20 Jahre RoboCop: Eine Bestandsaufnahme

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Juli 1987. Zum ersten Mal überschreitet die Weltbevölkerung laut UN die 5 Milliarden, Klaus Barbie wird in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt, eine australische Rotzgöre im Kaugummipopgeschäft hat mit “Locomotion” ihren ersten Megahit und ein gewisser Paul Verhoeven veröffentlicht mit RoboCop einen Science-Fiction-Film der zeigt, dass krachige Sommer-Action nicht inkompatibel sein muss mit einem menschlichen Element und einem gewissen Maß an Intelligenz und Sozialkritik. Etwas über zwanzig Jahre ist das nun her und während Kylie Minogue immer noch - oder besser: mal wieder - erfolgreich Popsongs raushaut, hat sich die Sache mit dem intelligenten Sommerblockbuster leider nicht durchgesetzt. Die Science Fiction im Kino war in den letzten knapp 15 Jahren ein mehr oder weniger totes Genre, weshalb jeder Streifen der ein bisschen Intelligenz vorweisen konnte (also primär Matrix) gleich als totaler Triumph bejubelt wurde. Die Sommermonate gehörten derweil meist inhaltsleeren Hurrah-Patriotismusvehikeln wie Independence Day, Armageddon oder Pearl Harbor. Und nach allem was man hört, ist das diesen Sommer ja nicht anders

Vor zwanzig Jahren allerdings, obwohl Star Wars es geschafft hatte New Hollywood endgültig vom Antlitz der Erde zu fegen, war es noch möglich einen Mainstream-Film zu drehen der nicht notwendigerweise den kleinsten gemeinsamen Nenner finden musste. Und wenn RoboCop eines zeigt, dann das man manchmal Gold an den unerwartetsten Orten finden kann. Das Grundkonzept des Films klingt noch heute nach einem Film der höchsten als ironische Peinlichkeit im ProSieben-Nachtprogramm auftauchen dürfte, irgendwo zwischen Boa vs. Python und Alien Terminator. Halb Mensch, halb Maschine, ganz Bulle? Uuuuuuh… das klingt ja nach hochgestochener Qualität. Nach so hochgestochener Qualität, dass kein US-Regisseur sich die Finger an dem Drehbuch schmutzig machen wollte. Und selbst der Niederländer Paul Verhoeven, der damals in den USA nur Flesh+Blood gedreht hatte, wollte der Legende nach nichts mit dem Streifen zu tun haben. Ehe seine Ehefrau das Drehbuch aus dem Papierkorb fischte und ihn überzeugte, dass er dem Skript eine faire Chance geben sollte. Danke dafür, Frau Verhoeven.

Möglicherweise war es gerade das ramdösige Grundkonzept des RoboPolizisten, das dem Film einen gewissen Schutzmantel verpasste und ihn vor zu viel Einfluß durch das Studio schützte. Wenn die Geschichten stimmen, die man so über Hollywood-Produzenten liest, dann hat der Großteil ohnehin keine Zeit um mehr zu lesen als das Abstract eines Drehbuchs. Und da wird man sicher nicht erwähnt haben, dass der Film neben dem RoboCop-Rache-Plot auch als Angriffsvehikel auf Reagans Amerika fungieren sollte. Obwohl der Film sogar gleich mit einer dieser Attacken losgeht: Noch ehe wir eine Szene aus der “echten Welt” des Films sehen, setzt uns der Streifen eine Nachrichtenshow vor.

This is Media Break - You give us three minutes and we’ll give you the world.

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Das Konzept der ironischen Brechung durch eine fiktive Show-im-Film sollte Verhoeven zehn Jahre später in Starship Troopers nochmals verwenden, wobei er sie da als Parodie staatlicher Propaganda einsetzte und bewusst Subtilität durch aggressive Ironie ersetzte. Dass es einige Filmkritiker geschafft haben die Propaganda-Elemente in Starship Troopers für bare Münze zu nehmen, sagt wahrscheinlich mehr über die Kritiker als über das Bug-Gekeule.

1987 waren diese ironischen Brechungen zwar auch zum Teil äußerst unsubtil, aber sie leisteten sich dennoch eine zweite, verstecktere Ebene auf der sie nicht minder bösartig waren als auf dem offensichtlichen Level. Schon die Anmoderation für den Media Break ist so ein Beispiel für geschickte, subversive Satire. Wenn man nicht aufpasst, dann nimmt man sie vielleicht gar nicht wahr, möglicherweise weil die Realität hier aufgeholt hat. Das Versprechen der Sendung ist es, dass sie uns - den Zuschauern - die ganze Welt, mit all ihren Komplexitäten und mit all ihren Zusammenhängen, in nur drei Minuten vermitteln kann. Ein bisschen wie der Politik-Teil der populären RTL II News, wo der gesamte Auslandspolitikteil (Irak, Afghanistan, Naher Osten) in sechzig Sekunden abgehandelt wird, ehe man sich einem fünf Minuten langen Bericht über die neue Sonnenbrille von Paris Hilton oder LaFees neuesten Videodreh zuwendet. Soviel zum Infotainment.

Und selbst die Three Minute Warning ist eine glatte Lüge, denn tatsächlich ist die Show kürzer: Versteckt in den drei Minuten ist noch ein Werbespot. Die Nachrichten selber machen, nicht nur wegen der Frisur der Moderatorin, ziemlich deutlich aus welcher Dekade RoboCop stammt: Der weiße Stadtstaat Pretoria droht damit die schwarze Bevölkerung im restlichen Südafrika mit einer französischen Neutronenbombe auszuradieren. (Wie Tom Lehrer schon in den Sechzigern sang: “South Africa wants two, that’s right: One for the Black and one for the White.”) Derweil wollte der US-Präsident seine erste Pressekonferenz von der “Star Wars Orbiting Peace Platform” geben, wäre nicht die künstliche Schwerkraft ausgefallen. Zeit für die Werbung: Jensen-Yamaha Sportherzen.

Beide Themen sind schon sehr deutliche Zeitzeugen: 1987 wurde die Architektur der geplanten ersten Phase des SDI-Systems vorgestellt, während in Südafrika die Apartheid weiter verteidigt wurde. Margaret Thatchers Pressesprecher Bernard Ingham erklärte in jenem Jahr, dass der African National Congress nie an einer südafrikanischen Regierung beteiligt sein würde. Seit 1994 stellt der ANC die südafrikanische Regierung fast ohne Opposition. Eine gewisse Subversivität hat das Skript dabei auch auf einem linguistischen Level. Frei nach dem alten Neusprech-Diktum dass Krieg Frieden sei, kann der TV-Grinsekasper ohne Rot zu werden von der “Star Wars Peace Platform” sprechen. Krieg und Frieden, friedlich im Namen vereint. Seite an Seite. Und niemand stößt sich daran. Was natürlich auch ein kleiner Seitenhieb auf die endlose Debatte ist, womit man es nun zu tun habe: Star Wars Program? Strategic Defense Initiative? Raketenschild?

