Kupferner Hottentotten-Goldmull in Silber 2006

Wie immer wenn das Jahr geht, kommt die unvermeidliche Flut an Jahresrückblicken. Diese Jahresrückblicke sind für viele Menschen inzwischen sehr wichtig geworden, in dem gleichen Maße in dem Spark Notes oder Wikipedia-Zusammenfassung für Abiturienten wichtig wurden: Warum Faust selbst lesen, wenn ich am Ende eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse erhalten kann?

Außerdem sind diese Jahresrückblicke, zumindest die Fernsehversionen, sehr wichtig, weil Johannes B. Kerner und Günter Jauch noch immer zu selten im Fernsehen zu erblicken sind. Viel zu selten. Wir haben hier zwar weder Günni Jauch noch JBK (überbezahlt) anwerben können, um einen Podcast für unseren Jahresrückblick zu sprechen, wollen den Trend aber trotzdem nicht ungenutzt verstreichen lassen und präsentieren zum zweiten Mal den einzig relevanten Jahresrückblick: Die Verleihung des kupfernen Hottentotten-Goldmulls in Silber 2006. Wie Kermit der Frosch sagen würde: Applaus, Applaus, Applaus, Applaus!


Rückblick des Jahres: Harald Schmidt

Fangen wir doch direkt mal mit der Auszeichnung des bedeutendsten Jahresrückblicks an. Das war dieses Jahr in unseren Augen jener Jahresrückblick, den Harald Schmidt am Weihnachtstag in der ARD präsentieren durfte und für den seine Sendezeit gleich mal auf eine Dreiviertelstunde verlängert wurde. Zu Recht, wie wir betonen wollen, hätte Schmidt doch sonst nie grandiose Highlights wie “Andrack spuckt Weihnachtsgebäck”, “Schmidt spricht mit Christine Westermann” oder “Andrack spuckt Weihnachtsgebäck (Zeitlupe)” unterbringen können.

Zwischendrin spielt Schmidt mit drei eher mäßig unterhaltsamen Kandidaten Wim Thoelke und schneidet ganz kurz Themen an, die uns dieses Jahr bewegt haben. Früher hätte man den Mann dafür gelobt, dass er so den ganzen Jahresrückblicken die Luft rauslässt. Heute scheint es eher zu demonstrieren, dass Schmidt irgendwie an dem Format desinteressiert zu sein scheint. Ein Jahresrückblick am Weihnachtstag darf auch gerne mal mehr bieten als eine normale Sendung. Auch wenn es die Probleme die Schmidt derzeit hat gut zusammenfasste.

Dann nächstes Jahr doch lieber wieder Jauch.


Krieg des Jahres: Der Libanonkrieg

Unglaublich. Der Underdog hat sich gegen die alten Recken “Krieg im Irak”, “Krieg gegen den Terror” und Marvels “Civil War” durchgesetzt. Und das obwohl im letzten Krieg sogar Spider-Man demaskiert wurde. Ganz toll war natürlich, dass Israel beteiligt war, denn so hat automatisch jeder eine Meinung. Was dazu führte, dass es kaum einen Kriegskommentar gab der zwischen den Extremen “Juden saufen das Blut arabischer Kinder” oder “Der fairste Krieg aller Zeit, zumindest auf westlicher Seite” lag.

Bonuspunkte dafür, dass der Krieg mir die politische Blogosphäre nochmal unangenehmer gemacht hat. Ob nun jeder Israelfreund ein friedenshassender, antideutscher Zionist war oder jeder Israelkritiker automatisch zum saddamliebenden Antisemiten wurde, der hoffte, dass der Muselmane das tue, was man selbst in den Vierzigern nicht geschafft habe, sowas wie eine “ordentliche Diskussion” wurde auf beiden Seiten effektiv verhindert. Stattdessen ging man in derart boshafte Grabenkämpfe über, dass man das Gefühl hatte, Israels Existenz würde nicht im Nahen Osten, sondern in der deutschen Blogosphäre bedroht.

Wer das Kasperletheater verpasst hat, dem seien Raysons goldene Diskussionsregeln für die Blogosphäre ans Herz gelegt. Daraus kann man sich ganz leicht seine eigene Diskussion basteln.

Warum gibt es diese schnieken “Civil War”-Banner von Marvel eigentlich nicht für richtige Kriege? Anyway:

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Jetzt wisst ihr’s.


