SPIEGEL, SPIEGEL an der Wand
Soso… bei Deutschlands größtem Boulevardmagazin rappelt es also gehörig im Karton. Dass der SPIEGEL und besonders sein noch boulevardesquerer Ableger SPIEGEL Orcline sich von Seiten der Blogosphäre aus Kritik gefallen lassen muss und diese ganz galant als Futterneid wegwischt ist bekannt. Dieses Mal kommt die Kritik aber von Franziska Augstein, Tochter des SPIEGEL-Gründers Rudolf, und die Kritik, die sie äußert ist nicht zurückhaltend.
Fassen wir mal zusammen: Der SPIEGEL ist “nicht mehr Leitmedium des deutschen Journalismus”, dafür aber “ein geschwätziges Blatt unter vielen”, die “einstigen SPIEGEL-Maßstäbe” sind auch futsch, Chefredakteur ist nicht gleich Heiliger und mit den “journalistischen Standards bei Gruner + Jahr” stehe es “nicht zum Besten”. So weit die Kritik, die taktisch gezielt kurz vor der Gesellschafterversammlung am Mittwoch erscheint.
Und natürlich kann Deutschlands größtes Boulevardmagazin das nicht auf sich sitzen lassen. Da Stefan Aust aber selber zu beschäftigt ist, zeigen seine Ressortleiter wie absolute Linientreue und blinder Gehorsam aussehen und werfen sich alle zeitgleich der Kugel in den Weg. Zitat: “[Fanziska Augsteins] Hauptargumente zeigen, dass sie wenig versteht von dem, wie ein Nachrichtenmagazin im allgemeinen und der SPIEGEL im besonderen zu berichten hat.”
Dummerweise zeigt die SPIEGEL-Redaktion damit, dass sie wenig davon versteht, wie man mit Kritik im allgemeinen und Kritik am SPIEGEL im besonderen umzugehen hat. Dass Franziska Augstein ihre Kritik jetzt sicher nicht nur aus altruistischen Motiven, sondern sehr wohl mit Hintergedanken anbringt, ist unbestreitbar. Deshalb aber zu betonen, dass “diese Enttäuschung [nicht SPIEGEL-Mehrheitsaktionärin zu sein] nun [Franziska Augstein] zu einem Rundumschlag gegen diejenigen treibt, die seit Jahrzehnten durch ihre Qualitätsarbeit den SPIEGEL zu dem gemacht haben, was er ist” ist ein schwaches Argument. Und ich benutze “Argument” hier im weitesten Sinne.
Weiterhin betont man, dass der SPIEGEL “so allen Gesellschaftern kontinuierlich üppige Millionengewinne sichern” würde. Schön. Wir sehen: Noch kein Wort über journalistische Standards, die Kritik an sich oder die Verpflichtung dem Leser gegenüber gefallen, aber zumindest die Gesellschafter sind schonmal finanziell zufrieden. Ist ja auch ein Start. Und da Geld ja glücklich macht ist Kritik unsinnig. Denn wozu braucht man Integrität oder Ansprüche wenn man Schotter hat?
Und dann kommen auch Leser und Qualität endlich zu Wort. Die “Auflage liegt konstant bei 1,09 Millionen Exemplaren. Die Leser sind von der Qualität des Magazins überzeugt“. Da, bitte, die Leser sind von der Qualität des Magazins überzeugt. Das ist doch Beweis genug. Warum sollte der SPIEGEL da lügen? Was wollt ihr denn noch? Und immerhin “ist [der SPIEGEL] das meistzitierte Medium der Republik“. Glückwunsch, denn das sagt so einiges über die Qualität eures Blattes aus. Wenn wir die Zitierhäufigkeit als empirischen Maßstab für Qualität nehmen, dann ist die ZEITUNG eine der vertrauenswürdigsten Tageszeitungen in der Bundesrepublik. Nur, wisst ihr was? Um, not so much.
