Weltkapp 0,6: Don’t Cry For Me Argentina

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Item! Ich möchte hier mal kurz meinen ersten Blogeintrag wiedergeben, den ich mir nur ganz knapp verkneifen konnte:

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! JA! JA! JA! JA! JAAAAAAAAA! JA!

Das war mir dann doch ein wenig gehaltlos. Aber es hat meine Reaktion auf dieses Spiel verdammt gut zusammengefasst.

Was soll ich dazu sagen. Wahnsinn. Einfach Wahnsinn. Was für ein Spiel. Ich bin Zweckpessimist. Ging in das Spiel mit einer Einstellung, die besagte, dass die Argentinier die klaren Favoriten sind (vielleicht die einzigen bei dieser WM die den Brasilianern das Wasser reichen können) und es schon genug wäre, würde Deutschland ein gutes Spiel machen. Ich habe nicht gewagt zu hoffen. Insgeheim vielleicht. Ganz tief in mir drin. Aber das 0:1 der Argentinier tat fast gar nicht weh. Ich habe es halt erwartet.

Und dann fällt das 1:1 und bereits da flippe ich beinahe aus. Und frage dennoch: Warum tust du mir das an, DFB-Team? Ich wollte doch nicht, dass du mir das Herz brichst. Ich wollte doch gar nicht hoffen. Ich wollte doch gar nicht leiden. Aber mit Kloses Tor war die Tür nicht mehr zu schließen. Die Hoffnung war jetzt doch da. Und die Angst. Der Argentinier fällt im Strafraum. Erinnerungen an Italien im Achtelfinale. Gelbe Karte! Nein! Für den Argentinier! Jaaa! Aufatmen. Herzflattern.

Ich habe das Spiel, aus verschiedensten Gründe, alleine gesehen. Ich konnte nicht mehr still sitzen bleiben. Begann im Raum auf und ab zu laufen. Tiger hinter Gittern. Verlängerung. Ich kam mir vor wie Olaf Thon. 45 Minuten die Linie rauf und runter laufen. Der Wohnzimmertisch weist Bissspuren auf. Irgendjemand füllt mir Wackelpudding in die Knie. Meine Hände: schwitzig. Je näher das Elfmeterschießen rückt, desto kleiner kommt mir der Raum vor. Ich muss raus, brauche eine Pause, einen Schluck Wasser, Treppe raufgehen, Treppe wieder runterkommen. Immer noch 1:1. Die Spannung ist fast unerträglich.

Und dann das Elfmeterschießen.

Genau das wollte ich eigentlich nicht. Natürlich, besser im Elfmeterschießen weiterkommen als in der regulären Spielzeit ausscheiden. Aber trotzdem. Meine armen Nerven. Die Pausen zwischen den einzelnen Elfmetern, in der Realität dauern sie Sekunden, vielleicht eine Minute, aber in meiner Privatrealität dauern sie Stunden, Tage, Jahre. Unerträglich. Un. Er. Träglich. Neuville trifft. Jubel. Aus tiefster Kehle. Sich selbst beruhigen, da ist ja noch der Argentinier… der trifft auch. Ernüchterung. Und dann trifft Ballack. Und dann hält Lehmann. Dann passiert noch etwas. Und dann hält Lehmann schon wieder. Er hält! Er hält! Lehmann hält! Lehmann hält! Jubeln! Schreien! Brüllen! Auf dem Sofa auf und abspringen. Abrutschen. Sich weh tun. Egal. Weiterjubeln. Lehmanns Bildnis auf dem Monitor umarmen wollen. Wahnsinn. Einfach Wahnsinn.

Deutschland - Argentinien 5:3. Der Hammer. Der Wahnsinn. Unglaublich.

Das ist WM.