Das SDI-System wird später im Film nochmal auftauchen: Nach einer Fehlfunktion zerstört ein Laser der SDI-Plattform einen Teil von Santa Barbara und tötet 113 Amerikaner, darunter auch zwei ehemalige US-Präsidenten. Das ist ziemlich vorschlaghämmerig und nicht sehr subversiv. Subversiv schon eher, dass selbst das die Makkaken von Media Break nicht davon abhält die offizielle Regierungsterminologie zu verwenden und von einer “Peace Platform” zu sprechen.

Das Drehbuch von Edward Neunmeier und Michael Miner hat einen linken Einschlag, daran kommt gar kein Zweifel auf. Darum machen sie sich, neben der Verkrüppelung des Nachrichtenwesens, auch über andere gefühlte gesellschaftliche Missstände lustig. So folgen sie George A. Romeros Dawn of the Dead aus dem Jahre 1978 in den Bereich der Konsumkritik: Während in den Nachrichten der Atomkrieg hinter jeder Ecke lauert, kann man ihn zuhause sicher und im Kreise der Lieben nachspielen wenn man sich das Brettspiel Nukem besorgt. Beworben direkt nach einem fünfzehn Sekunden langen Beitrag über den mexikanischen Bürgerkrieg. Wobei die Idee globaler thermonuklearer Krieg zu spielen schon in den Achtzigern durchaus präsent war.

An anderer Stelle bewirbt man ein eher unsubtil betiteltes Fahrzeug: Der 6000 SUX. (Pontiac 6000.) Dafür wird der Wagen mit einem verdammt guten Slogan beworben: “Big is back. Because bigger is better. The 6000 SUX. An American tradition.” Damit liegt man bis heute nicht so weit von der Realität entfernt. Eigentlich lag man sogar nur um einen Buchstaben entfernt. Zumindest wenn man sich die Popularität von SUVs unter urbanen Käufern in den USA anguckt. Denn, hey, man weiß nie wann man in einer Stadt mit Schachbrettstraßenplan mal ein geländegängiges Allradfahrzeug braucht, dass auf 100 Kilometern mehr Sprit schluckt als ein durschnittlicher Kegelverein auf der Jahresfahrt nach Malle. Aber was erwartet man von einer Rennsportnation, die glaubt eine Rennstrecke dürfe nicht mehr als vier Kurven vorweisen.

Somewhere there is a crime happening

Den Achtziger-Touch merkt man RoboCop auch an wenn man sich die Welt jenseits der Glotze betrachtet. Der Schauplatz Detroit wurde geschickt gewählt, da die ganze Region bis heute vom Wohlergehen der Automobilindustrie (also einer klassischen Blue-Collar-Industrie) abhängig ist. Und RoboCops Detroit ist ein stadtgewordener Dschungel, ein urbaner Alptraum in dem die Polizei der Gangkriminalität nichts entgegensetzen kann, in dem Frauen sich Nachts nicht alleine auf die Straße wagen können und in dem Ladenbesitzer vierundzwanzig Stunden am Tag damit rechnen müssen ausgeraubt zu werden. Detroit ist also das Bild, dass man in den USA in den Achtzigern von den eigenen Städten hatte.

Aus diesem Gefühl heraus (ansteigende Kriminalitätsraten in den urbanen Gebieten, gekoppelt mit polizeilicher Unfähigkeit) entstanden in den Siebzigern und Achtzigern mehrere popkulturelle Memes: John Carpenters Escape from New York ging gleich davon aus, dass die Kriminalität in Manhattan derart überhand nehmen würde, dass die einzige Lösung die Abkopplung der Insel vom Festland wäre, wodurch man sie zu einem großen Gefängnis machen würde. An anderen Plätzen der Popkultur übernahm ein urbaner Rächer die Arbeit, die die Polizei nicht erfüllen konnte: Charles Bronson lief in den Achtzigern in drei Teilen von Death Wish auf, Dirty Harry war noch immer nicht im Ruhestand und in den Comics bekam der Punisher seine erste, eigene Serie.

Das Problem der urbanen Kriminalität sollte die Achtziger überleben und ein wichtiger Faktor für Rudy Giulianis Wahl zum Bürgermeister von New York 1994 werden. Giuliani erklärte den Kampf gegen die Kriminalität zum Eckstein seiner Politik: Dem Broken Windows Approach folgend, dass ein kaputtes Fenster weitere kaputte Fenster nach sich ziehen würde, erklärte die Stadt New York auch so genannten kleineren Vergehen den Kampf. Graffitis taggen, Müll auf die Straße werfen, bei Rot über die Ampel gehen… selbst letzteres konnte Grund genug für eine Strip Search sein. Trotz heftiger Kritik und Fragen an der Rechtmäßigkeit von Giulianis Zero Tolerance Politics und Angemessenheit der Maßnahmen: Das heutige New York ist allen Berichten nach ein weitaus sichererer Ort als das New York der Achtziger und frühen Neunziger. Popkulturell so weit aufgearbeitet, dass sich der Punisher in der Miniserie Welcome Back, Frank aus dem Jahre 1999 darüber beklagt, dass es nicht mehr genug Kriminelle auf den Straßen gibt, die er umbringen kann.

Die Gewalt und das Vorgehen RoboCops in diesem Film ist bis heute etwas, dass sich mir nicht ganz erschließt. Ich habe nun garantiert nichts gegen ein gutes Süppchen Kunstblut in meinen Filmen, es ist nur so, dass der Film politisch die Reagan-Ära grundlegend kritisiert und für eher linke Positionen eintritt, gleichzeitig die Hauptfigur aber eine latent faschistische Position zu vertreten scheint, die sich damit eigentlich beißt. Denn in Sachen Verbrechensbekämpfung setzt RoboCop auf exakt die Mittel, die auch Filmbullen wie der schon erwähnte Harry Callahan einsetzen: Wenn der Rechtsstaat die Kriminellen nicht mit seinen Mitteln stoppen kann, dann tut es immer noch eine gezielte Kugel in den Kopf (oder bei einem Vergewaltiger: in die Geschlechtsteile). Aber, wie schon angedeutet, vielleicht ist es gerade der Umstand, dass RoboCop auf dem offensichtlichsten Level ein simpler, stereotyper Rachefilm dieser Zeit ist, der es dem Drehbuch ermöglichte an anderer, nicht ganz so offensichtlicher Stelle die Gesellschaft zu kritisieren.