Hohmann des Jahres: Mel Gibson

The report says Gibson then launched into a barrage of anti-Semitic statements: “Fucking Jews… The Jews are responsible for all the wars in the world.” Gibson then asked the deputy, “Are you a Jew?”

Um, yeah. Moving on.


Staatsfeind des Jahres: Bürgerrechte

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Hat sich ganz knapp gegen die untoten Horden an Hartz-IV-Empfängern durchgesetzt, die sich weigern die vielen vakanten Arbeitsplätze zu füllen und lieber in der sozialen Hängematte liegen um Nachts das Blut kleiner Kinder trinken. Und wer von einem Hartz-IV-Empfänger gebissen wird, der wird bekanntlich selbst zum Hartz-IV-Empfänger und kann nur wieder zu einem echten, produktiven Menschen werden, wenn ihn ein SPD-Exorzist wäscht und rasiert.

Aber zurück zu den Bürgerrechten: Nach dem Ende des dritten Reichs hat eine geheime Kabale an Illuminaten (die “Väter des Grundgesetzes”) versucht unsere schöne Demokratie zu unterminieren, indem sie so abstruse Konzepte wie die Unschuldsvermutung oder die Unverletzlichkeit der Wohnung nach Deutschland importiert haben. Die Frage ist ja: Wie soll die Demokratie einen Krieg gegen den Terror gewinnen, wenn der Staat sich dabei an demokratische Regeln halten muss?

Darum sind wir dankbar für das, was unsere besorgten Staatsschützer uns an demokratierettenden Maßnahmen beschert haben oder bescheren wollen: Die Vorratsdatenspeicherung, mehr Schutz vor bösen Websites aus dem Ausland, Mautdaten für die Strafverfolgung, das Verbot böser Spiele, BND-Überwachung von Journalisten im Inland, mehr Bundeswehr im Inneren, mehr Kameras in den Innenstädten, die elektronischen Wahlcomputer, die Antiterrordatei, das neue Telemediengesetz und natürlich das totale Highlight des Jahres: Deutsche Rechner ohne ordentlichen Anfangsverdacht ausspionieren.

Wir haben aber alle nichts zu verbergen und darum auch nichts zu befürchten. Deshalb finden wir das alles tuffig und super. Knorke, geradezu. Nachdem die Mehrheit ja betont hat, dass sie mit der deutschen Demokratie nur bedingt zufrieden ist, tut die Demokratie das einzig sinnvolle: Sie verteidigt sich gegen die Gruppe, die sie am stärksten bedroht. Das Volk, den Pöbel. So sieht wehrhafte Demokratie aus. Wenn wir jetzt nächstes Jahr noch das “demos” aus dem Wort rausbekommen, dann sind wir vollkommen zufrieden.

Weiter so, Demokratie. Du machst das schon.


Publicitystuntman des Jahres: Günter Grass

Wollten wir Eva Hermann geben, aber Frauen gehören an den Herd, nicht in Jahresrückblicke. Nachdem der offensichtliche Scherz aus dem Weg ist: Hat eigentlich irgendjemand das Buch der Frau gelesen oder regen wir uns alle über die Ein-Satz-Zusammenfassung auf, die wir irgendwo mal aufgeschnappt haben?

Zu Grass: Wir finden es wirklich (ohne Flachs, gezz) gut, dass er seine SS-Vergangenheit offen gelegt und nicht gewartet hat, bis das ganze posthum rauskommt. Nächstes Mal aber solche Enthüllungen nicht in der Nähe des neuen Buchs tätigen, das wirkt glaubwürdiger. Und als moralische Instanz hat er sich damit nicht demontiert. Das hat er nämlich schon kurz vorher getan, als er uns im Westen mal erklärte, wie wenig Recht auf diese ominöse Pressefreiheit wir eigentlich haben.


Absteiger des Jahres: Pluto

Da waren’s nur noch acht. Die Eselsbrücke geht übrigens immer noch, lautet jetzt aber:

Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere… NEIN!


