Weltkapp 0,6: Vierter Tag

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Item! Da ich heute nachmittag losfahre, erst die alte Universitätsstadt und dann den Problembären besuchen, wird es hier im Blog wahrscheinlich bis Anfang nächster Woche erst einmal ruhiger. Oder: Halbzeit, um im Jargon zu bleiben. Möglich, dass ich mich mal kurz zwischenständlich melde, aber noch nicht sicher.

Da möchte ich die Gelegenheit nutzen, solange auf ein paar Blogs zu verweisen, die sich auch mit dem allgegenwärtigen Ballgetrete beschäftigen und die - frei nach Werner Schneyder - von Fußballfreunden, Fußballskeptikern und Fußballgegnern betrieben werden:

*Fooligan aus dem Spreeblick-Verlag, der große alte Mann unter den Fußballblogs.

*Kick Dich, unter anderem mit Jörg-Olaf und Igor, die sonst Mittelstürmer bei medienrauschen sind.

*Fünferkette hat sich derweil Vorzeigeblogger Thomas Knüwer als Spielführer geangelt.

Und, kein Gruppenblog, nicht einmal mehr ein magisches Dreieck: Fredi Bobic, der viel besser schreibt als Pierre Littbarski spricht.

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Item! Man merkt, dass Weltmeisterschaft ist, wenn man plötzlich jubelnd die Arme hochreißt, weil die Australier in Führung gehen, obwohl einem das Spiel gar nichts bedeutet und die Aussies einem damit sogar den WM-Tipp versaut haben.

Die Australier waren mir sehr sympathisch, aber die Tschechen haben mich richtig begeistert. Die hatte ich ja schon auf der Kappe weil sie zusammen mit Holland bei der EM 2004 das genialste Fußballspiel der letzten zehn Jahre abgeliefert haben. Aber den Fußball, den die Tschechen gestern gezeigt haben… Zucker. Ideenreich. Schnell. Wunderschönes Passspiel. Nedved ist immer noch ein begnadeter Spieler und Dortmund sollte darüber nachdenken, ob sie Rosicky nicht wegen Arbeitsverweigerung verklagen.

Bisher das schönste Spiel bei dieser WM.

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Item! Was das Spiel Japan gegen Australien wieder anstoßen darf, ist die Frage ob man den Videomonitor, den der vierte Schiedsrichter da stehen hat, nicht auch öfter einsetzen sollte. Ich kenne die Debatte, dass das Spiel zerstückeln würde, aber zumindest bei ganz klaren Fehlentscheidungen sollte der vierte Offizielle sagen dürfen: “Oi! Schiri! Guck mal…” Und das Tor der Japaner war gestern klar regelwidrig. Gut, nachher hat der Mann in Schwarz auch den Japanern einen Elfmeter verwehrt, aber auf diese Art von Instant Karma kann man auch nicht immer setzen.

Alternativ würde ich es schon begrüßen, wenn die FIFA dieses Videomaterial nutzen würde, um auch nach Spielende nachträglich Karten zu verteilen. Etwa an all die Spieler, die sich im Bodenturnen üben, sobald sie im Strafraum auch nur einen leichten Windhauch spüren. Diese Hinfallerei ist eine echte Seuche geworden und verhindert im Gegenzug, dass legitime Elfmeter gegeben werden, weil die Schiedsrichter auch immer zynischer dazu stehen.

Zwölf WM-Spiele und noch kein einziger Elfemter? Da fehlt schon etwas.

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Item! Kerner! Dass Sie “als Moderator überbezahlt” sind, das wissen wir ja. Aber was war denn das gestern bitte schön für eine Leistung, als Sie den Herrn Pelé (also den Edson aus Brasilien, nicht den Claus-Dieter aus Brakel) bei sich im Studio hatten?

War Ihnen ihre Adulatio da nicht selbst zu wider? Was sollte das denn? Hatten Sie Angst, dass die “schwarze Perle” das Studio verlässt, wenn Sie nicht alle dreißig Sekunden erwähnen, dass Pelé der “größte aller Zeiten”, “der beste Spieler aller Zeiten”, “die größte Nummer Zehn aller Zeiten” oder “der einzige Spieler, der dreimal Weltmeister wurde… und darum der Beste” ist? Und wie schmeckt eigentlich Pelés Speichel, den Sie so großzügig aufleckten, wann auch immer der gute Mann etwas sagte und sie darauf in bestem Smithers-Sprech erwähnten, dass man gefälligst zuhöre, wenn der Beste rede?

War das vielleicht ein Versuch die Nähe zu Pelé zu suchen um Ihre eigene Apotheose voranzutreiben, als Sie erwähnten: “Hier im ZDF treffen sich halt die Besten.” Falls dem so sein sollte, das klappt nicht. Bloß weil Pelé zu Gast ist, werden Sie dadurch noch lange nicht erträglich: 1998 hatte England unter anderem Rio Ferdinand, Paul Scholes, Michael Owen, Alan Shearer und David Beckham im Kader. Was nichts daran änderte, dass David Seaman Scheiße war.

Hier ein kleiner Tipp für Sie: Die Grenze zwischen Höflichkeit und Arschkriechen ist schmal… und wie beim Ball bei Thomas Helmers Phantomtor, ist man oft nicht sicher, ob der Moderator nun schon drin ist oder nicht. Aber spätestens wenn Sie durch Pelés Mund das Tageslicht erkennen können, Kerner, dann sollten Sie wissen, dass Sie zu tief gekrochen sind!

