Mama, Papa, Zombie

Das Unterfangen

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Die großen Agitpop-Killerspielwochen nehmen und nehmen kein Ende. Auch wenn es mir eigentlich leid tut, hier wertvolle Netzressourcen für das Thema zu verballern, aber es scheint so, als wenn die Sau erstmal bleiben würde. Natürlich nur, bis die Gesellschaft sich ihre nächste “Moral Panic” leistet, aber bis dahin können wir ja auch im Empörungsmarathon mitlaufen und das alles mit einer lustigen “Dokumentation” aus den Achtzigern abrunden.

Ein häufig von Spielerseite aus genannter Vorwurf innerhalb der “Killerdebatte zum Killerspiel” ist: Jedes neue Medium muss sich so einer Hexenjagd aussetzen und an den Argumenten hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert. Das war schon so als man das Papyrus erfunden hat. Das Radio. Das Telephon. Den Film. Den Fernseher. Den Videorecorder. Das Holodeck.

Die Frage ist natürlich: Stimmt dieser garstige Vorwurf denn überhaupt? Unsere Fachleute im “Agitpop Forschungszentrum für Gesinnungsforschung und Strahlenkanonen” haben sich wissenschaftlich korrekt mit dieser Frage auseinandergesetzt. Was nichts anderes bedeutet als: Ich habe mich mit einem Topf Ravioli vor den Rechner geklemmt und mir Mama, Papa, Zombie angeschaut, eine Reportage von Claus Bienfait aus dem Jahre 1984 zum Thema Horrorvideos. Den Film kann man sicher durch schnelles googlen als gestreamtes Zeitdokument finden, ich werde mal wegen der immer noch akuten Killerabmahnungs-Debatte keinen Link setzen.

Die Kernfrage der unser internationales Forschungsteam an Bord der Raumstation ISS nachging: Kann man einzelne Elemente der damaligen Debatte auch in der heutigen Problematik der jugendlichen Verrohung durch Killerspiele wiederfinden?

Die Analyse

Schauen wir uns die Sache an sich doch mal an. Zunächst sollte man festhalten, dass die – von eingigen Menschen als tendenziös bezeichnete – Reportage im Zett De Eff ausgestrahlt wurde. Das wäre schon mal ein Wiedererkennungsmerkmal. Punktabzug gibt es aber dafür, dass Theo Koll nirgendwo zu finden ist. Schade, den Mann hätte ich gerne in seiner “wilden” Zeit als Mittzwanziger erlebt.

Anyway: Die gesamte Reportage beeindruckt von vorne bis hinten mit zwei besonderen Features. Interviews wurden damals offensichtlich noch nicht spontan geführt. Statt dessen lernten die Befragten wohl ihre Texte auswendig und stammelten sie dann mehr oder minder spontan in die Kamera. Jedes dieser Interviews hat ein wenig den Charme einer schlecht gemachten Aufführung der Theater-AG eines beliebigen Kleinstadtgymnasiums. Diese Doku wirkt dadurch um einiges “unechter” als beispielsweise die Präsentation jener “aus dem Leben gegriffenen” Fälle, die man heute am Nachmittag bei Frau Kalwas oder dem Jugendgericht sehen kann.

Das andere tolle Feature ist, dass zumindest ich den ganzen Film durch darauf gewartet habe, dass gleich eine Einstellung folgt, in der man das grüne Sofa sehen könnte. Diese auftretenden Charaktere, die schlappentragenden BPjS-Leute, der gemächlich sprechende Bonner Professor, der preußisch-korrekte Hauptschulrektor… ich hätte geschworen, dass mindestens einer der Typen von Loriot gespielt wird. Aber, ich greife vor.

Für ein Zeitdokument ganz wichtig: Die Dokumentation folgt nicht direkt auf einen Werbespot oder auf eine Vorschau für den Musikantendampfer mit Maxi Arland (dem letzten überlebenden Kind aus dem Dorf der Verdammten), die Sendung wird ordentlich eingeleitet von einem weiblichen Ansagewesen. Ich bedauere bis heute, dass man diese Cyborgs aus dem Verkehr ziehen musste, nachdem sie sich gegen ihre menschlichen Meister wandten und es zum Ansagecyborgaufstand von 1991 kam. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Wie dem auch sei, Blondie warnt erst einmal das Publikum, dass da jetzt einiges auf dieses zukommen wird.