Diese Antwort ist ein Beispiel für eine grenzenlose Ignoranz und Kritikresistenz. Man geht gar nicht erst auf die Kritikpunkte ein. Ob ich Frau Augsteins Motive nun gutheiße oder nicht, sei hier mal dahingestellt. Fakt ist: Ihre Kritik am Wandel des SPIEGELs sind nicht komplett von der Hand zu weisen. Früher hat der SPIEGEL mal polarisiert. Adenauer hasste den SPIEGEL, Brandt bezeichnete ihn als “Scheißblatt”. Sowas sollte jede journalistische Institution als Orden am Revers verstehen. Aber die Zeiten des “Sturmgeschützes der Demokratie” sind erstmal vorbei, der SPIEGEL bewegt sich wieder dahin, wo er auch in den ‘60ern schon mal stand. Er ist wieder mehr und mehr “die BILD-Zeitung der Intellektuellen”.
Und das kann man durchaus an einem Mann festmachen: Dem SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust. Unter dessen Führung hat sich der SPIEGEL eindeutig gewandelt. Klare Positionen gibt es kaum noch. Das wurde zwar auch schon von Enzensberger in den ‘60ern kritisiert, aber in den letzten zwei bis drei Jahren wurde das sehr deutlich. Erst ist man für das Dosenpfand, dann war man schon immer dagegen. Erst gibt man sich Mühe Stoiber zu verhindern, dann ist man angefressen, dass Deutschland Schröder wiedergewählt hat und beginnt Hosiannas auf Sankt Angela zu singen. Mit Helmut Kohl hatte man zumindest eine konstante Erbfeindschaft. Möchte jemand mitstoppen wie lange es dauert, bis der SPIEGEL schon immer vor Merkel gewarnt hat?
Wobei, Korrektur: Es gibt klare Positionen. Immer dann, wenn Austs persönliche Interessen betroffen sind. Die Bahnstrecke Hamburg-Berlin etwa. Oder der Bau einer Autobahn die für Austs Gestüt gut wäre. Oder wenn es darum geht Artikel zur Windkraft zurückzuhalten, weil die Windräder seine Lebensqualität mindern. Oder wenn es darum geht, die Rechtschreibreform zu kippen. Da ist man auf einmal sogar gewillt mit dem Axel-Springer-Verlag gemeinsame Sache zu machen. So sieht also journalistische Integrität aus.
Wenn es darum geht Politik zu machen, dann ist Aust dabei. Zuletzt als es galt, Jürgen Trittin eins überzubraten, nachdem man ihn schon nicht wegen dem Dosenpfanddesaster oder dem Windkraftwahnsinn zum Rücktritt bewegen konnte. Da wurden dann die Opfer des Hurrikans Katrina ganz galant instrumentalisiert. Es wurde ein Text Trittins in der Frankfurter Rundschau zum Anlass genommen, ihm vorzuwerfen, er würde plumpen Antiamerikanismus betreiben und indirekt sagen, dass die Opfer des Hurrikans Katrina ja selber Schuld sein. Dass Trittin seine Kolumne schon eingereicht hatte, als es noch so aussah, dass Katrina keine Katastrophe dieser Größenordnung und New Orleans verfehlen würde, war dem SPIEGEL dabei egal. Stattdessen betonte man, was Trittin da mache wäre folgendes: “Kicking hurricane victims While they’re down.” Einen Text Trittins, in dem er Stellung nahm und erklärte, dass sein Text vor der Katastrophe enstanden sei, interpretierte der SPIEGEL dann wie folgt: “German minister stands behind criticism of Bush.” Eine sehr gute Aufarbeitung des Massakers kann man bei medienrauschen.de finden.