Band des Jahres: Grup Tekkan

Die drei sympathischen Harmonieverweigerer mit Migrationshintergrund machten uns Anfang des Jahres Hoffnung. Ihr treffsicherer Gesang und ihr professionell ausgearbeitetes Video zeigte deutschen Musikgurus, dass man sich schnell eine Fanbase im Internet erschaffen kann. Die deutschen Tiefkühläffchen, quasi. Die deutschen Clap Your Hands, Say Yeah. Kein Wunder, dass bei diesen Fähigkeiten die Privatsender und die deutsche Musikindustrie gleich auf den Zug aufsprangen.

Am Ende hat es für die Supergrup dann aber doch nicht zum Einstieg in die Top Ten gereicht. Warum? Wir wissen es nicht, aber die Musikindustrie geht - so hört man - davon aus, dass die Plattenverkäufe schlecht liefen, weil sich alle die Single schon illegal im Internet runtegerladen oder bei YouTube angeguckt haben. Pöse, pöse. Gleich mal den zweiten Korb des Urheberrechts durchprügeln, damit sowas nicht mehr passiert.

Weitsicht beweist die Musikindustrie auch damit, dass sie neue Zielgruppen anpeilt: Vorschulkinder. Nach Tokio Hotel geht der Trend zu jüngeren Bands und Musikern. Die Killerpilze. Oder LaFee, mit ihren “frech-provokanten Songs”. Aufgebretzelte Fünfzehnjährige + Emo-Gothic-Jammerrock + “tiefe Texte” (”deine Brüste sind ein Traum, sie hängen kaum”) = $$$.

Weiter so, Musikindustrie. Den Vogel abgeschossen hat man dabei mal wieder in den USA, und zwar schon vor ein paar Jahren. LaFee und Konsorten wirken geradezu steinalt, wenn man sie mal mit der Frontfrau von Massive Attack im Video zu “Teardrop” vergleicht:

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TV-Pest des Jahres (I): Internetclips

Prosat 71 kooft sich MyVideo. RTL kooft sich Clipfish. Und schon können beide Sender Stunden und Stunden mit total grobpixeligen Webvideos füllen, die man so noch nie im Fernsehen gesehen hat. Das ist hochqualitative Fernsehunterhaltung, wie wir sie haben wollen. Warum sollte man sich den Scheiß denn im Netz angucken, wenn man ihn auf dem neuen High-Definition-Fernseher sehen könnte. Und dann die Videos: Menschen tanzen lustig zu Popsongs, fallen vom Schlitten oder stolpern. Das ist ground breaking, das ist zukunftsweisend, das sowas Sendezeit bekommt ist ein Beleg dafür, wie kreativ unsere Fernsehlandschaft ist.

Das beste Webvideo der Welt ist übrigens das hier. (Danke dafür an den hier.)


Sport des Jahres: Wrestling

Muss man so festhalten. Das Buch von Herrn Foley über sein Leben als professioneller Hinfaller und vertragsmäßiger Blutverlierer hat mir ja durchaus gefallen und dafür gesorgt, dass ich mich ein bisschen mehr mit dem “Sport” beschäftigt habe. Und siehe da, was man da heute so bietet spricht den Brot-und-Spiele-Macho in mir teilweise wirklich an. Ich habe lange nicht mehr sooft “Heilige Scheiße” gerufen, wie bei diesem Trainwreck. Beeindruckend, was man mit Leitern so alles anstellen kann.

Abgesehen davon: Das Arbeitsethos einiger Wrestler muss man bewundern. Da kann sich der gemeine deutsche Arbeitslose mal eine Scheibe von abschneiden:

Sabu is also notorious for continuing to wrestle matches even though he has suffered serious injuries that require medical attention. An example of this was during a matchup with The Sandman where Sabu’s jawbone was broken when he landed face-first on the steel guardrail outside the ring. Rather than ending the match early, Sabu actually duct-taped his jaw shut and continued to wrestle [...] [D]uring this match Sabu legitimately tore open his bicep on the barbed wire. He taped it up on the spot and continued the match. Afterwards, he super-glued himself together to drive to the hospital where it took more than 100 stitches to close the wound.

In your face, Axel Schulz! Was nichts daran ändert, dass alles was nicht direkt mit dem einstudierten Geprügel zu tun hat, einfach Scheiße ist.


Wrestler des Jahres: Zinedine Zidane

Ja, es war strunzendämlich sich im WM-Finale so gehen zu lassen. Dann wiederum, der Kampf zwischen Zinedine “The Human Headbutt Machine” Zidane und Marco “The Butcher” Materazzi war wohl unvermeidbar.

