Archive for May, 2007

Finale. Oho. Finale. Oho-oh-o.

Wednesday, May 30th, 2007

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Zwei Finalspiele in einer Woche? Wenn das nicht eine ideale Gelegenheit ist um mal ein wenig über Ligaskandale, den Videobeweis und professionellen Fußball-Journalismus nachzudenken. Anpfiff.

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Champions League Finale: Liverpool – Milan 1:2

Ich bin wohl zu lange dabei und zu altmodisch für diesen neuen Fußball. Es freut mich ja wirklich für bestimmte Menschen, dass sie einen tierischen Spaß dabei empfinden Defensivfußball zu schauen. Dass sie in Jubelarien ausbrechen, wenn wieder Mannschaft A noch vor dem Sechzehner den Angriff von Mannschaft B gestoppt hat und dass sie all diese taktischen Details und Feinheiten erkennen, die es so in der Bundesliga noch nicht gibt und die verhindern, dass deutsche Teams mal wieder einen internationalen Wettbewerb gewinnen. Aber für mich persönlich gilt: Drauf geschissen, ich will Tore sehen. Oder zumindest Torchancen. (Mal ganz abgesehen davon, dass die Teams ja auch ganz anders können… siehe die Spiele von Milan gegen ManU.)

Diese unattraktive Mittelfeldgebolze, diese Spiele mit nur einer Spitze (noch pro Mannschaft, bald möglicherweise pro Gruppe) fand ich schon während der WM unerträglich und das wird sich wohl nicht anders ergeben. Falls das hier wirklich der Fußball der Zukunft war, dann ist es an der Zeit sich in eine Kryokammer zu begeben und sich erst wieder auftauen zu lassen, wenn 2078 ein paar Teams entdeckt haben, dass sie mit guten Spielern und klugem Passspiel auch solche Abwehrbollwerke überwinden können.

Besonders da der alte Phrasenschweinfüller “offense wins games, defense wins championships” eines nicht einkalkuliert hat: Um das Spiel zu gewinnen braucht man nicht nur fest-geschlossene Abwehrreihen (wie das der Fußballphilosoph Horst W. mal besingen ließ… äh… Themawechsel), sondern auch mindestens einen Spieler der entweder absolut geniale Momente oder schlichtweg dummes Glück hat. So wie Filippo Inzaghi.

Bei nur einer Torchance zwei Buden zu machen, das ist schon mal nicht schlecht. Denn ganz im ernst: Der Treffer zum 1:0 hätte so nicht stattgefunden, wenn nicht Glück und Zufall derbe mitgeholfen hätten. Und: Jaja, das Glück ist mit den Tüchtigen und blablabla. Aber zu dem Zeitpunkt waren die Reds noch klar die bessere Mannschaft und wäre der Ball da nicht reingegangen, das Spiel hätte ganz anders ausgehen können.

Nur mal so als kleiner Gedankenanstoß für jene, die so reden als wäre Milans Sieg unvermeidbar oder komplett ohne Rückgriff auf Glück zustande gekommen. Nicht ganz unschuldig – und ich möchte Milans Abwehrbollwerk jetzt gar nicht so schwach reden – am Sieg der Milanoniken ist auch Rafael Benítez, der Peter “wie ironisch ist denn mein Nachname” Crouch erst 12 Minuten vor Schluß ins Spiel brachte und dann, zwei Minuten vor Ende der Spielzeit, noch mit Arbeloa einen defensiven Mann brachte. Nicht dass man am Ende 3:0 verliert. Mit wem hat Benítez diese Strategie vor dem Spiel abgesprochen? Jose Pekerman?

Anyway, in Anbetracht der Uninspiriertheit, die Liverpool nach vorne an den Tag legte, geht der Sieg für Milan in Ordnung. Was ihn mir nicht weniger bitter aufstößen lässt. Das geht ja schon damit los, dass Inzaghi beide Tore geschossen hat. Ausgerechnet. Wer nicht weiß, warum Inzaghi auf meiner persönlichen Sympathieskala irgendwo in Cristiano-Ronaldo-Gefilden rumkrebst, der sehe sich einfach mal die Leiden des jungen I. gegen Ende des Spiels an, als er minutenlang schmerzverzerrt auf dem Boden rumrollt und dabei mit der linken Hand verhindern muss, dass ihm die Organe durch das Loch rausfallen, das der Ball in seinen Bauch geschlagen hat. In meiner Zeit als Kriegsberichterstatter im Vietnamkrieg (womit ich meine: ich habe dutzende Vietnam-Filme gesehen und Viet Cong gespielt) habe ich nicht so viel menschliches Elend mitansehen müssen. Das sind Szenen, die man in der nächsten Bundestagsdebatte zur aktiven Sterbehilfe vorspielen sollte. Beeindruckend, wie schnell Inzaghi dann wieder stand, nachdem er endlich vom Feld getragen worden war. Man hört es gäbe für die kommende Saison schon ein Millionenangebot von der SpVgg X-Men ’63.

Mal ganz unabhängig davon, dass mir in Mailand die blau-schwarz gestreiften eh sympathischer sind: Warum durfte Milan diese Saison in der Champions League spielen? Und ja, sie waren über die Saison gesehen das beste Team in der CL, sie haben den FCB verdient geschlagen… das ändert nichts daran, dass Milan meiner Ansicht nach erst gar nicht hätte in der Champions League starten dürfen. Erinnert sich noch jemand?

Dass Milan anfangs eigentlich zusammen mit Juve hätte aus der Serie A absteigen sollen? Geschenkt. Das Milan so viele Punkte abgezogen bekommt, dass sie nicht in der Champions League mitspielen dürfen: Wäre für mich eigentlich noch zu schwach, aber zumindest tut es dem Verein finanziell weh. Dass dann die italienischen Gerichte, die UEFA und die FIFA so lange Gnade walten lassen, bis sich Milan sich nur noch durch eine Qualifikationsrunde spielen muss, um doch wieder in der Champions League dabei zu sein? Das empfinde ich persönlich als lächerlich. Hat Christian Klar sich eigentlich mal überlegt ein Gnadengesuch an den UEFA-Präsidenten zu stellen?

Solche Entscheidungen und solche Resultate helfen, so weit es mich betrifft, keinen Deut dabei den Sport aufs nächste Level zu erheben. Und sie bauen auch kein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Unbefangenheit von UEFA oder FIFA auf. Ein Vertrauen, das dank Spezis wie Sepp Blatter und Michel Platini eh nie sonderlich hoch war.

Ich hoffe, dass 2009 die Champions League von Juventus Turin gewonnen wird und dann endlich eine große Debatte über solche Skandale, den Umgang mit ihnen und ein gerechtes Strafmaß einsetzen wird. Ich befürchte aber eher, dass 2009 Juve die CL gewinnt und wir diese Diskussion wieder schnell unter den Teppich kehren… um dem “Sport” nicht zu schaden. Wie sehr zum Kotzen ich das finde, muss ich wohl nicht mehr sagen.

Murksiges Spiel, falscher Torschütze, falscher Sieger.

1/5

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DFB-Pokal Finale: Stuttgart – Nürnberg 2:3 n.V.

Hui, das exakte Gegenteil vom großen Finale und ein definitiv besserer Saisonabschluss als das Rumgegurke in Athen. Noch dazu ein Finale in dem die richtige Mannschaft gewonnen hat. Und eines, das eigentlich auch eine große Diskussion auslösen sollte, das aber mal wieder nicht tut…

Vor dem Spiel war ich relativ unbefangen wer gewinnen sollte, favorisierte aber Nürnberg. Denn: Stuttgart hatte schließlich schon einen Titel, Nürberg hat eine gute Saison gespielt und Hans Meyer ist halt derzeit definitiv die coolste Sau im deutschen Fußball. Ich hoffe, dass irgendwann das Trainergespann Meyer/Klopp das DFB-Tream trainiert. Oder von mir aus soll’s weiterhin Jogi Löw trainieren, aber Meyer und Klopp dürfen die Pressekonferenzen geben. Alternativ würde es mir auch schon reichen, wenn man in Zukunft um den Trainerschein zu erwerben ein paar Stunden Interviewtraining mit Hans Meyer machen müsste. Aber jetzt greife ich vor.