***

Item! Man soll mir nicht nachsagen, ich wäre ein Unbelehrbarer. Ich möchte die Gelegenheit nutzen um mich offen zu entschuldigen. Es tut mir Leid, Jürgen Klinsmann. Ich entschuldige mich, Jens Lehmann. Ich bitte um Verzeihung, David Odonkor. Ich habe ja beim ersten Spiel arg gelästert, habe vorher geglaubt, dass wir mit unseren Abwehrpfosten in der Vorrunde ausscheiden. Jetzt gehören wir zu den besten Vieren. Ich habe Klinsmann oft kritisiert, fand die Art wie er Lehmann nominierte nicht ganz sauber (auch wenn ich die eigentliche Entscheidung nicht kritisieren würde) und habe einige seiner Trainingsmethoden für “eigen” gehalten. Ich habe nach Costa Rica gespöttelt dass Odonkor, von dem ich bis zu seiner Nominierung nie etwas gehört habe, ein WM-Spiel mehr hat als Mehmet Scholl.

Ich bitte um Verzeihung. Jürgen Klinsmann hat so ziemlich alles richtig gemacht. Ein Team, dem ich den Gruppensieg nicht zugetraut hätte (ich tippte ganz daneben auf die Polen), steht im Halbfinale. Und zwar, anders als Völlers Verein von vor vier Jahren, vollkommen verdient. Weil sie stark gespielt haben gegen Polen und Schweden. Weil sie sich von Argentinien nicht haben einschüchtern lassen. Auch wenn’s im Elfmeterschießen passierte: Diese Mannschaft hat einen der Großen geschlagen. Damit hat sie schon jetzt mehr erreicht als die Vizeweltmeister von 2002. Und das weiß ich zu respektieren. Glückwunsch und Entschuldigung, Jürgen Klinsmann. Das was dieses deutsche Team bisher bietet ist toll.

Glückwunsch auch an Jens Lehmann, der heute phänomenal gehalten hat. Weltklasse. Und dass Olli Kahn, der ja bei den beiden Gegentoren im ersten Spiel gut gelaunt war und dessen Miene danach immer versteinerter wurde, dem Lehmann scheinbar vor dem Elfmeterschießen Glück gewünscht hat… wow… überraschend.

Ach ja: David Odonkor. Der hat bisher eine wahnsinnig gute WM gespielt. Der reißt sich den Arsch auf, kommt rüber wie ein ehrlicher Fußballarbeiter. Erinnert mich ein bisschen an Hassan Salihamidzic. An Brazzo. Sowas schätze ich. Guter Mann. Sehr guter Mann. Man vergebe mir meinen Spott.

So wie überhaupt das gesamte Team beeindruckt. Diese junge Mannschaft ist ungemein sympathisch. Gut, Ballack mag ich immer noch nicht, aber der Rest… jung, spielfreudig, enthusiastisch, kampfbereit. Es macht wirklich Spaß diese Mannnschaft anzufeuern. Danke dafür.

Aber ich erlaube mir trotzdem mal dezent die Euphoriebremse zu treten. Ausschließen möchte ich zwar nichts mehr, aber das Halbfinale gegen die Italiener wird ganz, ganz schwer. Da steckt mir der Januar doch noch in den Knochen.

***

Item! Und dann doch noch einmal die Patriotismusdebatte, denn ich wurde da auf etwas aufmerksam gemacht, das ich zwar schon geahnt, aber noch nicht bewusst wahr genommen hatte. Und in Anbetracht der Tatsache, dass wieder schwarz-rot-güldene Autokorsos durch die Städte ziehen, passt es auch.

Ich bin kein großer Freund des Patriotismus, halte es da mit Bierce und Shaw und verweise darauf, dass Patriotismus und Nationalismus für mich zu eng beieinander liegen um das eine zu bejubeln und das andere zu verdammen. Patriotismus ist, da hat Dr. Johnson Recht, “the last refuge of the scoundrel”.

Darum finde ich, ganz ehrlich, das eines gar nicht geht: Patriotismus einfordern. Wenn dann der Bundestrainer, der Bundeskanzlerin, der Bundespräsident (Onkel Hotte) oder der Metzelder mehr Patriotismus verlangen, dann kann es nur heißen: Näääht! So nicht Freunde. Zu verlangen, dass man patriotisch zu sein hat, sowas führt zu “amerikanischen Verhältnissen” und dazu, dass sich die ZEITUNG für FOX News hält und Patriotismuspolizei spielt. Denn Patriotismus und Meinungsfreiheit, also der eventuelle Wunsch unpatriotisch zu sein, das passt nicht zusammen. Alle gleich in Lager sperren, die antideutsche Brut.