Dass der SPIEGEL selber hin und hergerissen ist, zwischen Militärtechnikpornos (taktische Karten, Computergraphiken, Schemata) und hemmungsloser Schadenfreude ob des US-Clusterfucks im Irak, soll mal unkommentiert gelassen werden. Aber selbst dann bleiben da noch andere Dinge zu berücksichtigen: Etwa der Abgang vieler Verdienter SPIEGEL-Mitarbeiter und der Umstand, dass ein Großteil der Nachrücker aus dem Ressort Wirtschaft oder Unterhaltung kommen. Der Umstand, dass bis vor kurzem bei SPIEGEL-Online noch das “Panorama” vor der “Politik” kam. Jetzt steht die “Wirtschaft” an erster Stelle. Und da wird schön auf eine neoliberale Linie gesetzt. Der Politik gegenüber bleibt man zwar kritisch, der Wirtschaft gegenüber aber weniger. Wo Telepolis bei der Rootkit-Krise sich direkt an Sony wendet, begnügt sich SPIEGEL Orcline mit deren Presseerklärung. Wobei die Politikkritik auch nachlässt. Das ist alles simpler gestrickt als früher, leichter zu lesen, amüsanter… ja, boulevardesquer halt. Aber wenn schon TV-Magazine wie Frontal oder Monitor der belanglosen, aber erfolgreicheren Konkurrenz Akte 08/15 oder SPIEGEL TV (erinnert sich noch jemand an Michael Born? Herr Aust, Sie vielleicht?) hinterherhecheln, warum sollte sich der SPIEGEL dann nicht dem Focus anpassen?
Die größeren Coups landen derweil die Anderen. Die F.A.Z., die Süddeutsche… in der Affäre um BA-Chef Gerster kam dem SPIEGEL sogar die ZEITUNG am Sonntag zuvor. Die ZEITUNG, verdammt noch eins. Und zwar durch einen Redakteur, der den SPIEGEL unter der Ägide Aust verlassen hat. Gut gemacht, Stefan. Journalistisch keinen Stein mehr im Brett und dann nicht mal Rot-Grün komplett losgeworden, sondern nur den Juniorpartner geschasst. Aber das war es sicher wert.
Tja. All das könnte man dem SPIEGEL vorhalten und auf all das könnte Deutschlands größtes Boulevardmagazin in seiner Antwort auf Frau Augsteins Kritik eingehen. Tut es aber nicht, weil es das als mächtiges und sich gut verkaufendes Presseorgan ja nicht nötig hat. Warum Demut wenn’s auch Hybris tut? Und möglicherweise hat sich Frau Augstein mit ihrer Kritik auch noch ins eigene Fleisch geschnitten: Immerhin bittet der SPIEGEL “die Gesellschafter des SPIEGEL, sich zum geschäftsschädigenden Verhalten der Miterbin zu äußern“. Soll heißen: Auf der Gesellschafterversammlung die Schnauze halten, der Augstein eine reinwürgen und ja nicht die politische Linie von Stefan Aust kritisieren. Was aber, trotz über 50% Anteilen, die die Mitarbeitergesellschaft hält, nichts bringen würde, denn Aust als Chefredakteur ist nicht dazu verpflichtet sich da reinpfuschen zu lassen. Behauptet zumindest Aust selber…
Und noch vor dieser Aufforderung steht in der Presseerklärung des SPIEGELs noch etwas anderes:
“Wir fordern Franziska Augstein auf, das Ansehen des Blattes nicht weiter zu beschädigen“.
Und das aus guten Grund. Wenn der SPIEGEL in den letzten Jahren eines bewiesen hat, dann dass er das auch alleine kann.
P.S.Ich hätte gerne mal wieder den Führer auf dem Titelbild.
Literatur
*Agitpop zum Thema Nationalsozialismus und SPIEGEL.
*Oliver Gehrs: Der Chefredakteur von Deutschland.
November 14th, 2005 at 10:08 pm
Herrlich bissig, Herr [editiert]
Das hab ich mal wieder gebraucht.
Jetzt kann ich auch besser verstehen, warum du den Spiegel nicht so abkannst. Einige vage, unzusammenhaengende Ahnungen hast du bestaetigt. Wusste nicht, wie dieser Aust die ganze Sache so fuehrt. Einiges ist mir als Gelegenheitsleser auch so nicht aufgefallen….so links wie frueher ist er allerdings sowieso nicht mehr. Wobei das auch Vorteile hat…
Sollte vielleicht mal meine Hauptinformationsquelle online wechseln…Vorschlaege?
lg
Ulf
November 15th, 2005 at 10:24 am
Hey Ulf, wieso ist es ein Vorteil wenn der Spiegel nicht mehr “links” ist, du Nazi? Das einzig “linke” und damit meine ich nicht das neoliberale Propagandaeschwätz rezitierende Blatt in Deutschland ist vielleicht noch die TAZ. Aber selbst die wird rechter. Worin genau liegt dann also deiner Meinung nach der Vorteil wenn ein weiteres ehemals kritisches Magazin nur noch konservative/pro-wirtschaft Sachzwanglogikpropaganda vertritt?
