dem heroischen Übermenschen Johnny Goodboy Tyler. Kein Scheiß, die heißen wirklich so. Und, leider, auch nicht als ironische Brechung gemeint, wie der Name des Hauptdarstellers in Neal Stephensons Snow Crash (Hiro Protagonist).
Wer noch irgendwelche Zweifel hat, der schaue sich einfach mal das Titelbild an: Hier bitte. Alfred Rosenberg hätte sich sowas als Wichsvorlage über sein Klo gehängt. Als Norman Spinrad The Iron Dream schrub – ein SF-Roman in dem Hitler nach dem gescheiterten Münchner Putsch in die USA flieht und seine Rassen-Theorie dann in Fantasy-Pulpgeschichten auslebt – da hätte er nicht unbedingt die rassistischen Grundmotive der Fantasy aufs Korn nehmen müssen, er hätte den Führer (und Verführer) auch ohne weiteres Science Fiction schreiben lassen können.
SF kann also, wie alle Literaturgattungen, gute oder schlechte Geschichten erzählen, relevante Themen anschneiden oder hirnrissigen bis offensiv widerlichen Themen nachgehen. SF kann aber auch sehr schön, zum Teil schöner als so manch anderer Roman, als Zeitdokument dienen. Natürlich kann fast jede Fiction als Zeitdokument dienen. Wollte ich etwas über das Weltbild der Achtziger lernen, ich würde eher zu den Romanen Tom Clancys greifen, als zu Julian Barnes’ Flauberts Parrot. Ohne nun Barnes Werk abwerten zu wollen. Aber Popkultur gibt oft ein deutlicheres Spiegelbild ihrer Zeit wieder als Hochkultur. Man kann aus Grimms Märchen und aus den Geschichten aus 1001. Nacht etwas über die Gesellschaften lernen, in der sie entstanden. Und man darf nie vergessen: Shakespeares Stücke waren Popkultur. Das Publikum das im Globe Theatre auf den billigen Plätzen stand, aß Nüsse und Orangen während man auf der Bühne spielte. Und warf auch mal mit faulem Obst, wenn es mit dem Stück unzufrieden war.
Mit der SF ist das nicht anders. Nein, es geht nicht nur um “Hirngespinste”. In einem Großteil der SF lässt sich erkennen, in welcher Zeit sie geschrieben wurde. In den Fünfzigern und Sechzigern, mit Hiroshima, der H-Bombe und der Kuba-Krise fest im kollektiven Unterbewusstsein verankert, waren Leitmotive der SF die nukleare Bedrohung und ihre potentiellen Folgen. Richard Mathesons I Am Legend, Nevil Shutes On the Beach oder A Canticle for Leibowitz, von Walter M. Miller, jr. (dessen post-apokalyptisches Weltbild bis heute in der Fiction nachhallt, vgl. The Road) belegen das. Das Space Age gab uns, verfasst von Arthur C. Clarke, solche Klassiker wie 2001 oder Rendevouz with Rama.
In den Achtzigern, mit dem Ende des Space Race und dem Aufkommen von Bulletin Boards, so wie der zunehmenden Verbreitung von Computern in normalen Haushalten, entstand der Cyberpunk, mit den Speerspitzen Neuromancer von William Gibson, der Anthologie Mirror Shades von Bruce Sterling und When Gravity Fails von George Alec Effinger. Das hat unser Denken über das heutige Internet definitiv beeinflusst. Weit über zehn Jahre bevor das Internet “Alltag” wurde. Und obwohl das Genre inzwischen tot ist, hält man es in Hollywood noch immer für Cutting Edge. Hacker und Matrix-Gerödel gehen aus irgendeinem Grund immer noch. Bruce Sterling prophezeit derweil, dass die Zukunft der SF im “Ribofunk” oder “Biopunk” liegt. Das dürfte dann irgendwann in der nächsten Dekade in der kollektiven Wahrnehmung ankommen.
Wie schon gesagt, vieles in der SF ist Murks. Wir haben sogar unser eigenes Gesetz dafür, verfasst von Theodore Sturgeon, der mal festhielt:
Sure, 90% of science fiction is crud. That’s because 90% of everything is crud.
Es ist der zweite Teil der zählt: “90% of everything is crud.” Trotzdem versucht man sonst nur selten etwas wirklich Gutes aus seinem Genre herauszuheben und in ein neues Genre zu verpflanzen, nur weil es sich das alte Feld mit einem ganzen Strauß an Unkraut teilen musste. Und: Die übrigen 10% sind natürlich nicht automatisch erstklassig. Oder “Literatur” im lobend-scholastischen Sinne. Da gibt es immer noch einen starken Mittelweg. Was ist mit Harry Potter? Das bisschen davon, an das ich mich heranwagte, ist sicher nicht “Weltliteratur”. Aber es ist unterhaltsam. Fair enough. Reicht das nicht? Darf es nicht eskapistische Fiction geben, die einfach nur unterhalten soll?
