SID? Vicious!

Sicher, ich mag meinen PC wirklich. Und ich erinnere mich gerne daran, wie ich mit schweißnassen Händen “Zelda” für den Gameboy ausgepackt und wochenlang gezockt habe. Und das Super Nintendo halte ich immer noch für eine der besten Spielekonsolen, die es je gab. Aber der Rechenknecht, der auf mich persönlich bis heute die größte Faszination ausübt, ist der Commodore C64. Das hat viel mit Nostalgie und Kindheitserinnerungen zu tun, die mir immens wichtig sind… und ich werde hier sicher irgendwann ein ausführliches Loblied auf den C64 singen, aber nicht heute.

Wobei Loblied kein schlechter - dabei total unbeabsichtigter - Übergang ist, denn der C64 hat mich nicht nur in die Welt der Computerspiele eingeführt, er ist wahrscheinlich auch schuld daran, dass ich Teilen der elektronischen Musik nicht komplett abgeneigt bin, obwohl in meiner Heimat eigentlich alles verpönt ist, was nicht aus Gitarre, Bass und Drums besteht. Okay, das ist unfair. So erzreaktionär ist man in Ostwestphalens Dörfern musikalisch gar nicht. Wenn eine Band einen zweiten Gitarristen hat, dann geht das auch noch in Ordnung. Gerade so.

Teile der elektronischen Musik… damit meine ich jetzt eher sowas wie Vangelis zu “Blade Runner”-Zeiten oder Mobys “Play” als echten Techno der “Mayday”-Sorte, nur um auch das gleich vorweg zu nehmen. Der C64 hatte als Soundchip einen SID/MOS6581(SID = Sound Interface Device), ein beachtliches kleines Teil, das sich vorallem durch seinen sehr eingenen, sehr elektronischen Klang auszeichnet, mit dem aber so einiges möglich ist. Die Standards, die SID-Komponisten gesetzt haben wurden - wenn überhaupt - auf dem PC erst Jahre später erreicht. Dem quengeligen PC Speaker und selbst den sehr honorigen AdLib-Soundkarten fehlte es an etwas, um das Niveau der besten C64-Soundtracks zu erreichen. Zumindest beim AdLib kann es nicht die technische Qualität gewesen sein. Vielleicht wäre es auch hier möglich gewesen eine ähnlich kreative Szene zu erschaffen, aber man hat nicht soviel Wert darauf gelegt. Dunno.

Nichtsdestoweniger, das was die wirklich Großen der C64-Musik mit dem SID-Chip geschaffen haben ist noch heute beeindruckend. Immerhin hatten sie für ihre Kompositionen maximal drei Soundkanäle zur Verfügung… wenn ein Spiel mit besonderen Soundeffekten aufwartete sogar nur zwei. Und trotzdem sind viele Stücke unglaublich eingängig und wahnsinnig melodiös. Auch wenn die Mehrzahl meiner Bekannten diesen entgeisterten Gesichtausdruck zur Schau trägt, wenn ich SID-Files anhöre. Vielleicht wirken diese Kompositionen erst ab einem gewissen Grad an Nostalgie, die der Hörer mitbringt. A lost age of computer innocence. Nein, das kann ein Grund sein, aber es ist gewiss nicht der Einzige, sonst würden die Namen von Komponisten wie Rob Hubbard, dem Kasselaner Chris Hülsbeck, Martin Galway oder Ben Daglish nicht heute noch mit soviel Respekt ausgesprochen.

Vorallem war es mit dem SID-Chip möglich eine ganze Palette an Emotionen und Stimmungsbildern zu erschaffen. Da war David Whittakers “Armageddon Man”, das eine erdrückende Einsamkeit mit sich brachte, ähnlich wie die ersten zehn Sekunden des “Blade Runner”-SIDs, das dann leider in die musikalische Belanglosigkeit abrutscht. Aber die ersten zehn Sekunden… wow. Da war das düster-bedrohlich-unheimliche Theme aus “Forbidden Forest” (Paul Norman), das dem Spiel erst seine Faszination gab (okay, das Blut und die Riesenspinnen haben sicher nicht geschadet). Im Gegenzug, das “G.I. Joe”-Theme, das so eingängig und catchy ist, dass ich es immer noch im Ohr und immer mal wieder auf den Lippen habe… Jahre nachdem ich das Spiel zum Letzten mal gespielt habe. Es gibt wenig PC-Spiele, von deren Titelmelodien ich das ernsthaft behaupten kann (klare Ausnahme: Monkey Island). Ähnlich eingängig ist vieles, das Rob Hubbard geschaffen hat… das Theme aus “Delta”, das Theme aus “Commando”… und die Hintergrundmusik aus dem vierten Level von “The Human Race” ist vielleicht eines der besten Stücke digitaler Musik, das je geschrieben wurde.

