Immerhin hat er die Autobahnen gebaut

Diskursiver und tiefgreifender Ausdruck politischer Meinungsfreiheit: Leuten Hitlerbärtchen anmalen
In letzter Zeit muss ich immer wieder hören, dass - sowohl in der Realwelt als auch hier in dieser possierlichen, kleinen Internetpräsenz - zu häufig Nazivergleiche benutzt würden und man doch damit aufhören solle. Dazu kann ich nur sagen: Ha! Von wegen! Jetzt wird erst Recht seit 5:45 Uhr zurückgeschossen! Sprachfaschisten, mir den Nazivergleich absprechen zu wollen. Es gab schonmal eine Gruppe in Deutschland, die uns den Nazivergleich verbieten wollte. Und für die hatten wir einen Namen: Wir nannten sie Nazis!
Aber im Ernst, das Problem ist, dass der Nazivergleich als rhetorische Figur einfach schrecklich stigmatisiert ist und das vollkommen zu Unrecht. Der gezielte Nazivergleich ist die Königsdisziplin der politischen Argumentation, verweist den Vorwurf der Gesprächspartner sei ein Faschist auf Platz 2 und den neu hinzugekommenen Vorwurf, dass dadurch “die Terroristen gewinnen” lässt er auf einem erbärmlichen dritten Platz zurück, den er sich auch noch mit dem Vorwurf “Antisemit” teilen muss. Der elegante Nazivergleich ist der doppelte Rittberger der Argumentation, er überrumpelt den Gegner wie 6. Armee damals Frankreich, ist mindestens so stilvoll wie Leni Riefenstahls Olympia und zerstört jedes Gegenargument des Gesprächspartners wie Görings Luftwaffe Coventry. Ja, der gezielte Nazivergleich ist ein sprachliches Husarenstück…
Trotzdem gilt er als unschicklich und trotzdem werden die, die ihn verwenden oft danach als Personen kasteit und kritisiert. Was einfach daran liegt, dass dem Gegner die Argumente ausgehen. Wenn er sich verbal nicht gegen den Nazivergleich wehren kann, dann muss er seinen Diskussionspartner halt als Person attackieren. So wie man das damals auch mit Röhm gemacht hat. Dabei wird oft übersehen, dass nur ein verbaler Großmeister, ein Erwin Rommel unter den Sprachästheten, überhaupt in der Lage ist den Nazivergleich zu verwenden.
Das geht schon damit los, dass der geistige Konnex erstellt werden muss. Schon da scheitern doch die meisten Redner. Stellen wir uns vor, Sie arbeiten in einem Unternehmen und sollen die Akten auf Fordermann bringen. Wie reagieren Sie, wenn Ihnen das nicht passt? Schwächere Demagogen würden vielleicht die Erbsenzählerei bekritteln oder den Kleinschiss, aber nur ein echter Profi erstellt die Verbindung zum bürokratischen Vernichtungsapparat des dritten Reichs und antwortet: “Das letzte Mal, dass eine Gruppe so auf Bürokratie fixiert war, hat sich das bitter für sie gerächt… in den Nürnberger Prozessen!” Booyakasha! In your face!
Aber damit noch nicht genug. Denn sich den Nazivergleich auszudenken reicht noch nicht, man muss ihn auch an den Mann bringen. Und hier bekommen dann viele Redner Angst, weichen aus oder schwächen ihre Aussage zu einem “Faschist” oder etwas Ähnlichem ab. Nur ein Profi ist in der Lage hier das Bein ausgestreckt zu halten und die verbale Blutgrätsche auch voll durchzuziehen. Etwa das Mähen eines Vorgartens oder das Zwischenrufen bei einer Rede mit den Aktionen derer zu vergleichen, die unter anderem 6.000.000 Juden ermordet haben. Das macht den Nazivergleich mutig und zeigt sprachliche Kompetenz und verbale Kaltschnäuzigkeit in der Tradition Herbert Wehners oder Paul Joseph Goebbels. Bonuspunkte gibt es dann, wenn man den Nazivergleich gegen jemanden anwenden kann, der zu einer von den Nazis verfolgten Gruppe gehört und das dann mit dem verbalen Knockout schließt, der andere habe “aus der eigenen Geschichte nichts gelernt.”