Es scheint als wäre SF ein Literaturfeld, in dem man aus dem Handgelenk heraus entscheidet: Die 90% Murks sind SF. Die 7% solider Mittelgrund vielleicht auch noch. Die 3% die “Qualität” haben, die “echte” Literatur sind können keine SF sein. Dafür brauchen wir neue Begriffe. Science Fact. Speculative Fiction. Future Reality. Erinnert mich ein wenig an die Debatte die man bei Comics hat. (Und ja, jetzt vollziehe ich einen Ebenenwechsel von Genre zu Medium ohne den Blinker zu setzen.) Da hat sich auch irgendwo in der letzten Dekade die Idee breit gemacht, dass man differenzieren sollte. Der Schund den kein Erwachsener liest ohne rot werden zu dürfen? Superman, Spider-Man, Jim Balent’s Tarot? Comics. Das Zeug, das Anspruch und literarischen Wert hat? Persepolis, From Hell, Jimmy Corrigan, Maus, Blankets? Graphic Novels.
Das letzte Mal als ich nachschaute, war beides sequentielles Erzählen mit Panels und Sprechblasen. Also: Comics. Ich kann damit leben, dass man sich von den Schund-Comics absetzen will und einen neuen Begriff einführt. Kritisch wird es für mich nur, wenn man so tut als wenn man mit “Comics” gar nichts am Hut habe. “Nein, nein, nein! Es ist eine Graphic Novel! Mit Comics haben wir nichts zu tun! Seht ihr: Keine Superhelden!” (Wobei dann Watchmen die Kategoriegrenzen sprengt.) Eine Rose, wie sie auch hieße,…
Weder das Medium, noch das Genre sind die Message. Es gibt “gute” und “schlechte” Dinge in allen Genres und Medien. Aber es ist ignorant alles aus einem Feld als schlecht oder idiotisch zu geißeln. Alle Zeichentrickfilme sind für dumm und für Kinder? Erzählt das mal Fritz the Cat und Wenn der Wind weht. Animes sind wertlos, weil Sailor Moon und Dragonball Z die bekanntesten Beispiele sind? Uuuh, Die letzten Glühwürmchen würden da gerne protestieren.
Oder der derzeitige Favorit im “wertlos sein”: Videospiele. (Vgl. Roger Ebert versus Video Games.) Obwohl die Debatte spätestens seit A Mind Forever Voyaging aus dem Jahr 1985 beendet sein könnte, das sowohl “relevant” oder “bedeutungsträchtig” ist, als auch noch nebenbei SF. Wobei es die Art von SF ist, die laut Menschen wie Margaret Atwood eben keine SF ist. Not SF, mit großem N, nennen einige Fans im Internet jene Science Fiction die ziemlich deutliche Spuren von SF aufweist, aber nicht so genannt werden darf.
Was auch im Filmgeschäft zutreffen kann: Blade Runner wird lieber im Genre “Neo Noir” verortet, als es SF zu nennen. So wie auch Godards Alphaville. Kleines Experiment: Wie würden Sie, werter Leser, eine Serie kategorisieren, in der Roboter die Gattung Homo Sapiens fast komplett ausgerottet haben und der Rest der Menschheit nun auf gigantischen Raumschiffen flieht. Hin und wieder gibt es Raumschlachten mit kleinen Raumjäger in Asteroidenfeldern. Klingt wie Skiffy?
Nun, offensichtlich nicht wenn es um die Neuauflage von Battlestar Galactica geht. Schauspielerin Katee Sackhoff würde diese Aussage anstößig finden: “I’m like, you’ve gotta be kidding me. It’s not really science fiction.” Und bei Slate hat man gleich das passende Label zur Hand: “Battlestar Galactica [...] is not science fiction [...]. Sullen, complex, and eager to obsess over grand conspiracies and intimate betrayals alike, it is TV noir.”
Muss an Edward James Olmos liegen. Wenn der in einer SF-Geschichte auftaucht, dann wird sie – mutatis mutandis! – zu Noir.
Vieles könnte SF sein, würde nicht der Name eines bekannten Autors auf dem Cover prangen. Etwa Philip Roths The Plot Against America. Diese Idee der Parallelwelt, der alternativen Geschichtsschreibung, ist ein Klassiker der SF-Literatur, egal ob 1936 in Sinclair Lewis’ It Can’t Happen Here oder später in Philip K. Dicks The Man in the High Castle. Von unzähligen Kurzgeschichten ganz zu schweigen. Aber wenn man es wagt The Plot Against America der Zugehörigkeit zum Genre der SF, egal wie locker, zu unterstellen, dann führen sich manche Kritiker auf als wäre man gerade mit einer Schaufel und einer vollen Blase auf dem Grabe Oscar Wildes ertappt worden.
Vielleicht kann man Prototypentheorie auch im Bereich der Literatur anwenden. Ein Buch kann “science fictionish” sein, ohne dass man es damit abwertet. Weil es gewisse Merkmale von anderen Büchern enthält, die eindeutig der SF zugeordnet werden könnten. Außer man glaubt, dass man bestimmte Bücher mit dem Signet “echte Literatur” komplett jedweder Genre-Zuordnung entziehen kann.
Denn in gewisser Hinsicht ist es unehrlich und respektlos, sich dessen zu bedienen, was SF-Autoren in Dekaden aufgebaut haben und dann so zu tun, als habe es diese Autoren nie gegeben. Nicht dass wir das nicht kennen. Aus einer Rezension zu Margaret Atwoods Oryx & Crake:
Contemporary novelists rarely write about science or technology. Margaret Atwood tackles both–and more– in one of the year’s most surprising novels.