The Future Has A Silver Lining

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Die Alternative zur bestehenden urbanen Realität, gegen die Polizei und Regierung machtlos zu sein scheinen, bietet die Megacorporation O.C.P. (Omni Consumer Products) an. Dass Megacorps ein klares Merkmal der Achtziger-Skiffy sind, hatte ich ja in meinem Aliens-Text schon angemerkt. OCP bietet eine alternative zum alten, verkommenen Detroit: “Delta City”, die Stadt der Zukunft. Was OCP offen lässt, ist die Frage was mit den Kriminellen, Armen und Obdachlosen geschehen soll, die derzeit noch in Old Detroit leben. An der Stelle gewinnt RoboCop tatsächlich eine gewisse prophetische Qualität, denn die Idee real gewachsene und verfallene Städte (oder Stadtteile) durch saubere, künstliche Gebilde zu ersetzen hat sich inzwischen in der Realität verbreitet. Rudy Giuliani und Disney haben den neuen Time Square geschaffen, das Sony Center ist Eckstein für die Umformung des Berliner Regierungsbezirks vom Potsdamer Platz bis zum Alexanderplatz. In Snow Crash spielte Neal Stephenson mit dieser Idee als er die Burbclaves erfand.

Ein Teil der Story folgt zwei einflußreichen Mitgliedern von OCP und dient Neunmeier und Miner gleichzeitig dazu, die “Culture of Greed” der Achtziger zu kritisieren. Die Szene im OCP-Hauptquartier erinnern an Oliver Stones Wall Street, der ein halbes Jahr nach RoboCop in die Kinos kommen sollte. RoboCop vertritt die Position, dass die komplette Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen eine negative Entwicklung ist. OCP hat unter anderem das staatliche Krankenhauswesen und die Detroiter Polizei übernommen. In beiden Fällen ist der entscheidende Faktor, was unter dem Strich an Gewinn übrig bleibt. Sparmaßnahmen bei der Polizei haben die Straßen eher unsicherer gemacht und die neuen Entwicklungen - die Polizeiroboter RoboCop und ED-209, die nicht für höhere Löhne oder bessere Ausrüstung streiken - sind nur als Nachgedanke der Polizei unterstellt. Ihr Einsatz in Detroit ist eigentlich nur ein Testprogramm, ehe sie später ans Militär verkauft werden sollen. Denn genau da steckt die Kohle.

Und dann bleibt auch die antike Frage, wer die Wächter überwacht wenn der Staat praktisch jede Macht an private Firmen abgibt ohne ein solides System aus Checks und Balances einzuführen. Denn neben den drei Prime Directives (protect the innocent, uphold the law, serve the public trust) gibt es eine vierte, versteckte Direktive die die ersten drei aushebelt. RoboCop ist nicht in der Lage einen hohen Angellten von OCP zu verhaften. Am Ende des Films wird das Problem dadurch gelöst, dass der OCP-Präsident einen der Angestellten entlässt… aber RoboCop könnte beispielsweise nie den OCP-Präsidenten verhaften. Immerhin: Wer sollte den entlassen können?

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RoboCop macht keinen Hehl daraus, dass er dem Großkapital und der Idee der Trickle Down Economics nicht vertraut. Das Skript glaubt nicht an Adam Smiths unsichtbare Hand, die zum Wohlstand führen wird, sondern an Thomas Hobbes Idee aus Leviathan, dass der Mensch dem Menschen Wolf ist und sich jeder konstant im Krieg mit jedem anderen befindet. Die Idee der unsichtbaren Hand ist Neunmeier und Miner egal, sie kann nicht funktionieren so lange Menschen für ihre Umsetzung verantwortlich sind. Denn das Eigeninteresse dieser Menschen wird nicht zu Wohlstand für alle führen, sondern zu noch mehr Elend. Weshalb ein unbestechlicher Polizist wie RoboCop nötig ist. (Übrigens eine Idee, der auch Terry Pratchett mehr und mehr anhängt seitdem Sam Vimes seine Hauptfigur in den meisten Discworld-Büchern geworden ist.)

Der Unterschied zwischen den Kriminellen und den Männern an der Spitze der Gesellschaft ist tatsächlich kaum zu sehen. Oh, sicher: Sie tragen Anzüge und über ihren Pissoirs werden die Börsenkurse angezeigt, aber ansonsten verhalten sie sich genau so wie die Menschen in Old Detroit. Man benutzt die gleichen Phrasen. In jeder gesellschaftlichen Schicht in RoboCop hält man den Satz “I’d buy that for a dollar” für unglaublich lustig. (Eine Phrase übrigens, die popkulturell weitervewendet wurde in Smash T.V., einem Spiel das sich an einem anderen Action-Vehikel der Achtziger orientierte: The Running Man.) Der Mann, der das RoboCop-Projekt vorantreibt verbringt seine Freizeit damit, zusammen mit teueren Nutten Koks von spiegelnden Oberflächen zu schnupfen.

Dick Jones, einer seiner Konkurrenten innerhalb der Firma, heuert derweil einen echten Kriminellen an um besagten Kokser umbringen zu lassen. Die Grenzen zwischen den Yuppies und den Straßenkriminellen sind extrem durchlässig. Clarance Boddiker, der Mann der am Anfang des Films Alex Murphy umbringt und von Kurtwood Smith genial gespielt wird, wirkt in den Szenen mit seiner Gang ebenso natürlich wie in jenen Szenen, in denen er mit einem OCP-Manager spricht. Würde man Boddiker in einen Nadelstreifenanzug stecken, er würde auf einem OCP-Meeting gar nicht mehr auffallen. Vielleicht wäre er sogar richtig erfolgreich. Nicht umsonst bezeichnet er seine kriminellen Machenschaften als “free enterprise”. Wölfe, Schafspelze, Jim Profit, das volle Programm.

Hätte der Film nicht einen derart menschlichen Kern mit der Story rund um Alex Murphy, man könnte RoboCop eine extrem misanthropische Ader vorwerfen, einfach weil der Streifen der Meinung ist, dass keiner gesellschaftlichen Gruppe im Ansatz vertraut werden kann.

Nice shooting, son. What’s your name? - Murphy.

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Aber der Film hat eben den menschlichen Kern. Und auch das zeichnet RoboCop aus und auch das ist etwas, dass in den letzten Jahren im Mainstreamkino mehr und mehr verloren ging. RoboCop schafft das Kunststück Gesellschaftskritik mit brutaler Racheaction zu verbinden. Der Anker der beide Elemente zusammenhält, das Herzstück des Films, ist dabei die Geschichte rund um Alex Muprhys Tod und Auferstehung als RoboCop und die Frage danach ob RoboCop Mensch, Maschine oder Mensch-Maschine ist.

Verhoeven verwendet verschiedene, aber durchaus interessante Stilmittel damit RoboCop für den Zuschauer mehr wird als einfach nur ein lahmes Vehikel für einen Racheplot, damit der Zuschauer eine emotionale Bindung zu Murphy/RoboCop aufbaut. Die Gewalt die er einsetzt um Murphy sterben zu lassen war für ihre Zeit so hart (via Schrotflinte wird Murphy erst eine Hand, dann ein ganzer Arm entfernt), dass beide Szenen aus dem Film genommen werden mussten, damit er zumindest ein R-Rating erhielt und beworben werden durfte. Die Auferstehungsszene nach dem Tode Murphys versetzt den Zuschauer dann aktiv in die Metallschuhe RoboCops.

