Archive for May, 2009

Kombinationsspiel: Abspannsitzenbleiber – Agitpop 0:0

Friday, May 29th, 2009

Sowohl der Abspannsitzenbleiber, als auch der Baron von Agitpop sind Fans des Fußballclubs Bayern München (das kann man übrigens sehr gut sein: nachdem man gemeinsam ein Waterloo wie Barcelona 1999 erlebt hat, hält man zu einem Verein… sogar zu den Bayern) und finden dementsprechend, dass das Beste an der letzten Saison war, dass sie nach 34 Spieltagen Gott sei Dank endete. In der folgenden Gesprächstherapie verbalisieren sie ihren Ärger…

Leider ist dieser Versuch aus der Rubrik Elektroplausch, nicht so schön kontrovers geworden, wie das Gespräch mit dem Herrn Kaliban. (Das wäre alles leichter, wenn der Herr Abspannsitzenbleiber ein Sechziger wäre.) Aber vielleicht möchte der ein oder andere Leser eine Kontroverse in die Kommentarsektion tragen.


Abspannsitzenbleiber: Ich gehöre ja zu denen, die den Klinsmann von Anfang an ganz gut fanden.

Agitpop: Ich stand dem Experiment Klinsmann offen gegenüber, fand es gut, dass der FCB etwas Neues wagen wollte, habe dem Braten aber nicht so Recht getraut aus drei Gründen: Klinsmanns Abgang als Bayern-Spieler, die negative Grundstimmung der Fans wegen der Kahn-tastrophe 2006 und die Aussage, dass man nicht sofort Meister werden muss. Der Letzte der das beim FCB als Trainer gesagt hat war Erich Ribbeck.

Abspannsitzenbleiber: Ich glaube jedenfalls nicht, dass Klinsmann als Trainer total gescheitert ist. Er und der FCB sind aneinander gescheitert. Das passte einfach nicht zusammen.

Agitpop: Damit ist er aber als Trainer des FCB dann doch total gescheitert. Und scheinbar schon an Tag 1, wenn er wirklich neue Spieler wollte und sich damit nicht dem Präsidium gegenüber durchsetzen konnte.

Die Frage ist, ob es überhaupt einen Trainer gibt, der mit einem eigenen Konzept beim FC Bayern klar kommen könnte.

Abspannsitzenbleiber: Jedenfalls nicht, solange Hoeneß und Rummenigge das sagen haben. Das sieht man ja im Moment auch schon wieder sehr schön. Da wird fleißig eingekauft, und der Trainer wird, wie es scheint, erst später dazugeholt.

Agitpop: Ich bin inzwischen nicht sicher, ob Hoeneß (der den FC Bayern ja erst zu dem gemacht hat, was er heute ist) nicht derzeit auf dem Wege ist auch Totengräber des FCB zu werden.

Abspannsitzenbleiber: Ja, man fragt sich schon, ob die Bayern-Bosse auch mal überlegt haben, ob sie nicht vielleicht auch was aus der Klinsmann-Kiste lernen sollten.

Agitpop: Gut dass wir nicht Meister geworden sind, sonst hätte am Ende dieser “Wieso? Reicht doch.“-Effekt eingesetzt. Es war kriminell fahrlässig sich vor der Saison nicht sinnvoll zu verstärken, gerade da in der letzten Saison schon die ein oder andere Schwachstelle offenbar wurde.

Abspannsitzenbleiber: Sich nicht zu verstärken, wäre ja gerade noch gegangen, aber dann auch noch in der laufenden Saison zwei Spieler abzugeben…

Der Verkauf von Jansen war vielleicht der größte Fehler der Saison.

Agitpop: Einer der größten Fehler. Der andere Fehler war es, auf den Trichter zu kommen, dass man mit nur drei Stürmern auf drei Hochzeiten tanzen könnte. Hätte man einen vernünftigen Ersatzmann gehabt, dann hätte Toni diese Saison deutlich weniger Spielminuten bekommen.

Abspannsitzenbleiber: Die Frage beim Sturm ist: Wie stellt man das richtig an? Du brauchst vier gute Leute, aber von denen musst du zwei auf die Bank setzen.

Agitpop: Vier gute Leute wäre toll, aber insgesamt vier Leute hätten mir ja in dieser Saison erstmal gereicht.

Du brauchst ja keine vier Topstars. Nimm zwei Spitzenstürmer und zwei Stürmer, die sich mit einer Rolle auf der Bank zufrieden geben, aber heiß darauf sind, es Allen zu beweisen. Wichtig ist, dass jemand da ist, auf den du setzen kannst wenn sich jemand verletzt. Oder wie Podolski oder Toni die ganze Saison hinter der Form herläuft.

Abspannsitzenbleiber: Bei Podolski hatten halt alle die Hoffnung, dass Klinsmann ihn “heilen” kann. War wohl nix. Aber da haben wir schon das Grundproblem: Drei Spieler, die alle einen Stammplatz wollen. Und jedes Bankdrücken von Nationalstürmer P. ist eine BILD-Schlagzeile wert.

Wenn der Sturm 2009/10 tatsächlich Toni-Klose-Gomez-Olic heißt, dann wird es dieses Problem genauso wieder geben.

Agitpop: Da musst du als Trainer und Verein aber die Eier haben um das durchzuziehen. Wenn ein Spieler seine Leistung nicht bringt, gehört er auf die Bank. Unabhängig vom Namen. Und dann brauchst du eben jemanden, der die Lücke auf dem Platz füllen kann.

Aber du schneidest einen anderen Grund an, aus dem ich Klinsmann als Trainer des FCB doch für gescheitert halte: Die groß angekündigte Jugendoffensive war ein Totalflop. Schweini+Poldi blieben eine weitere Spielzeit weit unter ihrer Form, Lell spielte regelmäßig aber eben auch regelmäßig beschissen, für einen Toni Kroos fand sich im Kader kein Platz. Dafür hätten wir auch Hitzfeld behalten können.

Abspannsitzenbleiber: So gerne ich hier etwas Kontroverse reinbringen würde: Volle Zustimmung. Da ging überhaupt nichts. Klinsmann hat sich ja nichtmal getraut, als keine Stürmer mehr da waren, den Müller aufzustellen. Stattdessen hieß die einzige Sturmspitze in den letzten 10 Minuten gegen den KSC: Daniel van Buyten!

Agitpop: Was ich mich allerdings auch frage in dieser Spielzeit: Was war mit der Mannschaft los? Hat die zum Ende hin gezielt gegen Klinsmann gespielt oder müsste wirklich der halbe Kader achtkantig rausgeworfen werden?

Abspannsitzenbleiber: Ich weiß es auch nicht. Hat vielleicht auch wirklich mit dem fehlenden “hungrigen” Nachwuchs zu tun. Es kam nix Junges nach und die arrivierten waren bräsig und mit sich selbst zufrieden. Im Mittelfeld war es ja noch ganz okay. Aber die sogenannte Abwehr, meine Herren.

Agitpop: Fraglich ob das in der nächsten Saison besser wird: Ribery zeigt in der Bundesliga schon nach zwei Spielzeiten deutlich Abnutzungserscheinungen, hinten wird die Mannschaft bisher nur dadurch verstärkt, dass Oddo endlich geht und die Jugendoffensive besteht aus Alexander Baumjohann. Wo für den im Team Platz sein soll, wo es schon keinen Platz für Kroos gibt weiß ich natürlich nicht.

Abspannsitzenbleiber: Baumjohann! Haha, ich ich glaube, da hat sich das Team aus der Günter-Hetzer-Kolumne der 11 Freunde einen betrunkenen Telefonspaß erlaubt und mit verstellter Stimme irgendwie diesen Vertrag eingefädelt.

Wie ist deine Prognose für die nächste Saison?

Agitpop: Ganz ehrlich? Wenn sich während der Sommerpause nicht einiges tut, befürchte ich eine Wiederholung dieser Katastrophensaison. Anzeichen gibt es genug: Eine sinnige Transferpolitik findet bisher nicht statt, die Rumpelfußballer bleiben uns weitgehend erhalten und der neue Trainer scheint nicht in die Transferpolitik eingebunden zu sein. Scheinbar hat man aus der Klinsmann-Kiste wirklich nichts gelernt.

Meine Prognose ist daher nicht übermäßig positiv. In der Liga werden wir um die Meisterschaft mitspielen, aber nicht so dominieren wie in der vorletzten Saison. International sind wir auch weiterhin nicht konkurrenzfähig: Das Halbfinale werden wir nicht erreichen. Und der DFB-Pokal hat eh seine eigenen Gesetze. (Fünf Paypal-Euro ins Phrasenschwein.) Deine Prognose?

Abspannsitzenbleiber: Ich wünsche mir, dass van Gaal es schafft, sich vom Einfluss von Hoeneß & Co. ein wenig freizumachen. Der Schlüssel dazu ist klar: Punkte. Wenn er die holt, kann sich Hoeneß wie geplant ein bisschen zurückziehen und die Presse wird kein Theater veranstalten. Bleiben die Punkte aus, haben wir wieder ein Problem. Bei Bayern ist man eben zum Erfolg verdammt, das ist schon ein Kreuz.

Ich bin ja Optimist. Die bisherigen Zukäufe weisen in die richtige Richtung. Wenn wir jetzt noch einen Abnehmer für Lell und Ottl finden würden, dann wäre ich sehr zufrieden.

Und davon abgesehen: Ich bin zwar Fan, aber das Ligafinale dieser Saison hat mir doch deutlich besser gefallen als der langweilige Bayern-Alleingang im Vorjahr. 34 Spieltage Spitzenreiter langweilt doch auch.

Agitpop: Schönes Schlusswort.

(Eine Kopie des Austauschs findet sich auf dem Blog des Abspannsitzenbleibers.)

I Am Legend (a.k.a. Jesus Christ Vampire Hunter)

Saturday, May 23rd, 2009

Bilderraetsel

Um mal zu beweisen, dass wir hier bei der Jungen Union bei Agitpop nieder mit den Kindern sind, haben wir eine Rezensionsform gewählt, die sich auf einen erfolgreichen Schlager der Jugendikone Smiley Virus (Kudos an Stephen Fry, dem ich hier eiskalt den Witz geklaut habe) bezieht: Seven Things I Hate About You.

Gut, eigentlich brauchte ich nur eine Phrase, der diese Kurzrezi zusammenfasst und möglicherweise in Zukunft öfter mal genutzt werden kann, jetzt da wir hier den Content eher in Häppchenform rausklotzen. Ich hätte auch 10 Things I Hate About You nehmen können, aber – ganz ehrlich – ich hatte einfach keine Lust mir noch drei zusätzliche Punkte (thematisch angemessen) aus der Halsschlagader zu saugen. Worum sollte es hier nochmal gehen? Achja: I am Legend (den Film aus dem Jahr 2007, nicht das Buch aus den ’50ern).


1.) This Quiet Earth gab es schon. Die erste Hälfte des Films ist definitv besser als die zweite Hälfte, leidet aber deutlich darunter, dass ich konstant das Gefühl hatte, hier ein durchwachsenes Remake von Quiet Earth – Das letzte Experiment zu sehen, einer völlig unterschätzten und zu Unrecht im deutschen Nachtprogramm versteckten neuseeländischen Genre-Perle aus den späten Achtzigern.

Zugegeben: Szenen in denen der Protagonist durch eine menschenleere Stadt irrt, sind auch keine Erfindung von Quiet Earth gewesen, aber die Art wie Will Smith (alias Dr. Neville) hier durch das gottverlassene Manhattan irrt, erinnert doch arg an die Art wie Bruno Lawrence (alias Dr. Hobson) durch das gottverlassene Neuseeland irrt. Inklusive der Lautsprecherdurchsage wo andere Überlebende, so es sie denn gibt, diesen speziellen Überlebenden finden können und inklusive der Art wie Pappaufsteller oder Schaufensterpuppen in beiden Filmen als Ersatzbevölkerung dienen müssen. Und Quiet Earth spielte das Motiv “letzter Mensch auf Erden” besser und weit radikaler aus als I Am Legend aus, wo Will Smith gerade mal mit der Corvette auf dem Time Square Rotwild jagen darf und sich täglich ‘ne DVD ausleiht. Na gut, dafür müssen wir zumindest nicht den halben Film lang Will Smith im Tutu ertragen.


2.) Auch wenn der Anfang sich hemmungslos bei Quiet Earth bedient, zumindest steckt in diesem Anfang theoretisch ein guter Film über einen Mann, der daran zerbricht, dass er wirklich alles verloren hat. Und das ist hier nicht nur eine hohle Phrase, sondern stimmt im wahrsten Sinne des Wortes. Leider verschiebt sich der Fokus schnell von der Geschichte über “a boy and his dog” hin zu einem total egalen Monsterfilm. Was natürlich der Vorlage geschuldet ist, in der halt Vampire vorkamen. Trotzdem geht ab dem ersten Auftauchen der “Vampire” die halbwegs interessante Ebene mehr und mehr flöten, während sich der Film immer mal wieder in einen generischen Horrorschlockbuster verwandelt.

Diese Tonfall-Verschiebung ist allerdings ein Problem, das wiederholt auftritt (Quiet Earth verliert an Fahrt als die Frau mit dem Achtzigerhaar und der Maori auftauchen, The Descent war ein absolut gelungenes Psychodrama bis Graf Gollum und seine eineiigen Zwillinge die Party sprengen, danach verlieren beide Filme an Fahrt). Was aber keine Entschuldigung dafür ist, dass man dieses Problem in I Am Legend auch nicht behebt, sondern sehenden Auges in die Falle tappst.


3.) Und wenn der Film sich schon einen reinen Monsterfilm verwandelt, dann soll er sich gefälligst zumindest in einen guten reinen Monsterfilm verwandeln. Tut er aber nicht. Die Actionsequenzen sind dünn und unspannend, wirkliche Dramatik oder Sorge um das Wohlergehen der Hauptfigur kommt nie auf. Vielleicht auch, weil die bestenfalls mäßigen CGI-Effekte (siehe unten) den Zuschauer aus dem Film reißen. Lowlight dabei war die Sequenz in der Neville in einer CGI-Corvette durch lauter CGI-Vampire mäht. Die selbe Szene hätte man mit einer echten Corvette und traditioneller Stunt-Arbeit umsetzen können und sie hätte sogar nach etwas Ordentlichem ausgesehen. Diese CGI-Pest sollte, wie die Unart des Schnittgewitters, den Weg des Dodos gehen und verschwinden.


