Videogames: Seduction of the Innocent

Text erweitert am 16. 11. 2005 um 1030h

Oh for fuck’s sake… das ist also das Ergebnis von Wochen andauernden Koalitionsverhandlungen?

Im Zuge des Jugendschutzes soll in den Koalitionsvertrag: “5147 · Verbot von „Killerspielen“

Killerspiele? Das ist der beste Begriff der euch da eingefallen ist? Eine schwammige, nichtssagende Worthülse die man allem überstülpen kann was Frontal21 oder Planetopia in einem weiteren Anfall von Moralpanik damit brandmarken? Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wenn Counterstrike in Deutschland schon als Killerspiel gilt, dann wird es vielen anderen Spielen wie Total Overdose, F.E.A.R., Quake 4, Hitman 4 und, und, und an den Kragen gehen. Hurrah für eine Demokratie, die ihre Jugend schützt, indem sie mir als mündigem Bürger in seinen 20ern den Erwerb von Software verbietet. Man beachte auch: “Verbot”, nicht “schärfere Jugendschutzbestimmungen”. Also genau das, was Günni Beckstein damals bei Frontal21 gefordert hat. Und das schöne ist: Da Computerspiele weiterhin keine Lobby haben und wohl niemand abstreitet, dass “Killerspiele” tatsächlich nicht verkauft werden sollten, wird das ganz sicher in die Realität umgesetzt. Warum Experten anhören oder sich auf eine sachliche Debatte einlassen, wenn man auch großflächig und undifferenziert vorgehen und sich so zumindest hier und da mal ein Lob der panikmachenden Massenmedien abholen kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich den verlinkten Süddeutsche-Artikel übrigens für seine kritische Distanz zu dem Gesetz loben. Die Süddeutsche hatte immerhin auch einiges plump-polemisierende Artikel zu dem Thema herausgebracht (”Die Verdoomung der Republik”).

Ein Gutes hat es aber auch. Im Zuge von “5150 Entwicklung/Einhaltung von Internet-Mindeststandards” haben alle deutschen Politiker und Parteien versprochen, schon morgen ihre Internetpräsenzen aus dem Netz zu nehmen und somit als blühende Vorbilder voranzuschreiten.

Internet-Mindeststandards. WTF?

Nachtrag.
Sehr schön ist übrigens auch dieser Nachsatz von Adreas Scheuer von der CDU, den SPIEGEL Orcline präsentierte:

Zwar käme bei dieser Frage auch “eine Elternverantwortung dazu”, aber einigen nicht ganz so medienkompetenten Eltern müsse man da einfach helfen. Ein “komplettes Verbot” müsse deshalb her.

Fassen wir das mal zusammen: In allen gesellschaftlichen Bereichen, in denen Eltern eventuell nicht ganz kompetent und darum nicht in der Lage sind, die gesetzlichen Regelungen einzuhalten, muss man mit Verboten helfen. Okay. So ein großer, roter “USK 18″- oder “Keine Altersfreigabe”-Sticker ist natürlich schon ziemlich kompliziert. Da wird man leicht überfordert. Plus: Manchmal lassen die Kinder ihre Killerspiele von wildfremden Menschen bezahlen oder die Kaufhäuser sind damit überfordert immer erst den Ausweis zeigen zu lassen, ehe sie ein Spiel ausgeben. Und, wie damals bei Frontal21 gesagt, eigentlich kann man das von den Verkäufern und Verkäuferinnen auch nicht erwarten. Die einzig logische Möglichkeit ist darum ein totales Verbot, das natürlich auch für Erwachsene gilt.

Macht Sinn.

Im selben Zusammenhang habe ich mal gehört, dass Raucher oft früher sterben und die Gesundheit anderer durch Passivrauchen gefährden. Und, ähnlich wie Computerspiele, kann Alkohol - das wird den Leser nun schockieren - suchtähnliche Zustände hervorufen und auch der Gesundheit schaden. Zudem sollen alkoholisierte Menschen schon mal gewalttätig und agressiv geworden sein oder Menschen in Autounfällen getötet haben. Behauptet man. Natürlich besteht hier auch eine gewisse Elternverantwortung, aber viele Eltern sind sich nicht darüber im Klaren, dass ihre Kinder rauchen und saufen. Und: Oft kaufen fremde Erwachsene den Kindern die Buffen und den Fusel, oder die Verkäufer im lokalen Getränkemarkt sind zu gestresst, um immer den Ausweis zu kontrollieren. Einigen nicht ganz so lebenskompetenten Eltern muss man da einfach helfen. Ein komplettes Verbot muss darum her.

Bin mal gespannt, liebe GroKo, wie ihr das den erwachsenen Bundesbürgern verkauft, denn ihr wollt euch doch sicher nicht den Vorwurf der Doppelmoral gefallen lassen, oder? Dann wiederum: Anders als bei Computerspielen wurde beim Alkohol oder Tabakkonsum ja nie wissenschaftlich nachgewiesen, dass er für sich oder andere in irgendeiner Form schädlich sein kann. Insofern.

