300 - Plain evil or just stupid?
Oh, fuck. Worauf habe ich mich da eingelassen? Nach Don Rosas (wie immer der Disclaimer: der Blogger, nicht der Schöpfer von Onkel Dagobert: Sein Leben, seine Milliarden) Aufstachelung habe ich mir dann heute doch im heimatlichen Schauspielhaus 300 angesehen. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, den Film nicht wirklich schlecht gefunden zu haben. Was mich offensichtlich als glühenden Anhänger der NSDAP enttarnt. Aber, ich greife vor…
Mit meiner Filmprognose lag ich ja derbe daneben:
Der Film sollte eigentlich ein gutes Gegengift zu überambinitionierten Projekten wie Troja oder Alexander werden, weil hier ganz bewusst krachende Action und umwerfende Massenschlachten im Vordergrund stehen, nicht irgendein pseudo-historischer Relevanzanspruch.
Tja. Und ausgerechnet 300 ist nun öffentlich viel politischer gelesen und diskutiert worden als all die anderen Historienschinken. Xenophob. Homophob. Rassistisch. Faschistisch. Das sind die Adjektive in den Feuilletons und Blogs am häufigsten fielen. Nicht ganz zu unrecht. All das lässt sich auch schon in Frank Millers literarischer Vorlage finden. Und da hatte ich kein Problem damit. Ganz ehrlich gesagt: Es ist mir da nicht einmal so aufgefallen.
Was verschiedene Gründe haben könnte: Vielleicht liegt es daran, dass ich den Comic nicht so ausführlich gelesen habe wie Watchmen oder V for Vendetta, sondern immer mal wieder einfach weitergeblättert habe, wenn mich Millers Dialog nervte. Immerhin ging es, für mich, in 300 darum, dass Frank Miller visuell beeindruckende Schlachtgemälde wuchtig aufs Papier klatscht.
Ein anderer Grund könnte sein, dass ich Frank Millers Tendenz und Vorliebe für einen… sagen wir mal “aufgeklärten Faschismus” in genug anderen Comics gesehen habe, ihn da aber auch ausblenden konnte. Es gibt so ziemlich kein Werk von Frank Miller, das nicht faschistische Gedankenkonstrukte vorweisen kann. The Dark Knight Returns, einer meiner Lieblingscomics, endet damit, dass der Batman sich mit einer Armee in den Untergrund zurückzieht und nur auf die richtige Gelegenheit wartet um die Macht zu ergreifen. Was kein Problem darstellt: Das ist Batman, der Mann ist ja der Gute. Batman kann man trauen. Das meine ich mit “aufgeklärter Faschismus”, wenn ich das im Kontext zu Frank Miller sage.
In The Dark Knight Strikes Again sagt sich Superman von der Menschheit los und wird zu einer Art Gott, zu Nietzsches Übermenschen, der natürlich seine Rolle im Dritten Reich fand. Millers Helden sind immer Militaristen: Batman, der am Ende von The Dark Knight Strikes Again sogar sein eigenes Tötungsverbot aufhebt, denn der Zweck heiligt die Mittel. Daredevil. Robocop. Der Ronin. Dwight, Marv und Hartigan in Sin City. Martha Washington in der eponymen Serie ist eine Soldatin. Der Einsatz der Waffe, das Kriegerethos, das zeichnet Millers Helden aus. Millers Weltbild scheint in der Hinsicht dem Weltbild der Gesellschaft in Starship Troopers zu entsprechen. Da ist es nur konsequent, dass Miller sich auf den militaristischsten aller Stadtstaaten konzentriert.
Den Kriegern steht der Rest der Welt gegenüber: Korrupte Polizisten, verlogene Politiker, homosexuelle Nazis, perverse Priester, politisch überkorrekte Linke, hasserfüllte Rechte und der einfache Bürger, der zwar eine Meinung aber keine Ahnung hat. Man kann mal eine Checkliste erstellen, wieviele dieser Klischees sich in jedem beliebigen Comic von Frank Miller finden lassen. In seinen Comics verhindern diese Bremsklötze, die meist auch optisch deutlich negativ dargestellt werden (obwohl Frank Miller selber etwas frettchenhaftes an sich hat und eher dem Yellow Bastard ähnelt als Marv oder Batman), dass die vernünftigen Krieger die Welt retten können.
Diesen Faschismus und Militarismus habe ich allerdings, und vielleicht bin ich da Heuchler, beim Lesen seiner Comics an die Seite drängen und mich ganz auf die Geschichten und die Blder einlassen können. Vielleicht auch weil er den Lackmus-Test für Verrückte im Comicbereich (noch) nicht erfüllt: An die geistige Umnachtung eines Dave Sim, mit seinen religiösen Offenbarungen und frauenfeindlichen Erkenntnissen reicht er halt bisher nicht ran.
Dann wiederum, Millers Major Opus Holy Terror, Batman - das er selbst als “Propaganda” beschreibt und in dem Batman sich im Kampf mit Osama Bin Laden messen wird - ist noch nicht erschienen. Und schon die Grundidee klingt arg danach, dass Miller damit in davesim’sche Gefilde des Wahnsinns eindringen wird. Subtilität war Millers Forte noch nie, warten wir also mal ab wie in dem potentiellen Trainwreck die Araber und die al-Quaida dargestellt wird.
Kommen wir endlich zum Film 300: Der zunächst visuell genau das geboten hat, was ich erwartete. Viele Panels des Comics wurden 1:1 in den Film übernommen, was schon ziemlich beeindruckend ist. (Wobei man konsequent auf die full frontal male nudity verzichtet hat, die es im Comic auch zu finden gab. Splatter? Ja. Willige weiber mit eisenharten Nippeln? Ja. Penisse? Da sei Gott davor.) Das ganze findet in einem Universum statt, das nie versucht so zu tun als wäre es real. Die Farbgebung, die wenigen Hintergründe, selbst die Art wie die Spartiaten glänzen, das alles wirkt absolut unrealistisch. Man sieht dem Film den digitalen Overkill absolut an. Das Thermopylen-Set ähnelt eigentlich eher einer typischen Außenkulisse aus Star Trek (die Sechzigershow mit den Pappmaché-Felsen) als einem Kinohintergrund.
Und trotzdem funktioniert das. Vielleicht eben weil man hier bewusst das Künstliche an den Szenen hervorhebt und nicht wie etwa in Spider-Man oder Final Fantasy die Computereffekte die Aufgabe haben “realistisch” auszusehen. (Ich hasse es, wenn in Spider-Man II plötzlich ein CGI-Spidey einen CGI-Doc-Ock verkloppt… man sieht dass es ein Computereffekt ist und ist erstmal augenblicklich raus aus dem Film. Das gleiche Spektakel gab es auch bei der von Bud Spencer inspirierten Neo-gegen-hunderte-Smith-Einlage im zweiten Matrix-Film.) Es ist ein bisschen ironisch, aber eigentlich schuldet 300 da sehr viel dem Herrn George Lucas und den neuen Star-Wars-Filmen: Die Schauspieler müssen sich den Effekten anpassen. Nicht umgekehrt. Aber: Es funktioniert hier. Der Film wirkt da wie aus einem Guss.
Dabei schuldet der Film visuell Leni Riefenstahl mindestens ebenso viel wie modernen Videospielen. Der Riefenstahl-Faktor ist ziemlich klar ersichtlich und nicht von der Hand zu weisen: Die Spartiaten sind muskelbepackte, eingeölte, aufrechte Männer, die sich auch direkt aus Olympia in diesen Film hätten verirrt haben können.
Die Videospielästhetik hätte man wohl vor ein paar Jahren noch als Musikvideoästhetik beschrieben, aber seitdem Männer wie Mark Romanek oder Spike Jonze auch in Hollywood Erfolg haben, ist man da vorsichtiger geworden. 300 setzt auf unzählige Effekte, die ich primär mit Videospielen verbinden würde: Die Zeitlupenästhetik eines Max Payne, das blutige Metzeln durch unzählige Gegnerhorden eines God of War (man hätte übrigens die stilisierte Gemetzel aus den Zwischensequenzen problemlos in 300 schneiden können, ohne dass es aufgefallen wäre), die akrobatischen Einlagen aus Total Overdose, die Fatalities aus Mortal Kombat, das Verlangsamen und Beschleunigen der Zeit aus Viewtiful Joe und nicht zuletzt die Cinekills aus Prince of Persia: The Two Thrones. Bei einigen der Metzelpassagen, wenn Leonidas im Vorbeigehen und in einer flüssigen Bewegung ein gutes Dutzend Perser abschlachtet, hatte ich darauf gewartet, dass der Off-Sprecher gleich ein “awesome combo” oder zumindest ein “flawless victory” von sich geben würde.
Auf der Videospielebene funktioniert auch das Gemetzel: Die Perser sind keine Menschen, nicht einmal Untermenschen, sondern Kanonenfutter. Schwertfutter. Es hat schon seinen Grund, dass man deren Gesichter nie sieht. (Und wenn doch, dann sind es Horrorkreaturen mit nichts Menschlichem an sich.) Die Armee der Perser hat hier keine andere Funktion als die “awesomeness” der Spartiaten darzustellen, aber kein Mitleid oder ähnliches abzugreifen. Die werden so eingesetzt, wie die weit über 2.000 namen- und gesichtlosen Gegner, die ich in den letzten anderthalb Wochen in Scarface: The World is Yours niedergemacht habe. Die Videospielmethodik passt auch dazu, wie die Gegner auflaufen: Level 1 - Fußtruppen. Level 2 - Reiter. Level 3 - Die Unsterblichen und ihr Monster (der im Abspann total käsig Uber Immortal heißt… vgl. auch “das Ubersoldat” aus Return to Castle Wolfenstein). Level 4 - Das LotR-Killernashorn.
Soviel zum Guten: Visuell ist 300 auf jeden Fall, um mal die Achtziger zu channeln, die Wucht in Tüten. (Okay, all das hier kann man auch bereits als schlecht kritisieren. Das kommt auf den persönliche Stil an. Ich fand es passte zum Film und funktionierte hier. Auch wenn feinsinnige Filmkust ganz was anderes ist.) Jetzt kommen die problematischen Dinge.
Die Story ist, auch das fiel mir im Comic gar nicht so sehr auf, nicht nur dünn, die Story ist Nicole Ritchie. Hier wieder mal eine der beliebten Zusammenfassungen, die unser Agitpop-Mitarbeiter Friedrich Merz extra für ihren Steuererklärungs-Bierdeckel verfasst hat: “Perser wollen Griechenland erobern. Stolze Spartaner wollen das nicht. Schreien! Metzeln! Sterben! Derweil in der Heimat: Intriganter Politiker versucht den Persern zu helfen.”
Aber, okay, ich hatte hier ja storytechnisch nichts “episches” erwartet, sondern mir war klar, dass die Geschichte ein Konstrukt sein muss, das gerade stabil genug sein sollte um das zu tragen, worum es hier geht: Blutrünstiges Geschlachte! Problem Zwei ist, dass die unterernährte Story zudem unter etwas leidet, das ich auch schon in Sin City kritisiert habe: Total überzogene Dialoge. Und 300 leidet darunter weit stärker als Sin City, wo ich das locker wegstecken konnte.