4.) Die Monster sind gleich auf mehreren Ebenen ein Problem. Zum einen tragen sie die Schuld daran, dass der Film (siehe oben) relativ schnell an Stimmung verliert und ins völlig Generische abrutscht. Zum anderen sind die Biester einfach nicht gut gemacht. Und wenn ich sage nicht gut gemacht, dann meine ich damit: Vielleicht die am schlechtesten gemachten Monster die ich seit langer Zeit in einem Hollywood-Großprojekt sehen musste (von “durfte” will ich hier nicht reden). Immerhin ist das Monsterdesign unglaublich einfallslos: Ein Hauch von Graf Orlok, vermischt mit einem Spurenelement Gollum. Fertig ist der Vampyr wie man ihn sich heute vorzustellen hat. Hätte sich Will Smith irgendwann während des Films in eine Gruppe der Crawler aus The Descent vermischt, es hätte niemand bemerkt.

Schlimmer als die Einfallslosigkeit beim Design ist aber der Umstand, dass man die Figuren komplett via CGI pimpen musste, damit sie, immer wenn sie im Bild sind, ihren Kiefer ausrenken und Will Smith ins Gesicht rülpsen können, so wie man das aus “Come to Daddy” von Aphex Twin kennt, das übrigens in unter sechs Minuten verstörender und unheimlicher ist als I Am Legend in seinen vollen anderthalb Stunden.

Theoretisch sollten die Monster auch gefährlicher wirken, weil man via CGI ja eine Schnelligkeit, Beweglichkeit und Stärke der Vampire (jaja, der Infizierten… ist schon gut, Danny Boyle) zeigen kann, die mit einem menschlichen Darsteller nur äußerst schwer machbar wäre. Nur klappt das halt nicht, weil diese Viecher einfach so unglaublich schlechte CGI-Effekte sind. Ich meine wirklich, richtig, derbe, holladiewaldfee schlechte CGI-Effekte. Wir reden hier von Effekten, die in dem selben Slum hausen wie die Effekte aus Perlen wie Boa vs. Python oder Attack of the Sabretooth. Effekte die meine Oma auf ihrer Nähmaschine besser hinbekommen würde. (Was übrigens auch für die komplett unnützen CGI-Hirsche am Anfang des Films.) Es ist ausgesprochen schwer sich Sorgen um das Wohlbefinden der Hauptfigur zu machen, wenn man konstant das Gefühl hat, dass sie und die Monster nicht einmal auf der selben Ebene im Film existieren, dass sie nur nebeneinander (aber nie miteinander) agieren.

I Am Legend hätte definitiv davon profitiert, hätte man gesagt: “Scheiß auf CGI, lass uns ein paar echte Menschen mit solidem Make Up in groteske Bestien verwandeln.” In Zombie-Filmen funktioniert das doch auch richtig gut.


5.) Ich gebe der Fairness halber zu, Kritikpunkt 5 wird für viele kein Kritikpunkt sein und ist noch willkürlicher als all die anderen Kritikpunkte hier. Kritikpunkt 5 ist ein ganz persönlicher Kritikpunkt, der da lautet: Will Smith. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich habe nichts gegen Will Smith, anders als bei John Travolta oder Tom Cruise, durch deren bloße Präsenz ich einen Film schon abzulehnen tendiere. Nur: Will Smith ist für mich immer Will Smith, egal wen er spielt. Der segelohrige Prinz von Bel-Air. Der Pharao der jiggy mit es wird. (Whooo. Uh! Uh!)

Es ist nicht einmal so, dass Smith wirklich schlecht wäre in diesem Film. Er trägt die Szenen am Anfang, in denen nur er und sein Hund unterwegs sind, relativ gut (auch wenn die Shrek-Imitationssequenz schrecklich aufgesetzt wirkt). Trotzdem habe ich den ganzen Film hindurch nie Dr. Neville gesehen, sondern immer nur Will Smith, wenn auch dieses Mal mit mehr Muskeln. So ging es mir auch schon in The Pursuit of Happiness. Da sehe ich nicht einen glücklosen, aber tapferen Vater, da sehe ich Will Smith. Will Smith mit graumelierten Haaren und einer Rotzbremse, aber nichtsdestoweniger: Will Smith. Aber, wie gesagt, dieser Kritikpunkt ist wirklich völlig subjektiv.


6.) Sie sind unterwegs im Auftrag des Herrn. Später im Film, nachdem der Hund schon tot ist, wird das schäferhundförmige Loch im Drehbuch dadurch geschlossen, dass zwei Überlebende (eine Frau, ein Kind) auftauchen. Was sie in New York tun? Sie sind unterwegs zu einer Überlebendenkolonie in… ich glaube es war Vermont. Woher sie von dieser Kolonie wissen? Wie sie Dr. Neville in Manhattan gefunden haben? Nun… ähm… Gott hat es ihnen verraten. Zugegeben, wenn jemand im wahrsten Sinne des Wortes das Recht hat in einem Film als Deus Ex Machina aufzutauchen, dann ist es natürlich Der Herr der Herrlichkeit persönlich. Das macht den Deus-Ex-Machina-Effekt als solchen aber nicht besser. Vor allem, da er schon sehr wunderlich erscheint: Wurde am Anfang des Films nicht etabliert, dass Manhattan als Ground Zero dieser neuen Seuche von der Außenwelt abgeriegelt wurde? Ist nicht die zerstörte Brooklyn Bridge ein bedeutsames Bild für den Film? Wie also kommen Maria und Jesus die Frau und ihr Kind auf die Insel?

Dieses religiöse Element stört mich an Filmen. Nicht weil ich anti-religiös bin, sondern weil ich finde das aufgepropfte christliche Botschaften einem Film abträglich sind, wenn sie sich nicht der inneren Logik unterwerfen. Figuren sind religiös motiviert? Habe ich kein Problem mit. Gott löst Probleme für die Figuren? Empfinde ich als Schreibfaulheit. (Vergleiche auch Shyamalans Signs, wo Gott den Protagonisten dankenswerterweise verrät, wie man eine ganz spezielle Situation im Detail meistern kann… aber Shyamalan tendiert nunmal in diese Richtung.)

Dieser religiöse Rahmen für Verfilmungen von I Am Legend ist nicht ganz neu, schon The Ωmega Man hat jede Form von dezenter Anspielung zugunsten des Jesus-Hammers aufgegeben, als Charlton Heston am Ende in der Körperhaltung des Gekreuzigten aus dem Leben scheiden durfte. Aber diese Verfilmung setzt dem ganzen nochmal die (Dornen-)Krone auf und spielt sogar die zeitgenössische “Scientism”-Karte: Denn während Gott die Menschheit rettet (er schickt Frau und Kind nach Manhattan, damit sie den suizidalen Neville retten, der ihnen sein Blut (Eucharistie) gibt, in dem das Antivirus für die Seuche zu finden ist, und das sie dann zur ihnen von Gott offenbarten Überlebendenkolonie in Vermont bringen), hat die Wissenschaft sie verdammt, entsprang das Virus doch dem Versuch eine Impfung gegen Krebs zu erschaffen. (Eine Warnung vor Gardasil?) Das passt insofern zum Quellenmaterial, als schon in Matthesons Buch die Wissenschaft (damals noch die Atomenenergie) die Vampirplage lostrat, der Roman aber das Übernatürliche nicht im Gegenzug als “Heilsbringer” aufbaut, sondern auch die Vampire hier mit der wissenschaftlichen Methode verstanden werden konnten und nichts Übernatürliches an sich hatten. Gott spielte in dem Buch schlicht keine Rolle.

Nochmal: Mein Problem mit dem Film ist nicht, dass hier religiöse Figuren auftreten, mein Problem ist, dass man Lücken in der Handlung einfach mit “deus vult, deus vult” wegerklärt.


7.) Das Ende. Oh Gott, das Ende. Jetzt gilt es erstmal zwei Kritizismen direkt abzuwehren. Einmal, dass ich ein Ende ablehne, weil es nicht so ist wie im Buch. Was nicht stimmt. Ich lehne dieses Ende einfach ab, weil es deutlich schlechter ist als das Ende im Buch. Was zu Kritizismus Zwei führt: “Björn, ein Ende das sich an das Buch-Ende anlehnt, gibt es als Alternatives Ende. Hast du dir das auch angeguckt?” Worauf ich sagen muss: Ja, habe ich.

Aber hier gilt ein ehernes Gesetz, das ich auch schon den Herren Lucas und Abrams um die Ohren gehauen habe: Alles was für mich als Zuschauer relevant ist, hat im Film stattzufinden. Nicht in den Büchern zum Film, nicht im Spiel zum Film, nicht in den Comics zum Film, nicht in den alternativen Szenen (Filme zu Serien sind hier die einzigen Ausnahmen die ich akzeptiere). Letztlich ist der Film wie er auf der Leinwand zu sehen war, das finale Produkt für das sich das Studio entschieden hat und damit das Einzige was für mich relevant ist (zumindest bis der Director’s Cut das Originalende an den Streifen leimt). Zumal das Alternativ-Ende auf meiner Kauf-DVD gar nicht erst erhalten war, ich also auf YouTube zurückgreifen musste.

Das Ende sieht also auf der DVD so aus, dass Dr. Neville einen finalen Stand Off gegen die Vampirmonster in seinem Labor hat und sich selbst opfert, damit das Antivirus und Maria und Jesus die Alte und das Blag zur Überlebendenkolonie kommen (die ungefähr so pittoresk und idyllisch aussieht, wie Unsere kleine Farm, in der inzwischen die Waltons eingezogen sind). Fade to black: Maria Die Frau erzählt aus dem Off, dass Neville für unsere Sünden gestorben ist und so zur Legende wurde. Film vorbei. Buch total falsch verstanden. Setzen. Sechs.

Das Alternativende ist zwar nicht perfekt, entspricht dem Buch aber zumindest etwas mehr, dessen Ende ich vielleicht mal kurz erklären sollte: Also, Dr. Neville erkennt am Ende des Buches, dass ein Teil der Vampire sehr wohl intelligent ist und inzwischen soziale Strukturen aufgebaut hat. Er erkennt außerdem, dass er das “Monster ist. Ein atavistischer Schrecken, der die Vampirfamilien überfällt wenn sie am schwächsten sind (bei Tageslicht) und wahllos Mitglieder ihrer Gemeinde entführt, um dann in seiner Festung an ihnen Experimente durchzuführen. Wenn der Mensch dem Menschen Wolf ist, dann ist dieser Mensch dem Vampir Vampir. Ein schöner Twist und vielleicht eines der genialsten Enden aller Zeiten, das mit unseren Erwartungen spielt, denn als Leser identifizieren wir uns natürlich mit dem Menschen und kommen gar nicht auf die Idee, dass sein Verhalten falsch sein könnte.

Eine derart nuancierte Sichtweise traut Hollywood allerdings nun schon in der dritten Verfilmung dem Publikum nicht zu und wählt stattdessen erneut die Variante: Guter Mensch versus böse nicht-menschliche Monster, die kein Mitleid verdienen. Die Zuschauer in irgendeiner Weise herausfordern? Keine Chance. Hollywood wird nunmal immer noch von den Sidney Sheinbergs regiert, zumindest wenn es um potentielle Blockbuster geht.

Das ist doppelt bitter: Nicht nur, dass man hier ein total banales Ende hat, man macht damit sogar retroaktiv noch den Film davor kaputt. Denn im Film davor fanden sich kleine Touches die darauf hindeuteten, dass die Vampire doch mehr als eine völlig hirnlose Monstergemeinde sind (sie stellen Neville Fallen) und dass Neville moralisch bestenfalls fragwürdig ist und zudem noch die Situationen völlig falsch einschätzt (der Boss-Vampir folgt Neville nicht ins Sonnenlicht weil er keinen Verstand besitzt, sondern weil Neville gerade seine Lebensgefährtin gestohlen hat). Nur: Nichts davon hat irgendeine Relevanz ohne ein Ende das enthüllt, dass die Vampire eben doch mehr sind als blutlüsterne Bestien. All diese Sequenzen zappeln damit plötzlich sinnlos in der Luft, so wie ein roter Hering an der Angel.

Aber, hey, ein Film braucht nunmal klar gesteckte Fronten zwischen Gut und Böse. Wie Filmproduzentin Marge Simpson zu sagen pflegt: “Friends with mutants? Rrrrright.


(So: Und damit man mir nicht vorwirft ich wäre nur negativ, hier noch ein paar Dinge die ich an dem Film mochte:

*Das menschenleere New York sah richtig toll aus, besonders die Kornfelder am Time Square haben es mir angetan. Ist also nur folgerichtig, dass das Team hinter I Am Legend auch The World Without Us verfilmen darf.

*Der Hund war als Rolle gut angelegt und auch zudem gut gespielt. Der Schäferhund mag nicht das Niveau von Moose erreicht haben, aber nicht jeder kann Dogbert De Niro sein. Auf jeden Fall war die Mensch-Hund-Dynamik in diesem Film besser als die Mensch-Volleyball-Dynamik aus Castaway.

*Die Flashbacks in die Zeit als die Seuche gerade ausbrach, hatten emotionale Resonanz. Besonders die Sequenz mit der Frau die Neville bittet, er möge doch zumindest ihr Kind aus Manhattan fliegen lassen, fand ich persönlich sehr bitter. Wobei solche Szenen natürlich immer den Vorteil haben, dass sie nicht unbedingt aus sich heraus überzeugen müssen, sondern einfach nur die uns spätestens seit Ebola oder SARS allen im Rückenmark hockende Angst vor der globalen Pandämie anzapfen müssen.)

So gesehen: Ein Film den man mal gesehen haben kann, aber nicht zwangsläufig gesehen haben muss. Besonders wenn man This Quiet Earth noch nicht gesehen hat, den man davor wirklich mal gesehen haben sollte. Sehen Sie?