Viele von Ihnen, liebe Zuschauer, [werden] solche Scheußlichkeiten noch nie gesehen haben.

Woraus ich jetzt mal eiskalt schließe, dass Fips Asmussen damals noch keine eigene Sendung in einem der dritten Programme hatte. Aber, die “Scheußlichkeiten” dienen natürlich der journalistischen Sorgfaltspflicht:

Wir können aber auf Ausschnitte aus diesen Filmen nicht verzichten, sie sind als Dokumente zum Verständnis unerlässlich. Wir haben aber die Ausschnitte so kurz wie möglich gehalten.

Dann geht es direkt los mit hammerhartem Horror aus dem Troma-Streifen Muttertag. Menschen werden durch Fenster geworfen. Fernseher werden auf Köpfe gehauen. Stumpfe Gegenstände in Weichteile geschlagen. Socken in Münder gestopft. Abflussreiniger wird in Kehlen geschüttet. Eine noch unidentifizierte Frauenstimme aus dem Off kommentiert das: “Das ist ein Abflußreiniger, der enthält Salzsäure. Das ätzt ganz fürchterlich, das Zeug.” Und eine andere Stimme: “Ah, das schüttet sie bei ihm in den Hals, damit sich bei ihm das Gewebe zersetzt.” Ein Mann fügt hinzu: “Es gibt viele Arten von Schleichwerbung.”

Zwischendrin wird die Reportage titularisch vorgestellt. Mama, Papa, Zombie – Horror für den Hausgebrauch. Wobei das Zombie in einer an Blut erinnernden Schrift auf dem Bildschirm erscheint und sich auch gut rot färbt. Tendentiös? Hmmm, wie war noch der Untertitel der Killerspielausgabe von Plasbergs Hart aber Fair? “Vom Ballerspiel zum Amoklauf – Was treibt Jugendliche in die Gewalt?”

Endlich sehen wir, wer da die ganze Zeit aus dem Off quasselte: Die drei von der Tank… öh… Prüfstelle. Und wer sich schon immer fragte, wie sieht das eigentlich aus bei der BPjS? In welchem Rahmen hat damals welcher Personenkreis darüber entschieden, was man der Jugend zumuten kann und was nicht? Hier ist die Antwort:

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Ordentliche Schlappenträger und Mit-Sanfter-Stimme-Sprecher. Beeindruckend. Erinnert mich an meine Zeit als Zivildienstleidender. Wobei ich wirklich Geld dafür bezahlen würde, wenn jeder Splatter-Film so einen “Die Menschen von der BPjS”-Audiokommentar hätte. Dafür kann man dann den Audiokommentar vom Gaffer oder vom Best Boy von der Scheibe werfen.

Nach ein bisschen Geschwurbel, was so eine Indizierung eigentlich ist und wie sie verhindern soll, dass Jugendliche den Horror, den Horror kennenlernen, macht Herr Bienfait (mit Pädagogenbart und im gelben Rollkragenpulli) im Jugendzentrum von Langenfeld “die Probe aufs Exempel”. Langefeld liegt zwischen Bonn und Köln. In der Region studiert derzeit meine Schwester und beklagt sich über die Verunterschichtung der Jugend. Scheint so, als hätte das Methode.

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Das was uns da so an Jugendlichen vorgesetzt wird, widerlegt ziemlich eindeutig die These, dass erst Beavis & Butt-Head die Banalisierung unserer Zukunft vorangetrieben hätten. Nicht dass die Neunziger im Rückblick gut gewesen wären, aber – puuuh! – habe ich ein Glück, dass ich nicht in dieser Poppergeneration groß geworden sind. Wobei, die Intelligenzverweigerer dürften jetzt alt genug sein um wichtige Aufgaben in unserem Staat zu übernehmen und sich darüber zu mokieren, dass die Hip-Hop-Wigger von heute der Untergang der Bundesrepublik wären.

