Schäuble, Blacksburg, Geschichte

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Mein Rechner hat den Geist aufgegeben (BSoD beim Booten… und ich habe nicht die leiseste Ahnung wieso), weshalb ich von der Universitätsstadt ins Heimatdorf fahren musste, wo ich klugerweise meine Recovery-CD liegen gelassen habe. (Und wo ich den elterlichen Rechner brauche um meine universitäre Arbeit fortzusetzen. Außerdem nutze ich ihn gerade um das hier zu tippen.) Dass ich dazu spontan 90 Ecu für eine externe Festplatte losgeworden bin, um möglichst viele Daten noch zu retten, macht die Sache nicht besser. Aber zumindest versetzt es mich in einen Zustand, in dem ich mich in der letzten Woche widerholt befunden habe. Ungeheure Angenervtheit. Hier sind drei Kandidaten, die mir dabei geholfen haben meinen Blutdruck konstant oben zu halten:

***

Wolfgang Amadeus Schäuble

Über unseren rollenden Datenschutz-GAU haben wir hier bei Agitpop ja wiederholt geschrieben. Es ist fast schon erstaunlich, dass Dr. Strangelove noch keine eigene Kategorie in der Sidebar erhalten hat. Aber das würde mich nur dazu bewegen noch mehr über ihn zu schreiben und das würde mich dann nur noch stärker deprimieren. Anyway. Seine letzten Äußerungen zum Thema Staatssicherheit sind ja dankenswerterweise endlich mal außerhalb der bekannten Kreise in der Öffentlichkeit wahrgenommen und in etwas größerem Stile kritisiert worden. About damn time.

Trotzdem würde ich hier gerne noch mal einen Satz anschneiden, der in der Berichterstattung mehr oder weniger übergangen wurde, der aber trotzdem bedenklich ist:

Der Innenminister hob daneben hervor, dass er Folter strikt ablehne und sie “auch nicht augenzwinkernd” hinnehme. Wenn Nachrichtendienste jedoch Informationen über einen sehr gefährlichen Anschlag erhielten, wäre es nach Aussage Schäubles “absurd”, die Informationen nicht zu nutzen, weil “nicht ganz so zuverlässig wie bei uns garantiert ist, dass sie rechtsstaatlich einwandfrei erlangt wurden”.

So, so. Strangelove lehnt Folter strikt ab und nimmt sie “auch nicht augenzwinkernd” hin. Und dann schießt er weiter, dass man aber trotzdem Ergebnisse die vorliegen nicht ablehnen kann, wenn man damit Menschenleben retten könnte. Das ist ein Conondrum, zugegeben. Und wenn die Ergebnisse vorliegen und Schäuble sie nutzen würde, dann würde ich ihm das nicht einmal zum Vorwurf machen. Aber man lasse sich die Wortwahl nochmal auf der Zunge zergehen: Nur weil

nicht ganz so zuverlässig wie bei uns garantiert ist, dass sie rechtsstaatlich einwandfrei erlangt wurden

würde er die Informationen nicht ablehnen. Er spricht nicht von “nicht zuverlässig garantiert”. Nein, der rollende Privacy-GAU spricht von: “nicht ganz so zuverlässig garantiert”. Aber größenteils ist es wohl schon garantiert. Wenn auch nicht ganz so zuverlässig wie bei uns. Weiterhin lässt Schäuble vermelden, dass seine Ehefrau “ein bisschen schwanger” sei. Das (also die Garantie, nicht die Schwangerschaft) liegt aber primär daran, dass unsere Freunde im Kampf gegen den Terror in Ägypten, Syrien, dem Libanon oder Pakistan nie in der Kunst des Aktenanlegens geschult wurden, wie es in Deutschland seit Jahrhunderten tradiert wird. Sonst wäre total zuverlässig garantiert wie rechtsstaatlich einwandfrei wir an unsere Informationen kommen. Bäh.

Und dieser Satz aus dem Munde eines Mannes der vor noch gar nicht so langer Zeit gesagt hat:

Syrische Dienste, mit denen wir zusammenarbeiten, haben uns angeboten, dass wir den Mann befragen können. Auch das Bundeskriminalamt war dort, und er hat wohl gesagt, er sei geschlagen worden aber das stand nicht im Zusammenhang mit der Befragung. Ich habe keinen Anlass für die Vermutung, dass das Bundeskriminalamt gewissermaßen von Verhaltensweisen profitiert hat, die man als Folter bezeichnen kann.

Ach was. Weißt du Wolfgang: Wenn du Folterdaten im Notfall nutzen willst, dann ist das erst Mal ein Fakt, den ich hinnehmen muss. Für mich weicht zwar schon die offizielle Andeutung, dass man im Zweifelsfalle Folterdaten nutzen wird, das Folterverbot auf, aber okay… darüber kann man eine offene Debatte führen. Aber dann hab’ wenigstens die Cojones das Wort “Folter” auszusprechen und komm nicht mit dem Euphemismus von den Informationen bei denen “nicht ganz so zuverlässig wie bei uns garantiert ist, dass sie rechtsstaatlich einwandfrei erlangt wurden“.

Trotzdem, eines muss ich dir lassen, Wolle. Wenn du wirklich in der Lage bist Folter abzulehnen, dann so einen bedeutungsverschleiernden Mördereuphemismus vom Stapel lässt und das alles wirklich “nicht augenzwinkernd” meinst, dann musst du dir keine Sorgen über deine berufliche Zeit nach dem Ministerposten machen. Dann kannst du demnächst deine eigene politische Comedyshow starten. Als Deadpan-Komiker ist dir Stephen Colbert dann nämlich meilenweit unterlegen.