Auch das war schon im Comic zu finden, fiel mir da aber nicht so auf. Was auf zwei Möglichkeiten schließen lässt: Entweder bin ich ein extrem dämlicher Comicleser, oder Comic und Film haben größere Unterschiede in der Wirkung von Bild und Dialog auf den Leser/Zuschauer als man annehmen sollte. Anyway, die Dialoge: Entweder es wird gebölkt, oder es ist pathetisch (geradezu peri-pathetisch… sehr kleiner, althistorischer Kalauer)… oder beides.
Wenn nicht gerade gemetzelt wird, dann wird… nennen wir es in Ermangelung eines besseren Wortes “philosophiert”. Wenn sich das nächste Mal ein Jugendlicher mit ein paar hundert Tequila ins Koma säuft, dann sollte man herausfinden ob er auf einer Flatrate-Party war oder nur an einem 300-Trinkspiel teilgenommen hat: “Trinke einen Kurzen für jedes Mal wo die Worte Frieden, Freiheit, Tyrannei, Sklaven, Anstand, Ruhm oder Ehre fallen.” Jesses, sowas kann der US-Präsident in einer State of the Union von sich geben, aber sowas kann man doch nicht ernsthaft so ins Kino transportieren. Selbst wenn es schon im Comic zu finden war.
300 ist nun kein sonderlich dialoglastiger Film, aber trotzdem ist fast jeder gesprochene Satz schmerzhaft. Weil 300 jedwede Ironie fehlt um zu erkennen, wie lächerlich das Kriegspalaver auf den neutralen Zuschauer wirken sollte. Im vierbändigen Lexikon Sätze die man nie ironiefrei ins Kino bringen darf füllt 300 trotzdem locker die Bände 1 bis 3. Und, sorry, immer wenn die Spartiaten zustimmend gegrunzt haben, suchte ich die Leinwand ab: Ich bin mir ganz sicher, dass irgendwo unter den 300 Spartanern Al Borland und Tim Taylor zu finden sind.
(Der beste Satz des Films (”Unsere Pfeile werden die Sonne verdunkeln.” - “Dann kämpfen wir eben im Schatten.”) ist übrigens weder auf Millers, noch auf Zack Snyders Mist gewachsen, sondern lässt sich schon in Herodots Historien VII, 226 nachlesen.)
Achja: Wenn gerade nicht gemetzelt wird, dann verliert der Film auch stark an Tempo. Besonders wenn wir zur Ehefrau von König Leonidas nach Sparta zurückschalten, die dort die Politiker davon zu überzeugen versucht, dass ganz Sparta sich zum Krieg gegen Persien rüsten solle. Das sind zwar keine echten Längen, aber der Tempoverlust in den Szenen schadet dem Film.
Fraglich ist, wie stark man das historische Argument bei 300 nutzen kann. Weder der Comic, noch der Film sind historisch (auch wenn Miller Anspruch darauf erhebt, dass der Comic historisch wäre), sondern sie nutzen ein historisches Ereignis um einen Grund zu haben ihre opulente Schlachtplatte anzubieten. Das ist hier halt die Schlacht um die Thermopylen, es könnte aber eben so gut Japans Abwehr des Mogolenheers, Mark Aurels Kampf gegen die Markomannen oder Caesars Invasion Galliens und Britanniens sein. Mit vielen Details hält sich der Film nicht auf, Spartaner und Perser werden nur so weit dargestellt, wie es nötig ist um ihnen einen Grund zu geben sich gegenseitig Körperteile abzusäbeln.
Aber gut, einige der Kritikpunkte kann man trotzdem anschneiden. Man sollte sie nur nicht unbedingt daran festmachen, dass 300 hier unhistorisch ist. Oder zumindest sollte man sie nicht ausschließlich daran festmachen. Da ist beispielsweise Leonidas Schwinger gegen die Athener, die “Knabenliebhaber” sind. Wie in den Leserbriefen des vierten 300-Hefts schon 1998 angemerkt wurde: Das ist verlogen. Jeder spartanische Krieger bekam einen Jungen zur Seite gestellt, den er ausbildete, dem er Geschenke machte und mit dem er auch den Geschlechtsakt vollzog.
Dass Miller das ignoriert passt zu seinem Gesamtwerk: Homosexuelle kommen bei Miller fast nie gut weg und päderastische Homosexualität (auch wenn sie damals normal und akzeptiert war), würde natürlich das von ihm geschaffene Bild der “echten Männer” aus Sparta ruinieren. Darum lässt sich im Film auch nicht die Stelle finden, an der ein persischer Späher die Spartaner erstmals erblickt und erstaunt feststellt, dass sie sich gerade die Haare kämmen (Herodot VII, 208). Ironisch, da der Film natürlich durch die haarlosen, geölten Muskelkloppse aus Sparta sich doch einer eher homo-erotischen Bildsprache bedient. Und nächste Woche spielen wir: 300 oder Gayporn? Ganz so leicht ist das nicht auseinander zu halten.
Und natürlich wird Xerxes hier als extrem tuntig dargestellt. (Im Kontrast zur markant-männlich homosexuellen Ausstrahlung der Griechen.) Hier bin ich aber gewillt Frank Miller und Zack Snyder den Hauch eines Zweifels einzuräumen und zu glauben, dass sie den Bling-Bling-behängten Xerxes primär so dargestellt hat, weil das ein hübscher visueller Effekt war. So wie es eben auch der Perser mit den Messerarmen ist. (Der so auch nicht im Comic zu finden war, wenn ich mich richtig erinnere. Der aber auch zeigt, wie historisch ernst dieser Film zu nehmen ist. Ein Kerl mit Messerarmen. Eat your heart out, Baraka.)
Ein anderer Kritikpunkt ist die Sache mit der Freiheit, für die die Spartiaten kämpfen. Auch das ist natürlich verlogen: Die Spartaner konnten nur deshalb ein so formidabler Kriegerstaat werden, weil sie unzählige andere Stämme unterdrückten und ein riesiges Kontigent an Sklaven hielten, die den wirtschaftlichen Rückhalt der Stadt darstellten während die Männer sich im Krieg befanden. Auch das thematisieren weder Film noch Comic. Und, zugegeben, es ist den gesamten Film hindurch nicht ein Sklave zu sehen.
Trotzdem akzeptiere ich, dass die Spartaner für die “Freiheit” kämpfen. Auf der filmischen Ebene tun sie nämlich genau das: Sie als Spartaner kämpfen für ihre Freiheit auch zukünftig andere Staaten unterdrücken zu können, statt selbst von einer fremden Macht (dem persischen Großreich) unterdrückt zu werden. Hey, die amerikanischen Kolonien haben auch für ihre Freiheit gekämpft und die Sklaverei trotzdem 1776 nicht abgeschafft. Dass die spartanischen Krieger keine bürgerrechtlichen Bedenken haben, damit kann ich leben. Alles andere erschiene mir unwahrscheinlicher. Trotzdem ist es natürlich legitim zu erwähnen, dass der Film die Sklaverei komplett außen vor lässt.

Kritisch wird es wenn man dem Film vorwirft, dass er “nie einen Zweifel daran [lässt], dass die 300 Spartaner, die hier ein beispielloses Gemetzel veranstalten, “die Guten” sind“. Da erwarte ich, dass der Zuschauer etwas mitdenkt und nicht blind alles frisst, was ihm vorgesetzt wird. Dass der Zuschauer sich eben nicht von all dem Freiheit-HRRRAAAGGHHH-Gebell komplett blenden lässt. Die Perser mögen ihre Opfer an einen Baum binden, die Spartaner bauen eine Mauer aus persischen Leichen. Und selbst wenn man ignoriert, dass Sparta eine Despotie ist: Die Spartaner töten Babies. Schmeißen sie, wie ihre historischen Vorbilder, den Berg Taygetos hinab wenn die Säuglinge deformiert oder zu schwach sind. Wer das gut findet oder akzeptiert, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
Damit der Kontrast Sparta gegen Persien noch krasser wirkt, baut Miller zudem die Leistung der Spartaner natürlich stark auf: Die 4.900 Griechen die nicht aus Sparta kamen, aber mit den Spartiaten an den Thermopylen gekämpft haben (Herodot VII, 202-203) ignoriert Miller geflissentlich. Auch wurde man laut Herodot (VII, 213-214) nicht von einem spartanischen Krüppel verraten. Und wenn man die meisten anderen Griechen (mit Ausnahme eines guten Dutzend Arkadier) ignoriert, dann muss man natürlich auch nicht darauf eingehen, dass es Leonidas war, der die anderen Griechen wegschickte, damit sie nicht fallen. Mit Ausnahme der Thespier, die freiwillig blieben, und der Thebaner, die von Sparta abhängig waren und denen Leonidas befahl, dass sie mit ihnen zusammen sterben sollten (Herodot VII, 221-222). Soviel zur universellen Freiheit, für die Leonidas kämpft.
Dann wiederum: 300 ist optisch derart übertrieben, die Schlachtszenen sind so gestellt und die Messerarm-Persier sind so überzogen, dass es einfach falsch wäre an 300 heranzutreten mit der Erwartung, dass der Film “historisch korrekt” arbeitet. Besonders da die Hauptquelle für die Schlacht an den Thermopylen von Herodot verfasst wurde: Einem Mann der auch den Spitznamen “Vater der Lügen” weg hat und der wohl selbst die historische Realität nie einer guten Fiktion im Weg stehen ließ. Die Kritikpunkte Homophobie, Faschismus, Xenophobie kann man immer noch anschneiden wenn man möchte. Vielleicht sogar besser wenn man sich auf den Film an sich konzentrieren kann und sich nicht am Rettungsring historischer Halbwahrheiten festklammert.
Der überkandidelte Off-Sprecher, der die Geschichte erzählt, darf dabei nur sehr eingeschränkt als Belastungszeuge herhalten: Wie wir sehen ist der Mann selbst Spartaner, der gegen die Perser gekämpft hat. Als solcher ist er nicht allwissend, sondern unzuverlässig, wie das in der Buchanalyse heißen würde. Wenn der Mann die Perser also als Monster oder das persische Heer als Bestie bezeichnet, dann sollte man nicht vergessen: Er ist kein neutraler, unfehlbarer Erzähler aus der dritten Person.
Und man sollte auch nicht vergessen, dass der “unmenschliche Gegner” schon seit Jahrzehnten ein Klassiker des Hollywoodfilms ist. Seien es die Deutschen in Indiana Jones, die Japaner in Pearl Harbour, die mexikanischen Orks in The Alamo, die Sowjets in Red Dawn, die Markomannen in Gladiator oder die Briten in The Patriot. Das entschuldigt möglichen oder realen Rassismus in 300 nicht, es hilft aber die Sache ein wenig in den Kontext zu rücken. Die Frage wie rassistisch 300 ist, ist eng damit verknüpft wie stark politisch man den Film liest.
Das Leitmotiv Sparta gegen Persien sehe ich persönlich nicht als primär auf den Konflikt Westen gegen arabische Welt, oder sogar auf den Konflikt USA gegen Iran zugeschnitten (auch wenn ich verstehe warum man das so lesen kann, warum sich der Vergleich geradezu aufdrängt), sondern eher als typisches Leitmotiv Millers.