Die Teenager kennen – schockschwerenot! – den Film Muttertag und – schocknochschwererenot – “keinem von [ihnen] ist schlecht geworden, bei diesen gemeinen und brutalen Szenen.”

Dafür darf sich dann eine besonders nervige Rotzbremse, die aussieht als wäre sie frisch aus dem Kindergarten raus und als hätte sie den Emohaarschnitt erfunden, so richtig hervortun und mal zeigen, warum in den Achtzigern noch alles besser war. Das Fazit dieses Filmkenners:

So’n Film wo gar nichts drin ist, ey, kein Blut, kein Kopf ab oder so, ja, sowatt bringet nich’.

Und sein Kumpel pflichtet ihm bei:

Heutzutage guckt man sich ja nicht mehr so Liebesfilme oder sowatt an, wie Romeo & Julia. Is’ ja schon bisschen zu alt, ey.

Aber vor lauter sich-an-die-Birne-packen über die Achtzigerspacken wollen wir ja nicht unser eigentliches Ziel vergessen. Herausfinden, ob die Horrorfilmpanik in den Achtzigern mit der Killerspielpanik der Gegenwart zu vergleichen ist. Ein beliebtes Mittel ist es ja heute, dass man Computerspiele und deren Macher in eine gewisse Schmuddelecke stellt. War ein ähnliches Mittel schon damals zu finden? Lassen wir Mama, Papa, Zombie mal im O-Ton zu Wort kommen:

An jeder Ecke lockt das Zauberwort “Video”. Die Faszination, die von diesem neuen Medium auf Kinder und Jugendliche ausgeht lässt sich kaum überschätzen. [...] [Sie können] den Verlockungen der bewegten Bilder nicht widerstehen.

Bis zum heutigen Tag wurden in der Bundesrepublik bereits 3,5 Millionen Videorecorder verkauft. In jedem siebten Haushalt also steht schon ein Gerät. Nach Prognosen der Industrie soll sich die Zahl der Videokonsumenten bis Ende nächsten Jahres fast verdoppelt haben. In vielen Familien ist der Recorder schon zum vermeintlich unentbehrlichen Alleinunterhalter geworden. Für Leihgebüren zwischen 3 und 10 Mark [...] stellen sie sich ein viertes Programm nach eigenem Geschmack zusammen.

Die kurze Geschichte des Mediums Video führt zurück ins Milieu. Mitte der siebziger Jahre eröffneten die ersten Spezialgeschäfte in Vergnügungsvierteln. Zuerst wurden fast ausschließlich Sexfilme auf Cassette angeboten. Mit dem schlechten Image aus der Gründerzeit wollen sich die Händler nicht länger abfinden. In Ermangelung sonstiger Qualifikation haben sie sich eine anspruchsvolle Berufsbezeichnung zugelegt. Videothekare nennen sie sich neuerdings.

Soso. Jugendliche die den neuen Medien nicht widerstehen können. Eine Faszination die man kaum überschätzen kann. Jeder siebte Haushalt hat schon seine Teufelsmaschine. Ich gestehe, so gänzlich unbekannt kommt mir das alles nicht vor. Eine Bonuslob in Sachen unvoreingenommener Journalismus dafür, dass man ernsthaft den letzten Satz mit den Videothekaren gebracht hat. Da musste ich arg mit mir kämpfen um die Ravioli im Mund zu behalten.

Nachdem man also die Geschichte des Videos als Pornosammlung aus dem Milieu zusammengefasst hat, spricht man darüber was es so an Videofilmen gibt:

Das Angebot ist unübersichtlich. Verfilmte Literatur und Monumentalfilme. Western, Klassiker und anerkannte Kultfilme. Daneben aber auch schon die Hits der Saison. Das alles gibt es auf Video. Erhältlich sind fast 6.000 Titel. Nicht einmal jeder zehnte davon indiziert.