***

Das Massaker von Blacksburg, Virginia

Amokläufe (und ja, “Amok” passt hier nur bedingt, ich nutze das Wort aus Effizienzgründen) schaffen es irgendwie immer, das Schlechteste in Menschen hervorzubringen. Und ich meine nicht einmal die Amokläufer selber. Darüber müssen wir gar nicht reden, da sind wir uns alle einig. Ähnlich widerlich, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise, sind nämlich die Geier die sich teils schon nach wenigen Stunden auf die noch warmen Leichen stürzen, weil so ein Massaker und die folgende Welle aus Betroffenheit, Mitleid und Schock immer prima für die eigenen Zwecke genutzt werden kann.

Drüben auf Gunnars Blog attackierte ich Kommentatoren, von denen ich dachte, dass sie präventiv schon einmal Killerspielkritiker angreifen würden. Vorwärtsverteidigung: Beschuldige deine Gegenspieler, ehe das Thema aufkommen könnte. Ich kritisierte das, weil ich sowas abgeschmackt finde.

Das war voreilig von mir, denn ich hatte nicht mitbekommen, dass sich die üblichen Verdächtigen - Dr. Pfeiffer in Deutschland und Jack Thompson in den USA - nicht entblödet hatten das Massaker gleich mal zynisch für ihre Ziele auszuschlachten. Nur Stunden nachdem die Schüsse gefallen und noch ehe irgendwelche Details an die Öffentlichkeit gelangt waren. Aber Hauptsache man konnte seine eigene Agenda schnell mit einer Katastrophe kombinieren.

Was in mindestens genau so abgeschmackter Weise die beliebten Paranoiker von PI sofort taten, als sie sich zusammenphantasierten, dass der Attentäter heimlich ein jihadistischer Moslem war, die großen Nachrichtenmedien aber aus Rücksicht auf den Islam diesen hübschen Faktoid verschleiern würden. Weil jedes Ereignis immer irgendwie durch den eigenen Filter gepresst werden muss.

Und auch ganz fix war man auf beiden Seiten des Atlantiks dabei die amerikanischen Waffengesetze zu kritisieren. Auch da wusste man noch nicht, ob der Attentäter seine Waffen legal oder illegal bekommen hatte, aber Hauptsache man hat das Ereignis schonmal für seine Seite markiert. Wobei mir die Vorwärtsverteidigung der Pro-Waffen-Fraktion auch gefallen hat, die betonte, dass der Mann niemanden hätte umbringen können, wenn Studenten an der Uni hätten Waffen tragen dürfen.

Stilvolles Highlight war dabei aber dieser Kommentar in der National Review:

Setting aside the ludicrous campus ban on licensed conceals, why didn’t anyone rush the guy? It’s not like this was Rambo, hosing the place down with automatic weapons. He had two handguns for goodness’ sake—one of them reportedly a .22.

At the very least, count the shots and jump him reloading or changing hands. Better yet, just jump him. Handguns aren’t very accurate, even at close range. I shoot mine all the time at the range, and I still can’t hit squat. I doubt this guy was any better than I am. And even if hit, a .22 needs to find something important to do real damage—your chances aren’t bad.

Eben, der Kerl hatte doch nur zwei Handfeuerwaffen. Wenn er mit Waffenbäuschen und einer Wasserpistole in die Uni gekommen wäre, hätte er wahrscheinlich mehr Schaden angerichtet. Handfeuerwaffen sind nicht zielgenau und der Kerl war sicher ein so beschissener Schütze wie der Kommentator (sagt der Kommentator). Und dann muss man auch noch viel Pech haben um von einer Handfeuerwaffe wirklich verwundet zu werden. Sehr viel Pech.

… … …

32 Menschen hat Seung-hoi Cho umgebracht. 32. Und der Kommentar in National Review beklagt, dass man mit einer Handfeuerwaffe vom Kaliber .22 ja kaum Schaden anrichtet, das Ding ungenau ist und nur dann schwere Verletzungen verursacht, wenn man wirklich viel Pech hat. Wow. Da muss Seung-hoi Cho ja der glücklichste Schütze der Welt gewesen sein um den Body Count zu schaffen. Und natürlich: Das Mindeste was ich erwarte, wenn ich von meinem Büro aus eine Kolumne für die National Review schreibe, ist dass während einer Schießerei an einer Uni (wo vermutlich nach den ersten Schüssen Panik ausbricht) jeder Student in der Lage sein sollte die Waffe zu identifizieren, mit der der Schütze unterwegs ist. Und in diesem Fall sollte man den Schützen dann attackieren, weil man die Waffe in Sekundenschnelle als Kaliber .22 identifiziert hat und die Chancen ja gut stehen, dass einem diese Handfeuerwaffe keinen Schaden zufügt. Sicher doch…

Ach ja, weil Menschen bekanntlich keine Individuen sind und immer irgendein äußerer Faktor die Schuld an ihren Taten haben muss, ging die Suche nach dem Schuldigen auch bei anderen Online-Medien weiter. Die Süddeutsche schreibt im besten Guido-Knopp-Bedrohungstonfall:

Cho stand immer früher als die anderen auf, meistens schon um fünf Uhr und setzte sich an seinen Computer. [...] Musik hat er gehört, meist vom Computer, berichten seine Kommilitonen, harte, dunkle Töne: Led Zeppelin und Nirvana.