Über Minuten hinweg bekommen wir in kurzen Ausschnitten aus der Sicht von RoboCop mit, wie er hergestellt wird. Wir sehen wie mit einem Akkuschrauber an RoboCops Kopf herumgeschraubt wird, wir hören die Techniker darüber reden ob man Murphys echten Arm behalten soll (nein, denn Alex Murphy ist legal tot und RoboCop ist eine Maschine die OCP gehört), wir sehen die Techniker eine alkoholgeschwängerte Silvesterparty feiern und dann sehen wir die feierliche Enthüllung von RoboCop. Fragmente einer Hologrammrose. Einzelne Teilszenen, die sich in der Filmzeit über Monate hinziehen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet der Film immer noch aus RoboCops Ego-Perspektive, wir sehen RoboCop nur im Vorbeigehen auf einem kleinen Monitor, der im Labor herumsteht. Erst ein paar Minuten später sieht man RoboCop erstmals wirklich.

Es wäre ein leichtes Gewesen RoboCop im Film als simple, kalte Rachemaschine ohne menschlichen Kern zu verwenden (viele “menschliche” Actionhelden der Achtziger und Neunziger funktionierten immerhin genau so… und in RoboCop 2 würde man sich für diesen Weg entscheiden), aber wo wäre da der Konflikt? Wo käme das Zuschauerinteresse her? Der Konflikt ob RoboCop Mensch oder Maschine ist wird von Anfang an ausgespielt, auch wenn es erst in der zweiten Hälfte des Films offensichtlich wird. Aber schon kurz nach der Transformation Murphys liefert uns der Film dezente Hinweise darauf, dass ein Teil von Alex Murphy in RoboCop verblieben ist. Kleine Quirks, die der Blechbulle und der Mensch teilen. Das westernartige herumspielen mit der Schußwaffe (das Murphy übernommen hat, weil sein Sohn des Fernsehens wegen glaubt, dass alle Guten sowas tun würden) demonstriert RoboCop nach seinem ersten Auftritt auf dem Schießstand. Und wenn RoboCop mit seinem futuristischen Polizeiauto (auch bekannt als “Ford Taurus”) aus dem Revier fährt, dann tut er das so schwungvoll, dass der Wagen am Heck aufsetzt und Funken schlägt. So wie es auch in einer Szene zu Beginn des Films zu sehen war, als Alex Murphy erstmals Streife fuhr.

Wie gut Verhoeven das menschliche Element ausspielt, zeigt sich in einer Szene die leicht im totalen Kitsch hätte enden können. Nachdem RoboCop sich selbst darüber bewusst wird, dass er in seinem “letzten Leben” ein Polizist namens Alex J. Murphy war, besucht er sein altes Heim, aus dem seine Ehefrau und sein Sohn inzwischen ausgezogen sind. Er geht dann durch die leeren Gänge seiner Wohnung, sieht zerbrochene Reste der Vergangenheit (eine kaputte “World Class Husband”-Tasse, eine vertrocknete Pflanze, ein angekokeltes Photo) und erinnert sich in kurzen Flashbacks, die wir wieder aus Murphys Sicht sehen, an sein damaliges Leben. An dieser Stelle wird auch deutlich wie ungeheuer gut die RoboCop-Fanfare ist, die Basil Poledouris hier komponiert hat und die nicht nur wahnsinnig catchy ist, sondern im Film in verschiedensten Versionen funktioniert. Die Fanfare trägt in einigen Szenen eine gewisse Traurigkeit mit sich, an anderen Stellen funktioniert wie sie ein Triumph-Thema das man in so vielen Kinofilmen an den richtigen Stellen hat. (Man denke da auch an den Einsatz des Indiana-Jones-Themes. Am Ende dieser fungiert sie als melancholisches Fanal für das Leben, das Alex Murphy endgültig verloren hat.

Wie erwähnt: Die Heimkehr-Szene könnte als schlonziger Pathos enden, sie tut es aber nicht. Musik und Bilder, auch der erneute Einsatz der Ego-Perspektive, bilden eine bewegende, fast schon herzzereißende Einheit. Dazu kommt, dass die kleinen Mannerismen uns bereits angedeutet haben, dass RoboCop mehr sein könnte als ein schlichter Superheld und dazu kommt auch noch, dass Peter Weller ungemein motiviert an diese Rolle herantritt. Obwohl er den Großteil des Films nur seine Lippen einsetzen kann schafft es Weller irgendwie, unterstützt natürlich von Verhoevens gelungener Regie, RoboCop ein menschliches, ein trauriges Element zu verpassen. Und all das macht auch das Ende von RoboCop so gelungen, all das gibt dem Ende diesen wahnsinnigen Punch.

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Nachdem RoboCop - der inzwischen seinen Helm verloren hat, so dass man jetzt das vollständige Gesicht von Alex Murphy auf dem Robotkörper sehen kann (ein sehr verstörender Effekt) - Clarance Boddiker und seine Gang ausgeschaltet hat, stoppt er Dick Jones, der den Präsidenten der OCP als Geisel nahm. (Klassischer Achtziger-Filmtod: Vom obersten Stock eines Hochhauses stürzen.) Anschließend fragt der OCP-Präsident RoboCop: “Nice shooting son. What’s your name?” RoboCop stoppt für eine Sekunde, denkt nach und antwortet “Murphy.” Und dann beginnt er zu lächeln. RoboCop-Fanfare. Abspann. Eigentlich sollte an der Stelle noch ein Media Break kommen, aber das Testpublikum reagierte so positiv auf diese Szene, dass Verhoeven entschied den Film hier zu beenden. Und warum auch nicht. Diese Szene ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man einen Mainstreamfilm punktgenau beenden kann. (Statt fünfzehn Enden einzubauen wie es etwa Return of the King tat.) Die Bösen haben ihre Strafe bekommen und RoboCop hat seine menschliche Seite zurück. Was könnte jetzt noch kommen, das von Relevanz wäre?

Fuck you, you old senile bastard! This is bullshit! Fuck you!

RoboCop ist ein so wunderbarer Film, weil er zeigt was selbst im popkulturellen Mainstream machbar ist. Verhoeven nimmt einen Film der ein hirnfreier Schlockbuster werden könnte und kombiniert ihn mit Sozialkritik (oft nicht sehr subtil, zugegeben) und einem starken, menschlichen Element, das dafür sorgt, dass die Zuschauer tatsächlich Sympathien für RoboCop entwickeln, dass die Figur des RoboBullen mehr wird als eine Schablone die einfach nur als Stellvertreter unsere Gewaltphantasien und unsere Rachegelüste für uns auslebt. RoboCop bekommt einen guten Schuß der Tragik ab, die auch Frankensteins Monster auszeichnete. Nur dass man RoboCop ein Happy End zugesteht und ihn nicht ins Exil in die Arktis schickt. Und all das verhindert nicht, dass der Film auch als simpler Action-Schlockbuster funktioniert: Große Explosionen, eine lustige Dosis Brutalität, verachtenswerte und interessante Schurken auf allen Ebenen und für die damalige Zeit gelungene Special Effects (der Stop Motion ED-209, dessen Design noch heute gerne als Referenz verwendet wird, egal ob als Dreadnaught im Warhammer-Universum oder als Goliath in StarCraft).