2/5

Star Trek

Sunday, May 17th, 2009

Präambel: Star Trek and Me

Muss ich hier meine Nerd-Kredentialien nochmal auf den Tisch legen? Vermutlich nicht, darum hier die Cliff-Notes-Version zum Thema “Björn und Star Trek“: Irgendwann in den späten Achtzigern von der Folge “Wildwest im Weltraum” der Originalserie angefixt worden. Dann in den Ausläufern der Achtziger und den ganz frühen Neunzigern unglaublich aufgeregt gewesen, weil eine neue Raumschiff-Enterprise-Serie kommen würde. Sowas erfuhr man damals, in Zeiten vor dieser Röhrenreihe namens Internet, noch ganz primitiv und barbarisch durch Zufall. Zufall in Form eines Werbeprospekt der Hörspielfirma Karussell, die Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert bald schon in Form von Kassetten (das waren sowas wie rechteckige MP3s, liebe jüngere Leser) veröffentlichen würde, während bald darauf das ZDF das Ganze auch im Fernsehen (das war sowas wie YouTube für Clips von mehr als zehn Minuten Länge, liebe jüngere Leser) präsentieren würde.

Hatte mich TOS angefixt, machte mich TNG zum Junkie. Bis heute gehöre ich zu jener Fraktion, die zwar zugibt, dass Kirk das bessere Haarteil hatte, Picard aber der bessere Captain war. Wie das wohl vielen so ging, in einer Zeit als Nerd sein keine akzeptable, im Netz auslebbare Alternative, sondern ein sicherer Pfad in die soziale Isolation war: TNG gab mir einen gewissen Rückzugsraum. Große Weltraumabenteuer, eine positive Botschaft, viel soziale Utopie, viel Wissenschaft (oft ‘junk science’, aber teils überraschend zeitgemäße, solide Wissenschaft) und vor allem Techniker, Computergeeks und Gebildete als Helden. Natürlich fühlt man sich da als leicht entfremdetes Kind und bald darauf ähnlich entfremdeter Jugendlicher wohl. Und zumindest für die positiven Werte die mir Jean-Luc Picard eingetrichtert hat, bin ich durchaus dankbar. So scheel man für so eine Aussage auch angesehen wird, in einer Zeit in der alles ironisch gebrochen sein muss (und, ja, der zuständige Redakteur weiß sehr wohl, dass er sich selbst dieses Verbrechens wiederholt schuldig gemacht hat)…

Dann kam Deep Space 9 und wurde, nach einem schwachen Start (und durch massiven Klau bei Babylon 5) zur besten Trek-Serie, während der Verfasser dieser Zeilen in die Hochphase seiner Trek-Begeisterung ein- und einem Trek-Forum im Netz beitrat. Von da an ging es dann rapide abwärts: Voyager sah ich, weil ich Trek noch immer mochte, obwohl mir die Serie mit ihrer Rückkehr zur Einzelepisode und der kritikresistenten Betonfrisur auf der Brücke nur selten wirklich zusagte. Das Trek-Forum enthüllte mir die Borniertheit und Kritikunfähigkeit vieler “Trekkies” und dann kam auch schon Enterprise… eine Serie zu der ich ja in der Vergangenheit genug gesagt habe. (Kurzfassung: “Ja, Kruzifix, woas oan Schmarrn!”)

Björns Trek-Begeisterung war sogar noch vor Enterprise gestorben. Klar, ich hege immer noch gewisse Sympathien für Star Trek und seine Grundideen, war aber nach dem Ende von Enterprise ziemlich sicher, dass das Franchise auf Jahrzehnte tot und begraben ist… und dass das nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein muss. Sowas passiert mit Serien die fast zwei Dekaden am Stück laufen: Sie werden inzestuöse Eitergeschwüre, zu konvolut um für Neulinge zugänglich zu sein und zu selbstbezogen um wirklich noch “tapfer dahin vorzudringen”, wo nie zuvor eine Fernsehserie gewesen ist. Insofern stand ich dem Reboot auch relativ offen gegenüber. Hey, es ist nicht so als ob J.J. Abrams noch groß was auf jener Star-Trek-Wiese hätte zertrampeln könnte, über die Picard schon 2002 ohne Rücksicht auf Verluste mit dem Midlife-Crisis-Mobil aus Nemesis pflügte, bevor Archer anfing darauf seine Töle Gassi zu führen.

Before They Were Stars

Vorwarnung: Arrrr, here be spoilers.

Für den neuen Film wählte J. Jonah Abramovic, bekannt dafür bei Cloverfield nicht Regie geführt zu haben, also ein Reboot der Original Series. Per se keine schlechte Idee, wird man so doch viel Ballast los, der sich in den letzten fast 45 Jahren angesammelt hat und der besonders den letzten Auswüchsen des Franchises gerne mal wie eine Bleikugel am Bein hing. Trek-Fans können beckmessernde Bastarde sein, wie Phil Farrand in gleich vier Büchern exzessiv unter Beweis gestellt hat. Ein frischer Start macht das Franchise also Neulingen zugänglicher (was man ja schon bei Enterprise versuchte, nur um dann doch wieder in den tiefsten Gefilden des Canon zu versumpfen) und gibt gleichzeitig den Autoren mehr Freiraum um eine zeitgemäße Interpretation auf die Leinwand zu bringen, ohne dabei bei jedem Satz fürchten zu müssen, dass man gerade einer unglaublich wichtigen Information aus einem Nebensatz der Voyager-Folge “The Threshold” widerspricht, weshalb tausende Voll-Trekkies einen Herzinfarkt bekommen, zeitgleich umkippen und so ein Erdbeben auslösen, das San Francisco endgültig im Meer versinken lässt. Was unschön wäre, weil ja die Starfleet Academy in SanFran lokalisiert ist und wenn es die Stadt nicht mehr gäbe, dann käme man ja in ganz schöne Erklärungsnot und… okay, ihr versteht das Problem.

Natürlich gab es sofort wieder die üblichen Netz-Reaktionen: Igitt, man will uns unsere Serie wegnehmen! Jay Jay Okochabrams ist gerade dabei, eine klassische Science-Fiction-Serie zu vergewaltigen! (Unter der Stufe “Vergewaltigung” geht es bekanntlich in Netzdebatten über sowas gar nicht erst los.) Den Produzenten geht es nur ums Geld, ihnen fehlt jedes Gefühl für die beste Serie aller Zeiten! Und so weiter, und so fort.

Denn seien wir ehrlich: Star Trek ist zumindest in Teilen des Netzes nicht nur eine Serie oder wegen mir auch noch eine Weltanschauung, es ist wirklich eine vollständige Religion geworden. (Wie ja auch Futurama erkannte, in einem der besten Trek-verwandten Stücke Fernsehgeschichte.) Und damit wird zumindest die Originalserie völlig aus dem Kontext gerissen und in Sphären gepustet, in denen sie nichts zu suchen hat. Und in denen sie sich aus freien Stücken sicher nicht tummeln würde. TOS war spaßiger, unterhaltsamer, bunter Science-Fiction-Action-Camp. Nicht weniger. Nicht mehr. Mit vielen guten Ideen, sicher. Auch mit einer positiven Kernaussage, vielen revolutionären Elementen (ein Russe an Bord der Enterprise mitten im Kalten Krieg, der erste Fernsehkuss zwischen einer schwarzen Schauspielerin und einem weißen Schauspieler) und einigen richtig tollen Folgen (vor allem natürlich The City on the Edge of Forever)… aber eben auch mit Weltraum-Abraham-Lincoln, Themenpark-Planeten (der Wildwestplanet, der Römerplanet, der Gangsterplanet, der Naziplanet [nein... nicht die Erde]) und mit Folgen die so schlecht sind, dass man glaubt NBC-Verantwortlichen hätten sie damals aus dem Altpapiercontainer eines Groschenromanverlags geklaut. Spock’s Brain, anybody? Plus: Seien wir ehrlich. So spaßig das Spiegeluniversum mit Spitzbart-Spock auch ist (und ich liebe alle Folgen von Trek die im Spiegeluniversum spielen): Tiefschürfende Science Fiction ist es nicht.

Von den Außerirdischen sollten wir gar nicht erst sprechen. Die Klingonen waren in der ersten Serie nie mehr als die fiesnackigen Weltraumrussen und trotzdem zusammen mit den Vulkaniern und Romulanern die wichtigste Spezies der Serie. Vielleicht auch, weil sie nicht unter jenem Make-Up und jenen Kostümen litten, die die anderen Außerirdischen erdulden mussten und die man nur noch als “camp” bezeichnen kann. Die schweinenasigen Tellariten? Die wickblauen Andorianer mit den kleinen Antennen an der Birne? Der als Horta bezeichnete schimmelige Putzlumpen? Die kristallinen Tholianer? Die griesgrämigen Gummi-Echsen namens Gorn? Der Salzvampir von M-113? Die excalbianischen Steinhaufen? Und wer könnte den Mugato vergessen? Den Mugato, um Himmels willen. Hey, ich mag diesen gehörnten Albinogorilla so sehr wie der nächste Nerd. Ich wäre sofort dabei, würden wir den National Mugato Suit Day einführen… aber man muss sich die Realität schon sehr mit saurianischem Brandy und romulanischen Ale schön saufen, um die Serie in der diese Kreaturen vorkommen, als ernsthafte und tiefsinnige Form der Unterhaltung zu verklären, die dann von den Fanboys und -girls auch schnell mal auf den selben Sockel gehievt wird, auf dem schon Shakespeare, Goethe, Kafka und Tom Kratman stehen. (Wobei man der Fairness halber anmerken sollte, dass die CGI-Aliens im neuen Film wahrscheinlich in wenigen Jahren ähnlich peinlich und veraltet wirken werden, wie die Kreaturen aus der Fernsehshow der Sechziger… se a vida é.)

Insofern: TOS ist (noch) kein heiliger Text… warum sollte man also schon im Vorfeld ablehnen, dass die Produzenten jetzt an dieser Stelle der Future History einsteigen und nochmal bei Null beginnen? Ich kann damit sogar aus einem ganz anderen Grund leben: Die Zeitlinie die uns TOS präsentierte, ist eine Zeitlinie die vor weit über 40 Jahren entworfen wurde. Auf der einen Seite wurden bestimmte prägende Elemente unserer Gesellschaft natürlich nicht vorhergesehen (die weite Verbreitung von Handys, das Internet oder der plötzliche Zerfall der Sowjetunion: In The Voyage Home (1986) kennt man im 23. Jahrhundert noch die Stadt Leningrad), auf der anderen Seite passen Elemente der Star-Trek-Historie einfach nicht mehr zur Geschichte wie sie in der Realität stattfand. Bestes Beispiel sind die Eugenischen Kriege, die theoretisch in den 1990ern stattfanden und durch die ein Khan Noonien Singh (Sie wissen schon: Khaaaaaan) plötzlich einen Großteil der Menschheit kontrollierte. Warum Sie sich daran nicht erinnern können, werter Leser? Um, das waren die Neunziger. Vermutlich waren Sie gerade mit Ecstasy zugedröhnt auf dem Mayday als das passierte, oder so.

Im Ernst: Nachdem man in Voyager die Erde der 1990er besuchte und keine Eugenischen Kriege erwähnt wurden, ging ich davon aus, dass man diese aufgegeben oder zumindest verschoben hätte. In Enterprise kehrten sie dann zurück, mit all den logischen und temporalen Problemen die sie mit sich brachten. Der neue Film wäre eine Chance gewesen hier die Axt anzusetzen und wirklich radikal nochmal bei Null anzufangen, Daten ein bisschen zu schieben und die ganze Backstory etwas mehr in Einklang mit unserer eigenen Realität zu bringen. Tut man aber nicht. Und das ist direkt ein Kritikpunkt den ich Star Trek vorhalte: Der Bruch mit der Vergangenheit ist nicht radikal genug.

Ganz ehrlich, wenn man eh gerade großreinemacht, warum nicht auch die Fenster putzen? Warum nicht ganz neu anfangen, dem Franchise die Battlestar-Galactica-Behandlung geben und diesen Neustart in einem ganz eigenen Universum spielen lassen, ohne direkten Rückbezug auf die andere Continuity? In dieser Form ist das neugestartete Franchise ein seltsames Zwitterwesen, in dem zwar keines der Ereignisse aus TOS, TNG, DS9 oder VOY stattgefunden haben (stattfinden werden?), aber alle historischen Infos die wir aus diesen Serien über die Zeit vor 2233 (dem Jahr in dem die neue Zeitlinie beginnt) erhalten haben, weiterhin gültig sind. Ein glatter Bruch sieht anders aus.

Persönlicher Hass natürlich auch dafür, dass ausgerechnet die Ereignisse aus Enterprise theoretisch weiterhin im Canon gültig sind. (Und Scotty erwähnt ja sogar Admiral Archer… Admiral wird bei Starfleet auch wirklich jeder, der lange genug dabei ist, oder?) Sowieso, der Canon. Sich völlig davon zu befreien, hätte nicht geschadet. So beginnt der innere Geek in mir schon wieder zu mäkeln: Wieso kennt man eigentlich im Jahr 2253 schon die Romulaner so gut? Und kann in einer Bar einen Cardassian Sunrise trinken? Klar, das sind Nerd Gripes. Irrelevante Nerd Gripes, die man leicht wegerklären kann mit der Veränderung der Zeitlinie, die halt auch alles andere verändert hat… aber warum überhaupt erst diese Dose Würmer offen lassen?

(Einschub: Wo wir schon bei Zeitlinien und im vollen Nerd-Modus sind: Ich gebe ja Janeway die Schuld an der ganzen Misere. Jene die Galaxie bedrohende und Romulus zerstörende Supernova (by the way: eine Supernova, die die ganze Galaxie bedroht? Im Ernst, gezz?) scheint es ja nicht gegeben zu haben in jener Zeitlinie, in der sie mit der Voyager regulär erst 2394 in den Alpha-Quadranten zurückkehrte. Dann musste Janeway natürlich in der letzten Voyager-Episode im Gewebe der Zeit rumfuschen, weil ihr das alles nicht schnell genug ging… und plötzlich haben wir eine Supernova, die die ganze Galaxis zerstören könnte. Da es die vorher nicht gab, muss Zeitreise-Janeway in irgendeiner Form daran Schuld sein. (Gut, vielleicht auch Jake Sisko in “The Visitor”… aber Janeway mag ich weniger, darum gebe ich ihr die Schuld.) Habe ich ja von Anfang an gesagt, dass die Olle im Serienfinale absolut rücksichtslos und unverantwortlich handelt. Und jetzt haben wir den sternefressenden Salat. Ferner Donner, und so. Tolle Cervelatwurst, Janeway, hast mit deiner unnützen Zeitreise selbst dafür gesorgt, dass du nie existieren wirst. Na, das war hoffentlich die gesparten zehn Jahre Reisezeit wert.)

