Broder nun wieder
Monday, December 31st, 2007Henryk Milhouse Broder (nicht zu verwechseln mit Henryk Martin Brodeur, der viel mehr Shut Outs verbuchen kann als der SPIEGEL-Kolumnist) ist jemand, den ich mal wirklich als Querdenker geschätzt habe. Seitdem “The Clash” allerdings nicht mehr mit einer grandiosen Punk-Reggae-Funk-Dub-Combo, sondern “of the Cultures” verbunden wird, hat sich Broder mehr und mehr zu einem klassischen Troll gewandelt, der mit der Keule ebenso umgehen kann, wie mit dem Florett… sofern vorne am Florett eine Keule befestigt ist.
Und offensichtlich versucht Broder gar nicht mehr zu diskutieren, sondern copypastiert sich fröhlich selbst. Schnell die beliebtesten Evergreens aus dem Setzkasten geholt (Klimapaniker, europäische Appeaseniks, das iranische Atomprogramm) und nur noch hie und da einen tagesaktuellen Bezug eingefügt, fertig ist die Glosse. Zumindest bekomme ich den Eindruck, wenn ich mir diesen Text so ansehe. Will sagen (im besten Colonel-Klink-Tonfall): “Brooooooooooooder!”
Der Text heißt bezeichnenderweise “Selbstmord aus Angst vor dem Tode”. Was ein Aussagesatz ist (gerne auch mit der Variation “Ableben” statt “Tode”), den Broder oft und gerne benutzt, wenn es um das Thema “der Westen und der Islamismus” geht. Das ist Broders Version von Pofallas Bonmot “Erst grübeln, dann dübeln.” Aufhänger heute: Die Ermordung von Benazir Bhutto in Pakistan. Gleich im ersten Absatz stellt Broder die harten Fragen, die den Rest der Welt bewegen.
Wie konnte es nur soweit kommen? Wusste Frau Bhutto nicht, welche Gefahr ihr drohte? Warum wurde sie nicht besser geschützt?
Zumindest Frage 2 dürfte sich der durschnittliche Zeitungsleser nur sehr bedingt stellen. Entging Frau Bhutto doch erst im Oktober 2007 einem Anschlag der 130 Menschen das Leben kostete. Was vielleicht schon darauf hindeutete, dass die Sicherheitsarchitektur in Pakistan bestenfalls als marode bezeichnet werden dürfte. Und das Frau Bhutto, sofern sie nicht der Maxime “Lightning never strikes twice” folgte, geahnt haben wird, in welcher Gefahr sie schwebte. Aber darum geht es bei den Fragen ja auch gar nicht. Hier steckt Broder einen Claim ab: Andere stellen depperte Fragen, er gibt die harten Fakten. Denn Henryk Marius Müller Westernhagen und ich haben quasi den selben Job: Wir sind Doktoren für Alles.
Dass die islamischen Fundamentalisten, die nicht nur Frau Bhutto ermordet, sondern auch Tausende ihrer Landsleute vom Leben zum Tode befördert haben, nur noch eine Armlänge von der Verfügungsgewalt über Atomwaffen entfernt sind, bereitet den Kommentatoren nur leichte Kopfschmerzen.
Die islamischen Fundamentalisten waren davon auch schon vor dem Attentat nur eine Armlänge entfernt. Etwa nach der ersten Anschlagsserie. Oder dadurch, dass der pakistanische Geheimdienst radikal-islamisch durchsetzt ist und seit Jahrzehnten in Pakistan eine Rolle spielt, die im krisengeschüttelten Rom den Praetorianern zukam: Sie haben die Macht Präsidenten zu schützen oder zu stürzen. Und dann ist da der Umstand, dass – auch ohne die Islamisten – zwei Atomstaaten seit Jahren um einen Wollpulli streiten. Einer der Gründe, warum Anfang des Jahres die Doomsday Clock zwei Minuten nach vorne bewegt wurde, was für sich genommen schon genug Grund für Magenbeschwerden ist. Auch ohne Islamisten am Drücker. Das sind Fakten, die nicht neu sind. Die Frage ist, was Broder jetzt gerade von uns erwartet? Panik?
Denn wenn Indien die A-Bombe hat, dann kann man es den Pakistanern nicht übelnehmen, dass sie mit dem großen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe kommunizieren wollen.