Es ist gerade darum eine kleine Tragödie, wenn man sich anschaut wie es jede weitere Episode geschafft hat das RoboCop mehr und mehr zu verflachen. Es gibt wenig Filme, die an einer derartigen Pest an miserablen Nachfolgern zu leiden hatten… Highlander wäre so ein Film, aber das dürfte es auch schon gewesen sein. Take the gun, leave the cannelloni. RoboCop 2 verzichtet auf alles, was aus RoboCop mehr als einen simplen Actionfilm gemacht hat. Die Gewalt bleibt, nimmt vielleicht sogar noch marginal zu, aber die anderen Elemente - die Sozialkritik, die emotionalen Szenen - müssen gehen.

Nach rund zwanzig Minuten trifft RoboCop auf seine Frau und entscheidet dann, dass er doch kein Mensch ist, sondern eine Maschine. Damit macht man zwar alles hinfällig, worauf der erste Teil hingearbeitet hat, aber zumindest kann man sich jetzt ganz auf die Gewalt konzentrieren ohne emotionalen Ballast. Lange Zeit gab es eine feste Meinung zu RoboCop 2: Schuld ist das Studio. Das hatte ein Skript von Frank Miller, bastelte aber so lange daran herum, bis der Zelluloidunfall herauskam, der schließlich auf Leinwände in der ganzen Welt projeziert wurde. Allerdings hat Frank Miller 2003 sein originales Drehbuch von Steven Grant in Comicform umsetzen lassen, woraus die neunteilige Miniserie Frank Miller’s Robocop wurde… und die nimmt meiner Ansicht nach jenen den Wind aus den Segeln, die überzeugt sind dass Miller einen würdigen Nachfolger hätte schaffen können.

Denn einige der größten Fehler die das Skript von RoboCop 2 aufweist, zumindest so weit es mich betrifft, lassen sich auch in Frank Miller’s RoboCop finden. Etwa die Entscheidung RoboCop wieder zu entmenschlichen, aber dazu gleich. Um ganz ehrlich zu sein: An dieser Stelle würde ich sogar ausnahmsweise mal das Studio in Schutz nehmen. Nicht jeder Eingriff in den künstlerischen Prozess ist automatisch böse. Und bei einigen der Veränderungen habe ich das Gefühl, dass man hier richtig entschieden hat das Skript Millers abzuschwächen.

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Da ist beispielsweise die Dame, die RoboCop im Film umprogrammiert. Die stammt aus Millers Skript. Im Film heißt sie Dr. Faxx und ist ein eher nebensächlicher Charakter. In Millers Skript hieß sie Dr. Margaret Love und war der zentrale Bösewicht. Eine Poppsychologin, die RoboCop hasst. RoboCop und die Gewalt die er verkörpert . Warum? Das erklärt das Skript nie. Ist halt so. Dr. Love mag es zudem sich aufreizend zu kleiden. Kurze Röcke. Tiefe Ausschnitte. Keinen BH. Benutzen wir mal das Wort “schlampig” oder “nuttig”. Schlimm wird das alles dadurch, dass sie sich zwar schlampig gibt, aber nicht als Sexobjekt angesehen werden will, außer wenn es ihr nutzt. In Frank Millers Welt gibt es drei Arten von Frauen: Maskuline Kriegerprinzessinen (Martha Washington, tödliche kleine Miho), Opfer (Selina Kyle in The Dark Knight Returns) und eiskalte Schlampen, die ihren Körper nutzen um zu bekommen, was sie wollen (die Dame to Kill For).

Dr. Love fällt in die letzte Kategorie. Weil sie eine Frau und ein Sexobjekt ist. Und weil sie RoboCops gewalttätiges Vorgehen ablehnt und lieber einen politisch-korrekten RoboCop hätte. Natürlich ist sie ein berechnendes Miststück und natürlich ist sie unsympathisch, aber sie ist nicht auf die Art und Weise “böse” oder “verkommen” wie es Clarance Boddiker oder Dick Jones im ersten Film waren. Im Comic wirkt es so als wären ihr zwei Hauptverbrechen, dass sie Mitglieder der PC-Polizei und ein sexuelles Wesen ist. Ich kann da absolut verstehen, warum das Studio die Rolle weitestgehend aus dem Film entfernt hat.

(Achja: Die Kriegerprinzessin gibt es Millers Skript auch. Lewis, RoboCops Partnerin aus Teil 1, gerät während der Story in zwei größere Kämpfe. In beiden schafft sie es ihre Uniform so weit zu shredden, dass sie quasi in ihrer Unterwäsche kämpfen muss, was ich als Caitlin-Fairchild-Syndrom bezeichnen würde. Dieser Blut-und-nackte-Haut-Fetisch ist irgendwie verstörend.)

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Wenn man den stark linken Einschlag bedenkt, den RoboCop hatte, dann erscheint es eigentlich seltsam, dass Frank Miller dem Charakter derart zugeneigt ist. Wobei, einen Grund gibt es natürlich: Die Figur selbst hat im ersten Film etwas vertreten, dem Miller bis heute zugeneigt ist: Der Lone-Gunman-Rache-Machismo von Batman bis Marv. Und darauf konzentriert sich Miller in seinem Skript. RoboCop der Selbstjustizler, der anständige Mann in einer verkommenen Gesellschaft, interessiert Frank Miller. RoboCop, die Figur die darum kämpft ihre Menschlichkeit wieder zu entdecken und zu behalten, ist Miller egal. Der emotionale Ballast zerstört das Bild das Miller von einem perfekten Helden hat. Echte Männer weinen nicht und so. Darum muss RoboCop sowohl im Comic als auch im Film seiner Menschlichkeit ziemlich schnell wieder abschwören. Ungeachtet der Tatsache, dass RoboCop dadurch einen zentralen Bestandteil seines Wesens verliert und von einem echten Charakter mit einem interessanten Konflikt zu einem reinen Plotpunkt degradiert wird, der die bestraft die es verdient haben.

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Was in Millers Fall vor allem die schon erwähnte, linke PC-Polizei ist, die Miller seiner Meinungsfreiheit berauben und ihn entmannen will. Für Millers Stellvertreter RoboCop bedeutet das: Ein neuer Verhaltenskodex (im Film, wie auch im Comic) der aus RoboCop eine reine Witzfigur macht, die nicht mehr in der Lage ist sich gegen irgendwas zu wehren. Und ohne den Typus, den RoboCop hier verkörpert, fährt die restliche Gesellschaft zur Hölle. Darauf lässt sich Millers Version von RoboCop beschränken: Von links durchgedrückte Political Correctness ist böse und behindert echte Männer (egal ob die echten Männer nun Männer, Roboter oder Frauen sein mögen). Darum nimmt RoboCop Rache an den PC-Vorkämpfern. Später im Film: Roboter prügeln sich.