Was ich sagen wolle: Ich wollte dass Nürnberg den DFB-Pokal holt, hätte mich aber auch nicht beschwert wenn er am Ende bei Armin Veh und seinem Verein gelandet wäre. Bis zur 32. Minute als es absolut unmöglich für mich wurde, dem Stuttgarter Team weiterhin Sympathien zuzugestehen. Respektive: Der Großteil des Stuttgarter Teams hatte die schon noch, aber die Vorstellung, dass am Ende Fernando Meira den Pott in die Luft heben dürfte, die wurde in dem Moment unerträglich.

Minute 32. fand dieses Foul statt, das in mehreren US-Staaten regelkonform als “versuchter Mord” deklariert werden müsste. Wir erinnern uns: Fernando Meira entschied, dass jetzt ein guter Moment wäre seine praktische Abschlußprüfung als staatlich anerkannter Amputator vorzunehmen und entschied weiterhin, dass Marek Mintal mindestens ein Bein zu viel hat. Dass das Foul in dieser Form stattfand nachdem gerade Cacau vom Platz geflogen war (der sich schon mal für seinen anschließenden WM-Kampf gegen Arthur Abrahams warm geboxt hatte) und dass das Foul gegen den Ausgleichstorschützen statt fand, dass mag Zufall gewesen sein. Vielleicht war es kein Revanchefoul, aber das ist schon unwahrscheinlich. Trotzdem: Selbst ohne diese Bonusfaktoren hätte Meira für den Einsteiger vom Platz geschmissen gehört.

Meiras größtes Glück war es, dass Schiedsrichter Michael Weiner nur Sekunden vorher Cacau die Rote gezeigt hatte und jetzt offenbar gehemmt war, nur Sekunden später schon wieder den tomatenfarbenen Karton aus der Tasche zu ziehen. Man ahnt wie das ist: “Zwei Spieler in unter einer Minute vom Platz werfen? Von der selben Mannschaft? Gibt das einen Aufstand? Was wenn eine der Entscheidungen falsch war? In der Zeit nach Hoyzer? Ich werde doch nie wieder eingesetzt, wenn man mir Benachteiligung vorwirft.” Zumindest vermute ich, dass solche Gedanken durch Weiners Kopf gingen. Richtiger macht es die nachsichtige Entscheidung in dieser Szene nicht.

Und das ist der Moment an dem ich finde, dass wir endlich wieder die Diskussion über den Videobeweis auspacken sollten. Neun Millionen Zuschauer haben in der ARD sehen können, dass Meiras Foul absolut rotwürdig war. Nur Weiner sah es nicht. Dabei fällt das Foul von Meira für mich in die Kategorie “spielverzerrend”. Mintal war, das hat man gesehen, ein wichtiger Spieler für Nürnberg. Aber selbst wenn Mintal ein Grobmotoriker gewesen wäre, der eigentlich nichts anderes tat als seinen Mitspieler wertvolle Atemluft zu klauen… Meiras Foul hat den Nürnbergern einen klaren Nachteil aufgezwungen.

Das Foul war so brutal, dass Mintal früh ausgewechselt werden musste. Nürberg verlor damit also einen wertvollen Wechselposten. Was ziemlich wichtig wurde in der Verlängerung, da sich Hans Meyer nicht darauf verlassen wollte, dass Raphael Schäfer ausgerechnet im Pokalfinale lernt wie man Elfmeter hält (siehe das 2:2 in Minute 80) und ihn darum kurz vor Schluß noch hätte auswechseln müssen. Stuttgart hingegen entstand aus Meiras Foul kein Nachteil. Und bei der Bösartigkeit, die diesem Foul innewohnte, war das für mich ein Skandal.

Ich verstehe, dass wir die Heiligkeit des Spiels nicht versaubeuteln wollen und das Spiel nicht dadurch verzerren möchten, dass alle zehn Sekunden ein Videobeweis gefordert wird. Aber ist es nicht trotzdem möglich, den Videobeweis zumindest eingeschränkt einzuführen? Von mir aus mit der Regelung, dass der Videobeweis nicht eingesetzt wird, wenn es um Abseitsentscheidungen, Elfmeterentscheidungen oder die Frage geht, ob der Ball nun im Tor war oder doch nur knapp daneben. Fände ich inkonsequent, aber wegen mir…

Allerdings: Für Situationen wie das Meira-Foul sollte es einen vierten Mann geben, der an einem Monitorset sitzt und sich solche Szenen nochmal anguckt. Und dann, wenn er meint dass eine krasse Fehlentscheidung vorgelegen hat (entweder keine Karte, wenn eine nötig war oder vice versa) dem Schiri via Funk sagt: “Oi! Komma du her und schau dir ditte nomma aufm Schirm an.” Wenn Weiner die Szene auf dem Bildschirm gesehen hätte und immer noch bei Gelb geblieben wäre, dann wäre ihm nicht zu helfen. In jedem anderen Fall wäre keine Spielverzerrung aufgetreten. Es wäre stattdessen eine Spielverzerrung verhindert worden.

Die verständliche Angst ist, dass man mit sowas Tür und Tor öffnet für Entscheidungen am grünen Tisch. Die Regeln für den Einsatz des Videobeweises müssten also klar abgesteckt sein. Im Zweifelsfall muss man den Vereinen verbieten den Videobeweis zu fordern. In bestimmten Situationen ist er trotzdem nötig. Man denke an den “versteckten” Videobeweis gegen Zidane im WM-Finale, als der Schiri selbst den Kopfstoß nicht sah und trotzdem Rot zückte. Immerhin: Sollte es nicht primär darum gehen, dass man Spieler schützt? Und dient es nicht eher der Fairness, wenn ein Holzer wie Meira für sein Foul die verdiente Karte erhält, da die Nürnberger ja eh schon gefickt sind, wenn sie einen wichtigen Mann früh auswechseln müssen? Wie bitter wäre es gewesen wenn Meira den entscheidenden Elfmeter oder das Siegtor für den VfB reingemacht hätte?

Die Diskussion, die ich mir erhofft hätte setzte nicht ein. Was ich persönlich bedauerlich finde. Es wäre wünschenswert, wenn sich DFB, FIFA und UEFA so langsam mit den neuen Möglichkeiten arrangieren würden. Die “knowledge gap” zwischen Fans vor dem Fernseher und Schiedsrichtern wird so langsam peinlich und sich hinter der “Tatsachenentscheidung” zu verstecken, wenn ein Urteil eindeutig falsch oder unfair ist, wird auch so langsam alt.

Anyway: Der Rest des Spiels war ein wahnsinnig spannender Fußballabend, bei dem ich und mein Mitseher jedes Nürnberger Tor so ungehemmt bejubelt haben, wie sonst nur Tore für die Bayern. Schön wenn ein Spiel mit zwei “neutralen” Mannschaften das schafft, besonders da sich beide Teams einen offenen Schlagabtausch lieferten und eben nicht nur auf Konter hofften. Die Torverteilung hätte ein Drehbuchautor nicht besser hinbekommen. Das gilt sowohl für Stuttgarts Elfer kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit, als auch für das Schmankerl von Kristiansen in der 109. Super auch die Reaktion von Hans Meyer darauf: Kurz die Flosse hoch, einmal High Five und keinen Meter Reaktion zeigen.

Nachdem wir nun den Lob für das Spiel losgeworden sind, zurück zur Kritik: Wofür zum Eduard Geyer verlangt ihr Rotzbremsen GEZ-Gebühren? Könnt ihr davon nicht zumindest einen Teil abzwacken um eure Fragesteller mal zehn Minuten im Halteverbot vor einer Journalistenschule zu parken? Diese laufenden Mikrophonständer haben zwei Mal 45 Minuten (hier plus zwei Mal fünfzehn Minuten) Zeit um sich eine “richtige” Frage auszudenken. Sofern wir davon ausgehen, dass sie total spontan sind und sich ihre Fragen eben nicht schon zuhause mit ‘nem Wachsmaler auf ein Blatt Papier malen und dann wochenlang auswendig lernen. Und was kommt dann dabei raus?

Jan Kristiansen, haben Sie sich ihr erstes Tor für den Club fürs DFB-Pokalfinale aufgehoben?