Interessante Argumentation, dass “der Westen” sich dem iranischen Atomprogramm nicht in den Weg stellte, weil ja der große Nachbar auch die Bombe hat. Wobei das natürlich nicht so war, als habe der Westen demokratisch abgestimmt, ob Pakistan die Bombe haben sollte. Das pakistanische Atomprogramm existiert seit den späten 1970ern – der Zeit des Kalten Krieges, als andere Handlungsmaximen galten und die Gefahr des Islamismus irrelevant erschien, verglichen mit der Gefahr des Sowjetkommunismus – und wurde zunächst von westlichen Staaten gefördert. Auch aus Angst, dass man Pakistan an die UdSSR verlieren könnte. Ab 1980 wurde das pakistanische Atomwaffenprogramm dann von China gefördert und… naja, der Interessierte kann das alles im National Security Archive hier selbst nachlesen.
Es soll ja auch gar nicht über das iranische Atomwaffenprogramm gesprochen werden, sondern hier verwendet Broder ein stilistisches Mittel: Die “gleiche Augenhöhe”-Rhetorik kennt man derzeit aus den Debatten über Israel und das iranische Atomwaffenprogramm. Der indirekte Vergleich deutet Broders Agenda an: Es gilt ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, weil die Waffen dort ebenso den Islamisten in die Hände fallen könnten, wie in Pakistan. Sagt er nicht, aber ich unterstelle ihm mal, dass er genau das meint. Darüber kann man übrigens diskutieren, ich stimme auch zu, dass es gilt den Iran vom Erwerb der Bombe abzuhalten. Dieser Einschub hier dient nur dazu aufzuzeigen, dass man durchaus B meinen kann, auch wenn man scheinbar über A redet. Ein Leitmotiv, dass den Großteil dieser Glosse durchzieht.
Die Ermordung von Benazir Bhutto, schreibt Gabriel Schoenfeld im Commentary-Blog, sei nicht nur eine Tragödie, sondern auch “ein strategischer Alptraum für die USA und einen großen Teil der Welt”.
Hier mal ein kurzer Zählerstand. Erwähnungen der USA in diesem Text bisher: Eins. Und zwar nicht von Broder direkt, sondern in Form eines Zitates. Warum wir hier zählen, dazu später.
Freilich: der Alptraum hat nicht vor zwei Tagen angefangen. Die Europäer träumen ihn mit offenen Augen, als würden sie sich einen Horrorfilm im Kino ansehen, der nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Und während sie sich voller Lustangst auf das Ende der Welt durch den Anstieg der Weltmeere vorbereiten und derweil über den Anstieg der Benzinpreise aufregen, merken sie nicht, was für eine Tsunami-Welle auf sie zurollt.
Dezidierte Erwähnung der Europäer, die das Problem Pakistan ignoriert haben statt zu handeln – Herr B. wird sicher gleich noch erwähnen, was er von Europa genau erwartet. Bonuspunkt dafür, dass er eine Katastrophenhierachie einführt und nebenbei noch einen Schwinger gegen die Global-Warming-Community einbauen kann. Wohlgemerkt, nicht nur gegen diejenigen die glauben, dass die globale Erwärmung durch die Menschheit entsteht, sondern gegen alle die glauben das ein “Anstieg der Weltmeere” bevorstünde. Die Idee der Globalen Erwärmung an sich ist derweil allerdings in der wissenschaftlichen Gemeinschaft relativ unumstritten, auch wenn über die Ursachen scharf diskutiert wird. Das alles in einem lässigen Handstreich wegzuwischen ist schon gewagt.
Ähnlich gewagt wie die Aussage “voller Lustangst”. Man könnte betonen, dass es schon einen Eschatologie-Experten braucht um einen anderen zu erkennen. Und Henryk M.O.D.O.K. Broder ist da ja keinen Deut besser. Sein Problem ist schlicht, dass sich der Rest der Gesellschaft nicht seiner persönlichen “Lustangst auf das Ende der Welt” (der islamistische Werwolf-Terrorismus) hingibt, sondern die größere Bedrohung in einer anderen Ecke sieht. Das ist es, was ihn hier hauptäsächlich stört.
Dabei ist es müßig, darüber zu streiten, ob es sich um eine religiöse oder eine politische Bewegung handelt, ob die Religion “instrumentalisiert” oder die Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck benutzt wird.