Doch diese Zahlen können täuschen. Stammen nicht übermäßig viele entliehene Filme aus der verbotenen Ecke mit zumeist ausländischen Billigproduktionen? Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror.

Auch das kommt mir irgendwie bekannt vor. An dieser Stelle würde der Reporter heute wahrscheinlich im nächsten Media Markt einmarschieren und entrüstet feststellen, dass da Call of Honor 3 und der neueste Hitman-Teil direkt neben den harmlosen Sims liegen.

Gut, gut. Es gibt also schlechte Videos. Aber haben diese eine Auswirkung auf Jugendliche? Aber natürlich doch. Die Frage ist, wie beweist man das wissenschaftlich? Daran sind Forscher bis heute gescheietert. Aber Claus Bienfait wählt eine altbewährte Methode: Anekdotenhafte Beweisführung. Während die oh so tolle Wissenschaft in den Achtzigern damit beschäftigt war einen funktionstüchtigen Raketenabwehrschirm zu bauen und den Ivan totzurüsten, musste ein kreuzbraver Hauptschulrektor (Skinner?) im Alleingang Forschungen zum Thema Horrorfilme anstellen.

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Nicht nur, dass eine Umfrage unter seinen Schülern ergab, dass die Mehrheit seiner Schüler diese bösen Filme kannte… sie hatten gravierenden Einfluß auf die unverdorbenen Seelen der kleinen Racker. Wie der folgende, von ihm geschilderte Fall eindeutig belegt:

Ein zwölfjähriger Junge sagt: “Wie ich noch keine solchen Filme gesehen hab’, da war ich in der Schule viel besser. In Mathe hatte ich ‘ne zwei. Überall war ich besser.” Als ich nachfrage, ob das vielleicht mit dem Sehen von brutalen Videofilmen zu tun haben könnte, bestätig er das: “Ja. Und ich bin auch frecher geworden zu meiner Mutter.”

Da: Post hoc, ergo propter hoc. QED. Wie viele Beweise will man denn noch einfordern? Und ganz im Ernst: Kann mir jemand einen einzigen Grund nennen, warum ein zwölfjähriger Junge plötzlich seiner Mutter gegenüber frecher werden sollte? Das “post hoc, ergo propter hoc”-Argument ohne weitere Prüfung setze ich auch mal auf die Parallelenliste.

Abgesehen davon: Wie niedlich was für “Probleme” man Mitte der Achtziger noch in Hauptschulen hatte.

Weiter geht der fröhliche Schweinsgalopp durch den Horror für den Heimbedarf. Wir erfahren von “spektakulären Nachahmungsfällen”, in denen Jugendliche eindeutig von den Filmen motiviert wurden, von einer entsetzten Presse (“Horror und Porno – Schon Vierjährige sehen’s auf Video“) und wir erfahren auch, dass sich Heiner Geißler “für drastische Maßnahmen gegen üble Machwerke auf Video stark” mache. Ich ersetze mental schnell Geißler durch Schünemann, Schönbohm oder Beckstein und dann geht es auch gleich weiter.

So erfahren wir, was ein Kunstprofessor der Uni Göttingen, der Abends zum Beisitzer der BPjS transmogrifiziert, zu dem Thema zu sagen hat. Hier mal ein Zitat, das 22 Jahre alt ist und darum in einer modernen Debatte sicher nicht mehr wahllos in den Raum geworfen werden könnte:

Ich habe eine Aversion gegen zuviel Staat und besonders gegen sinnlose gesetzliche Regelungen. Die bestehenden Regelungen zum Jugendmedienschutz sind völlig ausreichend. Man müsste sie nur konsequent anwenden.

Äh. Total unzeitgemäßes Argumentation. Oder so. Achja, die “hidden agenda” des Professors am Ende seines Soundbites ist, dass er natürlich eine Stärkung des Kunstunterrichts in Schulen fordert, der “quasi zur Erholungsstunde degeneriert” sei.