Was zeigt, dass die oft beklagten Veränderungen an RoboCop 2 eher kosmetischer Natur sind. Hätten wir RoboCop 2 so bekommen, wie in Miller uns geben wollte: Die Reaktion wäre nicht anders ausgefallen, als die Kritik an der jetzigen Filmversion. Im Kern sind beide Texte sich sehr ähnlich: Plumpe Gewaltpornographie. Und das, obwohl die Gewalt - zumindest in der Filmversion - eigentlich nicht großartig anders ist, als die Gewalt in RoboCop. Der Unterschied ist der menschliche Anker: RoboCops Schwerpunkt liegt auf Murphys menschlichen Konflikt, die Gewalt ist ein Schmankerl. In RoboCop 2 ist die Gewalt auch gerne mal Selbstzweck um den Film durch eine langweilige Viertelstunde zu maneuvrieren. Zu den langweiligen Viertelstunden gehört auch das Finale: Ohne menschlichen Konflikt, ohne echtes Interesse an der Figur RoboCop als Charakter, endet der Film damit, dass sich zwei Roboter ziemlich lange moschen. Wenn ich sowas sehen will, dann kann ich auch Robot Wars einschalten.

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Wobei das Studio sogar eines geschafft hat. Frank Miller ist nun wirklich kein Feingeist. Das sieht man an den Fernseheinspielungen, die aus Millers Skript stammen. Die Werbespots - für die Autodiebstahlsicherung und die OCP-Telekom - sind brutal und zynisch, aber eher “over the top” als ähnlich gesellschaftskritisch wie die TV-Schnipsel im ersten Film. Es ist ein wenig wie mit der Stelle in Gremlins 2, in der der Head Honcho einen seiner Mitgremlins erschießt um zu demonstrieren, dass so ein Verhalten zwar lustig ist, aber nicht sonderlich zivilisiert. So auch die TV-Segmente in RoboCop 2: Lustig, aber nicht sonderlich satirisch. Und trotzdem hat es das Studio sogar noch geschafft dem Holzhammer den Miller schwingt kleine Arme wachsen zu lassen, so dass dieser Holzhammer jetzt auch noch winzig-kleine Holzhämmer schwingen kann.

OCP hat sich von der korrupten Firma, die eine gewisse Bodenhaftung hatte (denn Firmenkorruption ist nun einmal Teil der Realität: siehe Enron, siehe Halliburton, siehe die Deutsche Bank), zu einem verkommenen und offensichtlich bösen Konglomerat entwickelt. Einer Firma die böse ist, nur um böse zu sein, wie man das von SPECTRE aus den Bond-Filmen oder der Ungerechtigkeitsliga aus den DC-Comics kennt. Und um den Punkt vollends zu unterstreichen: In diesem Film hat die OCP rote Banner, mit einem weißen Kreis in dem das schwarze OCP-Logo zu sehen ist. Yep, sie benutzen die NSDAP-Flagge, nur statt des Hakenkreuzes steht da jetzt OCP. Weil eventuell der dümmste, anzunehmende Zuschauer nicht begreift, dass die OCP hier böse (bööööööö-se) ist und weil die OCP offenbar keinen Imageberater hat, der ihr von solchen Entscheidungen abrät. Zumindest verzichtet der OCP-Präsident darauf sich ein Hitler-Bärtchen wachsen zu lassen und einem seiner Untergebenen auf einem Meeting das Herz rauszureißen und es zu verspeisen.

Der OCP-Präsident, der “Alte Mann”, ist ein gutes Beispiel dafür, warum die OCP in RoboCop funktioniert hat, in RoboCop 2 aber nicht. Einige Kritiker beschwerten sich, dass ein sympathischer aber etwas ahnungsloser Charakter aus dem ersten Film hier in einen hitleresquen, größenwahnsinnigen Superschurken verwandelt worden ist. Halb richtig: Der Mann wurde hier zu einem größenwahnsinnigen Superschurken, was nicht für das Drehbuch spricht. Aber er war im ersten Teil schon nicht nett: Es schockiert ihn nicht als einer seiner Untergebenen bei einer Demonstration des ED-209 aus Versehen von Kugeln durchsiebt wird. Alles was ihn verärgert ist dass dieser Fehler ihm Stress mit den Versicherungen und den Anteilseignern bescheren wird. Die Leiche, die symbolisch auf dem Modell von Delta City verblutet, ist dem Alten Mann egal. Der Alte Mann war schon im ersten Film moralisch fragwürdig. Er hat sich nur nicht die Hände in der Form schmutzig gemacht, wie es Dick Jones tat. Der Tod seiner Untergebenen (der Unfall, später die Erschießung von Dick Jones durch RoboCop) ist ihm unwichtig, seine gesamte Politik hat nur ein Ziel: Geld zu verdienen. Aber zumindest ist das eine einigermaßen glaubwürdige Motivation. Pecunia non olet. In Teil 2 ist der alte Mann böse, einfach weil er gerne in Superschurkenmanier lachen möchte. Und das ist keine sonderlich glaubwürdige Motivation.

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RoboCop 2 schafft es so ziemlich alles zu nehmen, was an RoboCop funktioniert hat und es dann eiskalt aus dem Drehbuch zu streichen. Das was dann noch bleibt, ist ein mittelprächtiger, extrem brutaler Actionstreifen, der aber auch handwerklich nicht sonderlich viel hergibt: Der Film ist so braun, grau und dunkel, dass er optisch schnell ähnlich langweilig wirkt wie handlungstechnisch. Die Handlung ist wiederum extrem zerfahren, mit losen Fäden an mehreren Ecken und Figuren, die plötzlich total vergessen werden. Etwa Frau RoboCop. Schwer zu glauben, dass Irvin Kershner mit The Empire Strikes Back erst den besten Film der Sternenkrieg-Trilogie hingelegt hat und dann diesen Film hier vorlegt. Den hätte jeder drittklassige Regisseur ohne Mühe hinbekommen.

Sicher, es gibt auch hier ein paar Zeichen der Zeit. Der Oberschurke ist, nachdem man Millers verlogenes, politisch korrektes Sexluder ersetzt hat, ein Drogenzar mit religiösem Antrieb. Die Drogenkiste passt natürlich zu einer Zeit in der George Bush d.Ä. den “War on Drugs” des Ronald Reagan fortsetzte. Nur hat man immer das Gefühl, dass der erste RoboCop das Propagandaspektakel, das dieser Drogenkrieg oft war, kritischer und ironischer angegangen wäre, während RoboCop 2 die Sache schon ziemlich ernst nimmt. Ein paar gute Szenen gibt es natürlich auch: Die Idee das einer der Hauptschurken ein Kind ist, daraus hätte man viel machen können. Wirklich gut ist theoretisch die Szene, in der drei neue RoboCop-Modelle präsentiert werden und sich sofort selbst umbringen. Aber die Szene dient eigentlich dazu zu unterstreichen, dass der erste RoboCop nur deshalb so gut funktioniert, weil er seine Menschlichkeit nicht komplett aufgegeben hat. Da man aber den Menschlichkeits-Plot hat fallen lassen, ist das jetzt eine lustige und ultimativ irrelevante Szene.