Wo waren wir? Achja, das Reboot: Was man den Machern und den Akteuren auf jeden Fall zugestehen muss, ist wie souverän sie mit der alten Serie umgehen. Sie wird nicht mit aller Gewalt referenziert, man erstarrt nicht voll Ehrfurcht vor ihr, hat aber genug kleine Anspielungen und Verweise auf sie beibehalten, um als smarte Hommage durchzugehen. Dialoge aus alten Filmen werden aufgegriffen (“Sie waren und werden immer mein Freund sein”, aus The Search for Spock, der Verweis darauf dass Spock nicht “lügt” sondern ein wenig “übertreibt” aus The Voyage Home oder der junge Spock, der Sherlock Holmes zitiert, so wie sein Alter Ego in The Undiscovered Country), kleine Szenen erinnern an die alten Filme (statt Scotty knallt Kirk mit der Omme gegen einen tiefhängenden Balken), Dr. McCoy erwähnt Schwester Chapel (im Original gespielt von der erst kürzlich verstorbenen Majel Barrett-Roddenberry), die Ceti-Aale heißen jetzt centaurianische Schnecken (und Raider heißt jetzt alter Witz), Christopher Pike imitiert Shatners Sitzhaltung und Patrick Stewarts Unart sich die Uniform zurecht zu zupfen, Uhuras bisher nur semi-kanonischer Vorname wird offiziellisiert und ein Red Shirt verreckt auf der ersten Außenmission. All das zeigt schon ziemlich deutlich, dass Jott Jott Abrams, Roberto Orci und Alex Kurtzmann die alte Serie so völlig scheißegal nicht sein kann, es ist aber nie so in den Vordergrund gespielt, dass es den Film aus der Spur wirft. Es ist präsent, aber nie störend. Nicht-Trekker werden das kaum bemerken. Einen ähnlichen Respekt merkt man auch beim Casting und den Rollendefinitionen.

Meet the Crew

Ein Reboot hätte natürlich auch die Chance geboten abgesehen von den Namen völlig von den Eigenheiten der Originalcrew abzurücken, was nicht schlimm sein muss, wie das Reboot von Battlestar Galactica mit der weiblichen Version von Dirk Benedicts Starbuck zeigte. Man hätte, so das gewünscht worden wäre, ohne weiteres einen schwarzen Kirk casten können oder einen weiblichen Dr. McCoy. Hat man aber nicht. Stattdessen hat man weitgehend darauf geachtet, dass die Darsteller die man für die Rollen gewählt hat, den Originaldarstellern möglichst nahe kommen. Was natürlich dem harten Kern des Fandoms immer noch nicht ausreichte. Hat Pavel Chekov doch jetzt plötzlich Locken statt seinem Monkees-Haarschnitt! Die Figur ist damit auf ewig ruiniert! Giftig! Septisch! Wissen die Macher denn gar nichts, über das Sixties-Revival im 23. Jahrhundert? Abraaaaaaams, du hast meine Kindheit vergewaltigt! Warum hasst du Star Trek so sehr?

But seriously: Die Figuren sind durch die Bank weg gut gecastet und gut geschrieben. Teils sogar noch besser: In Sachen ideal gecastet und ideal geschrieben kann ich gar nicht anders, als Karl Urban für seine Rolle als Dr. Leonard “Pille” McCoy zu loben (und ich muss auch mal die oft gescholtene Synchro hervorheben, beklagt sich der geschiedene Arzt im Original das seine Ex-Frau alles bekommen habe, “she left me nothing but my bones“, beschwert er sich im Deutschen, dass das “schon ‘ne bittere Pille” war… sehr gut gemacht, liebes Synchronstudio, ganz im Ernst). Urban hat die Mannerismen, den Gestus und Habitus des verstorbenen DeForest Kelly so verdammt gut drauf, dass er die Rolle wirklich zur Perfektion ausfüllt und einen vergessen macht, dass je ein anderer Schauspieler Pille war. Oder eher: Dass er nicht die junge Version jenes Schauspielers ist, der in den Sechzigern Schiffsarzt auf der Enterprise war. Dass McCoy zudem wie im Original als bärbeißiger, grummeliger, nörgeliger Weltraummedikus ausgelegt ist, rundet die Sache ab. Ich mochte McCoy schon immer, aber in diesem elften Film ist er zumindest der heimliche Star. Auch wenn die Aufmerksamkeit natürlich auf dem Comedy-Duo Spitzohr und Bauerntölpel liegt.

Spock ist für mich hier plötzlich ein viel interessanter Charakter als er es je zuvor war, da man in der neuen Version einen noch stärkeren Fokus auf seinen Status als Halb-Mensch/Halb-Vulkanier platziert, für den er von den ach so aufgeklärten Vulkaniern konstant diskriminiert wird (in direkter Weise von seinen Schulkameraden, in hochgestochener Weise vom Rat der vulkanischen Wissenschaftsakademie). Der neue Spock hat seine Emotionen längst nicht so gut unter Kontrolle wie der Sechziger-Jahre-Spock, was natürlich auch hart ist für einen Mann, der relativ früh im Film seinen Heimatplaneten und seine Mutter verliert und das durch eine fiese Schlägerei, eine übertriebene Entscheidung (okay, Kirk nervt ihn… aber den man gleich auf einem Eisplaneten aussetzen?) und eine angedeutete Romanze mit Uhura kompensiert. Spock ist hier nicht weniger Rebell als Kirk, nur dass er keine Autos schrotet und sich in Kneipen prügelt (was natürlich beste TOS-Tradition wäre), sondern sich von der vulkanischen Standardkarriere abwendet.

Damit ist der neue Spock in diesem Film definitiv eine besser angelegte Rolle als der gebrauchte Spock (oder wegen mir auch wie im Abspann ‘Spock Prime’… Charaktere die mit Nachnamen Prime heißen, scheinen prädestiniert zu sein das Gefüge der Realität zu ruinieren), der hier in der Mitte des Films die Funktion des Basil Exposition übernimmt: “Hallo junger Sternenflottenkirk. Hier mal schnell die Backstory. Nun aber husch, husch zurück auf die Enterprise. Wir sehen uns am Filmende nochmal.” Eine wirklich relevante Rolle sieht anders aus.

Während ich Spocks Art der Rebellion mag, muss ich zugeben, dass ich mit dem neuen Kirk den ganzen Film über nicht warm geworden bin. Und bevor man mir hier vorwirft, ich würde kritisieren dass das Neue nicht ist wie das Alte: Ich kam schon mit dem alten Kirk nicht wirklich klar. Wie gesagt: Ich war, und werde es immer sein, ein Picard-Anhänger. War mir der alte Kirk etwas zu sehr actionorientiert-schweregenötigter Weltraumcowboy, ist der neue Kapitän Körk mir eindeutig zu sehr einer dieser geschniegelten Nullachtfuffzehn-Rebellen ohne Grund, wie wir sie in der näheren Vergangenheit ein paar mal zu oft gesehen haben: Jemand der James Dean und Marlon Brando (der Junge, nicht der fette Alte) sein will, aber stattdessen rüberkommt wie Fonzie aus Happy Days oder John Travolta in Grease. Hätte man auf halber Strecke Young Kirk gegen Mutt Williams aus Indiana Jones und die unnötigen CGI-Affen ausgetauscht, ich hätte es nicht gemerkt.

Kirks Rolle in diesem Film ist mir noch zu sehr auf Krawall gebürstetes Arschloch, zu sehr nervig pseudocooler Rebell. Ja, sicher, das liegt daran dass Novus Ordo Kirkularis ohne seinen Pa aufwachsen musste, was ein schweres Schicksal ist, aber trotzdem… hätte man den Obnoxious-Regler nicht eine Stufe runterdrehen kännen? Mir ging es zudem auch ein wenig auf den Sack, dass Kirk hier konstant auf der Karriereleiter nach oben geschoben wurde, nur weil sein Vater toll war und alle sicher sind, dass er der Messias ist zu größeren Dingen berufen sein muss. Hey, mir ist schon klar, dass man Kirks Reifungsprozess jetzt zeigen kann und in zwei oder drei Filmen darauf hindeuten, wie weit Kirk seit dem Reboot gekommen ist… aber deshalb muss ich den Tiber-James in diesem Film ja noch nicht mögen.

Die übrigen Besatzungsmitglieder bekommen deutlich weniger Leinwandzeit zugestanden, machen aber allesamt einen guten und kompetenten Eindruck: Libuda Uhura ist eigenständig, kann es verbal locker mit Kirk aufnehmen und beweist sich als Sprachexpertin, die sicher keine analogen Wörterbücher braucht um Klingonisch zu radebrechen. Einen wirklichen Sprung nach vorne macht Pavel Chekov, der hier weit mehr tun darf als die Enterprise rückwärts einzuparken und sich als echtes Wunderkind in Sachen Mathematik und Astrogation entpuppt (und die Sache mit der “victor/wiktor”-Ausspracheschwierigkeit war ein netter Rückgriff auf die “noo-clear wessels” in The Voyage Home).

Scotty ist auf jeden Fall kompetent und Simon Pegg ist auf der Leinwand immer eine Freude, aber stellenweise war mir der feine Herr Montgomery etwas zu sehr auf “lustitsch” getrimmt, etwas zu stark darauf ausgelegt, alle paar Minuten einen kessen Spruch von der Lippe tröpfeln zu lassen, etwas zu sehr das Comic Relief. Da muss man aufpassen, dass man sich nicht plötzlich in Gimli-Regionen wiederfindet. Und sein kleiner Kumpel aus dem Star-Wars-Universum (erinnerte mich an eine Mischung aus den Ugnaughts und den Ewoks aus dem lucas’schen Effektepos) ging nun wirklich nicht. Gaaar nicht. Null, nada, niente, zero, zip. Wirklich, Schää Schää Abruzze, wenn der Comedy-Gnom beim nächsten Mal nicht wieder auftaucht, wird sich keiner beschweren. Einzig Sulu wirkte hier noch ein wenig verloren und kam nicht über die Rolle als Japaner-mit-Klappschwert hinaus. Aber zumindest hatte er den einen Moment. In Ensemble-Filmen ist sowas ja längst nicht garantiert. Und, was man diesem Ensemble-Film zugestehen muss: Die Figuren untereinander klicken, der Umgang mit einander wirkt nicht gestelzt. Die Chemie der alten Serie wurde hier wirklich gut eingefangen. Es macht Spaß den Figuren zuzusehen, wie sie miteinander interagieren. Damit wird der Film einem ganz zentralen Element des alten Star Trek hier definitiv gerecht.

Leider kann dieses generelle Lob nicht auf den Bösen im Spektakel ausgedehnt werden…

Haven’t we met before?

Es war schon ein schlechtes Zeichen, dass ich im Trailer das erste Mal Kapitän Finster sah und mir dachte: “Moment. Ist Shinzon nicht in Nemesis gestorben?” Ist er. Das hier ist ein anderer fiesnackiger, spitzohriger, gesichtstätowierter Glatzkopf. Womit wir auch schon Mitten in seiner Charakterisierung sind: Der Alte hat eine Glatze und ein tätowiertes Gesicht, der kann ja gar nicht anders als böse sein. Nero ist absolut unspektakulär: Emotional uninteressant, mit einem grenzdebilen Racheplan der nur deshalb akzeptiert wird, weil Nero eindeutig wahnsinnig ist. In keinem Moment scheint der Film Interesse daran zu haben, Nero etwas genauer zu untersuchen, etwas deutlicher zu fragen was genau hinter dem Henna-Tattoo auf der Stirn vor sich geht. Dabei hätte man eine ideale Chance gehabt uns Nero etwas näher zu bringen: Captain Pike ist den Großteil des Films auf Neros Schiff gefangen, warum nicht zwischendrin mal ein paar Szenen schalten in denen sich Pike und Nero ernsthaft unterhalten.

Stattdessen ist Nero den gesamten Film hindurch eine charakterlich egale Rolle, die weniger echte Figur als eher plot device ist. Hey, wir brauchen einen Grund warum Vulkan zerknuspert und die Zeitlinie umgestellt wird. Und irgendwas worauf die Enterprise ballern kann. Und Kinderschokolade. Los, Drehbuchhengste, schreibt da mal was. Schade drum, aber Nero liegt selbst im nicht unbedingt mit ikonischen Bösewichten vollgepackten Trek-Universum (da ist Khaaaaaan, da ist die Borgkönigin, Chang aus The Undiscovered Country, vielleicht noch Lore… und dann wird’s auch schon eng) weit unter dem Durchschnitt. Letztlich tritt Nero ebenso unspektakulär ab, wie er gelebt hat. Eric Bana ist in dieser Rolle völlig vergeudet. Zumindest hat, anders als Soran in Generations, hier nicht ein total unspektakulärer Langweiler eine ikonische Figur umbringen dürfen. Dankbar sein für kleine Freuden.

Design Fetish

Hm. Beim Design geht es mir ähnlich, wie bei Casting und der Rollengestaltung: Enterprise hui, Schurke pfui. Beginnen wir mit dem Schlechten: Den Schlechten. Dass Shinzon, äh, Nero bööööööööse ist, sieht man nicht nur an Glatze und Gesichtstattoos, sondern auch daran, dass sein Schiff in Sachen Design böööööööse ist. Ganz ehrlich: Das Ding ist der totale Übermord und sieht aus wie etwas, das man den Schatten aus Babylon 5 geklaut hat. Das wäre ja okay, aber: Das soll einen Minenschiff sein? Wirkt nicht sonderlich praktisch.

Von der Inneneinrichtung ganz zu schweigen, hier weiß man auch ab der ersten Einstellung woher der Wind weht: Denn gute Menschen (oder humanoide Lebensformen) sitzen nicht die ganze Zeit auf dreivierteldunklen Brücken rum, die nur hier und da mal grün angestrahlt werden. Sowas kann einfach nicht funktionell sein. Captain, mir ist der Zündschlüssel runtergefallen und ich kann ihn in diesem Zwielicht nicht finden. Dass die Brücke zudem scheinbar aus Prinzip nicht aufgeräumt wird und überall Dinge im Weg stehen oder lustlos in der Gegend rumhängen, unterstreicht die Attitüde noch. Nützlich ist das nicht… aber böööööööse. (Obwohl die Zimmer der meisten Trekker vermutlich nicht anders aussehen.) Wo man schon dabei war, hätte man Nero auch gleich noch einen Ledermantel verpassen können. Für den Fall dass der Letzte noch nicht gemerkt hat, dass Nero eher ungut ist. (Zum bööööösen Design gehört auch, dass man auf den seltsamen Plattformen am Planetenbohrer keine Sicherheitsgelände anbringt… böööööööse wie man ist, schert man sich einen feuchten Kehricht um Arbeiterschutzbestimmungen… und Überstunden werden auch nicht abgegolten… muhahahahahaha… *räusper*, Verzeihung. Das war natürlich Dieter Hundt, nicht Nero.)

