Archive for December, 2007

Broder nun wieder

Monday, December 31st, 2007

Henryk Milhouse Broder (nicht zu verwechseln mit Henryk Martin Brodeur, der viel mehr Shut Outs verbuchen kann als der SPIEGEL-Kolumnist) ist jemand, den ich mal wirklich als Querdenker geschätzt habe. Seitdem “The Clash” allerdings nicht mehr mit einer grandiosen Punk-Reggae-Funk-Dub-Combo, sondern “of the Cultures” verbunden wird, hat sich Broder mehr und mehr zu einem klassischen Troll gewandelt, der mit der Keule ebenso umgehen kann, wie mit dem Florett… sofern vorne am Florett eine Keule befestigt ist.

Und offensichtlich versucht Broder gar nicht mehr zu diskutieren, sondern copypastiert sich fröhlich selbst. Schnell die beliebtesten Evergreens aus dem Setzkasten geholt (Klimapaniker, europäische Appeaseniks, das iranische Atomprogramm) und nur noch hie und da einen tagesaktuellen Bezug eingefügt, fertig ist die Glosse. Zumindest bekomme ich den Eindruck, wenn ich mir diesen Text so ansehe. Will sagen (im besten Colonel-Klink-Tonfall): “Brooooooooooooder!”

Der Text heißt bezeichnenderweise “Selbstmord aus Angst vor dem Tode”. Was ein Aussagesatz ist (gerne auch mit der Variation “Ableben” statt “Tode”), den Broder oft und gerne benutzt, wenn es um das Thema “der Westen und der Islamismus” geht. Das ist Broders Version von Pofallas Bonmot “Erst grübeln, dann dübeln.” Aufhänger heute: Die Ermordung von Benazir Bhutto in Pakistan. Gleich im ersten Absatz stellt Broder die harten Fragen, die den Rest der Welt bewegen.

Wie konnte es nur soweit kommen? Wusste Frau Bhutto nicht, welche Gefahr ihr drohte? Warum wurde sie nicht besser geschützt?

Zumindest Frage 2 dürfte sich der durschnittliche Zeitungsleser nur sehr bedingt stellen. Entging Frau Bhutto doch erst im Oktober 2007 einem Anschlag der 130 Menschen das Leben kostete. Was vielleicht schon darauf hindeutete, dass die Sicherheitsarchitektur in Pakistan bestenfalls als marode bezeichnet werden dürfte. Und das Frau Bhutto, sofern sie nicht der Maxime “Lightning never strikes twice” folgte, geahnt haben wird, in welcher Gefahr sie schwebte. Aber darum geht es bei den Fragen ja auch gar nicht. Hier steckt Broder einen Claim ab: Andere stellen depperte Fragen, er gibt die harten Fakten. Denn Henryk Marius Müller Westernhagen und ich haben quasi den selben Job: Wir sind Doktoren für Alles.

Dass die islamischen Fundamentalisten, die nicht nur Frau Bhutto ermordet, sondern auch Tausende ihrer Landsleute vom Leben zum Tode befördert haben, nur noch eine Armlänge von der Verfügungsgewalt über Atomwaffen entfernt sind, bereitet den Kommentatoren nur leichte Kopfschmerzen.

Die islamischen Fundamentalisten waren davon auch schon vor dem Attentat nur eine Armlänge entfernt. Etwa nach der ersten Anschlagsserie. Oder dadurch, dass der pakistanische Geheimdienst radikal-islamisch durchsetzt ist und seit Jahrzehnten in Pakistan eine Rolle spielt, die im krisengeschüttelten Rom den Praetorianern zukam: Sie haben die Macht Präsidenten zu schützen oder zu stürzen. Und dann ist da der Umstand, dass – auch ohne die Islamisten – zwei Atomstaaten seit Jahren um einen Wollpulli streiten. Einer der Gründe, warum Anfang des Jahres die Doomsday Clock zwei Minuten nach vorne bewegt wurde, was für sich genommen schon genug Grund für Magenbeschwerden ist. Auch ohne Islamisten am Drücker. Das sind Fakten, die nicht neu sind. Die Frage ist, was Broder jetzt gerade von uns erwartet? Panik?

Denn wenn Indien die A-Bombe hat, dann kann man es den Pakistanern nicht übelnehmen, dass sie mit dem großen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe kommunizieren wollen.

Interessante Argumentation, dass “der Westen” sich dem iranischen Atomprogramm nicht in den Weg stellte, weil ja der große Nachbar auch die Bombe hat. Wobei das natürlich nicht so war, als habe der Westen demokratisch abgestimmt, ob Pakistan die Bombe haben sollte. Das pakistanische Atomprogramm existiert seit den späten 1970ern – der Zeit des Kalten Krieges, als andere Handlungsmaximen galten und die Gefahr des Islamismus irrelevant erschien, verglichen mit der Gefahr des Sowjetkommunismus – und wurde zunächst von westlichen Staaten gefördert. Auch aus Angst, dass man Pakistan an die UdSSR verlieren könnte. Ab 1980 wurde das pakistanische Atomwaffenprogramm dann von China gefördert und… naja, der Interessierte kann das alles im National Security Archive hier selbst nachlesen.

Es soll ja auch gar nicht über das iranische Atomwaffenprogramm gesprochen werden, sondern hier verwendet Broder ein stilistisches Mittel: Die “gleiche Augenhöhe”-Rhetorik kennt man derzeit aus den Debatten über Israel und das iranische Atomwaffenprogramm. Der indirekte Vergleich deutet Broders Agenda an: Es gilt ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, weil die Waffen dort ebenso den Islamisten in die Hände fallen könnten, wie in Pakistan. Sagt er nicht, aber ich unterstelle ihm mal, dass er genau das meint. Darüber kann man übrigens diskutieren, ich stimme auch zu, dass es gilt den Iran vom Erwerb der Bombe abzuhalten. Dieser Einschub hier dient nur dazu aufzuzeigen, dass man durchaus B meinen kann, auch wenn man scheinbar über A redet. Ein Leitmotiv, dass den Großteil dieser Glosse durchzieht.

Die Ermordung von Benazir Bhutto, schreibt Gabriel Schoenfeld im Commentary-Blog, sei nicht nur eine Tragödie, sondern auch “ein strategischer Alptraum für die USA und einen großen Teil der Welt”.

Hier mal ein kurzer Zählerstand. Erwähnungen der USA in diesem Text bisher: Eins. Und zwar nicht von Broder direkt, sondern in Form eines Zitates. Warum wir hier zählen, dazu später.

Freilich: der Alptraum hat nicht vor zwei Tagen angefangen. Die Europäer träumen ihn mit offenen Augen, als würden sie sich einen Horrorfilm im Kino ansehen, der nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Und während sie sich voller Lustangst auf das Ende der Welt durch den Anstieg der Weltmeere vorbereiten und derweil über den Anstieg der Benzinpreise aufregen, merken sie nicht, was für eine Tsunami-Welle auf sie zurollt.

Dezidierte Erwähnung der Europäer, die das Problem Pakistan ignoriert haben statt zu handeln – Herr B. wird sicher gleich noch erwähnen, was er von Europa genau erwartet. Bonuspunkt dafür, dass er eine Katastrophenhierachie einführt und nebenbei noch einen Schwinger gegen die Global-Warming-Community einbauen kann. Wohlgemerkt, nicht nur gegen diejenigen die glauben, dass die globale Erwärmung durch die Menschheit entsteht, sondern gegen alle die glauben das ein “Anstieg der Weltmeere” bevorstünde. Die Idee der Globalen Erwärmung an sich ist derweil allerdings in der wissenschaftlichen Gemeinschaft relativ unumstritten, auch wenn über die Ursachen scharf diskutiert wird. Das alles in einem lässigen Handstreich wegzuwischen ist schon gewagt.

Ähnlich gewagt wie die Aussage “voller Lustangst”. Man könnte betonen, dass es schon einen Eschatologie-Experten braucht um einen anderen zu erkennen. Und Henryk M.O.D.O.K. Broder ist da ja keinen Deut besser. Sein Problem ist schlicht, dass sich der Rest der Gesellschaft nicht seiner persönlichen “Lustangst auf das Ende der Welt” (der islamistische Werwolf-Terrorismus) hingibt, sondern die größere Bedrohung in einer anderen Ecke sieht. Das ist es, was ihn hier hauptäsächlich stört.

Dabei ist es müßig, darüber zu streiten, ob es sich um eine religiöse oder eine politische Bewegung handelt, ob die Religion “instrumentalisiert” oder die Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck benutzt wird.

Interessant, dass Broder es “müßig” findet darüber zu streiten ob die “Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck” benutzt wird. Denn gerade die Frage müsste man sich stellen, wollte man tatsächlich ernsthaft über die Situation in Pakistan sprechen und eben nicht die islamische Welt von der Türkei bis zu den Phillipinen als einen monolithischen Block sehen.

Und darüber wurde auch schon gestritten. Etwa über die Frage welche Rolle der pakistanische Geheimdienst während der Achtziger gespielt hat als es darum ging, die Mudjaheddin in Afghanistan gegen die Sowjets aufzurüsten. Und welche Rolle der pakistanische Geheimdienst nach dem Ende der UdSSR gespielt hat, als der Westen die gesamten Istan-Region ignorierte, während der ISI weiterhin die Taliban unterstützte und weiterhin gute Kontakte zu Gulbuddin Hekmatyar hielt (dem alten Saufkumpel von Peter Scholl-Latour), einem der fanatisch anti-westlichen Warlords und während der Neunziger immerhin zwei Mal Premierminister des Taliban-Afghanistans. Man stritt auch darüber, wie Musharraf an die Macht kam. Und wieso Pakistan, trotz des Putsches, plötzlich wieder ins Commonwealth aufgenommen wurde. Wieso eine Regierung plötzlich “unser Freund” war, die am Morgen des elften September noch als Unrechtsregime galt. Ich verweise mal auf Steve Colls sehr lesenswertes Buch Ghost Wars.

Und all das sind Fragen, die in den letzten sechs Jahren wiederholt gestellt wurden. Inklusive der Frage, wie man garantieren kann, dass Pakistan nicht in den totalen Islamismus abrutscht. (Und, nur damit man mir nicht hinterher vorwerfen kann, ich hätte die andere Katastrophe mit offenen Augen kommen sehen: Die gleiche Frage gilt für unsere anderen “guten Freunde” aus dem Hause Saud.) Aber um all das geht es Broder ja nicht. Das wären Details, die die Bündnistreue gefährden würde, die er hier einfordert. Und dann kommt das Highlight des Textes. Fettmarkiert von mir:

Es geht darum, die Welt das Fürchten zu lehren.

Und für einen Moment dachte ich, Broder spräche von seinen eigenen rhethorischen Mitteln. Denn genau darum geht es auch ihm, nur dass er dabei natürlich niemanden tötet. Aber “be afraid, be very afraid” scheint auch sein eigenes Credo zu sein. Das war es schon vor dem Irakkrieg so, und das ist derzeit in der Vorbereitung des Kriegs gegen das iranische Mullah-Regime genau so. Denn in diesem Pakistantext geht es ja bekanntlich nicht um Pakistan, zumindest nicht primär, es geht darum die SPIEGEL-Leser auf den Krieg gegen den Iran einzuschwören.

Und dazu benutzt Broder, als Glossierätiker darf er das, drastisches Vokabular: Chaos, Todessüchtig, Haus in Flammen, eine Armlänge von [...] Atomwaffen entfernt, die Gefahr eines globalen Krieges, Alptraum, Tsunami-Welle die auf [Europa] zurollt, die Verbindung von Barbarei und High-Tech, die Apokalypse, brutal, grausam, toddessüchtig, et cetera. All das sind durchaus Dinge, mit denen Broder nicht falsch liegt, aber es ist die stakkato-artige Aufzählung an Untergangsphantasien und Bedrohungslagen… ohne Antwort, ohne Gegenkonzept, ohne Hoffnung, die nicht dazu dient eine auf Fakten basierende Debatte zu eröffnen, sondern auf das Bauchgefühl abzielt. Denn: In Gefahr und schlimmster Not bringt der Mittelweg bekanntlich den Tod. Wir oder die. Alternativen gibt es nicht mehr, ja Alternativen sind naive Gutmenschlerei:

Und deswegen ist es auch egal, ob die Bundeswehr in Afghanistan den Amis zuarbeitet oder beim “zivilen Aufbau” des Landes hilft, ob sie die Stellungen der Taliban auskundschaftet oder die “Herzen der Menschen” erobert.

Zweite Erwähnung der USA, wir zählen mit. Wir sind jetzt in Afghanistan, also noch in der Nähe von, aber nicht mehr in Pakistan selbst. Kernthese: Deutsche müssen das Töten wieder lernen. Warnschüsse, statt Multi-Kulti-Gesäusel.

Sie bekommen mit, wie die Welt auf ihre Taten und Untaten reagiert und wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Der Anschlag von Madrid führte zu einem Abzug des spanischen Kontingents aus dem Irak, die Ermordung zweier koreanischer Geiseln bedeutete das Ende des koreanischen Engagements.

Inzwischen sind wir in Europa (erneut) und dem Irak, also ziemlich weit weg von Pakistan. Die Frage ob die Islamisten tatsächlich “am längeren Hebel” sitzen, darf man stellen. Der direkte Zusammenhang zwischen Madrid und dem Abzug des spanischen Kontingents ist allerdings verkürzt: Zugegeben, die Anschläge waren zeitlich so gelegt, dass sie die bevorstehenden Wahlen in Spanien beeinflussten.

Aber: Die Truppen schickte die Aznar-Regierung, beliebt war die Entscheidung bei der spanischen Bevölkerung noch nie. Auch nicht vor den Anschlägen. Nach den Anschlägen versuchte die Aznar-Regierung dann, die Bombenattentate der ETA anzulasten, nicht der al-Quaida. Um sich so noch einmal als starke Kraft gegen die baskischen Separatisten präsentieren zu können. Resultat dieser Politik: Die sozialistische PSOE unter Rodríguez Zapatero, die schon vorher damit geworben hatte, bei einem Wahlsieg die Truppen aus dem Irak abzuziehen, bekam die Mehrheit der Wählerstimmen und setzte ihr Wahlversprechen um.

Hat Broder also Recht, dass der Truppenabzug eine Antwort auf die Anschläge war? Ja. Verkürzt er den Vorgang dabei stark? Auch hier: Ja. Und das Fass Irakkrieg an sich, möchte ich an dieser Stelle gar nicht aufmachen, das würde zu weit führen.

Eine solche Schwäche würden sich die islamischen Fundamentalisten nie erlauben, schon gar nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung. In Algerien wurden im Laufe von zehn Jahren über 100.000 Moslems von islamischen Fundamentalisten ermordet. Warum? Wurde das Land von amerikanischen und britischen Truppen überfallen? Mussten sich algerische Freiheitskämpfer gegen eine Besatzung ihrer Heimat durch christliche Kreuzritter zur Wehr setzen?

Schwäche. Rückgratlosigkeit. Und fast schon ein neidvoller Blick auf den Islamismus. Man kann ja über den Islamismus sagen was man will, an Grundsätzen fehlt es nicht.

Von Pakistan geht die Reise derweil im Fliwatüt weiter. Jetzt an die westlichste Stelle Nordafrikas, knapp 15 Jahre in die Vergangenheit. Und wieder benutzt Henryk Malefiz Broder die Taktik der unzulässigen Verkürzung: Nein, Algerien wurde nicht von Briten, Amerikanern oder christlichen Kreuzrittern besetzt. Aber man kann eine Algerien-Debatte nicht in einem oder zwei Absätzen führen. Und schon gar nicht, ohne dabei zu erwähnen, dass Algerien seit 1830 französische Kolonie war und erst 1962, nach dem Algerienkrieg, die Unabhängigkeit gewann. Einem Krieg der 350.000 bis 1,5 Millionen Algerier (je nachdem welcher Seite man glauben möchte) das Leben kostete und der Auslöser einer gewissen Europafeindlichkeit des Landes gewesen sein dürfte.

Die “Front Islamique du Salut” hatte 1992 die Wahlen gewonnen, wurde aber daran gehindert, die Regierung zu übernehmen. Das reichte, um ein Blutbad nach dem anderen zu veranstalten und bei dieser Gelegenheit auch mit ein paar Minderheiten abzurechnen.

Und auch hier verkürzt Broder, eben um den Zusammenhang zwischen den Homegrown Terrorists in Madrid, der al-Quaida im Irak und der FIS herzustellen. Und ohne die FIS nun in irgendeiner Form verteidigen zu wollen – ganz bestimmt nicht! – hatte der FIS-Guerillakrieg einen politischen Auslöser und eben nicht nur blinden Hass auf den Westen.

Und was Broder auch vergisst zu erwähnen, ist das auf der anderen Seite nicht nur die FIS daran gehindert wurde die Regierung zu übernehmen, sondern das Militär diese Situation nutzte um die Macht im Staat an sich zu reißen. Oder dass sich die FIS schon bald aufsplitterte und die Massaker an Zivilisten primär von der Splitterfraktion GIA durchgeführt wurden, der die Politik der FIS nicht radikal-islamisch genug war. Auch hier hat Broder also nicht per se unrecht, er vereinfacht nur komplexe Zusammenhänge so weit, dass sie exakt in sein Raster passen.

Während die europäischen Intellektuellen sich darüber die Köpfe zerbrechen, wie man den Islamismus bekämpfen könne, ohne die moderaten Moslems in die Arme der Extremisten zu treiben, bestimmen die Fundamentalisten den Gang und das Tempo der Auseinandersetzung.

Ein weiterer Schwinger gegen Europa. Dieses Mal gegen die Intellektuellen, nicht gegen die Klimagläubigen. Wobei das wohl die selbe Gruppe sein dürfte. Interessant auch, dass Broder die Frage komplett wegwischt, ob nicht eventuell bestimmte “Lösungen” tatsächlich die Probleme auf lange Sicht verstärken könnten. (Siehe den Irakkrieg.) Immerhin haben kurzfristige Problemlösungen – egal ob es nun der Sturz Mossadeghs oder die Unterstützung der Mudjaheddin im Krieg gegen die Sowjets – oft langfristig mehr Ärger gebracht, als man damals absehen konnte.

Im Folgenden zählt Broder nochmal Teddybeargate, die Karikaturen und Salman Rushdie auf (und bevor mich da wieder jemand mit Gewalt missinterpretiert: all das ist aus westlicher Sicht nicht akzeptabel) und listet im Gegenzug Enthauptungen, die Steinigung von Homosexuellen und Ehebrecherinnen auf, die der Westen nicht zu kritisieren habe, weil das sonst von den Islamisten als “islamophob” gegeißelt würde. Inwiefern wir jetzt noch in Pakistan sind, sei mal dahingestellt. Aber um Pakistan geht es ja auch eigentlich gar nicht mehr:

Das atomare Programm Irans dient nur friedlichen Zwecken, in inzwischen 3000 Zentrifugen soll nicht Uran angereichert, sondern Softeis hergestellt werden

Womit wir wieder bei Broders derzeitigem Steckenpferd sind, den nuklearen Ambitionen des Iran.

das Regime der Hamas im Gaza-Streifen, das mehr Palästinenser als Israelis das Leben gekostet hat, muss alimentiert werden, um eine “humanitäre Katastrophe” zu verhindern, damit nicht Gruppen an die Macht kommen, die noch radikaler sind

Auch hier ist es interessant, dass es Henryk Eminem Broder schafft, zwar zu kritisieren, dass man die Hamas im Gaza-Streifen hält um zu verhindern dass “noch radikalere” Gruppen an die Macht kommen (by the way: wir sind immer noch bei der Kritik an den Europäern, das ist also ganz alleine deren Schuld), dabei aber den 500-Pfund-Gorilla Saudi-Arabien erneut umtanzt. Denn Steinigungen von Homosexuellen und Ehebrecherinnen, und sogar angedrohte Peitschenhiebe für Vergewaltigungsopfer, sind nicht unbekannt im befreundesten Staat des Nahen Ostens.

Wenn wir realpolitisch argumentieren, dann sind das Haus Saud und die Hamas vielleicht derzeit Realitäten, die man nicht umgehen kann. Wenn wir allerdings argumentieren, dass es Unrecht ist, die Hamas trotz ihrer Radikalität und ihrer Position an der Macht zu halten, nur um Schlimmeres zu verhindern, dann kommen wir nicht umhin auch Saudi-Arabien anzuschneiden. Entweder wir diskutieren das im Ganzen, oder wir lassen es. In dieser Form ist es unehrlicher Populismus: Wenn man es schafft Palästina, den Iran, den Irak und Lybien anzureißen, dann kann man nicht ausgerechnet Saudi-Arabien außen vorlassen, wo genau diese Politik des “kleineren Übels” seit Jahrzehnten betrieben wird.

Ganz abgesehen von der Frage, ob nicht auch Musharrafs Militärdiktatur – immerhin demokratisch legitimiert von 99% der Pakistanis – nur deshalb seit dem 11. September 2001 unterstützt wird, weil alle anderen Alternativen in Pakistan noch unschöner sind. Wie Broder ja, am Anfang seines Textes, selbst konstatiert. Auch das könnte und sollte man in einer Glosse, die sich am Mord an Benazir Bhutto aufhängt, vielleicht anschneiden. Und man könnte fragen, wie humanitär das pakistanische Regime sich bisher verhalten hat: Beispielsweise im Bezug auf das – sich explizit auf den Koran stützende – pakistanische Blasphemiegesetz. (Das Bhutto während ihrer Zeit als Prämierministerin lockerte, das aber unter der Nachfolgeregierung Sharifs wieder verschärft wurde.)

Wir können gerne offen über alles diskutieren, auch wenn diese Dialogbereitschaft von uns Gutmenschen Broder sauer aufstößt, aber dann bitte auf gleicher Augenhöhe und nicht indem wir nur Missstände in Ländern kritisieren, die derzeit nicht auf unserer Seite stehen. Alles andere ist unehrlich und langfristig kontraproduktiv. Wie das Eskalieren der Situation in Pakistan gerade andeutet.

Nach der Entführung und Ermordung eines Deutschen in Afghanistan sagte Außenminister Steinmeier, dieses Verbrechen werde “nicht ungesühnt bleiben”. Es blieb bei dem Versprechen.