AAAARRRGGHHHH! Man wünschte sich ja wirklich, dass unsere Fußballer so locker wären wie unsere Handballer und das als Aufforderung verstünden, die Fragesteller mal nach Strich und Faden zu verarschen. In der Hoffnung, dass mindestens einer von denen mal bemerkt, was man da eigentlich für einen Murks fragt. Wobei, vielleicht würde dann auch einem dieser Fragenkasper der Kopf explodieren und das frisch getauschte Trikot mit Blut und Hirnmasse ruinieren. Will man ja auch nicht. Aber im Ernst: Welche Antwort erhofft man sich hier? “Gegen Dortmund und Gladbach hatte ich den Siegtreffer schon auf der Kelle, dachte dann aber: Nee, wart’ mal lieber aufs Pokalfinale und habe den Ball darum mit Absicht übers Tor gezimmert.” Yeah, like that’s gonna happen.

Meine persönliche Interviewheldin des Abends war aber trotzdem Monika “Frauen können auch miese Sportmoderatoren sein” Lierhaus, die den schon wieder sehr lockeren Hans Meyer neben sich stehen hatte und sich nochmal anschaute, wie Meira versuchte das Bein von Mintal zu töten. Danach kam Armin Veh dazu und beklagte sich über “mangelndes Fingerspitzengefühl” beim Schiedsrichter. Was inzwischen ein Standard ist und soviel heißt wie: “In Finalspielen sollte ein Schiri gar nichts mehr pfeifen dürfen.” Siehe auch Bremen gegen Barcelona im UEFA-Cup Halbfinale, wo es plötzlich unfair war, dass Klose vom Platz geflogen ist, weil sonst Schwalben auch nie gepfiffen werden. Was lernen wir daraus? Das Problem sind nicht die sieben aus zehn Fällen, in denen eine Schwalbe nicht geahndet wird, dass Problem sind die drei Fälle wo ein Schiri der Regelauslegung mal korrekt folgt. Aber jetzt sind wir schon wieder auf einer Tagente gelandet.

Also, zurück zum Pokalfinale: Veh beschwert sich, dass der Schiedsrichter klar gegen Stuttgart gepfiffen habe… was macht Monika Lierhaus? Stellt fest, dass das nicht ganz stimmt und dass man gerade das Meira-Foul gesehen habe. Und macht dann locker weiter.

WHAT THE FUCK?!

Jaaa, das Publikum hat die Szene gesehen und Gott steh uns allen bei, wenn das Publikum die Szene jetzt noch einmal sehen müsste. Denn wenn eines in der ARD bekanntlich gar nicht geht, dann sind es Wiederholungen. Aber, echt gezz Lierhaus: Warum hast du die Szene Armin Veh nicht nochmal gezeigt? Weil es keinen interssiert hätte, wie der Stuttgarter Trainer dieses Foul sieht, nachdem er gerade noch darüber jammerte, dass Cacau unfairerweise vom Platz gestellt wurde? Weil das vielleicht zu einer kontroversen Diskussion geführt hätte? Weil es vielleicht gutes Fernsehen gewesen wäre? Es ist keine Raketenwissenschaft, dass es in der Situation richtig gewesen wäre Veh diese Szene zu zeigen und ihn dann nochmal auf seine Einstellung anzusprechen. Aber Frau Lierhaus macht locker weiter mit total belanglosen Frotteefragen… denn diese zehn Sekunden, die es gedauert hätte die Szene nochmal zu zeigen, die kann die ARD nicht vom exakt geplanten Sendeplan abknapsen.

Sonst würden wir ja am Ende nie erfahren, ob sich Jan Kristiansen sein erstes Tor tatsächlich fürs Pokalfinale aufgehoben hat…

4/5

Towel Day 2007

Friday, May 25th, 2007

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Einen fröhlichen Handtuchtag allen hoopy froods da draußen, die heute den Towel Day in Erinnerung an den großen Douglas Adams zelebrieren. Das Handtuch kommt heute, das dürfte niemanden überraschen, extrem nützlich daher: Wahlweise zum Aufsaugen des Schweißes oder angefeuchtet zur leichten Abkühlung am Morgen, während es bei den heute Nachmittag einsetzenden Gewittern zumindest kurzfristig als Schutz vor Regen dient. Ganz zu schweigen davon, dass man sich den ganzen Tag über keine Sorgen darum machen muss, dass einem ein gefräßiges Bug-blatter Beast von Traal begegnet.

Da meine Digikam kaputt ist und nicht noch keine neue gekauft habe, muss man sich mein Handtuch halt vorstellen: Es ist nicht sonderlich groß, dafür aber extrem weinrot. Und: Ja, ich war tatsächlich damit in der Uni und Mensa und werde mich damit auch nachher in den ÖPNV wagen. After all: The geek shall inherit the earth. Statt eines lustigen Faktoids über Douglas Adams, gibt es heute etwas zum Spielen: Bureaucracy.

Bureaucracy war Adams zweite Kollaboration mit Infocom, für die sich damals schon Schwierigkeiten am Horizont abzeichneten. In Bureaucracy hat der Spieler eigentlich nur die Aufgabe, eine kleine, bürokratische Panne zu korrigieren: Man ist verzogen, aber das mit der Nachsendeadresse scheint nicht perfekt geklappt zu haben. Eigentlich kein Problem, oder? Bis die Bürokratie ins Spiel kommt: Banken, Behörden, Reisebüropersonal, das Bestellen eines Menüs an Bord des Flugzeugs… überall rennt man in bürokratische Scherereien, die man nur mit äußerstem Querdenken lösen kann. Alternativ kann der Blutdruck der Spielfigur so lange ansteigen, bis sie einem Aneurisma erliegt. Und, ganz ehrlich, es ist keine Schande sich die Komplettlösung gleich neben den Rechner zu legen.

Die Feelies, die dem Spiel damals beilagen kann man hier finden. Jeder der Douglas Adams Humor schätzt oder sich mal mit irgendwelchen Behörden, Banken oder der GEZ rumschlagen musste, der wird seinen Spaß an Bureaucracy finden.

Mit bestem Dank für den Fisch und nicht vergessen: Don’t Panic.

Sneak Review: Zodiac

Wednesday, May 23rd, 2007

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Wow. Eine Sneak in der tatsächlich mal ein Film läuft, den ich nicht nur sehen wollte, sondern zu dem auch noch das englische Original aus den Lautsprechern dringt. Ich würde sagen, dass die Sneak und ich damit in Sachen Laws of Attraction und Flight of the Phoenix quitt sind. Aber für den grässlichen Mr. & Mrs. Smith habe ich immer noch etwas gut.

Zodiac also, ein Film auf den ich sehr gespannt war, weil David Fincher momentan zur absoluten Regie-Elite Hollywoods gehört. Mir war bewusst, dass Zodiac – ein Film über die Morde des Zodiac-Killers in der Bay Area in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern – kein zweiter Se7en werden würde, aber ich war doch sehr erstaunt was für einen Film uns Fincher hier präsentiert. Zodiac ist ein Gemälde von vier Männern, die ihr Leben der Jagd nach dem Zodiac-Killer widmen und ist dabei zu gleichen Teilen klassischer Polizeiarbeitsfilm und klassischer Pressestreifen. Und wenn ich klassischer Pressestreifen sage, dann meine ich damit Die Unbestechlichen (All The President’s Men), Alan Pakulas Film über den Watergate-Skandal. Eine Querverbindung die viele Kritiker gezogen haben, wie mir ein schnelles Überfliegen der Metacritic-Rezensionen verrät.

Das ist eine interessante Entscheidung denn wann – und das ist natürlich auch dem Wandel in der modernen Kommunikation geschuldet, Journalismus heute sieht schließlich ganz anders aus – haben wir das letzte Mal einen Pressefilm dieser Art gesehen? Gab es überhaupt nach Die Unbestechlichen nochmal einen Film dieser Machart und dieser Qualität? Ich kann mit dieser Entscheidung sehr gut leben, gehöre ich doch zu den Fans des Pakula-Streifens.

Die größte Stärke von Zodiac – einem Film der mehr an den Männern die den Zodiac-Killer jagen interessiert ist, als an dem titelgebenden Mörder selbst – sind die Schauspieler, die diese Männer verkörpern. Mit einer Ausnahme: Jake Gyllenhaal als eigentlicher Hauptcharakter. Gyllenhaal funktioniert in der ersten Hälfte des Films, wenn er noch den geschniegelten Pfadfinder spielen darf. Aber wenn seine Figur in der zweiten Hälfte mehr und mehr von dem Fall besessen wird, dann merkt man Gyllenhaals Schwächen. Die Rolle des Besessenen nimmt man ihm nicht wirklich ab. Im Kern ist es immer noch der Gyllenhaal aus Hälfte Eins, nur dass er jetzt einen Fünf-Tage-Bart trägt.