Das beste an RoboCop 2 ist noch, dass der Film zeigt was aus RoboCop hätte werden können wenn das Drehbuch und der Regisseur nicht die Chance gesehen hätten, ein albernen Grundthema zu nehmen und subversiv auszunutzen.

Stay out of trouble kids

Und von hier an, sollte es endgültig abwärts gehen mit der Filmserie. Denn trotz des eher mäßigen Erfolgs von RoboCop 2 an der Kinokasse: RoboCop war inzwischen zu einem Franchise geworden. Und Orion, Anfang der Neunziger finanziell in argen Schwierigkeiten und dem Bankrott nahe, war gewillt jeden Dollar aus dem Franchise herauszuholen, der sich auspressen ließ. Und dass RoboCop inzwischen ein Franchise war, das merkt man auch daran, dass RoboCop sich nicht dafür schämte bei der Wrestlingveranstaltung WCW Capital Combat ‘90 aufzutreten. Wo er Sting vor den bösen Four Horseman rettet, indem er ihn aus einem Plastikkäfig befreit. Kein’ Scheiß. Also, schon Scheiß, aber das ist wirklich passiert

Den Grundstein hatte man natürlich schon vorher gelegt. Eines war klar: RoboCop mit dem durchaus coolen Design hatte etwas Superheldenhaftes an sich. Und das kam gut bei Kindern an. Nicht umsonst gab es diese kurze Szene im ersten Film, in der RoboCop die Blagen der Welt warnt: “Stay out of trouble kids.” Und nicht umsonst gab es schon 1988 die erste Actionfiguren-Reihe von Kenner: Robocop and the Ultra Police. RoboCop kämpfte zusammen mit anderen Bullen, die jetzt alle solche Superkräfte hatten wie die Jungs bei G.I. Joe, gegen Superschurken die auch irgendwelche Superfähigkeiten beherrschten. Typische Actionfiguren der Achtziger halt. Nebenbei gab es eine Zeichentrickserie, die einen harmlosen RoboCop auch dem jüngeren Publikum nahe brachte. Man könnte durchaus erwarten, dass diese Figuren sich mal ein Crossover mit Hasbros zeitgleich gestarteten C.O.P.S. liefern würden.

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Dabei gilt es aber noch eines zu bedenken: Als diese Spielzeuge rauskamen, da schoss RoboCop in seinem Film noch Vergewaltigern die Eier weg, zersetzte Kriminelle in radioaktiver Säure (gnihihihi) und musste gegen Coke schniefende Yuppie-Wichser antreten. Nicht unbedingt die Thematik, die man den kleinen Rackern vorsetzen will. Und in RoboCop 2 wurde das ja nicht besser. Darum trat man 1993 einem Club bei, dem inzwischen auch andere Filmreihen wie Stirb Langsam oder Terminator beigetreten sind: Nach zwei Filmen mit R-Rating entschloss man sich die Serie zu verwässern und einen PG-13-Film raushauen, der auch von Kindern und Teens geguckt werden könnte.

Wie schon sein Vorgänger verzichtete RoboCop 3 auf Satire und bissige Gesellschaftskritik, aber auch die exzessive Gewalt ging. Stattdessen bot man als Identifikationsfigur für die jüngeren Zuschauer ein Kind, das so toll mit Computern umgehen kann, dass es mal eben einen ED-209 umprogrammiert. Und da wo sich Frank Miller im Skript für den zweiten Teil noch darüber ereiferte, dass die PC-Polizei den Herren Cop (Vorname: Robo) verweichlichen wollte, da fand in diesem Film genau das tatsächlich statt. Die OCP will ein Viertel in Old Detroit räumen und schickt darum die nazihaft anmutenden Sturmtruppen da rein. (Warschauer Ghetto, anybody?) RoboCop - inzwischen nicht mehr von Peter Weller gespielt - hört auf sein Yamaha-Sport-Herz und beginnt den Armen der Stadt gegen die fiese Firmenunterdrückung zu helfen.

Das passt natürlich gar nicht mehr zum ersten Film: Die Armen werden hier als die Guten dargestellt. Das ist ein beliebter Topos im Kino (vgl. zum Beispiel auch Mel Brooks Das Leben Stinkt), aber im RoboCop-Universum wirkt er arg halbgar. Die Firma wird wieder plump als Ersatz für die NSDAP dargestellt, während die Armen in ihrer Armut frei, tolerant und ethnisch divers sind. Geld korrumpiert, darum müssen die Armen automatisch unverdorben sein. Nur das, und jetzt zitiere ich mal Frank Miller in The Dark Knight Strikes Again, Armut allein noch keine Ehrenurkunde ist. Man vergleiche mal RoboCop mit diesem Film: In dem Moment, in dem die Polizei anfängt zu streiken, bricht in Old Detroit das totale Chaos aus. Plünderungen, Lynchmobs, brennende Autos. Die Armen sind genau so gierig und verkommen wie der Rest der Gesellschaft. Sie wollen keine multikulturelle Gesellschaft, sie wollen nicht “frei” sein und sie wollen nicht Lieder auf Akustikgitarre spielen: Sie wollen große Fernseher und dicke Autos. Punkt.

RoboCop 3 endete als zahnloser, gewaltarmer, irrelevanter Popcorn-Streifen mit schlichter Feel-Good-Message, so wie Hollywood sie gerne sieht. Außerdem endete RoboCop 3 als Kassengift, dass der Serie zumindest im Kino der Gar aus machte. Im Fernsehen versuchte man es 1994 noch einmal eine Staffel lang mit einer Serie, die auf wiederkehrende Superschurken setzte, RoboCop befriedete (statt Leute wegzublasen schoß er Dinge ab die über ihnen hingen, so dass die Verbrecher nur ausgeknockt wurden) und die mit zwei Teenie-Charakteren klar auf ein jugendliches Publikum abzielte. Auch dieser Serie fehlte die Schärfe des ersten Films. Weiterhin fehlten ihr die Einschaltquoten um Budgets von Teils über einer Million Dollar pro Folge zu rechtfertigen. Die Serie - die den alten Mann von OCP übrigens plötzlich zu einem sympathischen Kerl machte, der doch nur Gutes wollte - wurde nach einer Staffel abgesetzt.