Das kann einfach nicht jeder und nur weil dem ein oder dem anderen der Mut fehlt, die Dinge “mal beim Namen zu nennen”, muss diejenigen die mal sagen “wie es wirklich ist” gleich für ihre sprachliche Eleganz kritisieren. Pfui. Das Parlament in der Weimarer Republik hat man auch mundtot gemacht und wie das endete wissen wir ja. Trotzdem wird jetzt der ein oder andere Leser sicher noch immer sagen: “Nee, Nazivergleiche, nee, nicht gut.” Wenn ich ihn mit dieser wundervollen Argumentation schon nicht davon überzeugen konnte, dass jeder gute Volksdeutsche den Nazivergleich in seinem sprachlichen Repertoire haben sollte, dann überzeugt ihn vielleicht diese kleine Liste, die belegt, dass die deutsche Redekunst seit 1945 ohne Nazivergleich nur Kreisklassenniveau gehabt hätte und dass selbst unsere Besten sich nicht gescheut haben galant die Komparisòn mit dem Dritten Reich anzustreben. Zudem hält der Nazivergleich uns die Schrecken der Nazis und des Dritten Reichs im Gedächtnis und verhindert so, dass deren Verbrechen vergessen oder das Ausmaß ihrer Gräueltaten verwässert wird. Und wenn Kohl, Brandt, Stoiber, Lafontaine, Berlusconi und Schumacher (Kurt, nicht Toni) den Nazivergleich benutzen, dann kann er doch so schlecht nicht sein. Das ist wie mit Hitler… sicher, der hat viel falsch und viele schlimme Dinge gemacht, aber immerhin hat er auch die Autobahnen gebaut…
Galante Nazivergleiche - Ein Auszug:
“Das ist eine neue Form von Stern an der Brust.” [zur Vermögenssteuerdiskussion]
“Nur die Nazis haben in Deutschland bisher versucht, durch Tumulte die Rede von Abgeordneten im Parlament zu verhindern.“
“Ja, so etwas kennen wir aus unserer Geschichte, seit Adolf Nazi.” [über George W. Bushs Methoden]
“Ich habe gelernt: Nie wieder Auschwitz.“
“Arbeit macht frei. Das ist das, was mir bei diesem Begriff einfällt.“
“Ich bin von mehr Leuten gewählt als Hitler.“
“Er versteht etwas von PR, Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muß doch die Dinge auf den Punkt bringen.” [über Michail Gorbatschow]
“Die israelische Armee wendet Nazimethoden an!“
“Polizei/SA/SS!“
“Kommunisten sind rotlackierte Nazis.“
“Diese ′Plage′ nennt man heute ′Heuschrecken′, damals ′Ratten′ oder ′Judenschweine′. Wörter aus dem Wörterbuch des Unmenschen, weil Menschen das Menschsein abgesprochen wird.“
“Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in unserem Land.” [über Heiner Geißler]
“Signore Schulz, ich weiß, dass in Italien ein Filmproduzent gerade einen Film schneidet über ein Konzentrationslager der Nazis. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo vorschlagen. Sie sind perfekt.“
“Wir opfern unsere Freiheit, wenn wir der Polizei geheimdienstliche Kompetenzen geben. Dann haben wir die GESTAPO.“
“Die alten Kommunisten, die sich bei den Nazis Anleihen machen, dürfen nicht über das Schicksal unseres Landes bestimmen.“
“[Ein] Hinweis auf die Intoleranz, die wir an denen beklagt haben, die uns damals in das Schlamassel gebracht haben.“
“Sie ist bei der Wahl gescheitert, weil sie einen entscheidenden Fehler gemacht hat. Sie hat immer nur von ‘ich’ und nicht von ‘wir’ gesprochen. Es gab im letzten Jahrhundert ja schon einmal einen Menschen, der in der Politik immer nur von ‘ich’ redete. Und das ist fürchterlich geendet.“
“[Z]uerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“
“Mit geradezu neurotischem Eifer durchforschen immer neue Generationen deutscher Wissenschaftler auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit. Es verwundert, daß noch keiner den Verzicht auf Messer und Gabel vorgeschlagen hat, wo doch bekanntermaßen diese Instrumente der leiblichen Kräftigung der damaligen Täter dienten.“
“Nintendo sorgte allein durch seine bloße Anwesenheit dafür, dass sich die Leute wie Skinheads bei einem Nazi-Auflauf benahmen.“
“They are all Nazis.” [über die Deutschen]