Als nächstes kommt der verschlagene Chef der UCI Deutschland zu Wort, Herr Wolf-Dieter Gramatke. Dessen “hidden agenda” ist es, weiterhin Horrorschocker an Grundschüler zu verkaufen:

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Die jetzige Hysterie ist mir unverständlich. Das Thema [...] ist aus meiner Sicht emotional weit überzogen und sollte zurückgeführt werden auf eine sachliche Grundlage der Diskussion. [...] Jeder Politiker, der noch ein paar Wählerstimmen braucht, schwingt sich plötzlich zum Beschützer der Jugendlichen auf und das mit nachweislich falschen Daten und Fakten.

Haha, diese verrückten Achtziger. Gut dass wir davon weggekommen sind, in den letzten 22 Jahren. Man stelle sich vor, sowas gäbe es heute noch. Die bloße Idee, dass ein Politiker möglicherweise mit “nachweislichen falschen Daten und Fakten” argumentiere für ein bisschen Stammtischapplaus. Was für eine abstruse Idee. Gut dass wir da weg sind.

Obwohl, das war man ja in den Achtzigern auch schon. Behauptete zumindest Norbert Schlottmann, MdB für die CDU, wenn er gefragt wird “ob denn alle die sich heute für verschärfte Gesetze stark machen wirklich nur am Wohl von Kindern und Jugendlichen interessiert sind”:

Dessen bin ich sicher. Welche anderen Interessen sollten da sein?

Eben. Sie wollen doch nur unser Bestes. Und wenn wir Politikern nicht mehr vertrauen können, wem können wir dann überhaupt noch vertrauen. Dass ein gewisser Handlungbedarf in der damaligen Zeit gegeben war, untermauert der Film dann mit einer weiteren Runde ankedotenhafter Beweisführung. Diesmal vorgetragen von Frollein Sabine Krug, die in einer Videothek arbeitet und die dort folgendes Horrorszenario… also, jetzt nicht diret selbst erlebt hat… aber sie hat davon gehört… von einer Kollegin… und das klingt verdammt glaubwürdig. Ehrlich:

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Das Schlimmste hat vor einiger Zeit meine Kollegin erlebt. Da kam ein achtjähriges Mädchen in den Laden, wollte einen Zombiefilm ausleihen. Das ist ein Film mit lebenden Leichen. Und als meine Kollegin ihr den Film verweigert hat, kam die Mutter in den Laden und meinte, das Kind könnte ruhig sich den Film ansehen. [...] Das Jugendamt ist dann zu der Familie hingegangen und das achtjährige Mädchen hat noch ‘ne kleine, dreijährige Schwester, die sehr schwer verhaltensgestört war und die konnte nur die drei Worte sagen: “Mama, Papa, Zombie.”

Ja, ne, Babsi. Is’ klar.

Aber gut, kehren wir nochmal zu etwas zurück, dass derzeit auch in der Diskussion um Killerspiele diskutiert wird. Macht virtuelle Gewalt in der Realität gewalttätig? Dazu Joachim Knoll von der Universität Bochum:

Der Mangel an wissenschaftlicher Beweisführung darf allerdings kein Freibrief für eine ungehemmte Libertinage sein. [...] [Es ist] wohl so, dass jedes direkte oder indirekte Miterleben von Gewalt eher zur Nachahmung herausfordert. Das ist das, was man verkürzt oder überspitzt die Lerntheorie nennen könnte. [...]

Horrorfilme führen Brutalität vor, die menschlicher Würde zuwider läuft. Mitleid und Erbarmen, Hilfsbereitschaft und Zuneigung, alles wichtige Faktoren im menschlichen Zusammenleben, kommen in diesen Filmen überhaupt nicht vor. Gewalt wird als Lustprinzip verherrlicht, Gewaltlosigkeit als Feigheit denunziert.

Als Bonuseinspieler zeigt der Film jetzt eine etwas unappetitliche Fressszene aus einem Kannibalenpornoschinken und schneidet dann auf ein junges Kind, allein im abgedunkelten Zimmer, nur Zentimeter vom Fernseher entfernt, wo es besagten Kannibalenpornstreifen offensichtlich anguckt. It’s 10 p.m. – Do you know where your children are?