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Item! Und liebe Föten, äh, Feuilletonisten: Bei allem Respekt vor der Frage ob und wie diese WM den Deutschnationalismus, die Ressentiments gegen Ausländer, die nationalbefreiten Zonen im Osten und die NPD stärken wird… mal kurz die Augen abwenden von den komplett in schwarz-rot-gold gekleideten Zahnarzthäusern und den Blick aufs Unterschichtenfernsehen gerichtet: Da sitzt der wahre Feind.

Denn es sind Sender wie RTL und SAT1, die in ihren fernsehgewordenen ZEITUNGSversionen, wie Punkt 12 die ganze Zeit mit nationalistischen Ideen und Klischees spielen. Da finden dann ganz hervorragende WM-Reportagen statt: So entfernt man drei wasserstoffblondierte Möchtegernmodels aus ihrem natürlichen Habitat in irgendwelchen Schickeriaclubs und schickt sie während des WM-Spiels Italien gegen Ghana in eine italienische Bar um zu sehen, ob die italienischen Männer sich ihren plumpen Anmachversuchen hingeben. Und dann ist man total schockiert, dass der Südländer, der sonst ja nix anbrennen lässt, nur ein bisschen Gesäß tätschelt oder - ganz schlimm - die Frau aus dem Bild verweist, weil er das Spiel gucken möchte. Die Frauen werden in einer italienischen Bar während eines Italienspiels nicht sexuell belästigt und das ist eine Katatstrophe?

Ähnlich qualtitativ die Reportage in der sie herauszufinden versuchten, ob Deutsche Frauen besser, hübscher und generell erotischer wären, als ihre polnischen Konterparts. Und falls dem so wäre, warum sich dann Miroslav Klose und Lukas Podolski Frauen aus dem sympathischen Katholikenstaat geangelt hätten. Ich erspare mir hier jeden Verweis auf altdeutsche Familienpolitik und fasse zusammen:

Ganz große Berichterstattung.

Ähnlich schön auch, dass man Desirée Nick auf die Fernsehnation loslässt. Die ist gefühlte zehn Jahre vor Sepp Herberger geboren worden und hat zwar keine Weltmeisterschaft gewonnen, aber dafür Känguruhoden vor laufender Kamera gegessen. Ist ja auch was wert. Auf jeden Fall, besagte Frau Nick darf jetzt als “Komödiantin” der WM einen humoristischen Spin verpassen. Erwähnen, dass man ja glaubte, dass die Küstenricaner (schöner Begriff, danke Thwidra) nach der Niederlage gegen Deutschland Tschibo-Filialen verwüsten würden. Brüller.

Aber es wird noch besser, du. Hier. Pass auf. Pass auf. Gezz: Da erwähnt die Alte (hier wörtlich zu verstehen), dass die Polen bei dieser WM noch ohne Tor wäre und dass sie das überrasche. “Wo die Polen doch sonst so gut sind, beim Abstauben.” Hammer. Polenwitze. Wow. Hier, komm her, pass auf Desirée: Wenn die Polen ausscheiden, dann kannst du folgenden Witz verwenden:

“Viele polnische Fans sind ja wegen dem Ausscheiden ihrer Mannschaft vor Gram gestorben und in den Himmel gekommen. Woher ich das weiß? Am großen Wagen fehlen die Reifen!”

Oder, wenn der nicht so dein Ding ist, einfach mal bei SAT1 anrufen und nachfragen, ob die dir nicht Videos der Harald Schmidt Show zwischen 1997 und 1998 ausleihen können, da gibt es eigentlich humoristisch alles was du brauchst. Polenwitze bis zum abwinken. Und hast schon Recht, was vor gut zehn Jahren lustig war, das kann heute nicht schlecht sein. Passend dazu, und auch aus der Harald Schmidt Show:

Wie heißt die Frau, die bei Frankreich die Trikots wäscht? Die Trikot-Lore.

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Item! Und zu guter Letzt: Warum ist Holland gegen Tschechien 2004 nur das beste Spiel der letzten zehn Jahre gewesen? Weil es Anfang der Neunziger das größte Fußballspiel aller Zeiten gab. Ein bis heute unvergessener Knaller: Holzbein Kiel gegen FC Südebrarup in Werners Sportstudio.

Das war hier auch mal verlinkt, aber ich möchte nicht das Brösel wegen mir pleit geht. Oder ich wegen der Abmahnindustrie. Letzteres eigentlich primär. Darum sicherheitshalber: Weg mit den Links.

Für den Rest der Woche verbleibe ich damit mit einem:

Wir trampeln durchs Getreide/
Wir trampeln durch die Saat/
Hurrah wir verblöden/
Für uns bezahlt der Staat
.

Freundschaft.

3 Responses to “Weltkapp 0,6: Vierter Tag”

  1. thwidra Says:

    Die Tschechen sind meine Favoriten (und das nicht nur wegen meiner heimatlich-geographischen Nähe zu diesem Land), denen traue ich jedenfalls alles zu.

    Vielleicht noch ein Blog-Tipp, den ich auch sehr gut geschrieben finde: Inishmore mit seinem “unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuch” bringt mich zur Zeit jeden Tag zum Lachen.

  2. marcel Says:

    Björn, gibt es eigentlich etwas, bei dem Du Dich nicht auskennst? Das ist ja unheimlich.

  3. agitpop - fährt trotzdem nach berlin » Blog Archive » Weltkapp 0,6: Aus, aus, aus… Says:

    [...] Item! Na, FIFA? Der Linienrichter hat es scheinbar zuerst nicht gesehen, der Schiri konnte es nicht sehen… trotzdem gab es Rot für Zidane. Klingt so, als wäre hier der oft geforderte Videobeweis zum Einsatz gekommen. Bewegt das vielleicht zum Umdenken, zumindest in kleinen Schritten? Ich wäre ja dafür. [...]

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