Interessant, dass Broder es “müßig” findet darüber zu streiten ob die “Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck” benutzt wird. Denn gerade die Frage müsste man sich stellen, wollte man tatsächlich ernsthaft über die Situation in Pakistan sprechen und eben nicht die islamische Welt von der Türkei bis zu den Phillipinen als einen monolithischen Block sehen.
Und darüber wurde auch schon gestritten. Etwa über die Frage welche Rolle der pakistanische Geheimdienst während der Achtziger gespielt hat als es darum ging, die Mudjaheddin in Afghanistan gegen die Sowjets aufzurüsten. Und welche Rolle der pakistanische Geheimdienst nach dem Ende der UdSSR gespielt hat, als der Westen die gesamten Istan-Region ignorierte, während der ISI weiterhin die Taliban unterstützte und weiterhin gute Kontakte zu Gulbuddin Hekmatyar hielt (dem alten Saufkumpel von Peter Scholl-Latour), einem der fanatisch anti-westlichen Warlords und während der Neunziger immerhin zwei Mal Premierminister des Taliban-Afghanistans. Man stritt auch darüber, wie Musharraf an die Macht kam. Und wieso Pakistan, trotz des Putsches, plötzlich wieder ins Commonwealth aufgenommen wurde. Wieso eine Regierung plötzlich “unser Freund” war, die am Morgen des elften September noch als Unrechtsregime galt. Ich verweise mal auf Steve Colls sehr lesenswertes Buch Ghost Wars.
Und all das sind Fragen, die in den letzten sechs Jahren wiederholt gestellt wurden. Inklusive der Frage, wie man garantieren kann, dass Pakistan nicht in den totalen Islamismus abrutscht. (Und, nur damit man mir nicht hinterher vorwerfen kann, ich hätte die andere Katastrophe mit offenen Augen kommen sehen: Die gleiche Frage gilt für unsere anderen “guten Freunde” aus dem Hause Saud.) Aber um all das geht es Broder ja nicht. Das wären Details, die die Bündnistreue gefährden würde, die er hier einfordert. Und dann kommt das Highlight des Textes. Fettmarkiert von mir:
Es geht darum, die Welt das Fürchten zu lehren.
Und für einen Moment dachte ich, Broder spräche von seinen eigenen rhethorischen Mitteln. Denn genau darum geht es auch ihm, nur dass er dabei natürlich niemanden tötet. Aber “be afraid, be very afraid” scheint auch sein eigenes Credo zu sein. Das war es schon vor dem Irakkrieg so, und das ist derzeit in der Vorbereitung des Kriegs gegen das iranische Mullah-Regime genau so. Denn in diesem Pakistantext geht es ja bekanntlich nicht um Pakistan, zumindest nicht primär, es geht darum die SPIEGEL-Leser auf den Krieg gegen den Iran einzuschwören.
Und dazu benutzt Broder, als Glossierätiker darf er das, drastisches Vokabular: Chaos, Todessüchtig, Haus in Flammen, eine Armlänge von [...] Atomwaffen entfernt, die Gefahr eines globalen Krieges, Alptraum, Tsunami-Welle die auf [Europa] zurollt, die Verbindung von Barbarei und High-Tech, die Apokalypse, brutal, grausam, toddessüchtig, et cetera. All das sind durchaus Dinge, mit denen Broder nicht falsch liegt, aber es ist die stakkato-artige Aufzählung an Untergangsphantasien und Bedrohungslagen… ohne Antwort, ohne Gegenkonzept, ohne Hoffnung, die nicht dazu dient eine auf Fakten basierende Debatte zu eröffnen, sondern auf das Bauchgefühl abzielt. Denn: In Gefahr und schlimmster Not bringt der Mittelweg bekanntlich den Tod. Wir oder die. Alternativen gibt es nicht mehr, ja Alternativen sind naive Gutmenschlerei:
Und deswegen ist es auch egal, ob die Bundeswehr in Afghanistan den Amis zuarbeitet oder beim “zivilen Aufbau” des Landes hilft, ob sie die Stellungen der Taliban auskundschaftet oder die “Herzen der Menschen” erobert.
Zweite Erwähnung der USA, wir zählen mit. Wir sind jetzt in Afghanistan, also noch in der Nähe von, aber nicht mehr in Pakistan selbst. Kernthese: Deutsche müssen das Töten wieder lernen. Warnschüsse, statt Multi-Kulti-Gesäusel.