Seine maskulin-kriegerische Idealgesellschaft Sparta, mit ihrer Kameradschaft und ihrem Heldenethos, steht einem Persien gegenüber, dessen Bewohner deformiert sind, sich mit viel Flitterkram schmücken und in dessen Lagern es zugeht wie in Sodom und Gomorrah. Aber genau dieser Konflikt zwischen echten Männern (die auch mal eine Frau sein können, siehe Martha Washington oder “deadly, little Miho” in Sin City) und verweichlichten Hedonisten zeichnet fast alle Comics von Miller aus. Er hätte auch für jeden anderen Konflikt, den er als Hintergrund genommen hätte, einen Weg gefunden dieses Element einzubauen.
Der Comic-Leonidas ist sogar noch um einiges unsympathischer als der Film-Leonidas. Er bietet dem verkrüppelten Spartaner gar nicht erst an, zumindest als Sanitäter oder Leichensammler tätig zu werden, sondern schickt ihn einfach fort. Das ist halt Millers Weltbild, dass sich auch in 300 spiegelt: Krieger - yay! Politiker, Intellektuelle, Künstler, Rest der Welt - buh!
Mögen muss man das nicht, aber ein gewisses Maß an Fairness sollte man trotzdem walten lassen. Die oben verlinkte Intro-Rezi erkennt etwa auch:
Dabei ist es bezeichnend, dass der widerlichste Bösewicht der Geschichte ein liberal wirkender Kriegsgegner ist, der sich natürlich als korrupter Königinnenschänder entpuppt.
Was dann der Moment ist, wo eindeutig der Ärger über die Untertöne des Films die Überhand gewonnen hat. Denn warum der Kriegsgegner “liberal” wirkt, weiß ich nicht. Sowas habe ich im Film nicht gesehen. Und er ist nicht gegen den Krieg, weil er Pazifist oder auch nur Diplomat wäre: Er ist gegen den Krieg, weil er von Xerxes dafür bezahlt wurde, die Spartaner vom Krieg fern zu halten. Und das wird von Anfang an klar. (Wobei es wiederum für die rassistische Interpretation spricht, dass ein Junge der ein persisches Massaker überlebt, blond und blauäugig ist…)
Allerdings: In Millers bisherigen Comics kamen weder Demokraten noch Republikaner gut weg. In The Dark Knight Returns macht er sich über Ronald Reagan, immerhin die Ikone der modernen Konservativen, lustig. In The Dark Knight Strikes Again spottet er über die Bush-Administration. Miller hat eher ein Problem mit der Demokratie an sich, als mit irgendeiner Strömung in ihr: Während Politiker immer nur palavern, handeln echte Männer (wie Batman, Daredevil oder Leonidas). Und von der Bevölkerung ist auch nichts zu erwarten: Die wählen in Give Me Liberty wieder und wieder einen Mann der die USA in einen (ungerechten) Polizeistaat verwandelt hat und in The Dark Knight Strikes Again sogar gleich ein Hologramm zum Präsidenten.
Wenn man den Film als Kulturkampfmetapher liest, dann macht der letzte Aufruf zum Krieg gegen “Tyrannei und Aberglauben” Angst. Denn dann ist er so wie Ann Coulters Aufforderung “in ihrer Länder einzufallen, ihre Anführer zu töten und sie zum Christentum zu bekehren”. Und ich kann nicht sagen, dass 300 zu dumm ist, um beleidigend zu sein. Denn Rassismus und Xenophobie kommen in ihrer einfachsten Form dumm und bodenständig daher.
Und trotzdem halte ich es auch für ungerecht, den Film nur auf die Meta-Ebene zu reduzieren und ihm jede filmische Ebene komplett abzusprechen, auf der die Spartaner, all die oben genannten Probleme außen vorgelassen, eben wirklich für ihre Freiheit (andere zu unterdrücken) und gegen einen Eindringling kämpfen, der sie versklaven will.
Vielleicht sehe ich das aber auch nur so, weil ich den Film jetzt nicht total scheiße fand und darum sollte mir “jetzt klar sein, welches Wimpelchen du damals getragen hättest, wenn du in den frühen 1940ern schon auf der Welt gewesen wärst.” Oder nochmal der Intro-Text, der mich daher in folgende Ecke stellt: “Ein wirklich erstaunlicher Trashfilm, der den richtigen Leuten richtig großen Spaß machen wird.” Und wer mit “die richtigen Leute” gemeint ist, ist auch klar: Militaristen. Faschisten. Islamophobe. Nazis.
Ich würde es eher mit einem anonymen Leserbrief aus den 300-Heften halten: “It’s Miller again. Gorgeous works, ugly subtext.” Der Film funktioniert für mich als das, was ich von ihm erwartet habe: Er ist eine Schlachtplatte ohne Tiefe, sieht dabei aber ungemein schick aus. Im Grunde genomme ist 300 ein glorifizierter B-Movie. Ein Film, der eher im Splatter-Regal einer abgewrackten Videothek als im Feuilleton der FAZ zuhause wäre, wenn er eben nicht das Blockbuster-Budget hätte.
Was mir gar nicht schmeckt, wenn die mangelnde Tiefe darauf zurückgeführt wird, dass der Film halt einen Comic als Vorlage hat. Da verwechseln dann wieder ein paar Experten Medium und Message. Wer einen tiefgründigen, gut recherchierten und spannend geschriebenen Comic über die Antike lesen will, dem sei übrigens Eric Shanowers wundervolles Age of Bronze ans Herz gelegt. (Ein Comic mit Literaturverzeichnis!)
Ganz abseits des Politischen: 300 wird nicht das Ende des klassischen Films sein. Diese totale Überinszenierung, die ständigen Zeitlupen und vorgespulten Bilder, das künstliche Erscheinungsbild… das funktioniert einmal oder auch zweimal, so lange es noch neuartig ist. Danach wird es langweilig und belanglos, so wie die Bullet Time in der Zeit nach The Matrix. Und dann wird das ästhetische Gemetzel nicht darüber hinwegtäuschen können, wie armselig und lachhaft die Dialoge des Films sind.
300 fehlt da genau jene Ironie, die Starship Troopers mit sich brachte. In Verhoevens Film wurden die militärischen Phrasen und die schönen Menschen im Krieg dadurch ausgehebelt, dass die Videoeinspieler (”Wollen Sie mehr wissen…”) die Militärdiktatur auf Korn nehmen und den Krieg gegen die Bugs als sinnlos entlarven. In Zack Snyders Film und in Millers Comic allerdings meinen die alles was sie sagen und schreien (primär schreien) ernst. Bierernst.
Wenn man allerdings als Zuschauer exakt den großen Kasten Ironie mitbringt, der dem Film fehlt, dann kann man hier durchaus unterhalten werden. Im gleichen Maße wie man mit dieser Notfallration Ironie wirklich seinen Spaß mit Rambo III oder Red Dawn haben kann. Das hilft auch sehr bei den Dialogen. (Nur aufpassen: Man wird im Kino böse angeguckt, wenn andauernd anfängt zu lachen oder kichern während Leonidas mit viel Gravitas irgendwelche Phrasen drechselt.)
Entpolitisiert und mit dem nötigen Abstand fand ich 300 trotzdem gut: Es ist ein hirnfreies, extrem schön anzusehendes Gemetzel, umklammert von einer äußerst lächerlich erzählten und inszenierten Geschichte. Ein Schlockbuster von epischem Ausmaß, mehr Uwe Boll als Cecil B. DeMille. Aber mein innerer Teenager, der Reptilienteil meines Gehirns, war mit dem Gemetzel sehr zufrieden und verspürt jetzt den Drang sich doch den zweiten Teil von God of War zu kaufen. Mein innerer Teenager ist halt so, auch wenn er mich damit jetzt als Proto-Nazi und Politically-Incorrect-Leser geoutet haben mag.
Der ultimative Test wie rassistisch 300 wirklich ist, wird wohl Holy Terror, Batman sein. Die Darstellung der Amerikaner und Araber in dem Comic dürfte zeigen, wieviel dieses Films tatsächlicher Rassismus und wieviel unglücklich gewählte Ästhetik war. DC, wir warten.
3/5
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April 8th, 2007 at 11:06 am
Bitte schreib was über die Unterschiede zwischen 300 und Herr der Ringe. Vielen Dank im Voraus.
April 8th, 2007 at 12:08 pm
Hm. Was mich nun aber doch interessieren würde ist, wie der Film denn die geforderte Ironie in den Dialogen hätte umsetzen sollen? Militär-Propaganda-Filmchen aus dem fernen Sparta klappen hier nunmal leider nicht.
April 8th, 2007 at 12:22 pm
OH MEIN GOTT! DU HAST RECHT! Frank Miller sieht wirklich aus wie der “yellow Bastard”!!
(Du hast mich übrigens ausgerechnet mit dem Satz zitiert, bei dem ich am längsten überlegt habe, ob er nicht zu polemisch/klischeehaft/pseudolinks daherkommt. Grr.)
Mich hat “300″ auf jeden Fall dazu gebracht, Frank Millers Gesamtwerk in einem anderen Licht zu sehen und neu zu evaluieren - und dein Text liest sich in dem Kontext ausgesprochen spannend und interessant. Speziell “The Dark Knight Returns”, einer meiner erklärten Lieblingscomics, hat bei mir inzwischen viel von der ursprünglich von mir unterstellten Doppelbödigkeit eingebüßt.
Interessant auch, dass du “The Dark Knight Strikes Again” als ideologisch nahtlose Fortsetzung ansiehst - ich habe das Werk eigentlich immer als eine Art Umkehrung des ersten Teils gesehen, eine spielerische Demontage der Dinge, die Miller im ersten Teil etabliert hat. Aber ich fürchte, ich habe Miller da ein wenig überschätzt. Ich schätze, in den nächsten Tagen werd’ ich mir Millers diverse Arbeiten noch mal zu Gemüte führen müssen.
April 8th, 2007 at 12:27 pm
@hen:
In 300 gibt es kein Comedy Relief wie Gimli in LotR. Außerdem surft keiner der Spartiaten auf seinem Schild eine Treppe hinunter.
***
@ulk:
Schwer zu sagen. Es würde helfen, wenn einer der Spartacken mal etwas mit einem leichten Augenzwinkern sagen würde. Oder wenn einer der 300 einmal einen etwas saloppen Kommentar über die ganze Metaphorik von sich geben würden. Alternativ kann man auch versuchen die Dialoge mit Bildern zu kontrastieren, die dem gesagten - zumindest leicht - entgegen laufen.
Aber, hey, wie gesagt: Mit einem Satz Ironie kann man den Dialogen sogar eine gewisse Komik abgewinnen. Wenn einem die Ironie natürlich fehlt, oder man nicht gewillt ist sie auf 300 zu vergeuden (was durchaus legitim ist), dann darf man bei meiner Punktvergabe am Ende locker zwei bis drei Punkte abziehen.
April 8th, 2007 at 1:08 pm
Ich wüßte gern, woher dieser Reflex kommt, alles das im Kino läuft auf irgend etwas aktuelles politisches zu beziehen. (Zur Not auch nur, weil das zufällig den gleichen Namen trägt.) Jigsaw? Guantanamo! 300? Iran! “Casino Royale”? Muß irgendwas mit dem Verbot von Online-Glücksspielen in den USA zu tun haben, oder so. Paßt irgendwie. Was zur Hölle?