Und es ist ziemlich klar wer hier gewonnen hat:

Pwned!


Unsport des Jahres: Fußball

Ja, wir haben die WM gefeiert. Ja, die deutsche Nationalelf hat einen Haufen echt schöner Spiele abgeliefert. Und ja, an den WM-Sommer werden wir uns gerne erinnern. Aber seien wir doch mal ehrlich, und damit meine ich jetzt die Fußballfans: Der Fußball selbst hat 2006 gestunken.

Die WM? Ein Haufen Mannschaften die den Catenaccio entrümpelten und zu Null spielen. Nach vorne, wie nach hinten. Glückwunsch da besonders an die Schweiz, die nach vorne selbst im Elfmeterstolpern keine Tore schießen wollte. Und die Bundesliga? Nehmen wir als Paradebeispiel mal den HSV: Alle guten Spieler verkaufen und sich dann wundern, dass man keine Spiele mehr gewinnt, weil van der Vaart eben nur einen gegerischen Spieler pro Partie verkrüppeln kann, ehe er Rot sieht.

Oder die Tabellenspitze: Bremen präsentiert tollen Offensivfußball, liegt aber trotzdem nur 3 Punkte vor den Bayern, die ihre grausamste Saison seit Trapattonis-Einstand vor über zehn Jahren spielen. Der Grund, warum die DFL Fans abmahnt, die kurze Spielvideos bei YouTube hochladen, hat nichts mit Rechtsverletzungen zu tun. Die Liga hat einfach Angst, dass die chinesischen Pay-TV-Sender abspringen, wenn sie das Gerumpel und Geholze sehen müssen, dass diese Saison in deutschen Stadien stattfindet.


TV-Pest des Jahres (II): Tanz- und Eistanzshows

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Tanzen und Eistanzen schaue ich mir im Fernsehen schon nicht an, wenn das Profis bei den Olympischen Spielen betreiben. Warum sollte ich mir den Schlonz dann ansehen wollen, wenn er von abgestraften Ministerpräsidentinnen irgendwelcher deutscher Kapartenstaaten und anderen D-Promis verbrochen wird? Eben.


Trend des Jahres: Religiöse Entrüstung

Der radikale Islam macht’s vor und Stoiber und Söder müssen’s natürlich nachturnen. Der Engländer nennt das “monkey see, monkey do”. Dumm nur, das gerade nichts daher kommt, was wirklich skandalös wäre. Sowas wie damals Life of Brian oder The Last Temptation of Christ. Gut dafür, dass MTV mit Popetown zur Hand war: Einer Serie die so tierisch unlustig war, dass man selbst nach der wochenlangen Mediendebatte über Anstand und Moral nie wieder von ihr hörte.

Aber, schön das wir mal drüber geredet haben, was man sich als Katholik eigentlich so alles bieten lassen muss. Das ich mal von einem Protestanten meinen religiösen Gefühle verteidigen lassen müsste, hätte ich auch nicht gedacht. Grandios auch, wie das Gericht dann für die Meinungsfreiheit argumentierte: Popetown sei zu dumm um beleidigend zu sein. Gut zu wissen.

Anyway, das was der gemeine Jubelperser oder Schachtürke kann, das kann der aufgeklärte Bayer halt schon lange. Und wenn keine religiöse Empörung vorliegt? Dann produziert man sie halt selber. Toll. Ob nun religiös motiviert oder nicht, die Entrüstungsindustrie hat sicher auch 2007 noch die ein oder andere Überraschung für uns in petto. Ich fang’ jetzt schon mal an mit dem Kopf gegen die Wand zu kloppen.


Tier des Jahres: Der Problembär

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Nun haben wir, der normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr. Äh, wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bären, dem Schadbär und dem Problembär. Und, äh, es ist ganz klar, dass, äh, dieser Bär, äh, ein Problembär ist [...]

Danke, Ede. Genau, der normale Bär geht nie aus dem Wald, sondern lässt sich seine Schafe via Essen auf Rädern bringen. Eigentlich ein schlimmes Zeichen für die Vereinsamung in unserer Gesellschaft. Der Problembär hingegen verklagt erst die Titanic (man stelle sich das mal vor, jemand spielt erst ein Killerspiel und liest dann die Titanic… nicht auszudenken) und erklärt dann Hartz-IV-Empfängern wie sie in drei Wochen und mit zwei einfachen Handgriffen wieder einen Job finden.