Allerdings erwähnt der gute Mann noch etwas anderes:

Natürlich läuft der Mechanismus nicht so simpel ab, dass jeder eine Enthauptungsszene sieht nun auch selbst sogleich zum Schwert greift. Es hängt immer davon ab wie jemand durch Familie, durch Milieu und möglicherweise durch Erbanlagen disponiert ist. Ein solcher Film wirkt also stets als ein letzter Impuls. Aber ich warne eindringlich vor voreiligen Schlußfolgerungen. Jede monokausale Schuldzuweisung ist in diesem Zusammenhang unzulässig.

Konkret: Für aggressives, brutales und unbarmherziges Verhalten wird man stets ein Bündel von Faktoren haftbar machen müssen. Nicht ein Medium allein. Nicht eine Person allein. Auch nicht ein einzelnes Ereignis. Wie pflegte doch Fontane zu sagen? Das ist ein weites Feld.

Hmmmmmm. Was macht Claus Bienfait daraus? Das hier:

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Fast das Gleiche. Fast. Eines der Highlights des Films hat sich Herr Bienfait aber bis zum Ende aufgespart. Während eines Elternabends zeigt Grundschullehrerin Erika Everling nicht nur, dass sie weiß wie sich eine Grunschullehrerin zu kleiden hat um den Schülern Angst zu machen, sondern auch, dass ihr das Zombiefilmproblem unter Grundschülern vertraut ist. Den Eltern gegenüber erwähnt sie, dass sie hoffe man habe gut zu Abend gegessen, denn leicht würde es nicht, was jetzt käme.

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Anschließend zeigt sie den Eltern Lucio Fulcis Ein Zombie hing am Glockenseil, der sich primär dadurch auszeichnet, dass der deutsche Verleihtitel so ramdösig ist, dass ich lange dachte, Tom Gerhart habe sich den Namen damals in Voll normaaal! ausgedacht. Die Dokumentation zeigt in Auschnitten wie einem Kerl der Kopf durchgebohrt wird (was im Grundsatz Jahre später in einer Kinowerbekampagne humoristisch groß ausgespielt wurde) und dann die Eltern, die anständig entrüstet sind, wie man das von ihnen erwartet.

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Was sie dann auch betonen, als sie gebeten werden zu sagen, wie sie sich fühlen:

Schweißnasse Hände. Es läuft mir kalt den Rücken runter. Die Schläfen pochen. Und das Herz klopft.

Ein anderer Mann hält fest:

Also, ich fand eigentlich die schlimmste Szene mit Bohrer. Ich hab auch nicht verstanden, was das mit Zombies zu tun hatte. Und ich muss sagen, ich kann – glaube ich – heute Nacht nicht schlafen. Ohne Bier ist da, glaube ich, gar nichts zu machen.

Und dann betont der ältere Bruder von Dittsche, oder zumindest jemand der so klingt:

Mir geht es so: Ich fand so abstoßend, es wurden Menschen gezeigt in Beziehungen… und es waren überhaupt gar keine Beziehungen da. Es war weder Freundschaft… plötzlich mochten sich welche und kein Mensch wusste warum. Völlig sinnlos! Sowas Sinnloses! Ein reines Verbrechen sowas auszuhecken, ohne Geist, ohne Verstand… nur Zerstörung, nur Schlimmes, Grauenvolles.

Passt eigentlich ganz gut: Sowas Sinnloses. Ein reines Verbrechen sowas auszuhecken… ob ich nach dieser Reportage heute Nacht schlafen kann? Ohne Bier ist da, möglicherweise, tatsächlich nichts zu machen. Darauf erst mal einen Schluck.

Das Resultat

Mal ganz abgesehen davon, dass Mama, Papa, Zombie von jedem gesehen werden sollte, weil der Film hervorragend als Realsatire auf die Achtziger funktioniert und an einen unfreiwillig komischen Moment nach dem nächsten bietet. Am besten man guckt den Film mit einem Kumpel, vor oder nach einem Romero-Streifen und mit ordentlich Bier. Der Film hat mich aber gleichzeitig auch irgendwie bedrückt.