“Musik hat er gehört”? Ach du Scheiße. Und da heißt es immer “wo man singt, da lass dich nieder/ böse Menschen haben keine Lieder“. Schön auch das man zwei Mal in zwei Absätzen den Computer erwähnt. Als wäre es ungewöhnlich, dass ein junger Mensch Musik vom Computer hört. Ganz lachhaft wird es aber bei den “harten, dunklen Tönen”. Nirvana. Okay, von mir aus. Aber Led Zep? Eine Band die fast vierzig Jahre alt ist und die ein Klassiker auf RTL Midlife Crisis ist? Deren “Stairway” in jedem Gitarrenlehrbuch gleich nach “Smoke on the Water” gelehrt wird? “Harte, düstere” Töne? Hatte der Kerl nicht zumindest Manson oder Slipknot auf der Platte? Ganz im Ernst, Süddeutsche, den Satz hättet ihr auch verwendet wenn er ABBA und Melissa Ethenridge gehört hätte, oder?

Aber, das ist natürlich so ein generelles Problem der Onlinemedien. Schrieb ich auch schon einmal. Man muss immer was Neues schreiben, zeitnah sein. Die Kollegen von der Printausgabe haben den ganzen Tag zum recherchieren, feilen, korrigieren. Beim Onlineableger muss aber - drüben beim Online-Portal der ZEITUNG steht ja auch schon ein Artikel - schnell ein Text online gehen, der mehr sagt als: “Details kennen wir nicht.” Sonst suchen sich die Leser ihre Information noch woanders.

Dabei raus kommt dann sowas:

Monat der Massaker: Blutiger April

Die Amokläufe von Littleton, Erfurt und Blacksburg haben nicht nur das Leid und den Schrecken gemeinsam, den wenige über viele gebracht haben. Sie teilen auch den Monat, in dem die Schreckenstaten verübt wurden.

[...]

Gestern, am 16. April 2007, erschoss der gebürtige Südkoreaner Cho Seung-Hui, 23, an seiner Universität, der Virginia Tech, 32 Schüler und Dozenten. Waren Klebold und Harris auch seine Vorbilder? Kannte er die Wahnsinnstat des Robert Steinhäuser? War das Datum bewusst gewählt? Schon die Fragen sind beängstigend. Wie werden erst die Antworten sein?

Wow. Monat der Massaker. Das ist nichmal mehr Boulevard. Das ist Gosse. Aber Hauptsache wir haben drüber geschrieben. Und in diesen Momenten wird der Nachteil der gedruckten Medien, das sie nicht sofort berichten können und müssen, zum Vorteil. Darum ist Printjournalismus auch nicht so tot wie gerne behauptet wird.

Übrigens, das eben war der selbe Onlineableger des SPIEGELs, der sich in diesem Artikel über die Reaktionen im Internet ärgert. SPOn schafft es übrigens auch, das ganze Massaker clickrateträchtig in den Kontext des Kulturkampfs amerikanische versus deutsche Leser (und vice versa) zu verpacken. Warum sollte man nicht Pro-Westler und Amerikakritiker gleichermaßen bedienen?

Ach ja: Ich bin nicht der Meinung, dass man sowas verbieten sollte, aber ich stelle die Frage jetzt trotzdem ganz offen (und will gerne darüber diskutieren): Hat es der Erkenntnisfindung in irgendeiner Form genutzt, dass NBC das Videopaket von Seung-hui Cho ausgestrahlt hat? (Oder in Deutschland, dass SPIEGEL Online eine Photostrecke mit den Selbstportraits von Cho… Hammer, zwei Knarren, etc… online gestellt hat?) Außer dass man damit eine morbide Neugier befriedigte?

Wenn das Zeug im Internet auftaucht, was früher oder später wohl der Fall gewesen wäre, dann ist das eine Sache. Das man dem Kerl aber tatsächlich die Sendezeit im nationalen Fernsehen zugestand, sich als Kultfigur und revolutionäre Figur zu stilisieren, das fand ich persönlich extrem abgeschmackt. Natürlich liegt die Entscheidung da alleine beim Sender NBC, der als einziger Sender Chos Videopaket erhielt, aber ich frage mich wirklich ob man die Tat auch noch dadurch unterstützen sollte, dass man der Eigen-PR des Täters Sendezeit zugesteht.

Nachtrag: Begründung der Tagesschau Chos Video nicht zu senden.

***

Die EU kämpft gegen Rassismus… und die Wissenschaftliche Methode

Die EU möchte etwas gegen Rassismus tun. Was sicher gut gemeint ist. Leider ist gut gemeint nicht gleich gut gemacht. Und leider ist ja angeblich auch der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert. Es ist ein bedauerlich, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit relativ wenig Interesse auslöst, ist es doch eines meiner Steckenpferde. Es geht darum, dass die Politik sich so weit wie möglich aus der Geschichtswissenschaft - aus der Wissenschaft im Ganzen - heraushalten sollte. Und die ab 2009 geltenden EU-Gesetze könnten genau das Gegenteil bewirken.

Geschichte sollte nie kodifiziert werden. Egal in welcher Form. Auch wenn es selten so gesehen wird: Die Geschichtswissenschaft funktioniert als Wissenschaft nach den gleichen Prinzipien wie die Naturwissenschaften. Geschichtswissenschaft erklärt nicht “wie es wirklich war“, das kann sie gar nicht leisten. Und jeder der das Gegenteil behauptet ist ein Lügner.