Im Gegenzug muss ich Scotty rechtgeben wenn er ausruft: “I like this ship! It’s exciting!”

Die neue Enterprise ist definitiv sehr schick: Gleichzeitig sehr eng an der Enterprise und Enterpise-A aus den ersten sechs Filmen (Beweisstück A: die blau leuchtende Deflektorscheibe, die jetzt wieder vor dem Schiff und nicht im Bauch des Schiffs zu finden ist) und trotzdem an vielen Ecken galant und unaufdringlich modernisiert. Der Rumpf ist etwas geschwungener, der Hals ein wenig kürzer und die Warp-Gondeln wirken jetzt definitiv organischer (mag nur mir so gehen, aber die Linienführung der Gondeln erinnerte mich an H.R. Giger). Alles in allem ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man mit wenigen, kleinen Kniffen etwas ikonisch halten und trotzdem modernisieren kann.

Radikal umgestaltet wurde dafür das Brückendesign, das einmal mehr belegt, dass die Zukunft immer so aussieht, wie die hippsten Produkte der Gegenwart: Ich war schon froh, dass nirgendwo auf der neuen Brücke das Apple-Logo prangte (immerhin hat man vorher schon die Zeit gefunden, um Product Placement für Nokia, Budweiser, Slusho (hihi) und Jack Daniels unterzubringen). Aber trotzdem: Die neue Brücke wirkt sehr zeitgemäß mit ihren abgerundeten Kanten, den vielen strahlenden Weißflächen, den blauen Neonlichtern und den gläsernen Computerbildschirmen. Sauber und elegant. Allerdings kann man die Brücke selten genießen, weil Abrams in den inzwischen wohl gesetzlich vorgeschriebenen “alle paar Sekunden muss ein Einstellungswechsel erfolgen”-Modus schaltet, und die Sache mit den Lens Flares…? Ganz ehrlich, Doublejay, die Hälfte davon wäre immer noch viel zuviel gewesen.

Was mich derweil an der Brücke stört (und damit haben wir wieder Nerdfaktor 9, Mr. Sulu): Ein Glasfenster auf der Brücke der Enterprise (statt des bisherigen Bildschirms)? Ist das nicht eine, äh, dumme Idee? Ich war schon kein Freund davon, die Brücke irgendwo anders als mitten im Schiff unterzubringen (was bisher damit erklärt wurde, dass man die Brücke so schnell vollkommen austauschen konnte… modulare Bauweise, yaddayadda), aber: Ein Glasfenster? Das bei der Raumschlacht gegen Neros Minenmonstermobil eindeutig Risse aufweist? Ist das nicht ein schrecklicher Unfall, der nur darauf wartet stattzufinden?Aber, wie gesagt, das ist ein Nerd Gripe.

Der Rest des Designs gefällt mir wieder sehr gut: Klassische Elemente kehren in leicht modernisierter Form zurück. Die Kommunikatoren, die im Zeitalter des Mobiltelefons so gar nicht futuristisch wirken, der seltsame Stöpsel an Uhuras Ohr (allerdings weit weniger massiv als bisher), die Phaserpistolen und der medizinische Tricorder geben sich ihr Stelldichein. Das gilt auch für die traditionellen Uniformen, wie sie in der Fernsehserie zu sehen waren, statt den schweren Klotschen aus den Filmen 2-7 (oder den legeren Siebziger-Freizeit-Uniformen aus The Motion Picture). Auch hier gilt: Das ikonische der Sixties-Uniformen ist unverkennbar vorhanden (in the old days operations officers wore red, command officers wore gold and women wore less), ohne dass die Uniformen an sich altbacken wirken würden. Besonders die leichte Musterung der neuen Uniformen, die sie etwas trikothaft aussehen lässt, sagt mir echt zu. Falls Paramount ein Buch über das Design des neuen Trek-Universums verlegen möchte, einen sicheren Kunden haben sie. Jetzt aber genug des Desing-Nerdgasmus.

Die Uniformen sind auf jeden Fall das deutlichste Zeichen dafür, dass man hier nicht das Star Trek aus den Kinofilmen einfangen möchte, sondern jenes Star Trek, das in den Sechzigern als leicht pulpige TV-Show lief, die sich selbst noch längst nicht so ernst nahm, wie sie später von den Fans genommen wurde. Die Uniformen und der Umstand, dass am Ende des Filmes nicht das orchestrale Theme aus den Kinofilmen oder dem Vorspann der Next Generation erschallt, sondern das Aaaahaaaa-aaaahahahaha aus dem Vorspann der Fernsehserie. (Worüber Spock auch gleich den Text aus jenem Vorspann spricht, wobei im Deutschen weiterhin fälschlich davon gesprochen wird, dass die Enterprise in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Das ist vermutlich inzwischen auch ikonisch, geht also in Ordnung. Außerdem war die Enterprise in Deutschland im fünften Film ja auch exklusiv “Am Rande des Universums“.) Insofern ist es eigentlich okay, wenn der Film gezielt sagt, er möchte eher auf Action und Abenteuer denn auf Philosophie und Palaver setzen. Leider kann man damit auch übers Ziel hinausschießen.

Und damit kommen wir zum problematischen Teil des Abends: Dem Film selbst. Wer sich wundert, wieso ich soviel über das Casting und das Design gesagt habe, aber so wenig über den Film an sich, der erhält jetzt die Antwort: Weil der Film selbst nur wenig bietet, über das etwas gesagt werden könnte.

The Star Trek Wars

Um direkt damit herauszurücken: Ja, der Film ist wirklich gut in der Art wie er die Figuren etabliert, wie er mit den Figuren umgeht, wie er Trek modernisiert… aber er ist für sich betrachtet kein guter Film. Nicht das wir uns falsch verstehen, Star Trek ist auch kein schlechter Film, aber er ist längst nicht die Perle, die viele Kritiken in ihm sehen. Ganz ehrlich: Hinter der schönen Fassade steckt ein kurzweiliger, aber auch strunzdummer Sommer-Actionblockbuster. Trek leidet ganz eindeutig an einem akuten Fall von Teil-Einseritis. Tritt man mal einen Schritt zurück, lässt man den Reboot außer Acht, dann bleibt nicht viel außer einer losen Reihung an Actionszenen, die man irgendwie um die doch ziemlich egale Story gewickelt hat.

In der Kurzform: Action, Action, Action, Kirks Vater stirbt, Klein Kirk fährt Auto, Spock prügelt sich, Teenie-Kirk prügelt sich, Akademie, Action, Action, Action, Vulkan geht drauf (was dank des Trailers in dem Moment klar war, als Nero den Bohrer in den Planeten dübelt), Action, Action, Kirk landet auf dem Eisplanet, Action, Action, Action, Kirk und Spock stoppen den Bösewicht, Ende. Ein ausgefeilter Plot sieht anders aus, besonders weil die Autofahrsequenz völlig überflüssig ist: Was erfahren wir dadurch? Das Kirk schon als Kind aufmüpfig war? Toll, hätte wir ja nicht gedacht, bei der Art wie er sich als Teenager gibt. Gut, so haben wir die Beastie Boys, die Nokia-Werbung und etablieren, dass Kirk gerne über Abgründen baumelt, was er im weiteren Film wiederholt tun wird, aber hätte diese Szene gefehlt, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Ähnliches gilt eigentlich auch für den Eisplaneten, auf dem Kirk von zwei außerirdischen Monstern (Cameo: das Cloverfield-Alien) gejagt wird. Kirk hätte den faltigen Spock auch anderswo treffen können (by the way: man spreche mal von galaktischen aber für den Plot sehr angenehmen Zufällen, dass Kirk nur wenige Kilometer von Renten-Spock auf diesem Eisklotz ausgesetzt wird… die Enterprise muss neben dem Warp- auch einen Unwahrscheinlichkeitsantrieb an Bord haben), um sich die Dosis “Was bisher geschah” abzuholen. So fühlt sich die Szene doch sehr star-warsig an, besonders die großes-Monster-wird-von-größerem-Monster-gefressen-Einstellung.

Der Rest ist solide Action, durchaus schick gemacht, wenn auch unter der Idee leidend, dass in einem Actionfilm die Kamera keine Sekunde ruhig stehen darf, weil sich das Publikum sonst langweilt. Die neue Enterprise hat einen ganzen Fanblock voller Torpedos und Phaser, die sie zeitgleich in alle Richtungen abfeuern kann (erinnert mich etwas an die ISS Enterprise aus dem Spiegeluniversum), leider erkennt man das nur schwer, weil die Kamera konstant zu dicht dran und definitv zu hektisch ist. Ich mache drei Kreuze, wenn der Trend endlich vorbei ist und man mal wieder erkennen kann, was in einer Actionszene geschieht, statt es nur zu erahnen.

Verflucht, das hier ist wirklich ein extrem kurzer Textblock, aber es gibt über die Geschichte eben echt nicht viel zu sagen. Der Film wird getragen von den starken Figuren, nicht von der Handlung. Was mich vielleicht am meisten an ihm stört, ist das hier die Actionszenen nicht der Story dienen, sondern die Schmalspur-Story (nicht drüber nachdenken, sonst fällt sie in sich zusammen) da ist um die Figuren von einer Actionszene zur nächsten zu schleusen. Da wird der Wagen vor das Pferd gespannt. Das scheint zwar inzwischen Standard für Sommerblockbuster zu sein und dieser Film soll vorrangig die neue Realität und die neuen (gebrauchten) Figuren einführen, aber ich hätte mir dann doch ein kleines bisschen mehr Tiefe erhofft.

The Final Frontier

Ich denke, das kann ich so als Fazit stehen lassen: Star Trek ist nicht der geniale Film, als der er derzeit heiß gehandelt wird, sondern ein grundsolider, wenn auch relativ geistloser, Actionblockbuster mit einem extrem dünnen Handlungsimitat, der genau so schnell verdaut und vergessen sein wird, wie er geschnitten ist. Das Signet “moderner Klassiker”, das manche Kritiker hier schon vergeben, stelle ich mal ganz dezent in Frage.

Ein relativ typischer Teil Eins, also. Aber, und das ist die gute Nachricht, auch wenn Star Trek kein wirklich großartiger Film ist, der Streifen überzeugt vollkommen in dem, was seine Hauptaufgabe ist: Dem Franchise eine Frischzellenkur verpassen und den neuen Status Quo einführen. Er ist respektvoll gegenüber dem Original und ist trotzdem für Einsteiger absolut offen und zugänglich. Er präsentiert die wichtigen Figuren, legt in Grundzügen ihre Persönlichkeiten fest und zeigt Richtungen auf, in die sich die Figuren entwickeln können. Plus: Die Art wie sich die Crew untereinander verhält macht definitiv Lust auf mehr.

Ist Star Trek also ein guter erster Teil? Ja. Definitiv. Aber wenn man diese Funktion wegdenkt und sich nur auf den Film als Film konzentriert, dann stellt man schnell fest, dass der Kaiser zwar nicht nackt ist, seine Unterhose aber zumindest löchrig ist. Der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, aber um einen Film wirklich über den grünen Klee zu loben, erwarte ich dann doch mehr. Das Handlungsgerüst ist bestenfalls funktional, etwas mehr Handlung, ein Faden mehr Tiefgang, etwas mehr sozialer Kontext und ein Fingerhut voll Diplomatie, dafür dann etwas weniger Geballer, das wäre mir lieber gewesen gewesen. Und ja, da bin ich einer dieser verkrusteten Treksäcke für die der Film gar nicht gedacht ist. (Darum finden sich in ihm ja auch all die Insider-Witze, weil er nicht für die alten Trek-Seher gedacht ist) und da lasse ich mir auch gerne Ewiggestrigkeit vorwerfen und schraube mir eine Augenklappe an den Schädel.

Hey, ich sage ja gar nicht dass man einen quälend langweiligen Film wie Star Trek: The Motion Picture drehen soll, aber ein oder zwei zusätzliche Atempausen zwischen den Actionszenen und das Gefühl, dass die Actionszenen der Handlung dienen und nicht umgekehrt, das würde mir für den nächsten Film schon ausreichen. Denn abgesehen davon habe ich an Star Trek wenig auszusetzen: Das Design ist toll, das Casting gefällt, den Geist der Serie hat man eingfangen. Mit diesen Figuren hätte ich auch gegen eine neue Voyage Home nichts. Wobei vermutlich erstmal die Klingonen oder der neue Khaaaaaan im nächsten Film genutzt werden. Was für mich beides völlig in Ordnung geht.

Wenn Star Trek also auch nicht der beste Trek-Film sein mag, er findet sich definitiv in meiner Top Five wieder. Dass er sein volles Potential noch nicht ausschöpft? Kann ich tolerieren, einfach weil der Film gleichzeitig andeutet wieviel Potential vorhanden ist. Und zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt habe ich wieder richtiges Interesse an Trek entwickelt und bin wirklich gespannt darauf, wie es mit dem Reboot weitergehen wird. Der Film mag als Film an sich nicht völlig gelungen sein, die Operation Frischzellenkur allerdings darf als voller Erfolg gewertet werden. Und das ist doch auch schon was.

3/5

(Und nun mag das Flaming in der Kommentarsektion beginnen.)

Rezi-Roundup: Boat, Love You, Crank 2

Wednesday, May 6th, 2009

The Boat that Rocked (Radio Rock Revolution)

Filmplakat

Manchmal verstehe ich die Welt nicht. Wie kommt es, dass The Boat that Rocked derart in der Presse verrissen wurde? Ich meine 54% beim Tomatenmeter? Autsch. Der Film muss ja saugen wie Dracula in der Blutbank, oder nicht?

Oder?

Nicht!