Wenn man sich die beschissenen Frisuren und die biederen Klamotten wegdenkt, dazu noch schnell das Wort Video gegen “Killerspiel” ersetzt… dann haben wir hier an vielen Stellen exakt die gleiche Debatte, die derzeit tatsächlich geführt wird. Und, ähm, von der Machart her könnte Mama, Papa, Zombie auch prima mit Trauermiene und brüchiger Stimme von Theo Koll anmoderiert werden.

Beißwütige Politiker schreien entrüstet nach Verboten? Marktschreierische Schlagzeilen? Das Medium an sich wird erstmal als schmuddelig dargestellt, weil es “aus dem Milieu” stamme? Ein Großteil des Mediums, ein populärer Teil noch dazu, wäre indizierter Schund? Der Konsum von Videofilmen führt zu schlechten Noten, agressiverem Verhalten und Nachahmungstaten? Und wenn wir keine Beweise haben, dann reichen uns auch Ankedoten und Horrorgeschichten?

Wobei das ja alles nicht per se falsch sein muss. So wie die Argumente der Gegenseite auch stimmen mögen. Nur gilt auch hier: Den Einwurf, dass Videofilme nicht alleine Schuld daran sind wenn Kinder verrohen? Oder den Hinweis darauf, dass der Paragraph 131 doch wirkungsvoll genug sei, man müsse ihn nur konsequent durchsetzen? Auch die kann man quasi 1:1 in der heutigen Debatte über Killerspiele finden.

Und das ist schon verdammt arm und verdammt bedauerlich. Denn es scheint zu unterstreichen, dass wir uns hier wirklich in einer Zeitschleife befinden und gerade eine Posse erneut durchspielen, die wir schon mal hatten. Nur mit einem neuen Medium, das uns Angst macht und einer neuen Generation, vor der wir uns fürchten. Zugegeben, auch das ist anekdotenhafte Beweisführung. Es ändert aber nichts daran, wie verdammt bekannt mir die Argumente in dieser “Dokumentation” vorkamen.

Vielleicht bietet sowas auch eine Chance: Wenn sich viele Leute eine Doku wie Mama, Papa, Zombie angucken, über die Absurditäten und Abstrusitäten amüsieren (man denke auch an andere zeitlose Klassiker wie: KISS rekrutieren eine unaufhaltbare Armee an Satansteenagern), sich dann aber mal kurz Gedanken darüber machen, wie viel von der Abstrusität in der derzeitigen Debatte immer noch vorhanden ist, dann wäre das vielleicht ein Sprung nach vorn.

Das wir tatsächlich mal sachlich und neutral über die ganze Chose reden halte ich für unwahrscheinlich. Aber vielleicht bekommen wir es zumindest hin, dass “nach A, darum wegen A”-Argumente endlich ihren Platz in der argumentativen Mottenkiste finden. Denn, echt gezz, ich möchte nicht wissen, wie viele Videofreunde aus den Achtzigern jetzt plötzlich auf der anderen Seite gegen Killerspiele argumentieren… und sich dabei genau so aufführen wie die Autoritätspersonen in der Doku.

Will sagen: Wenn wir argumentativ den Arsch nicht hoch bekommen, dann hat Lame wahrscheinlich recht und in 20 Jahren machen wir uns gedanken darüber, “wie wir mit dem verbot dieser furchtbaren neuronal-chips die doch so offensichtlich mangelhafte erziehung einer jugend geradebiegen können, die zu unserer zeit noch so viel besser funktioniert hat, wir haben uns ja wenigstens noch im netz sozialisiert, aber die sitzen ja nur noch in ihren scheinwelt.”

Und, ganz im Ernst, der biestige Hauptschulrektor aus dem Film möchte ich nicht werden.

11 Responses to “Mama, Papa, Zombie”

  1. grobi Says:

    Langenfeld liegt zwischen Köln und Düsseldorf.

    Ansonsten bleibt mir mal wieder nicht viel zu sagen ausser: Hut ab!

  2. Jan Says:

    Herrlich!

  3. henteaser Says:

    Schön, das jemand ausgerechnet mit dem “Medium Video” Beweise für all diese Parallelen aufgezeichnet hat.