Sie liefert aber Theorien darüber, wie es wahrscheinlich war. Diese Theorien sind meist falsifizierbar und werden aufgegeben, wenn sie nicht mehr haltbar sind oder neue Fakten auftauchen. Beispiel: Der Sturz Mossadeghs im Iran 1953 wurde zunächst dem aufgebrachten Volk zugeschoben. Spätestens mit der Freigabe dieser CIA-Dokumente wurde die alte Theorie aufgegeben, dass es spontaner Volkszorn war, der Mossadegh aus dem Amt jagte. Die neue Theorie besagt, dass der Sturz in einer konzertierten Aktion von CIA und britischem Geheimdienst vorbereitet wurde.

In Anbetracht der Tatsache, dass dies in offiziellen CIA-Dokumenten zugegeben wird, ist es unwahrscheinlich, dass da eine neue Theorie auftaucht, die die Ereignisse in Frage stellt. Es könnte aber passieren. Und dann würde man wissenschaftlich beide Theorien angucken und fragen ob die bekannten Fakten die eine oder die andere Theorie untermauern oder widerlegen. Wobei natürlich nur falsifizierbare Theorien wissenschaftlich akzeptabel sind. Der Einwurf, dass der unsichtbare Drache in der Garage Mossadegh gestürzt habe ist nicht falsifizierbar und damit unwissenschaftlich. Achja, wenn beide Theorien gleich wahrscheinlich sind, würde man wahrscheinlich auf Occams Rasiermesser vertrauen.

So muss Geschichtswissenschaft funktionieren. Die Geschichtswissenschaft muss Theorien auf Grund bekannter Fakten und Indizien prüfen und ihr eigenes Weltbild darauf aufbauen. Wenn aber bestimmte Ereignisse kodifiziert werden, dann tritt man damit von der Wissenschaftlichkeit weg. Sicher, das Musterbeispiel ist die Holocaustleugnung. Ein Thema, das wohl bei jedem normalen Menschen zu Bauchschmerzen führt. Aber: Es gibt so viele unbestreitbare Belege dafür, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat, dass - meiner Ansicht nach - Holocaustleugner durch Fakten widerlegt werden sollten, nicht durch Gesetze. Da sollte es gar kein Problem geben den Bullshit von Irving und Co als Bullshit zu entlarven.

Gesetze hingegen, die festlegen was passiert ist (selbst wenn es so unbestreitbar ist wie der Holocaust), sollte man auf jeden Fall vermeiden. Schon alleine weil sie die wissenschaftliche Forschung und das freie Denken immer beschneiden. Warum soll ich meine Argumentation schärfen, warum soll ich versuchen den Holocaustleugnern mit Argumenten zu begegnen, wenn ich sie einfach und ohne viel Aufwand auf ein Gesetz verweisen kann, das ihre (egal wie irrige) Meinung für illegal erklärt. Und, wie gesagt, ich verstehe aus welchem Impetus heraus dieses Gesetz enstanden ist, aber: Wenn jemand beweisbaren Tatsachen wie den Nazi-Dokumente oder den Menschenhautlampenschirmen nicht glaubt, warum sollte er dann durch ein Gesetz von seiner Meinung abgebracht werden? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass sich folgende Denkweise durchsetzt: “Weil man Ereignis A nicht beweisen kann, muss man es gesetzlich schützen.”

Und mit dem neuen EU-Gesetz gegen Rassismus wird die Situation, so weit wie ich das überblicken kann, nicht besser. Stattdessen belegt das Gesetz hervorragend warum die Politik ihre legislativen Finger von der Geschichte lassen sollte. Am Ende ist hier nämlich ein Gesetz herausgekommen, das so lange politisch ausgehandelt wurde, bis es niemanden mehr glücklich macht.

Man verständigte sich schließlich darauf, dass das “öffentliche Billigen, Leugnen oder Verharmlosen von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen” mit Haftstrafen zwischen einem und drei Jahren geahndet werden.

Was eine ungemein bittere Gummiklausulierung ist. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Was fällt darunter? Ab wo “billigt” man es, ab wo “verharmlost” man so etwas? Und wie weit reicht der Paragraph zurück? Bis zum Zweiten Weltkrieg? Dem Ersten Weltkrieg? Dem Dreißigjährigen Krieg? Neulich war 300 sehr in der Diskussion. Verharmlost man da nicht eventuell Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die die Spartaner begangen haben? Weil man nicht erwähnt, dass die Spartaner sich ihre eigenen Sklavenstaaten hielten?

Dürfen sich jetzt Rechte und Linke gegenseitig wegen des Bombardements Dresdens anzeigen? Die Linken könnten klagen, weil der Begriff “Bombenholocaust” den Holocaust verharmlost, die Rechten weil Aktionen wie “Keine Träne für Dresden” das mögliche Kriegsverbrechen der Brandbombadierung verharmlosen. Ist das Firebombing von Dresden überhaupt ein Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Dürfte ich theoretisch über die Toten aus Kassel spotten, aber nicht über die Toten aus Dresden? (Nicht dass ich Interesse daran habe hier zu spotten. Die Frage ist rein hypothetisch zu verstehen)

Wer legt da fest, was ein Kriegsverbrechen ist, was ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und was nicht? Sind die Opfer in Coventry gerichtlich “schützenswerter” als die Toten von Hiroshima und Nagasaki? Und, wie schon einmal hier im Blog gefragt, dürfte ich theoretisch den Untergang der Titanic oder die Explosion der Challenger leugnen? Falls ja: Wo ist der Unterschied bei den Toten? Junge, ich möchte nicht das Gericht sein, das da die Grenzen zu ziehen hat.