Auch die Mörder von Benazir Bhutto wissen, das sie nichts zu befürchten haben. Das halbe Land ist bereits in der Hand der Extremisten, für Sanktionen ist es zu spät. Der atomare Alptraum geht weiter. Die einen sind noch nicht am Ziel, aber die anderen haben das Rennen bereits verloren.

Die Mörder von Bhutto wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Von den Europäern. Die ja auch gegen den Iran, gegen den Irak, gegen die Hamas, Lybien, die Taliban in Afghanistan und die Islamisten in Algerien nicht vorgegangen sind. Was Broders These des “Hurra, wir kapitulieren” schön unterstreicht.

Die Leistung seines Artikels: Er gibt nicht einen Hinweis darauf, was er von Europa erwartet. Wie man handeln soll. Pakistan ist ein Commonwealth-Staat. Noch. Sollte also die britische Regierung intervenieren? Oder sollte die EU Truppen nach Pakistan schicken, die den Staat befrieden? Hätte so etwas Aussicht auf Erfolg? Sollte die EU dem ISI mehr Freiräume und Macht geben, damit der Geheimdienst die Islamisten im eigenen Land stärker bekämpft, auch wenn er selbst islamistisch durchsetzt ist? Den Satan quasi mit dem Beelzebub austreiben? Oder darauf drängen, dass Musharraf jetzt endlich den Geheimdienst ausmistet, auch auf die Gefahr dass der ISI ihn absetzt und das Land endgültig im Chaos versinkt? Broder hat keine Antworten, er versucht sich nicht einmal daran, sondern er hält schlicht fest, dass alles was Europa tut schon per se falsch ist: Im Irak lässt man die USA im Stich, in Afghanistan macht man humanitären Schnickschnack, aber kämpft nicht aktiv gegen die Terroristen.

Aber Europa kann ja auch nichts richtig machen, das würde Broders schöne These kaputt machen, dass die EU Schuld ist an allem Elend in der Welt. Und Europa trägt für Broder klar die Alleinschuld: Im ganzen Text schafft er es, die USA nur zwei Mal zu erwähnen (einmal via Zitat, nie bezogen auf Pakistan), obwohl es gerade die USA waren, die in den Achtzigern und dann wieder seit dem 11. September Pakistan als Verbündeten auserkohren haben. Aber die Rolle der USA in Pakistan anzusprechen würde das schlichte Gut-Böse-Weltbild zerstören, in dem Team America nicht nur dem Islamismus, sondern auch den Appeaseniks im Rest der Welt trotzen muss.

Wer es schafft einen Text über die Krise in Pakistan zu schreiben ohne dabei die USA oder den ISI zu erwähnen oder auch nur einmal den Namen Musharraf fallen zu lassen, der klammert große Teile der Krisensituation aus, weil sie nicht in sein Weltbild passen. Ja, die Debatten über diese Themenkomplexe werden sogar von vornherein als “müßig” abgestempelt. Gott bewahre, dass am Ende das schlichte Weltbild durch Komplexitäten verstellt oder umgeworfen wird. Es geht Broder gar nicht um Pakistan oder die Islamisten, es geht ihm nicht um die Frage was man hätte besser machen können, es geht darum die Meinung der Leser zu emotionalisieren. Fakten sind sekundärrelevant, was zählt ist dass man jetzt nicht schwächelt, dass man Geschlossenheit demonstriert. We will not falter. And we will not fail.

Auf der anderen Seite durchzieht den gesamten Text eine “Lustangst auf das Ende der Welt”, die hier im letzten Absatz noch einmal deutlich wird. “[D]ie anderen haben das Rennen bereits verloren.” Der Islamismus wird uns alle hinwegspülen. Die Demokratie ist tot. Die Meinungsfreiheit ist tot. Menschenrechte sind tot. Die Aufklärung ist tot. Europa hat schon verloren. Warum noch kämpfen? Warum noch diskutieren? Warum noch hoffen. Alles was jetzt über den Abwehrkampf hinausgeht ist eine Vergeudung von Ressourcen. Wer noch Hoffnung hat, dass man das Blatt wenden könnte, der ist ein naiver Gutmensch, der der Sache schadet.

Es ist eine Selbstgeißelung und Selbstkasteiung und es ist eine gigantische Verschwörungstheorie. Jedes islamistische Ereignis, egal ob Homegrown Terrorism, Wahlsiege der Hamas im Gazastreifen, der Bürgerkrieg in Algerien, terroristische Anschläge im Irak und das iranische Atomprogramm, wird in einen großen Topf gesteckt. Der globale Gefahrenraum, ausgehend von einer globalen, geschlossenen islamistischen Front. Mit der Hamas kann man so wenig diplomatisch umgehen wie mit der al-Quaida. Nur bestimmte Islamisten, die mit denen wir derzeit zusammen den Krieg gegen den Terror führen, die werden ausgeklammert. Erstmal. Bis sie irgendwann auf der anderen Seite stehen. Dann hat Europa wieder die Entwicklung verschlafen. Das man sich mit dieser Weltsicht selbst bestimmter Mittel beraubt, das ignoriert Broder galant, denn es würde nicht seiner Endzeitlyrik entsprechen.

Ohnehin Europa: Da ist sie, die Selbstkasteiung. Alles was schief geht in der islamischen Welt, all das ist direkt oder indirekt die Schuld der “Old Europeans”. Sie agieren nicht oder nicht stark genug. Sie verhindern nicht und sie fördern die Falschen, die Europäer. Diese Attitüde passt zu Broders Weltbild, wenn sie mit seiner Sicht Amerikas vergleicht, dass die Rolle des unfehlbaren Heroen hat, der sich einzig und ganz allein dem islamischen Terror in den Weg stellt. Nur um an allen Ecken und Enden von Europa sabotiert zu werden. Auch so kann man sich einen Sündenbock basteln. Aber wenn man Fehler der USA allein auf die linken Appeaseniks schieben kann, dann muss man das eigene Weltbild nicht hinterfragen. Nicht sehen, dass die Wahrheit vielleicht komplexer ist, als der hier an die Wand gemalte Teufel. Und wenn man dieses Verhalten bei Broder kritisiert, dann wird das schnell weggewischt mit dem Argument, dass Broder nun einmal Glossen schreibt, da dürfe er das Stilmittel der Simplifizierung verwenden. Er wisse sehr wohl, dass die Welt komplexer wäre. Nur zeigt er das sehr selten.

Und natürlich ist dieses Gefühl, dass Europa alles verbockt hat, an allem Elend schuld ist, auch etwas das David – bezogen auf das europäische Verhältnis gegenüber Afrika – als eine Form des Größenwahnsinns beschrieben hat: Wenn man sich selbst die Schuld an allem Elend in der Welt gibt, dann ist das auch eine Form sich wichtig zu machen und ein Versuch nicht akzeptieren zu müssen, dass vielleicht bestimmte Ereignisse eben nicht in unserer Hand liegen. Was als Erkenntnis noch schockierender sein kann, als das Gefühl zu haben, das man alles Elend der Welt selbst verursacht habe. Vielleicht macht diese Erkenntnis schlichtweg auch Broder Angst. Seinen Querdenker-Anzug hat Broder längst gegen den Frack des apokalyptischen Hysterikers eingetauscht.

Es ist ironisch, dass ausgerechnet der Mann der mit Hurra, wir kapitulieren die Appeasement-Politiker in Europa attackiert, selbst schon längst aufgegeben hat. Dass Broder selbst keine Hoffnung mehr zu sehen scheint, dass sich irgendetwas bessern könnte und darum nur noch laut und hysterisch verzweifelt. Diese Lust am Kapitulieren wird Broder auch 2008 in seinen Glossen wieder präsentieren. Na dann, guten Rutsch…

TV is a Virus: Worst of the Winter

Saturday, December 22nd, 2007

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Marco W. – Das Interview

Wie geht eigentlich Fernsehen? Nun, offensichtlich direkt ins Herz, ohne Umweg über die Magengrube (wo es ein flaues Gefühl auslösen könnte) oder das Hirn (das vielleicht Protest einlegen würde). Zunächst: Das RTL-Interview mit Marco W. wird nicht in die Hall of Shame des deutschen Fernsehens eingehen. Von einem medialen Missgriff der Marke Gladbeck war das Interview weit entfernt. Appetitlicher macht das die ganze Kiste auch nicht.

Marco wirkte am Bildschirm nicht so unsympathisch wie Susanne Osthoff, was ihn die kollektive Zuneigung der BRD ganz schnell kosten würde. Das Risiko bestand, war Marco doch bisher für die Zuschauer und die deutschen Medien – nicht zuletzt für die ZEITUNG – eine willkommene Projektionsfläche. Wie unschön wäre es gewesen, hätte sich der nette Junge von nebenan im Interview als Unsympath gegeben. Katastrophe abgewendet.

Dafür zuständig war natürlich auch der… nennen wir ihn: Interviewer. Weil Softball-Zuwerfer keine echte Bezeichnung für einen Fernsehmoderator ist. Da Marco noch in ein laufendes Verfahren verwickelt ist – in der Sendung selbst merkte man nichts davon – verzichtete RTL auf Fragen zum Geschehen jenes Abends, der Marco für mehrere Monate in ein türkisches Gefängnis gebracht hat. Das merkte man allerdings während der Sendung schon. Und so verzichtete der sympathische Kleinsender aus der Karnevalshochburg darauf, jemanden zu schicken der Marco vielleicht aus Versehen eine relevante Frage stellen könnte. Selbst der Mensch gewordene Lenor-Weichspüler Oliver “Fluffy” Geißen erschien da schon zu riskant. Also schickte RTL seine Geheimwaffe: Markus Lanz.

Markus Lanz kennt man: Der hat jahrelang RTLs Ersatzteillager verwaltet und es nebenbei geschafft das letzte Format mit journalistischem Anspruch im deutschen Fersehen, namentlich: RTL Explosiv, in die Irrelevanz zu führen. Und so lief das Interview auch als RTL Explosiv Spezial und fuhr Explosiv-würdige Quoten ein.

Man weiß ja, dass sich Sender die Exklusivrechte an menschlichen Dramen schnell kaufen um dann mittelprächtige TV-Filme darüber zu machen, die mit Goldenen Kameras überschüttet werden. Aber das Vorgehen in diesem Fall wirkte schon sehr ekelhaft: Direkt vom Gefängnis wurde Marco abgeholt und flog dann im intimen Kreis in die Heimat. Wie das Special zu berichten wusste: Nur Marco, sein Vater, seine Anwälte… und ein Kamerateam von RTL waren dabei. Letzteres stellvertretend für ein paar Millionen Zuschauer. Und da fühlte sich Marco dann, so RTL, “vielleicht ein wenig wie ein Star“. Ein Star, der sich seinen Starrummel damit verdient hat, dass er möglicherweise eine 13-Jährige sexuell missbraucht hat. Aber, hey’ we’re all stars now, in the dope show.

Das endgültige Urteil steht natürlich noch aus, vielleicht hätte RTL bis dahin warten sollen, ehe sie diese Heldenehrung produziert haben. Aber: Dann hätte sich natürlich ein anderer Sender die Exklusivrechte geschnappt… und falls Marco sich als schuldig erweisen sollte, dann hätte man das Special ja nie bringen können. Carpe fuckin’ diem, wie schon Horaz (RTL-Programmdirektor von 40 bis 8 vor Christus) wußte.

In Deutschland wurde Marco an einen geheimen Ort gebracht, damit kein anderer Sender RTL das Exklusivinterview streitig machen konnte um ihn vom Medienrummel abzuschirmen. Und irgendwo im RTL-Kommandobunker, (dekoriert mit einem künstlichen Weihnachtsbaum im Hintergrund, um die Stimmung besser zu transportieren) begann dann Markus Lanz ein Verständnis von Journalismus an den Tag zu legen, dass Johannes Batistuta Kerner gegen ihn wirkt wie Sy Hersh. Da man ja über den Prozess und das Schlüsselereignis nichts fragen durfte, nutzte Lanz die alte Maxime von Tolstoi: “Um einen Staat zu beurteilen, muss man seine Gefängnisse von innen ansehen.”

Würdest du sagen, auch wenn es Gefängnis ist, man trifft dort Freunde?”, fabulierte Lanz sich zurecht. Und wie Marco seine Zeit im Gefängnis so verbracht habe, wollte Lanz wissen. Ob er zuhause angerufen habe. Und was er getan habe, wenn zuhause keiner ans Telefon ging. Wie er sich denn verständigt hätte? Und: “Wann kam der Moment, in dem du anfingst zu fragen: Wozu?

Die letzte Frage sollte man sich aufschreiben, die kann man nochmal im TV-Jahresrückblick verwenden, wenn Markus Lanz sich endlich der Sinnlosigkeit seiner TV-Existenz bewusst wird und heulend vor laufenden Kameras zusammenbricht. Hier allerdings war dieser Moment noch nicht zu finden. Stattdessen spielte der Mitsubishi Lanzer hier die Rolle von Markos Anwalt und tat alles um Marco in die Rolle eines unschuldigen, netten Jungens zu rücken, den die Welt nun endlich wieder hatte. Der sich, wie Lanz wiederholt attestierte, endlich wieder wie ein Kind fühlen darf. Ein Kind, dass im Gefängnis erwachsener geworden ist. Auch das versäumte man nicht so oft wie möglich zu betonen.

Natürlich besteht das Risiko, dass der nette Junge – kein Medienprofi – in einen Fettnapf tritt. Aus dieser Gefahr wurde Marco dadurch gerettet, dass Lanz stellenweise begann sich selbst zu interviewen. Was denn das erste wäre, dass Marco machen würde, wenn er wieder nach Hause käme, fragt der Explosivbüttel. Als Marco verdattert “Ääh…” antwortet, hakt Lanz nach: “Erstmal nach MacDonald’s?” – “Ja.” – “Mit den Freunden Computer spielen?” – “Ja.” – “Alles was Spaß macht?

Schön zu sehen, dass RTL diesen Scoop des Jahres auch hätte präsentieren können, wäre Marco in der Türkei geblieben. Lanz kam mit sich selbst schon gut zurecht. Meistens beschränkte er sich darauf, Suggestivfragen zu stellen, auf die Marco dann nur noch mit “ja” und “nein” antworten musste. Und selbst das reichte noch nicht, um die halbe Stunde (inklusive Werbeblock) Sendezeit zu füllen. Und so fischte Lanz dann irgendwann einen Zollstock aus der Tasche (hoffentlich jener Zollstock, mit dem Günther Jauch im Jahre 1998 beim Spiel BVB gegen Real demonstrierte, wie groß das umgefallene Tor eigentlich gewesen wäre) und maß – Trommelwirbel! Spannung! – nach ob Marco im Gefängnis gewachsen ist. Selbst Marco hatte in diesem Moment einem “WTF”-Blick drauf.

Das Ergebnis des Interviews: Marco ist in der Türkei um 3 Zentimeter gewachsen, ein ganz normaler Jugendlicher, der endlich wieder Kind sein darf, obwohl er im Gefängnis erwachsen wurde und… er ist unschuldig. Das wird zwar so direkt nicht gesagt, aber wenn das Fernsehen Realitäten erschafft, dann haben Lanz und RTL Marco hier – auch durch die Aussparung des Grundes für seine Haft in der Türkei – einen Persilschein ausgestellt. Ein so netter Junge, der kann kein schlechter Mensch sein. Bleibt für RTL zu hoffen, dass die Gerichte das ähnlich sehen. Denn dann kann Marco vielleicht bald Natascha Kampusch nacheifern.

Kurz danach wurde Paris Hilton in Prominent auf VOX die Frage gestellt: “Sie sind erwachsener geworden. Liegt das an ihrer Zeit im Gefängnis?” Hey, RTL! Falls ihr eine Promi-Reality-Soap mit Marco plant, dann ruft mich an: Ich glaube, ich kann euch da ein totsicheres Konzept pitchen.

***

RTL – Promi Reality Soaps

Speaking of Promi Reality Soaps: Die Phase ohne Ekel-TV neigt sich dem Ende entgegen. Mit dem erschreckend bodenständigen Programm Bauer sucht Frau (Bonuspunkte für die Off-Sprecherin, deren Tonfall irgendwo zwischen dem Computer, der nachts auf SuperRTL die SMSe vorliest und John Kerry auf Sedativa oszilliert) hat RTL einen echten Überraschungshit eingefahren.

Zumindest hätte ich nicht damit gerechnet, dass sich in der modernen, zynischen Fernsehwelt ein Programm durchsetzt, dessen spektakuläre Highlights in den anderthalb Folgen die ich gesehen habe, solche spannungsgeladenen Momente waren wie “Milchbauer Maik” macht seiner Bäuerin-in-spe ein Bett im Heuschober und versteckt ein gelötetes Herz im Stroh, Zahnarzthelferin Dings lernt Trecker fahren und irgendwer anders bleibt mit dem Füßen im Schlick stecken. Und das eigentliche Prachtstück, der Beweis das Bauernschläue kein Mythos ist, gibt es dabei im Fernsehen gar nicht zu sehen.

Gott sei dank, wird sich da die ZEITUNG sagen, ist ab Jännar endlich wieder typisches RTL-Programm in Sicht. Auf RTL 2 startet die nächste Staffel von Big Brother (gut interessiert keinen mehr) und auf RTL Proper legt die dritte Staffel des Dschungel-Camps los. Nachdem es hieß, Kader Loth und der Sachsenprinz hätten dieses Konzept von Schockfernsehen in Die Burg totgetreten, will RTL nun das Gegenteil beweisen: Was insofern Relevanz hat, als die Teilnahme an Ich bin ein Star, holt mich hier raus ein unwiderlegbarer Beweis für den eigenen Status als D-Promi ist.

Als gesellschaftlichen Aufstieg in die Riege der ZEITUNGS-Prominenz dürfte man das werten für Isabel Edvardsson (claim to fame: hat bei Let’s Dance mit Giovane Elber getanzt), Julia Biedermann (claim to fame: hat bei Ich heirate eine Familie, Praxis Bülowbogen und Ein Schloß am Wörthersee mitgespielt) und Barabara Herzsprung (claim to fame: hat nichtmal eine eigene Wikipedia-Seite und ist nicht Barbara Morgenstern).

Sich gesellschaftlich auf der Stufe D-Promi gehalten haben sich derweil Bata Illic (ins Lager gewählt auf Druck der Terrororganisation Freunde Bata Illics) und Michaela “Gina Wild” Schaffrath. Freuen Sie sich jetzt schon auf die Szene in Folge 1, wenn Bata Illica der Michaela Schaffrath seinen Welthit “Michaela” ins Gesicht singt und die total erfreut lacht, so als hätte sie gar nicht damit gerechnet.

Den Mitleidsbonus als Absteiger in die D-Prominenz bekommt in dieser Staffel derweil Eike Immel, von dem ich in den letzten Jahren nichts mehr las, aber davon ausging, dass er nicht das Schicksal alter Bundesligaspieler der Sechziger teilte, nach der Karriere finanziell so abgebrannt zu enden, dass man an der lokalen Tanke arbeiten muss. Frei nach George Bests Motto: “I spent a lot of my money on booze, birds and fast cars. The rest I just squandered.”

Tja, Irrtum. Immobiliengeschäfte, eine Scheidung und eine Hüftkrankheit haben den ehemaligen Nationaltorwart finanziell ganz nach unten gebracht. So weit nach unten, dass er jetzt im Dschungelcamp auflaufen wird. Bitter. Freuen wird es zumindest die ZEITUNG, die jetzt endlich hoffen darf, dass sie den Schlagzeilenreim bringen kann, der ihr während der EM 1988 nicht gelang. Ihr wisst schon: Immel reimt sich…

Anyway. Interessant wird zu beobachten, wie sich das Dschungelcamp nach der längeren Pause schlägt. Ob es wieder Zuschauer und Feuilleton (so wie mich hier) zur öffentlichen Wertedebatte motiviert, oder ob es unbesehen verpuffen wird und wir in zukünftigen Staffeln dann Alida Lauenstein und dem adophilen Max Schradin im Dschungelcamp auf RTL 2 sehen dürfen. Einige TV-”Persönlichkeiten” hätten sich ihren Auftritt in diesem Umfeld schließlich wirklich hart verdient.

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A Shot of Love with Tila Tequila

Speaking of Buchstabe-Promis. Wir werden das Alphabet erweitern müssen, denn in Sachen “Wer hat seine 15 Minuten Ruhm noch nicht gehabt?”, kratzt man inzwischen nicht mehr am Boden des Fasses, sondern man hat es umgedreht und kratzt jetzt fröhlich an seiner Unterseite. Beweisstück A: Tila Tequila, neé Nguyen. Tila Tequilas claim to fame ist, dass sie ungemein beliebt ist auf Myspace. (Vorsicht: typisches Myspace-Design, also das Internetäquivalent zu ein paar Schlägen mit einem Vorschlaghammer gegen das Gehäuse eures Rechners… es muss ihn nicht kaputtmachen, aber man sollte selber wissen, ob man das Risiko eingehen will.)

Okay, da sind auch noch die Starqualitäten: Hat die Schädelform eines Greys, ist gewillt sich auszuziehen sobald sie auch nur spürt, dass eine Digitalkamera in der Nähe sein könnte (Sex und Aliens gehen bekanntlich immer… Analsonden, und so…) und hat der modernen Medizin mehrere Dutzend STDs als Geschenk von ihrem Heimatplaneten mitgebracht. Das reicht für MTV aus, um sie herum eine Show zu stricken, die nach dem selben Prinzip funktioniert wie Flavor of Love. Nur das Flavor Flav zumindest zeitweise relevant war, als er mit Public Enemy in den Achtzigern zur Speerspitze des amerikanischen Hip Hops gehörte. Und das es nicht so erscheint, als ob Tila Tequila eine Fernsehshow bräuchte um einen Partner fürs LebenPartner für den Lebensabschnitt… Partner zu finden für die Zeit bis die Credits gelaufen sind.

Wenn bei Myspace beliebt sein wirklich alles ist, was es braucht um aus dem Ghetto Web 2.0 in die schillernde Welt der Old Media 1.0 aufzusteigen, wenn Tila Tequila tatsächlich die Vagina das Gesicht des “Demokratisierungsinstruments Internet” ist, dann liegt vielleicht Bernd Graff doch nicht so ganz falsch.