Hoffentlich klappt das 2007 mit dem angedachten Bärenmanagement. Besser wär’s.


SPD-Politiker des Jahres: Jürgen Rüttgers

Wie die ZEITUNG feststellte: Rüttgers zum beliebtesten SPD-Politiker Westfalens gewählt. Das war zwar - huch! - eine Ente, aber genug Zeitungen übernahmen den Blödsinn. Und wie hieß es in The Man Who Shot Liberty Valance? “If the legend becomes fact, print the legend.”

Tun wir doch gerne. Toll gemacht, Rütti.


Kanzler des Jahres: Gerhard Schröder

Puh, wir hatten schon befürchtet, diese Auszeichnung an Berlusconi geben zu müssen, nachdem uns die Italiener schon unseren WM-Pott geklaut haben. Und das dafür, dass Silvio nur die Paradeshow von Gerd in der letztjährigen Elefantenrunde wiederholt und einfach die Existenz der Realität bezweifelt. Aber dann kam Gerd zurück: Stoiber die Kanzlerschaft angeboten, nur um der Merkel eins auszuwischen.

Das Gerd ein eiskalter Machtpolitiker ist, das wussten wir. Das er aber ein derartiger Westentaschenmachiavelli ist, das hätten wir nicht geahnt. Schade, dass es nicht geklappt hat. Nicht weil wir etwas für Stoiber oder gegen Merkel hätten. Einfach weil es eine gute Geschichte gewesen wäre, wenn Stoiber sich in einer Wahl durch die kombinierten Stimmen von SPD und CSU gegen Angie durchgesetzt hätte.

Macht nix, Gerd. Der gute Wille zählt.


Diktator des Jahres: Hugo Chavez

Ja, der Kim aus Nordkorea hat sich mit seinen Atombombengerümpel alle Mühe gegeben den Preis abzuräumen, und wir würden der Atomsonnenbrille auch gerne Respekt zollen… aber was ist so ein bisschen Atomgepolter in Fernost im Vergleich zum vielleicht schönsten Comedyact des Jahres. Im beliebten Comedyclub am East River, wo auch schon Colin Powell seine WMD-Lachparade präsentierte, trat Chavez auf und rockte das Haus.

The devil is right at home. The devil, the devil himself, is right in the house. And the devil came here yesterday. Yesterday the devil came here. Right here. [crosses himself] And it smells of sulfur still today. Yesterday, ladies and gentlemen, from this rostrum, the president of the United States, the gentleman to whom I refer as the devil, came here, talking as if he owned the world. Truly. As the owner of the world.

Das mit ernster Mine zu präsentieren, das ist schon eine echte Leistung. Michael Moore hat, so hört man, übrigens schon angefragt ob Herr Chavez nicht sein nächstes Buch oder seinen nächsten Film ghostwriten möchte. Das wäre doch mal was.


Demokrat des Jahres: Wladimir Putin

Lupenrein.


Germanys next Weihnachtsmann: Charlotte Engelhardt

Eine Frage die uns allen unter den Nägeln brannte. Jut, datt dit jeklärt is’. Danke ProSieben.


TV-Pest des Jahres (III): Best of Talkshows

Die Talkshows selber ziehen nicht mehr und werden nach und nach abgesetzt. Das ist gut. Da man aber die vielen tausend Stunden Talkshow-Zelluloid, die im Senderkeller liegen, nicht vergeuden will, werden jetzt die alten Sendungen einfach als “Best of” nochmal auf allen Sendern aufgewärmt. Das ist schlecht. Natürlich - wink, wink, nudge, nudge - mit einem ironischen Augenzwinkern und häufig präsentiert von der größten Ironiebrumme im deutschen Fernsehen, der nie aufdringlichen Sonya Kraus. Die laut Wiki-Eintrag “in ihren Sendungen gern selbstironisch mit dem Image des blonden Dummchens” spiele.