Was ist mit umstrittenen Kriegsverbrechen? Nehmen wir mal die Vergewaltigung von Nanking. Der generelle Konsens ist doch, dass die japanischen Invasionstruppen damals um die 300.000 Chinesen ermordeten. Noch in den 1970ern gab es aber in Japan Kräfte, die bestritten, dass das Massaker von Nanking überhaupt stattgefunden habe. Und selbst 2005 gab es in Japan Schulbücher, die das Ereignis zum “Zwischenfall” herunterspielten. Nanking ist ein entscheidender politischer Spielball im asiatischen Raum geworden, dem verschiedene Regierungen und politische Strömungen ihre Interpretation aufdrücken möchten.

Genau darum ist es doch relevant, dass man die Geschichte nicht der Politik überlässt. Das man verhindert, dass eine Regierung eine “offizielle Geschichte” festlegen darf. Solche Debatten sollten anhand der zeitgenössischen Quellen (schriftlich, bildlich, mündlich, gegenständlich) geführt werden, nicht aufgrund irgendwelcher Gesetze, die einer Regierung gerade opportun erschienen. Fällt Nanking unter das neue Gesetz? Müsste man dann nicht Junichiro Koizumi bei seiner nächsten Reise in die EU verhaften, weil seine Besuche des Yasukuni-Schreins Verbrechen gegen die Menschlichkeit verharmlosen? Immerhin werden dort auch Mitglieder der Einheit 731 geehrt, die in der Mandschurei biologische Kriegsführung betrieben und so tausende Zivilisten umbrachten.

Um jetzt noch einmal zur Wissenschaft zurückzukommen: So ein Gesetz ist ein idealer Paragraph um unliebsame Forscher mundtot zu machen. Denn manchmal stehen Dinge fest, die man im Nachhinein revidieren muss. Den zweiten Angriff während des Tonkin-Vorfalls hat es wohl nie gegeben. Wäre es schon “Leugnen” eines Kriegsverbrechens wenn man dies in Frage gestellt hätte, bevor 1971 die Pentagon Papers oder 2005 die NSA-Akten zu dem Thema veröffentlicht wurden?

Was ist mit dem Massaker von Katyn? Das wurde von den Sowjets begangen, aber während des Kriegs den Nazis untergeschoben. Da sich gegen Kriegsende der Bruch zwischen den USA und der UdSSR bereits abzeichnete, misslang das sowjetische Unterfangen das Massaker in den Nürnberger Prozessen juristisch an den Nazis festzumachen. In Russland wurde trotzdem bis 1990 behauptet, es wäre ein deutsches Massaker gewesen.

Wäre es tatsächlich der Wehrmacht angelastet worden, hätte man Gegenteiliges behaupten oder erforschen können, wenn es ein Gesetz wie das jetzt beschlossene schon gegeben hätte? Oder hätte man schnell eine Anzeige am Hals gehabt? Dann hätte man zwar das Kriegsverbrechen nicht geleugnet, aber ich verstehe das Gesetz so, dass man sich auch strafbar macht, wenn man die Identität der Täter anzweifelt. (Frage an die Juristen: Wenn man die Beteiligung der Deutschen am Holocaust bezweifeln würde, wäre das juristisch gleichbedeutend mit der Leugnung des Holocaust?) Und Katyn soll hier nur als Beispiel für die Tendenz dienen, historische Ereignisse propagandistisch umzudeuten. Oft dauert es Jahrzehnte bis neue Fakten die Geschehnisse in neuem Licht erscheinen lassen. Und neue Erkenntnisse werden schwieriger zu verbreiten sein, wenn man Geschichte kodifiziert.

Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 wurde vorbereitet indem die Presse, primär Hearsts New York Morning Journal und Pulitzers New York Journal, von Greueln berichtete, die sich zum Teil nicht so zugetragen hatten oder deren Schrecken hochgespielt wurde. Und diese Tendez die Greueltaten des Feindes hochzuspielen hat nun nicht mit dem spanisch-amerikanischen Bürgerkrieg begonnen oder geendet.

Die Aufgabe herauszufinden welche Greueltaten tatsächlich stattfanden und welche sich nie oder nie in der Form in der sie publik wurden, ereignet haben, sollte nicht der Politik überlassen werden. Sonst kann es passieren, dass man bestimmte Bereiche gar nicht mehr erforscht, weil gesetzlich festgelegt wurde, was sich ereignet hat und man mit jeder neuen Erkenntnis potentiell im Gefängnis landen könnte. Dazu kommt, dass auch Wissenschaftler meist kein Interesse daran haben ihre Forschungsergebnisse einem Richter erklären zu müssen und sich dann von bestimmten Forschungsfeldern schon im Vorfeld distanzieren.

Ach ja: Politiker haben zudem andere Interessen als Wissenschaftler. Politiker müssen alle paar Jahre wiedergewählt werden und werden daher im Zweifel im Interesse der Bevölkerungsmehrheit entscheiden oder sich auf Kompromisse einlassen. Auch das darf kein Faktor ernstzunehmender wissenschaftlicher Tätigkeit sein. Und mein Misstrauen sehe ich hiermit als bestätigt an:

Mit Rücksicht auf die Türkei fällt das Leugnen des Völkermordes an den Armeniern nicht unter den Rahmenbeschluss. Frankreich muss dagegen seine Gesetze ändern, weil das Leugnen des Genozids in Ruanda oder in Srebrenica, die vom Internationalen Strafgerichtshof verfolgt werden, dort bisher nicht strafbar ist.

Mit Rücksicht auf die Türkei fällt das Leugnen des Völkermordes an den Armeniern nicht unter den Rahmenbeschluss.” Man lasse sich das mal genüßlich auf der Zunge zergehen. Da ist man ja fast versucht den Völkermord jetzt einfach mal zu leugnen, nur weil man es hier noch so richtig ungememmt darf.