Wo kommt das her? Wann hört das auf?
April 8th, 2007 at 1:36 pm
[...] Kritiken, Berichte: TAZ: In der Geisterbahn der Geschichte NZZ: Historientrash FR: Die Rache des Buckligen FAZ: Comic-Gemetzel nach Herodot TELEPOLIS: Der diskrete Charme des Spartanischen SPIEGEL: Die spartanischen Verse SPIEGEL: Der verletzte Stolz der Iraner DER TAGESSPIEGEL: NAZIS IN SPARTA? Die Debatte um Zack Snyders Comic-Spektakel “300″ AGITPOP: 300 - Plain evil or just stupid? [...]
April 8th, 2007 at 2:04 pm
@Peter:
Du hast mich übrigens ausgerechnet mit dem Satz zitiert, bei dem ich am längsten überlegt habe, ob er nicht zu polemisch/klischeehaft/pseudolinks daherkommt. Grr.
So geht das heutzutage mit den Soundbites. Aber ich hatte extra in den Quellen nochmal deinen gesamten Text verlinkt, weil ich deine Interpretation ja durchaus gut argumentiert fand, auch wenn ich sie nicht komplett teile.
Und dass ich ausgerechnet die Stelle zitiert habe liegt halt auch daran, dass ich vielleicht etwas zu stark auf Godwin`s Law setze und mich da halt direkt angesprochen fühlte, weil ich von 300 schon ganz gut unterhalten wurde. Und du hast da nur als Stellvertreter für mehrere Aussagen dieser Art herhalten müssen. Aber, hey, das hier das Internet: Wenn du hier nicht auf die Kacke hauen darfst, wo dann?
Mich hat “300″ auf jeden Fall dazu gebracht, Frank Millers Gesamtwerk in einem anderen Licht zu sehen und neu zu evaluieren - und dein Text liest sich in dem Kontext ausgesprochen spannend und interessant.
Danke. Ich fand halt, dass der Film so eng an Millers Comic geknüpft ist, dass man ihn am ehesten mit Blick auf Millers andere Comic betrachten sollte. Und das fand, leider, in zu wenigen Rezensionen statt. (Wobei ich natürlich von Filmkritikern nicht erwarten kann, dass sie erst alle Comics von dem Mann lesen. Ich lese ja auch nicht alle Chrichton-Bücher ehe ich befinde, dass Timeline nix war.)
Interessant auch, dass du “The Dark Knight Strikes Again” als ideologisch nahtlose Fortsetzung ansiehst - ich habe das Werk eigentlich immer als eine Art Umkehrung des ersten Teils gesehen, eine spielerische Demontage der Dinge, die Miller im ersten Teil etabliert hat.
Ich sehe das Halb-Halb. Ich verlinke nochmal auf meine Rezi zu TDKSA. Das ist einerseits der Versuch einen Comic zu schaffen, der sich bewusst nicht zu gut mit dem 1986er Werk vergleichen lässt, der aber Millers Leitmotive weiterführt.
In der Paperbackausgabe zu DKR (Tenth Anniversary Edition, verlegt 1996) gibt es als Bonus das Skript des letzten Kapitels wie es Miller ursprünglich geplant hatte. Ich zitiere da mal, wie die letzten Seiten da geplant waren:
Und dieses Weltbild - Batman auf einem Thron, seine fackeltragenden Soldaten, die Erkenntnis, dass die Welt an sich korrumpiert ist - entspricht ja sehr stark dem Bild, das du auch in DKSA finden konntest. Wobei ich Millers Gesamtwerk auch immer kritischer gegenüber stehe und DRK nicht mehr so genießen kann wie noch vor ein paar Jahren. Gut dass wir noch Moore, Morrison, Ellis und Ennis haben.
(Achja, zu Zack Snyders Watchmen - reißt du in deinem Text ja auch an - der Film wird wohl schon daran scheitern, dass es idiotisch ist einen zwölfbändigen, vielschichtigen Comic in einen Film von zwei Stunden Länge zu pressen… und der wird von Leuten gesehen werden, denen das Vorwissen über Comics und Superhelden größtenteils fehlt. Das klingt für mich nach einer unschaffbaren Aufgabe selbst für den fähigsten Regisseur.)
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@David:
Das ist so und das war schon länger so. Ich kann ja sogar verstehen, dass man den Kontext zum Iran sieht. Aber auf den aktuellen Konflikt bezieht sich der Film, meiner Ansicht nach, nicht: Dafür ähnelt er zu sehr dem Comic, der ja schon vor einer knappen Dekade erschienen ist. Da wird also entweder überinterpretiert oder Miller hat ein generelles Problem mit der arabischen Welt. Da lege ich mich nach Holy Terror, Batman! fest.
April 8th, 2007 at 3:37 pm
@Björn:
Zum Ende von DKR: interessant, dass du das alternative Ende ansprichst (ich hab’ genau dasselbe Paperback daheim): das finde ich nämlich in der Tat wesentlich faschistoider als das Ende, das es schliesslich geworden ist. Im aktuellen Ende geht Bats ja in den sprichwörtlichen Untergrund, um das böse System von dort aus zu bekämpfen - quasi ein Revoluzzer der alten Schule, wie ja so ziemlich jede politische Richtung (Commies mindestens genauso wie Faschos oder Sonstige) sie bemüht hat. Und gerade die Lesart von Batman als “Held des Volkes” fand ich in dem Kontext durchaus plausibel, ohne zwangsläufig faschistische Motive zu entdecken. Und mit DKSA tu’ ich mich nicht zuletzt dank deiner Rezension mittlerweile überhaupt nur noch schwer, was Interpretationen angeht. Ich glaube, da muss ich mal ein Buch drüber schreiben oder so.
@David:
Da kommt finde ich der Titel von Björns Eintrag wieder recht gut zu tragen: “Plain evil or just stupid?” wer nämlich einen solchen Film macht bzw. sich entscheidet einen solchen Comic zu adaptieren, der muss sich doch über eine so offensichtliche und aufdringliche Interpretationsmöglichkeit doch bereits im Vorfeld im Klaren sein und in irgendeiner Weise darauf im Film eingehen.
Recht gut gefällt mir da ein Zitat aus der Rezension des österreichischen Kinomagazins RAY (Ausgabe 04/07): “Zu schrecklich die Vorstellung, dass tatsächlich wahr sein könnte, was Zack Snyder [...] auf einer Pressekonferenz im Rahmen der Berlinale zu Protokoll gab. Er habe lediglich einen Comic verfilmt, lautete die arg naive Antwort auf die kritischen Fragen des ziemlich entgeisterten Fachpublikums nach der politischen Symbolik und den ideologischen Implikationen der Handlung.”
(Oder anders gesagt: wir leben in komplizierten Zeiten, da darf man nicht mehr naiv sein.)
Und zu “Watchmen”: eine wirklich adäquate Filmumsetzung wird es sowieso nicht geben. Unter Zack Snyder wird der Film aber wohl zur Vollgurke verkommen, weil (a) Snyder in seiner offensichtlich naiven Art vermutlich die Komplexität des Werks nicht begreifen und daraus einen reinen Spaß-Actionkracher machen wird und (b) weil eine Bild-für-Bild-Adaption a la “Sin City” oder “300″ bei Watchmen sowieso die komplett falsche Herangehensweise ist. Und der Snyder wird sicher wieder so eine machen wollen.
April 8th, 2007 at 4:13 pm
eine Bild-für-Bild-Adaption a la “Sin City” oder “300″ bei Watchmen sowieso die komplett falsche Herangehensweise ist. Und der Snyder wird sicher wieder so eine machen wollen.
Obwohl ich es interessant fände zu sehen, ob es da eine Möglichkeit gäbe die sechste (?) Ausgabe zu verfilmen. Also da, wo die erste Hälfte des Hefts vom Seitenaufbau her exakt die zweite Hälfte spiegelt.
Die Frage stellt sich aber auch, wie man Watchmen modernisiert: Im Kino wirst du dich nach dem Relevanzanspruch eines Films fragen lassen müssen, der einen eindeutigen Bezug zum Kalten Krieg hat. Besonders da der Film kein Kommentar auf Comichelden sein kann, wie es der Comic war.
Ich wage zu bezweifeln, dass Zack Snyder (oder sonst ein Regisseur, selbst der sehr von mir geschätzte Terry Gilliam) in der Lage sein wird Rorschach adäquat umzusetzen. Das Publikum wird mangels Vorwissen nicht begreifen, dass der Mann die hochgepumpte Version von Ditkos The Question ist. Schon alleine weil es Ditko nicht kennt und damit nicht weiß, dass Atlas Shrugged Ditkos Bibel war. Das gleiche Problem wirst du mit dem Comedian, mit Dr. Manhattan und mit Ozymandias haben.
Am Ende hast du dann auf der Leinwand drei Faschisten und einen Gott, aber keine deutliche Aussage, was das Schauspiel jetzt überhaupt sollte. Und nachdem bisher jede Moore-Verfilmung den Comics nicht gerecht wurde, würde ich mir wirklich wünschen, dass man von dem Titel die Finger lässt. Manche Comics sind einfach nicht für die Leinwand geschaffen. (Ich würde mich ja gerne positiv überraschen lassen, sehe aber nicht wie das passieren sollte…)
April 8th, 2007 at 7:18 pm
Also, den immer wieder auftauchenden Rufen nach “Augenzwinkern” kann ich mich nicht anschließen. Ich glaube nicht, dass Selbstironie einen Film automatisch besser macht. Da finde ich den Weg, den “300″ einschlägt fast ehrlicher. Man sollte dem Zuschauer einfach zutrauen, dass er auch ohne diverse lustige, ironische Bemerkungen das hier dargebotene Ideal nicht ernst nimmt (nach dem Motto “Schwächliche Babys aussortieren? Hm, gute Idee eigentlich!”). Vor allem durch die Over-the-Top-Inszenierung. Die Comic-Vorlage wirkte da ja in Relation schon direkt bodenständig. Und auch an die Fantasy-Elemente wie den Riesentroll kann ich mich dort zumindest nicht erinnern.
Auf “Holy Terror, Batman!” bin ich auch schon gespannt. Obwohl ich nicht glaube, dass ich danach schlauer aus der Person Frank Miller werde… (Schelm? Exzentriker? Geistesgestörter?)
April 8th, 2007 at 7:33 pm
(Disclaimer: Ich werde den Film erst im Laufe dieser Woche sehen und habe den Comic das letzte Mal vor gut zehn Jahren gelesen)
Mich irritierte an der Berichterstattung in den deutschen Feuilletons vor allem, dass die (durchaus legitime) US-Propaganda-Lesart immer ein bisschen als die einzig mögliche vorgeschoben wurde. Aber genausogut kann ein patriotischer Amerikaner den Herren Miller und Snyder vorwerfen, vaterlandslose Gesellen zu sein, die es heroisieren, wenn eine Handvoll fanatischer Burschen sich gegen die Invasion durch die überlegene Armee einer dekadenten Grossmacht zur Wehr setzen. Durch die (etwas stupide) Gleichsetzung “antikes Persien = islamischer Iran” macht man es sich da etwas zu einfach.