Der nächste Versuch war nochmal eine Zeichentrickserie: RoboCop: Alpha Commando kam 1999 raus, brachte es auf 40 Folgen, hatte wenig mit allen zum tun was bisher als RoboCop-Universum etabliert worden war… und RoboCops erster Satz war: “Hi, Neunmeyer. Who’s the babe?” Bei so treffsicherer Charakterisierung ist es keine Überraschung, dass auch diese Show grandios in den Sand gesetzt wurde. Dann kam das neue Jahrtausend und ein weiterer Versuch wurde gestartet das Franchise mal wieder populär zu machen: RoboCop: Prime Directives war eine für das Fernsehen produzierte Miniserie, die einmal mehr den inzwischen total verbrauchten “RoboCop gegen RoboCop 2.0″-Plot verwurstete und sich entschied der Kinderfreundlichkeit der letzten sieben Jahre abzuschwören und lieber zu den brutalen Wurzeln der ersten Filme zurückzukehren. Allerdings kehrte man nicht so weit zurück, dass man auch gleich noch auf ein intelligentes Skript oder emotionalen Punch setzen würde. Ein begrenztes Budget, miese Schauspieler und eine unchristliche Farbarmut (gegen diese Miniserie sieht eine Dittsche-Episode aus wie Pokémon) sorgten dafür, dass auch dieser Franchise-Auswurf sich zum verzichtbaren Fehlschlag entwickelte. Weitere Versuche das Franchise zu beleben blieben in den letzten sieben Jahren aus und scheinen derzeit nicht geplant zu sein.

Dabei könnte RoboCop noch immer funktionieren: In gute Action verpackte Gesellschaftskritik mit SciFi-Einschlag sollte eigentlich immer noch gehen. Genug an der Gesellschaft gibt es ja durchaus zu kritisieren. Und ein intelligenter Blockbuster wäre ein wünschenswertes Gegengift zu all den Mr. & Mrs. Smiths die unsere Multiplexe in Geiselhaft halten. Alleine die Frage verbleibt: Gäbe es ein Studio mit einem ausreichenden Budget um den Film nicht peinlich wirken zu lassen, dass gewillt wäre einen Film zu drehen der nicht explizit das Teenie-Segment anzapfen müsste und der es sich erlauben könnte gesellschaftlich Stellung zu beziehen? Auch auf die Gefahr hin einen großen Teil der Kinogänger zu vergrätzen? Man denke daran, dass Fight Club finanziell so floppte, dass der damalige Studio-Boss seinen Hut nehmen musste. Wobei, vielleicht sollte man für diesen Film nicht auf das RoboCop-Franchise gucken. Immerhin kam der erste Film primär mit seiner Gesellschaftskritik davon, weil niemand mehr erwartet hatte als einen schlichten, strunzdoofen Actionstreifen. Hmmm… was macht eigentlich Steven Segal derzeit so?

9 Responses to “20 Jahre RoboCop: Eine Bestandsaufnahme”

  1. frank Says:

    Wow. erst Alien(Danke nochmals, bin grad dabei meine box durchzugucken, leider die legacybox ohne die neuen fassungen von 3&49)nun robocop. was kommt als nächstes? terminator?
    ich kenn zwar nur 1&2 von robocop, aber wie du schon treffend festgestellt hast wurden die ja immer schlechter dann. und wirklich, in den letzten jahren ist leider das genre der anspruchsvollen actionfilme ja leider ganz schnell ausgestorben bzw verwässert worden. good night, good fight.

  2. apunkt Says:

    Sie, Sir, sind mir sympathisch. ;-) Ich habe tatsächlich nur eine von den TV-Serien-Folgen ausgehalten damals, ( gab es da eine Johnny-Rehab-Zeichentrickserie als Show in der Show? Ich vermeine mich zu erinnern.) und das es von dem ersten RoboCop-Film auch noch eine unzensierte Fassung gibt, das habe ich auch erst später herausgefunden.

    Trotzdem: in dem ersten Teil von dem Film ist alles drin, was ich mit den 80ern in Verbindung bringe. Vor allem, wenn man vorher Neuromancer gelesen hat…

    Im selben Zusammenhang: das hier war einer der links in der Youtube-Liste bei dem Robo-Wrestling-Clip:

    http://youtube.com/watch?v=UAyQG3xx2j4&mode=related&search=

    Wie sich die Zeiten doch ändern…

  3. henteaser Says:

    “Man denke daran, dass Fight Club finanziell so floppte” - Man denke auch daran, auf welches Element dieser Film zumeist reduziert wird: Halbnackte Normalos dreschen sich blutig, um sich von ihren Kackjobs zu erholen. (Und ihr Project Mayhem beschränkt sich auf einen Massenmord in der Schule.)

    Ich weiß nicht, wie gut/schlecht ein moderner RoboCop ankäme. Subtil jedenfalls dürften auch dessen Medienparodie-Elemente nicht sein, wenn sie denn nachdenklich machen sollen. Denn inzwischen sind ‘die Leute’ zwar postmodern-ironischer, gucken aber trotzdem Boulevardnachrichten, ohne deren Belanglosigkeit und/oder Meinungsmacherei zu hinterfragen.

  4. Oliver Says:

    Gar nichts käme heute mehr an, wir haben heute schon einen Information-Overkill, viele Dinge aus dem ersten Film muten da eher normal an. Wo müßte man heute ansetzen, um da noch irgendeinen Ansatz reinzubekommen? Man könnte viel kritisieren und würde sich im Ansatz verlieren.
    Nehmen wir mal, nur als Beispiel, Wenn der Wind weht, damals gingen viele bedrückt aus dem Kino, heute lockt der Film kaum mehr einen hinterm Ofen hervor. Warum? Nun die Zeiten haben sich geändert, der zeitliche Kontext spielte eine gewaltige Rolle, das Bewußtsein um eine Bedrohung. Wäre heutzutage ein derartiges Bewußtsein vorhanden würden wohl viele einfach von der Brücke springen.

  5. Drac Says:

    Mh, dass Verbecher ihre Arbeit als Geschäft ansehen, ist aber nicht wirklich eine soo innovative Idee, das früheste Beispiel was mir einfällt ist Langs M und der Anführer, Schränker ist dazu auch noch eine wenig subtile Verballhornung eines Nazis

    @henteaser
    So, wie Fight Club damals beworben wurde, war das auch verständlich.
    Ich hielt ihn aufgrund der Werbekampagne für einen 08/15 Haudrauffilm mit starker homoerotischer Komponente. Einen Film, den man im Jahr darauf, ach was drei Wochen nach der medialen Präsidenz vergessen würde.
    Erst als der Film auf DVD war musste ich von einem Freund zu meinem Glück geprügelt werden (Man verzeihe mir diese Metapher ;))

  6. Nerdcore — links for 2007-08-16 Says:

    [...] agitpop - 20 Jahre RoboCop: Eine Bestandsaufnahme (tags: roboter cyborg film retro 80s) [...]

  7. Robocop und Hysterien « ::Neues Und Bekanntes BLOG:: Says:

    [...] Aug 16th, 2007 by NUB Auf diesen guten Artikel im agitpopblog möchte ich noch hinweisen. [...]

  8. heiße Links für flotte Surfer auf F!XMBR Says:

    [...] Robocop Auf agitpop wird dieses mal, nach Alien, auch die Robocop Reihe zerflückt [...]

  9. Yuri Says:

    Ich haette mir Fight Club ja auch im Kino angesehen damals. Dummerweise war ich 1999 erst elf…

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