Um… der schon erwähnte Biopunk? Oder was ist mit Neal Stephensons Diamond Age? Sind SF-Autoren keine “contemporary novelists”? Denn nur wenn man ihnen das abspricht, passt die Aussage. In jedem anderen Fall ist sie kompletter Bullshit. Children of Men (von der New York Times vom Vorwurf der SF freigesprochen) heimst Lob und Preise ein, während Brian W. Aldiss’ Greybeard fast komplett unbekannt blieb. Vieles aus Illuminati haben Umberto Eco in Das Focaultsche Pendel, so wie Robert Shea und Robert Anton Wilson in The Illuminatus Trilogy schon abgearbeitet. Und die Trilogie hatte sogar noch Zombienazis, Strip-Schnipp-Schnapp, metatextuelle Passagen und das Fnord.
Dann ist da noch Ursula K. Le Guin, die in einem Anglistikseminar an meiner Uni mal biographiert wurde als “wichtige Autorin feministischer Literatur, die hin und wieder auch Science Fiction geschrieben hat, was aber egal ist“. Mutige Einschätzung, wenn man überlegt, dass Frau Le Guin die wichtigste SF-Autorin des 20. Jahrhunderts ist, das Genre revolutioniert und neue Ideen in Sachen Gender in das Feld eingebracht hat. Und es muss bitter sein, dass Le Guin regelmäßig die Hand wegschlägt, die man ihr hilfreich offeriert. Die Hand mit der man sie aus dem SF-Ghetto in die literarische Bedeutsamkeit heben würde. Während Le Guin sich ihrer Wurzeln bewusst ist und sich nicht dafür schämt. Wie sie in folgendem Review zeigt, das sich auf die Aussage von Jeanette Winterson bezieht, dass The Stone Gods keine SF ist. Trotz des Robo Sapiens, des die Welt verwüstenden Kriegs und der Suche nach einem neuen Heimatplaneten.
It’s odd to find characters in a science-fiction novel repeatedly announcing that they hate science fiction. I can only suppose that Jeanette Winterson is trying to keep her credits as a “literary” writer even as she openly commits genre. Surely she’s noticed that everybody is writing science fiction now? Formerly deep-dyed realists are producing novels so full of the tropes and fixtures and plotlines of science fiction that only the snarling tricephalic dogs who guard the Canon of Literature can tell the difference. I certainly can’t. Why bother? I am bothered, though, by the curious ngratitude of authors who exploit a common fund of imagery while pretending to have nothing to do with the fellow authors who created it and left it open to all who want to use it. A little return generosity would hardly come amiss.
Es gibt wenig gute SF, es gibt sehr viel schlechte SF. Es gibt eine Menge SF die Mittelmaß ist, was man – je nach Vorliebe – gut oder schlecht finden darf. Es gibt Literatur die von SF beeinflusst wurde, aber alles tut um ihre Wurzeln zu verbergen. Sind Flowers for Algernon und A Clockwork Orange SF-Literatur? Und falls sie es sein sollten: Verlieren sie in dem Moment alle literarischen Meriten, die sie bis dato hatten? Falls ja: Wie? Was ist mit Iain Banks. Kann es wirklich sein, dass seine “echte” Literatur (The Wasp Factory ist großartig) gut und anspruchsvoll ist, während die SF, die er als Iain M. Banks verlegt (damit niemand der seine “echte” Literatur liest aus Versehen eines seiner Bücher mit den Raumschiffen erwischt), ohne jeden Wert ist?
Was ist mit Alfred Bester? Der hat keine Weltliteratur geliefert, aber mit den Klischees des Genres gespielt (to wit: “The Men Who Murdered Mohammed”, “Adam without an Eve”, “Of Time and Third Avenue”) und teilweise Geschichten erzählt, die einfach nur spannend, wahnsinnig unterhaltsam und gelegentlich sehr kreativ sind (“Fondly Fahrenheit”, The Stars My Destination, The Demolished Man). Ja, es ist Pulp. Es ist unterhaltsamer, richtungsweisender Pulp. Ist daran etwas Schlimmes? Muss Literatur tatsächlich immer etwas Großes™ aussagen oder einen Punkt von Bedeutung™ machen, damit sie wert hat? Kann nicht gerade diese dikatorisch-didaktische Attitüde – das in Schulen noch immer gern vertretene “Was will uns der Autor damit sagen?” – auch ein Grund dafür sein, dass die meisten Kinder lieber Fernsehen gucken oder Videospiele spielen, als zum Buch zu greifen?
Was ist mit Olaf Stapledon, dessen First and Last Men und The Star Maker schon 1930 Ideen über die Zukunft der Menschheit und außerirdisches Leben vorwiesen, an die sich bis heute in dieser ausschweifenden Form kaum mehr jemand herangewagt hat. Da gab es 1930 in zwei Büchern mehr Ideen als in inzwischen 40 Jahren Star Trek zusammen. Asimov: Schrecklicher Schreibstil, richtungsweisende Ideen. Und die Idee des Transhumanismus in Ted Sturgeons More Than Human war ihrer Zeit auch weit voraus. Kann man heute, ohne moralische Zahnschmerzen, einen Roman zu diesen Themen schreiben und die Vorarbeit eiskalt ignorieren, so tun als schaffe man etwas komplett Neues, weil die Vorgängerwerke ja auf “pulpigen Füßen” stehen? Weil sie aus Dreck und Lettern gebacken waren?