Ich habe da ohnehin so meine Zweifel, dass der Film wirklich bewirken soll, dass der Zuschauer sich mit den Spartiaten identifiziert. Selbst wenn die Perser ziemliche Buhmänner sind hat doch unser eigener Erfahrungshorizont nicht allzuviel mit Sparta zu tun. So gesehen bin ich mir auch gar nicht sicher, dass eine ironische Brechung nötig gewesen wäre, damit der Zuschauer das pompöse Geschrei wie ich es bislang aus den Trailern kenne, nicht ernst nimmt.
Was das angeht - wir sind uns hoffentlich einig, dass das hier:
> In 300 gibt es kein Comedy Relief wie Gimli in LotR. Außerdem surft
> keiner der Spartiaten auf seinem Schild eine Treppe hinunter.
eher ein Qualitätsmerkmal von 300 als ein Kritikpunkt sein dürfte…
Interessanter fand ich da deine Beobachtungen zur unterschiedlichen Rezeption von Buch und Film. Das was du in deinem Fall bei Sin City festgestellt hast - dass die selben Dialoge, die einem im Comic nicht sonderlich aufgestossen sind, im Film eher Zahnschmerzen hervorrufen - kann ich durchaus bestätigen… andererseits lassen sich Millers Dialoge auch schon in der Comic-Form gut parodieren (ich denke da an die frühen Auftritte des Roach-Charakters in Cerebus).
Was übrigens das hier angeht:
> Da wird also entweder überinterpretiert oder Miller hat ein generelles
> Problem mit der arabischen Welt. Da lege ich mich nach Holy Terror,
> Batman! fest.
In Sachen 300 halte ich das schon für überinterpretiert, zumal die Darstellung der Perser nicht viel über Millers Meinung zum Islam aussagt. Generell allerdings würde ich sagen, diese Geschichte (aus den Kommentaren zu Ron Gilberts Blogeintrag):
http://littlegreenfootballs.com/weblog/?entry=24146_Batman_Artist_No_Moonbat&only
lässt befürchten, dass der gute Frank auf dem besten Weg in die Sim-Sphäre ist…
April 8th, 2007 at 9:38 pm
@San Andreas:
Also, den immer wieder auftauchenden Rufen nach “Augenzwinkern” kann ich mich nicht anschließen. Ich glaube nicht, dass Selbstironie einen Film automatisch besser macht. Da finde ich den Weg, den “300″ einschlägt fast ehrlicher.
Ehrlicher vielleicht… aber zumindest für mich nicht besser. Mit dem Augenzwinkern bin ich gewillt die wirklich schlechten Dialoge und Monologe zu tolerieren und den Film als visuelles Schmankerl anzusehen. Ohne Augenzwinkern kann man festhalten, dass die Dialoge zum Teil unter dem Niveau des Michael-Dudikoff-Films liegen, der jeden Samstag um 23:00 auf RTL II ausgestrahlt wird. Und, ganz im Ernst, sowas sollte nicht außerhalb eines Direct-to-Video-Vehikels existieren.
Man sollte dem Zuschauer einfach zutrauen, dass er auch ohne diverse lustige, ironische Bemerkungen das hier dargebotene Ideal nicht ernst nimmt (nach dem Motto “Schwächliche Babys aussortieren? Hm, gute Idee eigentlich!”).
Jetzt verteidige ich hier eine Position, die ich gar nicht vertrete. Ich bin ja auch denkende Zuschauer. Aber ohne den schützenden Ironiefilter habe ich ehrlich gesagt wenig Lust Spartarzan und seinen merry men zwei Stunden beim Grunzen und Pathos sammeln zuzuhören.
Vor allem durch die Over-the-Top-Inszenierung.
Ähm, das Argument habe ich aber auch gebracht.
Auf “Holy Terror, Batman!” bin ich auch schon gespannt. Obwohl ich nicht glaube, dass ich danach schlauer aus der Person Frank Miller werde… (Schelm? Exzentriker? Geistesgestörter?)
Ach, ich denke schon, dass man aus dem Gesamtwerk eines Mannes auch Rückschlüsse auf die Person ziehen kann. Die müssen natürlich nicht richtig sein (und man schaut den Menschen nur vor den Kopf). Aber wenn jemand 2007 einen Propagandacomic im Stile der alten Comics von Captain America machen will (die ja auch vor zeitgenössischem Rassismus strotzten… schau dir mal die Japaner auf den Covern an) und dabei bisher keinen Funken Ironie oder postmoderne Egalität ausstrahlt, dann finde ich das schon bedenklich. Wenn Grant Morrison sowas machen würde, dann hätte ich keine Sorgen. Wenn Garth Ennis den Midnighter nutzt um Hitler ins Gesicht zu treten, dann traue ich ihm da halbwegs.
Aber direkte Propaganda? Von einem eher unsubtilen Autor wie Miller? Ich zitiere da mal Larry Gonick:
Mal gucken ob DC nicht doch noch die Notbremse zieht. Chuck Dixons American Power wurde ja auch geaxtet ehe das erste Heft erschienen ist. Und der Arc “Captain America gegen die Terroristen”, der nach 2001 seinen Weg ins Marvel Universum fand, wurde ja auch dankbarerweise schnell eingestellt, weil er zu simplistisch war.
Aber, wie ich im Text sagte: Erstmal will ich den Comic lesen, dann sehe ic weiter.
***
@bomster:
Durch die (etwas stupide) Gleichsetzung “antikes Persien = islamischer Iran” macht man es sich da etwas zu einfach.
Das ist halt der Faktor, dass jedes Produkt immer im Kontext seiner Zeit gesehen wird. Im Text betone ich ja, dass ich das eher als Millers Leitmotiv “Krieger gegen Dekadenz” verstehe.
Selbst wenn die Perser ziemliche Buhmänner sind hat doch unser eigener Erfahrungshorizont nicht allzuviel mit Sparta zu tun.
Wobei dieses Sparta aber auch so simpel ist, dass es dir (jenseits des Babies töten) nicht allzu fremd vorkommt. Dadurch dass Miller beide Seiten eigentlich nur schwach definiert, kannst du da sehr viel reinprojezieren. Entweder für oder gegen den Film.
So gesehen bin ich mir auch gar nicht sicher, dass eine ironische
rechung nötig gewesen wäre, damit der Zuschauer das pompöse Geschrei wie ich es bislang aus den Trailern kenne, nicht ernst nimmt.
Na gut, aber die werden das schon ernst gemeint haben: Sonst hätten sie es nicht so konsequent über zwei Stunden gestreckt.
Was das angeht - wir sind uns hoffentlich einig, dass das hier:
> In 300 gibt es kein Comedy Relief wie Gimli in LotR. Außerdem surft
> keiner der Spartiaten auf seinem Schild eine Treppe hinunter.
eher ein Qualitätsmerkmal von 300 als ein Kritikpunkt sein dürfte…
Da habe ich mit dem Herrn Teaser ein wenig Schabernack getrieben. Ich denke, das wird er auch so aufgefasst haben. Der Charakter “Stumblios” kommt im Film übrigens nicht vor.
In Sachen 300 halte ich das schon für überinterpretiert, zumal die Darstellung der Perser nicht viel über Millers Meinung zum Islam aussagt.
Sagte ich ja auch so im Text. Aber nach Holy Terror werde ich mir wahrscheinlich erlauben da ein Urteil zu fällen.
lässt befürchten, dass der gute Frank auf dem besten Weg in die Sim-Sphäre ist…
Urgh. Wenn man von den kleinen, grünen Fußbälle zitiert wird, dann sollte einem das schon zu denken geben.
April 8th, 2007 at 10:35 pm
Das war dann wohl ein schönes Osterfest, hm?
Hast du denn eigentlich die Originalfassung gesehen oder nur Synchro? Werde mir das Original MI nachts geben…. . Dem deutschen Sprecher fehlt irgendwie die Tiefe und der Nachhall….nicht das ich glaube, dass der Film u. die Dialoge an Sinn gewinnen, aber es soll -ähnlich wie bei dir- nur der Pubertierende in mir unterhalten werden. Und dann ist jedes gänsehauterzeugende Quäntchen Atmosphäre wichtig. Get ready to be blown away….for two hours of a day! Right?
Politische Botschaften hole ich mir woanders…das sollten die Feuilletonisten auch tun. Aber hey, ist wohl auch Teil ihres Jobs. Die können wohl gar nicht von der rein intellekutellen Schiene runter und einfach mal sagen das es ein sinnfreies Geschlachte ist, das gut unterhält. Schade eigentlich, dass da in der Presse wenig von zu finden ist. Glaube STern und Spiegel waren da aber im Vergleich zu anderen noch etwas fähiger das Zeitpolitikmodel mal auszulassen …
April 8th, 2007 at 11:15 pm
Wow, mittlerweile habe ich sogar einen eigenen Disclaimer. Voll die Ehre, Ehre pur.
Anstacheln war es aber weniger denn Interesse. Ich konnte mir zwar meine Gedanken zum Film machen, aber die sind arg banal; und da sich hier ein Gutteil der mir bekannten Comic- und Politblogintelligencija kumuliert, wollte ich das Thema gerne rundum betrachtet sehen. Habt ihr gut gemacht *rückenpatsch*. Dafür gibt es eine ironische Brechung zur Belohnung.
April 8th, 2007 at 11:39 pm
@ Björn:
Der Teil mit der Ironie war jetzt gar nicht speziell auf dich gemünzt, sondern eher auf die allgemeinen und auch in den Comments auftauchenden Stimmen, deshalb überschneiden sich auch unsere Argumente. Darauf hätte ich vielleicht deutlicher hinweisen sollen, sorry.
Was Miller und “Holy Terror” betrifft: Hm, das Interview auf “Little Green Footballs” ruft in mir auch eine gewisse Skepsis hervor…
April 9th, 2007 at 10:23 am
>Das ist halt der Faktor, dass jedes Produkt immer im Kontext seiner Zeit
>gesehen wird. Im Text betone ich ja, dass ich das eher als Millers Leitmotiv >“Krieger gegen Dekadenz” verstehe.
War auch kein Vorwurf an dich, sondern an die Presse. Da konnte man in manchen Rezensionen den puren Beissreflex sehen.
Ein wirkliches Bild vom Film werde ich mir dann im Laufe der Woche machen dürfen. Meinen persönlichen Ironiefilter werde ich natürlich sowieso mitbringen; der ist von regelmäßigen Besuchen in Gelsenkirchen einigermassen gut justiert…
April 9th, 2007 at 1:03 pm
Ironische Brechung sollte auch nix sein, was unbedingt in einen Film gehört, der sich an mitdenkendes Publikum richtet. Aber da Blockbuster meist auf ein etwas stumpferes Standardpublikum zugeschnitten sind, sollten ihre Autoren und Regisseure ironische Elemente einbauen, damit man merkt, dass sie es nicht so meinen.
Unter Umständen sollte dafür einer dieser “Die Mobile Infanterie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin”-Momente ausreichen.
So hingegen erfahren wir wohl erst durch Interviews und den Audiokommentar, ob es fair ist, vom im Film Gezeigten und Gesagten auf die Meinung seiner Macher zu schließen.
Außerdem entstehen Blockbuster gezielt. Es gibt Testvorführungen und so weiter. Wäre ja noch schöner, Geld aus dem Fenster zu blasen für einen Film, der nicht den derzeit herrschenden Geschmack bzw. Zeitgeist widerspiegelt und den Durchschnittsmenschen vor den Kopf stößt.