Was soll denn diese Scheiße? Wenn wir sowas schon festlegen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es gab den Völkermord oder es gab ihn nicht. Das ist dann eine Frage, die die Wissenschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu klären hat. Was es nicht geben darf, ist de hier beschlossene politische Lösung: Es gab den Völkermord, aber anders als die anderen Genozide darf man ihn leugnen… weil es uns politisch gerade entgegen kommt. Orwell hätte seine helle Freude an dieser Form des Doppeldenk. Derart politisch-motiviertes Interessensgeplänkel zeigt warum sich Politiker aus der Geschichtsschreibung raushalten sollten.

Denn ganz im Ernst: Lieber habe ich es mit Typen wie Ernst Zündel oder David Irving zu tun, bei denen ich weiß woran ich bin, als mit Politikern die jahrelang verhandeln und dann in einem Kompromiss entscheiden, welche Genozide nun stattgefunden haben, welche Genozide nicht stattgefunden haben und welche Genozide straffrei geleugnet werden dürfen. Wer das neueste Album von Prussian Blue im Auto hört, der wird nicht an den Holocaust glauben, egal welche Tatsachen die Wissenschaft ihm vorlegt. Vielleicht wird er ihn zwar nicht offen leugnen, weil er Angst vor Strafe hat, aber das sollte nicht unser Ziel sein.

Unser Ziel sollte sein, dass wir dem Rest der Bevölkerung gegenüber klar machen, dass ernstzunehmende Wissenschaft aus sich selbst heraus in der Lage ist die “Argumente” von Genozidleugnern zu widerlegen und dazu keine Schützenhilfe von der Exekutive, Judikative oder Legislative braucht. Diese Form der “Unterstützung” verkrüppelt die Wissenschaft, weil sie sie einschränkt, und führt dazu, dass es so aussieht als wenn unser Wissen von der Welt mit aller Gewalt vor kritischen Fragen (oder blühendem Unsinn) geschützt werden müsste. Nach der gleichen Logik könnte man es auch unter Strafe stellen die Evolution oder die Rundform der Erde zu leugnen. In allen drei Fällen (Holocaust, Evolution, Erdform) kann man den Unverbesserlichen eh nicht helfen, allen anderen Skeptikern aber mit deutlichen Beweisen den Wind aus den Segeln nehmen.

Ich habe hier in letzter Zeit (auch in diesem Text) gerne mal Artikel von Carl Sagan verlinkt, der zu meinen persönlichen Helden gerechnet werden darf. Sagan war einer der wichtigsten Kämpfer dafür, dass die wissenschaftliche Methode der Öffentlichkeit näher gebracht wird und man der Öffentlichkeit klar macht, wie wissenschaftliches Arbeiten statt Dogmatismus uns hilft die Realität zu begreifen.

Dabei betonte er auch, dass in der Wissenschaft egal zu sein hat, von welcher Autorität ein Argument käme. (Und, ja, man kann jetzt betonen, dass es verlogen ist gerade hier Sagan als Autorität zu zitieren… aber jeder hat ja das Recht dieses Argument zu hinterfragen.) Ein Argument von Einstein muss genau so geprüft werden und falsifizierbar sein wie ein Argument von Bozo dem Clown. Es darf keine Argumente geben, die ex cathedra von einer Autorität beschlossen werden und dann nicht mehr hinterfragt werden dürfen.

Genau das passiert aber jedes Mal, wenn Gesetze wie das obige verabschiedet werden. Eine Autorität, hier die Politik, legt fest was der Realität entspricht und was nicht und mischt sich damit in einen Bereich ein, in dem sie nichts verloren hat. Ich glaube fest daran, dass wir Genozid- und Holocaustleugnern so viel Contra entgegenbringen sollten, wie nur irgendwie möglich. Wir sollten das aber nicht tun, indem wir ihnen das Wort verbieten. (Und dann noch unterscheiden zwischen Genoziden die man leugnen darf und Genoziden die man nicht leugnen darf. Das wird unsere Position in den Augen der Öffentlichkeit ganz sicher stärken.) Wir sollten es tun indem wir den Zögernden und Unentschlossenen zeigen wo die Leugner sich irren. Und wir sollten den Zögernden und Unentschlossenen zeigen wie echte Wissenschaft arbeitet und ihnen beibringen, wie sie selbst wissenschaftlich arbeiten und Gegebenes kritisch hinterfragen und prüfen können.

Vielleicht sollten wir anfangen Gratiskopien von The Demon Haunted World zu verteilen. Denn wie Sagan da schreibt:

If we can’t think for ourselves, if we’re unwilling to question authority, then we’re just putty in the hands of those in power. But if the citizens are educated and form their own opinions, then those in power work for us. In every country, we should be teaching our children the scientific method and the reasons for a Bill of Rights. With it comes a certain decency, humility and community spirit. In the demon-haunted world that we inhabit by virtue of being human, this may be all that stands between us and the enveloping darkness.

“Think for ourselves”, das ist die Kernaussage. Saubere Wissenschaft, davon bin ich überzeugt, ist stark genug um mit den Thesen von Leuten wie Zündel, Harwood, Mahler und Irving fertig zu werden. Ich bin mir aber nicht sicher ob sie viele Gesetze von der Art verkraften kann, wie es die EU hier beschlossen hat.

***

Nachtrag zur wissenschaftlichen Methode:

Clearly, there are no foolproof methods of detecting baloney or drawing the boundary between science and pseudoscience. Yet there is a solution: science deals in fuzzy fractions of certainties and uncertainties, where evolution and big bang cosmology may be assigned a 0.9 probability of being true, and creationism and UFOs a 0.1 probability of being true.