Gyllenhaal ist nicht schlecht in seiner Rolle, er fällt nur stark ab im Vergleich zur restlichen Cast. Zodiac ist bis zur kleinsten Nebenrolle hervorragend besetzt und gespielt. Brian Cox ist verstörend als potentieller Zodiac-Killer. Dermot Mulroney, Elias Koteas und Brian Cox haben nur kleine Rollen, geben sich aber eine beeindruckende Mühe hier zu glänzen ohne die Show zu stehlen. Fincher ist entweder wirklich talentiert wenn es darum geht, seine Akteure zu motivieren oder er hat einfach “nur” ein sehr gutes Händchen wenn es ums Casting geht.

Das zeigt sich auch bei den anderen Hauptdarstellern: Robert Downey Jr. ist der Schauspieler, der wohl am ehesten Lob für seine Rolle einheimsen wird, vielleicht weil seine Figur nicht allzuweit vom Menschen Downey Jr. entfernt liegt. Downey Jr. spielt glänzend einen Journalisten, dessen Einstellungsproblem höchstens noch von seinem Alkohol- und Drogenproblem überschattet wird und den der Fall langsam zerbricht.

Auf der Seite der Polizei sind auch zwei wunderbare Schauspieler am Werk, wobei deren Schauspiel in die ganz andere Richtung geht. Es ist zurückhaltender, aber nicht weniger überzeugend. Der überragende Akteur in diesem Film ist für mich Mark Ruffalo, den ich bisher noch gar nicht auf meiner “Im Auge behalten”-Liste hatte, der aber Detective Toschi so überzeugend und mit soviel Understatement spielt, dass man es erst zu schätzen weiß, wenn man bewusst darauf achtet. Ruffalo legt eine Performance hin die darum so lobenswert ist, weil man Ruffalo die Figur abkauft ohne dauernd zu denken: “Wow. Der schauspielert echt gut.” In dieser Form hat der Mann auf jeden Fall eine Nebenrollen-Nominierung bei der nächsten Oscar-Verleihung verdient.

Interessant ist übrigens auch, wie Ruffalo die Rolle des Toschi anlegt. Nach allem was ich gelesen habe, war Dave Toschi das Vorbild für Steve McQueens Frank Bullitt und Clint Eastwoods Harry Callahan, aber Ruffalo lässt Toschi eher wirken wie eine Version von Inspector Columbo ohne dessen Zerstreutheit.

Die andere große Stärke des Films ist, wie “akkurat” er sich anfühlt. Darf man sowas sagen, wenn man erst über eine Dekade nach der hier portraitierten Ära geboren wurde? Ich mach’s einfach mal. Als jemand der nicht dabei war (aber hey, wenn du dich an die Sechziger erinnern kannst, dann warst du ja bekanntlich auch nicht dabei), kaufe ich Fincher das San Francisco der 1960er und 1970er absolut ab. Weil das Design hier mit dem gleichen Adjektiv gelobt werden darf, mit dem ich auch Ruffalo lobte: understated. Das hier ist kein San Francisco in dem an allen Ecken und Enden Hippies rumlungern, Gitarre spielen und wildfremden Menschen Blumen ins Haar stecken. Das hier ist ein San Francisco dem man abnimmt, dass hier echte Menschen gelebt und gearbeitet haben.

Die Musik, die Außenaufnahmen, die Autos, die Klamotten, die Frisuren und die Koteletten… all das scheint zu passen ohne den Zuschauer anzuspringen. “Hey! Das sind die Siebziger! Siehste: Kein Modegeschmack!” Das alles wirkt ungemein natürlich, weil es eher im Hintergrund arbeitet, weil die Liebe im Detail steckt. Am deutlichsten wird das vielleicht in den Szenen, die im Großraumbüro des San Francisco Chronicle spielen. Die falschen Holztäfelungen, die zigarettenrauchgetrübte Atmosphäre, die riesigen elektrischen Schreibmaschinen… das wirkt auf mich real, weil sich Fincher hier entweder an der Realität orientiert hat oder zumindest an Filmen die in dieser Ära gedreht wurden. Es würde nicht wie ein Störfaktor wirken, wenn in einer Szene Redford und Hoffman im Hintergrund säßen und ihr nächstes Treffen mit Deep Throat diskutierten oder wenn plötztlich Peter Finch auf den Fernsehern in der Redaktion erscheinen würde.

Fincher orientiert sich aber nicht nur optisch an den Filmen dieser Ära, Fincher orientiert sich auch am Szenenaufbau, am Tempo der Filme des New Hollywood. Zodiac ähnelt keinem Film der letzten fünfzehn Jahre, nicht einmal den bisherigen Filmen Finchers, stattdessen scheint Zodiac eher in der Tradition von Männern wie John Schlesinger, besagtem Alan Pakula, Peter Bogdanovich oder Sidney Lumet zu stehen. Am Ende dieses Films war mir wieder bewusst, dass es mal eine Hollywood-Phase gab in der selbst große Actionreißer wie Bullit so langsam waren, wie sich das heute nicht einmal mehr ein Dokumentarfilm leisten kann.

Fincher hat kein Problem damit, den Zuschauer zu quälen und sein Sitzfleisch auf die Probe zu stellen. Für Zodiac sollte man sich von allen Erwartungen verabschieden, die man in den letzten Jahren in Sachen Serienkiller-Thriller aufgebaut hat. Alle Morde passieren in der ersten dreiviertel Stunde, danach geht es nur noch darum, wie zwei Journalisten und zwei Polizisten versuchen dem Killer auf die Spur zu kommen. Der Film schwelgt dann in Details, Details, Details, Details, Details. Er erschlägt den Zuschauer geradezu mit einem Wust an Details und Kleinigkeiten.

Aber er tut das sehr konsequent und scheint sich dabei eher an der Realität, als an den Erwartungen des Publikums zu orientieren. Zodiac hat kein Problem damit den Zuschauer eine halbe Stunde lang in die Irre zu führen, wenn auch in der Realität ein halbes Jahr darauf vergeudet wurde, einer falschen Spur nachzugehen. Und Fincher hat ebenfalls kein Problem zu zeigen, dass Polizeiarbeit und Pressearbeit oft staubtrocken sind, wie schnell Fakten verloren gehen im Behördenwirrwarr. Das wird deshalb nicht langweilig, weil die Schauspieler den Film selbst an diesen quälend langsamen Stellen tragen. An einer Stelle merkte ich erschreckt, wie lange die Sechziger schon zurückliegen: Detective Toschi versucht nämlich sich mit zwei kleineren Polizeibehörden im Umland von San Francisco zu koordinieren, nur um dann feststellen zu müssen, dass keines dieser lokalen Polizeidienstellen bisher ein Telefax hat.

Zodiac ist in den USA an der Kinokasse gefloppt. Und ich kann verstehen warum. Das hier ist kein Film für die Massen. Dafür ist er zu langsam, zu dialoglastig, zu verliebt in Details und zu sehr Retro, zu sehr New Hollywood… das immerhin seit 30 Jahren tot (für mich ist Star Wars der Wendepunkt) und damit schon wieder Old Hollywood ist. Wenn man ein Faible für diese alten Streifen hat, dann wird man sich hier heimisch fühlen. In jedem anderen Fall mag es sein, dass man Zodiac schlichtweg langweilig findet.

Was auch daran liegt, dass Fincher hier beweist, wie sehr er sich zurückhalten kann, wenn er nur will. In Filmen von David Fincher waren für mich immer David Fincher und seine visuellen Einfälle die Stars. Anders in Zodiac: Fincher tritt freiwillig in den Hintergrund und bietet eine geradezu dröge Regie. Starre Kamera. Weite Einstellungen. Wenig Schnitte. Zodiac wirkt wie das Negativ von Fight Club mit dem ausgeflippten Schnittgewitter und den Kamerafahrten auf LSD. So schafft es Fincher aber auch, dass die Stärken der Schauspieler wirklich zur Geltung kommen, weil man nicht von einer optischen Achterbahnfahrt abgelenkt wird.