(Und wie garantiert man, dass Pulp auch Pulp bleibt? Raymond Chandler und Dashiell Hammett gelten heute als bedeutsame Autoren des 20. Jahrhunderts. Aber ihre Detektiv-Short-Stories erschienen erstmals in Black Mask, einem Groschenmagazin das H.L. Mencken damals mitbegründete um Geld für ein Magazin über “echte” Literatur zu verdienen.)
Die Angst “echter” Autoren als Genre-Autoren entlarvt zu werden, hat Ursula K. Le Guin zudem in dieser bissigen, kurzen Satire attackiert. In true form natürlich im Format eines Genre-Stücks, inklusive pulpigem Cover mit Eselsohren:
Genre breathed its corpse-breath in her face, and she was lost. She was defiled. She might as well be dead. She would never, ever get invited to write for Granta now.
Warum nun all der Ärger, warum das Vitriol, warum Zeit und kostbare Worte für dieses Thema verschwenden? Ist das nicht auch apologetisches und eskapistisches Geschreibsel, während in der echten Welt echte Menschen verhungern und Dr. Seltsam den Polizeistaat einführt? Mag sein, aber das ändert nichts daran, dass die Attitüde der Atwoods, der Bucks, der Kritiker und all dieser Zeitungen mich ärgert. Weil es hier ein Genre gibt, das ich sehr schätze, ein Genre das mich seit Kindesbeinen begleitet, das mich immer wieder überrascht und fordert. Und trotzdem wird oft und gerne behauptet, dass es wertlose, oberflächliche Scheiße voller Hinrngespinste wäre. Opium fürs Volk, ohne jeden potentiellen Wert. Und wenn SF daher kommt, die diese Definition herausfordert oder sogar widerlegt, dann wird halt so lange am Raster herumgewerkelt, bis diese Ausnahme irgendwie nicht mehr als SF zu gelten hat. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Außer vielleicht in der Science Fiction. Science Fact? Future Reality? Future Engineering Writing? Mein Arsch und deine Mutter!
Es ist das simple Axiom: “Wenn es gut ist, dann kann es keine SF sein. Weil es gut ist und SF nicht gut sein kann.” QED. Puff! Es kotzt mich einfach an, wenn man ein Genre (oder ein Medium) als Ganzes als wertlos klassifiziert und von vornherein keine Ausnahmen akzeptiert. Wenn man Gefälliges aus dem Genre entfernt oder ignoriert, weil das Genre-Label vom Titel prangt. Und sowas ist schlichtweg selbstauferlegte Ignoranz. Klar, jeder hat das Recht ignorant zu bleiben, das will ich auch gar nicht abstreiten. Aber muss man diese Ignoranz dann noch damit begründen, dass man ein Genre auf ein Klischee reduziert, dass sich schon vor Dekaden nicht mehr zu halten war?
Alles was ich als Eingeständnis erwarte ist, dass man akzeptiert, dass es (jede Menge) schlechte Skiffy gibt, aber eben auch wirklich gute SF. Punkt. Und das Eingeständnis, dass das Genre für sich genommen noch nichts über den literarischen und intellektuellen Wert eines Buchs, Films, Hörspiels oder Toastbrots aussagt. Das nicht das schlechteste Drawing Room Drama aller Zeiten noch per definition besser sein muss als der beste SF-Roman es je sein kann. Was gut dazu passt, dass es Bücher gibt wie Bildung – Alles was man wissen muss, die ziemlich deutlich angeben welche Werke der Weltgeschichte man kennen sollte um gesellschaftsfähig zu sein und auf jeder Stehparty mit der Allgemeinbildung glänzen zu können, während es auch erwähnt was man auf gar keinem Fall wissen darf. Also Vorsicht, nicht dass man aus Versehen irgendwo doch die SF-Bombe hochgehen lässt.
Wenn in diesem Post eines fehlt, dann eine Beschreibung was Science Fiction denn nun ist. Aber das kann und will ich nicht leisten. Ich kann SF nicht definieren, neige aber dazu mehr zur SF zu zählen als viele andere. Das will ich nicht abstreiten. In China Miévilles Perdido Street Station oder The Iron Council entdecke ich neben der Fantasy viele Elemente, die ich der SF zuordnen würde. Wobei die Männer um Miéville ja geschickt das Label “New Weird” gewählt haben, das diese Grenzen umschiffen soll.
Das finde ich durchaus sympathisch, denn eigentlich hasse ich diese Abgrenzdebatten. Ist Frankenstein, or, The Modern Prometheus nun Victorian Gothic? Horror? Vielleicht sogar, gasp, Science Fiction? Letztlich ist es mir fast egal, wo man etwas einordnet. Ich halte es da mit der hervorragenden Kategorisierung von Damon Knight: “Science fiction is what we point to when we say it.” Von A wie Atwood bis Z wie Zelazky. Damit kann ich leben.