Sie bekommen mit, wie die Welt auf ihre Taten und Untaten reagiert und wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Der Anschlag von Madrid führte zu einem Abzug des spanischen Kontingents aus dem Irak, die Ermordung zweier koreanischer Geiseln bedeutete das Ende des koreanischen Engagements.
Inzwischen sind wir in Europa (erneut) und dem Irak, also ziemlich weit weg von Pakistan. Die Frage ob die Islamisten tatsächlich “am längeren Hebel” sitzen, darf man stellen. Der direkte Zusammenhang zwischen Madrid und dem Abzug des spanischen Kontingents ist allerdings verkürzt: Zugegeben, die Anschläge waren zeitlich so gelegt, dass sie die bevorstehenden Wahlen in Spanien beeinflussten.
Aber: Die Truppen schickte die Aznar-Regierung, beliebt war die Entscheidung bei der spanischen Bevölkerung noch nie. Auch nicht vor den Anschlägen. Nach den Anschlägen versuchte die Aznar-Regierung dann, die Bombenattentate der ETA anzulasten, nicht der al-Quaida. Um sich so noch einmal als starke Kraft gegen die baskischen Separatisten präsentieren zu können. Resultat dieser Politik: Die sozialistische PSOE unter Rodríguez Zapatero, die schon vorher damit geworben hatte, bei einem Wahlsieg die Truppen aus dem Irak abzuziehen, bekam die Mehrheit der Wählerstimmen und setzte ihr Wahlversprechen um.
Hat Broder also Recht, dass der Truppenabzug eine Antwort auf die Anschläge war? Ja. Verkürzt er den Vorgang dabei stark? Auch hier: Ja. Und das Fass Irakkrieg an sich, möchte ich an dieser Stelle gar nicht aufmachen, das würde zu weit führen.
Eine solche Schwäche würden sich die islamischen Fundamentalisten nie erlauben, schon gar nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung. In Algerien wurden im Laufe von zehn Jahren über 100.000 Moslems von islamischen Fundamentalisten ermordet. Warum? Wurde das Land von amerikanischen und britischen Truppen überfallen? Mussten sich algerische Freiheitskämpfer gegen eine Besatzung ihrer Heimat durch christliche Kreuzritter zur Wehr setzen?
Schwäche. Rückgratlosigkeit. Und fast schon ein neidvoller Blick auf den Islamismus. Man kann ja über den Islamismus sagen was man will, an Grundsätzen fehlt es nicht.
Von Pakistan geht die Reise derweil im Fliwatüt weiter. Jetzt an die westlichste Stelle Nordafrikas, knapp 15 Jahre in die Vergangenheit. Und wieder benutzt Henryk Malefiz Broder die Taktik der unzulässigen Verkürzung: Nein, Algerien wurde nicht von Briten, Amerikanern oder christlichen Kreuzrittern besetzt. Aber man kann eine Algerien-Debatte nicht in einem oder zwei Absätzen führen. Und schon gar nicht, ohne dabei zu erwähnen, dass Algerien seit 1830 französische Kolonie war und erst 1962, nach dem Algerienkrieg, die Unabhängigkeit gewann. Einem Krieg der 350.000 bis 1,5 Millionen Algerier (je nachdem welcher Seite man glauben möchte) das Leben kostete und der Auslöser einer gewissen Europafeindlichkeit des Landes gewesen sein dürfte.
Die “Front Islamique du Salut” hatte 1992 die Wahlen gewonnen, wurde aber daran gehindert, die Regierung zu übernehmen. Das reichte, um ein Blutbad nach dem anderen zu veranstalten und bei dieser Gelegenheit auch mit ein paar Minderheiten abzurechnen.
Und auch hier verkürzt Broder, eben um den Zusammenhang zwischen den Homegrown Terrorists in Madrid, der al-Quaida im Irak und der FIS herzustellen. Und ohne die FIS nun in irgendeiner Form verteidigen zu wollen – ganz bestimmt nicht! – hatte der FIS-Guerillakrieg einen politischen Auslöser und eben nicht nur blinden Hass auf den Westen.
Und was Broder auch vergisst zu erwähnen, ist das auf der anderen Seite nicht nur die FIS daran gehindert wurde die Regierung zu übernehmen, sondern das Militär diese Situation nutzte um die Macht im Staat an sich zu reißen. Oder dass sich die FIS schon bald aufsplitterte und die Massaker an Zivilisten primär von der Splitterfraktion GIA durchgeführt wurden, der die Politik der FIS nicht radikal-islamisch genug war. Auch hier hat Broder also nicht per se unrecht, er vereinfacht nur komplexe Zusammenhänge so weit, dass sie exakt in sein Raster passen.