Ich gebe ja zu, dass viele der Kritikpunkte stimmen. Könnte der Film eine gute Dreiviertelstunde kürzer sein? Ja. (Schockierend, wenn man bedenkt, dass angeblich schon eine Stunde Zelluloid auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist. Gut, Richard Curtis scheint generell nicht fähig zu sein, eine Komödie von unter zwei Stunden Laufzeit zu drehen.) Aber trotz seiner Länge hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass der Film langweilig war. Um ehrlich zu sein: Ich habe mich sogar jedes Mal ein wenig gefreut, als der Film nach einer Stelle weiterging, die auch als Endpunkt hätte genutzt werden können. Einfach weil ich soviel Spaß an ihm hatte.

Anderer Kritikpunkt: Fühlt sich der ganze Film weniger wie ein durchlaufender Handlungsstrang und eher wie eine Ansammlung einzelner Episoden und Anekdoten an, die mal hier, mal da, mal überall sind? Ja. Das ist vielleicht ein Überbleibsel aus Richard Curtis Fernsehzeiten. (Ihm verdanken wir die grandiose Serie Blackadder, die Pflichtprogramm für alle Freunde gepflegter, tiefschwarzer Comedy sein sollte.) Und, ganz ehrlich, als typisch sechsteilige BBC-Fernsehcomedy hätte The Boat That Rocked vermutlich auch funktioniert. (Und wäre insgesamt auch nicht viel länger geworden). Aber das Episodenhafte schadet insofern nicht, als keine der Episoden sich belanglos oder aufgepropft anfühlt.

Überhaupt nicht verstehen kann ich derweil die Kritik daran, dass der Film die wahre Geschichte und Funktionsweise der Piratensender pervertiere. Um, ja? Und? Sind Blackadder II oder Blackadder the Third realistische Darstellungen historischer Fakten? Gibt Father Ted einen realistischen Einblick in das Leben katholischer Pfarrer? Zeigt UHF die Realitäten der Fernsehmacher oder Airplane! die Realitäten moderner Fluglotsen? Oder stellt Spinal Tap realistisch dar, wie oberflächlich und erbärmlich viele Metal-Kapellen der Achtziger waren? … Okay, schlechtes Beispiel. Der Punkt ist: The Boat that Rocked ist so sehr “over the top”, dass es keine Geschichtsstunde sein will, sondern einfach zwei Stunden gelungene Unterhaltung.

Und genau das ist der Film dann auch: Gelungene Unterhaltung. Ich würde sogar behaupten, dass das hier eine der angenehmsten Komödien war, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Vielleicht weil The Boat that Rocked in vielerlei Hinsicht eine sehr altmodische Komödie ist: Eine Komödie die weitgehend ohne Körperfunktionswitze auskommt, die keine Brech- und Kot-Orgie abfeiern muss, eine Komödie die nicht nur darauf baut, dass man sich als Zuschauer den ganzen Film hindurch für die Hauptfigur (die, zugegeben, eher farblos ist) fremdschämt. Das hier ist keine Comedy of Degradation. Und auch keine Komödie in der die Hauptfiguren so unsympathisch sind, das man sich schämen würde mit ihnen auf dem gleichen Kontinent zu leben. (Ist natürlich ein schlechtes Bild, da es hier um ein Schiff geht.)

Stattdessen durfte ich zwei Stunden lang eine Reihe schrulliger, aber liebenswerter Figuren begleiten und Zeuge der “best times of our lives” werden, wie es eine der Figuren ausdrückt. Und, ja, aufgrund der hohen Figurendichte bekommt keiner der Protagonisten wirklich Tiefe. Müssen sie aber auch nicht, denn was ihnen an Dreidimensionalität ermangelt, das machen sie durch bloßen Charme wieder weg.

Charme den man auch daran merkt, dass die Cast von Anfang bis Ende in größter Spiellaune ist. Und von was für einer Cast wir hier sprechen: Kenneth Branagh, Philip Seymour Hoffman, Bill Nighy, Emma Thompson, Nick Frost, Chris O’Dowd… Whoa! Und jeder von denen hat Spaß an seiner Rolle, was dem Film deutlich gut tut. Der höchstgradig wandlungsfähige Mr. Hoffman ist in den letzten Jahren ohnehin einer meiner Lieblingsdarsteller geworden, eine Position die er mit seiner Rolle als Star-DJ “The Count” nur noch gefestigt hat. Nick Frost stellt unter Beweis, dass er nicht Simon Pegg braucht um zu unterhalten und Bill Nighy schafft es gleichzeitig sechzigerjahregroovig und britisch-verstockt rüberzukommen.

Mein persönliches Highlight ist allerdings Kenneth Branagh als stocksteifer, aschgrauer, erzkonservativer Minister mit dem herrlichst gerollten “R” diesseits des Rrrrrrio Grrrrrrande. Ja, die Rolle ist ein absolut zweidimensionales Klischee. Ja, Branagh ist hier der schnurrbartzwirbelnde Klischeeschurke, der gegen die Piratensender ist, nur weil er Spaß (und Farbe) hasst. Aber, Herrgott nocheins, er geht dabei doch derart in seiner Rolle auf, dass es trotzdem eine wahre Freude ist, ihm zuzusehen. Und, ganz ehrlich, der folgende Satz mag ein Politstrohmann sein, ich kann mir aber trotzdem vorstellen, dass er aus dem Munde gewisser, netzbekannter Minister kommen würde: “You see, that’s the whole point of being the government. If you don’t like something, you simply make up a new law and close it down.”

Und selbst die unwichtigen Nebenfiguren sind irgendwie charmant. Wie kann man den leicht verklemmten Nachrichten- und Wettermann nicht mögen, der – nachdem der Count betonte, dass er für die Musik lebt – von sich selbst sagt: “Und ich lebe für die Nachrichten und den Wetterbericht… in erster Linie für den Wetterbericht.”

Die vielleicht schönste Szene des Films (drei Männer, drei Biscuits, eine Tasse Tee und ein gebrochenes Herz) findet unter drei Nebendarstellern statt (ich habe mich entschieden: die eigentliche Hauptfigur des Filmes verkommt dank der farbenprächtigen übrigen Besatzung auch zum Nebendarsteller). Und hätte uns nicht Hellboy II einen betrunkenen Dämon und einen betrunkenen Fischmenschen beim Singen präsentiert, das hier wäre vielleicht die schönste Liebeskummerszene der näheren Vergangenheit gewesen. So ist es auf jeden Fall die englischste Liebeskummerszene der näheren Vergangenheit.

Trotz all seiner handwerklichen Schwächen kann ich The Boat that Rocked einfach nicht absprechen, dass der Streifen sein Herz exakt am richtigen Fleck hat. Der Film ist charmant und liebenswert, wirklich lustig (wenn auch nicht brüllend komisch) und angefüllt mit toller Musik und tollen Schauspielern, die soviel Spaß an der Sache transportieren, dass davon einfach etwas beim Publikum hängen bleibt. Ich würde mich sofort wieder auf eine Kreuzfahrt auf diesem Kahn einlassen.


I Love You, Man (Trauzeuge gesucht)

Okay, kein Review, sondern einmal mehr ein Sneak Non Review. Bezüglich der moralisch-ethischen Fragen ob man etwas kritisieren darf, das man nur zum Bruchteil gesehen hat, verweise ich a.) auf die letzte Non Review und b.) auf das Tausendjährige Reich, von dem wir auch nur 12 Jahre gesehen haben (gerade mal 1,2%) und das ich trotzdem von Grund auf ablehne und bei dem ja auch keiner auf die Idee käme sowas zu sagen wie: “Naja, vielleicht wird’s im letzten Drittel ja nochmal richtig gut.”

Nachdem wir jetzt alle unseren kollektiven Hut vor Godwin gezogen haben, kommen wir zu I Love You, Man einer Romanze… pardon… “Bromanze”. Ein Film der für die Frauen einen Hochzeitsplot hat und für die Männer eine männliche Runde männlicher Männerbindungsrituale für Männer, die zeigen dass Männer ganz dick mit anderen Männern sein können, ohne dass das ganze automatisch homoerotisch anmuten muss. (Denn Begriff “Bromanze” brauchen wir, weil es sowas früher ja nicht gab… gell Rick Blaine, Louis Renault?) Huzzah.

Peter Klaven ist ein weibischer Kerl (bringt seiner Freundin und ihrer Frauenrunde Schokodrinks… das Hausmütterchen) ohne echte Männerfreunde und muss nun schnell vor seiner Hochzeit welche finden, weil seine Zukünftige schon jetzt befürchtet, dass er sonst eine weinerliche Klette wird und weil er ja einen Trauzeugen braucht. Warum das nicht sein machohafter, obschon homosexueller Bruder sein kann? Um… weil der Film sonst nach zehn Minuten vorbei wäre. Nicht dass ich da was gegen hätte. In den fünfzehn Minuten die ich gesehen habe, wird von den weiblichen Figuren etwas offen über Sex gesprochen, um zu zeigen, dass das hier ein Film für die Sex-and-the-City-Generation ist und es wird bei einem Pokerspiel so richtig Wertungskotzen betrieben, nur um zu zeigen dass auch echt männliche Männer diesen Film gucken dürfen, ohne Angst zu haben, dass das ihrer Männlichkeit einen Abbruch tut.

Mehr habe ich dann aber auch nicht gesehen. Die Szene in der sich Peter bei einem Fußballspiel wiederfindet – dem männlichen Amerikaner auch als weibischste aller Sportarten bekannt, nutzt man doch hier keine Hände wie in einem echten Männersport (siehe dazu auch: Pepe, Real Madrids bekannter Wattebäuschchenwerfer) – war auch der Strohhalm, der des Kamels Rückgrat brach. Länger hätte ich dieses Maskulinitätsgebrunfte nicht ausgehalten, das den Kuchen gleichzeitig essen und behalten will: Einerseits scheint man wirklich nicht die volle Homophobie-Breitseite auspacken zu wollen, andererseits entsteht die Komik rund um Peters “Unmännlichkeit” nur dadurch, dass der Film eben doch wieder mit den alten Klischeevorstellungen arbeitet, wie ein “echter Mann” zu sein hat.


Crank 2: High Voltage

Filmplakat

Sprach’s, nur um dann in Crank 2 zu gehen, einen Film bei dem schon vor der ersten Einstellung klar war, dass er bis zum äußersten diese Männlichkeitsklischees bedienen würde, die mich aus I Love You, Man trieben. Denn da wo letztgenannter Film anscheinend zumindest unterbewusst mit den homophoben Erwartungen des Publikums rechnet, da geht Crank 2 in die Vollen und ist einfach offensiv homophob: Der klischeetuckige Venus ist in diesem Streifen nur die Spitze des Eisbergs.

Dann wiederum: Crank 2 dafür auszusondern wäre gemein, versucht der Film doch mit aller Gewalt jeden anzupissen und zwar so offensiv wie möglich. Wäre dieser Streifen eine Person, er wäre einer der Teenager die angetrunken am Kino rumhängen und dann jedem der vorbeigeht eine Beleidigung an den Kopf werfen und Prügel androhen. Die Gangster die Jason Statham als Chev Chelios hier tötet sind in erster Linie ethnische Minderheiten (Schwarze, Mexikaner, Asiaten) und werden im Verlauf des Films auch zur Genüge mit rassistischen Epitethen bedacht. Frauen sind in Crank 2 entweder Huren, Schlampen, Miststücke oder all das zusammen. Ria (Bai Ling) ist die laufende Pointe eines Öltankers voller degradierender Witze und Eve (Amy Smart) ist mehr noch als in Teil eigentlich nicht viel mehr als sprechendes, ähm, “Fickfleisch”. Und Behinderung sind, laut Crank 2, in erster Linie komisch. Auch wenn sich die Produzenten dann doch nicht an eine echte Behinderung getraut haben, sondern das “Ganzkörper-Tourette” erfanden um darüber zu lachen.

Ja, das in Crank 2 transportierte Weltbild ist so reaktionär und gezielt politisch inkorrekt, dass selbst Frank Miller sich, aus diesem Film kommend, als linksgrüne Gutmenschen-Sissie fühlen dürfte. Und wer jetzt einwirft: “Moooment, du königlicher Nasengullie! War das im ersten Crank nicht auch schon so? Und hast du den nicht gemocht?”, der hat zwar irgendwie recht, aber eben nicht ganz. Aber dazu gleich.

Trotzdem: Danke, unbekannter und fiktiver Leser, dass du hier Crank 1 erwähnt hast. Denn das größte Problem von Crank 2 war: Es gab den Film halt schon einmal. Und der erste Film wirkte deshalb so effektiv und machte deshalb soviel Spaß, weil es ein derart überdrehtes, gewalttätiges und gekonnt geschmackloses Spektakel schon lange nicht mehr gegeben hatte. Da saß ich öfter vor dem Bildschirm und dachte mir: “Das können die jetzt nicht ernsthaft machen, oder?” Nur: Jetzt wissen wir ja, dass die sowas sehr wohl machen können und damit geht zumindest dieser Aspekt für Crank 2 flöten.

Und da keiner der Macher von Crank 2 eine Ahnung hatte, wie man damit umgehen sollte, hat man einfach in den Austin-Powers-Modus geschaltet und, mit leicht veränderten Hintergrundlandschaften, den ersten Streifen nochmal gedreht. Fast alle Szenen die man im ersten Film “oh-la-la” fand, lassen sich auch hier wieder entdecken. Deutlichstes Beispiel dafür ist, dass wir wieder einen Open-Air-Akt zwischen Chev und Eve erleben. Gut, dass in Crank 2 fast kein kreativer Gedanke mehr steckt, ist den Machern selbst bewusst, weshalb sie einfach versuchen den Film noch krasser, noch dreckiger, noch hektischer und noch zynischer zu machen als es Part Eins schon war. Nur: Bei mir zündet das nicht so recht, einfach weil ich konstant das Gefühl hatte, den Film schonmal gesehen zu haben.

Und weil ich das Gefühl habe, dass man beim Versuch Crank rechts zu überholen einfach übers Ziel hinausschießt. Da wo Crank gezielt geschmacklos war, wird Crank 2 primitiv und derb. So wie das etwas seltsame Kind, dass es seinen Kumpels beweisen will und darum als Streich nicht einfach nur eine brennende Tüte mit Hundekot vor einer Haustür platziert, sondern gleich das ganze Haus abfackelt und die herauslaufenden Bewohner dann mit Hundekot bewirft. Too much! Too forced!