Ich bezweifle halt nur, dass man im Umkehrschluss einen Text nehmen kann, auf den viele Menschen zeigen würden, um zu sagen “Das ist SF”, nur um dann als Literat darauf absolut verschnupft zu reagieren. So als hätten diese vielen Menschen einem kollektiv vors Schienbein getreten. Weshalb man dann – bei der Macht von Grayskull und der “echten Literatur” – ex cathedra entscheidet: “Nein, das ist keine SF. Das war nie SF, das wird nie SF sein.” Im Idealfall aus dem simplen Grund heraus, dass besagter Text “gut” ist oder Anspruch hat. Dass man ihn mag. Und man selbst natürlich nie so tief sinken würde, sowas der SF zu unterstellen oder gar freiwillig SF zu lesen.
Diese Attitüde wäre ein Armutszeugnis und ein intellektueller Hungerstreik. Man würde sich selbst, freiwillig und mit vorauseilendem Gehorsam, qualitativer Texte berauben, nur weil sie in die “falsche” Schublade einsortiert wurden, einem “schlechten” Genre angehören. Genau so ist es unehrlich Texte aus einer dieser Schubladen zu nehmen, weil man sie mag, und sie dann mit Gewalt in eine andere Schublade zu zwängen. In eine Schublade die akzeptierter, die respektabler erscheint. Oder gar so zu tun als existiere ein Text nur in einer Schublade, obwohl er bequem zwei oder mehr Schubladen ausfüllen kann. Denn damit tut man allen anderen Texten aus der ersten Schublade, egal ob gut oder schlecht, wirklich Unrecht.
November 13th, 2007 at 10:17 am
Einer muss ja den Anfang machen – vielen Dank; das spricht mir in allen Punkten aus der Seele und erinnert mich an eine lebhafte Diskussion, die ich unlängst auch geführt habe.
November 13th, 2007 at 11:52 am
Tehe. Das erinnert mich irgendwie an eine andere, aber doch ähnliche Debatte: Frag mal Andrew Eldritch, was für Musik die Sisters of Mercy machen. Same difference: “Wir sind natürlich eine Rock n Roll-Band!” Mit diesem ganzen unsinnigen Gothic-Zeugs hat er als anständiger Rockmusiker ü-berhaupt nichts zu tun, jawohl!
Und ja, ich glaube, die Motivation ist die gleiche. Insofern ist der Text ohne weiteres nicht nur von Sci-Fi auf Comics, sondern auch auf Musik und bestimmt noch diverse andere Sachen übertragbar.
November 13th, 2007 at 1:53 pm
Sehr schön! Wobei einer meiner liebsten Pratchett-Romane, Strata, zwar die Discworld-Idee aufgreift, aber nicht zur eigentlichen Reihe gehört und ganz eindeutig Science Fiction ist. Das kann er also auch.
Kann ich so nicht unterschreiben. Klar, Mist gibts überall. Aber er ist nicht gerecht verteilt. Sowohl bei SF als auch bei Fantasy gibts halt leider besonders viel, und das führt zu Verschiebungen in der Wahrnehmung.
Ebert hat seine Besprechung zu Stardust auch mit den Worten eröffnet: “A fantasy, even a comic fantasy, needs above all to be lean and uncluttered. Only reality is untidy.”
Sobald er in die Details geht, hat er mit seiner Beschreibung des Films ja gar nicht Unrecht. Aber im Großen die Dinge so stark zu vereinfachen, bis sie mit der Realität nur noch begrenzt was zu tun haben – nee, danke.
Bei Fantasyfilmen hast du also das gleiche Problem in grün. Stardust ist zwar keineswegs perfekt – meine Liste an Kritikpunkten ist nicht gerade kurz -, trotzdem ist es ein Film, der schön gemacht ist, zu Herzen geht und dem ich Erfolg wirklich gönnen würde.
Nun empfiehl mal heute jemandem einen Fantasyfilm. Vergisses. Da ist in den letzten Jahren einfach zu viel Scheiße erschienen, als dass man sich guten Gewissens noch in sowas reinsetzt. Wenn ich jemandem von Stardust erzählte, lies sich jedes Mal schon am Gesichtsausdruck ablesen, wie aus anfänglichem Interesse beim Fallen des Wortes “Fantasyfilm” sofort Widerwillen wurde. Ich hab ihn dann behelfsweise als “Märchen für Erwachsene” betitelt. Das funktioniert.
Im Kino hab ich Stardust übrigens zwei Mal gesehen. In der ersten Woche war der Saal fast leer, in der dritten Woche dagegen sind wir nur dank Vorbestellung reingekommen. Was doch deutlich zeigt, dass der Herr-der-Ringe-Boom vorbei ist. Wer jetzt noch auf der Fantasywelle mitreiten will, ist ein paar Jahre zu spät dran. Kreuzt du heute noch mit einem guten Fantasyfilm auf, musst du auf Mundpropaganda hoffen.
November 13th, 2007 at 2:32 pm
@Chris:
Wobei einer meiner liebsten Pratchett-Romane, Strata, zwar die Discworld-Idee aufgreift, aber nicht zur eigentlichen Reihe gehört und ganz eindeutig Science Fiction ist. Das kann er also auch.