Während die europäischen Intellektuellen sich darüber die Köpfe zerbrechen, wie man den Islamismus bekämpfen könne, ohne die moderaten Moslems in die Arme der Extremisten zu treiben, bestimmen die Fundamentalisten den Gang und das Tempo der Auseinandersetzung.
Ein weiterer Schwinger gegen Europa. Dieses Mal gegen die Intellektuellen, nicht gegen die Klimagläubigen. Wobei das wohl die selbe Gruppe sein dürfte. Interessant auch, dass Broder die Frage komplett wegwischt, ob nicht eventuell bestimmte “Lösungen” tatsächlich die Probleme auf lange Sicht verstärken könnten. (Siehe den Irakkrieg.) Immerhin haben kurzfristige Problemlösungen – egal ob es nun der Sturz Mossadeghs oder die Unterstützung der Mudjaheddin im Krieg gegen die Sowjets – oft langfristig mehr Ärger gebracht, als man damals absehen konnte.
Im Folgenden zählt Broder nochmal Teddybeargate, die Karikaturen und Salman Rushdie auf (und bevor mich da wieder jemand mit Gewalt missinterpretiert: all das ist aus westlicher Sicht nicht akzeptabel) und listet im Gegenzug Enthauptungen, die Steinigung von Homosexuellen und Ehebrecherinnen auf, die der Westen nicht zu kritisieren habe, weil das sonst von den Islamisten als “islamophob” gegeißelt würde. Inwiefern wir jetzt noch in Pakistan sind, sei mal dahingestellt. Aber um Pakistan geht es ja auch eigentlich gar nicht mehr:
Das atomare Programm Irans dient nur friedlichen Zwecken, in inzwischen 3000 Zentrifugen soll nicht Uran angereichert, sondern Softeis hergestellt werden
Womit wir wieder bei Broders derzeitigem Steckenpferd sind, den nuklearen Ambitionen des Iran.
das Regime der Hamas im Gaza-Streifen, das mehr Palästinenser als Israelis das Leben gekostet hat, muss alimentiert werden, um eine “humanitäre Katastrophe” zu verhindern, damit nicht Gruppen an die Macht kommen, die noch radikaler sind
Auch hier ist es interessant, dass es Henryk Eminem Broder schafft, zwar zu kritisieren, dass man die Hamas im Gaza-Streifen hält um zu verhindern dass “noch radikalere” Gruppen an die Macht kommen (by the way: wir sind immer noch bei der Kritik an den Europäern, das ist also ganz alleine deren Schuld), dabei aber den 500-Pfund-Gorilla Saudi-Arabien erneut umtanzt. Denn Steinigungen von Homosexuellen und Ehebrecherinnen, und sogar angedrohte Peitschenhiebe für Vergewaltigungsopfer, sind nicht unbekannt im befreundesten Staat des Nahen Ostens.
Wenn wir realpolitisch argumentieren, dann sind das Haus Saud und die Hamas vielleicht derzeit Realitäten, die man nicht umgehen kann. Wenn wir allerdings argumentieren, dass es Unrecht ist, die Hamas trotz ihrer Radikalität und ihrer Position an der Macht zu halten, nur um Schlimmeres zu verhindern, dann kommen wir nicht umhin auch Saudi-Arabien anzuschneiden. Entweder wir diskutieren das im Ganzen, oder wir lassen es. In dieser Form ist es unehrlicher Populismus: Wenn man es schafft Palästina, den Iran, den Irak und Lybien anzureißen, dann kann man nicht ausgerechnet Saudi-Arabien außen vorlassen, wo genau diese Politik des “kleineren Übels” seit Jahrzehnten betrieben wird.
Ganz abgesehen von der Frage, ob nicht auch Musharrafs Militärdiktatur – immerhin demokratisch legitimiert von 99% der Pakistanis – nur deshalb seit dem 11. September 2001 unterstützt wird, weil alle anderen Alternativen in Pakistan noch unschöner sind. Wie Broder ja, am Anfang seines Textes, selbst konstatiert. Auch das könnte und sollte man in einer Glosse, die sich am Mord an Benazir Bhutto aufhängt, vielleicht anschneiden. Und man könnte fragen, wie humanitär das pakistanische Regime sich bisher verhalten hat: Beispielsweise im Bezug auf das – sich explizit auf den Koran stützende – pakistanische Blasphemiegesetz. (Das Bhutto während ihrer Zeit als Prämierministerin lockerte, das aber unter der Nachfolgeregierung Sharifs wieder verschärft wurde.)