11 Responses to “Videogames: Seduction of the Innocent”

  1. thwidra Says:

    Ich glaube, mit “Killerspielen” meinen die da eher sowas wie Gotcha oder Paintball (heißt das so, wo man aus Plastikwaffen mit Farbe schießt?). Na ja, ansonsten ist dieser Koalitionsvertrag doch arg schwammig gehalten.

  2. Björn Says:

    Hui. Paintball. Erinnert mich daran, dass ich während meines Zivildiensts zusammen mit den anderen Mitzivis eine Wehrsportgruppe gründen wollte…

    Aber in dem Kontext glaube ich das nicht. Den Koalitionsvertragsentwurf kannst du hier runterladen [PDF]. Und da sind die “Killerspiele” eingeklemmt zwischen “Alterskennzeichnung von Computerspielen”, “Videoverleihautomaten” und “Internet-Mindeststandards”. Geht also klar um den Jugendschutz in elektronischen Medien, nicht um Paintball. Was in Deutschland ohnehin nicht aktiv beworben oder öffentlich gespielt werden darf.

    Ne, hier geht es schon eher um Counterstrike und Konsorten…

  3. thwidra Says:

    Hm, stimmt. Da habe ich das durch die Mailingliste von spielkultur.net falsch aufgefasst. Es gab nämlich 2002 schon mal einen Gesetzesentwurf, der Gotcha und Co. verbieten wollte.

  4. Hezekiel Says:

    Meine Auswanderungspläne werde nimmer realistischer.

  5. hen Says:

    Ist’s jetzt tatsächlich wieder mal soweit? Na ganz toll. Und diesmal ganz ohne Schulmassaker… Was wohl Tims Mörder gezockt hat? Oder die Frau mit dem Blumenkübel?

  6. Björn Says:

    Hezekiel, kannst du vergessen. Auch wenn Killerspiele in Deutschland verboten sind, können sie immer noch im Ausland erworben werden. Einige nicht ganz so medienkompetente Eltern sind da überfordert, denen müssen wir helfen. Darum brauchen wir ein totales Ausreiseverbot.

    Hen, jepp. Pünktlich wie ein Uhrwerk. Die beiden von dir genannten Fälle haben wahrscheinlich gar nichts gezockt, aber Ausschnitte aus “Counterstrike” in Frontal21 gesehen oder in der ZEITUNG darüber gelesen. Und trotzdem zu Mördern geworden. Zeigt doch nur *wie* gefährlich diese “Spiele” sind.

  7. killerspielespieler Says:

    Naja, SO schlimm wird es (hoffentlich) nicht werden. Über solche Verbote wurde ja schon früher diskutiert aber es nichts draus geworden.

  8. David Says:

    Da bin ich spät dran mit meinem Kommentar, aber für das, was ich zu sagen habe, ist es niemals zu spät:

    Ihr spinnt doch, ihr Luschen! Verbieten ist geil! Wer vom verbieten nichts hält, der soll heimgehen. Am besten wäre es eigentlich, gleich alles zu verbieten, oder wenigstens mal dies und das, ganz wahllos. Zum Beispiel Kinder.

    “WOLLT IHR DAS TOTALE VERBOT?”
    “Hmmm. Laß ma gucken!”

    Im Ernst: Man denke immer an die weisen Worte des rotten.com-Teams: “The internet wasn’t created for children and there is no reason to hand it over to them now.”

    Wo ist da jetzt der Zusammenhang?

  9. » Blog Archive » Christliche Werte und arische Opfer Says:

    [...] Jetzt mal im Ernst: Du pisst mich mit voller Absicht an, oder? Da war die Sache mit den Killerspielen. Dann hatten wir die Diskussion über die Urheberrechtsnovelle. Zwischendurch waren wir nicht ganz einig darüber, ob die Folter deutscher Staatsbürger in Syrien und dem Libanon nun gut oder schlecht sei. Und dann haben Politiker aus deinem Parteienspektrum auch mal wieder den Gottesstaat gefordert. Nebenbei teile ich auch nicht deine Meinung zum Wiedereinstieg in die Atomenergie nicht, habe darüber aber noch nicht reden können. [...]

  10. MrWyatt Says:

    Toll dann ist also hier in Deutschland bald alles verboten daß irgendwie Gewalt darstellt. dann kann man ja nur noch nach Amerika auswandern, obwohl… Da kann man zwar soviel Gewalt haben wie man will, aber dafür ist alles war mit Sex zu tun hat verboten. Also muß man wählen zwischen Ärschen und Erschießen, zwischen Titten und Tellermienen. Was solls, mir ist das alles zu hoch.

  11. Abspannsitzenbleiber » Es ist wie immer. Says:

    [...] Der Pawlowsche Reflex in Reinkultur: Die Glocke bimmelt, der Speichel läuft. War total klar. Ich würde mich jetzt gerne drüber aufregen, aber zu diesem Thema ist hundertmal alles gesagt worden, zum Beispiel hier, vor fast genau einem Jahr. Es bringt nix. Dem Hund wirft man ja auch nicht vor, wenn er sabbert. Die sind eben so. [...]

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