  4. nice Says:

    link zum video, wo die eltern sprechen? sonst kann ich ohne bier heute nix machen ^^

  5. Abspannsitzenbleiber » I wanna be sedated Says:

    [...] Und falls ihr euch jetzt fragt, was zum Teufel ich auf der Website des blonden Grinsegesichts verloren habe: Björn hat mich da hingeschickt, ich bin nur arglos einem Link gefolgt. Abgelegt unter: geklickt [...]

  6. Björn Says:

    @grobi: Einigen wir uns aufs Rheinland, ich bin gerade zu faul den Teil mit meiner Schwester da oben zu editieren.

    @nice: Die Rechte für den Film liegen, wie gesagt, immer noch beim ZDF. Ich verzichte also sicherheitshalber auf einen Link. Aber, wie oben schon erwähnt, wenn du den Filmtitel googlest, dann dürfest du noch auf der ersten Ergebnisseite fündig werden.

    Wobei ich persönlich diese kriminelle Energie, die das ZDF um Millioneneinnahmen bringen könnte, natürlich aufs schärfste verurteilen muss.

  7. Grobi Says:

    Kein Thema. Hab ja auch sonst nix zum meckern gefunden ;-)

  8. Tyrions Blog Says:

    Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror….

    Das „Agitpop Forschungszentrum für Gesinnungsforschung und Strahlenkanonen“ hat die Reportage Mama, Papa, Zombie über das Thema Horrorvideos aus dem Jahr 1984 streng wissenschaftlich untersucht. Der Sinn dieser Aktion ist es herauszufinden in wie…

  9. agitpop - title does not dictate behaviour » Blog Archive » Panorama… das neue Frontal 21 Says:

    [...] Nur zufällig gesehen. Überforderte Eltern, Computerspielesucht, “Killerspiele” in den Händen Jugendlicher, abfallende Noten, Sitzenbleiber, Argumente wie aus Mama, Papa, Zombie, die Spiele dauern zu lange, Verantwortung darf nicht bei den Eltern liegen, alles zu einem Brei gemischt… ARGH! Und das Schlimmste: Eingeleitet wurde es mit dem Verweis darauf, dass nach dem hochgradig objektiven (hust-hust) letzten Panorama-Bericht (hust-hust) über “Killerspiele” tausende Beschwerden bei der Redaktion eingingen. Der Beweis dafür, wie sehr manche fürchten, dass ihnen diese Spiele weggenommen werden könnten. Großartige Fähigkeit zur Selbstreflexion. Später mehr, ich bin gerade leicht angesäuert. Leicht. Leitmedien… am Arsch… [...]

  10. agitpop - 90 minuten hardcore, echte gefühle! » Blog Archive » Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr Says:

    [...] Ja, huch: Spielfilme mit Action! Das ist schon schlimm! Aber dann das Trallalala! Das kann man doch keinem Menschen zumuten. Fachkompetent auch, wie Hans-Jürgen Jakobs “debile Manga-Comics” im Fernsehen entdeckt haben will. Wobei ja schon Manga-Comics doppelt gemoppelt ist… so wie Roman-Bücher. Klar, wenn der Herr “Manga-Comics” schreibt, dann meint er damit Animes. Mangas sind ein anderes Medium. Aber wenn ich schon eine Angriffsschrift verfasse, dann sollte ich zumindest solche Klopse vermeiden. Und erinnert diese Auflistung noch jemand an Mama, Papa, Zombie, in dem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in den Achtzigern vor der jugendverrohenden Kraft des Videorecorders warnten? Stammen nicht übermäßig viele entliehene Filme aus der verbotenen Ecke mit zumeist ausländischen Billigproduktionen? Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror. [...]

  11. Dany Says:

    Habe mir heute mal wieder die “Mama, Papa, Zombie”-Doku im Netz angesehen (erschien mir nach zwei Romero-Filmen (uncut) gestern für heute das passende Ergänzungs-Programm ..), und dein Blogeintrag dazu war mein Lacher des Tages ..!

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