Aber auf der anderen Seite muss ich zur Flaggen- und Hymnendebatte auch sagen: Niedriger hängen. Also, nicht die Flaggen, sondern das Thema an sich. Den neuen, deutschen Patriotismus und Nationalismus sehe ich bisher noch nicht. Ja, die Flaggen hängen überall, aber warten wir doch erst einmal ab bis die WM vorbei oder Deutschland ausgeschieden ist. Bis der Alltag wieder Einzug hält. Und wenn die Flaggen dann immer noch hängen, dann reden wir über Patriotismus und Nationalismus.

Denn bisher scheint die Meinung vorzuherrschen, dass man sich auf den Straßen trifft um Deutschland zu bejubeln und die 11 Mann da auf dem Platz der Katalysator dafür sind. Das sehe ich anders. So wie ich das sehe (und selbst empfinde) bejubelt man in erster Linie die 11 Mann da auf dem Platz, die zum ersten Mal seit Jahren einen feierungswürdigen Fußball spielen und dazu nutzt man halt die deutsche Flagge. Als Identifikationsmerkmal. Will sagen: Die deutsche Flagge ersetzt, so weit wie ich das beurteilen kann, derzeit einfach nur die Bayernflagge oder den Borussenwimpel. Weil man sonst wenig zum schwenken hat und die DFB-Flagge scheiße aussieht.

Nach dem 1:0 gegen Polen war ich in Erlangen unterwegs. Das war der Wahnsinn. Autokorsos. Jubelnde Massen. Aber mir hat das Gefallen. Wildfremde haben sich High Five gegeben. Sich zugejubelt. Sich angefeuert und sich gemeinsam gefreut. Nicht weil man den Polen endlich eine dafür reingewürgt hat, dass sie 1939 die Engländer in den Weltkrieg reingezogen haben, sondern weil nach einem guten Spiel der Siegtreffer zu einem Zeitpunkt fiel, als keiner mehr damit rechnete. Das war eine Erlösung. Ein ähnliches Hoch hatte ich 2001 als die Bayern in der Nachspielzeit gegen Hamburg zum Deutschen Meister wurden. Das hat für mich mit Fußball zu tun, nicht mit Nationalstolz.

Ein geistiger Flachköpper hat mir ein “Sieg Heil!” zugerufen, worauf ich - angetrunken - antworte: “Nee, genau das nicht.” (Ich weiß nicht mehr, ob ein Expletiv folgte, bin aber froh, dass er mir nur riet mich zu verpissen, statt mir gleich aufs Maul zu hauen.) Das hat mich auch sehr angekotzt und mit meinem Ärger darüber bin ich jedem in Erlangen auf die Eier gegangen. Aber auf der anderen Seite waren da unter den jubelnden Menschen auch Ausländer. Oder Deutsche ausländischer Herkunft. Der Dönermann, der die deutsche Flagge umgelegt und Spaß mit seiner Tröte hatte. Der in gebrochenem Deutsch betonte: “Ich seit 20 Jahren Deutschland lebe, Deutschland arbeite, Deutschland bin.”

Du bist Deutschland. Fand ich als Reaktion schöner als diese ganze dämliche Anzeigenkampagne letztes Jahr. Oder die Ausländer überall an den Bahnhöfen, in den Innenstädten. Die beiden Ghanaer die einen halbe Regionalbahn unterhielten als sie David Odonkor feierten, der - da waren sie ganz sicher - Deutschland zum WM-Titel schießen würde. Der Engländer, mit dem ich mich über ein Bier darauf einigte, dass sich Deutschland und England im Finale treffen und dann die Sache mit 1966 ein für alle mal hinter sich bringen sollten. Bisher empfinde ich diese WM nicht als segregierend. Ganz im Gegenteil. Ich habe nicht das Gefühl, dass da eine Stimmung erwächst, in der klar zwischen “echten Deutschen” und den anderen unterschieden wird.

Oder dass besonders die NPD von dieser WM profitiert. Wir erinnern uns: Vor der WM gab es von den Glatzenköppen diesen schnieken Planer mit der Aufschrift “Weiß! Nicht nur eine Trikotfarbe!