“When Hitler invaded Russia, opening up an Eastern offensive on the eve of winter, Britain’s Prime Minister Winston Churchill noted that ‘Hitler must have been rather loosely educated, not having learned the lesson of Napoleon’s autumn advance on Moscow. Your Doug Lowenstein is similarly ‘loosely educated’ about the United States Constitution.” [Bonusmultiplikator: Doug Lowenstein ist Jude]
“Wir haben in Deutschland eine sehr, sehr traurige Erfahrung in der Nazi-Zeit, da hieß das dann verschönbessert Schutzhaft. Auf diesen Weg sollten wir nicht geraten.“
“We’re asking people to recognize that what Jews and others went through in the Holocaust is what animals go through everyday in factory farms.“
“Seit einer Woche suchen wir Erholung… In dieser Zeit waren jeden Tag um uns herum die Gartennazis mit schwerem Gerät und unter Höllenlärm-Entwicklung damit beschäftigt, auf handtuchgroßen Grundstücken, kleinen, unschuldigen Grashalmen den Garaus zu machen.“
“Nationalsozialisten waren in erster Linie Sozialisten.“
“Ohne den Pazifismus der 30er-Jahre wäre Auschwitz überhaupt nicht möglich gewesen.“
“Laurenz Meyer hat die Mentalität eines Skinheads und nicht nur das Aussehen.“
“Dabei müßte gerade bei der CDU/CSU und FDP, deren Vorläuferparteien am 23. März 1933 Hitler ermächtigt haben, nachdem sie ihn zuvor verharmlost und mit an die Macht gebracht haben, die historische Schuld alle denkbaren Aktivitäten auslösen, wenigstens heute schon den Anfängen zu wehren.“
“Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring.” [über Wolfgang Thierse]
“Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“
“[W]ie die schlimmsten Nazi-Typen in der Endzeit der Weimarer Republik.” [über Eierwerfer]So… und wenn Sie nun immer noch den den eigesprungenen Nazivergleich ohne Netz und doppelten Boden kritisieren oder mir das Recht auf dessen Verwendung strittig machen wollen, dann habe ich Ihnen nur eins zu sagen:
“Und Sie, Sir, sind schlimmer als Hitler!”
Literatur:

September 29th, 2005 at 6:02 pm
maaan - björn hat den sinn von nazi-vergleichen besser erfasst als hitler!
ich mag auch vergleiche mit hexen…
zB “ich hab heute mehr kaffee getrunken als ‘ne hexe.” oder “bezin ist teurer als hitler!”… ne das waren jetzt wieder die nazis - verdammt
September 29th, 2005 at 6:03 pm
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September 29th, 2005 at 7:09 pm
Zitat:
” Kommentar gelöscht
Diese Post wurde vom Blog-Administrator entfernt.
29 September, 2005 18:03 ”
Das ist ja sooooo 1938!
Und antisemitisch ist dein Blogeintrag auch.
September 30th, 2005 at 10:48 am
Danke für diesen Artikel. Wir von GAD fühlen uns geehrt und bestätigt. Schließlich ist es die Welt die sich permanent so nazihaft verhält. Wir zeigen das doch nur auf! Wenn zum Beispiel in der “Du bist Deutschland”-Kampagne von den Deutschen gefordert wird, endlich wieder “nicht nur auf der “Autobahn Gas zu geben”, dann gibt es dafür doch wohl nur eine mögliche Interpretation…
September 30th, 2005 at 1:18 pm
Danke. Danke danke. Dankedankedankedankedankedanke. Danke. Wirklich.
April 15th, 2006 at 3:08 am
[...] Briefaktionen, öffentliche Proteste und selbst die Unterlassungserklärung, die in den letzten Tagen publik wurden, sind demokratisches Rüstzeug und daran ist nichts auszusetzen. Auch dass man die “Ablachen statt rumhängen”-Anzeige als geschmacklos empfindet und dagegen protestiert ist durchaus legitim. Obwohl der generelle Stil mal wieder in die altbekannte Richtung geht: Die Mohammed-Cartoons waren für viele Stürmer-artig, dann muss Popetown ja auch quasi von Julius Streicher in Auftrag gegeben worden sein. Unterhalb der Nazigrenze fangen wir erst gar keine Diskussion an. [...]
July 22nd, 2007 at 12:17 pm
[...] UPDATE: Der Göbbels des Internet, Agitpopblogmaster, hat auch einen schönen Text über das Hitlerisieren geschrieben. [...]