In between are borderland claims: we might assign superstring theory a 0.7 and cryonics a 0.2. In all cases, we remain open-minded and flexible, willing to reconsider our assessments as new evidence arises. This is, undeniably, what makes science so fleeting and frustrating to many people; it is, at the same time, what makes science the most glorious product of the human mind.

(Bildquelle: Dataloo.)

12 Responses to “Schäuble, Blacksburg, Geschichte”

  1. dan Says:

    Der Artikel repräsentiert ebenfalls zwei meiner Aufregethemen der letzten Zeit und stellen diese wunderbar da. Natürlich war auch das ein oder andere dabei, dass ich noch nicht mal wusste und allein deswegen und deiner sehr guten Schreibe: Vielen Dank!

  2. Bomster Says:

    Heute auf SpOn - das Ebay-Kaufverhalten des Amokläufers von Blackburg, oder: Wenn man keine Nachrichten hat, macht man sich halt welche.

    Wer bis jetzt noch nicht vom Glauben an die Online-Magazine abgefallen ist…

  3. thwidra Says:

    Wer bis jetzt noch nicht vom Glauben an die Online-Magazine abgefallen ist…

    Erm, also sorry, aber wenn man seine Meinung von SPOn auf alle anderen Online-Magazine projiziert, dann passt das nicht so ganz. Es gibt sehr wohl differenziertere, sachlichere und ausgewogenere Berichterstattung. Telepolis sei hier an erster Stelle genannt. Unter technischeren Aspekten zählen auch Golem, Heise oder Gulli dazu. Auf etwas andere Art und Weise auch die Nachdenkseiten. Ich bin mir sicher, dass es noch zahlreiche weitere lesenswerte Online-Magazine gibt, die “unter dem Radar” berichten. Nur meine zwei Cent. :)

  4. Abspannsitzenbleiber Says:

    Der zitierte SZ-Artikel mit den “dunklen Tönen” stand übrigens auch in der Print-Ausgabe, sogar auf Seite Drei. Der Artikel an gleicher Stelle einen Tag später war dann auch deutlich differenzierter und dem hat man dann auch angemerkt, dass Printmedien “den ganzen Tag zum recherchieren, feilen, korrigieren” haben.

    Wenn ich das nächste Mal eine Sternschnuppe sehe, wünsche ich mir, dass die Medien beim nächsten Amoklauf den Täter anonymisieren und möglichst wenig bis gar nichts über seine Person berichten. Mit dem Verzicht auf das Video geht die Tagesschau da schon in die richtige Richtung.

  5. Björn Says:

    @thwidra, bomster:

    Den eBay-Artikel hatte ich auch gesehen. Der war sehr inhaltsleer. Aber thwidra hat schon Recht: Das Problem ist nicht das eine Zeitung oder ein Magazin online ist (das ist ja wieder nur das Medium und das Medium selbst ist immer erst einmal neutral), das Problem ist wenn so eine Website in Echtzeit aktualisiert werden muss und 24/7 schnellstmöglich jede Neuigkeit ins Netz jagen muss.

    Dieser “Geschwindigkeitsrausch” führt eben dazu, dass journalistische Tugenden gerne mal der Exklusivmeldung geopfert werden. Und mit Süddeutsche.de geht’s qualitativ leider immer mehr in Richtung SPOn seit Hans-Jürgen Jakobs da den Chef gibt.

    ***

    @ASB:

    Das ist einfach eine echte Schwierigkeit abzuwägen wo das Informationsinteresse in puren Voyeurismus umschlägt. Genug über den Täter herausgeben um blödsinnige Spekulationen zu unterbinden (siehe die Moslem-Theorie bei PI) aber nicht so viele Infos, dass der Kerl zum Held anderer potentieller Amokläufer wird. Da die Grenze zu finden ist wirklich schwer. Aber im Fall seine Videopakets begreife ich wirklich nicht, welchem journalistischem Interesse dessen Ausstrahlung diente.

  6. alex Says:

    sehr schönes medley.
    besonders der geschichtstext und die links waren sehr interessant für mich. cool!

  7. Bomster Says:

    Gut, das war von mir auch etwas polemisch formuliert und ging auch weniger gegen die besagten Online-Medien unter dem Radar. Aber viele dieser Ableger bekannter Printmedien geben sich doch mehr oder weniger so, als seien sie ‘echte Magazine’, liefern aber nicht viel mehr als eine aufgeblasene Version der Kurznachrichten, die man genauso gut bei Yahoo bekommt.

    Der eBay-Artikel ist mir da besonders sauer aufgestoßen. Klar kommt die Meldung von AP, aber anstelle den Anlass zu nutzen und etwas über die mediale Berichterstattung zu schreiben, die der Fall nach sich gezogen hat, spielt man da mit und macht einen Artikel, bei dem man am Ende den Nerv hat, sich selbst Inhaltsleere zu quittieren: “So gespenstisch der Vorgang also scheint, offenbart er wohl nur ein Motiv, dass Cho mit Millionen Ebayern teilte: Er suchte den bequemen Einkauf - und günstige Angebote.” So what? Der einzige Effekt ist doch der dezente “Auch SIE könnten unwissentlich mit einem Psychopathen Handel treiben”-Grusel… da fehlen nur noch eine Kolumne von FJ Wagner und eine leichtbekleidete Dame auf der Startseite um das Bild abzurunden.