Und wer wurde beim Schwedenspiel lautstark gefordert, wer wurde auch heute wieder bei jedem Ballkontakt frenetisch bejubelt? David Odonkor. Ich wage zu bezweifeln, dass die Nazis das so tierisch prickelnd finden. Auch das sollte man nicht zu hoch hängen. Deshalb wird der Rechtsextremismus in Deutschland nicht zurückgehen, deshalb werden Spiele in der Regionalliga für farbige Spieler nicht weniger zum Spießrutenlauf. Aber man sollte die WM insgesamt nicht zu stark politisieren. Mir, und ich glaube das geht den meisten Fans so, geht es hier in erster Linie um Fußball, nicht um Nationalrevanchismus.

Natürlich schockt es mich, wenn ich sehe wer da jubiliert, weil die Nationalhymne gesungen wird. Aber deshalb, wie es die GEW getan hat, gleich das Dritte Reich heraufbeschwören und den völligen Verzicht fordern? Gut. Einigkeit kann leicht zur Uniformität, ergo Faschismus verkommen. Aber “Recht” und “Freiheit” finde ich als Idee jetzt gar nicht so übel. Mehr davon würden Deutschland nicht schaden. Und würde der Slogan “Kein Fußbreit den Faschisten” nicht eben bedeuten, dass man nicht sofort die totale Abschaffung von allem fordert, dass sich die Fans von Holger Apfels Konfirmandenanzug sich aneignen wollen?

So, viel rumgeschwallt ohne zu sagen, worauf ich hinaus will. Also, die Julia Bonk (wir erinnern uns, die sexy Sächsin, der Schmollmund des Sozialismus, die rote Heide… äh, halt…) und ihre Junge Linke haben derzeit eine tolle Aktion gestartet:

Die Junge Linke.PDS Sachsen will die Deutschlandfahnen von der Straße bekommen und tauscht die Flaggen gegen T-Shirt’s ein.

(Die Junge Linke.PDS Sachsen will übrigens auch das falsch apostrophierte Plural-S von den Straßen bekommen und tauscht die Apostrophe gegen Deppen-Leerzeichen ein.)

So weit, so gut. Bis hierhin: Wenn’s Not tut. Für drei Flaggen gibt es “ein T-Shirt mit der Aufschrift „Nazis raus aus den Köpfen“ und eine DVD.” Fair enough. “Nazis weg von den Straße” wäre für den Anfang auch nicht schlecht, aber wegen mir. Ist ein bisschen wie mit dem Panini-Bilderalbum auf dem Schulhof, wo es für drei Peer Mertesackers einen Miroslav Klose und einen Bastian Schweinsteiger gibt. Aber was mich an der Kiste stört ist folgender Satz von unserem deutschen Fräuleinwunder:

Natürlich hat man eine Sehnsucht nach Identifikation. Die deutsche Flagge ist aber kein Fußball-Wimpel, sondern ein Nationalsymbol. Und mit diesem Symbol verbindet sich deutsche Geschichte und zu dieser Geschichte gehört eben auch der Nationalsozialismus – auch wenn die Nationalsozialisten eine andere Fahne verwendet haben. Ich will in Deutschland aber keine Normalisierung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Ähnlich schmerzhaft fand ich Don Alphonsos Feststellung, dass die 3% der deutschen Bevölkerung, die jetzt irgendwo die deutsche Flagge angebracht haben, allesamt Nazis sind. So sehr ich auch gegen die Patriotismuspolizei wettere, die konstante Reductio ad Hitlerum der Gegenseite geht mir auch tierisch auf die Nerven.

Ich weiß, dass das Schwarz-Rot-Gold auf Burschenschaften zurückgeht und auf einen deutschen Nationalismus. Aber den kann man, meiner Ansicht nach, eben nicht mit dem späteren Nationalsozialismus gleich setzen. Dafür waren die Bedingungen zu anders. Vielleicht bin ich da falsch gepolt, aber wenn ich die schwarz-rot-goldene Flagge sehe, dann assoziere ich damit nicht 1933-1945. Da springt mir als Jahreszahl noch eher 1848 in den Kopf. Ich verbinde damit eher Paulskirche als Gleichschaltungsgesetz, eher Lasalle, Blum, Brentano und Struve als Hitler, Himmler, Göring und Goebbels.