Wie bei vielen anderen Menschen ist mein Musikgeschmack sehr wankelmütig. Ich habe da starke Stimmungsschwankungen und ausgeprägte Phasen. Wochen in denen ich nur Rock aus den ‘60ern und ‘70ern höre, Wochen in denen ich richtig Lust auf schnellen, lauten Punk habe, gefolgt von Wochen in denen ich mir die MetallicA-Stücke aus den ‘80ern wieder und wieder anhöre. Und danach kommen vielleicht Monate in denen ich nicht ein Lied von MetallicA hören will, weil ich einfach gerade absolut keine Lust auf diese Art von Musik habe. Momentan befinde ich mich in einer SID-Phase. Und das Schöne an der Sache ist, dass die SID-Szene immer noch aktiv und am Leben ist. Es gibt Webzines die sich nur mit den Themen SID-Musik und SID-Remixe befassen, es gibt riesige Archive mit mehreren Tausend solcher Remixe, in alle Stilrichtungen von Ambience und Trance bis hin zu Rock und HipHop. Zum Teil wird da meine Vorliebe für laute Gitarren wunderbar mit meiner Vorliebe für SID-Tunes kombiniert. Besonders die Remixe von Puffy64 sind da besonders hervorzuheben… ein netter, kleiner Song ist sein “Way of the Exploding Fist”-Stück, obwohl “Zak Commando McKracken” und “Delta” um einiges rockiger sind… aber eigentlichen machen alle Remixe gehörig was her.

Eine meiner Lieblingsbands, Machinae Supremacy aus Schweden, hat ein unheimliches Talent dafür, Hardcore mit SID-Samples zu vermischen. Wobei sie, das sollte erwähnt werden, nicht nur Samples aus alten Spielen resteverwerten. Zu den Instrumenten die Machinae Supremacy verwenden, gehört eine sogenannte SID-Station, ein Gerät, das einen originalen SID-Chip verwendet. (Der Produzent hat damals offenbar alle noch existierenden SID-Chips erworben und dann in diese Geräte gepackt… und er hat jedes einzelne verkauft. Inzwischen gibt es allerdings auch Alternativen, die einen SID-Chip emulieren.) Und mit dem Ding können die Jungs wirklich zaubern. Besonders toll an der Sache ist, dass man inzwischen über 30 Songs direkt von ihrer Homepagerunterladen kann (hier und hier). Anspieltipps von meiner Seite aus sind “Sidology Episode 1 - Sid Evolution”, “Kings of the Scene”, das “Great Gianna Sisters”-Cover und mein absoluter Lieblingstrack “Anthem Apocalyptica”. Schönett Ding, das.

Diejenigen, denen das hier wie ödes Namedropping vorkommt, weil sie keine Ahnung haben, wovon ich da rede, wer dieser Hülsbeck ist oder warum ich hier Werbung für den Boss von Scientology mache, seien hiermit auf die Macht des Internets verwiesen, die es erlaubt klaffende Bildungslücken zu schließen, etwa um sich einen SID-Player und die oben erwähnten SID-Files zu organisieren. Und für diejenigen sind auch die folgenden Links gedacht.

Literatur
*Remix 64 - Das Webzine zum Thema.

Time
*Sidplayer um SID-Files abzuspielen.
*SIDs von Martin Galway.
*SIDs zu jedem Song den Rob Hubbard je komponiert hat.
*Riesiges SID-Archiv.

And Again
*Machinae Supremacy.
*Press Play on Tape - C64 Cover Band.
*Puffy64 Remixe.
*Riesiges Remix-Archiv. Reinhörtipp: The Human Race (Bando alle Seghe).

3 Responses to “SID? Vicious!”

  1. Jan Says:

    Wow, das war ein cooler Artikel.
    Die Machinae Supremacy sollten sich zwar schleunigst von ihrem grottenschlechten Sänger trennen, aber dafür waren die Puffy64 Remixe um so besser.

    Das hier könnte dich auch interessieren: http://www.insertcredit.com/archives/000214.html.

    Hab dazu auch ein bißchen was geschrieben, leider unterstützt blogger wohl kein Trackback, also: http://www.kackreiz.net/?p=356

  2. Björn Says:

    Danke für das Lob und die Links, sowohl hier als auch in deinem Blog, da kannte ich einiges noch nicht.

    Im Gegenzug könnte ich in Sachen bitpop übrigens noch Pornophonique anbieten. Eine Lagerfeuergitarre, ein Gameboy: Musik. Die haben ihre Homepage hier: http://www.pornophonique.de/

    Wegen Trackback schaue ich mal, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das ins Template einbauen kann wenn ich mich ein wenig schlau mache.

  3. Matthias Says:

    Nicht zu vergessen sei hier die Band Welle Erdball, die ja schon seit Jahren SID basierte Stücke rausbringen…”Mensch aus Glas” ist der Hammer!

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