Das wirklich erstaunliche ist, dass mit Tila Tequila die Unterseite des Fasses zwar erreicht ist, aber MTV Gott sei Dank eine Schaufel dabei hat um auch im Boden unter dem Faß nach neuen Stars zu suchen. Aus Flavor of Love ging I Love New York hervor, aus A Shot of Blablabla entspringt That’s Amore. Eine Show über einen Kerl, der dafür bekannt ist, dass er in einer Show über eine Schleppentusnelda war, die dafür bekannt ist, dass sie bei Myspace bekannt ist. Wow. Es bekommt wirklich jeder seine 15 Minuten Ruhm, ob er nun will oder nicht…

Und da sich das Biest von sich selbst ernähren kann, wird MTV hoffen, dass man aus beiden Spin Offs weitere Spin Offs heraussezieren kann. Ein “Stars” erschaffendes Perpetuum Mobile. Warum wird mir nur gerade so flau im Magen?

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MTVs Showmarathon

Wo wir beim Thema sind: Nachdem MTV ja schon sein Missionsziel erreicht und Musik im Fernsehen auf ewig vernichtet hat, nimmt es seit einigen Jahren das Genre Datingshows aufs Korn. Kein Verlust, wenn die den Gang alles Irdischen gehen würden. Nach dem Tode Rudi Carell hätte man, aus Pietätsgründen, solche Kuppelshows weltweit verbieten sollen. Aber, es soll gar nicht um Kuppelshows gehen, sondern um die Wahrnehmung von Dingen.

Kann es sein, dass MTVs Datingshows – egal ob Date My Mom, Room Raiders, Exposed oder Next – mehr dafür tun antiamerikanische Klischees in der restlichen Welt zu verankern, als das jeder potentielle Angriffskrieg gegen die Niederlande je tun könnte? Heiland, wird da ein Panoptikum an oberflächlicher Schalheit geboten. Gegen die Durschnittskandidaten dieser Grotesken wirken die College-Brüder aus Borat wie die Gewinner der Ivy League. (Wie? Das hat mit Sport gar nichts zu tun? Oh…)

Im gleichen Zug dürften Flavor Flav und New York es im Alleingang geschafft haben, das Ansehen der Black Culture in Amerika um ein paar Dekaden nach hinten zu bomben. Spätestens mit jener Szene in Season 2, als eine der Kandidatinnen Flavor Flav erstmal lässig aus der Hüfte einen großen Haufen ins Treppenhaus machte. Respect!

Das surrende Geräusch im Hintergrund der Show? Das ist Richard Pryor, der gerade im Grabe rotiert. Beeindruckend, wie Mr. Flav sich hier selbst aushebelt. Wie kann man “It Takes A Nation of Millions to Hold Us Back” oder “Fear of a Black Planet” ernst nehmen, wenn man immer wenn der Flavormeister am Mike ist einen fast 50jährigen Lustgreis vor dem inneren Auge sieht, der einen dämliche Wikinger-Plastikhelm auf der Omme hat, in die er sich gerade ein Hühnerbein reinschiebt?

Dann wiederum: MTV Deutschland schickt bei jeder erfolgreichen US-Kuppelshow gleich mal das deutsche Pendant hinterher, das belegt, dass es um die Jugend unseres Landes – o tempora! o mores! – keinen Deut besser bestellt ist. Und das selbst billig produzierte Kuppelshows aus Deutschland sofort noch billiger aussehen, als die Billigoriginal aus den Billiglohnstaaten von Amerika. Wenn man selbst bei sowas nicht die Produktionsqualität des amerikanischen Originals erreicht, dann muss ich meine Vorwürfe an die Produzenten überdenken. Vielleicht geht das gar nicht anders. Vielleicht sieht die deutsche Landschaft und der Deutsche an sich generell billiger und altbackener aus, als alles in der neuen Welt. Ich war ja nie da, kann es also nicht beurteilen.

Ich persönlich bin auf jeden Fall schon gespannt, was die deutsche Version von Flavor of Love sein wird. Zuerst dachte ich, dass man das Musikgenre dem Land anpasst und wir sowas wie Deckhengst Drews zu Gesicht bekämen, aber inzwischen ist die BRD ja so hiphopifiziert, dass man da einen Räbba finden sollte, der sich für sowas hergibt. Möglichkeiten gäbe es ja genug: Love BOat, Dendemann sucht Frau oder Bushidoes your Mom. Weitere Vorschläge werden in der Kommentarsektion entgegengenommen und dann, ohne Abfindung, von MTV Deutschland geklaut…

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Humorkritik: Total Lustig – Die besten Clips mit Ruth Moschner

Neues vom “ongoing war on humor”. Der wird im deutschen Fernsehen noch immer sehr effektiv geführt. Der größte Coup in der asymetrischen Kriegsführung war es dabei, dass die Alliierten mit Comedy Central in Deutschland einen Propagandasender erschaffen konnten, der sogar das Signet “Comedy” im Titel hat. So dass man nun ganz leicht auf die Greueltaten verweisen kann, die dort im Namen des Witzes begangen werden. Nur um so vom Weltsicherheitsrat eine einstimmige Erlaubnis zu erhalten in einer finalen Großoffensive auch den letzten Witz zu umzingeln und ihn dann öffentlichkeitswirksam hinrichten zu lassen. (Er wird an die Wand gestellt, wo er dann mit Arsentorten beworfen wird.)

Besagtem Propagandasender ist es jetzt gelungen, einen Mördercoup zu landen und Ruth Moschner zu engagieren, die für den den deutschen Humor das ist, was Elizabeth Báthory für ungarische Hausmädchen war: Der Humor muss sterben, damit Frau Moschner leben kann. In Total Lustig macht sie ihre Sache dabei ganz hervorragend: Denn sollte sich mal ein echter Lacher ins Studio verirren, dann würde sich ganz schnell zu Tode schämen für das, was man da als Komik bezeichnet.

Hier eine kleine Faustregel: Wenn eine Sendung schon im Titel (und zwar nicht im Untertitel, sondern im eigentlichen Titel) verraten muss, was sie sein soll, dann hat man ein echtes Problem. Wenn ich eine Show Super Traurig nennen müsste, damit die Leute verstehen, dass die hier gezeigten Clips aus der Sahelzone, den Slums von Rio und der Innenstadt von Bielefeld traurig sein sollen und nicht etwa Heiterkeitsstürme auslösen, dann habe ich meinen Job nicht richtig gemacht. Bei Total Lustig ist die selbe Regel am Werk.

Total Lustig soll also… öh… total lustig sein. Genau. Und dabei gilt das Motto: Never change a running system. Wenn das Fernsehvolk immer noch tierisch darauf steht, sich stundenlang auf allen Sender Karbonkopien von Bitte Lächeln als TV-Event vorsetzen zu lassen, dann wird auch Comedy Central ihm diesen Wunsch erfüllen. Also, wer von all den lustigen Heimvideos aus den frühen Neunzigern (Baby kippt mit Stuhl um, Katze läuft gegen die Wand, Polizisten vermöbeln Rodney King) noch nicht genug hat, oder wer immer noch der Meinung ist, dass YouTube-Videos erst dann richtig gut sind, wenn sie auf Fernsehformat aufgeblasen werden, damit sie aussehen als würden sie komplett aus Legosteinen bestehen, der kann sich das beste dieser Form der Fernsehunterhaltung hier nochmal angucken.

‘kay, das wäre jetzt vielleicht noch nicht total lustig… vielleicht nicht einmal lustig an sich… aber dafür gibt es neben lustigen Heimvideos auch nochmal die lustigsten Werbespots der Welt. Quasi, Fritz Egner mit Brüsten. Ihr wisst schon, so wie damals, wo zwei oder drei lustige Spots (der Rastamann der das Auto in den Abgrund schiebt, die Claymation-Dinos die in der Nudelwerbung die kleinen Höhlenbewohner fressen) es rechtfertigten den Rest der halben Stunde mit Werbung zu füllen, die so mittelprächtig war, dass man sich die deutsche Werbepause sehnlichst wünschte um endlich wieder Qualität zu sehen.

Und die Sahne auf diesem televisionären Murkskuchen ist, dass man Ruth Moschner hier nicht alleine ertragen muss, sondern sie “ihre Nachbarn” mitgebracht hat. “Gisela, Sabine und Peggy”. Ihre Nachbarn, das sind Ruth Moschner als übergewichtige, unterbelichtete Sexbombe. Ruth Moschner als mopsig Geschäftsfrau. Und Ruth Moschner als dickes Teenager-Mädchen, wobei sie da so aussieht als habe sie Liza Li gefressen und würde jetzt ihre alten Klamotten auftragen. Das ganze ist nur marginal unlustiger als Schnitten-TV, der letzte, große Versuch der ZEITUNG Humor auch jenseits von Franz-Josef Wagners Photo zu präsentieren.

Und so ziehen die Ruthles durchs Land um Tod und Verwüstung zu bringen und Witze zu schänden, die andere Komiker seit 20 Jahren in Frieden ruhen lassen. Nach einem Werbespot über einen Eiskunstläufer, der sich auf ein Eishockeyfeld verirrt, beschwert sich Liza-Li-Ruth, dass nicht alle Eiskunstläufer Tucken wären, sie selbst zwei schwule Freunde habe und die Klischees hassen wie die Pest. Daraufhin fragt Ruth-Ruth, was die beiden denn beruflich machen. Antwort: “Günther ist Inneneinrichter und Dätläääf ist Maskenbildner.” Ba-da-disch. Vorhang. Abgang rechts.

Eine Ruth Moschner hat dem Humor im deutschen Fernsehen schon schwer zugesetzt, aber ob der Witz im Kessel (nicht verwechseln mit dem Kater im Hut oder dem Prominenten im Sack) vier Ruth Moschners überleben kann, das wird sich erst zeigen müssen. Ich bewerbe mich derweil als PR-Experte für Comedy Central. Mein Vorschlag für das Motto 2008: “Comedy Central – Soll das ein Witz sein?”

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Das DSF-Nachtprogamm

Während Comedy Central zumindest noch ein paar Comedyshows hat, um den Anschein von Humor zu bewahren (es ist schwer einem Sender langfristig böse zu sein, der uns täglich Seinfeld bringt… und viele Leute mögen ja unverständlicherweise Little Britain), hat das DSF jedwede Ambition in diese Richtung längst aufgegeben. Weiß irgendjemand, was da noch läuft, das das Signet Sport verdient hat? Ein wenig Darts, ein wenig Poker und gelegentlich Smackdown!. Und ungefähr 18 Stunden am Tag Call-In-TV, weil man sonst die Darts-Lizenz nicht refinanzieren könnte. (Abends wird das Call-In-TV übrigens nackt moderiert. Von diesen Damen. Vielleicht sollte man das Call-In-Show-Verbot nicht über die Betrugsschiene leiten, sondern einfach eine Anzeige wegen ästhetischer Grausamkeit beim ECHR stellen.)

Anyway: Nachdem das Nackedei-Call-In vorbei ist (“Ich gebe euch jetzt den Anfangsbuchstaben… sonst kommt doch bis Morgen keiner darauf, welches Hühnerprodukt mit zwei Buchstaben man aus dem Wort ‘IE’ bilden kann… ihr müsst mit E anfangen… verdammt, das ist so schwer, ich leg’ noch 500 Euro drauf und mach mich nackich!”), kommt der interessante Teil des Abends. Denn in einer Hinsicht ist das DSF inzwischen richtungsweisend: Fetischbefriedigung. Egal ob es Strippoker ist (gut, das kann thematisch mit dem Restprogramm verbinden), Frauen die sich in Katzenkostümen auf dem Boden anfauchen oder Frauen die mit ihrem Auto im Schlamm feststecken (ohne sich auszuziehen), das alles kann man dort finden und dabei irgendwelche 0900er-Nummern anrufen.

Wobei ich das jetzt in keinster Weise werten möchte und werde. Ich wollte das nur mal erstaunt festhalten.

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TV Browser: Das war’s dann wohl

Der natürliche Feind des Fernsehsenders ist der Zuschauer. Wissen wir ja alle. Die Sender würden gerne mehr Qualität bieten. Aber wenn sie’s mal tun, dann schaltet das undankbare Pack – siehe Blackout – nicht ein. Darum ist man gezwungen sowas wie Total Lustig oder die Call-In-Grütze auszustrahlen. Und darum hasst man, in Vorstandsetagen von Köln bis Unterföhring, den Zuschauer. Ja, das Fernsehen könnte so toll sein, wäre nur das Publikum nicht. Ergo: Wenn man den Zuschauer vom Fernseher fernhält, dann wird das Programm auch wieder besser.

Zumindest könnte ich mir so erklären, warum ProSieben/Sat.1 und die RTL-Sendergruppe ab dem 1. Jännar Geld von den digitalen Programmführern verlangen. Nachdem Rayson ihn lobte und ich ihn inzwischen in Aktion gesehen hatte, wollte ich mir neulich den TV-Browser selbst runterladen. Nur um festzustellen, dass die ab dem 1. Jännar alle Sender entfernen, die von den Machern der Gratissoftware Geld für ihre Programminfos verlagen würden. Als da wären: 9Live, Comedy Central, das DSF, Kabel Eins, MTV, N24, Nickelodeon, N-TV, ProSieben, RTL 2, RTL, Sat.1, Super RTL, VIVA und VOX. Es wäre schneller gegangen, aufzulisten welche Sender noch bleiben.

Eine interessante Argumentation, die die Sender da vorbringen: “EPGs [Electronic Program Guides] sind Geschäftsmodelle.” Auch solche wie der TV-Browser, die bislang kostenlos und frei von Werbung zu haben sind. Diese Geschäftsmodelle machten ihre Gewinne durch die “Nutzung von Bild- und Wortmaterial zur (…) Bewerbung von Fernsehprogrammen“. Achtung: Bewerbung von Fernsehprogrammen. Also, die EPGs machen Werbung für das Programm der Sender. Das hält ProSatSieben.1 (Quelle: der oben verlinkte DWLD-Text) nicht davon ab in bestem Doppeldenk zu erklären:

Und dass es sich bei der Darstellung der Sendeabläufe in EPGs letztlich um Werbung für die Sender handelt, bestreitet man bei ProSiebenSat.1 ohnehin komplett

Summa summarum: Die EPGs nutzen Bild- und Wortmaterial zur Bewerbung von Fernsehprogrammen, was allerdings keine Werbung für die Sender ist. Ja, ne, is’ klar. Die Gebühr soll einen Euro pro Nutzer und Jahr betragen, was gerade kostenfreien Browsern das Genick brechen dürfte. Wo genau die Vermakter den Unterschied zwischen einem EPG in der bisherigen Form und einer klassischen Fernsehzeitung sehen, das entzieht sich meinem Verständnis. Außer natürlich, dass EPGs tagesaktuell sind, während Fernsehzeitschriften meist schon am Erscheinungstag wertlos und veraltet sind, weil die Sender mal wieder spontan ihr gesamtes Programm umgestellt, Serien ins Nachtprogramm verschoben und dafür die zweitausendste Wiederholung von Michael Mittermeyers Zapped in die Prime Time gehievt haben.

Der Kerngedanke dürfte sein “EPGs = neue Medien = Melkkuh = $$$”. Was ein schönes Beispiel dafür ist, wie man gezielt am Zuschauer vorbeidenkt. Und im Idealfall auch am eigenen Geschäftsmodell. Denn die Kohle spült weiterhin die Werbung rein. Und der Werbepreis bemisst sich bekanntlich danach, wieviele Zuschauer einschalten. Einschalten tun Zuschauer, wenn sie irgendwo erfahren, dass eine Sendung läuft. Und dafür hat ein Programm wie der TV-Browser definitiv gesorgt, gerade bei den kurzfristigen Programmänderungen. Ob man mit der neuen Gebühr wirklich mehr Geld macht, als man durch sie verliert? Wirkt auf mich eher wie ein weiterer Anfall jenes kurzfristigen Denkens, mit dem die deutschen Sender auch seit einigen Jahren ihr Programm planen. Aber, hey, wenn der letzte Zuschauer den Sendern erstmal weggelaufen ist, dann werden sie feststellen, dass Werbekunden ihre Spots nicht nur aus reiner Nächstenliebe schalten… aber zumindest kann man dann endlich das Programm ausstrahlen, das man schon immer ausstrahlen wollte. Ohne dass einem der fiese Zuschauer wieder dazwischen funkt.

(Und weil es so schön passt, hier nochmal der Verweis auf Oliver Kalkofes zielsichere Polemik auf den Münchener Medientagen. What he said. Exactly what he said.)

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What happened to “What Happened To Rock ‘n’ Roll”

Und zum Schluß noch eine Suchanfrage: Ich musste erschüttert feststellen, dass offensichtlich einige Mitglieder der jüngeren Generation Deutschlands größte musikalische Errungenschaft seit Wagners “Tannhäuser” nicht mehr kennen. Was vielleicht erklären würde, warum die deutschen Charts derzeit von R’n'B-Rabauken wie Timbaland, Berliner Jammerlappenpop von Ich + Ich und – Gott steh uns allen bei! – dem musikalischen Epos “Du hast den schönsten Arsch der Welt (Arsch der Welt! Arsch der Welt!)” von Alex C. feat. Y-Ass dominiert werden. Aber, wie soll denn je wieder guter, alter Rock ‘n’ Roll die Charts stürmen, wenn man die Bildungslücke bei der Jugend nicht schließen kann?

Will sagen: Bis auf diesen kleinen Schnippsel hier, konnte ich im gesamten Internet keine Spur der Wuthymne “What Happened to Rock ‘n’ Roll” von Thomas Gottschalk (er hat die Schnauze voll!) & die Besorgten Väter finden. Wäre es nicht wegen des Bildungsauftrags die Aufgabe… korrektur: die heilige Pflicht des ZDF sein, diese Kleinod deutscher TV- und Musikunterhaltung schnellstmöglich via Mediathek der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Denn wenn wir der fiftycentisierten Unter- und Mittelschichtenjugend endlich wieder lyrische Großtaten wie “Wenn meine Kinder Musik machen // Gibs für mich nichts mehr zu lachen” an die Omme dätzen, dann kehrt er vielleicht zurück, der Gitarrensound den Thomas Gottschalk braucht. Also, Thomas, ZDF, bitte: Bring back some Rock ‘n’ Roll. Wäre doch zu bedauerlich wenn dieses künstlerisch wertvolle, letzte Aufbäumen gegen Hip-Hop, Rap und Techno im Kinderzimmer der Vergessenheit ebenso anheim fallen würde wie Gottschalk Late Night, Gottschalks Haus-Party oder Gottschalk kommt.

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So. Und für euch gilt jetzt: Abschalten!

Bayern-Post: Halbzeit 2007/2008

Sunday, December 16th, 2007

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Bundesliga – Die Hinrunde

Herbstmeister also. Irgendwie. Mit einem Ergebnis und einem Spiel, welche die letzten zwei Monate besser zusammenfassen, als das tausend Worte tun könnten. Nicht dass mich das davon abhalten würde, hier mit der Wortgießkanne über den Rasen der Allianz Arena zu schreiten und mit der Heckenschere gegen Wortbildgewächse, wie das gerade verwendete, vorzugehen. Ribéry rennt wie ein geölter Blitz über den Platz, während in Berlin gemauert wird wie zuletzt 1961. Und je schneller Ribéry läuft, desto heftiger knallt er gegen die Mauer. Und der Frust nimmt mit jeder erfolglosen Spielminute zu. Am Ende ein Ergebnis, das man inzwischen sooft in Bayernspielen gesehen hat, dass man fragen muss, ob es nicht eine Jahreskarte für die Spiele des FCB erworben hat. Und falls dem so ist, ob man es nicht qua Gesetz vom Betreten des Stadions abhalten kann.

Der Saisonbeginn scheint weit, weit zurückzuliegen. War damals nicht noch Helmut Schmidt Kanzler? Commodore Trikotsponsor? Und hat nicht vor 17. Spieltagen noch Preußen Münster in der Bundesliga gespielt? Wir erinnern uns: Jene drei Spieltage, als der Stern des Südens aus drei Spielen 9 Punkte und 10:0 Tore mitnahm. Als die Presse begann am Rad zu drehen, von König Franck I. zu schreiben (gut, das war legitim, so beeindruckend wie der kleine Franzose etwa die Bremer beim 4:0 schwindelig spielte) und von einem FC Bayern zu fabulieren, der die Saison ohne Punktverlust, ja ohne Gegentor beenden könnte. Dem man vielleicht einfach die Meisterschaft jetzt schon geben sollte, vielleicht hätte er die freien Wochenende ja nutzen können um den Weltfrieden zu stiften oder ein Heilmittel gegen AIDS zu finden. Vorsichtigere Stimmen traten auf die Euphoriebremse und verwiesen darauf, dass die Spiele gegen den HSV und Schalke als Lackmustest dienen würden.

Und hier zeigte sich dann, dass der FCB eben auch nur mit Wasser kocht. Auch wenn er einen Wasserkocher benutzt, der mehrere Millionen kostet. Aus beiden Spielen holte man je einen Punkt und insgesamt ausgeglichene 2:2 Tore. Katastrophal ist etwas anderes, aber es zeigte den Fans, Spielern und Verantwortlichen, dass man gegen die Spitzenteams der Liga – die sich inzwischen darauf eingestellt hatten, dass im Herbst 2007 nicht mehr die Punkteverschenker des Frühjahrs 2007 unterwegs waren – ein konzentrierter Fußball gespielt werden musste, der vielleicht nicht so schön sein würde wie der Traumfußball der ersten drei Spieltage. Die von der Presse herbeigeredete Krise allerdings war übertrieben, denn beide Spielen hätten konzentriertere Bayern gewinnen können und vom 6. bis zum 10. Spieltag kehrte der FC Bayern zurück, den man Anfang der Saison zu fürchten gelernt hatte. 15 Punkte und 15:2 Tore, darunter auch ein 5:0 Triumph über Energie Cottbus. Zugegeben, das ist kein Spitzenclub, aber auch solche Mannschaften sind nicht nur als willige Opfer in der Liga. Wie ja Wolfsburg gestern auf brutalstmögliche Art mitbekam.