Womit wir wieder bei der Ironie wären. Denn wenn die fehlt, sollte klar sein, auf welchen Menschenschlag solch ein Film hauptsächlich zugeschnitten wurde. Und auch, dass dieser Menschenschlag (inzwischen wieder?) groß genug ist, um den Film in einen Gewinnbringer zu verwandeln.
Ach ja, zu meiner Frage die Parallelen zwischen 300 und LotR: Ich kenne Millers Comic und habe Jacksons Trilogie gesehen. Und fand beide … Nun ja, riefenstahlig. Eisensteinig.
Man könnte zuerst meinen, in den Werken wäre Optik wichtiger als Aussage. Doch eigentlich verweist der Stil ständig auf die Aussage oder wird gar selbst zur Aussage: Hässliche Wesen müssen zurückgeschlagen werden, weil sie sonst die Welt, eine Zivilisation oder was auch immer vernichten.
Und in Zeiten wie diesen ist es nicht schlimm, selbst zum Unmenschen zu werden, um die Menschheit/Menschlichkeit zu verteidigen. Da darf man auch schon mal mit MultiKills angeben oder Leichenberge errichten. Denn egal, wie pervers man sich gegenüber Feinden verhält; es sind ja nur gesichtslose Monster.
Gezögert wird nur, wenn ein Vorgesetzter Scheiße baut. Dem verwirrten Denethor schießt keiner nen Pfeil in den Kopf, dem ekelhaft unmenschlichen Höhlentroll hingegen schon. (Pluspunkt für Herr der Ringe: Die Charaktere und ihre Handlungen sind komplexer als die in 300.)
April 9th, 2007 at 1:10 pm
Argh, ich hab den falschen Denethor verlinkt. Dieser hier wäre in einem nicht so obrigkeitshörigen Staat sicherlich ohne Zögern gefraggt - bzw. eingesperrt - worden.
April 10th, 2007 at 1:48 am
Habe ihn nun auch gesehen und halte hinsichtlich der Bewertungsebenen einen Mittelweg ähnlich dem hier aufgezeigten für erforderlich. Der Film ist wirklich zu dumm um eine große Feuilletondebatte über faschistische Ästhetik, Riefenstahl usw. zu rechtfertigen, aber man sollte sich bei der rein ästhetischen Wahrnehmung schon bewusst sein, dass der Subtext dieses Films stark faschistoid ist und die Tatsache der Mainstreamrealisierung durchaus als ein Zeichen für eine zunehmende Akzeptanz solcher Wertvorstellungen in Amerika gesehen werden kann.
April 10th, 2007 at 1:00 pm
[...] EDIT // Eins muss ich doch noch hinzufügen: Diesen hervorragende Artikel auf agitpop - endlich wird hier pointiert in jede Richtung getreten und dies mit einer Tiefe, die ich bei allen Aufschreienden bislang vermisste. Für mich bislang die tiefgründigste Auseinandersetzung mit dem Film - Vorsicht, lang! [...]
April 10th, 2007 at 1:24 pm
[...] agitpop - title does not dictate behaviour » Blog Archive » 300 - Plain evil or just stupid? [...]
April 10th, 2007 at 5:00 pm
man sollte sich bei der rein ästhetischen Wahrnehmung schon bewusst sein, dass der Subtext dieses Films stark faschistoid ist und die Tatsache der Mainstreamrealisierung durchaus als ein Zeichen für eine zunehmende Akzeptanz solcher Wertvorstellungen in Amerika gesehen werden kann
Guter Einwurf, so hatte ich das noch nicht bedacht. Wobei ich das einerseits nicht auf die USA würde beschränken wollen und ich andererseits derzeit nicht abschätzen kann wie das Verhältnis zwischen “reaktionärer Schrott”, “dummer Film, geile Bilder” und “geile Bilder, geiles Weltbild” aussieht. Kann ja auch sein, dass die große Debatte eher auf das Gegenteil hinweist.
Da muss man natürlich auch aufpassen, dass das Bild nicht von den Internetvollhonks zu stark verzerrt wird.
April 10th, 2007 at 6:58 pm
herrvoragende analyse wirlich gut und umfassend, sofern man nicht gleich eine diplomarbeit daraus machen will und die werden haufenweise kommen kein zweifel.
eine frage hätte ich aber warum nennst du unsere strammbemuskelten freunde eingangs des textes so ausdauernd spartiaten?
gibt es da eine bedeutungsebene dieses begriffs die mir völlig abgeht oder sind das einfch nur liebe verwandte von rudi völlers irländern?
April 10th, 2007 at 7:17 pm
Danke für das Lob. Zu deine Frage:
Spartiat = männlicher Vollbürger Spartas. Wurde auch in der deutschen Synchro verwendet.
April 10th, 2007 at 10:05 pm
> und die Tatsache der Mainstreamrealisierung durchaus als ein Zeichen für
> eine zunehmende Akzeptanz solcher Wertvorstellungen in Amerika gesehen
> werden kann
Hm. Das würde ich nicht überinterpretieren - im Grunde ist an 300 gar nicht so viel neu; die Mischung macht’s da höchstens. Kadavergehorsam-/Heldentod-Geschichten sind im Mainstream ja nix neues; der Film ist schließlich nicht der erste zum Thema Thermopylen (The 300 Spartans), und im Grund hauen auch zahllose andere Mainstreamfilme aus den letzten Jahrzehnten in die selbe inhaltliche Kerbe (kleine Zahl von aufrechten Gestalten gegen mehr oder weniger monströse Horde), wenngleich auch nicht so stilisiert und überzeichnet wie in Snyders Film. Die ist aber spätestens seit Sin City nicht mehr neu. Vermutlich schon seit Das Kabinett des Dr. Caligari nicht mehr.
Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass bei meiner Auswahl keine grossen cineastischen Meisterwerke sondern auch das eine oder andere ebenso fragwürdige Machwerk dabei ist (obwohl - ich mag ‘Zulu’). Allerdings wurde bei deren Erscheinen auch (zumindest meines Wissens) nicht direkt der Untergang der westlichen Zivilisation beschrien. Man kann sicherlich sagen, dass 300 ein schwacher Film mit ethisch fragwürdigem und faschistoidem Gedankengut ist, ob er nun allerdings ein Symptom für eine jüngere gesellschaftliche Entwicklung in Amerika ist oder generell überhaupt verdient, ein derartiges Politikum zu sein, bezweifle ich.
300 scheint mir nicht mehr als ein zweistündiges Power-Metal-Video zu sein. Über die schmunzel ich aber normalerweise eher.
Morgen weiss ich näheres - kann sein, dass ich mich passabel unterhalte und manchmal laut lachen muss, kann aber durchaus auch sein, dass der mir nach einer halben Stunde so auf die Nerven geht wie ein ‘Van Helsing’…
Übrigens gibt es von Snyder eine Handvoll von Interviews, die zumindest ein bisschen differenzierter klingen als das, was die vehementen Kritiker lediglich auf ein verzweifeltes ‘Der Film ist nicht politisch.’ reduzieren.
Q. Did you ever find yourself having to reign him in at all, because he’s quite crazy really?
Zack Snyder: He is a bit of a psycho but that’s consistent with the way Frank sees him. He’s not a guy you want to be friends with. In a normal movie the audience is supposed to see the hero and say: “That’s me! I’m fighting!” But I really tried from the beginning of this movie to say: “You’re not the Spartans. They throw their kids off a cliff. They beat them. Their morality is completely insane…” It was also part of the fun of making it – to suck you in and make you think you’re a Spartan and then showing you something they do that’s completely morally the opposite to what you’d do as a modern person.
(http://www.indielondon.co.uk/Film-Review/300-zack-snyder-interview)
und
Haben Sie die griechische Mythologie studiert für den Film?
Ich habe in der Tat viel recherchiert, allerdings wenig davon verwendet. Wenn man sich auf das Buch von Frank Miller einlässt, muss man sich ganz darauf einlassen. Die Unsterblichen sahen z. B. nicht aus wie Ninjas. Aber so hat Miller sie gezeichnet. Wenn man sich die Frage stellt, wie sie wirklich ausgesehen haben, fragt man sich als nächstes, wie Xerxes aussah und warum er nach Griechenland kam.
Sobald man einen Schritt in diese Richtung macht, muss man den ganzen Weg gehen. So einen Film wollte ich aber nicht drehen. Meine Version ist die Verfilmung einer Sage, die sich eine unmoralische Gruppe Männer am Lagerfeuer erzählt. Man hat nur diese Perspektive und das macht den Spaß aus. Der Film ist nicht politisch, weil er sich dessen bewusst ist. Wenn man ihn ernst nimmt, denkt, dass das, was da gezeigt wird, der Standpunkt der Filmemacher ist, kann ich mir vorstellen, dass man sich aufregt. Aber dann verfehlt man völlig die Intention.
(http://www.filmstart.biz/archiv_themen/snyder_zack_im_interview.shtml)
(Okay, das waren jetzt auch Soundbites, aber in einer Reply ein ganzes Interview zu zitieren ist ih-bah)
April 11th, 2007 at 1:41 pm
Kleine Haarspalterei am Rande:
Bei euch zeigt das Stadttheater auch Kinofilme? Oder meintest du das [i]Licht[/i]spielhaus….?
April 11th, 2007 at 1:46 pm
Ich bin Überrascht von der ganzen Diskussion.
Auch ich hab mir den Film angeschaut. Ich wusste nur zwei Dinge darüber: “Frank Miller” und “Historische Schlacht der Spartaner”. Reingegangen bin ich nur, weil ein Freund zuerst die Karten für die Vorprimiere bestellt hatte und mir danach gesagt hat: “Du musst mit, die Karten sind schon bestellt.”
Demnach hatte ich vorher keine Kritik gelesen, keine Vorgeschichte und sonst auch nichts; ich war so unvorbelastet wie man nur sein kann.
Werke von Frank Miller kenne ich auch nicht; nur Sin City als Film, nachdem ich Miller als jemanden einschätzte, der unter einer besonderen Form von Weltschmerz leidet. Seine Helden sind böse, richten nach ihrer eigenen Justiz, aber die Welt um sie herum scheint um so vieles schlechter, dass sie doch noch als “Die Guten” durchgehen. Ich dachte (und denke eigentlich immernoch), dass er sich nur von seiner eigenen Unzufriedenheit über diese Welt frei-zeichnet und -schreibt. Demnach messe ich seinen Aussagen auch keine übermäßige Bedeutung bei.
OK, nun zu 300:
Durch die oben genannten Voraussetzungen war ich während des Films in der Lage nur meine Eindrücke und Ansichten zu erfahren, ohne dass mich zuvor jemand durch Meinungen und Analysen in eine Richtung treibt und darüber bin ich jetzt im Nachhinein recht dankbar.
Ich bekam von Anfang an zu sehen, was ich in etwa erwartet hatte: Eine Schlachtplatte mit Pathos in allen Dialogen.