Ich mag ja sehr gerne seine Kollaboration mit Neil Gaiman (Good Omens). Ganz große, Religionscomedy. Lohnt sich.
Im Kino hab ich Stardust übrigens zwei Mal gesehen. In der ersten Woche war der Saal fast leer, in der dritten Woche dagegen sind wir nur dank Vorbestellung reingekommen. Was doch deutlich zeigt, dass der Herr-der-Ringe-Boom vorbei ist. Wer jetzt noch auf der Fantasywelle mitreiten will, ist ein paar Jahre zu spät dran. Kreuzt du heute noch mit einem guten Fantasyfilm auf, musst du auf Mundpropaganda hoffen.
Aber auch da ist nicht das Problem dass das Genre “Fantasy” schlecht wäre. Ich würde liebend gerne endlich sehen, dass man mal wieder “andere” Fantasy verfilmt, sowas wie Ghormengast, Perdido Street Station oder ein paar alte Conan-Stories. Das Ärgerliche ist ja, dass es keine echte Fantasy-Welle gab (und ich bin absolut kein Fan von High Fantasy), sondern dass jeder Film versuchte von der Ikonographie her für den Trailer auszusehen wie HdR.
Eragon, Narnia, der neue von Boll… die bedienen sich alle der Bildsprache die Peter Jackson in HdR eingeführt hat. Und damit entsteht im Kopf des Betrachters (des Trailers) der Eindruck: Aaaah, wenn es im Kino “Fantasy” heißt, dann bezeichnet das eine HdR-Kopie.
Hast du Kalkofes Brandrede auf den Medientagen gehört? (Falls nein: Nachholbefehl!) Das kannst du auch auf Kinofilme übertragen. Statt ein breites Spektrum an Fantasy oder SF abzudecken, kopiert man nur den ersten Film der Erfolg hatte. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn dann ein anderer Film kommt, der auch SF oder Fantasy ist, aber nicht diesem Schema entspricht, dann floppt der. Weil man eine Erwartungshaltung geschaffen hat: SF/Fantasy = crud.
Und wenn der dann floppt, dann heißt es: Tja, das Genre ist halt tot. Obwohl man dem Genre nie eine Chance gab, sondern nur einen winzigen Aspekt des Genres kopierte. (So wie Horror nicht tot ist, sobald die Japano-Geisterfilme oder Zombie-Streifen zu floppen beginnen.) Daher verstehe ich, dass man andere Labels sucht um nicht in dieses Denkmuster eingeordnet zu werden, selbst wenn man klar zu einem bestimmte Genre gehört.
Diesem Genre gegenüber ist es trotzdem nicht gerecht, zumindest wenn man die Zugehörigkeit komplett abstreitet.
November 13th, 2007 at 3:25 pm
Danke für diesen wirklich lesenswerten Beitrag – die Macht sei mit Dir
Aus der Kritik an der SF spricht imho oft allgemeiner bildungsbürgerlicher Dünkel gegenüber Belletristik – Kriminalliteratur hat’s ja ähnlich schwer. Aber allein die Menge der Ausscheidungen des Mausbibers trägt natürlich schon ein wenig dazu bei, dass das komplette Genre manchmal müffelt…
November 13th, 2007 at 3:53 pm
Toller Beitrag Björn. Zeigt mir zudem was ich noch mal so lesen könnte.
@joachim: ist das mit dem Mausbiber eigentlich PR-kritisch gemeint oder nutzt du das nur als schönen bildhaften Ausdruck?
Ich bin ja sogar noch eine Stufe niedriger auf der Skala anzusiedeln….ich lese sogar SF-Groschenromane(wobei mir da auch auffällt, dass ich mich dafür instinktiv verteidige…man hat den blöden Dünkel wohl auch zum Teil selbst verinnerlicht). Beat you there Björn….
November 13th, 2007 at 4:56 pm
so ähnlich kenn ich das auch mit musik und den leidigen genre-diskussionen. apunkt hat es freundlicherweise ja auch schon bebeispieln können. unter kannst du den bei BNW da oben den strich nicht auch durch die chemie ziehen? oder war soma jetzt homegrown? ist leider zu lange her…
November 13th, 2007 at 4:58 pm
“unter” soll natürlich “und” heißen, d’oh. und hier das zweite “n”, cross-editing sucks.
November 13th, 2007 at 5:01 pm
@ jo@chim
Kriminalliteratur hat’s ja ähnlich schwer.
Na ja, nicht wirklich, oder?
@ Björn
Toller, sehr lesenswerter Beitrag.
Und danke für den Kalkofe-Link.
November 13th, 2007 at 6:49 pm
Sehr schöner Beitrag Björn, auch wenn ich immer noch meine, daß Du mal darüber sinnieren könntest, daß kürzere Darstellungen nicht unbedingt unklarere sind
Letztlich möchten Leute wie Margaret Atwood einfach nicht mit dem anstößigen Label “Science-Fiction” beklebt werden, weil sie sich für große Künstler halten und Kunst bekanntlich keine Labels trägt. Aber echten Künstlern ist es egal, wofür man ihre Werke hält.
November 13th, 2007 at 7:18 pm
Jawohl, alles gut.