Gelegentlich kommt Finchers visueller Spieltrieb aber doch zum Vorschein. Und in den Einstellungen demonstriert Fincher, dass ihm in dieser Richtung derzeit kein anderer in Hollywood das Wasser reichen kann. Neben einer Taxifahrt, in der die Kamera den Wagen konstant direkt von oben durch die Straßen San Franciscos begleitet, sind es zwei Einstellungen die das Vergehen von Zeit demonstrieren, die wirklich gelungen sind. Da ist einmal die relativ simple Methode, dass Fincher in einer Zeitraffereinstellung zeigt wie aus einem Loch im Boden ein Hobbit die Transamerica Pyramide ensteht. In einer anderen Einstellung kommen Detective Toshi und sein Partner immer wieder zur Vordertür des SFPD rein, während auf den Wänden hinter, vor und neben Textzeilen aus den Briefen des Zodiac-Killers oder Schlagzeilen und Artikel aus der Tagespresse erscheinen und dann wieder verschwinden. Das scheint so gar nicht zum restlichen Filmstil zu passen, aber es ist eine wunderschöne Sequenz.

Und der Verlauf von Zeit ist ein weiteres zentrales Motiv in diesem Film: “There’s more than one way to lose your life to a killer.” So lautete der amerikanische Werbespruch für Zodiac. Und der Slogan sitzt. Es geht darum wie das Leben von vier Menschen von diesem Fall berührt wurde, wie sie entweder rechtzeitig abspringen, davon zerstört werden oder wie der Fall eine derartige Kontrolle von ihrem Leben ergreift, dass sie ihn selbst dann nicht aufgeben können, als der Rest der Welt sich schon neuen Dingen zugewandt hat und der Zodiac-Killer nur noch als popkulturelle Inspiration für Filme wie Dirty Harry dient. (Ein Film den sich Dave Toshi im Kino ansieht, nur um dann nervlich am Ende den Kinosaal nach wenigen Minuten zu verlassen.)

Der Film folgt den Ermittlungen chronologisch. Und wenn es jahrelang keine neuen Erkentnisse gab, dann macht der Film halt mal Sprünge von bis zu sieben Jahren. Es ist diese Weigerung die Chronologie der Dramaturgie anzupassen, die gleichzeitig Stärke und Schwäche des Films ist. Schwäche, weil sich in den fast 160 Minuten, die der Film dauert, immer wieder Momente einstellen, in denen man glaubt, dass Fincher jetzt endgültig den Fokus verloren hat und der Film in die Langeweile abdriften wird. Stärke, weil man gleichzeitig nicht weiß, was einen erwartet, weil einem das gesammelte Vorwissen wie ein Thrillerfilm abläuft hier nicht hilft.

Und so schafft es der Film selbst nach über zwei Stunden und einigen Längen immer wieder extrem spannend zu werden: Eine Passage, in der Gyllenhaal sich in einem dunklen Keller mit dem potentiellen Killer aufhält gehört zum nervenaufreibendsten, was ich seit langer Zeit im Kino gesehen habe. Der Film hat eine ungeheure Anziehungskraft, er schlgt den Zuschauer voll in seinen Bann und schafft es zu beweisen, dass man mit “altmodischen” Mitteln (und dem spärlichen Einsatz moderner Elemente) selbst heute noch einen ungemein dichten und atmosphärischen Film drehen kann. Aber trotzdem kann ich mich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass Fincher ein härteres Editing braucht, dass man den Film um mindestens zwanzig Minuten hätte kürzen können ohne ihn dadurch zu zerstören.

Zodiac wird die Welt nicht in Flammen setzen, wie das Se7en oder Fight Club getan haben und er wird wohl nicht als Finchers bester Film in die Geschichte eingehen: Aber er ist definitiv Finchers bisher anspruchsvollster und erwachsenster Film. Nach Panic Room, der wirkte als habe ihn Fincher im Vorbeigehen gedreht, weil er gerade ein paar Tage frei und kein spannendes Buch im Regal hatte, merkt man diesem Film auch wieder an, dass Fincher sowohl an dem Thema als auch an dem fertigen Produkt sehr interessiert war. Wenn Panic Room eine Fingerübung war, dann ist Zodiac ein Steckenpferd.

In gewisser Hinsicht scheint es Fincher (und dem Zuschauer) mit diesem Film zu gehen wie Gyllenhaal als Hauptcharakter: Er ist so besessen von diesem Fall, dass er sich in kleinsten Details verliert… nur um am Ende mit leeren Händen darzustehen. Denn es gibt keinen befriedigenden Abschluss. Es gibt eine Vermutung, die Wahrheit allerdings kommt… wie in der Realität… nie ans Tageslicht. Aber hier geht es ja auch gar nicht um die Wahrheit, hier geht es um die Männer, die die Wahrheit suchen und dafür eventuell alles andere aufgeben müssen. Eine am Filmende aufgeschnappte Kritik war: “Sieben Stunden und es gibt kein richtiges Ende?” Stimmt. Aber das macht deutlich wie sich die Hauptfigur fühlen muss: Du opferst dreißig Jahre deines Lebens… und es gibt keinen befriedigenden Abschluß.

Wenn man den Arsch hat um 2 Stunden 40 Minuten Gelaber abzusitzen, wenn man es ertragen kann, dass das sich Fincher gelegentlich zu sehr in den Details verliert (der Director’s Cut wird wahrscheinlich tatächlich sieben Stunden lang sein), dass er viele Filmkonventionen der letzten zwanzig Jahre ignoriert und dass man hier (bewusst) eines der unbefriedigendsten Enden seit Die Neun Pforten vorgesetzt bekommt, dann lohnt sich der Film wirklich. Als Polizeifilm, als Pressefilm und Era Piece (gerade als Era Piece) überzeugt Zodiac. Handwerklich erlebten wir einen gereifteren David Fincher und schauspielerisch erleben wir – mit Ausnahme Gyllenhaals – alle Beteiligten in Höchstform.

4/5

[In eigener Sache: Der Batzmann-Kinohass-Award in Rotze geht an die beiden geistigen Flachköpper neben mir. Prachtexemplare der Gattung Dümmster Anzunehmender Zuschauer.

Also, der Film läuft auf Englisch: Sie spricht wohl kein Englisch, dafür aber viel mit Ihm. Weil Er ihr nach jeder Szene erklären muss, was gerade passiert ist. Das Problem: Sein Englisch ist nur marginal besser als das von Lothar Matthäus. Konsequent übersetzte er also Dinge falsch, interpretierte ganze Szene fehl oder spottete über Schwächen, die keine waren. "We could freeze out here", heißt nicht dass der Kerl Angst hat dass er ein bisschen friert, du Vollspack, es heißt dass er fürchtet er könnte erfrieren. Bringt man euch Arschkindern in der Schule eigentlich gar nichts mehr bei?

Gut, dass sowas kommt hätte mir klar sein müssen, als sie bemerkten welcher Film das ist ("dass ist der mit dem Serienkiller, der der Polizei Briefe schickt") und sich dann nach einiger Zeit aufregten, dass der Film gar nicht so ist wie Scream. Argh. Ultranerdhassoverkill außerdem für die Szene, in der Robert Downey Jr. ein Telespiel präsentiert und erklärt wie faszinierend das Ding ist. Woraufhin Er unbedingt festhalten musste: "Ha! 'n C64! So einen hatte ich als Kind auch." Nein, hattest du nicht. Zumindest nicht so einen. Das was du da als C64 identifiziert hast, nennen wir in Fachkreisen auch PONG, Himmel, Arsch und Zwirn. Dämliche Brut.]

Literatur:

*Zodiac – Fakt & Fiktion.
*Der Zodiac-Killer in der Crime Library.

TV is a Virus: Frühlingsfest der Fernsehfreunde

Tuesday, May 22nd, 2007

Huch. Das letzte Post war schwerere Kost als erwartet und die Worte “pseudo-intellektuell” (bezogen auf das Blog als Ganzes) und “Diskursethik” sind ins Schwerefeld dieses Beitrags geraten… was mich persönlich so erschreckt hat, dass ich die letzten Tage meine Schrotflinte streichelnd in meinem kleinen Strahlenschutzbunker verbracht und mich erst langsam wieder ins Internet gewagt habe. Und wie macht man so eine neu gewonnenen Reputation am Besten kaputt? Man flucht über’s Fernsehen. Also, hier eine Loseblattsammlung an Gedanken rund um unser aller Lieblingsmedium, die sich in den letzten Monat in meiner Notizen-Datei angesammelt haben.