Die Art des Films hinderte mich auch daran besonders lange nach einer moralischen Message oder dem Tiefen Sinn zu suchen, da dies meiner Meinung nach recht schnell in einer Überinterpretation endet. Überinterpretation entsteht für mich dann, wenn man mehr finden will als vorhanden ist. Ich vergleiche das gerne mit einem Künstler, der sein Kunstwerk auf eine Spiegelfläche malt; entweder er tut das mit kräftigen Farben und ich als Betrachter kann erkennen was dargestellt ist, oder es ist verwässert und umrissartig, dann sehe ich mich letztendlich nur selbst im Spiegel darunter. Dadurch kann ich nur rauslesen was ich selber schon mitgebracht habe, sonst nichts.
Nach der Hälfte des Films hatte ich von dem ganzen einen grotesken Eindruck (nicht im Negativen Sinn). Die Spartaner halten verbal ständig ihre Freiheit hoch, während sie selber in einer “maximal darwinistischen” Gesellschaft leben, in der sie selber Leben aussortieren. Das wirkt gegensätzlich, ist aber gut, weil es zum Nachdenken anregt. Aus Sicht des Individuums scheint so eine Gemeinschaft unmenschlich, also bewege ich mich weg von der Sicht des einzelnen und sehe das Ganze. Eine Gesellschaft, die sich selber nach eigenen Regeln spezialisiert auf körperliche Stärke und Kampf; sicher ein interessantes Experiment, dass zu einer kriegsbetonten Zeit temporär sicherlich erfolgreich sein kann. Aber wie auch Major Kusanagi in “Ghost in the Shell” schon richtig bemerkt bildet jedes überspezialisierte System auch große Schwächen heraus, was sich irgendwie zeigt wenn man die Film-Spartaner bei diplomatischen Aufgaben, oder bei der Politik beobachtet; das alles kann ich aber den Spartanern hier nicht übel nehmen, da sie ja von der inneren Sicht argumentieren. Ich kann mit meinen Augen auch nicht meine eigenen Kopf sehen (ohne Hilfsmittel =). Sie gehen einfach davon aus, dass ihre Gesellschaft, so wie sie ist, das beste ist. Um sowas zu beobachten muss ich auch in der realen Welt nicht lange suchen; und 300 ist sicherlich nicht der Film, von dem man erwarten sollte, dass Charactere sich selber und ihr Umfeld in Frage stellen.
Gefühlsmäßig hat mich der Film teilweise mitgerissen durch das “wenige gegen viele”-Element. Ungeachtet der Hintergründe stehen die Spartaner mit ihrem Leben für ihre Überzeugung ein, obwohl sie für sich selber die Aussichtslosigkeit kennen, wodurch aber am Ende “die Sache” die 300 überlebt. Für mich eine positive Eigenschaft.
Bis auf die Gefühlssache denke ich aber, dass der Film alles was mir so durch den Kopf ging nicht wirklich transportieren wollte. Das ist wohl einfach die Spiegelfläche die ich erwähnt habe, mit ein paar farbigen Klecksen die mich zum Nachdenken angeregt haben.
Ich denke auch die ganzen Kritiken mit Faschismus, Sexismus und so weiter sind letzendlich nur Reflexe der Kritikschreiber selbst beim Anblick ihrer selbst im Spiegel.
Zum Schluss noch ein paar Worte über die Effekte und den Style: Ums kurz zu machen, ich mag God of War, Devil May Cry, Max Payne, Total Overdose und so sachen. =)
April 11th, 2007 at 1:49 pm
PS:
Einem Eindruck kann ich mich übrigens nicht ganz erwehren: Ich habe manchmal das Gefühl, dass kontroverse Diskussionen über Filme entstehen in dem irgendwo “in der letzten Reihe” ein Marketingexperte aufsteht und “Faschismus, Sexismus!” ruft. Werden wohl mehr oder weniger Leute ins Kino gehen nach so einer heißen Diskussion? …. ich denke der finanzielle Erfolg ist durch die Kontroverse gesichert =)
April 11th, 2007 at 6:20 pm
300/Popkultur…
Björn hat auf Agitpop mal wieder sein enormes popkulturelles Wissen und sein extrem gutes Händchen für sehr gut lesbare wie inhaltlich überzeugende Texte bewiesen.
Dickes Lob!
Im Zusammenhang zum Thema 300 ist es aber auch bestürzend, zu sehen wi…
April 11th, 2007 at 11:49 pm
So… endlich gesehen, so dass ich hoffentlich auch mal fundierten Senf dazugeben kann. Und das Ergebnis?
Ich habe mich durchaus unterhalten, obwohl die Szenen mit der Königin in Sparte den Film unangenehm in die Länge ziehen. In diesen Szenen passiert nichts weiter, als dass sich zwei Personen miteinander unterhalten, und da merkt man, dass die Dialoge des Films nichts taugen.
Eigentlich sollen sie das auch nicht - wenn Leonidas mit gefletschten Zähnen martialische Sprüche brüllt geht das ohnehin in der Schlachteninszenierung unter und ist eher Soundeffekt als inhaltlicher Beitrag.
So sind dann auch die Szenen, die sich an der GN orientieren, die unterhaltsamen. Gegen hübsch inszenierte Schlachtengetümmel auf der Leinwand habe ich nichts einzuwenden - in diesem Zusammenhang sollte man manchen Kritikern auch mal mitteilen, dass nicht jede Zeitlupe als Relikt aus dem Actionkino der 90er zu werten ist. Ich fand, die schnellen Wechsel zwischen Beschleunigung und Verlangsamung sind einer der gelungensten Versuche, Comicästhetik auf die Leinwand zu bringen (Zeitlupe=Panel, Beschleunigung=Gutter) seit Ang Lees Hulk-Montagen.
In diesen Szenen war der Film wesentlich unterhaltsamer - weil flotter - als das Referenzwerk in diesem Bereich - “Herr der Ringe”, den ich mit jedem vergehenden Jahr für weniger betrachtenswert halte…
Was den gefürchteten politischen Unterton des Films angeht: das halte ich für überschätzt. Ich denke, ich war durch die Diskussionen im Netz und den Printmedien einigermassen sensibilisiert und habe ständig das von den Kritikern beschworene Blut-und-Boden-Feeling erwartet, aber nichts dergleichen. Klar, die Dinge die die Leute in dem Film erzählen sind ziemlich doofe Platitüden, die mir bedenklich und faschistoid erscheinen würden, wenn sie jemand ernsthaft von sich gäbe. Das ist aber genau der Punkt - der Film wirkt auf mich in seiner Inszenierung genauso apolitisch wie Snyder in seinen Interviews behauptet hat. Es ist ja wohl mehr als offensichtlich, dass die Spartaner zu keinem Zeitpunkt zur Identifikation einladen, oder sie überhaupt nur ermöglichen. Alle Figuren in 300 sind sowas von stilisiert, dass permanent mehrere Meter Distanz zwischen dem Betrachter und den Gestalten auf der Leinwand bleiben. Und ich glaube nicht, dass das unbeabsichtigt ist, denn der einzige - kurze - Moment, in dem einem Zuschauer die Gelegenheit zur Identifikation gegeben wurde, war meines Erachtens der, in dem der Anführer der Arkadier dem kampfgeilen Spartaner einen entgeisterten Blick zuwirft, als sich dieser an der Größe der Perserarmee ergötzt. Der hält die Spartaner offensichtlich für genauso bekloppt wie der halbwegs aufgeklärte Zuschauer des 21. Jahrhunderts.
In dem Zusammenhang glaube ich übrigens auch, dass die Ironie gar nicht so kurz kommt. Sicher, es gibt kein Augenzwinkern oder gar eine Szene, die den Film demontiert, aber Dinge wie die Apfelszene oder den Heerführer, der auf den Tod seines Sohnes hin erwidert: “Trauer - ich empfinde keine Trauer. Ich empfinde HASS. (HUARRR!)” kann man doch nicht wirklich ernst nehmen. Das sind Szenen wie die in Starship Troopers, als Clancy Brown vor der Auspeitschung Casper Van Dien was zum Beißen in den Mund steckt - und alle erkennen, dass der toughe Sergeant früher genauso ein Maverick war wie der Held. Oder die Szene als die Raumschiffkapitänin während der Schlacht unter der herabstürzenden Tür eingeklemmt ist und den jungen Liebenden sagt, sie sollten sich selbst in Sicherheit bringen. Bei solchen Momenten grinst bis kichert man von selbst und braucht eigentlich niemanden mehr, der einem freundlich signalisiert: “Hey, du verstehst schon - ist alles nur Spass.”
Bei Betrachten den Films musste ich dann tatsächlich wieder an einen Comic denken - lustigerweise jedoch nicht an Millers Vorlage, sondern an “Slaine - the Horned God” von Mills und Bisley. In seiner Mischung aus hübschen Visuals, Groteske (vor allem in der Figurenzeichnung) und Gewalt, die mich zum Lachen bringt ist er dem Film-300 näher als dessen eigene Vorlage.
Ich will den Film auch gar nicht komplett verteidigen - denn trotz allem hat eine 88-seitige GN (zumal von Frank Miller) nicht genug Substanz, um einen abendfüllenden Spielfilm hinzubekommen, und so sind es gerade die neu hinzugekommenen Dinge, die den Film übel ausbremsen. Als einstündige Geschichte - als Teil eines Double Feature oder so - wäre mir das Spektakel lieber gewesen. Gerade der Schluss war auch noch einmal unnötig. Ich finde, Wenham ist kein schlechter Schauspieler und gönne ihm ein paar Szenen, in denen er die Hauptrolle spielt. Es sind aber nun mal wieder Szenen, in denen Leute sprechen. Und das ist im Fall von 300 keine gute Idee. Eine kurze Einblendung - “Ein Jahr später: Platäa” hätte es auch getan.
Hm - so wie das aussieht hab ich jetzt einige Meter Internet gebraucht, um dann bei einem Fazit anzukommen, das dem deinen weitgehend entspricht.
April 11th, 2007 at 11:55 pm
“Entweder bin ich ein extrem dämlicher Comicleser, oder Comic und Film haben größere Unterschiede in der Wirkung von Bild und Dialog auf den Leser/Zuschauer als man annehmen sollte.”
Endlich, endlich mal jemand der auf diese Idee kommt! Danke dafuer!
Danke auch hierfuer:
“aber sowas kann man doch nicht ernsthaft so ins Kino transportieren. Selbst wenn es schon im Comic zu finden war.” (Bezog sich auf die Dialoge, haette der Autor aber ruhig der gesamten Rezension als Thema geben koennen.)
“das von ihm geschaffene Bild der “echten Männer” aus Sparta ruinieren” Von ihm? Ist es nicht viel eher das normale Maennerbild unserer Westlichen, wie Oestlichen Gesellschaft?
“Der so auch nicht im Comic zu finden war, wenn ich mich richtig erinnere.” Nett waere es bei der naechsten Rezension den Comic neben sich liegen zu haben smilies/smiley.gif
“Spartaner und Perser werden nur so weit dargestellt, wie es nötig ist um ihnen einen Grund zu geben sich gegenseitig Körperteile abzusäbeln.”