Zum gleichen Thema wurde sich übrigens vor kurzer Zeit im craplog ausgelassen, aus Anlass eines gewohnt ahnungslosen Statements von Mr. Literaturpapst himself…
Ach ja, wo allerdings der neue von Boll sich ästhetisch an HdR anlehnt, darfst du mir bei Gelegenheit mal ausführlicher nachweisen…
November 13th, 2007 at 7:24 pm
Sehr schön und mir aus dem Herz geschrieben. Leute, die bei SF überheblich grinsen und die Augen hochziehen halte ich im Gegenzug nur (freundlich lächelnd) augenblicklich für oberflächliche Kategorisierer-Spiesser und nehm sie in der Hinsicht selbst nicht mehr für voll. Manche Leute wollen sich halt vor allem wichtig fühlen.
Das “Um-Etikettieren” von SF in irgendwas anderes gibts als Effekt ja überall zu sehen. Als Programmierer kann ich z. B. sagen, dass alles was “Künstliche Intelligenz” heisst sofort den Stallgeruch von “funktioniert nicht” und “pipe dream” hat – also wird alles, was auf Finanzierung hofft, erstmal umbenannt und heisst dann “Computational Intelligence”, “Computer Vision” oder “Machine Learning”. Das hat zu dem schönen Spruch geführt, dass alles was unmöglich scheint KI genannt wird, aber nur bis es auf einmal doch möglich ist. Dann bekommt es sofort seinen eigenen Namen…
Oh, und danke für einige Hinweise auf Geschichten und Filme die ich noch gar nicht kannte…
November 13th, 2007 at 9:52 pm
sehr guter artikel!
der ebert ebert link funktioniert bei mir leider irgendwie nicht, hätte mich sehr interessiert.
November 13th, 2007 at 10:04 pm
jetzt gehts, lag wohl an mir oder der seite.
November 14th, 2007 at 12:04 am
Hah, geht mir ähnlich wie dir Björn… seit ich all den ganzen Nerdscheiß konsumiere (Videogames, Anime, Manga, SciFi, Fantasy usw. usf.) klappt’s mit dem Kram für Otto-Normal-Verbraucher nicht. Ist einfach total langweilig und bodenständig und reizt mein Gehirn einfach nicht (sehr schön; Die 5 Freunde vs. damn, sandworm-riding, yeeeeehaw)
Übrigens der Umkehrschluß geht auch, ich meide grundsätzlich Weltliteratur und lasse “Bestseller von Kritikern empfohlen” komplett links liegen (und halte mich damit unbewußt an die 90% crud-Gesetzmäßigkeit). Man erwischt mich auch wie ich gezielt nach Covern wie Battlefield Earth Ausschau halte…je pulpiger und abgedrehter, desto besser klappt’s mit dem Eskapismus. Und ich kann mir vorstellen das einige Leute einfach so fest in der Realität verwurzelt sind das sich dieses Eskapismus-Gefühl bei Ihnen nicht einstellt und folglich auch die Bücher nicht funktionieren.
Wahrscheinlich dieselben Menschen die hinter allem einen Sinn suchen, sehr rational an Dinge herangehen und wo Ordnung und reibungslose Funktion Priorität geniessen.
Und wenn das Label deines Buches schon mal all diese Menschen ausschließt, macht dich das ja nicht gerade populär oder fördert deinen Absatz, insofern ist es nur verständlich das man dem Bildleser halt klar machen möchte das man eben nicht Groschenschund macht, sondern Literatur.
Im Endeffekt ist das doch aber eigentlich egal – denn wir wissen (spätestens jetzt durch deinen Artikel nochmal schön faktisch belegt) ja mittlerweile das einige von den BigWigs und großen Stars einfach einen an der Klatsche haben, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf das in naher Zukunft wenn unsere Kinder oder unsere Kindes Kinder erwachsen sind, all dieses Gedrösel mit “Ist Kunst ist keine Kunst” usw. ein Ende hat, weil dann all die alten Kleingeister ausgestorben sind die noch an ihren alten, einfachen Regeln der Marke “Skiffy = bad” festhalten.
November 14th, 2007 at 12:36 am
“Und BNW darf wegen mir der Damnatio Memoriae anheim fallen, auf dass nie wieder Kinder mit dieser langweilig-holzhämmerigen und fürchterlich unzeitgemäßen Pseudo-Satire auf ewig vom Lesen vertrieben werden.”
Wah, das musste wirklich mal gesagt werden [obwohl ich Brave New World dennoch eindeutig zur Science-Fiction zaehlen wuerde - sogar von der urspruenglichen Wortbedeutung, also WIssenschaftsfiktion, her]. Thx!
Ansonsten auch sehr interessanter und unterhaltsamer Artikel. Und da frage noch mal einer, warum ich von Kategorisierungen nicht allzu viel halte…
November 15th, 2007 at 11:08 am
Erinnert mich an den ganzen “House of Leaves” Zirkus wo das Buch ja jetzt auf deutsch erschienen ist. Die verzweifelten versuche seitens der Kritiker zu erklären warum es kein Horrorroman ist sind echt zum schiesen
November 15th, 2007 at 11:28 pm
Öhm, gibt es es auch einige SF Empfehlungen auf deutsch?