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Kent Brockman welcomes our television watching overlords

Scientology & Me

Wer es noch nicht mitbekommen hat, die BBC hat eine Dokumentation über Scientology gedreht, die zu einem spannenden Stück Infowar führte. Denn während die BBC die Doku drehte, drehte Scientology eine Doku über die BBC die eine Doku über Scientology dreht. Und im Gegenzug änderte die BBC ihren Fokus und drehte eine Doku darüber wie Scientology eine Doku über die BBC dreht, die gerade eine Scientology-Doku dreht. Scientology hat an dieser Stelle aufgegeben und das nicht weiter dokumentiert, da man mindestens OT8 sein muss um dem noch folgen zu können.

Als Resultat des Ganzen schaffte es ein Ausraster des BBC-Reporters John Sweeney direkt mal als virales Video auf YouTube und zwang die Beeb darauf einzugehen und zu erklären, wie es dazu kam und welche Folgen die alten Tante aus der Geschichte ziehen wird.

Die BBC-Reportage (Titel: Scientology & Me) ist hochspannend und sollte von jedem gesehen werden, der Interesse an modernem Journalismus hat. Die gesamte Dokumentation kann man hier finden. Die ersten paar Minuten sind eher unspektakulär, wenn man sich schon ein bisschen mit Scientology auskennt und das ganze leidet unter den Infotainment-Filmtechniken, die Michael Moore über uns hat kommen lassen… aber nach ein paar Minuten wird die Sendung trotzdem richtig interessant: Ein besonderes Highlight ist dabei der PR-Mann der Scientologen (der selbst aussieht wie ein Filmstar), der die unheimliche Fähigkeit hat nach ein paar Minuten überall dort aufzutauchen, wo der BBC-Reporter gerade filmt. Besonders umheimlich wird es, wenn er zufälligerweise gleich das Vorstrafenregister eines Mannes zur Hand hat, der gerade von John Sweeney interviewt wird.

Andere harte Szenen sind die Privatdetektive, die dem Filmteam zu folgen scheinen und die Szene, in der sich das BBC-Team bei einem Interviewmarathon mit prominenten Scientologen auf die Toilette zurückzieht, um einen Moment ungestört zu sein. Nur damit nach wenigen Sekunden der PR-Mann schon wieder vor der Tür steht um nachzufragen, ob denn auch alles in Ordnung sei und ob das bei der BBC normal wäre, dass man in der Großgruppe aufs Klo gehe. Zumindest menschlich versteht man nach der Doku warum John Sweeney die Hutschnur geplatzt ist. Professionell ist es trotzdem ein Eigentor.

Die Doku lohnt sich schon deshalb, weil man sicher sein kann, dass diese Form der “Gegenpresse” kein Einzefall ist und nicht nur von den Xenu-Bekämpfern verwendet wird, sondern auch von größeren Firmen, NGOs oder Political Action Committees. Das ist also ein Bild aus einer Welt, mit der sich der traditionelle Journalismus wird arrangieren müssen. Wie gesagt: Hochgradig empfehlenswert.

(Und weil wir hier total fair und balanced sind, obwohl wir Deutschlands ersten Xenu-Fanclub gegründet haben: Hier ist die Scientology-Doku über die BBC-Doku und hier ist ein von Scientology finanziertes Onlinemagazin zum selben Thema.)

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Stromberg – Staffel 3 & Switch Reloaded

Ah, ProSieben reanimiert den komödiantisch Montag mit zwei überraschenden Rückkehrern: Stromberg, das man weiterführt trotz anhaltender Quotenschwäche der ersten beiden Staffeln, und Switch Reloaded. Mit der Rückkehr des Formats hätte wohl wirklich niemand gerechnet. Wobei ich mich über die Rückkher von Switch wirklich gefreut habe. Nein, das Format war nie ein Comedyklassiker, nie das Filet Mignon der deutschen Fernsehkomik… aber einmal in der Woche ‘nen ordentlichen Mantateller ist ja auch nicht schlecht. (Liebe angehende Journalistikstudenten: Der letzte Satz war ein Beispiel dafür, warum man sich zwei Mal überlegen sollte ob man sich wirklich Speisemetaphern bedient.)

Die erste Serie hatte ein paar Momente, an die ich mich gerne erinnere. Die Parodien auf Hitlers Helfer waren nicht schlecht (weil Hitler als Comedyfigur damals noch nicht omnipräsent war), die Liedparodien waren teilweise echt schön (Alice Cooper singt ein Liebeslied an Boyzone) und ein im Freundeskreis gerne rezitierter Klassiker ist die Entführung Dieter-Thomas Hecks durch die Terrororganisation “Freunde Bata Illic”. Da sich im deutschen Fernsehen in den letzten Jahren ja wieder einiges an Murks angesammelt hatte, war ich also dankbar, dass Switch zurückkehrte. TV-Sendungen über das Fernsehen gibt es ja kaum noch. Premieres Zapping ist schon mindestens so lange vorbei wie Wacken (du Spasti), das Revival von Kalkofes Mattscheibe ist auch schon wieder ein paar Jahre her und TV Total hat mit seinem Ursprungskonzept außer der moderierenden Plautze und dem Titel der Show ja nichts mehr gemein.

Switch Reloaded ist am Ende das geworden, was ich erwartet hatte: Solide TV-Kost, mit einigen Hängern, aber auch mit einigen absolut großartigen und sehr, sehr treffenden Szenen. Gut, die Sache mit Nostradamus-TV hätte man sich wirklich schenken können, gerade weil es wenig mit Fernsehen zu tun hat. Und bei einigen langen Parodien fehlt mir die Kenntnis des Quellenmaterials um das wirklich bewerten zu können. CSI schaue ich nicht und wenn ich Dr. House sehen will, dann gucke ich mir Dr. Perry Cox in Scrubs an.

Aber die Monk-Parodien sind beispielsweise “spot on”, wie der Tomislav Piplicza zu sagen pflegt. Traurigerweise, denn eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Monk der mit der Kettensäge Bäume absägt, weil er einen Mischwald nicht erträgt oder der einer Leiche Organe entnimmt, weil das Innenleben (darf man das bei einer Leiche sagen, Gunter von Hagen?) nicht symmetrisch ist… das sollte eigentlich total überzogen sein. Aber wenn man sich die Entwicklung der Serie Monk ansieht, dann ist es gar nicht mehr so weit von der Serienrealität entfernt. Schade, Monk war in der ersten Staffel eine richtig gute Serie.

Anyway. Ich würde sagen, dass das Mischverhältnis zwischen Murks und Qualität bei Switch bei knapp 40 zu 60 liegt. Eigentlich keine sonderlich tolle Quote, aber die gelungenen Teile sind dafür auch sehr gelungen. Die Sketche mit Florian Silbereisen gefallen mir. Und die Art und Weise wie man die Herren Beckmann und Kerner demontiert ist wundervoll. Der Sketch, in dem Beckmann bei Kerner zu Gast ist, ist für micht schon jetzt ein TV-Highlight des Jahres. (Man schaue mal bei Myvideo.de danach.) Das man dann noch den “Fakten, Fakten, Fakten”-Blödsinn rausgeworfen hat, der immerhin die einzige Catchphrase der Show brachte (“Höecker, Sie sind raus.”), empfinde ich als mutige aber gute Entscheidung. Switch Reloaded darf also im Herbst gerne mit einer zweiten Staffel wiederkommen.

Anders als Stromberg, das man wegen mir nach der dritten Staffel ruhig dicht machen darf. Im Sommer hatte ich noch geglaubt: “Wenn man das bisherige Kreativteam zusammenhalten kann, dann sehe ich da aber wenig Grund zur Sorge.” Pustekuchen. Ohne den Rückgriff auf die englischen Folgen scheinen sich da derbe Abnutzungsspuren zu zeigen.

Alles in allem bot mir diese Staffel eindeutig zu wenig “lustig” und zu viel “melodramatisch”. In der ersten Folge fand ich nur lustig, dass sich die Mutter von Ernie Heisterkamp durch eine Mischung aus Inkontinenz und Heizdecke aus dem Leben befördert hatte… und das weniger weil es hochklassiger Humor ist, als eher weil ich noch Tage vorher im Bekanntenkreis über eine lange Tirade gegen die Nutzung von Heizdecken verfallen war. Da gab’s auch mal eine Folge der Ottifanten zu dem Thema, aber das ist wieder ein anderes selbiges.