Und ich wage zu behaupten, dass viele der Flaggenschwenker wenn sie die derzeit Flagge sehen, erst einmal an Klose, Podolski, Neuville und Odonkor denken. Nur weil jemand die Flagge schwenkt, heißt das noch nicht, dass die “Verbrechen des Nationalsozialismus normalisiert” werden. Das haben die WMs 1954, 1974 und 1990 nicht geschafft, dass wird auch 2006 nicht passieren. Wie stark Auschwitz geleugnet wird hat nichts damit zu tun, wie weit diese Nationalmannschaft im Turnier kommt. Und bloß weil 60.000 die Nationalhymne im Stadion mitsingen, werden sie deshalb noch lange nicht sofort danach die Rückeroberung der reichsdeutschen Gebiete im Osten fordern. Der logische Klimmzug von DFB nach Dachau ist ohne Schummelei und Gerätewechsel nicht machbar.

Alles was ich sagen will ist folgendes: Okay, das das Flaggenmeer derzeit hat sehr ungeahnte Ausmaße. Aber, da bin ich mir sicher, das legt sich spätestens nach der WM wieder. Und wenn die Politik jetzt den bedingungslosen Patriotismus einfordert, damit sie weiter Scheiße bauen, sich aber keiner mehr beschweren kann, dann ist das falsch. Wenn man auf der anderen Seite aber jeden Deutschlandfan erstmal als potentiellen Nazi und Holocaustleugner abstempelt, dann ist das um keinen Deut besser.

Solange das ganze friedlich und freiwillig bleibt, soll man mir Flaggen schwenken bis die Arme wehtun. Wäre wünschenswert wenn beide Seiten die Augen mal von der Tribüne wegbewegen können. Denn eines wußte Adi Preißler schon: Entscheidend ist aufm Platz.

Will sagen: Macht doch was ihr wollt, ich geh mich jetzt auf Deutschland - Italien freuen.

Nachtrag: Sehr gut zum selben Thema. [via]

14 Responses to “Weltkapp 0,6: Don’t Cry For Me Argentina”

  1. thwidra Says:

    Soweit ich weiß, hat die Schwarz-Rot-Goldene Flagge ja erstmal gar nichts mit dem Dritten Reich zu tun. Die wurde in der Weimarer Republik gewählt in Abgrenzung zur Kaiserfahne Schwarz-Weiß-Rot. Darum gab’s dann ja anschließend auch jahrelangen “Flaggenstreit” und mindestens eine Regierung ist auch darüber gestürzt. Vor allem die Rechtskonservativen bis Rechtsextremen wollten die Kaiserflagge wiederhaben. Und zu der sind die Nazis im Dritten Reich ja auch zurück gekehrt und haben die Fahne neben der Hakenkreuzfahne aufgezogen.

  2. Björn Says:

    Da hast du schon recht. Das Trikot der deutschen Nationalmannschaft, also das schwarz-weiße Heimtrikot, geht ja auch auf die preußische Flagge zurück.

    Und bei der NPD ist man ja derzeit auch noch leicht konsterniert, weil man eigentlich immer gegen die schwarz-rot-goldene Beflaggung wetterte und nicht sicher ist, ob man jetzt mitschwenken oder doch lieber die schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Schrank holen sollte.

    Ich habe den Drittreich-Verweis gebracht weil ja Frau Bonk betonte, dass die Flagge Deutschland und darum auch Drittes Reich und Holocaust repräsentiert. Flaggeschwenken also gleich “Normalisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus” wäre.

    Der Grund warum ich sogar vor Weimar noch an 1848 denke, liegt wohl im Geschi-LK begraben. Da hatten wir es bis zum Abwinken mit diesem Bild zu tun.

  3. Björn (II.) Says:

    sind die burschenschaften damals nicht auch auf irgendeinen hügel gezogen? hatte eben nur GK ;) sehr schöner beitrag.

    alphonso tut mir leid, schätze die umgebung hat seine wahrnehmung der realität ein wenig getrübt, soviel stuß kann man eigentlich kaum schreiben.