That being said: Irgendetwas ist zwischen Spieltag 10 und Spieltag 11 geschehen. Denn das Team das seitdem in Stadien quer durch Europa aufläuft, das ist nicht das Team das in der ersten Saisonhälfte unterwegs war. Ich kann nicht sagen, was passiert ist. Dass es nur am bösartigen Spielplan des “Fiat Punto Clio Cup” und der Ermangelung eines dritten Sonntagsspiels liegen soll, das halte ich nur für marginal glaubwürdiger als die Erklärung, dass Thomas Schaaf sich mit den Raëlianer zusammengetan hat, die den gesamten Bayernkader geklont haben, dabei aber jeden Funken Spielfreude dadurch ausgeschaltet haben, dass sie jedem Klon zumindest teilweise ballack’sche DNA einpflanzten. Bei Licht betrachtet halte ich die Klontheorie sogar für glaubwürdiger. Gab es nicht mal Gerüchte das Bremens Ex-Manager Willie Lemke für den Geheimdienst tätig war? Der könnte sowas sicher organisieren, oder?

Egal. Seit dem 11. Spieltag ist das da, was man an Spieltag 4 und 5 schon herbeischreiben wollte: Die Krise. Und ja, wir sprechen hier von Jammern auf dem hächsten Niveau, aber es gibt Grund zum jammern. Und wenn Uli Hoeneß jetzt sagt: “Man muss aufhören, ständig unzufrieden zu sein, denn wir sind Herbstmeister“, dann hat er damit natürlich Recht. Aber, ganz im Ernst, glauben tut er das doch selbst nicht. Außer natürlich die fiese werderbremianisch-raëlianische Weltverschwörung hat auch Uli Hoeneß geklont und ihm die DNA seines Bruders Dieter verpasst.

Die Bilanz der letzten sieben Bundesligaspiele spricht für sich. Zehn von 21 möglichen Punkten, dazu ein trostloses Torverhältnis von 4:4. Nur gegen Wolfsburg hat es der FCB geschafft mehr als eine Bude zu machen und gleich vier Mal durften die Spielberichtler jenes Kleinod deutscher Lyrik auspacken, das da heißt “Tore: Fehlanzeige”.

Das Problem ist, dass die Gegner inzwischen wissen, wie sie mit dem FC Bayern 2.0 umzugehen haben. Besonders die spielerisch schwächeren Teams. Der Trick ist es, Franck Ribéry auszuschalten. Der Herz und Gehirn der neuen Bayern ist. Kommt Ribéry nicht zum Zug, dann spielt auch der restliche Verein so wie letztes Jahr, kurz bevor die USA – gegen den Willen des Weltsicherheitsrats – in München einmarschierten und Felix Magath wegen Verbrechen gegen die Spielkultur in Garching aus einem Loch im Boden zerrten. Teams die versuchen Ribéry auszuschalten und dabei auch zu gewinnen, mit denen kann der FCB einigermaßen umgehen. Aber sobald andere Teams anfangen mit einem 10-0-0-System auf 0:0 zu spielen, ist die Offensive der Bayern ausgehebelt.

Die traurige Wahrheit ist, dass wir zwar Herbstmeister sind, man aber fast jedes Unentschieden (Dortmund mal ausgenommen, dass hätte in beide Richtungen schwingen können) hätte in einen Sieg verwandeln können. Und das nicht nur vom spielerischen Potential her. Man schaue sich mal das Spiel gegen Eintracht Frankfurt an, dass dem gegen Hannover 96 glich: Oliver Kahn kommt im ganzen Spiel 9 Mal mit dem Ball in Kontakt und könnte sich eine kleine Cabana im Strafraum basteln und sich da dann die Bundesligakonferenz im Radio anhören. Damit er am Samstag zumindest irgendwas mit Fußball zu tun hat.

Der restliche FCB drischt derweil fast 40 Mal das Runde aufs Eckige der Frankfurter. Aber, anders als gegen 96, schafft er es keine Bude zu machen. Was in gewisser Hinsicht auch eine Leistung ist, aber fieserweise vom DFB nicht mit Bonuspunkten belohnt wird. Zumindest Fair-Play-Punkte sollte es geben, dass man so freundlich darauf verzichtet hat die Frankfurter sturmreif zu schießen und zum Heulen zu bringen. Was dann dazu geführt hätte, dass – aus der ohnehin eher klammen Vereinkasse – die Ergotherapie für Oka Nikolov bezahlt werden müsste, der sich beim zwanzig Mal hinter sich greifen den Rücken verrenkt hätte. Gute Menschen, diese Bayern. (Der Fairness halber: Nikolov hätte in dem Spiel jeden Ball gehalten, selbst wenn die Bayern auf internationale Spitzenspielzüge wie den Teufelsdreier gesetzt hätten.)

Bei der bisher einzigen Saisonniederlage gegen Stuttgart, aber auch bei den anderen Unentschieden, wirkte das Spiel des FC Bayern stellenweise so lust- und ideenlos, dass ich immer mal wieder sicherheitshalber den Videotext einschalten musste um sicher zu gehen, dass ich nicht durch ein Zeitloch gefallen und im Herbst des letzten Jahres gelandet war. (Sollte das doch passiert sein, liebe Leser, setzen Sie bei Oddset lieber nicht zuviel darauf, dass der nächste Europameister England heißen wird. Nur so als Tipp, mit dem ich hoffentlich nicht das Raumzeitkontinuum zerstöre.) Die Flügel im Spiel des FCB waren meist verwaister als die deutschen Autobahnen am autofreien Sonntag und die Unschlagbarkeit der internationalen Spitzentaktik “immer hoch und durch die Mitte, irgendwas muss ja reingehen” scheint sich in der restlichen Liga noch nicht rumgesprochen zu haben.

Die Mannschaft steht und fällt mit Franck Ribéry. Was für dessen Klasse spricht, aber leider nicht für die Klasse des restlichen Teams. Das sah man auch heute wieder. Am Anfang und am Ende, als Ribéry sich voll reinkniete, da wirkte es so, als könne der FCB gewinnen. In der Phase dazwischen, als Ribéry voll manngedeckt war, entschloss sich der FC Ribéry in einen verspäteten Solidarstreik mit den GDL-Lokführern zu treten. Hoeneß hat natürlich Recht: Wir sind Herbstmeister. Wenn auch nur wegen der üblichen Unfähigkeit der restlichen Liga. Wer rechnet schon damit, dass sich die Weserkicker in der Vorwoche von Hannover 96 (wir erinnern uns: das Spitzenteam das diese Woche von Cottbus gedemütigt wurde) mit 4:3 schlagen lässt?

Aus einer rein gewinnorientierten Sicht ist das Minimalziel erreicht. Aber wenn das Festgeldkonto wirklich nur aufgebrochen wurde um diese Saison gegen Teams wie Frankfurt, Dortmund, Hertha und Duisburg nicht zu verlieren (Gewinn optional, aber nicht zwingend erforderlich), dann habe ich vielleicht ein falsches Anspruchsdenken. Aber, wie oben schon verzapft, das was der Hoeneß da sagt, das glaubt er ja selbst nicht.

Erste Zwischenrunde: Fiat Punto Clio Cup

Anfang der Saison, es war nach dem ersten Spieltag, da schrieb jemand im kicker (war es Karl-Heinz Heimann, der oft den Scheinwerfer, gelegentlich aber auch am Rad dreht?), dass der FC Bayern mit seinem diesjährigen Kader ein Favorit auf den Gewinn der Champions League wäre. Nach bisher fünf Spielen im Fiat Punto Clio Cup kann man dazu festhalten: Ääääääht, falsch.

Denn wirklich guten Fußball hat der FCB dieses Jahr im internationalen Unterhaus noch nicht gezeigt. Gut, das ist nicht im Ansatz so katastrophal wie die CL-Saison 2002/2003, als man mit 2 Punkten aus sechs Spielen heimfuhr, aber für ein Team das sich selbst eher an Real Madrid, dem AC Milan oder dem FC Chelsea, denn am AZ Alkmaar, dem AE Larisa oder Kommentatorenschreck Dnjepr Dnjepropetrowsk messen lassen will, sollte schlicht mehr drin sein. Wenn schon die Herbstmeisterschaft primär darauf zurückzuführen ist, dass die anderen Teams es hassen Chancen zu ergreifen, dann gilt das in dieser Gruppe des Fiat Punto Clio Cups erst Recht: Mit soliden 5 Punkten aus 3 Spielen hat man am kommenden Mittwoch immer noch die Chance Gruppensieger zu werden. Oder gegen den punktgleichen Tabellenzweiten aus Griechenland rauszufliegen. Auch das würde ich der Mannschaft in der derzeitigen Form zutrauen.

Das beeindruckendeste an der bisherigen internationalen Spielzeit war definitiv der “Rasen” der uns im Spiel gegen Roter Stern Belgrad präsentiert wurde. (Ich würde es Acker nennen, aber dann würden mich die gesammelten Teilnehmer an Bauer sucht Frau wegen Rufschädigung abmahnen lassen.) Hey, Roter Stern, ich finde es ja toll, dass ihr ein Mahnmal habt um den Greueln des Kosovo-Krieges zu gedenken… aber müsst ihr das Teil ausgerechnet in eurem Stadion auslegen?

Anyway, die Vorrunde durch zwei – nie wirklich gefährdete, aber auch nicht sonderlich souverän wirkende – Arbeitssiege überstanden und dann in der Gruppenphase… *sigh*… sowohl gegen Braga (das Stadion mit der malerischen Naturkulisse, die als Spielfläche sicher geeigneter ist als das Rasenimitat in Belgrad), als auch gegen Bolton (wir erinnern uns, die Stadt mit der horrenden Gangkriminalität, die nicht Ipswich ist) wären Siege zwingend erforderlich gewesen, hätte man nicht fahrlässig Chancen im Familienpack verschenkt und den Gegner quasi eingeladen doch bitte den Ausgleich zu erzielen. Schriftlich eingeladen. Wobei man die Einladung mit einem Tintenfüller in Handschrift verfasste. Und mit kleinem Herzchen über dem i von Ausgleich versah.

Bolton, herrje, die standen zum damaligen Zeitpunkt auf Platz 19 der Premier League, hatten in 12 Spielen einen ganz Sieg eingefahren (ein Gefühl, dass ich als Bayernfan wohl auch noch diese Saison kennenlerne, wenn der Hang zum 0:0 anhält) und feiern das 2:2 als eines der größten Erfolgserlebnisse der Vereinsgeschichte. Und ganz im Ernst, der Sieg gegen Belgrad war auch das exakte Gegenteil von eindeutig. Zumindest konnte Belgrad so zwei Tore schießen. Wäre ja ärgerlich, würde man ganz ohne Torerfolg aus der Gruppenphase scheiden, gell?

Auch hier zeigt sich der neue, menschliche FC Bayern, der in dieser Form Chancen auf den Friedensnobelpreis nächstes Jahr hat. Am Mittwoch wird es entscheidend. Für den FCB im Allgemeinen, für Hitzfeld im Speziellen. Denn ein Ausscheiden in der Zwischenrunde des Fiat Punto Clio Cups mit dieser Truppe – gegen Fußballgroßmächte wie eben Bolton, Belgrad oder Braga – dürfte im Bayern-Schmachschrank im gleichen Regal landen wie das 0:1 damals gegen Vestenbergsgreuth. Sollte es so kommen, man darf die Schuld bei sich selbst suchen. Denn mit den bisher verschenkten vier Punkten wäre man sicher in der nächsten Runde und könnte jetzt gelassen der Winterpause entgegensehen.

Hilde, der FC Hollywood ist wieder da

Lange war er verschollen, der gute, alte FC Hollywood. Einige vermuteten, dass er ins Bernsteinzimmer gezogen wäre und dort Yes-Törtchen verspeiste, während er zusammen mit dem Yeti William Shakespeares Xenomorph las und sich von mehreren verlorenen Symphonien Schuberts berieseln lies. Wieder andere vermuteten, er wäre zusammen mit Amelia Earhart nach Atlantis gezogen, wo er für Stefan Effenberg eine Hörbuchversion der Hitlertagebücher aufnehme. Egal was die Wahrheit sein mag: Seit November ist er wieder da, jener FC Hollywood, dessen bloße Erwähnung bei der Sportjournaille zu multiplen Orgasmen führt.

Alles begann mit dem unglücklichen saudummen 2:2 gegen Bolton. Danach machte Kalle Rumpelstilzchen seinem Spitznamen alle Ehre und nahm Ottmar Hitzfeld öffentlich aufs Korn: “Wenn man zu so einem Spiel 66.000 Zuschauer ins Stadion bringt, haben die ein Recht auf die beste Mannschaft und nicht auf irgendetwas anderes. Fußball ist nicht Mathematik. Ich sage nicht, wen ich dafür kritisiere. Ich sage nur: Ich bin stocksauer. [...] [Podolski und Ribéry] Die beiden haben Extraklasse gespielt, aber leider nur 65 Minuten.” Unrecht hatte Rummenigge damit natürlich nicht, die Frage war nur, ob man das Bitchfest so in die Öffentlichkeit tragen und Hitzfeld damit das erste Bein des Trainerstuhls unterm Hintern wegschießen musste. Hitzfeld giftete zurück: “Ich hoffe, dass ich das Fußball-Einmaleins kann.

Anschließend fuhren Hoeneß, Rummenigge und Hitzfeld gemeinsam in den Stadtwald um einen Baum zu holen, der jetzt brennen konnte. Seit Rummenigges Frontalangriff auf den Fußballlehrer aus Lörrach wurde von der Vereinsspitze kein Mistelzweig in Richtung Hitzfeld gereicht, der Trainer wurde nicht öffentlich aus der Schußlinie genommen. Eine Verhaltensweise, die nicht nur mir bekannt vorkommen dürfte. Felix Magath erging es letzte Saison nicht anders und auch die erste Abschiebung Hitzfelds verlief nach einem ähnlichen Muster.

Eines steht, so wie es bisher aussieht, fest: Ottmar Hitzfeld wird nächste Saison nicht mehr an der Säbener Straße trainieren. (Und ich fragte ja schon, wieso er sich den Job überhaupt nochmal angetan hat..) Die Frage ist nur, ob er das Minenfeld FC Bayern bis 2009 überleben wird. Mit der Herbstmeisterschaft ist, egal wie knapp, das Minimalziel erreicht. Aber sollte der FC Bayern am Mittwoch aus dem Cup gekegelt werden, dann sollte man nicht ausschließen, dass schon zu Beginn der Rückrunde ein neuer Mann am Spielfeldrand stehen wird. Und bei der angespannten Stimmung, die derzeit vom Präsidium ausgeht, ist auch nicht garantiert dass Herbstmeisterschaft und weiterkommen den Verbleib Hitzfelds bei den Bayern garantieren. Yep, ein Trainer dessen Team in dieser Saison nur einmal verloren und nur 8 Gegentore kassiert hat, steht nach dem Abschuß Middendorps bei Bielefeld (keine Sorge, Arminia, der kommt wieder… das tut er ja immer) ganz weit oben auf der Liste der Wackelkandidaten. Der FCB hat seine eigenen Gesetze.

(Wobei man natürlich Kalle Rummenigge fragen darf, ob es bei der Suche nach einem potentiellen Nachfolger hilft, dass man den Trainer auf diese Art offen zum Schafott führt. Internationalen Spitzentrainer dürfte der Aktionismus des Präsidiums, das ja ohnehin als nicht sonderlich zurückhaltend bekannt ist, nicht eben wie eine Einladung mit offenen Armen erscheinen. Wenn das so weitergeht, dann wird vielleicht Kalle R. unter Beweis stellen müssen, was er in seinem eigenen SNES-Spiel so alles gelernt hat und den FCB höchstpersönlich zum Gewinn des Uefa Cups der Champions League der Fußballweltmeisterschaft führen müssen.)

Kaum dass die Hitzfelddebatte in den Hintergrund zu treten drohte, kam es zur nächsten Schaueinlage. Die Fans mussten sich mit der Nationalelf rumlangweilen, da entschloß sich Herr Hoeneß persönlich in die Bresche zu springen und explodierte publikumswirksam auf der Jahreshauptversammlung. Natürlich kam, wie zu erwarten war, der Trapattoni-Vergleich, weil die Damen und Herren vom Sportboulevard halt auch davon leben, jedes noch so kleine Ereignis zu einer ZOMG!-Katastrophe nie gesehenen Ausmaßes aufzublasen. Was nichts daran ändert, dass Hoeneß Auftritt unglücklich war. Gut, ich bin nun sicher kein Fan der “Wir sind bessere Fans als wie ihr!”-Attitüde einiger Ultras und der Mann musste sich ein paar sehr debile Fragen und Vorwürfe gefallen lassen (“Herr Hoeneß, warum hat der Geheimdienst des FC Bayern weder den 11. September, noch die Hypothekenkrise verhindert?”)… aber jeder Vorwurf ging wohl nicht ins Leere. Besonders was die Stimmung im Stadion angeht, die zumindest zum Teil durch Umgestaltung des Blockssystems geändert werden könnte. (Wobei ich als Distanzfan da natürlich auf die Stadiongänger Thomas und Probek verweisen würde.) Aber der Ausbruch war… ungeschickt.

Besonders weil Hoeneß direkt danach im Blickpunkt Sport noch ein paar weitere Schippen ins Feuer legte. Wer mal wissen will, wie es so in einer Diktatur aussieht, wenn sich el Presidente von den gleichgeschalteten Medien die Füße lecken lässt, der muss nur mal Blickpunkt Sport im BR angucken, wo Hoeneß unwidersprochen die hiesigen Ultras vom Club 12 und der Schickeria München mit den rechtsgerichteten, radikalen Ultras in Italien gleichsetzt und sie zu geheimen Untergrundorganisationen stilisiert, die sich (how shocking!) im Netz nicht mit Klarnamen zu erkennen geben, sondern Pseudonyme verwenden und sich weigern dem FCB Namen und Adresse bekannt zu geben. Und die Hofpostille Sport-ZEITUNG teasert daraufhin: “Hoeneß fürchtet um sein Leben.” Wobei es eigentlich nur darum geht, dass Hoeneß mit seinem Rücktritt droht.

Während auch diese Bagatelle bald aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden war, nistete sich der FCB – siehe oben – sportlich im Mittelfeld ein und präsentierte sein neues Credo: “Die Null muss stehen – vorne und hinten!” Und aus Angst, dass die Presse den Spaß an den Torschußverweigerern im Schlauchboot verlieren könnte, ging es dann letzte Woche nochmal richtig rund: Hitzfeld schmeißt Kahn aus dem Aufgebot für das Spiel gegen Hertha! Wobei nicht ganz klar ist, warum. Die offizielle Erklärung: Kahn verließ die Weihnachtsfeier des FCB ein paar Stunden zu früh um mit Deutschlands bekannster D-Prominenter Verena K. abzuzappeln (deren Stellung als Kapitöse im All Star Team der Spielerfrauen inzwischen bedroht wird von Loddars Neuer). Das verstieß gegen die Vereinstradition – erst richtet der Kapitän ein paar Worte an die Sponsoren, dann macht der Präsident der Sekretärin ein Kind – weshalb Hitzfeld durchgreifen musste.

Aufgrund der akut angespannte Situation geisterten natürlich auch genügend andere Versionen herum: Kahn wurde suspendiert, weil er im Kicker die neuen Stars Toni und Ribéry kritisiert hatte. Hitzfeld griff zu diesem drastischen Mittel, um den Spielern zu zeigen, dass er noch nicht weg ist und sich auch nicht so leicht wegbekommen lässt. Und hat zu diesem Zweck auch gleich ihn hier als offiziellen Pressesprecher des FC Bayern eingestellt. Alternativ kann es auch sein, so munkelt man, dass Hitzfeld gar nicht von sich aus gehandelt hat, sondern auf Druck aus dem Präsidium. Auch das möchte man, wenn man den Führungsstil von Rummeneß bedenkt nicht ausschließen.

Kaderschmiede: Die Einzelkritiken

Der Trainer: Man muss kein Pessimist sein, um zu sehen das Ottmar Hitzfelds Zeit beim FC Bayern abläuft. Die Frage ist nur: Wann? Läuft es gut, dann wird Hitzfeld die Saison überstehen. Scheidet der FC im DFB Pokal aus oder fällt er in der Tabelle auf Platz 2, dann wird es eng für den sympathischen Proffi mit Doppel-F. Und sollte der FCB am Mittwoch im Fiat Punto Clio Cup ausscheiden, dann würde nicht darauf wetten, dass die Trainingseinheiten im Januar 2008 noch von ihm geleitet werden. (Angeblich steht der Fluchtjet zu den Gnomen von Zürich ja schon auf Abruf bereit.)

Die Kritik an Hitzfeld ist nicht völlig unbegründet: Auch mit der neuen Startruppe verfällt er gerne in Muster, die schon das Ende seiner letzten Trainerphase beim FCB so unschön gestalteten. Da ist zum Beispiel die Tendenz zur Defensivtaktik. Muss man gegen eine Mannschaft wie Frankfurt oder Duisburg – die offensichtlich nicht wissen, dass das Spielfeld jenseits der eigenen Hälfte weitergeht – tatsächlich starr auf der Viererkette beharren? Müsste man da nicht, auf die Gefahr sich einen Konter zu fangen, drücken bis zum geht nicht mehr und versuchen die Frankfurter schwindelig und müde zu spielen? Statt kurz vor Schluß nochmal zu ziehen und ein Schlaudraff oder Kroos zu bringen, wird dann lieber der eine Punkt verwaltet und ein Willy Sagnol eingewechselt. Sicher: Ein Punkt ist ein Punkt. Aber wenn man zwei Mal ein 0:0 verwaltet, dann hat man immer noch einen Punkt weniger als wenn man einmal durch einen Konter in der Schlußoffensive verliert, aber dafür das nächste Mal gewinnt.