Stromberg hat es in dieser Staffel irgendwie geschafft, zu vergessen, dass man in erster Linie eine Comedyserie ist und hat für meinen Geschmack zu viele lange Passagen geboten, die extrem unlustig waren und eher nach “echter” Bürodoku aussahen als nach Humor. Dazu kommt, dass man bestimmte Motive schon wieder ausgewalkt hat. Wie oft will man den Beziehungskrieg zwischen Ulf und Tanja denn noch in den Mittelpunkt rücken? Das Verhältnis zwischen Stromberg und Herrn Becker wird durch die Einführung von Miniboss Wehmeyer nicht signifikant voran getrieben.

Und, ja es ist das Herzstück der Serie, aber auch das Konzept “Stromberg verbockt was, kommt aber irgendwie mit halbwegs heiler Haut aus der Sache raus” fängt an sich abzunutzen. Stellenweise wirkt es so als würde Herbst sich im Autopilot durch die Folgen maneuvrieren. Da hilft dann auch der überraschende Tod einer Hauptfigur am Staffelende nichts mehr. Und Bjarne Mädel spielt sich als Ernie zwar den Arsch ab, hat aber damit zu kämpfen, dass seine Figur komplett die Verankerung in der Realität verloren hat. Ernie bewegt sich teilweise schon auf einem Monk-Level in Sachen Neurotik. Und zwar der späte Monk, nicht der frühe. Schade, aber für mich bisher die Enttäuschung des neuen TV-Jahres.

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Nachricht an Comedy Central: Hitler ist nicht mehr lustig

Oben erwähnte ich “weil Hitler als Comedyfigur noch nicht omnipräsent war“. Das war damals, im letzten Jahrtausend. Inzwischen ist Hitler aber die einfachste Methode für faule Komiker einen Lacher aus dem Publikum zu quetschen. Und anders als vor einigen Jahren muss man nicht befürchten, dass einem die kollektive Presse auf die Fresse gibt. Was Comedy Central wahrscheinlich bedauert, versucht man doch mit aller Gewalt kontrovers zu wirken.

Tine Hitler – Einmarsch in vier Wänden… okay, das mit der Namensähnlichkeit reicht für einen kleinen Schmunzler (und eine saftige Abmahnung) aber auch nicht für viel mehr. Kern meiner Aussage: Der Hitler-Schnurrbart ist die moderne Version der falschen Zähne und dicken Brillen, mit denen man zu Lebzeiten von Dieter Krebs versuchte in Sketchup (ich glaube in der Neuauflage mit Christoph Maria Herbst nutzte man das Mittel immer noch) mittelmäßige Komik mit Gewalt auf lustig zu trimmen. Da, der Mann hat Hasenzähne und ein viel zu große Brille: Lacht gefälligst, ihr Publikumsschwachmaten! Lacht!

Nicht dass Hitler generell unlustig geworden wäre. Die Sache mit dem Gerhard-Polt-Monolog über einen Lasing-Vertrag, der als Tonspur über eine Hitler-Rede gelegt wurde, finde ich schon witzig. (Dass Polts Verlag wohl Blogger abmahnt, die das Video verlinken, eher weniger.) Aber im Kern ist Hitlerkomik inzwischen die simpelste Form der Komik.

Weil das Publikum darauf konditioniert worden ist, dass es über alles lacht was einen Hitlerbart trägt. Wenn sich morgen Oliver Pocher einen Hitlerbart ankleben und das Telefonbuch von Oer-Erckenschwick vorlesen würde, dann würde das ein Publikumserfolg. Im Idealfall spielt noch die ZEITUNG mit und fragt, ob man hier nicht Hitlers Verbrechen verharmlost. Wobei sie Comedy Central den Gefallen noch nicht getan haben und der Sender wäre doch so gerne auch straßenkredibel skandalös.

Anyway, die derzeitige Anzeigenkampagne die ich gestern in der GEE erblicken durfte, macht mir wenig Lust mich nochmal mit dem Programm von Comedy Central auseinader zu setzen. Unter dem Motto “Comedy. Wir nehmen es ernst.” (müsste das nicht heißen “wir nehmen sie ernst”?) sieht man auf der linken Seite einen nackten Strichmännchen-Hitler mit wild wucherndem Schamhaar und rechts das gleiche Strichmännchen, aber hier mit Schamhaar in Form des bekannten Hitlerbärtchens. Knaller. (Nachtrag: Hier der Photobeweis. Die unteren beiden Motive finde ich sogar lustig.)

Ernsthaft, Comedy Central, wenn ihr Comedy so ernst nehmt, dann hört endlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen und an alles einen schwarzen Schnurrbart zu malen, darauf hoffend, dass jemand Anstoß daran nimmt und gebt euch endlich Mühe deutsche Comedy zu produzieren, die auch ohne schwarzen Balken in der Fresse lustig ist. Okay?

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Neun Live

Nur falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Nachdem die deutschen Medienwächter sich bisher extrem schwer getan haben im Umgang mit Neun Live (Technorati Tags: inkompetent, ahnungslos, zahnlos) scheint es so, als wenn die Landesmedienanstalten jetzt endlich mal den Arsch hochbekommen müssten. Dieses Video scheint zu belegen, dass der magische Hot Button, der total willkürlich fast immer dann zuschlägt wenn gerade einem Anrufer die Worte fehlen oder er klar unter der Altersgrenze liegt (das Studio von Neun Live muss in der Nähe einer Zone liegen), vielleicht nicht ganz so zufallsgesteuert ist, wie das immer betont wurde.

Aber Neun Live setzt inzwischen grandios zur Gegenoffensive an: Hier verwendet Moderator Robin Bade das Wort “Wahrheit” so häufig, dass es eine ganz neue Bedeutung erhält. Das Wahrheitsministerium, Herr Bade, ist stolz auf Sie. Kern des Kommentars: Neun Lives Gegner sind Vollidioten, Neun Live spricht die Wahrheit, die Wahrheit und nicht als die Wahrheit, weiß wo sich der heilige Gral befindet und ist der moderne Galileo Galilei. Whoa.

Wieso habe ich nur das Gefühl, dass Herr Bade ein bisschen zuviel von dem Kool-Aid getrunken hat?

(Nachtrag: D’oh.)

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Harald Schmidt & Oli Pocher

Der Untergang des Fernsehabendlandes? Wohl kaum, dafür hat es Schmidt im Alleingang schon zu sehr geschafft sich mit seiner ARD-Show in die Obskurität zu drängen. Ich habe im letzten halben Jahr vielleicht zwei, höchsten drei Folgen seiner Show gesehen und keine davon weckte bei mir das Bedürfnis, die Sendung wieder regelmäßig zu verfolgen. Insofern ist es jetzt nicht so, dass das hier eine “OMG! Oli Pocher! Oh noes!!!!!11111einself”-Reaktion ist… aber es macht mir auch nicht mehr Lust die Sendung von Schmidt in Zukunft zu schauen.

Ich hatte es gesagt und ich sage es noch einmal: Ich halte Oliver Pocher für einen der überbewertesten “Komiker Schrägstrich Moderatoren” im deutschen Fernsehen. Gut, Pocher ist respektlos, geschmacklos und wagt es Menschen ins Gesicht zu beleidigen. Aber, hey, das kann Niels Ruf auch. Im Gegenzug finde ich, dass Oliver Pocher echte Schwierigkeiten hat, wenn er mal ruhigere Töne anschlagen soll oder wenn er versucht auf einen Form von Humor zu setzen, die etwas tiefer geht. (Was Ruf inzwischen gelernt hat.) Kurzum: Pocher ist für mich ein multimedialer Hofnarr, aber ganz sicher kein talentierter Komiker. Gerade darum verstehe ich auch nicht so recht was Harald Schmidt, der ja oft und gerne (und zu Recht) auf das humoristische Niveau von Sieben Tage, Sieben Köpfe eingedroschen hat, so an dem Jungen findet, dass er ihn seit Jahren protegiert.