(Ich weiß ich bin ein Bauer aber mein Englisch ist nicht gut genug um an längeren
Texten Spaß zu haben )
Obwohl ich gerne SF Filme sehe erwische ich bei Büchern meist nur Standard Kram. Irgend ein StarTrek Klon mit langweiligen Helden retten die Menschheit Gelabere.
Der Artikel gefällt mir. Es gibt nur wenige Genre denen unter Umständen etwas Anspruch zugestanden wird. Kriminal Romane (Nicht als Krimis abkürzen) Hier ist auch Mord ok. Ja, man liest das einer getötet wird aber man ist nicht selbst Mörder. Die Einsicht ist anerkannt. Die Regeln des Genres sind
durch 1000de Krimi- Serien vertaraut. Da kann ein Charakter tiefe haben und das Buch kann zb sozial kritisch sein.
Bei Sciefi kennt Otto Normal halt einen nur Startrek , Starwars oder E.T. Sciefi ist für viele nur Tech-porn oder Verschwörungs- Kram. Wie viele Sciefi Filme haben nen Oscar bekommen? ( also nen Haupt Oscar keinen Special Effects Mitleids Award). Es ist eine mediale Randerscheinung. Und auch viele Zuschauer würden sich kaum als Fan outen. Das ist was für Kinder oder Kindsköpfe. Die guten SF Bücher die du nennst sind zu 90% der Allgemeinheit unbekannt und werden es wahrscheinlich auch bleiben. Vielleicht ist die Umettikierung nicht so schlecht. Es ist eine Hintertür um die Welt zu “infiltrieren”.
November 15th, 2007 at 11:59 pm
Gibt es viele der genannten Buecher nicht auch auf Deutsch?
November 16th, 2007 at 6:19 pm
Naja die Klassiker aber die hab ich größten Teils schon als Film gesehen. Etwas moderneres wär mir lieber.
November 18th, 2007 at 7:26 pm
Im Zusammenhang mit dem Artikel fällt mir in erster Linie ein wichtiger Satz ein:
“Qualität ist in jedem Medium möglich.”
Dies bezieht sich dann natürlich auch unterschiedliche Genres, Kunstrichtungen etc. Meiner Meinung nach gibt es objektive Kriterien hinsichtlich eines erhöhten Anspruchs an denen ein jedes Werk in seinem spezifischen Kontext gemessen werden kann. Ein besonders differenziertes Vorgehen ist hierbei natürlich notwendig.
Sowohl in der SF, als auch in Computerspielen und nicht zu vergessen ebenso in Comics (nur ein paar der üblichen Verdächtigen) gibt es genügend Beispiele qualitativ wertvoller Kunst.
Leider wird dies nur allzu oft nicht erkannt, ignoriert oder generell als wertlos tituliert.
November 18th, 2007 at 10:29 pm
@Sueton: Gucki gibt es gar nicht. Er ist in Wirklichkeit eine Zeitspiegelung von Konsalik, der unabsichtlich in einer von Hedwig Courths Mahler gebauten Quantenmaschine aus dem zwölften vorchristlichen Jahrhundert ins 20. gereist ist (er wollte Scheisse in Gold verwandeln).
@Horst: Ursula LeGuin (Planet der Habenichtse), alles von Philipp K. Dick, A&B Strugatzki (es ist nicht leicht ein Gott zu sein), Frank Herbert ist auch nicht schlecht (der mit “Dune” – aber “Hellstroms Brut” ist allemal besser). Das ist SF, nicht PR-Rhodan. Und anschliessend schlürfen wir erstmal eine Mausbibersuppe…
November 18th, 2007 at 11:48 pm
Gute Tipps, Jo@chim.
Ansonsten ist eigentlich alles knorke, was in der Reihe Heyne – Meisterwerke der SF erschienen ist. Besonders die Hyperion Gesänge würde ich empfehlen. Mein Lieblings-SF-Buch aus den letzten 20 Jahren.
Die, mbMn, beste SF-Kurzgeschichtensammlung in deutscher Sprache ist das von Wolfgang Jeschke herausgegebene Fernes Licht. Da kann man sich an die wichtigsten SF-Autoren der letzten 50 Jahre heranlesen und dann selbst entscheiden, welchen Autor man gerne weiter verfolgen würde. Definitive Kaufempfehlung.
Weiterer Tipp: Die im Blog erwähnten Titel bei der englischen Wiki eingeben und dann einfach an der Seite auf “Deutsch” klicken, so findet man die deutschen Titel ganz leicht raus.
November 21st, 2007 at 10:29 pm
Danke , ich werde mal die SF Sammelbände testen.
August 3rd, 2008 at 6:23 pm
Hi Björn,
schade, daß Du gerade so schweigsam bist…
Ich habe mich an diesen Artikel noch gut erinnert, auch wenn das jetzt mehr als ein halbes Jahr her ist – vielleicht nimmst Du das ja als Ermutigung, den Faden wieder aufzunehmen.
July 19th, 2011 at 12:49 pm
[...] macht. Banksy ist für Street Art das was ‘Graphic Novels’ für die Comicwelt und Magaret Atwood für Science Fiction sind. Eine Möglichkeit diese niederen kulturellen Gefilde zu genießen, ohne wirklich in sie [...]