Und da ist Hitzfelds Tendenz dazu Ergebnisse, egal wie knapp der Vorsprung ist, zu verwalten. Solange das gut geht: Fein. Aber es geht eben nicht immer gut. Siehe Bolton. Da führte man 2:1 und Hitzfeld nahm mit Ribéry, Schweinsteiger und Podolski die kreativen Elemente des Spiels schon früh vom Platz. (Podolski ging, er sollte sich für das Wochenende schonen, schon nach Minute 58.) Das Resultat: Bayern spielte den Ergebnisfußball der letzten Jahre. Mit dem bekannten Ergebnis. In diesem Fall war das ein 2:2.

Aber: Man muss Hitzfeld auch Dinge zugestehen. Er hat eine denkbar ungünstige Position. Zu Saisonbeginn, als alles nach Plan lief, da wurde so getan, als bräuchte das Team keinen Trainer. Als würden Ribéry, Klose und Toni das ganz unter sich ausmachen. Jetzt wo es plötzlich mies läuft, soll nur Hitzfeld alleine schuld sein? Ach komm. Gut gezz, saufen und kotzen gleichzeitig kann selbst der FC Bayern nicht. Hitzfeld ist derjenige, der den Umbruch beim FC Bayern forciert hat. Ohne ihn gebe es die Neuzugänge wohl nicht. Und die Neuzugänge sind wichtig: Bisher wurden 27 Bayernbuden von den neuen Spielern geschossen, nur 4 Tore wurden von Spielern erzielt, die schon letzte Saison da waren. Das spricht eine deutliche Sprache. Und er hat es geschafft ein stabiles Mittelfeld zu basteln, das eben nicht nur aus Ribéry besteht, sondern in dem auch van Bommel, Demichelis und Zé Roberto wiederholt Spitzenleistungen gebracht haben.

All das sollte man nicht übersehen. Hitzfelds Schlüsselaufgabe wird es sein, über die Winterpause hinweg den FCB zusammenzuschweißen, zu einer Einheit zu machen – man hört ja viel darüber, dass eine klare Trennung zwischen den Deutschen (mit Ehrengast Mark van Bommel) und den schlecht integrierten ausländischen Stars bestehe. Und einen Weg zu finden, die Lethargie zu brechen, Spielfreude zu wecken und die Spieler zu motivieren. Eine schwere Aufgabe, die nicht gerade erleichtert wird, durch das Damoklesschwert (Otto Rehagel Gedächtnisversion) das über seinem Kopf baumelt.

Die Torhüter: Ich wollte zwar das Rensing mehr Spielpraxis bekommt, aber doch nich auf diese Art und Weise. Egal, durch Verletzung oder Ausmusterung Kahns hat Rensing in dieser Saison schon 8 Mal spielen dürfen und dabei nur sieben Gegentore kassiert. Gute bis solide Leistungen erbrachte er, aber gelegentlich – etwa beim 2:3 gegen Belgrad – wirkte er etwas unsicher. Ich gehe aber stark davon aus, dass die Routine noch kommt. Die Bundesligareife hat er bisher auf jeden Fall bewiesen. Bei Oli Kahn droht derweil der Abriss des eigenen Denkmals. Eine Suspendierung wäre vor einigen Jahren selbst dann nicht angedacht worden, hätte er ein Loch in Andreas Herzog getreten. Die Gerüchte davon, dass Kahn im Verein isoliert ist und keinen Fürsprecher mehr hat, scheinen sich zu bestätigen. Es wäre bedauerlich wenn Oli Kahn auf die gleiche Art bei Bayern ausscheiden würde, wie damals Lothar “Nicht mal Greenskeeper” Matthäus. Denn die Saisonleistung ist bisher, wenn er mal beschäftigt ist, auf gewohnt hohem Niveau. Bernd Dreher freut sich derweil auf die Rente und keinen Bock nochmal ran zu müssen. Der hofft einfach nur, dass er nicht doch noch Ersatzkeeper wird, sollte Oli Kahn noch während der Saison komplett aus dem Kader geworfen werden.

Die Abwehr: Die Verteidiger des FC Bayern haben ja bisher wenig zu tun gehabt. Mit 8 Gegentoren ist man da Ligakönig. So wenig Buden hat in den letzten zehn Jahren kein anderer Herbstmeister kassiert. Was zum Teil auch daran liegt, dass viele Vereine diese Saison vor den FCB stehen wie das Kanninchen vor der Schlange und jede Sturmbemühung einstellen, aus Angst sie könnten sich sonst ein Gegentor einfangen. Aber: Wenn der Gegner doch mal durchkommt und kontert, oder so wie Stuttgart richtig Druck macht, dann sieht das stellenweise schon eher ungelenk aus, da hinten. Christian Lell beispielsweise ist bestenfalls ein Notnagel. Ein talentierter Notnagel vielleicht, aber nicht bundesligareif. Dafür ist er dann doch noch zu unerfahren. Seine 16 Einsätze in diesem Jahr liegen auch am Verletzungspech der anderen Defensivspieler. (Btw: Lell lebt ganz offensichtlich Berti Vogts Credo aus, dass Gewalt nicht ins Stadion gehört sondern zuhause mit der Freundin ausgelebt werden sollte. Ob das wohl für einen Posten in der nigerianischen Nationalelf reicht?)

Verletzungspech. Beweisstück A: Jansen, Marcell. Der Neueinkauf war – auch hier zeigte Hitzfeld Händchen – dieses Jahr noch das Beste was defensiv über die Außen spielte. Jansen machte einen besseren Eindruck als Lell oder Philipp Lahm. Zumindest bis ihn der Bänderriss Anfang November außer Gefecht setze. Bleibt zu hoffen, dass er nach seiner Rückkehr ins Team nicht unter ähnlichen Nachwehen leidet wie Podolski, Schweinsteiger oder besagter Lahm. Der wirkt nämlich im Spiel gehemmt und erschreckend unaggressiv. So als habe er Angst, er könne sich erneut verletzen. 2009 endet der Vertrag und angeblich habe der Nationalspieler für die Zeit danach schon bei Barca unterschrieben. Sollte dem so sein, dann sollte man – bei der bsiherigen Form – darüber nachdenken ob man ihn nicht schon jetzt gehen lässt. 15 Millionen soll er angeblich wert sein. Das könnte, bei seiner bisherigen Leistung, eine gute Abfindung sein um einen langfristigen Ersatz zu suchen.

[Edit: Hier stand mal der Blödsinn, dass Hannover 96 dem FCB 8,5 Millionen für den unzufriedenen Valerien Ismaël überweist. Das kommt daher, dass ich - wie Boris zu Recht in den Kommentaren anmerkt - zu blöd bin Pressemitteilungen zu lesen. Tatsächlich überweist Hannover 96 nur 200.000 Ecu. Was für die Leinekicker billig ist und für Bayern ein weiterer gefloppter Großtransfer. Aber: Immer noch besser als Ismaël bis zum Vertragsende sein Gehalt auszahlen zu müssen.]

Apropos unzufrieden. Das ist Daniel van Buyten der diese Saison seine Zeit auf Bank und Tribüne absitzt, bis er verkauft wird. Nach dem grottigen letzten Jahr ist er dieses Jahr kein integraler Teil der Abwehr mehr. Und auch Willy Sagnol will weg. Der war von April bis November verletzt und dann unzufrieden, dass er nicht sofort wieder in der Startelf gesetzt war. Was, bestenfalls, ramdösig ist. Lell ist keine Bedrohung, Lahm spielt bisher eine schwache Saison, Jansen ist verletzt, Ismaël geht zu den 96ern, Lucio ist gesperrt und van Buyten irrelevant. Da wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, ehe der Franzose wieder die Abwehr dirigiert hätte. Die Freigabe, sagt die Presse, hat Hoeneß ihm erteilt. Man habe sowieso zu viele Spieler. Zur Strafe wurde Sagnol aber im Fiat Punto Clio Cup noch für ein paar Sekunden auf den Platz geschickt. Wechselt er nicht zu einem Championsleaguisten, so wird er diese Saison international nicht mehr tätig.

Lucio spielt derweil, nachdem er sich letztes Jahr dem Niveau der Restmannschaft angepasst hatte, eine hervorragende Saison. Nach dem Ausfall Sagnols war er der klare Abwehrchef und auch in schlechten Spielen einer der motiviertesten Männer auf dem Platz. Sicher stehend, gut ordnend… bis er sich dann in Stuttgart übermotiviert die Rote abgeholt hat und damit bis zum Start der Rückrunde gesperrt wurde. Wo so viele gehen, könnte es sein dass Mats Hummels, bayerisches Jungtalent, in der Rückrunde sein Ligadebut gibt. Außer er geht leihweise zum BVB, der angeblich Interesse an ihm hat. Als Ausgleich für den Weggang von Ismaël und den potentiellen Abgang von van Buyten und Sagnol kommt ab Jännar 2008 Breno. Der ist 18 Jahre alt, laut Giovanne Elber 18 Millionen Dollar wert (Nachtrag: wobei, der Dollarschwäche wegen bekommt dafür ja im Intersport heute kaum noch ‘nen Sack Trainingsbälle), ein Jahrhunderttalent – zumindest aber Weltklasse – und Brasilia… ach, scheiße!

Es gibt so Wortkombos die will man nicht lesen. Sowas wie “Gesetzesentwurf”, “durchgewunken” und “Schäuble”. Oder “Deutscher”, “Meister” und “Schalke”. Und eben “Jahrhunderttalent”, “Bayern” und “Südamerika”. Ich will nicht pessimistisch wirken, aber die Vereinshistorie lässt da nicht mehr als sehr vorsichtigen Optimismus zu. Erinnert sich noch jemand an das Jahrhunderttalent Roque Santa Cruz? Und haben wir nicht diese Saison ein Jahrhunderttalent im…

Mittelfeld: Stimmt. Und zwar Sosa. Für den hat man 9 Millionen auf den Tisch gelegt. Im Gegenzug spielte der gute Mann diese Saison schon volle 134 Minuten (Liga + Fiat Punto Clio Cup) in denen er exakt 0 Tore erzielte, aber immerhin auch 0 Vorlagen gab. Und gegen den BVB, wo er mal einen langen Einsatz hatte, zeigte sich, dass es letztlich egal ist ob er auf dem Platz steht oder man mit 10 Spielern aufläuft. Bisher ein typisches Bayerntalent. 99% der Südamerikaner spielen wie junge Götter. Irgendwie schafft es der FCB sich immer das andere 1% zu importieren. Auch das ist eine Leistung.

Abgesehen davon ist das Mittelfeld diese Saison kaum zu beanstanden, zumindest wenn es gut läuft. Fangen wir da an, wo es selbst dann noch Beanstandungen gibt. Ottl ist – wie Lell – eher ein Ergänzungstalent als ein Stammspieler. Und Bastian Schweinsteiger ist von seiner WM-Leistung immer noch weiter entfernt als Kurt Beck von der Kanzlerschaft. Schwaches Passspiel, kaum Zug nach vorn und nur selten gehen kreative Impulse von ihm aus. Was aber auch daran liegt, dass Schweini sich zu Scholl oder Deisler 2.0 entwickelt: Das Talent ist da, wird aber vom Verletzungspech ausgehebelt. Bei Schweini ist es das linke Knie, an dem er schon die ganze Zeit laboriert. Ist es die Borrelliose? Sind die Zähne schuld? Oder hat ihn Lukas Podolskis Freundin von Papa Shango mit einem fiesen Voodoo-Fluch belegt? So lange das Knieproblem nicht behoben ist, wird Schweini wohl weiter seiner alten Form hinterherlaufen.

Während alles von Ribéry schwärmt, wird übersehen dass einer der wichtigsten Mittelfeldeinkäufe dieser Saison der Rückkehrer Zé Roberto ist. Der spielt, als wäre er nie weggewesen und gibt dem Mittelfeld nach hinten eine Sicherheit, die in der letzten Saison komplett gefehlt hat. Lucios gute Leistungen gehen auch darauf zurück, dass er und Zé perfekt miteinander harmonieren. Und zusammen auch noch Martín Demichelis mitziehen, der zum ersten Mal seit er 2003/2004 zum FCB wechselte, konstant die Leistung zeigt, die uns damals versprochen wurde. Und auch Zé muss für seine Konstanz gelobt werden: Denn selbst in Phasen in denen Altintop und Ribéry schwächeln, hängt sich der brasilianische Senior voll rein. Respekt.

Hamit Altintop hat derweil, zumindest in der ersten Hälfte der Hinrunde, auch geglänzt und sich wohlig in die Rolle von Brazzo Salihamidzic eingefügt. Drei Tore, vier Vorlagen, kreatives und motiviertes Spiel. Respekt an Hitzfeld, dass er den – von mir als Bankdrücker eingeschätzten – Ex-Schalker so gut ins Spiel integriert hat. Neben Zé und Ribery war er zu Beginn der Saison definitiv die tragende Säule im Mittelfeld. Leider gilt auch hier, dass dem Höhenflug der tiefe Sturz folgte. In den letzten Spielen wirkte Altintop erschreckend lustlos und ausgelaugt. Hoffen wir, dass die Winterpause ihn zur alten Form zurückbringt.

Was auch für den Star des Teams gilt: Franck Ribéry. Der ist, so dämlich das klingt, zu wichtig für den FCB. Spielt Ribéry sein Spiel, dann ist der FC Bayern zumindest national nicht zu stoppen. Wenn er zaubert, dann zaubert er wirklich auf Weltklasseniveau und bringt eine Magie in die Bundesliga, das bisher der Serie A, der Primera Divisiona oder der Premier League vorbehalten schien. (Bremen hat das am eigenen Leib gespürt.) Geschwindigkeit, Technik, Spielübersicht, Tricks… das ist wirklich der Hammer. Nur: Ist Ribéry verletzt (wie gegen Dortmund), ist er gut gebunden oder hat keine Lust (angeblich soll ihm der deutsche Winter zu kalt sein), dann spielt der ganze FC Bayern so, als wäre das ballackförmige, Spielfreude fressende Monster der letzten Jahre wieder zurück. Und das war in den letzten Wochen zu oft der Fall.

Es ist schwer zu sagen, was man dagegen tun soll. Der FC Bayern kann sich nicht voll darauf konzentrieren Ribéry von den restlichen Gegnern abzuschirmen. Ein zweiter Kreativspieler im Mittelfeld wäre derzeit Gold wert. Denn derzeit weiß der Gegner: Alles auf Ribéry einstellen und die Bayern sind entmannt. Und spielt das auch oft genug, was nicht mehr möglich wäre, müsste man auf zwei Mittelfeldzauberer aufpassen. Die andere Hoffnung ist, dass die Gegner es schaffen den vernarbten Spaßvogel so richtig wütend zu machen. Denn wenn er wirklich wütend ist, dann wird er euch nicht gefallen. Das haben die Bielefelder Fans erleben müssen. Die Genialität ist da. Allein an der Konstanz mangelt es derzeit.

Das zweite Kreativzentrum könnte, in der nahen Zukunft, Toni Kroos werden. Der war stellenweise sehr stark (gegen Cottbus), stellenweise sehr schwach (gegen Bielefeld), aber für seine 17 Lenze ist der Knabe ungeheuer beeindruckend. (Vielleicht kauft ihn ein südamerikanischer Verein für 20 Millionen Euro.) Es gilt jetzt Kroos langsam aufzubauen, ihn nicht zu stark zu pushen, aber ihn trotzdem schrittweise in die erste Mannschaft einzuführen. Das Talent hat er, weshalb er – wenn er auf dem Platz steht – selbst als Junior die Freistöße schießen darf. Und: Ohne Kroos wären wir womöglich nicht einmal über die erste Runde des Fiat Punto Clio Cups hinausgekommen.

Mark van Bommel lebt derweil auf, jetzt wo er nicht mehr das ganze Mittelfeld auf seinen Schultern tragen muss. Stellenweise entwickelt der gallig-rumpelfüßige Antreiber sogar sowas wie Spielkultur. Allerdings ist er auch deutlich hinter Ribéry und Zé nur noch die Nummer Drei im Bayernmittelfeld. Und er muss eine neue Rolle für sich finden, gelegentlich wirkt er wie ein Fremdkörper im neuen Mittelfeld. Vielleicht kann van Bommel die Rolle eines Eishockey-Goons übernehmen, dessen Aufgabe es dann wäre die Gegner so einzuschüchtern, dass sie Ribéry nicht einmal mehr böse angucken. Weder auf dem Spielfeld, noch nachher im Fernsehen in der Sportschau. Das sollte er können…

Sturm: Ich habe es gesagt, und ich sage es nochmal: Wir haben zu wenig Stürmer. Erinnert sich noch jemand an das Spiel gegen Lissabon? Poldi hatte die Vogelgrippe, oder sowas. Schlaudraff war weiterhin langzeitverletzt und Kloses Knie war kaputt. Als einzige Spitze blieb Luca Toni. Gut da ist noch Sandro Wagner, der bisher vier Mal kurz vor Schluß eingewechselt wurde, aber dem Knaben fehlt es (noch) am Killerinstinkt. Wir brauchen einen echten fünften Stürmer, so ein Engpass kann ganz schnell wieder kommen.

Wobei natürlich nicht nur Sandro Wagner der Killerinstinkt fehlt. Die Chancenauswertung der Bayernstürmer zeigt, dass sie in Mathe nicht aufgepasst haben. Wenn man aus zehn 90% Chancen nur eine Bude erzwingt, dann hat man da irgendwas falsch verstanden. Wobei, gelegentlich trifft man das Tor auch gar nicht. Ich würde sagen, sowas rächt sich irgendwann, aber das tut es ja schon seit ein paar Wochen. Es ist nicht so, dass die Torflaute der zweiten Hinrundenhälfte daran läge, dass man keine Torchancen hätte.

Luca Toni hat zu Saisonbeginn die wichtigen Buden gemacht. Fünfmal erzielte er das 1:0… aber leider hat er seit Spieltag 9 nur ein weiteres Tor und eine weitere Vorlage erzielt. Und von Spieltag 10 bis 16 einen Kickernotenschnitt von 4,29 erhalten. Seit kurzem werden Tonis spielerische Schwächen deutlich: Unsichere Annahme hoher Bälle und das häusliche einrichten im Abseits. Inklusive Lesesessel, Solarium und Playstation 3 auf der er das neue Pro Evo zockt. (Wo er immer haushoch gewinnt, weil er die Abseitsregel ausschaltet.) Vielleicht kennt man das Abseits ja in Italien nicht. Was vorne derzeit fehlt, ist Konkurrenz.

Denn ehrlich: Der einzige andere Stürmer den wir derzeit haben ist Miroslav Klose. Und der spielt mit Toni zusammen, er kämpft nicht gegen ihn um seinen Platz. Traumstart in die Saison und seit Spieltag 9 ähnlich schwach wie Toni und ebenfalls mit einem ganzen Torerfolg auf dem Bettpfosten. Da wo Klose zu Beginn wuselte wie ein Derwisch, da schleicht er jetzt müde und demotiviert über den Platz, so als fehle ihm jeder Zugang zur restlichen Mannschaft. So einsam und gedankenverloren wirkt er, man könnte glauben er würde in jedem Spiel den Geist von Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 channeln.

Ich wünschte mir jetzt, auch das sagte ich ja schon zu Saisonbeginn, wir hätten Roy Makaay gehalten. Denn ein motiverter Stürmer, der sich jetzt beweisen will und damit auch Klose und Toni Druck macht, der fehlt. Und Verlass war auf “das Phantom” immer. Denn wer soll sonst vorne Druck machen? Lukas Podolski bleibt das Sorgenkind des FCB. Vielleicht ist es mit ihm und Schweinsteiger wie mit Frauen, deren Menstruationszyklus sich angleicht. Beide sind entweder zusammen ganz stark oder, so wie derzeit, ganz schwach. Bisher wurde der Prinz neun Mal ein- und einmal ausgewechselt. Maximalspielzeit: 45 Minuten, normalerweise stand er aber weniger als 30 Minuten auf dem Platz. Damit wird Poldi jede Woche länger bei Schmidt & Pocher imitiert, als er in der Allianz Arena auf dem Rasen steht. Das einzig gute Spiel dieser Saison war gegen Bolton. Und da wurde er erst ausgewechselt und dann wurde seine Leistung übersehen, wegen des Rosenkriegs Rummenigge gegen Hitzfeld. In dieser Form sehe ich Poldi nicht mehr lange beim FCB.

Und Jan Schlaudraff? Den habe ich, erneut, im Sturm eingeordnet, damit es hier nicht ganz so öde und verlassen wirkt. Seit seiner Verletzung in der Saisonvorbereitung hat er kaum Spielpraxis bekommen. Insgesamt 103 Minuten stand er in Liga und Cup auf dem Platz, getroffen hat er bisher nur in einem Spiel der Bayern Amateure. Schwer zu sagen, wie er sich letztlich einfügen wird, wenn er wieder fit ist. Aber die Notwendigkeit eines weiteren Stürmers sollten die letzten sieben Spieltage dem Präsidium vor Augen geführt haben.

Der Ausblick

Die Krise – von der allen Realisten klar war, dass sie kommen würde – ist da. Es ist eine, das sei zugegeben, Luxuskrise. Aber der derzeitige Bayernkader muss mehr zu Stande bringen als ein 0:0 gegen die Meidericher, Äbblwoischlürfer oder Herthasten. Gut, Herbstmeister ist fein und man muss nicht alles kaputtreden. Aber wenn Muhammad Ali, in seiner Hochphase und als Schwergewichtsweltmeister, gegen das kleine Mädchen antritt, das damals Schni-Schna-Schnappi gesungen hat… und am Ende der 12 Runden nach Punkten ein Unentschieden erzwungen hat, weshalb er den Titel behalten darf, dann ist Ali zwar weiterhin Weltmeister, aber enttäuschend ist das schon. (Hinweis: Ja, in meiner Phantasie tritt Ali gegen Menschen an die mich nerven. Nein, normalerweise gewinnt er durch KO… erste Runde, erste Minute. Ali boma-ye!)

Der Baum brennt: Primär sportlich. Und zeitgleich verfällt man in das alte Verhalten zurück, dass man schmutzige Wäsche öffentlich wäscht und galant in die vom Sportboulevard ausgelegten Fallen läuft. Um nochmal die Boxmetapher zu nehmen: Diese Winterpause ist für den FC Bayern das, was für einen Boxer die Ringglocke ist, wenn er stehend angezählt wird. Während in der Ringecke der Manager überlegt den Trainer noch während des Kampfes zu feuern und die Zuschauer die Champagnergläser zum Werfen bereithalten. Es gilt jetzt, für Trainer und Präsidium, Ruhe in die Mannschaft zu bringen und der Presse weniger Vorlagen zu liefern.