Wir können gerne offen über alles diskutieren, auch wenn diese Dialogbereitschaft von uns Gutmenschen Broder sauer aufstößt, aber dann bitte auf gleicher Augenhöhe und nicht indem wir nur Missstände in Ländern kritisieren, die derzeit nicht auf unserer Seite stehen. Alles andere ist unehrlich und langfristig kontraproduktiv. Wie das Eskalieren der Situation in Pakistan gerade andeutet.
Nach der Entführung und Ermordung eines Deutschen in Afghanistan sagte Außenminister Steinmeier, dieses Verbrechen werde “nicht ungesühnt bleiben”. Es blieb bei dem Versprechen.
Auch die Mörder von Benazir Bhutto wissen, das sie nichts zu befürchten haben. Das halbe Land ist bereits in der Hand der Extremisten, für Sanktionen ist es zu spät. Der atomare Alptraum geht weiter. Die einen sind noch nicht am Ziel, aber die anderen haben das Rennen bereits verloren.
Die Mörder von Bhutto wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Von den Europäern. Die ja auch gegen den Iran, gegen den Irak, gegen die Hamas, Lybien, die Taliban in Afghanistan und die Islamisten in Algerien nicht vorgegangen sind. Was Broders These des “Hurra, wir kapitulieren” schön unterstreicht.
Die Leistung seines Artikels: Er gibt nicht einen Hinweis darauf, was er von Europa erwartet. Wie man handeln soll. Pakistan ist ein Commonwealth-Staat. Noch. Sollte also die britische Regierung intervenieren? Oder sollte die EU Truppen nach Pakistan schicken, die den Staat befrieden? Hätte so etwas Aussicht auf Erfolg? Sollte die EU dem ISI mehr Freiräume und Macht geben, damit der Geheimdienst die Islamisten im eigenen Land stärker bekämpft, auch wenn er selbst islamistisch durchsetzt ist? Den Satan quasi mit dem Beelzebub austreiben? Oder darauf drängen, dass Musharraf jetzt endlich den Geheimdienst ausmistet, auch auf die Gefahr dass der ISI ihn absetzt und das Land endgültig im Chaos versinkt? Broder hat keine Antworten, er versucht sich nicht einmal daran, sondern er hält schlicht fest, dass alles was Europa tut schon per se falsch ist: Im Irak lässt man die USA im Stich, in Afghanistan macht man humanitären Schnickschnack, aber kämpft nicht aktiv gegen die Terroristen.
Aber Europa kann ja auch nichts richtig machen, das würde Broders schöne These kaputt machen, dass die EU Schuld ist an allem Elend in der Welt. Und Europa trägt für Broder klar die Alleinschuld: Im ganzen Text schafft er es, die USA nur zwei Mal zu erwähnen (einmal via Zitat, nie bezogen auf Pakistan), obwohl es gerade die USA waren, die in den Achtzigern und dann wieder seit dem 11. September Pakistan als Verbündeten auserkohren haben. Aber die Rolle der USA in Pakistan anzusprechen würde das schlichte Gut-Böse-Weltbild zerstören, in dem Team America nicht nur dem Islamismus, sondern auch den Appeaseniks im Rest der Welt trotzen muss.
Wer es schafft einen Text über die Krise in Pakistan zu schreiben ohne dabei die USA oder den ISI zu erwähnen oder auch nur einmal den Namen Musharraf fallen zu lassen, der klammert große Teile der Krisensituation aus, weil sie nicht in sein Weltbild passen. Ja, die Debatten über diese Themenkomplexe werden sogar von vornherein als “müßig” abgestempelt. Gott bewahre, dass am Ende das schlichte Weltbild durch Komplexitäten verstellt oder umgeworfen wird. Es geht Broder gar nicht um Pakistan oder die Islamisten, es geht ihm nicht um die Frage was man hätte besser machen können, es geht darum die Meinung der Leser zu emotionalisieren. Fakten sind sekundärrelevant, was zählt ist dass man jetzt nicht schwächelt, dass man Geschlossenheit demonstriert. We will not falter. And we will not fail.