Ah, ja. We call this bullshit. Genau so wie es Bullshit ist das der Talkshowgiftmüll in irgendeiner Form besser würde, weil man ihn jetzt mit “semi-ironischen” Zwischenrufen präsentiert. Scheiße auf dem Küchentisch ist auch dann noch Scheiße auf dem Küchentisch, wenn jemand Witze darüber macht. Da war mir dann sogar das ironiefreie (oder unfreiwillig komische) Unterschichtenfernsehen noch lieber als diese Grütze. Ah, das gilt übrigens auch für den Versuch Schrott-TV wie damals das Dschungel-Gulag oder die Burg mit “ironischen” Moderatoren zu verfeinern. Wir sind blöd, aber nicht lobotomiert.


Nachricht des Jahres: Ottfried Fischer geht in den Puff

Wer wissen will, wie Nachrichten gemacht werden: Die ZEITUNG berichtet über Ottis geheime Sex-Beichte, dann kurz über den Ehekrieg und dann darüber wie Renate Fischer ihren Otti doch wieder zurück nimmt. Und das alles medial auf Seite 1, vor den Augen der Nation. Glückwunsch auch an Deutschlands größtes Boulevardmagazin und alle anderen, die diese brennend-heiße Geschichte journalistisch aufbearbeitet haben.

In inferior news: Genocide in Darfur continues. Nobody cares.


Spiel des Jahres: Das Killerspiel

Ein bisschen ruhig war es geworden, aber es ist wieder da. Das verrückte Huhn Killerspiel. Jene fiese Erfindung der geldgeilen Kinderverdreher, die Menschen zum Amoklauf zwingt. Oder ihnen beibringt, wie man volltrunken einem Obdachlosen so lange im Gesicht rumspringt, bis er stirbt. Denn vor den Killerspielen wusste glücklicherweise niemand wie man Menschen zu Tode tritt.

In “SmackDown vs Raw” wird zwar niemand umgebracht, aber das ist kein Grund das Spiel nicht als Killerspiel zu titulieren, oder zu fragen, ob vielleicht nur ein Anwalt versucht hat hier auf einer akuten Moralpanikwelle zu surfen und seinen Klienten so rauszuhauen. Gell, Süddeutsche?

Anyway. Killerspiele sind die Wurzel allen Übels. Rassismus. Sexismus. Terrorismus. Jugendgewalt. Amokläufe. Krieg. Hunger. Pestilenz. Clipshows im Fernsehen. All das könnte man mit einem schnellen Verbot beheben. Und dann, wenn wir eine perfekte Gesellschaft hätten, in der sich alle ganz doll lieb haben und niemand mehr den Hauch einer Ahnung hat, wie man anderen weh tut (weil das nicht mehr in Killerspielen gelehrt wird), dann sind auch Innenminister überflüssig und die Schilys, Schäubles, Becksteins, Schönbohms und Schünemanns treten freiwillig von der Bühne ab.

Hmmm… vielleicht ist die Verbotsforderung doch gar nicht so schlecht.


TV-Hoffnung des Jahres: Freitag Nacht News

Damit man uns nicht nachsagt, wir wären nur negativ: Die Umgestaltung des Quotendampfers Freitag Nacht News mit Mr. Lustig himself (Ingo Appelt) als Steuermann hat so toll funktioniert, dass die Sendung jetzt endgültig eingemottet wird. Vielleicht ist das deutsche Fernsehpublikum ja doch gar nicht so dämlich, wie die Programmplaner glauben. Das ist doch mal ein optimistischer Gedanke fürs neue Jahr.

5 Responses to “Kupferner Hottentotten-Goldmull in Silber 2006”

  1. David Says:

    Weil’s langweilig wäre, das hier wieder einfach abzunicken, zu applaudieren und Lobpreisungen auszustoßen, piß ich Dir halt ans Bein, noch knapp im alten Jahre: Hohmann schreibt sich mit einem “h” hinterm “o”. Das symbolisiert das o-ha Erlebnis beim Genuß seiner Reden.

    Ansonsten: Guten Rutsch, gottloser Volkstäter.

  2. Björn Says:

    Ich habe Hohmann mit zweiten “h” geschrieben. Ich habe Hohmann schon immer mit einem zweiten “h” geschrieben.

    Auch das Wahrheitsministerium wünscht einen guten Rutsch.

  3. David Says:

    Und noch ein kleiner Tip für ambitionierte Revanchepisser: Ich habe auch einen Namen falsch geschrieben. Mit “e” wo ein “a” hätte sein sollen.

  4. David Says:

    OK, jetzt seh’ ich’s auch.

  5. alex Says:

    sehr cool, alter.

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