Nach der Winterpause – sollte man am Mittwoch gewinnen – steht man wieder bei Null. Alles ist drin: In beide Richtungen. Im Cup und dem DFB-Pokal kann man in den K.O.-Runden nichts garantieren. Ein Sicherheitsnetz, wie in dieser Zwischenrunde benötigt, gibt es dann nicht mehr. Und in der Liga ist man punktgleich mit den Bremern, die in den letzten Monaten deutlich frischer wirkten als der FC Bayern. So wie in der letzten Phase der Hinrunde kann es nicht weitergehen. Aber: So wie zu Saisonbeginn wird es auch nicht mehr laufen, dafür sind anderen Teams zu sehr auf den neuen FCB eingestellt. Die Frage wird also sein, ob Ottmar Hitzfeld einen Dritten Weg für dieses Team finden kann.

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Der Autor dieses Texts hat keine Ahnung von Fußball, was man daran sehen kann, dass er Bayernfan ist. Er hat allerdings das Vorwort einer Fußball-Comic-Anthologie verfasst und lange genug Pro Evolution Soccer, Bundesliga Manager und Anstoß gespielt um sich als Fachmann in Fußballfragen zu fühlen. “Das was der Réthy oder Beckmann können”, so der Autor in einem kicker-Interview, “das kann ich schon lange.”

Hey Kids! Free Games! (Teil 3)

Friday, December 7th, 2007

Sam & Max – Episode 4: Abe Lincoln Must Die

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LucasArts hat sich ja irgendwann Ende der Neunziger aus dem Adventuregeschäft zurückgezogen und im neuen Mission Statement festgelegt, dass man ab jetzt die Star-Wars-Kuh so lange melken wird, bis nicht mal mehr Blut aus dem Euter kommt. (Ja, das Bild ist unappetitlich. Aber das ist auch die Firmenpolitik der Herren von der Skywalker Ranch.) Nachdem einige Spieler, ich ja auch, dem Adventure bereits das endgültige Ende prognostiziert hatten, kam im letzten Jahr Telltale Games vorbei um mir persönlich, mit einer LucasArts-Lizenz, das Gegenteil zu beweisen.

Nach 12 Jahren kehrten Sam & Max, die Freelance Police, mit sechs neuen Abenteuern in Episodenform auf die Monitore dieser Welt zurück. Und das mit Bravour. Das Episodenformat hatte den Vorteil, dass die einzelnen Teile selbst bei beschäftigten Menschen keine langfristigen Verpflichtungen einforderten. In rund drei bis vier Stunden hatte man so eine Episode durchgezockt. Damit war Sam & Max: Season 1 der ideale Happen für einen Abend, an dem im Fernsehen mal wieder nichts Gutes präsentiert wurde (also: immer) und man auch keine Lust hatte, das Haus zu verlassen. Aus Angst von einem vom Himmel fallenden ’77er Buick Skylark erschlagen zu werden… oder so.

Und Telltale Games hat, das muss ihnen der Neid lassen, fast alles richtig gemacht. Die Puzzles sind nicht so schwer, dass sie den Fluß der Story behindern würden, die Spielwelt ist angemessen schräg, es gibt genug Dinge zum angucken oder herumspielen (wichtig in Adventures) und der Dialoghumor wirkt auch in den neuen Episoden noch so frisch wie in Hit the Road. Als Werbeaktion zum Beginn der zweiten Staffel (dieses Mal nur aus 5 Teilen bestehend) kann man jetzt die 4. Episode der 1. Staffel legal aus dem Netz ziehen. Eine sehr gute Wahl, da das eindeutig der Höhepunkt der ersten Staffel ist.

Sam & Max müssen den offensichtlich ausgeflippten Präsidenten der USA stoppen und dann dafür sorgen, dass Max sein Nachfolger in Amt und Würden wird und nicht ein riesiger, ferngesteuerter Abraham Lincoln (die Idee hatte übrigens auch Brain in The Pinky & the Brain schon einmal). Und die Verquickung des wichtigsten Staatsamtes der Welt mit einem megalomanisch-psychopathisch-hasenartigem Ding hält in Sachen Humor alles was es verspricht. Also, ganz anders als die Politiker in der realen Welt, die nichts von dem halten was sie versprechen. (Das sollte ausreichen um zu zeigen, dass ich wegen meines subversiven Humors auch Subventionen der Bayerischen Filmförderung verdient habe.) Runterladen, Spaß haben und dann die erste Staffel im Gesamtpaket kaufen, damit Telltale Games auch weiterhin beweist, dass die – von mir gestreuten – Gerüchte über den Tod des Grafikadventures weit übertrieben waren.

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onEscapee

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Ebenfalls aus der Kategorie “Hat früher mal Geld gekostet und gibt’s jetzt für lau auf die Platte”: Das eher unbekannte OnEscapee. Zur Vorgeschichte: Anfang der Neunziger machte Delphine Software mit zwei Titeln von sich reden: Another World und Flashback. Beide Spiele wurden für ihren innovativen Grafikstil, die flüssigen Bewegungsabläufe der Hauptfigur und die insgesamt kinoreife Präsentation gepriesen.

Und während ich Flashback sogar als Spiel in den höchsten Tönen loben würde, ging mir das Gameplay von Another World (das daraus bestand, dass man immer wenn man einen neuen Bildschirm betrat starb und dann per Trial and Error herausfinden durfte, wie man es schafft nicht zu sterben) ganz gehörig auf die Eier. Aber, mit dieser Meinung stehe ich – warum auch immer – ziemlich alleine da. Ein großer Teil des restlichen Gamersegments singt dem Sterbespektakel noch heute Loblieder in den höchsten Tönen und beschwert sich gerne mal, dass die modernen Spiele allesamt viel zu einfach, weil meist nicht mehr zum Kotzen unfair, wären.

Nun, diesen Menschen kann geholfen werden: OnEscapee, das im Jahre 1997 noch einmal die eigentlich schon tote Amiga-Szene wachrüttelte, ist zumindest ein spiritueller Nachfolger des Polygonenabenteuers. Der Lester Knight dieses Spiels heißt Daniel White, ist aber mindestens genau so anfällig für unangekündigte, wenn auch nett animierte, Instadeaths wie sein französicher Vorfahre. An Grafik, Sound, Atmosphäre und Animation der Hauptfigur gibt es nichts zu kritteln. OnEscapee ist ungemein hübsch und sehr atmosphärisch, das Intro ist verflixt stimmig, das Leveldesign ist abwechslungsreich und das Spielprinzip mischt galant Action-, Geschicklichkeits- und Puzzlesegmente.

Mir persönlich ist das Spiel schlicht zu frustig, aber wer sich schon lange so eine richtig knusprige Herausforderung im Stil von Another World gewünscht sein, der wird mit OnEscapee glücklich werden.

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Makibishi Comic

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Makibishi Comic ist ein Point-&-Click-Spiel gewordenes Engrish. Soll heißen: Das Spiel ergibt gerade soviel Sinn, dass es schon wieder keinerlei Sinn ergibt. Aber es ergibt auf eine so wahnsinnig stilvolle Art und Weise keinerlei Sinn, wie es nur Japaner hinbekommen können. Aus irgendeinem Grund musste ich die ganze Zeit an Killer 7 denken.

Eigentlich ist es ganz simpel: Man sucht auf verschiedenen Bildschirmen nach fünf Robo-Ninjas, die sich versteckt haben. Allerdings muss man erst ein paar “Rätsel” lösen (sprich: Hotspots in der richtigen Reihenfolge klicken) ehe man die Ninjas findet. Und ehe man die fünf Shinobifreunde beisammen hat, ist man Ninjas ausfurzenden und Gasmaken tragenden Babies, dem Magen eines Tyrannosauriers, Affen im Weltraum, Geistersamurais mit Metallunterkiefer, Pfeife rauchenden Giger-Aliens, Riesenaffen und Robo-Wildschweinen (“Help! We need Mr. Wild Boar Man!”) und jeder Menge anderem Getier begegnet, dass derart bizarr ist, dass es nur aus einer inheränt verqueren Kultur wie Nippon hervorgegangen sein kann.

John Romero hat Recht: Design ist bei diesem Spiel wirklich Gesetz. Und versetzt den Betrachter in ein so ungläubiges Erstaunen, ob der schieren, wundervollen Abstrusität des Ganzen, dass man nicht umhin kommt Makibishi Comic trotz des ungemein dünnen Spielprinzips einen großen Batzen Charme und eine trippige, visuelle Genialität zuzugestehen. Jeder der Spaß an Design in irgendeiner Form hat, dürfte viel Freude haben am hier präsentierten Universum. (Und jeder der Probleme damit hat die Hotspots zu finden, dürfte Freude an der Tabulator-Taste haben.)

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Trilby’s Tales: The Art of Theft

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Yahtzee ist in der letzten Zeit dem breiten Internetpublikum durch seine sehr unterhaltsamen Videorezis unter dem Titel Zero Punctuation bekannt geworden. In Indiekreisen kannte man ihn schon vorher als Schöpfer einiger sehr gefälliger Adventures. In The Art of Theft verbindet Yahtzee nun die Hauptfigur seiner Chzo-Serie (dazu gleich mehr) mit der Engine von 1213, seinem ersten Experiment außerhalb ds Adventurebereichs (auch dazu gleich mehr).

In The Art of Theft übernimmt man die Rolle des Einbrecherkönigs Trilby, der sich durch sieben 2D-Missionen schleicht, hangelt und tasert. Nach einem, vom zynischen Tonfall her an Thief: The Dark Project erinnernden, Mission Briefing macht sich der Spieler daran Hotels, Firmen, Wohnblöcke und strenggeheime High-Tech-Versuchseinrichtungen auszurauben. Dazu muss man sich so gut wie möglich in den Schatten halten, Kameras aus dem Weg gehen, sich unter Lichtschranken herrollen, Tresore knacken, Stromleitungen kappen um Lichter auszuschalten und – sollte man doch gesehen werden – möglichst schnell die Alarm schlagenden Wachen mit dem Elektroschocker ausschalten, den man in seinem Regenschirm versteckt hat. Und, ja, den Regenschirm hat Trilby sicher vom Pinguin aus Batman gestohlen. (Und der ist auch ganz sicher “non-lethal“.)

Das Leveldesign ist abwechslungsreich und der Schwierigkeitsgrad steigt brav immer weiter an, dürfte aber im letzten und vorletzten Level für den ein oder anderen Frustschrei sorgen. Ein paar Designmacken gibt es leider auch: Gelegentlich ist es fast unmöglich rechtzeitig aus dem Blickwinkel einer Kamera zu entkommen, das Durchtrennen der Kabel ist ein reines Glücksspiel und ein Level erfordert stupides Buttonmashing, aber The Art of Theft macht trotzdem ungeheuren Spaß, wenn man erstmal von der Stimmung eingesogen wurde und geplant vorgeht, statt die Levels im besten Dalton-Stil auszurauben.

Nebenbei kann man das Spiel ein wenig personalisieren und nach erfolgreichen Missionen neue Spezialfähigkeiten kaufen, die das Vorgehen erleichtern und ermuntern auch alte Level nochmal zu versuchen, um am Ende eine bessere Endnote zu erhalten, mit der man sich ein Minispiel freischalten kann. Allerdings sind, so wie ich das sehe, nur wenige der Upgrades tatsächlich nützlich oder sogar zwingend nötig (abrollen und das Schloßknack-Upgrade), während der Rest netter aber unnötiger Ballast ist. Egal, Yahtzee hat hier am Jahresende nochmal ein spaßiges und spannendes Spiel vorgelegt, das auf jeden Fall zu den besten Indie-Games des Jahres 2007 zählt. Absolute Downloadempfehlung. (PS: Ein Review von The Art of Theft im Stile von Zero Punctuation kann man sich hier anschauen.)

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1213

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1213 sollte man vielleicht eher als Technikdemo oder als Versuchsballon ansehen, denn als “richtiges” Spiel. Yahtzee nutzt die AGS-Engine, eigentlich für Grafikadventures gedacht, um ein kleines Jump ‘n’ Shoot zu basteln. Man kann springen, klettern und schießen, aber wirkliche Herausforderungen gibt es, zumindest in den ersten zwei Episoden des Dreiteilers, noch nicht. Was nichts daran ändert, dass sich der Download zumindest insofern lohnt, dass Yahtzee das doch eher simple Spieldesign mit einer netten Story umhüllt. Besonders die erste Episode, die den Videospielstandardplot des unter Amnesie leidenden Protagonisten ausnutzt, der erst durch Computertagebücher langsam erahnt was hier vor sich geht, ist an dichter Atmosphäre kaum zu toppen.

Leider verliert 1213 in Episode 2 dann ein wenig, wenn so langsam klar wird worauf der ganze Plot hinausläuft. Am Ende von Episode 3 steht dem Spieler ein großes Überraschungsende ist Haus, dass so groß und so klischeehaft ist, dass es jeder SF-erfahrene Spieler schon aus mehreren Kilometern Entfernung sieht. Die Story an sich bleibt nett, aber sie ist nun einmal nicht im Ansatz so kreativ wie Yahtzee wohl geglaubt hat. Und in den ersten zwei Episoden ähnelt sich auch das Leveldesign und Spielgefühl wie ein Ei dem anderen. Gut, die Hintergrundgrafiken werden bunter, aber vom Prinzip her bleibt alles wie gehabt. Was sich auch nochmal beim Bossfight am Ende von Episode 2 zeigt, der prinzipiell (klettern, schießen) exakt dem Bossfight von Episode 1 gleicht.

Erst für Episode 3 holt 1213 noch einmal ein paar neue Elemente vom Dachboden und bietet ein wenig Neues: Timingabhängige Sequenzen, sich in den Schatten verstecken und ein Bossfight, der ein wenig Tüftelei und ein wenig Strategie erfordert um gemeistert zu werden. Alles in allem merkt man 1213 an, dass Yahtzee hier eher mit der Engine spielen wollte, als ein richtiges Spiel zu produzieren, aber das Endprodukt ist trotzdem eine der unterhaltsamsten Technikdemos die ich kenne und kann, trotz des enttäuschenden Twists am Ende, gerade wegen der Story und der Atmosphäre für ein oder zwei Abende nette Unterhaltung bieten.

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The Chzo Mythos

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Nicht ein Spiel, nicht zwei, nicht drei, sondern gleich vier Spiele beinhaltet Yahtzees Chzo Mythos. (Und wenn sie innerhalb der nächsten 10 Minuten bestellen, legen wir noch ein Messerset, einen Schwingschleifer und das neue Album der Amigos oben drauf!) Als da wären: 5 Days A Stranger, 7 Days A Skeptic, Trilby’s Notes und 6 Days A Sacrifice.

5 Days A Stranger ist ein Grafikadventure, das mich persönlich an Clock Tower für das SNES erinnerte. Trilby, der Einbrecherheld aus Trilby’s Notes, beschließt ein leerstehendes Anwesen auszurauben, nur um festzustellen, dass er es nicht mehr verlassen kann und dass neben ihm noch einige Menschen und ein untoter Serienkiller das Haus bevölkern. Leicht klischeehafter Slasherplot, aber sehr nett als Grafikadventure umgesetzt. Und ein weiterer Beleg für Yahtzees Fähigkeit Stimmung zu erzeugen: Denn trotz der altbackenen Pixelgrafik ist 5 Days spannend und gelegentlich sogar richtig unheimlich.

7 Days A Skeptic ist eigentlich das gleiche Spiel, nur dieses Mal – Leprechaun IV lässt grüßen – spielt es auf einem Raumschiff. Unterhaltsam, aber nicht so überzeugend wie 5 Days. In Trilby’s Notes beschließt Yahtzee die Story fortzuführen: Trilby reist in ein abgeschottetes Hotel in Wales, in dem der Serienkiller aus 5 Days sein Unwesen zu treiben scheint. Trilby’s Notes ist visuell sicher das ansprechendste Spiel der Serie, auch wenn es den Rätselcontent stark zurückschraubt um eher als storygetriebene Geschichtslektion zu fungieren. Etwas fragwürdig ist Yahtzees Entscheidung auf ein Point-&-Click-System zu verzichten und das Spiel wie die frühen Sierra-Adventures komplett via Keyboardinput steuern zu lassen. An mindestestens einer Stelle ist dadurch Ärger in Form des verhassten “guess the word” garantiert.

6 Days A Sacrifice bietet schließlich wieder mehr Puzzles und schafft es, die vorherigen drei Spiele – selbst das bis dahin apokryph wirkende 7 Days A Skeptic – zu einem großen, Zeit und Raum umspannenden Epos zu verbinden. Als Adventure noch immer nicht so stark wie der erste Teil, aber wer der Serie bis zu diesem Punkt gefolgt ist, der wird wissen wollen, wie alles endet. Und man muss Yahtzee einfach zugestehen, dass es ihm gelungen ist nicht einfach nur 5 Days konstant zu kopieren, wie nach 7 Days zu befürchten stand, sondern eine dichte, kleine Horrortetralogie zu erschaffen, die mit einfachsten Mitteln den ein oder anderen Schauer über den Rücken des Spielers jagen dürfte. Gerade in dieser Jahreszeit, in der die Tage viel kürzer nicht mehr werden können.

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Halo Zero

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Als Nichtbesitzer einer XBox oder XBox 386 hat sich mir der Reiz von Halo und der Hype rund um das Spiel und die Hauptfigur Meisterhäuptling ja nie erschlossen. Einmal habe ich eine Multiplayerpartie auf der XBox meines ehemaligen Mitbewohners N. gespielt und gemerkt, dass 3D-Shooter ohne Maus stinken. Oder dass ich in 3D-Shootern ohne Maus stinke, weil meine Figur wie ein betrunkener Rollschuhfahrer auf unebener Fläche herumtorkelte bei meinen Versuchen irgendwie mit diesem unhandlichen Plastikklumpen (den Microsoft zynischerweise Gamepad nennt) zu zielen.

Hier gibt es nun Halo mit Maussteuerung und für den PC, aber eben nicht mehr als FPS, sondern als 2D-Sidescroller mit handgezeichneten Grafiken. Optisch ist das alles sehr nett anzusehen (die Hintergründe sind hübsch, die Figuren sind groß und detailliert) und erinnert ein wenig an Capcoms Automatenspiele oder an Spiele aus der Reihe Mega Man Zero für den GBA. Steuerungstechnisch orientiert sich Halo Zero an Electronic Arts Klassiker Abuse. Mit dem Keyboard bewegt man den Chef Meister und mit der Maus zielt und feuert man.

Gegner und Waffen sind wohl dem 3D-Spiel entnommen (wurde mir gesagt), die Idee wie man das Snifer Rifle in 2D umsetzt ist amüsant (man kann quasi über den Bildschirmrand hinausgucken, so dass man die Gegner sieht, die Gegner aber den Spieler nicht) und man darf zwischendrin sogar mal Buggy fahren, was bei Halo-Fans zu multiplen Orgasmen führen soll (wurde mir gesagt). Ich selbst fand das Spiel als Ganzes allerdings ziemlich uninspiriert und eintönig. Laufen, schießen, immer die gleichen Gegner killen und irgendwann ist der Level vorbei. Das ist dann doch etwas dürftig, wenn man überlegt was Metal Slug oder Mega Man Zero in Sachen Abwechslung zu bieten haben. Oder Half-Life 2D: Code Name Gordon, das ja nun auch schon fast ein halbes Jahrzehnt auf dem Buckel hat.

Aber so geht es mir, als Außenstehendem, ja auch mit der 3D-Version des Gerümpels. Halo-Fans könnten also vielleicht trotzdem ihren Spaß an dem Teil haben.

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Portal: The Flash Version

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Heilige Überleitung, Batman. Wo wir schon bei den 2D-Versionen von 3D-Spielen sind: Dieser Behandlung hat sich auch Valves neuer Crowd Favorite unterzogen, der 3D-Puzzler Portal. Natürlich verliert das Spiel mit der dritten Dimension auch ein wenig an (Achtung: Kalauer!) Tiefe, aber die Spielmechanik des kleinen Portal lässt erkennen, was das große Portal so populär macht.

Und einmal mehr wird bewiesen: Simples Gamedesign kann völlig ausreichen um ein befriedigendes Spiel mit großem Suchtpotential zu erschaffen. Die Spielmechanik ist einfach: Mit der Portalknarre zwei Portale öffnen. Was in Portal (A) hereinfällt kommt mit der selben Geschwindigkeit und im selben Winkel aus Portal (B) wieder heraus. Das ist auch schon alles was man wissen muss um die Level, in denen meist scheinbar unüberwindbar hohe Hindernisse oder scheinbar unüberwindbar tiefe Gräben den Weg zum Ausgang versperren, zu meistern.

Was zunächst noch nach Parkspaziergang aussieht, wird richtig knifflig, aber nie unfair, wenn man später Klötze auf Schalter transportieren, Energiebälle via Portal ins Ziel lenken, gezielt auf beweglichen Plattformen landen und dabei noch automatischen Maschinengewehren aus dem Weg gehen muss. Besonders wenn plötzlich der Großteil des Levels aus portalresistenten Wänden und Decken besteht, muss man schon gehörig um die Ecke denken, um den einzigen Weg zum Ausgang zu erkennen.

Eine sehr gut gemachte Umsetzung eines sehr interessanten Grundkonzepts, allerdings mit einer kleinen Schwäche: Portal: The Flash Version hätte ein Passwortsystem sehr gut getan, damit man das Spiel nicht unbedingt in einem Rutsch durchspielen muss, sondern auch mal in der Mittagspause schnell einen Level zocken kann. Denn: Hängt man an einer Stelle so richtig fest, darf man beim nächsten Mal alle Level bis zu der Stelle wiederspielen. Und das kann schon gehörig frusten. Allerdings sollte das niemanden davon abhalten sich an dem 2D-Knobler zu versuchen. Update: Es gibt eine Levelanwahl. Keine Ahnung wie ich die übersehen konnte. Mea culpa, ich ziehe die Kritik zurück.