Auf der anderen Seite durchzieht den gesamten Text eine “Lustangst auf das Ende der Welt”, die hier im letzten Absatz noch einmal deutlich wird. “[D]ie anderen haben das Rennen bereits verloren.” Der Islamismus wird uns alle hinwegspülen. Die Demokratie ist tot. Die Meinungsfreiheit ist tot. Menschenrechte sind tot. Die Aufklärung ist tot. Europa hat schon verloren. Warum noch kämpfen? Warum noch diskutieren? Warum noch hoffen. Alles was jetzt über den Abwehrkampf hinausgeht ist eine Vergeudung von Ressourcen. Wer noch Hoffnung hat, dass man das Blatt wenden könnte, der ist ein naiver Gutmensch, der der Sache schadet.
Es ist eine Selbstgeißelung und Selbstkasteiung und es ist eine gigantische Verschwörungstheorie. Jedes islamistische Ereignis, egal ob Homegrown Terrorism, Wahlsiege der Hamas im Gazastreifen, der Bürgerkrieg in Algerien, terroristische Anschläge im Irak und das iranische Atomprogramm, wird in einen großen Topf gesteckt. Der globale Gefahrenraum, ausgehend von einer globalen, geschlossenen islamistischen Front. Mit der Hamas kann man so wenig diplomatisch umgehen wie mit der al-Quaida. Nur bestimmte Islamisten, die mit denen wir derzeit zusammen den Krieg gegen den Terror führen, die werden ausgeklammert. Erstmal. Bis sie irgendwann auf der anderen Seite stehen. Dann hat Europa wieder die Entwicklung verschlafen. Das man sich mit dieser Weltsicht selbst bestimmter Mittel beraubt, das ignoriert Broder galant, denn es würde nicht seiner Endzeitlyrik entsprechen.
Ohnehin Europa: Da ist sie, die Selbstkasteiung. Alles was schief geht in der islamischen Welt, all das ist direkt oder indirekt die Schuld der “Old Europeans”. Sie agieren nicht oder nicht stark genug. Sie verhindern nicht und sie fördern die Falschen, die Europäer. Diese Attitüde passt zu Broders Weltbild, wenn sie mit seiner Sicht Amerikas vergleicht, dass die Rolle des unfehlbaren Heroen hat, der sich einzig und ganz allein dem islamischen Terror in den Weg stellt. Nur um an allen Ecken und Enden von Europa sabotiert zu werden. Auch so kann man sich einen Sündenbock basteln. Aber wenn man Fehler der USA allein auf die linken Appeaseniks schieben kann, dann muss man das eigene Weltbild nicht hinterfragen. Nicht sehen, dass die Wahrheit vielleicht komplexer ist, als der hier an die Wand gemalte Teufel. Und wenn man dieses Verhalten bei Broder kritisiert, dann wird das schnell weggewischt mit dem Argument, dass Broder nun einmal Glossen schreibt, da dürfe er das Stilmittel der Simplifizierung verwenden. Er wisse sehr wohl, dass die Welt komplexer wäre. Nur zeigt er das sehr selten.
Und natürlich ist dieses Gefühl, dass Europa alles verbockt hat, an allem Elend schuld ist, auch etwas das David – bezogen auf das europäische Verhältnis gegenüber Afrika – als eine Form des Größenwahnsinns beschrieben hat: Wenn man sich selbst die Schuld an allem Elend in der Welt gibt, dann ist das auch eine Form sich wichtig zu machen und ein Versuch nicht akzeptieren zu müssen, dass vielleicht bestimmte Ereignisse eben nicht in unserer Hand liegen. Was als Erkenntnis noch schockierender sein kann, als das Gefühl zu haben, das man alles Elend der Welt selbst verursacht habe. Vielleicht macht diese Erkenntnis schlichtweg auch Broder Angst. Seinen Querdenker-Anzug hat Broder längst gegen den Frack des apokalyptischen Hysterikers eingetauscht.
Es ist ironisch, dass ausgerechnet der Mann der mit Hurra, wir kapitulieren die Appeasement-Politiker in Europa attackiert, selbst schon längst aufgegeben hat. Dass Broder selbst keine Hoffnung mehr zu sehen scheint, dass sich irgendetwas bessern könnte und darum nur noch laut und hysterisch verzweifelt. Diese Lust am Kapitulieren wird Broder auch 2008 in seinen Glossen wieder präsentieren. Na dann, guten Rutsch…















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