Vielleicht ist es ja nicht weder das Anliegen des Filmes, noch des Comics Spartaner oder Perser zu charakterisieren? Vielleicht, eventuell Zeigt der Comic schlicht und einfach, wie eine handvoll leicht bewaffnete Kerle einer hundertmal groesseren handvoll, wesentlich besser bewaffneter Kerlen gegenuebersteht und diese auf weiten Strecken auf Grund einer List platt machen. (wenn man sich an diesen Gedanken gewoehnt waeren die ganzen faschistischen Spielereien Miller’s auch gar nicht mehr so erwaehnenswert) Uebrigens, in Sin City gab es das gleiche Thema schon einmal. Erinnert sich irgendjemand, wie die Huren in “Das grosse Sterben” ihre Gegenspieler besiegen?
Schoenes Ende, das dann den sehr undurchsichtigen Text doch auf den Punkt bringt: “Es ist ein hirnfreies, extrem schön anzusehendes Gemetzel, umklammert von einer äußerst lächerlich erzählten und inszenierten Geschichte”
PS: God of War Zwei, DOCH kaufen? was war falsch am ersten Teil???
April 13th, 2007 at 9:06 pm
Link zum Maniac Forum.
Ist vielleicht mal eine Alternative zu deinen anderen Links, und zeigt doch recht gut wie Menschen schnell mal alles in einen Topf schmeissen auch wenn’s “nur eine Comicverfilmung” ist (die aber ins eigene Bild passt). Sind fast 400 Replies, da ist für jeden was dabei!
(Link in HTML ungewandelt. -B.)
April 13th, 2007 at 9:19 pm
400 Replies? Ich denke, da passe ich. Ich hab’ mich schon hier durchgenagt.
April 15th, 2007 at 12:53 pm
Ich vermisse einen Hinweis auf das GAMECUBE Spiel: “Spartan Total Warrior”.
April 15th, 2007 at 10:27 pm
Achja, ich wollte nur erwähnen, dass ich es heute war, der über Google (zum ersten & einzigsten Mal!) per Suchbegriff “Ersticken Plastiktüte” auf deine Seite gekommen bin.
Ich hatte einfach den Link vergessen. Aber diese beiden Worte dagegen konnte ich mir gut merken!!
April 16th, 2007 at 1:00 am
schöne rezi. und was bomster sagt.
diesen pc-reflex in der presse kennt man ja. was ich nicht nachvollziehen kann ist, dass sich niemand die mühe gemacht hat die (gespiegelte!) politische metapher mal durchzudeklinieren. will sagen= die heimatverteidiger als fanatische, todessehnsüchtige kämpfer, homophob und xenophob, männerbündlerisch und in anzahl und waffengattung hoffnungslos unterlegen, dagegen die gottlos-dekadenten (sodomgomorrahtische szenen) globalisten, mit riesenarmee, waffen und GELD… wer sind also die amerikaner und wer die terroristen?
ziemlich dämlicher film, trotz allem. und von wegen riefenstahl - weit gefehlt. nicht dass ich leni ihre oberflächlichkeit abspreche. aber ihre begabung hat der oberfläche etwas eingekernt (mythos, transzendenz, etc), was 300 komplett fehlt. auch visuell enttäuschend. chris cuningham hat die wasser-speed-ramps in einem portishead-video vor 7-8 jahren schon gebracht (das medium in 300) und auch ansonsten wurde der große aha-effekt schon mit dem großartigen trailer vorweggenommen. goldene ähren und videospiel-landschaften (undefiniert und “flach”)… und das wars?
ich habe “damals” den trailer im filmemmacher-freundeskreis herumgereicht und mit großem pathos den beginn von cgi-film done right versprochen - gerade eine comic-verfilmung verleitet ja dazu diese techniken ihrem ursprünglichen zweck wieder anzunähern (das undenkbare und ungesehene sichtbar zu machen), während sie ja zuletzt ausgiebig zu budget-kürzern mutierten. man denke an die gräßlichen copy&paste-armeen in troja. und letztlich wurde das potential nicht ausgeschöpft. da war die abspann-animation (nach den großartigen szenen des trailers, der widerum quasi ausschliesslich alles gute vorweggenommen hat) noch die schönste überraschung.
leider fehlt mir der vergleich zum comic. miller ist ein begnadeter zeichner, aber ein höchstens mittelmässiger comicautor. da es vergleichsweise wenige gute comicautoren gibt, fällt das nicht ganz so arg auf. ausserhalb seines mediums wird aus klasse b natürlich schnell klasse e. das ist alles plötzlich nur noch camp und pulp, was vorher noch als veritables comic-meisterwerk war (zumindest bei millers sin city kann man das behaupten).
also, 300 war sicher nicht unerträglich, nach der hälfte rauszugehen aber ebensowenig. was mich eher stört und zu meiner negativen aufnahme führt, ist der grad seines erfolges. wenn 300 zur künstlerischen messlatte für eine comicverfilmung wird, dann kann man sich auf etliche üble schinken einstellen. ein weiterer genialer “betriebsunfall” wie ang lees hulk scheint damit endgültig in weite ferne gerückt.
April 17th, 2007 at 4:35 pm
[...] Letzte Woche gab sich der Film “300″ in den Deutschen Kinos zum ersten Mal die Ehre. Genau, der komerziell erfolgreiche Blockbuster aus den USA, der in der Presse für so viel Aufregung sorgt und auch hierzulande ein präsentes Thema ist. Sogar im Iran wird momentan mehr über “300″ gesprochen als über die atomare Aufrüstung oder gefangene Soldaten. [...]
May 7th, 2007 at 12:18 am
Schöne Kritik und Analyse die sehr viel über Miller verrät und deutlich macht. Vielleicht wäre es angebracht gewesen, die Fragen die man gegenüber 300 hatte auch an die Vorlage zu richten. Bei “Sin City” konnte ich das ganze machogeschwurbel als Ironie begreifen, da die ganzen Hardboiled-Stories auch schon bei Bogart nie wirklich ernstzunehmen waren und als Karikaturen von Menschen dastanden. Erschreckend ist es dann aber doch, wenn man merkt, daß Miller diesen Scheiß ja doch ernstzunehmen scheint.
June 13th, 2007 at 6:55 pm
Gut, jetzt stell dir mal vor den Film sieht sich einer an wie ich. Ich, du kannst mich gern für doof erklären [
], hat keinen großartigen geschichtlichen Hintergrund zu Sparta. Weiterhin habe ich auch noch nie das Comic gelesen. Ich behaupte jetzt mal das ich zu der Mehrheit gehöre die diesen Film mit wenig Hintergrundwissen angeschaut haben.
Wie wirkt so ein Film wie 300 auf mich? Entweder ich finde Action/Splatter Filme “geil” oder ich drücke eher ein “oohh, ihhh, viel zu blutig” über die Lippen.
Spontan hätte ich 300 nie mit faschistischem Hintergrund angeschaut bzw. nach dem Film daran gedacht. Klar, dass schon kleine Kinder zu Kämpfern ausgebildet werden und die komplette spartanische Sippschaft wohl einen “Hänger” hat, ist auch mir aufgefallen.
Also nicht falsch verstehen, deine Rezension ist super. Die Hintergründe, Vergleiche und Punkte gut beleuchtet. Und es ist wirklich geil das so zu lesen. Aber, und das ist eigentlich das Problem bei der ganzen Geschichte, der Großteil da draußen sieht diesen Film und denkt dabei an nur einen Bruchteil davon was du geschrieben hast. Schade eigentlich, aber mir ging es ja auch nicht anders.
Was halte ich also von 300? Ich finde den Film gut. Die Sparta-Hintergrund Story mit der Frau von Leonidas hätte man weg lassen müssen. Unnötig, langweilig und vom Wirkungsgrad fast noch überzogener als die Schlacht. Fasziniert haben mich hauptsächlich die Perser. Optisch grandios, vor allem Xerxes. Gerade das “tuntige” finde ich klasse. Hehe, wenn ich an die Figur denke ziehen sich die Mundwinkel automatisch nach oben.
Und was den historischen Hintergrund angeht, verstehe ich viele Kritiker nicht warum sie diesen von 300 verlangen. Alleine der Trailer sagt doch schon aus, dass 300 wohl eher ein Action Spektakel mit hohem Gewaltanteil ist, statt ein 1A Dokumentfilm mit etwas “Haudrauf, ich stoß dir mein Schwert in den Bauch” Szenen.
Was ich etwas in deiner Kritik vermisse ist, ob dir überhaupt die Schauspieler gefallen haben. Wie fandest du z.B. Gerard Butler? Gut- oder Fehl-besetzt?
Ps.: Jaaa, wie ich da schreiend aus dem Kino laufen könnte, wenn ich mit ansehen muss wie Computertechnik nur noch lächerlich künstlich wirkt. Gerade bei Matrix mit Neo, egal fliegend oder gegen die Smith Armada kämpfend, sieht die Computertechnik so etwas von billig aufgesetzt aus. Pfui!
June 14th, 2007 at 7:27 am
300…
“Submission - now that’s a bit of a problem” - Leonidas
Schon mit Sin City wurde ein Frank Miller Comic in einem sensationell neuen visuellen Stil verfilmt, ähnliches ist jetzt mit 300 gelungen: Die Bildsprache ist eine artifizie…
June 14th, 2007 at 8:02 am
Was ich etwas in deiner Kritik vermisse ist, ob dir überhaupt die Schauspieler gefallen haben. Wie fandest du z.B. Gerard Butler? Gut- oder Fehl-besetzt?
Pffffuuuttt… gute Frage. Ich bin nicht auf die Akteure eingegangen, weil von ihnen nicht sonderlich viel verlangt wurde. Herr Butler kam ja mit grimmig gucken, entschlossen gucken, grimmiger gucken in diesem Film davon. Aber: Das hat er dafür auch extrem gut gemacht. Und Xerxes hat mir in Gestik und Mimik auch gut gefallen. Ich würde schon sagen, dass das Schauspielniveau dem Film angemessen war. Aber für ‘nen Oscar wird’s wohl nicht reichen. (Einschub: Wobei ich natürlich die deutsche Version gesehen habe und die Synchro oft schauspielerische Schwächen verschleiert.)
June 14th, 2007 at 7:04 pm
Ach der Oscar. Der ist sowieso überbewertet
June 16th, 2007 at 1:24 pm
[...] Trotzdem: Dieser Eingriff in die Kunstfreiheit ist einer der Gründe, wegen denen die FSK immer wieder stark in der Kritik steht. Ein anderer Kritikpunkt ist dass man mit zweierlei Maß messe. Dass man den Blockbustern der wichtigen Verleihe mehr durchgehen lasse, als kleineren Filmvertrieben. Stark kritisiert wurden in der letzten Zeit etwa die Entscheidung das Remake von Krieg der Welten ab sechs Jahren freizugeben. Trotz der generell bedrohlichen Stimmung und trotz eines ganzen Flusses voller Leichen. Gleichermaßen fragwürdig erschien das FSK-16-Rating für 300. Ein Film der sich in Sachen Splatter auch nicht zurückhielt. Solche Entscheidungen wirken darum besonders WTFig, weil im Falle von Hostel: Part II ja explizit darüber entschieden wird, welche Szenen einem volljährigen Kinogänger nicht zugemutet werden dürfen. [...]
May 6th, 2009 at 10:04 pm
[...] in Crank 2 transportierte Weltbild ist so reaktionär und gezielt politisch inkorrekt, dass selbst Frank Miller sich, aus diesem Film kommend, als linksgrüne Gutmenschen-Sissie fühlen dürfte. Und wer jetzt [...]