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Platform Game

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Es wird Sie überraschen, meine Damen und Herren, aber Platform Game ist ein… Plattformspiel. Ein Knobler, der zumindest vom Grundprinzip Portal: The Flash Version gar nicht so unähnlich ist. Nur ohne die Sache mit den Portalen… okay, blöde Beschreibung, denn Portal ohne Portal ist ein wenig wie Fußball ohne einen Fußball. Aber das Grundkonzept, dass man sich jeweils durch einen Bildschirm zu Ausgang knobeln muss, ist auch hier vorhanden.

Wo in Portal die Portalwumme das Gimmick war, besteht die Besonderheit des Platform Game darin, dass man zwei Figuren gleichzeitig durch die einzelnen Level lenken muss. Beziehungsweise, man muss während des Spiels immer wieder zwischen den beiden Figuren hin- und herschalten, denn meist braucht es das Zusammenspiel beider Figuren um die Todesfallen zu überwinden und den Levelausgang zu erreichen. In einigen Levels hat man nicht einmal eine sichere Stelle auf dem Bildschirm an der man eine der Figuren parken kann, sondern man muss beide Spielfiguren gleichzeitig im Auge behalten und konstant zwischen ihnen umschalten um das vorzeitige Ableben von 50% des Teams zu vermeiden. Was, zugegebenermaßen, gelegentlich sehr hektisch und sehr schwierig werden kann. Besonders wenn man zeitgleich versucht zu entknoten wie man den Levelausgang überhaupt erreichen kann.

Einen Vorteil gibt es dabei allerdings auch für Menschen mit Nerven die nicht aus Drahtseilen bestehen und die keine Lust haben monatelang an einer fiesen Stelle herumzutüfteln. Hängt man wirklich fest, kann man einfach den nächsten Level anwählen. Denn Platform Game ist nicht nur ein Plattform-, sondern auch ein Episodenspiel. Jede Woche erscheint ein neuer Level und jede Woche wird die Hintergrundgeschichte etwas weitergestrickt, die ehrlich dazu steht dass sie von Cube inspiriert wurde und die nicht viel mehr ist als schmückendes Beiwerk. Aber zumindest mich hält das Beiwerk so weit bei der Stange, das ich wöchentlich die neue Episode anspiele, obwohl ich wegen des Schwierigkeitsgrads inzwischen regelmäßig ins Keyboard beißen könnte. Was mich zum nächsten Spiel bringt…

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The Crossing

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Wenn man in einem der kniffligeren Level von Portal oder Platform festhängt und gerade das Bedürfnis hat das Keyboard gegen die nächste Wand oder sogar in den Monitor zu pfeffern, dann ist The Crossing das perfekte Gegengift. Ein simples, kleines Spielchen ohne irgendwelchen unnötigen Ballast oder Schnickschnack. Mit der Maus steuert man ein kleines Paddel, mit dem man Rehen hilft einen Abgrund zu überqueren. Mehr nicht. Das Hintergrundbild eines lichtdurchfluteten Waldes gepaart mit der sanften, meditativen Pianomusik machen The Crossing trozdem zu einem ganz besonderen, intensiven und ungemein bezaubernden Spielerlebnis. Oder in einem Wort: Wunderschön.

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Sushi Samurai

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Wie sich die Zeiten ändern. 1982 produzierte Data East, eine japanische Spieleschmiede, mit Burgertime ein Spiel, in dem ein kleiner Koch das typisch nordamerikanische Gericht des Hamburgers zubereitete. 2007 kann man auf einer nordamerikanischen Website das gleiche Spiel finden, nur dass man nun als kleiner Samurai das typisch japanische Gericht namens Sushi (wir erinnern uns “toter Fisch, mit kaltem Reis auf Algen”) zubereiten muss.

Dabei ähneln sich die Zubereitung von Hamburgern und Sushi frappierend. Die Zutaten liegen auf verschiedenen Ebenen und fallen durch Drüberlaufen je ein Stockwerk tiefer, bis irgendwann alle notwendigen Zutaten am unteren Bildschirmrand aufeinander liegen und so ein Sushi-Teil oder ein Hamburger fertig ist. (Als jemand der mal in einer Küche gearbeitet hat, kann ich bestätigen: Auf diese Art und Weise wird wirklich Essen zubereitet.) Was dadurch erschwert wird, dass garstige Zutaten (hier: griesgrämige Pilze, fieses Sprottengemüse und tödlicher Fugu) dem Spieler an den Kragen wollen, wenn man sie nicht gezielt mit einer Sushi-Zutat erschlägt. Und jetzt wisst ihr auch wie tote Ratten und ähnliches Getier ins Essen gelangen.

Sushi Samurai ist Burgertime mit asiatischem Hintergrund. Am Spiel selbst hat sich gar nichts geändert. Was angenehm ist, denn Burgertime gilt zu Recht als Klassiker. Und Sushi Samurai ist genau so suchterregend wie es das große Original in den Achtzigern war. Kein hochkompliziertes Ungetüm, sondern ein spaßiger und herausfordernder Zwischenhappen für den kleinen Spielehunger. Und damit hat sich die Speisemetaphorik auch mal gegessen.

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Castle Wars

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Castle Wars ist ein Onlinekartenspiel, das ein wenig in der Tradition von Magic: The Gathering oder Yu-Gi-Oh (ja, das habe ich mal gespielt und nein, es ist überraschenderweise gar nicht mal schlecht) steht. Das Herzstück des Spiels ist dabei klar das Spielprinzip selber, denn Grafik und Sound sind mit funktionell noch sehr höflich umschrieben. Wer allerdings ein gutes Spielprinzip auch ohne flashige Grafikspielereien zu schätzen weiß, der wird an Castle Wars seine Freude haben.

Ziel ist es die eigene Burg auf 100 Stockwerke anwachsen zu lassen oder die gegnerische Burg dem Erdboden gleich zu machen. Dazu spielt man abwechselnd Karten aus, die entweder dazu dienen die eigenen Reserven an Waffen, Steinen oder Zauberkristallen zu vergrößern oder (wenn man die nötigen Reserven schließlich hat) die eigene Burg aufzustocken oder die gegnerische Burg per Katapult, Ritterheer oder Drachenangriff zurechtzustutzen. Wenn man nach ein paar Runden das Spielprinzip verinnerlicht und die meisten Karten gesehen hat, wird das alles zu einem taktisch interessanten Geplänkel mit überraschend viel Tiefgang, das auf verschiedenste Vorgehensweisen gewonnen (oder verloren) werden kann.

Wem der Computer als Gegner zu berechbar geworden ist, der kann auch on-line gegen menschliche Gegner aus aller Welt antreten. Ein simples, aber ziemlich packendes Spiel, dass – sofern man nicht viel Pech beim Ziehen der Karten hat – normalerweise locker in einer Viertelstunde zu schaffen ist und somit immer wieder dazu einläd einfach mal auf eine schnelle Partie zwischendurch vorbeizuschauen.

Sneak Review: Vorne ist verdammt weit weg

Wednesday, December 5th, 2007

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Ich denke, es wird mal wieder Zeit die deutsche Sprache ein wenig zu bereichern: Vorne ist verdammt weit weg – das Kinodebut des Kabarettisten Frank-Markus Barwasser, alias Erwin Pelzig (mir nur bekannt vom durchzappen ohne je hängengeblieben zu sein) – würde ich als Michelstandskomödie bezeichnen. Denn als Film sagt Vorne ist verdammt weit weg vielleicht mehr über das deutsche Befinden aus, als er eigentlich wollte.

Der Trailer droht es bereits an: “Der deutsche Mittelstand ist bedroht.” (Der deutsche Humor, zartes Pflänzchen das er ist, übrigens auch… aber dazu gleich.) Und wenn man dem Film glauben darf, dann lebt der deutsche Mittelstand tatsächlich gefährlicher als Tokio Hotel als Vorgruppe auf einem Konzert von Iron Maiden.

Die Feinde sind leicht auszumachen. Schmierige Südländer, asiatische Horden, nepostische Betriebsräte, stimmenabgreifende Wirtschaftsminister, verwöhnte Bonzenkinder, das Großkapital an sich und eigentlich jeder der einen Anzug trägt. Und wenn man sie nicht sieht, dann erkennt man die Feinde des deutschen Mittelstandes schon an ihrer Sprache: Sofern sie dem Zuschauer nicht konsequent einen zynischen Unwort-des-Jahres-Kandidaten nach dem anderen an die Omme donnern (“Freisetzung von Arbeitskräften”, “die Massenarbeitslosigkeit die Erlösung der Massen vom Joch der Arbeit”), nutzen sie Anglizismen. To wit Denn merke: Wer Anglizismen verwendet, kann nur ein schlechter Mensch sein. (Wusste schon Sideshow Bob, als er sich den deutschen Satz “Die Bart Die” eintätowieren ließ.)

Dabei kann man noch etwas abstufen. Wer bisher immer brav Deutsch sprach und nur ein oder zwei Anglizismen einflechtet – so wird aus dem “Vati” plötzlich der “Daddy” – der ist zwar von der Dunklen Seite der Macht verführt worden, ist ihr aber noch nicht hilflos verfallen. Wer allerdings einen Anglizismus nach dem anderen ausspeiht, von “sitting ducks”, “emotional baggage”, “fit for the future” und dem “revitalizing in Deutschland und dem rest of vorlt” redet, der ist schon seelenloser Sklave des Kapitalismus und unrettbar verloren.

Die Angst vor dem Fremden, die sich auch in der Angst vor dem Anglizismus zeigt, lässt sich ebenfalls in anderer Hinsicht finden. Denn der Feind des Deutschen ist natürlich auch der Ausländer. Der Pole oder der Mongole etwa, der “genügsam wie eine Bergziege” ist und darum für einen Lohn schuftet, mit dem der Deutsche nicht mehr mithalten kann. Die alte Sekretärin wird nach 23 Jahren gegen ein stilloses, aber kostengünstiges Luder aus Osteuropa ausgetauscht und der deutsche Gärtner darf als Penner auf der Straße herumschlurfen, während ein ausgebildeter HNO-Arzt aus Togo seinen Job zum halben Preis macht.

Ich glaube zwar wirklich, dass das nicht Barwassers Absicht war, aber der Film bedient da stellenweise exakt die Vorurteile, die einem auch alle vier Jahre von den Plakaten der Marke “Schnauze voll von Bonner Bonzen” angrinsen. Besonders da sich keine ausländische Figur in Vorne ist verdammt weit weg je über das Klischee zu erheben vermag. Seien es nun die stereotypen, stets höflichen, asiatischen Geschäftsleute, die alle Li heißen und heuschreckenartig über den deutschen Arbeitsmarkt herfallen oder sei es der freundliche afrikanische Ex-HNO, der ein Sprichwort nach dem anderen maltraitiert. Szenenapplaus und einen riesigen Lacher gab es im Kino an einer Stelle, als ein Chinese der Tochter des mittelständischen Firmenbosses Tränen aus den Augen wischt und diese dabei so hochzieht, wie das kleine Kinder machen wenn sie Chinesen imitieren. Gut, der Überbiss und der Chinesenhut fehlten, aber an der Stelle suppte das Klischee schon sehr unangenehm bräunlich über.

Wobei der gefühlte Rassismus wohl wirklich eher Unfall, denn Absicht ist. (Was ihn nicht weniger entlarvend macht.) Denn auch die Deutschen in diesem Film bekommen kaum so etwas wie charakterliche Tiefe zugestanden. Die Kapitalisten sind böse. Punkt. Sie entlassen Menschen, weil das böse ist. Und weil es böse ist, steigen die Aktien. Denn auch der Aktienmarkt ist böse. Und Aktionäre sowieso. Abends trifft man sich dann, gibt damit an wieviele Arbeitskräfte man freigesetzt hat, zwirbelt sich den Schnurrbart und zündet sich ein paar fette kubanische Zigaretten mit ‘nem 1000-Euro-Schein an und lacht über die “Sozialromantiker”. Weil auch sowas böse ist. Muhahahaha.

Der einzige Sympathieträger in diesem Film ist natürlich Erwin Pelzig selbst, der hier den Stellvertreter des einfachen, deutschen Michels gibt. Auch wenn er statt der Michelkappe einen Bauernhut und ein Herrenhandtäschen trägt. Und das obwohl er wirkt wie Dennis the Menace und seinem Nachbarn das Leben zur Hölle macht. Sein Nachbar, dass ist der einbeinige Chauffeur mit den sieben Kindern, der hier als menschliches Gesicht für die Opfer des Raubtierkapitalismus herhalten muss, obwohl er unter Pelzer mehr zu leiden hat als unter seinem Chef.

Vorne ist verdammt weit weg ist ein Film, dessen Grundhaltung – die im Kino offenbar gar nicht so schlecht ankam – mir in gewisser Hinsicht Angst macht. Es ist nämlich ein Film, der zwar zeitgemäße Themen aufgreift, dabei aber von der Gegenwart so weit entfernt ist, wie der Papst von einer Alimentenzahlung an Alice Schwarzer. Vorne ist vielleicht wirklich verdammt weit weg, weshalb man sich lieber nach hinten orientiert. Zurück in die Gute Alte Zeit des Wirtschaftswunders, als wir in Deutschland noch etwas waren. Und da können wir wieder hin: “Made in Germany” – der einzig gute Anglizismus – steht schließlich noch immer für die besten Waren der Welt.

Die Antwort auf die Probleme die Globalisierung und Neoliberalismus mit sich bringen, ist es sich nicht zu bewegen. Wenn es Raubtierkapitalismus heißt, dann muss man dem vielleicht eine Vogel-Strauß-Soziale-Marktwirtschaft entgegenstellen. Frei nach dem Motto: Seh’ ich ihn nicht, sieht er mich auch nicht. Mauer drum, Deckel druff und gut ist. Wenn man nichts verändert, dann muss es ja so weitergehen wie in den Goldenen Fünfzigern. Wäre der Film mehr als oberflächlich politisch, irgendwo würde man für Schutzzölle und die Rückkehr zum Protektionismus argumentieren.

Mit dem Einkaufwagen hat das Elend dieser Welt angefangen. Denn seit es Einkaufswagen gibt, will der Mensch immer mehr haben, als er mit zwei Händen tragen kann.” So das Fazit von Erwin Pelzig an einer Stelle des Films. Und ungefähr auf diesem Niveau, einem Niveau auf dem sonst ein paar Biere, ein Aschenbecher und ein Skatblatt zu finden sind, hält sich der im Film gebotene politische Diskurs. Alle Schlagworte zwischen Globalisierung und Underperformer werden mal kurz in den Raum gestellt und dann da stehengelassen. Den größeren Zusammenhang allerdings, den stellt der Film nie her. Und dass es Vorne ist verdammt weit weg dabei auch nie schafft, seine eigene Spießigkeit zu erkennen, hilft der Sache auch nicht.

Am Ende hat man einen Film der zwar den Zeitgeist der Hartz IV Gesellschaft trifft (vgl. auch: Arme Millionäre auf RTL) und ein simples Gut/Böse-Weltbild anbietet, der dabei aber niemals Kinoniveau erreicht. Kurz vor Ende gibt es eine hübsche Trauermontage unterlegt mit einem Stück der kommenden Platte von PeterLicht, aber insgesamt fühlt sich Vorne ist verdammt weit weg nie wie ein Kinofilm an, sondern wie ein auf Kinoformat aufgeblähter Fernsehfilm, der eigentlich im Wochendendprogramm des Bayerischen Rundfunks verstrahlt werden sollte.

Auch humoristisch wird, bis auf zwei oder drei Ausnahmen, ausnahmslos biederer deutscher Humor geboten, der irgendwo zwischen Klamauk und Klamotte anzusiedeln ist. Im Kern ist Vorne ist verdammt weit weg ein Film den auch die ZEITUNG hätte produzieren können. Ein Film, der den Verlierern der Globalisierung aus der Seele spricht und ihnen in leicht verdaulicher Form die Schurken und die einfache Antwort (wenn wir alles so lassen wie es ist, geht auch alles weiter wie es ist) vorsetzt. Anschließend dankt man im Abspann, den ja eh keiner durchsitzt, noch brav den Gebrüdern Warner, die den Streifen vertreiben, und der SonyBMG. So ist’s brav. Wasser predigen und Wein saufen.

Eine gewisse Relevanz kann man dem Film aber dann doch nicht absprechen, denn eines muss man Barwasser ja doch lassen: Er trifft die Stimmung in der Bevölkerung. Er legt den Finger in jene Wunden, die man besonders zu spüren glaubt oder tatsächlich spürt. In gewisser Hinsicht bannt er die German Angst exzellent auf Zelluloid. Und so ganz aus dem Nichts kommt dieses Gefühl ja nicht, von der Globalisierung überrollt zu werden. Dazu bietet Vorne ist verdammt weit weg dankenswerterweise gleich noch die simplen Antworten, Klischees und Schuldzuweisungen an, die sich auch in den Wahlwerbespots so mancher Rattenfänger am rechten, linken und mittigen Rand des Parteienspektrums finden lassen. Und das sowas so gut ankommt, sollte vielleicht doch zu denken geben und dazu ermutigen, sich zu bemühen, diese Stimmung nicht weiter um sich greifen zu lassen. Denn schlechte Kinofilme sind wahrscheinlich noch das Harmloseste, was aus solch einer Gemengelage hervorgeht.

1/5

Die Filmkristallkugel: Dezember ’07 – Februar ’08

Saturday, December 1st, 2007

Wie alle drei Monate: Zeit für eine neue Filmkristallkugel. Standardanfang: Das hier sind Gedanken zu Trailern von Filmen die mich interessierten und die in den nächsten drei Monaten in den USA anlaufen sollen. Nicht mehr, nicht weniger. Und Anspruch auf Vollständigkeit erhebe ich natürlich auch nicht. Wollen Sie mehr wissen?

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Aliens vs. Predator: Requiem

Ich war ja von AvP nicht direkt begeistert, bezeichnete den Film als “lieblose, große, dumme Unterhaltung”, “kalt und wie vom Fließband” und als “herzloses Kommerzvehikel wie es in letzter Zeit leider zu oft von den großen Studios ausgeschlonzt wird”. Bei solchen Credentials ist es ja kein Wunder, dass das Sequel nicht lange auf sich warten ließ.

Die Trailer zum zweiten Teil bieten Teenager in einem Sportladen, einen Predator der jetzt eine Peitsche hat (aber keinen Hut), zwei platzende und einen schmelzenden Schädel, einen gehäuteten und eine Menge aufgespießte Menschen (die es wahrscheinlich nur auf die DVD, aber nicht ins Kino schaffen werden), eine Suchmannschaft wie wir sie aus E.T. – The Extraterrestrial kennen, einen Haufen Armeemitglieder die keine Colonial Marines (und damit uncool) sind, das Predalien (das dösiger kaum aussehen könnte) und exakt gar nichts was mich motivieren würde, dafür meinen Arsch ins Kino zu schleppen. Das japanische Poster ist hübsch, aber das kann ich mir auch zuhause angucken.

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Alvin and the Chipmunks

Im Zuge der großen “Zeichentrick ist tot, CGI ist das neue Schwarz”-Welle kehren jetzt also auch Alvin, Simon… Theodore auf die große Leinwand zurück. Lange genug wurde ihr traditioneller Gesangsstil in Geiselhaft genommen von den Techno-Schlümpfen, Tokio Hotel, dem überzüchteten Kind dass “Schni-schna-schnappi” gesungen hat und Leuten die aus Versehen ihren Plattenspieler auf zweifache Wiedergabegeschwindigkeit stellten.

Sollte belangloser und irrelevanter Weihnachtsfluff werden, der niemandem – außer den Ohren – weh tut und den ganz Kleinen vielleicht sogar gefallen könnte. Wird hier primär erwähnt, weil ich hoffe dass es auf dem offiziellen Album zum Film einen geheimen Bonustrack geben wird, auf dem sich erwachsene Menschen ganz furchtbar darüber aufregen, wie hier ihre Kindheit vergewaltigt wird. Vergewaltigt, sage ich. Die Chipmunks in Hip-Hop-Montur? Wo sie doch schon immer “The Boys of Rock ‘n’ Roll” waren? Bah!

Menschen die so denken, dürfen den YouTube-Clip angucken und in Nostalgie schwelgen. Alle anderen dürfen daran denken, warum sie mit ihren Kindern oder Nichten und Neffen nicht in den Film gehen wollen. Diese Art von “Gesang” muss man sonst wochenlang bei jeder Autofahrt ertragen.

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Be Kind Rewind

Von Michael Gondry, der zusammen mit Spike Jonze und Chris Cunningham das Triumvirat der besten Musikvideoregisseure aller Zeiten bildet. Jack Black und Mos Def löschen aus Versehen alle Videos in einer Videothek und entschließen sich, die verlorenen Filme (unter anderem Ghostbusters, RoboCop, 2001, Boyz n the Hood und Driving Miss Daisy) mit irgendwelchen Haushaltsgegenständen nachzudrehen. Das könnte für passionierte Filmgänger ein wirklicher Spaß werden. Jack Black und Mos Def können sehr witzig sein und Gondry hat mit Eternal Sunshine on the Spotless Mind bewiesen, dass er auch lange Filme drehen kann.

Das einzige, wovor mir wirklich graut, ist die Flut an von Amateuren nachgedrehten Hollywoodfilmen, die nach Be Kind Rewind milliardenfach YouTube, Dailymotion und jeden anderen Videohoster der Welt überschwemmen, viral auf noch mehr Blogs verlinkt und schließlich, wenn die Welle schon abgeklungen ist, als “der neue Internettrend” bei den alten Säcken außerhalb des Netzes präsentiert werden.

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The Bucket List

Sowas wie die erwachsenere Version dieses Roadmovie-Midlife-Crisis-Gerümpels mit John Travolta, Tim Allen und William H. Macy vom Sommer. Morgan Freeman und Jack Nicholson basteln eine Liste von Dingen, die sie machen wollen ehe sie sterben. Freeman und besonders Nicholson sind eigentlich immer grandios. Der Film könnte wirklich sehr charmant werden, wenn es Regisseur Rob Reiner (This is Spinal Tap!) schafft irgendwie dem herzgeschmerztem Kitsch aus dem Wege zu gehen. Der Trailer schafft das aber leider schon in der zweiten Hälfte nicht mehr…

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Charlie Wilson’s War

Basierend auf der Geschichte eines texanischen Kongressabgeordenten der in den Achtzigern die Mudjaheddin in Afghanistan mit amerikanischen Waffensystemen unterstützte. Wenn ich es schaffen sollte Julia Roberts auszublenden (gibt es irgendwen der diese Frau tatsächlich erträglich findet?), dann könnte das hier ein interessanter Streifen werden, besonders da man das Thema seit 9/11 nicht mehr mit dem Hurrah-Patriotismus angehen kann, mit dem man es in den Achtzigern anging (Rambo III, The Living Daylights).