  8. Jan Says:

    @Blacksburg:

    Man weiß gefühlsmäßig ja ungefähr, wie das System Öffentlichkeit normalerweise so funktioniert. Es gibt Leute die eine Agenda verbreitern wollen, es gibt die großen Medien, die nach interessanten Inhalten suchen usw.
    Das Tragische und auch Selbstverständliche ist, dass dieses System Öffentlichkeit mit den gleichen Regeln weiterfunktioniert, wenn es echt derb niveaulos wird. Oder wenn es dann mal so richtig ums Ganze geht. Und das wird sich auch nie ändern. Es wird immer einen geben, der sofort nach PC-Spieleverbot oder mehr Sicherheitsmaßnahmen (oder auch strengere Waffengesetze, die soweit ich das sehe keine schlechte Idee wären) schreit, und viele Medien werden immer in der Position sein, nach möglichst großen Meldungen zu suchen, Pietät und Sachlichkeit hin oder her. Wenn man das überhaupt ändern will, dann ist ein Aufruf an den Anstand oder sowas überhaupt chancenlos. Weil du einen Menschen, wenn du viel Glück hast, überzeugen kannst, aber nie genug Leute um die Spielregeln dauerhaft zu ändern. Es werden immer genug übrig bleiben, die einfach brutal effektiv arbeiten wollen. Spontan getippt würd ich sagen dass ein Wechsel vom Medium Fernsehen zum Medium Zeitung helfen könnte, da ich zb im Fernsehen schlicht zappe und dort hängenbleib wo grad am meißten abgeht. Pietät hin oder her. Bei der Zeitung ist das eine langfristigere Entscheidung, welche Zeitungen ich gut genug zum Kaufen finde. Und da ist ein entscheidendes Kriterium Niveau.

    Ich erwart es eigentlich auch viel zu sehr, dass die öffentliche Aufarbeitung von Blacksburg nach dem Schema abgespult wird, um mich da aufzuregen.

  9. Jan Says:

    @ “Man verständigte sich schließlich darauf, dass das “öffentliche Billigen, Leugnen oder Verharmlosen von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen” mit Haftstrafen zwischen einem und drei Jahren geahndet werden.”

    Entspricht imo eigentlich halbwegs dem Jus-Standard an Genauigkeit. Erstens muss das wohl noch in nationales Recht umgesetzt werden, wo dann auch in jedem Staat etwas eigene, eindeutigere Formulierungen sein werden.
    Ich weiß vom österreichischen Recht, dass mindestens Völkermord als Straftatbestand definiert ist. Kann durchaus sein, dass diese Definition dann auch für das hier übernommen wird.

    Und als Beispiel für das vage Billigen, Leugnen oder Verharmlosen: Wieder in Österreich, im Verbotsgesetz gegen Nazizeug, heißt es auch nur: “wer öffentlich [...] zu einer der nach §1,3 verbotenen Handlungn auffordert, aneifert oder zu verleiten versucht, insbesondere zu diesem Zwecke die Ziele der NSDAP, ihre Einrichtungen oder Maßnahmen verherrlicht oder anpreist”, später noch: “wer sich auf andere [...] weise im nationalsozialistischen sinne betätigt” -> vager gehts eigentlich nicht mehr…also is durchaus normal dass die tatbestände so vage formuliert werden, obs ne gute sache ist dass die richterschaft dann entscheidet, wie das interpretiert gehört statt dem gesetzgeber, is aber ne berechtigte frage.

  10. Björn Says:

    Ich erwart es eigentlich auch viel zu sehr, dass die öffentliche Aufarbeitung von Blacksburg nach dem Schema abgespult wird, um mich da aufzuregen.

    Was dann aber auch schon wieder unter Resignation fällt, womit auch niemandem geholfe wäre.

    also is durchaus normal dass die tatbestände so vage formuliert werden, obs ne gute sache ist dass die richterschaft dann entscheidet, wie das interpretiert gehört statt dem gesetzgeber, is aber ne berechtigte frage.

    Wir hatten in Deutschland das Tübinger Button-Urteil, wo Leute verknackt wurden weil sie Buttons mit durchgestrichenem Hakenkreuz am Rucksack hatten und ein Antifa-Versandhandel deshalb eine Anzeige am Hacken hatte. Und in Bayern wurde von einem übereifrigen Staatsanwalt Art Spiegelmans Maus erst einmal beschlagnahmt, weil ja ein Hakenkreuz auf dem Cover zu sehen war. Wurde zwar beides später (nach viel juristischen und pressetechnischen Scherereien) fallen gelassen, aber allein das es soweit kam gibt mir wenig Vertrauen. Und je vager sowas formuliert wird, desto eher passiert sowas wieder…

  11. whodafuck Says:

    “Über unseren rollenden Datenschutz-GAU”… schade, dass schilli weg ist xD… politiker sollten für ihre entscheidungen rechtlich haftbar gemacht werden =P

    “National Review”.. “zomfg!11ololoool!!11!” zitat ende… medien richten sich an die menschen… irgendeiner hat mal gesagt, die regierung, die wir haben, verdienen wir… läßt sich übertragen.

    wenn ich jetzt türke bin, darf ich dann öffentlich die unglaublich unsensible behauptung des massenmordes an den armeniern verneinen und leute wegen rufmordes anklagen? =P

    eu? eu verfassung? leckt mich doch. ich will einen nationalstaat, der seine gesetze selbst bestimmen kann.. und nicht in einem parlament voller korrupter hur**söhnen, noch sogar aus anderen ländern, die mir dann irgendwas vorschreiben!

    tolle neue welt…

  12. Thomas Says:

    Falls es noch jmd. von euch noch nicht mitbekommen haben sollte…

    1x http://www.heise.de/newsticker/meldung/88824

    … tja.

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