Sneak Review: American Gangster
Ridley Scotts American Gangster ist lang, wie Mafia-Epen halt so sind. Nur dass ich bei American Gangster wirklich jede einzelne Minute gespürt habe und bei manchen das Gefühl hatte, sie dauerten doppelt so lange, nur um mich zu ärgern. Und trotz einer Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden schafft es Ridley Scott nicht seinen Hauptfiguren Leben einzuhauchen.
Denzel Washington ist Frank Lucas, der schwarze Gangsterboss, der zwar ungemein charmant aber auch ungemein tödlich sein kann. Russel Crowe ist Richie Roberts, der Cop dessen Partner an Drogen krepiert ist und der mal anständigerweise eine Million Dollar in nicht-markierten Scheinen nicht unterschlug, sondern ehrlich als Beweismittel einreichte. “Fuckin’ boyscout” wird er dafür in einer Szene genannt. Und, ehrlich, das ist alles was Scott ihm an Charakter zugesteht. Bis zum Ende des Film ändert sich daran nichts. Es gibt Szenen die andeuten, dass die beiden Figuren innere Konflikte austragen (etwa wenn Roberts als “fucking kike”, als “Judenschwein”, angefeindet wird), aber ein wirkliches Türchen zum Innenleben der Figuren öffnet der Film nie. Er wirft einen Hinweis auf solche Konflikte auf den Boden und dann - solche Szenen kennt man ja aus ähnlichen Filmen, kein Grund sie zu Tode zu reiten - ignoriert er ihn einfach und wendet sich anderen Dinge zu.
Wo Crowe und Washington blass bleiben, da sind alle Nebenfiguren schlichtweg farblos. Eine Schande, wenn man bedenkt dass hier das Talent von Josh Brolin, Ted Levine, Armand Assante und Cuba “Ich hab ‘nen Oscar, verdammt” Gooding, Jr. vergeudet wird. Aber keiner der Nebencharaktere wird mehr als eines oberflächlichen Blickes gewürdigt, selbst am Ende des Films fiel es mir noch schwer mich zu erinnern welches Mitglied der Gangster-Familie mir jetzt aus welchem Grund etwas bedeuten sollte. Hätte man kurz vor Schluß einen neuen Akteur eingeführt und so getan, als wäre er schon den ganzen Film präsent gewesen, ich hätte es nicht gemerkt. So egal sind die Pappkameraden in American Gangster. Schade, lebten große Mafia-Klassiker wie Der Pate auch davon, dass selbst die Nebenfiguren, die Al Neris, die Moe Greens, die Tom Hagens, interessante Persönlichkeiten mit teils beeindruckender Tiefe waren.
Ähnlich egal wie die Figuren sind auch die Teile und Stückchen aus denen dieser Frankenstein-Film zusammengenäht ist. Wir erleben die Höhen und Tiefen aus Lucas’ Gangster- und Roberts’ Polizeikarriere (zusammen mit einem nie Wirkung entfaltenden Scheidungsplot), allesamt verarbeitet in kleinen Häppchen von fünf bis zehn Minuten. Der Streifen springt von Hündchen zu Stöckchen, schneidet alles Mal kurz an, nimmt sich aber nie die Zeit um wirklich mal eine Szene in Ruhe wirken zu lassen, sich mit einer Szene mehr als nur oberflächlich zu beschäftigen. Als habe Scott Angst gehabt nicht alles in diese 158 Minuten packen zu können.
Aber genau unter dieser Stuckwerk-Methode leidet American Gangster am stärksten. Keine der Szenen scheint wirklich von Relevanz zu sein und irgendwie scheinen die Einzelmomente sich nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Es ist als präsentiere uns Scott einen Mosaikstein nach dem anderen, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass diese Steinchen kein erkennbares Gesamtbild ergeben. Und einige der Mosaiksteinchen (der Fall des Gangsterimperiums in einer Collage, untermalt mit Kirchenmusik) hat man ganz sicher schon in Dutzenden anderen Gangstermosaiken… öh… -filmen gesehen.
American Gangster hätte funktionieren können: Der Film wirkt nie wie ein echtes Kinoerlebnis, er wirkt wie eine fürchterlich zusammengestutzte HBO-Serie. Und vielleicht hätte man tatsächlich das Format wählen sollen: Eine Stunde Zeit pro Folge um ein oder zwei Szenen detailliert zu erforschen, die im Film teils in zusammen gerade Mal zehn Minuten abgehandelt werden. Mehr Platz für Crowe und Washington, aber auch für die Nebendarsteller, um ihre Rollen wirklich ausbauen und glänzen lassen zu können. Genug Zeit um sich an die Figuren zu gewöhnen, ihnen Gefühle entgegenzubringen. So dass uns ihr Schicksal am Ende etwas bedeutet. Und: Alleine die zwanzig Minuten am Ende des Films, wenn Roberts und Lucas die korrupten Drogencops in New York hochgehen lassen, hätte für sich schon ein guter, eingeständiger Film sein können. So aber wirkt es wie ein weiteres, angeklatschtes und letztlich doch belangloses Segment in einem Film der davon schon zu viele hat.
Wie gesagt, Ridley Scotts American Gangster ist lang. Aber nicht lang genug für das, was er eigentlich sein und erzählen will. Die Einzelszenen kommen zu kurz. Und so verkommt American Gangster am Ende zu einer sich scheinbar endlos ziehenden Übung in Sachen Langeweile. Statt sich American Gangster anzusehen, sollte man sich bei einer guten Tasse Kaffee Mark Jacobsons Artikel “The Return of Superfly” durchlesen. Der ist um einiges kürzer und spannender als Ridley Scotts zähes Epos.
2/5

November 20th, 2007 at 11:22 pm
[...] American Gangster: Hier scheint die Kritik dagegen recht begeistert zu sein. Björn fands jedoch arg zäh. Denzel Washington spielt einen Drogenbaron der 70er Jahre. [...]
January 9th, 2008 at 4:01 pm
[...] Wenn das so weitergeht, dann muss ich meine Kinogängerlizenz noch abgeben. Denn wie schon bei American Gangster stehe ich der Expertenmeinung zu Michael Clayton diametral gegenüber. Unter einem aufrüttelnden, spannenden, ehrlichen, zum Nachdenken anregenden, mutigen Film verstehe ich etwas anderes. [...]
October 11th, 2008 at 9:04 am
[...] [UPDATE] So kann man das auch sehen: Ridley Scotts American Gangster ist lang, wie Mafia-Epen halt so sind. Nur dass ich bei American Gan… [...]