November 15th, 2005 at 11:23 am
Ich kann nur immer wieder sagen: die TAZ ist rechts, rechts, rechts. Die letzte Ausgabe, die ich gelesen habe, lobte die spanische Einwanderungspolitik nach dem Motto “Hohe Zäune sieben unwertes Leben aus”. Ohne Scheiß.
Fazit: Zeitung lesen verblödet noch mehr als Fernsehen, weil man im Allgemeinen eine höhere Erwartung an journalistische Tugenden hat (die nicht erfüllt wird) und vom Blatt der eigenen Wahl eine bestimmte politische Ausrichtung erwartet (die längst nicht mehr vertreten wird). TAZ und Spiegel höhlen linke Argumente aus, weil sie keine mehr drucken aber immer noch als links gelten.
Die haben uns verraten, verdammt.
November 15th, 2005 at 4:20 pm
> Sollte vielleicht mal meine
> Hauptinformationsquelle online
> wechseln…Vorschlaege?
Für reine Fakten-News eignet sich z.B. der RSS-Feed der Tagesschau sehr gut.
> Zeitung lesen verblödet noch
> mehr als Fernsehen, weil man im
> Allgemeinen eine höhere
> Erwartung an journalistische
> Tugenden hat (die nicht erfüllt
> wird)
Kommt halt auf die Zeitung an. So pauschal kann man das nicht sagen, glaube ich.
> und vom Blatt der eigenen Wahl
> eine bestimmte politische
> Ausrichtung erwartet (die längst
> nicht mehr vertreten wird).
Viel spannender finde ich ja, wenn es eben nicht vorher klar ist, wie die Ausrichtung ist. Es gibt ja auch Blätter, wo einzelne Autoren durchaus die eigene Meinung vertreten dürfen, und nicht vorher ales auf Linie getrimmt wird.
> TAZ und Spiegel höhlen linke
> Argumente aus, weil sie keine
> mehr drucken aber immer noch als
> links gelten.
Da mag was dran sein. Aber: wenn der Spiegel nicht mehr links sein will, wieso sollte er dann links schreiben?
> die TAZ ist rechts, rechts, rechts
Nuja, sie war sicher mal eindeutiger links als heute. Aber rechts ist dann doch was anderes. Mal eine beliebige bayerische Regionalzeitung gesehen? *schauder*
November 16th, 2005 at 2:38 pm
Grommel….natuerlich hat es Vorteile eher ideologisch neutral zu sein. Sieht man schon daran wie du Sandkastensozialist mich wieder mit deinem ideologisch vorgepraegten Verdammungen klassifizierst. Schon klar, wer nicht links ist, ist Nazi? Bisschen schwammig. Natuerlich ist eine ideologiefreie Urteilskraft fiktion, aber ich versuche doch danach zu streben, weil insbesondere die linke imho zu ideologisch argumentiert und sich immer noch nicht von einigem Ballast verabschiedet hat. Wir und die Anderen….jaja, wer nicht fuer uns ist, ist gegen uns.
Zum Spiegel: Etwas weniger links beduetet fuer mich etwas weniger ideologische Borniertheit. Pauschalurteile, die ideologisch vorgepraegt sind kamen manchmal vor dem Verstehen einer Sache als eigenstaendiges Phaenomen, dass sich vielleicht einmal nicht in die linke Kampfidelogie integrieren lassen muss. Die Gefahr an Ideologie ist imho, dass man schon ne Meinung hat, bevor man sich eine Sache ansieht und das ist bei vielen Linken der Fall…
Natuerlich wollte ich mit dem weniger Links eigentlich eher auf eine zentralere Position hoffen. Rechtsdrift ist noch schlimmer natuerlich und Neoliberalismus sowieso….Mitte waer toll, VerMitteln.
Ich kann radikale Linke genausowenig wie radikale Rechte ab, die sind mir suspekt.