Tom Hanks wirkt angenehm un-tomhanksisch, Phillip Seymour Hoffman trägt einen Schnurrbart und eine Brille (immer potentiell ausreichend für einen Nebenrollen-Oscar) und Aaron Sorkin hat in den ersten drei Staffeln von The West Wing unter Beweis gestellt, dass ihm politisch relevante und trotzdem unterhaltsame Skripts liegen. (Auch wenn sein letztes Projekt, Studio 65 on the Sunset Strip, ein Totalflop war.) Da ich gute politische Filme mag, werde ich den Mal im Auge behalten.

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Cloverfield

Hmm, bin ich der einzige der bei der enthaupteten Lady Liberty sofort an Deus Ex denken muss? Details werden bisher geschickt zurückgehalten, Hype wird via viralem Marketing erzeugt. Aber der Trailer sieht ungeheuer gut und ungeheuer spannend aus. Irgendetwas greift New York City an (“und gewinnt”), was per Videoaufzeichnung von ein paar Menschen auf der Flucht festgehalten wird. Also quasi, Blair Witch Godzilla. Nur was da NYC attackiert, das wird geschickt geheim gehalten: Dreht J.J. Abrams einen Lovecraft-Film? Ist es vielleicht tatsächlich Godzilla? Oder handelt es sich um ein Spin Off zu Lost?

Stimmig und hoffnungslos wirkt der Trailer auf jeden Fall. Und, wie schon in Lost, er zeigt, dass Mr. Abrams es versteht ein Mysterium aufzubauen. Eine gewisse Fallhöhe ist dadurch aber auch schon geschaffen, denn in einer Hinsicht wird Cloverfield wahrscheinlich doch enttäuschen. Wenn wir den Angreifer am Ende sehen, dann wird er niemals unseren Vorstellungen gerecht werden können. So wie schon im US-Godzilla oder Spielbergs War of the Worlds. (Wobei: Die Hexe von Blair haben wir ja auch nie gesehen.) Wenn es Abrahams allerdings gelingt das Drumherum spannend, interessant und intelligent zu gestalten, dann dürfte Cloverfield das erste Highlight des neuen Jahres werden.

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The Eye

Später werden wir noch andere Genres anschneiden, die inzwischen so überfüllt sind, dass Hollywood ihnen endlich den Gnadenschuß gönnen sollte, aber beginnen wir mit einem Genre, das nicht einmal ein echtes Genre ist: Amerikanische Remakes von asiatischem Geisterhorror. Dieses Mal mit Jessica Alba als Naomi Watts, die nach einer Augentransplantation Dinge sieht, die sie nicht sehen sollte. (Das Nachmittagsprogramm von Sat.1. *Ba-da-disch*) Hat Klischees aus allen Nahrungsmittelkategorien: Grün beleuchtete Korridore, sträniges Haar und kleine Kinder (in Asien per defitionem unheimlich). Die Grundidee, dass jemand nach einer Augen-OP Dinge sieht, die er nicht sehen sollte, ist glaube ich auch schon Mal in einer Episode der Twilight Zone oder der Outer Limits abgefrühstückt worden. Und erinnert mich irgendwie außerdem an den Klassiker Orlacs Hände, auch wenn der mit Augen wenig zu tun hatte. Trotzdem werde ich den wahrscheinlich eher nochmal anschauen, als dass ich für The Eye ins Kino gehe.

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Fanboys

Schon einmal in einer vorherigen Ausgabe der Filmkristallkugel angesprochen worden und ich bleibe dabei, ich habe einen weichen Fleck für solche Fanboykomödien wie Trekkies, George Lucas in Love oder Free Enterprise. Nicht zuletzt weil ich exakt der Zielgruppe entspreche.

Inzwischen sind meine Hoffnungen für diesen Film sogar noch gestiegen, weil ich entdeckt habe, dass das Skript von Mr. Ernest Cline stammt, dessen Spoken-Word-Nummern nicht nur grandios, sondern objektiv airwolf sind. Nicht zuletzt weil er selbst in diesen Nummern derjenige war, der “airwolf” als untoppbares Superlativ von “grandios” eingeführt hat und in ihnen gezeigt hat, dass er versteht wie Geek-Humor funktioniert. Und ich hoffe wirklich, dass Fanboys am Ende ähnlich airwolf wird…

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Funny Games

Amerikanisches Remake des zehn Jahren alten österreichischen Originals von Michael Haneke, das in einer Form brutal, sadistisch, konsequent und auf positive Art unerträglich war, wie kaum ein anderer deutschsprachiger Film bisher. Und zwar ohne dabei auf simple Splatter- oder Schockeffekte zurückgreifen zu müssen. Ob es ein US-Remake brauchte, sei mal dahingestellt. Aber Hollywood hasst es nunmal Filme aus dem Ausland gucken zu müssen. Dahingestellt sei auch, ob dem Film nicht eine namenlose Hauptdarstellerin besser bekommen wäre als Naomi Watts.

So wird der Film sich Vergleiche mit typischen Splatterstreifen und dem neumodischen Folterporn (Hostel, Saw) gefallen lassen müssen. Ironischerweise könnte das US-”Original” bald bekannter sein, als die Fälschung aus Österreich. Der Trailer, mit seiner klassischen Musik (“In der Halle des Bergkönigs” aus Peer Gynt) und der starken Betonung einer sterilen, weißen Wohnung und jugendlicher, eloquenter Gewalttäter erinnert dann wieder sehr deutlich an A Clockwork Orange, was auch kein Zufall seien dürfte. Alles in allem stark zweifelhaft, ob dieses Remake das Original in irgendeiner Form überbieten kann.

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The Golden Compass

Stop! Christmas Time! Das heißt: Verfilmungen von irgendwelchen Fantasybüchern für Kinder, Jugendliche und jugendlich Gebliebene. Harry Potter, Eragon, Narnia… oder jetzt halt The Golden Compass. Was Hollywood tun wird, wenn ihm das Material für diese Weihnachtsfilme ausgeht oder das Publikum sich endlich gelangweilt zeigt, von der totalen Überfischung dieser Fantasybuchnische?

Dieser Film hat jetzt sprechende Tiere wie Narnia (nur dass die hier nicht für Jesus stehen), den Speisesaal aus Harry Potter (nur dass hier keine Zauberer essen), die Eisbären aus Narnia (nur dass die hier die Guten sind), den Planeten Naboo aus Star Wars: Episode I (nur dass er hier anders heißt), Daniel Craig (nur dass er hier nicht James Bond ist) und Nicole Kidman als böse, eiskalte Hexe (nur dass… halt, nein, das ist sie ja immer).

Für den Film spricht, dass er Zeppeline und Sam Elliott hat, der selbst in einem Fantasy-Film immer noch einen verdammten Cowboy spielen darf. Das ist echte Coolness. (Und echtes Typecasting.) Abgesehen davon sieht das nach dem typischen, überfrachteten CGI-Familienabenteuer aus, dem ich schon die letzten Weihnachtszeiten aus dem Weg gegangen bin. Und daran wird sich auch dieses Jahr nichts ändern.

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The Great Debaters

Stop! Oscar Time! Hauptrolle und Regie: Denzel Washington! Mit dabei: Forest Whitaker! Basierend auf einer wahren Geschichte! Schwarzer Debattierclub im Süden der USA! In den 1930ern! Rassismus! Drama! Hoffnung! Inspiration! Zivilcourage! Auf sowas steht die Academy. (The Great Debators vs. The Great Dictator, das wäre auch gut.)

Zugegeben, der Film wird schon die richtigen Stränge ziehen um einen am Ende mit einem zuckrig-warmen Gefühl in der Magengrube aus dem Filmsaal zu entlassen. Aber bis dahin mache ich von meinem Recht gebrauch zu grummeln, dass man es mit den Oscar-Zutaten auch echt übertreiben kann. Wobei: Ey, Denzel! Kein behindertes oder schwerkrankes Kind? Damit hättest du auf jeden Fall schon einen Oscar sicher. Der Gospel- und Blues-Soundtrack, den man sich auf der Website probeweise anhören kann, ist derweil allerdings wirklich sehr schön…

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Hannah Montana & Miley Cyrus: Best of Both Worlds Concert

Ein Konzert zweier disneyfizierter belangloser Bubble-Gum-Teenie-Stars? Im Kino? In 3D? Wenn noch Kohle für so eine Scheiße da ist, dann beweist das, dass es der Musikindustrie noch gar nicht schlecht genug gehen kann

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I Am Legend

Ich liebe Richard Mathesons I Am Legend. Nicht zuletzt weil ich Vampire verabscheue. Vampire sind, soweit es mich betrifft, saudämliche Monster. Aber die Art wie Matheson sie rationalisiert, sie entmystifiziert und sie in einen “wissenschaftlichen” Kontext setzt, ist großartig. Und darum auch schon zwei Mal verfilmt worden. Einmal mit dem wundervollen Vincent Price (The Last Man on Earth, den man inzwischen ganz legal im Netz finden kann) und einmal mit Charlton Heston (The Omega Man). Und da aller guten Dinge nun einmal drei sind, darf sich jetzt auch Will Smith noch an die Rolle des letzten Menschen auf der Erde wagen.

Das “Ende der Welt”-Flair hat der Trailer schonmal extrem schön eingefangen. Das postapokalyptische New York sieht (auf eine desolate Art und Weise) sehr schick aus. Und bei der Art wie Will Smith mit seinem Zustand umgeht, hat man sich eindeutig von The Quiet Earth beeinflussen lassen. Was okay ist, denn The Quiet Earth ist eine zu Unrecht im Nachtprogramm versteckte Perle. Jetzt muss der Streifen nur noch beweisen, dass er in den Vampirszenen nicht einfach nur ein weiterer Zombie- oder Vampirfilm ist (das heißt, er muss die negativen Reaktionen auf 30 Days of Night ausbaden), dann könnte das hier in Sachen Popcornkino ein echtes Prachtstück am Jahresende werden.

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Jumper

Im ersten Moment dachte ich, wir bekämen hier mehr 9/11-Dramaporn vorgesetzt, aber dem ist nicht so. Stattdessen wird ein 1992er SF-Roman von Steven Gould (den man nicht mit dem richtungsweisenden Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould verwechseln sollte) verfilmt. Der Trailer verrät, dass Samuel L. Jackson hier weiße Haare haben wird und der Film primär aus Special Effects besteht, weshalb man sich mit sowas wie einer Story oder irgendwelchen Emotionen gar nicht erst lange aufhält. Dafür steht auch die Einblendung “From the Director of Mr. & Mrs. Smith“, der es ja auf meiner persönlichen Hassliste ganz nach oben geschafft hat. Muss nicht.

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Meet the Spartans

In den beworbenen Hauptrollen: Kevin Sorbo und Carmen Electra. Uuuuh, feel the ratings, baby. Wenn ich das Genre der Weihnachtsfantasy als überfischt bezeichnet habe, dann ist das Meer der Filmparodien seit Scary Movie sogar noch schlechter behandelt worden. Inzwischen sammelt Hollywood den Schlick am Meeresboden ein, presst ihn in Fischform und verkauft ihn dann weiter. Das Schlimme: Es gibt da draußen ein Publikum, dass diesen Schlick frisst und dankbar nach mehr schreit. Und ohne hier urteilen zu wollen: Diese Kinogänger sind verantwortlich für alles Schlechte in Hollywood. (Wer sowas guckt, der wählt auch Hitler.) Hier also 300, Breakdance und eine Britney-Spears-Parodie. Ich denke, ich passe. Und zwar nicht dankend. Gab es eigentlich schon die offizielle Filmparodie auf Filmparodien? Wenn nicht: Nur noch eine Frage der Zeit…

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National Treasure: Book of Secrets

In Deutschland mit dem eher unwuchtigen Namen Das Vermächtnis des Geheimen Buches gestraft, um zu zeigen, dass es ein Sequel zu Das Vermächtnis der Tempelritter ist, der damals auf der Welle des DaVinci Code surfte. Und weil Verschwörungstheorien immer noch gehen, muss Nicholas Cage nun beweisen, dass sein Ur-Ur-Großvater nicht den Mord an Präsident Lincoln geplant hat.

Dabei stößt er auf die Spur des “Geheimen Buchs der Präsidenten”, das alle Geheimnisse der amerikanischen Nation enthält. Die JFK-Verschwörung, Area 51, die Mondlandung. (Geschickterweise verzichtet der Trailer darauf zu erwähnen, ob auch 9/11 in dem Buch erwähnt wird. Das wäre wohl too soon.) Weshalb Nick Cage zum Staatsfeind Nummer 1 für CIA, NSA, FBI und NAMBLA wird. Und in England auf der falschen Straßenseite fahren darf. Als Vorfilm wird übrigens ein neuer Kurzfilm mit Goofy an National Treasure gekoppelt.

Sieht alles sehr harm- und belanglos aus. Ich wage mal zu bezweifeln, dass Disney hier sein Ziel erreicht, mit Nicholas Cage einen neuen, zeitgenössischen Indiana Jones zu schaffen, wie das Universal mit Matt Damon als neuen, zeitgenössischen James Bond gelungen ist.

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One Missed Call

Uuuh, ein amerikanisches Remake von einem asiatischen Horrorfilm. Wurde auch verdammt noch eines Zeit, hatten wir ja in dieser Filmkristallkugel seit The Eye nicht mehr. Der Streifen hier funktioniert nach dem Prinzip von The Ring: Technologie wird dich töten. Heute: Dein Handy bringt dich um. Aber nicht wegen des fiesen Elektrosmogs, sondern weil es mit einem unheimlichen Klingelton läutet. (Den es, da kann man sicher sein, bald als viralen Schnickschnack im Jamba-Abo zum Runterladen auch für dein Handy geben wird. Take that, kotzender Weihnachtselch!)

Diese Leute mit den Mündern statt Augen sehen tatsächlich ziemlich unheimlich aus, aber sonderlich neu ist die Idee nun auch wieder nicht. (Man denke an den fiesen Corinthian aus Neil Gaimans Sandman.) Der Film sollte gruselig werden, aber diese J-Horror-Remake-Welle kann solangsam auch mal brechen und zurückrollen. By the way: Viel Spaß beim Versuch auf der spiffigen Flashwebsite zum Film den Trailer zu finden. Nervenaufreibender kann auch der fieseste Little Shop of Asia Horrors nicht sein.

(Nachtrag: Mir wird gerade klar, dass diesem Film eigentlich der Titel The Ring viel besser stehen würde.)

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Rambo

Könnte titulatorisch in Deutschland schwierig werden, da ja First Blood hier schon einfach nur als Rambo in den Kinos lief. Anyway: John Rambo, der mit Indiana Jones auch prima beim Rentnerkränzchen der AWO rumsitzen könnte, muss nach Burma (Birma? Myanmar? Das Land halt, für das wir alle neulich ganz solidarisch geschwiegen haben und das jetzt keine Sau mehr interessiert…) um christliche Missionare vor der bösartigen Militärdiktatur zu retten.

Interessant, dass der offizielle Trailer nicht einen Tropfen Blut zeigt, nachdem das Promomaterial darauf hindeutete, dass Rambo sadistischer Splatterporn wird, wie man ihn lange nicht mehr in einem Mainstreamprodukt gesehen hat. Interessant auch, dass der offizielle Trailer ebenfalls darauf hindeutet, dass Rambo ein ähnlich langweiliges, militaristisch-patriotisches Gewichse wird, wie es schon Rambo II war, nur dass die Vietnamesen jetzt Burmesen sind. Hauptsache die Bedrohung ist gelb. Ohne die unfreiwillige Komik von Rambo III sehe ich keinen Grund mir diesen Streifen anzutun.

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The Spiderwick Chronicles

Seltsam, dass dieser Film erst im Februar anläuft, denn eigentlich stinkt er – wie auch The Golden Compass – nach vorweihnachtlicher Fantasybuchverfilmung für Kinder jeden Alters. Und “Chronicles” klingt nach “Teil 1 von Vielen”. CGI, Monster, dramatische Musik, blablabla. Wie kann es sein, dass in der westlichen Welt immer weniger Kinder geboren, aber mit jedem Jahr mehr dieser standartisierten Fantasy-Vehikel rauskommen? Anyway, der einzige Grund warum ich den Streifen hier aufzähle: Im deutschen Trailer spricht man auch von den “Spiderwicks”. Was klingt wie “Spiderwichs”, was sich wiederum arg nach “Peter Parkers radioaktives Sperma” klingt. Und sowas endet nie gut.

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Strange Wilderness

Ich muss jetzt wahrscheinlich meinen Cineasten-Ausweis abgeben, weil ich hier einige Filme total verrissen habe und bei einem Film, der kiffende Emus auf dem Poster hat, festhalte: Ich habe dreimal beim Trailer lachen müssen, und zwar bei den Voice Overs zu den Tierszenen. Das hätte fast gereicht um zu sagen: Der Film könnte mit Bier ganz erträglich sein. Die halbe Minute Gelächtersequenz am Ende des Trailers, die viel zu lang dauert, hat mich aber dankbarerweise von dieser abstrusen Idee abgebracht. Glück gehabt.

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Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street

Tim Burton verfilmt ein Musical. Nachdem Burton dank Big Fish erstmal wieder runter ist von meiner Shit List, bin ich gespannt was er aus dem Material macht. Was ein Kompliment ist, denn eigentlich vermeide ich Musicals wie der Teufel das Weihwasser. Das visuelle Design sieht, wie bei allen Burton-Filmen, sehr gut aus und dass Burton mit seinen Favoriten Johnny Depp und Helena Bonham Carter sehr gutes Zustande bringen kann, wissen wir ja auch alle. (Sofern er nicht in seine Komfortzone zurückfällt.) Interessant ist allerdings, dass nur ein ganz kurzes Stück des Trailers darauf hindeutet, dass man es hier mit einem Musical zu tun hat. Die Gebrüder Warner scheinen Herrn Burton da weniger Vertrauen vorzuschießen als ich.

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There Will Be Blood

Basierend auf Oil! von Upton Sinclair, bekannt für seine aufwühlenden und Teils den Kurs der Politik beeinflussenden Berichte über das Leben im Amerika des frühen zwanzigsten Jahrhunderts (Lesetipp: The Jungle). Sieht sehr gut gemacht aus und hat Daniel Day-Lewis, der grandios war als Bill, the Butcher im unterschätzten Gangs of New York, als misanthropischen Öl-Magnaten in der Hauptrolle. Wirkt alles in allem vielversprechend.

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Untraceable

Eine alleinerziehende FBI-Agentin? Eine virale Snuffpornwebsite? Die auch noch “untraceable” ist? Und plötzlich gerät die FBI-Agentin mit ihrer Tochter ins Fadenkreuz des Killers? Wow! Hollywood hat wieder den Random Plot Generator vom Dachboden geholt. Sieht eigentlich total lächerlich aus… bis man sich klar macht, dass Wolfgang Schäuble und Dieter Wiefelspütz wirklich davon ausgehen werden, dass es solche Websites im Internet massenhaft gibt und es beim BKA mit Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung bald genau so zugehen wird, wie bei der “FBI Cyber Crime Division” im Trailer. O-Ton: “They can catch any criminal by the touch of a button.” Und plötzlich ist das hier der erschreckendeste Film der kommenden drei Monate.

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Vantage Point

Der Beweis dafür, dass Hollywood seine neu entdeckte grüne Seite tatsächlich ernst meint und recyclet. Das Skript war usrprünglich für 24 – The Movie gedacht, wurde dann aber fallen gelassen, weil man da in den letzten Jahren schon zu viele US-Präsidenten hat über die Klinge springen lassen. Ohne Jack Bauer und mit ein paar Änderungen reicht es immer noch für einen Thriller, der eigentlich eine nette Grundidee hat (sich auf verschiedene Figuren konzentrieren, die das Präsidentschaftsattentat aus verschiedenen Blickwinkeln sahen), der aber ansonsten mit den großen Explosionen, der Verfolgungsjagden mit gezogenen Knarren und den Autounfällen zu sehr nach belanglosem Thriller von der Stange aussieht, als das er sowas wie Vorfreude wecken würde.

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Walk Hard: The Dewey Cox Story

Mit Ray und Walk the Line sind wohl in den letzten Jahren genug Musiker-Biopics erschienen, um eine Parodie nötig zu machen. Steht irgendwo in der Verfassung. Wenn ein Genre aus mehr als einem Film besteht, dann muss Hollywood so schnell wie möglich eine Parodie darauf produzieren. (Wenn ein Genre nur aus einem Film besteht, dann darf Hollywood eine Parodie produzieren, muss es aber nicht.) Fragte ich schon, wo die Parodiefilmparodie bleibt?

Mit dabei, wahlweise als sie selbst oder portraitiert von so genannten Schauspielern, Eddie Vedder, die Beatles, Buddy Holly und Jerry Garcia. Sieht zumindest unterhaltsamer aus als Meet the Spartans. Dann wiederum: Das gilt auch für den letzten SPD-Parteitag, wachsendes Gras oder trocknende Farbe.

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The Water Horse: Legends of the Deep

Stop! Christmas Time! Das heißt: Verfilmungen von irgendwelchen Fantasybüchern für Kinder, Jugendliche und jugendlich Gebliebene. Harry Potter, Eragon, Narnia… oder jetzt halt The Water Horse. Was Hollywood tun wird, wenn ihm das Material für diese Weihnachtsfilme ausgeht oder das Publikum sich endlich gelangweilt zeigt, von der totalen Überfischung dieser…

Hey! Moo-ment! Warum kann ich gerade dieses Gefühl von Déjà Vu nicht abschütteln? Ah, fuck this shit. Ich bin draußen wie’n Picknick.


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