  4. Don Rosa Says:

    Hambacher Fest, I guess.

  5. Don Alphonso Says:

    Bedaure, aber Leute, die nicht mal in der Lage sind, Texte und darin als Stilmittel enthaltene Unschärfen zu verstehen, tun mir nicht leid. Da hat wohl das Umfeld in der Schule die Auffassungsgabe etwas getrübt. Es gibt einen Unterschied zwischen einer klaren Aussage und etwas, das intendiert sein könnte.

  6. Oli Says:

    Blind vor Freudentaumel? Alles halb so schlimm, die “spielen” ja nur. Die Korinthenkackerei bezüglich Fahnen, Farben etc. kann man sich doch abschminken, was möchte man denn damit erreichen? Etwa eine Relativierung, einer offensichtlich vorherrschenden Gesinnung? Lächerlich, Björn - ich kommentiere hier selten bis gar nicht, warum auch, lohnt auch nicht, die Texte sind gut und stimmig … bis jetzt.

  7. Björn Says:

    Oli, Zuneigungsentzug weil ich hier eine andere Meinung habe als du? Dabei fordere ich doch nicht einmal den bedingungslosen Patriotismus wie es die ZEITUNG tut.

    Ich sehe nur eben in den Leuten, die nach den Spielen der deutschen Nationalmannschaft jubeln, kein Wiedererstarken des deutschen Nationalismus. Und ich sehe in den Leuten in erster Linie Fußballfans und nicht Nazis die nur auf den Umbruch warten. Die Deutschlandflagge ist nicht die Reichskriegsflagge, die Nationalhymne ist nicht das Horst-Wessels-Lied. Ich bleibe dabei, die Stimmung wird ganz schnell ins normale zurückschlagen, wenn erstmal die Fußball-WM gelaufen ist. Die Gefahr der neuen Rechten kommt ganz sicher nicht aus dem Fußballstadion.

  8. Don Rosa Says:

    “Ich sehe nur eben in den Leuten, die nach den Spielen der deutschen Nationalmannschaft jubeln, kein Wiedererstarken des deutschen Nationalismus.” - ist halt nicht das einzige Kriterium. Wenn schon die alten Rechten sich darüber freuen, kann ich eben nicht mitjubeln. Letztens war ich abends nach dem Sieg gegen Schweden im McDonald’s, umgeben von einer Meute Arschgeigen, denen kein besserer Fangesang als “Seid stolz, dass ihr Deutsche seid” einfiel. Wurde übrigens außer von mir und den paar verlorenen Vietnamesinnen hinter der Theke von allen mitgebrüllt.

  9. Björn Says:

    Okay, das ist unschön und da verstehe ich auch durchaus deine Position. Ich hatte in einem anderen Post ja auch schon den “Ihr schwulen Schweden”-Gesang kritisiert. Nur, bisher ist die absolute Mehrheit der Fans, mit denen ich Kontakt hatte, eben nicht in diese Richtung aufgefallen, darum vertrete ich hier die Position, dass man den Flaggenwahn und so weiter erst mal nicht überbewerten sollte.

    Das allerdings ein nicht gerade kleiner Teil an Fußballfans Rassisten und Homophobe sind, das will ich nicht bestreiten. Das waren die aber auch schon vor der WM und von denen möchte ich mir das Spiel nicht kaputt machen lassen. Da wäre es mir lieber wenn eine Mehrheit dagegen hält, als das feiern ganz sein zu lassen.

    Aber, wie gesagt, ich verstehe deinen Einwand.

  10. Don Alphonso Says:

    Mit Verlaub, auch Typen, die mir den Befehl “Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist” entgegenbrüllen, habe ich erhebliche Probleme. In meiner Welt heisst das noch immer “Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn Du aufstehen könntest…”. Was wollen die mir bitte sagen? Den Pass aberkennen, wenn ich nicht aufstehe? Warum überhaupt aufstehen? Nur wegenn so ein paar Fussballdödeln wird der Volkskörper in Reih und Glied gezwungen? Wo samma denn? Und wie weit ist es eigentlich von da an bis zur totalitären Denke? Oder denken die nicht, und es sind ihnen einfach die Lieder ausgegangen?