Aber auch auf rein filmischer Ebene hakt Crank 2: Einen wirklich dramatischen Bogen, wie noch im letzten Teil, gibt es nicht. Es gibt eine Reihe an Schießreien, die aber alle wegen der noch hektischeren Kamera und dem Schnittgewitter kaum Wirkung entfalten. Und irgendwann versammeln sich alle Figuren auf dem Anwesen des Endgegners (eigentlich lehne ich es ab, jeden Actionfilm heutzutage abwertend als “Videospiel” zu bezeichnen, hier passt es aber wie die Faust ins Gesicht) und dann kommt es zum finalen Kampf, der derart anti-klimatisch inszeniert ist, sich einfach nur wie ‘yet another action scene’ anfühlt, dass ich fest davon überzeugt war, dass das noch nicht das Ende des Films sein konnte. Tja. Falsch gedacht. War’s nämlich doch.

Nicht nur, dass die Action nicht so magengrubig ist wie noch im ersten Teil, der Film krankt auch – trotz seiner wirklich kurzen Laufzeit – daran dass er zuviel Leerlauf hat: Erwartet habe ich überkandidelte Actionszenen und immer wahnwitziger werdende Situationen in denen sich Jason Statham wiederfindet. Bekommen habe ich einen bunten Reigen total egaler Nebenplots, wie dem von Chevs Arzt, der versucht sein (also Chevs) Herz zu finden. Oder die vielen Szenen in denen Rai oder Venus nach Chev suchen und dabei nochmal zeigen, dass körperlich Behinderte und asiatische Cracknutten, die die Sprache nicht sprechen, per se witzig sind. Zumindest wenn man so jung ist, dass man den Film wegen dem FSK18-Rating eigentlich noch gar nicht sehen darf.

Hatte der erste Film noch die Eier konsequent und endgültig zu schließen (zumindest so “endgültig” wie etwas in Hollywood sein kann, siehe dazu die ersten paar Minuten von Crank 2), endet dieser Streifen mit dem ältesten “da-geht-noch-einiges”-Klischee der Welt. Fortsetzung vorprogrammiert. Aus der gelungenen, weil aus der Masse herausstechenden, Einzelleistung Crank ist ein Franchise geworden.

Einen dritten Teil braucht es wegen mir allerdings nicht. Zumindest nicht in dieser Form. Und ganz ehrlich: In dieser Form hätte es auch diesen Teil schon nicht mehr gebraucht. Ist Crank 2 ansehbar? Das auf jeden Fall. Ist er auch sehenswert? Leider nein.

(Und das spoilerlastige YouTube-Werbespiel zum Film ist komplett unspielbar. Sehe ich das richtig? Auf dem YouTube-Friedhof stehen, zumindest vom Prinzip her, die “interaktiven Filme” der Mittneunziger als Zombies wieder auf? Na danke, darauf hat die Welt ja mindestens so gewartet wie auf die Schweinegrippe…)

Retronaut: Lionheart – Legacy of the Crusader

Sunday, May 3rd, 2009

Publisher: Black Isle
Erscheinungsjahr: 2003

Und es begab sich zu jener Zeit, als ein Post in diesem Blog seltener war als eine sinnige Gesetzesvorlage zum Themenbereich Internet (uuuh, burn!… okay, nicht wirklich), dass sich der Autor dieser Zeilen zur lokalen Filiale des Medienverkaufsgroßkonglomerats seines Unvertrauens begab, in der Hoffnung ein Produkt zu finden, das die coolen Jugendlichen von heute wahrscheinlich als “daddelbar” bezeichnen würden. Und siehe: Als er sich an den geheiligten Grabbeltisch von Antiochia begab (denn er war der Meinung, dass 50 europäische Währungseinheiten für ein Spiel definitiv zu viel sind), da tat sein Herz einen kleinen Hüpfer, entdeckte er doch Lionheart: Legacy of the Crusader dort, für gerade einmal 99 Hundertstel einer europäischen Währungseinheit. Und obschon er nie von diesem Spiel gehört hatte, überzeugte ihn das Siegel “Black Isle Studios” auf der Kompaktscheibenverwahrungseinheit davon, dass er hier ein riesiges Schnäppchen machen würde. Und es geschah… ähm… okay, vielleicht sollte ich die paar verbliebenen Leser nicht mit diesem pseudoepochalen Bibel-Restpostendeutsch gleich wieder vergrätzen.

Anyway: Irgendwie war mir entgangen, dass Black Isle nach Baldur’s Gate II: The Throne of Baal noch ein weiteres RPG vor ihrem Kollaps produziert hatten. Was mich vielleicht schon hätte stutzig machen sollen. Statt zu stutzen, machte ich allerdings einen Fehler, den ich nach Deus Ex: Invisible War nicht mehr hätte begehen sollen: Ich brachte einer Spieleschmiede aufgrund vorheriger Spiele einen Vertrauensvorschuß entgegen und dachte mir: “What could possibly go wrong?

Die kurze Antwort? Alles. Die längere Antwort? Wirklich alles. Die ganz lange Antwort: Folgt jetzt.

Ich hätte vielleicht mal einen genaueren Blick auf die Hülle werfen sollen, denn neben dem “Black Isle”-Logo, das in mir warme und flauschige Gefühle aufkommen ließ, so als hätte ich eine Flasche Weichspüler auf ex gesoffen, prangte das Signet von “Reflexive Entertainment”, die mir bis dato nur durch das absolut mediokre Star Trek: Away Team bekannt waren. (Das war sowas wie Commandos im Trek-Universum, nur dass ich schnell feststellte, dass hier Taktik vollkommen überbewertet wurde und einfach alles zerphaserte, was sich mir in den Weg stellte… hey, was Captain Archer kann, das kann ich schon lange.) Und bei dem Namen hätte mir klar werden sollen, dass das warme Gefühl nichts anderes ist, als die chemische Verätzung meiner Speiseröhre, eben durch jenen Weichspüler. (Da sage noch einer, wir wären kein pädagogisch wertvolles Blog.)

Also: Lionheart war, wie mir zu spät klar wurde, nichts anderes als eine dieser DVDs, die gestaltet sind nach dem Motto: “[BERÜHMTER REGISSEUR] präsentiert: Film von [unbekannter Regisseur] den kein Schwein sehen will“. Wobei mir das Problem am Anfang des Spiels gar nicht bewusst wurde, denn Lionheart startet zumindest solide, so wie man das aus anderen RPGs der Black-Isle-Machart gewohnt ist. Gegen das Setting, beispielsweise, kann ich wirklich nichts sagen. Das besticht durch diese nette Melange aus Fakt und Fiktion, die mir ja durchaus charmant ist:

Das Spiel beginnt damit, dass es ein reales historisches Ereignis umdeutet. Am 16. August 1191 ließ König Richard I. von England (wohl erst nach dem Kreuzzug ‘Löwenherz’ genannt) rund 3.000 muslimische Gefangene exekutieren, die man bei der Eroberung Akkons im Dritten Kreuzzug gemacht hatte. In der Realität hatte das hatte primär eiskalt logistische Gründe (3.000 zusätzlich zu fütternde Münder, zudem die Unmöglichkeit mit diesem Tross an Gefangenen weiter Richtung Jerusalem zu ziehen). Im Rahmen des Spiels wird daraus ein Akt zu dem Richard (der im Intro älter dargestellt wird, als er es in der Realität je wurde) von einem bösen Berater™ angestiftet wurde [ein klassischer Topos: the king can do no wrong]. Mit diesem massiven Menschenopfer zerriss Richard das Gewebe des Universums und machte so ungewollt Magie und Monstern den Weg in unsere Welt frei. Saladin und Richard verbündeten sich danach gegen diesen Strom der Ungeheuer, aber der Geist war aus der Flasche, die Welt für immer verändert.

Und, ganz ehrlich, das ist ein ziemlich cooles Hintergrundsetting. Wobei Lionheart selbst rund 400 Jahre nach diesen Ereignissen spielt, in der Frühen Neuzeit, als Spanien und England um die Vorherrschaft in Europa rangen. Wobei Spanien das Zentrum von Inquisition und Papismus ist, während in England – oder dem Teil, der nicht den Fluten zum Opfer gefallen ist – eine Königin herrscht, die sich nicht nur wie Lisbett Eins zur Faerie Queene stilisieren ließ (schlag’s nach bei Spenser), sondern tatsächlich über den Seelie Court zu herrschen scheint. Ganz ehrlich: Ich stehe tierisch auf so ‘nen Shyze.

Und zu Beginn des Spiels wurden diese positiven Gefühle meinerseits tatsächlich gefüttert: Man beginnt als illegitimer Abkömmling des Richard Löwenherz, wird zunächst von Sklavenhaltern gefangen, kann aber mit der Hilfe eines Dämonen (man kann sich einen von drei Dämonen aussuchen, die dem Spieler andere Startvorraussetzungen geben und die sich auch charakterlich durchaus unterscheiden) und Leonardo da Vincis entkommen und macht bald darauf Barcelona unsicher. All das findet in klassischer Rollenspiel-Manier statt. Barcelona entspricht vom Aufbau, von dem was man hier tun kann, von den Quests und den Händlern, dem was man von Stätten wie Sigil, Athkatla oder dem Hub gewohnt ist.

Man läuft herum, betrachtet verschiedene Viertel, lernt aus Gesprächen etwas über den Ort selbst und seine Geschichte und löst an allen Ecken und Enden kleinere Quests, um erstmal zu lernen wie das Spiel so läuft und um sich langsam dem eigentlichen Plot anzunähern. So weit, so bekannt, aber eben auch: so bewährt. Wie heißt es so schön: Never change a running system. Und theoretisch sollte das auch schon richtig lustig sein, trifft man doch bereits hier alle paar Meter bedeutende Figuren der Weltgeschichte. Alleine in den ersten paar Stunden trifft man auf Leonardo da Vinci, Niccolo Machiavelli, Tomás de Torquemada, William Shakespeare, Miguel Cervantes und Hernán Cortés (oh, what a killer).

Das Problem: Zuviel des Guten. Dass man Figuren aus ganz verschiedenen Dekaden alle zusammen in dieses Barcelona packt, damit kann ich leben. Das tut meiner Suspension of Disbelief noch keinen Abbruch. Oi, ganz ehrlich: Wie analfixiert muss man sein um zu sagen ‘Ich kann ja akzeptieren, dass durch einen Riss im Gewebe des Universums grässlichste Monstren über die Erde herfallen… aber da Vinci und Galileo Galilei zur gleichen Zeit in Barcelona? Irgendwo hört’s doch auch mal auf. Niäh, niäh, niäh.’ Nein, das finde ich durchaus tolerabel. Schlimm ist nur, dass keiner dieser Charaktere in irgendeiner Form Charakter an die Tafel bringt. Ein oder zwei bekannte Figuren die wirklich ausgearbeitet wären, das wäre mir lieber als das Dutzend gesichtsloser Gastauftritte.

Leonardo da Vinci ist der geniale, aber verrückte Erfinder… und das war’s. Könnte auch Doc Brown sein. Shakespeare schuldet dem Juden Shylock jede Menge Kohle (der übrigens hier eine reale Person ist, und nicht erst – planescapesk – durch Shakespeares Werke entstand) und spricht nur in aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus seinen eigenen Werken. Mehr ist da charakterlich aber auch nicht drin. Will sagen: A long farewell to all thy greatness! (frei nach: Henry VIII., Akt 3, Szene 2.)

Und dann ist da Cortés, der Mann der mal eben aus reiner Gier das Atztekenreich ausgelöscht hat. Sitzt in einer Kneipe und bejammert, dass die fiesen Azteken mit ihren Monstern ihn einen Arm gekostet haben. Oh, hätte er nur einen kybernetischen Arm (oder wasserdampfigen, whatever), er könnte zurückkehren und es diesen verflixten Heiden zeigen. Klingt eigentlich cool: Cyborg-Cortés und seine Conquistadores gegen Monster des Moctezuma II.? Werft noch ein paar Gorillas in den Mix und ich würde den Comic kaufen. Im Spiel sieht es allerdings so aus, dass man Cortés seinen Arm beschafft, der sagt ‘Danke’ und verschwindet dann. Taucht nicht mehr auf. Das war’s. Super.

Noch schlechter ergeht es Miguel de Cervantes. Der Mann der uns mit dem Mann aus La Mancha den ersten Roman der Neuzeit brachte, ein Werk das bis heute die Kreativität großer Geister beflügelt, ist hier ein armer Irrer, der sich selbst für Don Quixote hält und in jedem Baum, jedem Strauch, jeder Vogeltränke und selbst in Maggie den Tod… äh… La Bestia sieht. Aus nichts anderem als aus ‘La Bestia! Aaaah! La Bestia!’ besteht sein Teil des Dialogs. Hat man “die Bestie” besiegt, sagt Cervantes ‘Danke’ und verschwindet dann. Tauch nicht mehr auf. Das war’s. Sup…um… irgendwie habe ich gerade ein Déjà Vu.

All das fühlt sich so an, als hätte man bei Reflexive erst das Spiel entworfen und dann überlegt: “Hey, wir haben hier einen Klischeecharakter der [Adjektiv] ist. Welche historische Persönlichkeit gilt auch als [Adjektiv]? Gut. Nennen wir die Figur so.”

Und weil das vielleicht doch etwas dünn ist, werden historische oder pseudo-historische Fakten eingestreut. Etwa bei Niccolo Machiavelli, der unserer Spielfigur gleich beim ersten Zusammentreffen erzählt, dass er sich gerade einen guten Namen beim spanischen Herrscher machen will, auf dass er bald mächtig genug sein wird, die italienischen Staaten aus der Fremdherrschaft der Barbaren zu befreien. Hey, ich weiß ja, dass das auch Machiavellis Traum in der Realität war und er deshalb beispielsweise großer Fan eines Cesare Borgia war… aber würde er das irgendeinem dahergelaufenen Level-1-Charakter einfach so unter die Nase reiben? Ohne Grund? Ohne Motivation? Einfach nur um zu betonen: “Hallo, ich bin eine wichtige historische Person? Ist es nicht cool mich hier zu treffen? Oh, mein fünfminütiger Cameo als unwichtige Nebenfigur ist schon vorbei. Tschüß. Auf nimmer Wiedersehen. Und denkt dran, Kinder: Sagt ‘Nein’ zu Drogen.”

Man muss schon etwas ziemlich derbe verbocken, um die Figuren des Cyborg-Cortés und der Zombie-J’ean-d’Arc zu vergessenswerten Wegwerfcharakteren verkommen zu lassen. Herrje, was hätte ein fähiger Autor mit derart postmodernem Quellenmaterial für einen gar spaßigen Schabernack treiben können. Zombie-J’ean-d’Arc, Himmelherrgottsakkram!

Übrigens, sobald man eine dieser Figuren als NPC mit in seine Party aufnimmt, verschwindet selbst der letzte verbliebene Zug der Individualität. Die NPCs dackeln dann lustlos der Spielfigur hinterher. Sowas wie Interaktion mit diesen Figuren? Vergesst es. Man kann sich nicht mit ihnen unterhalten (über ein: “Warte hier!” oder “Folge mir!” hinaus), sie kommentieren nichts was sie sehen und sie unterhalten sich auch nicht untereinander. Auch hier tut es mir in der Seele weh, wenn ich sehe wieviel Potential hinter die Hütte geführt und da wie ein tollwütiger Hund abgeknallt wird. Hey, wer möchte schon hören wie ein Cervantes bestimmte Monster beschreiben würde oder welche fiesbackigen Strategeme ein Machiavelli (zugegeben, der gehört nie der Party an… nicht dass das einen Unterschied machen würde) in bestimmten Situationen der Party empfehlen würde. Und sei es nur, dass die Figuren sich zumindest untereinander ein wenig austauschen.

Durch die konstanten Sticheleien gegeneinander sind mir Annah, Morte und Fall-from-Grace am Ende von Planescape so ans Herz gewachsen, dass ich nicht wollte, dass ihnen etwas Schlimmes geschieht. Die NPCs in Lionheart sind hingegen seelenloses Kanonenfutter, bei denen es mir scheißegal ist, wenn sie verrecken (und das obwohl ich sie, anders als die NPCs in Planescape, nicht wiederbeleben kann). Der Bär, der hier sowas wie der Dogmeat-Ersatz sein soll, hat zumindest eine verdammt gute Ausrede dafür, dass er keinen Ton von sich gibt. Wie steht’s mit dir, Ernesto?

Achja, verrecken. Das tun die NPCs in meiner Party oft und gerne. Zum einen, weil ich ihnen keine Befehle erteilen kann (sowas wie ‘halt dich zurück’ oder ‘nutz Fernwaffen, gott in himmel, nutz Fernwaffen!’… so ‘ne Party ist halt keine basisdemokratische Veranstaltung), weil ich ihre Ausrüstung nicht verändern kann und weil sie keine Stufenaufstiege mitmachen können. Das wird noch besser dadurch, dass die Figuren meist schon heillos überfordert sind, wenn sie sich der Party anschließen. Von späteren Etappen des Spiels ganz zu schweigen.

Überforderung ist ein gutes Stichwort: Denn die erlebt auch der Spieler ab einem bestimmte Zeitpunkt. Wie gesagt, Barcelona bietet ein solides Rollenspiel-Gefühl, wie man es aus Baldur’s Gate II, Fallout oder Planescape kennt. Zwar nicht herausragend und mit sehr schwach definiterten Figuren bevölkert, aber – hey – das vermochte ich dem Spiel nach jahrelanger Black-Isle-Diät nachzusehen. Nur: Dieser Teil leitet den Spieler in die Irre. Denn hier kann man so manches Quest über Dialoge lösen oder dadurch, dass man Skills aufbaut, die nicht dem Kampfe dienen. Sowas wie Diplomatie. Das rächt sich, sobald man aus Barcelona raus ist, allerspätetestens aber wenn man das kleine Pyrenäen-Dorf, die nächste “größere” Location nach Barcelona, hinter sich gelassen hat. (Schweigen wir mal darüber, dass man hier das Pferd von hinten aufzäumt und dem Spieler erst die facettenreiche Großstadt zeigt um ihn dann den Rest des Spiels durch von Schlickstechern besiedeltes Brachland zu führen.)

Denn dann merkt man, dass man vom Spiel ganz derbe angeschissen wird, sollte man so dumm gewesen sein einen Charakter zu basteln der nicht auf bloßen conan-haften Nahkampf ausgerichtet ist. Ungefähr fünfzehn Minuten später merken dann jene Spieler die klugerweise von vornherein einen reinen Nahkampf-Barbaren gebastelt haben, dass sie ebenfalls vom Spiel ins Knie geschlechtsverkehrt werden. Und damit haben wir den Kommunismus.

Denn nach dem Pyrenäenkaff entschließt sich das Spiel, dass es ab jetzt kein RPG mehr ist, sondern ein Hack-&-Slash wie Diablo. Freude. Für den Spieler ist das ungefähr so wie der Moment, als die Passagiere merkten, dass die Hindenburg sich entschlossen hat, kein Luftschiff mehr zu sein, sondern ein großer Feuerball. (Die Hindenburg-Katastrophe liegt hoffentlich weit genug in der Vergangenheit um nicht too soon zu sein.) Zuerst merken die Rollenspieler, dass jeder Punkt der nicht in Kampfwerte gesteckt wurde, vergeudet war. Denn sie merken, dass das Spiel inzwischen unspielbar schwer ist. Und, wie gesagt, kurz danach merken alle anderen Spieler, dass all die in Kampfwerte investierten Punkte auch nicht gereicht haben. Das Spiel wird nach einigen Stunden Spielzeit eine bockschwere Strafarbeit, die selbst Masochisten dazu bringt um Gnade zu winseln.

Das beginnt damit, dass man den Gegnerhorden nach hinten raus gar nicht mehr Herr werden kann. Egal wo man ist, dutzende Monster stürmen gleichzeitig auf die Spielfigur ein und das in einem Tempo, das planvolles Vorgehen unmöglich macht. Hier werden erstmal die Spieler in die Kniekehle getreten, die auf Fernwaffen oder Magie setzen, denn im Pause-Modus ist es nicht möglich, bestimmte Gegner als Ziele auszuwählen. Nur: Jenseits des Pausemodus bewegt sich das Geziefer so schnell, dass man unwillkürlich ins Leere klickt. Resultat: Die Monster stehen direkt vor der Spielfigur und befördern sie in die Ewigen Datenjagdgründe. Der Nahkampfkampfkoloss kann hier zumindest noch blindwütig auf die Gegner rund um die Spielfigur herum klicken.

Bringt aber auch nichts, weil er meist auf allen Seiten von Feinden umlagert ist und oft schon halb tot, noch ehe die erste Schwertstreich-Animationsphase vorbei ist. Ich habe hier “gecheatet” und die Waffen die ich nutzte direkt auf eine Schnellzugriffstaste gelegt, so konnte ich mir die endlose Aushol-Animation ersparen indem ich gleich nach dem Schlag die Waffe wieder anwählte… und selbst ich war trotzdem heillos überfordert und starb, trotz sehnenscheidenverachtender Klickorgien, tausend Tode.

Resultat: Selbst mit einem Arschtreter-Charakter bleibt einem nur eine Spielweise. Sich Pixel für Pixel an eine Monsterhorde heranwagen, hoffen dass nur ein Monster uns wahr nimmt, dieses von der restlichen Horde weglocken und dann erledigen. Rinse and repeat. Sollte man einen Pixel zu weit gegangen sein und gleich dutzende Monster auf den Spieler zustürzen: Hey, wozu hat Gott die Quickload-Taste geschaffen? Klar, Spielspaß ist anders, aber darum geht es zu dem Zeitpunkt dann auch schon gar nicht mehr.

Oh… und ich habe noch einen wichtigen Zwischenschritt vergessen: Heilen! Heiltränke oder ähliches sind rar gesäht. Braucht es aber auch nicht, halo-haft heilt sich die Spielfigur mit der Zeit selbst. Nur: Man kann nicht mal eben lagern oder den Zeitraffer anstellen, um diese Heilung zu beschleunigen. Nach ein oder zwei geschlachteten Monstern bugsiert man darum seine Figur in eine ruhigen Ecke des Dungeons und schaut zu, wie sich die Lebensergie langsam regeneriert. Wem das zuviel Aufregung ist, der kann auch Farbe beim Trocknen zuschauen. Hat in etwa den selben Effekt. So kann man die Dauer seines Spiels natürlich auch künstlich strecken. Lionheart fühlt sich in jeder Minute in den Dungeons so an, als wäre es von jenen pickeligen Jugendlichen mit zuviel Zeit designt worden, die mir immer wieder vorwerfen, ich wäre nicht “hardcore” oder Gamer genug um schlechtes Design als Feature, statt als Bug zu sehen. Hey, du Rentner! Spiele sind kein Spaß, die sind seriöses Geschäft! Spielspaß ist für Mädchen und Casual Gamer! Einself!

In Halbzeit 2 von Lionheart stirbt man also in einer halben Stunde häufiger als Kenny in den ersten paar Jahren von South Park zusammen und arbeitet sich langsamer und methodischer durch die Dungeons, als es Monk beim Nordic Walking tun würde. Immerhin ist man jetzt schon heillos unterpowert, wie soll das erst werden wenn man nicht jedes Monster tötet und so die lebensnotwendigen Stufenaufstiege verpasst? Besser kein Risiko eingehen. Und deshalb verbringt man Stunde um Stunde damit, sich langsam durch die eintönigen, langweiligen, schlecht designten Dungeons zu quälen, stattfindend in farbenfrohen Lokalitäten wie Höhlen, Gebirgspässen, Höhlen, Kerkern, Höhlen, Festungen, Höhlen, Festungen, Höhlen, Wüsten, Höhlen, Höhlen, Höhlen, Festungen, Höhlen und mehr Höhlen. Hey, Dungeon Master hat angerufen und will sein Leveldesign zurück! Hätte man mir nicht sagen können, dass das hier ein Dungeon Crawl ist, ehe ich ein Dutzend Stunden meines Lebens in dem Glauben verpulvert habe, hier ein Rollenspiel vor mir zu haben?

Soweit ich das sehen kann, kehrt Lionheart auch nie wieder zum Rollenspiel des Beginns zurück, sondern häuft Dungeon auf Dungeon, was psychologisch noch demotivierender wird, wenn man gerade einen Dungeon in stundenlanger Kleinstarbeit gemeistert hat, nur um festzustellen, dass der Dungeon noch aus zwei oder drei weiteren weitläufigen Karten besteht, die grafisch exakt identisch aussehen und nur mit zu tötendem Getier angefüllt sind, ohne die Chance auf sowas wie Interaktion durch Dialoge. Und dass man wirklich durch die Dungeons kriecht, dafür sorgt Reflexive Entertainment dadurch, dass man nicht etwa in einer bereits geräumten Karte auf einen Ort am Kartenbeginn klicken kann und die Spielfigur dann automatisch dorthin läuft. Mehr als ein paar dutzend Pixel vor den Charakter kann man nämlich nicht klicken, es kann also sein, dass man für das Durchlaufen eines bereits durchspielten Dungeons nochmal ein paar hundert Klicks aufwenden darf. Eine funktionsfähige Pathfinding-Routine zu erwarten, das wäre wahrscheinlich auch zuviel des Guten gewesen. Fun times, all around.

Gut, es gibt zumindest für die Überlandkarten noch Portale, so dass man nicht jeden Screen einzeln durchlaufen muss. Nur: Ob man die nutzen will überlegt man sich auch zwei oder drei Mal. Kann nämlich sein, dass man nicht am Ziel landet, sondern in der Kerkerdimension (oder sowas ähnlichem)… schlimmstenfalls in einer Kerkerdimension mit total überzüchteten Monstern, für die man noch nicht gewappnet ist. Bleiben zwei Möglichkeiten: Ignorieren der Portale oder Save Scumming. Unbefriedigend ist beides, also kann man auch gleich savescummen.

Aus einem richtig guten Setting und einer interessanten Grundidee hat Reflexive Entertainment ein Spiel geschnitzt, das im Rollenspiel-Teil primär durch ein oberflächliches Skript und NPCs mit der Tiefe von Pappkameraden glänzt und das dann ab der Spielmitte seinen Rollenspielanspruch aufgibt, zugunsten eines viel zu schweren Monsterschlachtsimulators, der nur dann weniger spielerfreundlich sein könnte, wenn er des Nachts in die Wohnungen der Spieler einstiege, um ihnen mit einer Brechstange das Rückgrat zu zertrümmern.

Irgendwo (ich kann nicht einmal sagen wo genau, so eintönig sind die späteren Level… ich glaube irgendwo nach der Gruft des Merowinger-Königs Chlodwig I.) hatte ich dann die Schnauze voll und kickte das Spiel von meiner Festplatte. Feststellend, dass Black Isle also nach Baldur’s Gate II doch kein Rollenspiel mehr veröffentlicht hat und mich von der Packung blenden ließ. Um mal Ice-T in dem Michael-Dudikoff-Filmklassiker Stealth Fighter zu zitieren: “Verdammt! Ein Jammer ist das!”

Wenn trotzdem jemand das Gefühl hat, sich an Lionheart versuchen zu müssen (z.B. weil er ein Black-Isle-Komplettist ist, schlechte Spiele liebt oder erst glaubt, dass die Herdplatte heiß ist, wenn er den eigenen Kopf draufgelegt hat), dann sei hier zumindest ein Tipp gegeben: Spielt Lionheart so wie ihr Planescape gespielt hättet, als Rollenspiel, nicht als Häckändsläsch. Ignoriert die leblosen NPCs und konzentriert euch auf die positiven Aspekte der hier geschaffenen Welt, etwa die im Handbuch präsentierte Zeitleiste und Hintergrundgeschichte.

Spielt das Spiel dann bis ihr das Kaff in den Pyrenäen verlasst und dann hört auf zu spielen! Schmeißt das Spiel an der Stelle unbesehen von der Festplatte und blickt nicht zurück. Greift euch stattdessen zwei, drei Kumpels, nehmt euch ein vernünftiges Spielsystem (GURPS, D20, YAGS) und spielt das Spiel von der Stelle an als Pen & Paper RPG weiter. Zum einen habt ihr euch dann die frustrierendsten Parts des Spiels erspart, zum anderen könnte aus Lionheart in der Form dann doch noch das gute, interessante und spaßige Rollenspiel werden, das es bei dem Setting schon in digitaler Form hätte sein sollen…

1/5


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