  11. Björn Says:

    Aber auch bei dem Gesang würde ich die Position vertreten, dass das in erster Linie die Abwandlung des bundesligatypischen “Steht auf wenn ihr Bremer seid”, oder “Steht auf wenn ihr Bayern seid”, darstellt. Gedankenlosigkeit villeicht, aber kein Bekenntnis zum wildgewordenen Nationalismus oder der reingermanischen Volksgemeinschaft.

    Wie weit es von dem Lied bis zur totalitären Denke ist? Kommt drauf an wie die Leute reagieren wenn du im Stadion sitzen bleibst. Wenn die Leute das ohne weiteres akzeptieren: Weit genug. Wenn du aber dafür angefeindet wirst, dann ist es nicht mehr zu weit und dann haben wir da ein Problem, da hast du Recht.

  12. thwidra Says:

    Um meinen ersten Kommentar noch mal etwas zu ergänzen: Mir erschließt sich die Verbindung zwischen unserer Nationalfahne Schwarz-Rot-Gold und dem Dritten Reich nicht ganz. Nationalflagge ist sie in der Zeit der Weimarer Republik und in der BRD nach dem dem Zweiten Weltkrieg gewesen (und ist sie heute immer noch). Ich finde es deshalb eine plumpe, geschichtsvergessene Unterstellung, wenn Frau Bonk behauptet, jeder der mit unserer Nationalflagge ein wenig herumwedelt oder sie sich ans Auto klebt, sei ein Verharmloser der Verbrechen der Nazis im Dritten Reich. Diese Logik kann ich nicht nachvollziehen.

  13. Tales from the Mac Hell » Blog Archive » Kurze Lesetipps Says:

    [...] Was agitpop da zur WM und der Nationalismusdiskussion schreibt, gefällt mir. [...]

  14. Sueton Says:

    Björn, du drückst wieder mal gut aus wie ich mich fühle. Zumindest weitgehend. Nehme hiermit v.a. bezug auf die Spielanalyse und deine Entschuldigung an Klinsmann.

    Schaue Fußball (im Gegensatz zu dir allerdings) normalerweise mit dem Arsch nicht an und doch habe ich ungefähr die selben Gefühle beim Spiel empfunden, wie du sie beschrieben hast. Und die Tatsache, dass so viele Millionen Menschen dasselbe empfinden, überrascht mich immer wieder. Ich wundere mich dann über mich selbst, dass ich so mitfiebere. Kaum ein Kinofilm oder Buch hat mich in letzter Zeit in solche Zustände versetzt.

    Hooligans, Reaktionäre Fußballfans auf der ganzen Welt hin oder her, die Tatsache, dass Menschen auf der ganzen Welt sich das Turnier anschauen und einfach mal mit ihren Teams mitfiebern (JA, ihren Teams…insbesondere denke ich, dass Dtl. das auch darf…momentan ist ja auch wenig vorhanden über das man sich freuen kann) und davon 2 Millionen auch in Dtl. weitgehend problemfrei zu Gast sind, ist nett. In Köln habe ich gestern nacht auch die gute Stimmung und das friedliche Feirn erlebt und mich einfach drüber gefreut. Deutschland-Gesänge mag ich zwar immer noch nicht, aber sollen die Leutz doch, solange es nicht chauvinistisch und gewalttätig wird.

    Fußball ist Fußball und für mich keine Rückkehr zum chauvinistischen Nationalismus. Ich habe übrigens keine Flagge aufgehängt und werde das auch nicht tun, aber ich genieße die Spiele. Und ignoriere Fußball dann die nächsten 2-4 Jahre wieder. Die gute Frau Bonk steht für mich auch wieder einmal beispielhaft für das zu neurotisch-verkrampfte Verhältnis des Deutschen zu allem, was auch nur nach Nationalismus riecht. Offensichtlich hätte ihr ein Geschichts-LK auch mal ganz gut getan….12 verdammt üble Jahre sollten nicht die Erinnerung an 1848 auslöschen. Wir konnten auch mal anders und können es heute auch wieder…

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