Ich werde der Sendung sicher eine Chance geben, denn viel schlimmer als momentan mit einem lustlosen Andrack, einem totgelaufenen Running Gag mit Frau Licard und einem Moderator, der Probleme damit hat sechzig Minuten in der Woche zu füllen und stellenweise offensichtlich nur die Restzeit absitzt, kann es ja eigentlich nicht kommen. (Und wir wissen was passiert wenn jemand sagt: “Schlimmer kann es ja nicht kommen…”) Aber große Hoffnungen darauf, dass sich Schmidt und Pocher gegenseitig in ungeahnte Höhen schaukeln, habe ich nicht.

Ich glaube Schmidt täte besser daran wenn er wieder für einige Zeit vom Bildschirm verschwinden und dann mit einem komplett neuen Format auftauchen würde. Aber, hey, everybody’s a fuckin’ critic these days…

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King of Queens

Würde mir bitte irgendjemand die Faszination von King of Queens erklären? Okay, ich verabscheue die Sendung nicht so sehr wie Alle lieben Raymond (ich hasse Raymond) und jede Show die Jerry Stiller in der Cast hat, kann ja nicht total schlecht sein… aber wie es diese Show geschafft hat zu einer der populärsten Comedyserien in Deutschland zu werden, das begreife ich wirklich nicht. (Gut, wir haben auch Full House und Die Nanny in diesen Status erhoben.) Harmlose Beziehungscomedy. Okay, nett… aber sowas haben wir doch schon tausendmal gesehen, oder?

Irgendjemand möge mir auch erklären, wieso King of Queens sowohl bei RTL II als auch bei Kabel Eins immer in gehäufter Form auftritt. Gibt es da ein Gesetz, das die Ausstrahlung einzelner Folgen verbietet? Wird das uns bekannte Universum in sich zusammenfallen, wenn weniger als drei Folgen King of Queens am Tag ausgestrahlt werden? Gibt es da eine biblische Prophezeiung, die ich überlesen habe? Extremtag: Montag. Da läuft King of Queens von 12 bis 13 Uhr, von 18 bis 19 Uhr und dann nochmal von 21 bis 22 Uhr. Sechs Folgen King of Queens an einem Tag und ihr wollt mir erzählen, dass es keinen Sendeplatz und kein Publikum gibt für Shows wie Becker, Die Larry Sanders Show oder Frasier? Also, früher gab es die Nachtplätze aber die füllen ja jetzt die Call-In-Shows und die Astro-Abzocke… hurrah…

Deutsches Fernsehen, deutsche Fernsehzuschauer? Manchmal macht ihr mich krank.

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WSX & 666

Die Wrestling Society X war der kurzlebige Versuch von MTV2 eine eigene Wrestling-Show zu basteln, die nur aus Pyrotechnik, albernen Gimmicks (der unter Asthma leidende Hippie-Wrestler) und Highspots bestand. Das hat nicht geklappt, aber zumindest hat es mir gezeigt, dass Highspots alleine nicht alles sind. Besonders wenn man versucht vier Matches in 22 Minuten unterzubringen. Da bleibt dann gar nichts mehr hängen und das Ganze wirkt ein bisschen wie ein Actionfilm der komplett auf Zwischendialoge verzichtet oder ein Pornofilm, der gar nicht erst versucht eine Handlung zu schaffen, die einen glaubwürdigen Hintergrund für den Geschlechtsakt liefert. (Ja, ich verlinke das Video unglaublich gerne. Warum?)

Ändert nichts daran, dass ich Respekt vor der Athletik von Leuten wie Paul London habe und mir so ein Rumgefliege unglaublich gerne ansehe, aber es sollte nicht alles sein, was eine Show zu bieten hat. Das ist so wie der Moment in dem man feststellt, dass man erwachsen ist und sich jetzt endlich von nichts anderem als Schokolade und Gummibärchen ernähren darf, ohne dass die Eltern intervenieren. Nur um dann selber zu lernen, warum das eine schlechte Idee ist. Und zur Pyrotechnik: Nicht! Echt gezz. Wenn man nicht gewillt ist das so durchzuziehen wie die Japaner und echtes C4 an den Ringpfosten zu befestigen, dann sieht es einfach nur lächerlich aus. Wow, eine kleine Verpuffung während ein Wrestler den anderen in einen Sarg befördert.

Speaking of Japan: Das Land hat mir im Gegenzug gezeigt, dass sowas doch funktionieren kann, wenn man es nur weit genug treibt. (Für das Schokoladengleichnis hieße das: Das mit dem Schokoladenessen würde funktionieren, wenn… öh… öh… ich sollte wirklich aufhören Nahrungsmittelmetaphern zu verwenden.) Beleg dafür: Der “Ironman Heavymetal Weight Title” der 666-Liga. Der kann 24 Stunden am Tag gewonnen werden, wenn der Titelträger drei Sekunden mit beiden Schultern auf den Boden gedrückt wird. Auch außerhalb des Rings. Resultat: Zu den illustren Titelträgern gehören eine Hello-Kitty-Puppe, ein Dackel und in gleich drei Fällen eine Leiter. Überraschenderweise keine Bettdecke. Achja, geleitet wird die Liga von einem zwölf Jahre alten Mädchen, dass seine (erwachsenen) Gegner mit dem Chokeslam außer Gefecht setzt (Videobeweis) und das im Ring um einiges fähiger ist, als so mancher Profi den die WWE derzeit beschäftigt.

Hier kann man übrigens sehen wie eine der Leitern ihren Titel verteidigt. Gegen mehrere Gegner. Und das obwohl sie alles tun, um die Leiter kleinzukriegen: Inklusive Aufgabegriffen und einem Senton. Sprich: Einer der Wrestler klettert auf den Ringpfosten und springt dann volles Mett mit dem Rücken auf die Leiter, in der Hoffnung sie auszuknocken. (Und hier kann man bei Minute 2:37 sehen, wie die Leiter den Titel an den Dackel verliert).

Das ganze ist so total und absolut jenseits von Gut und Böse, dass ich absolut gewillt wäre Geld auf den Tresen zu legen, wenn es davon eine Best-Of-DVD in Deutschland geben sollte. Herrlich.

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Parker Lewis – Der Coole von der Schule

Dank der unglaublichen Coolness, die der Mob als Internet bezeichnet, habe ich die Chance genutzt mir zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wieder Parker Lewis – Der Coole von der Schule anzugucken. Die Show lief Mitte der Neunziger mal auf ProSieben und ich glaube, danach noch einmal auf Kabel Eins, aber das dürfte es mit der deutschen Ausstrahlungshistorie gewesen sein. Schade, eigentlich. Ich mochte die Serie damals, kannte aber Ferris macht blau noch nicht. Nachdem ich den Film gesehen hatte, fürchtete ich, dass ich Parker Lewis danach nicht mehr mögen würde, weil mir zu deutlich wäre, dass die Show schlicht und ergreifend bei diesem Streifen geklaut hat.

Mein aktuelles Urteil: Nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Gut, es ist ziemlich eindeutig wo Herr Lewis bei Herrn Bueller geklaut hat, aber es ist gleichzeitig ziemlich erstaunlich wie weit Parker Lewis seiner Zeit voraus war. Die Serie hat in jder Folge dutzende interessante Kameraperspektiven zu bieten, die absurden oder fantastischen Elemente funktionieren extrem gut (Musterbeispiel: Jerry Steiners Mantel inklusive Fax, Kopierer, Shredder, et cetera), die Charaktere sind angenehm übertrieben (besonders der riesige Kubiak und der speichelleckende Prinz der Finsternis Frank Lemmer), der Humor ist “off beat”. Zusätzlich verzichtete die Show auf eine Lachspur und hatte jede Menge Fantasysequenzen zu bieten. Das war zwar alles noch nicht so ausgearbeitet, aber Parker Lewis hat schon vor siebzehn Jahren jede Menge Elemente eingesetzt, die selbst heute noch in Comedyserien wie Malcom in the Middle, Arrested Devolopement oder Scrubs innovativ und neuartig wirken.

Well played, gentlemen. Ich glaube, ich mag Parker Lewis jetzt noch mehr, als ich das zur Zeit der Erstausstrahlung tat. Schade nur, dass FOX in der dritten Staffel so ziemlich alles rausgeworfen hat, was die Show einzigartig machte und das ganze zu einer langweilig-standartisierten Teenie-Sitcom verkommen ließ. Mit dem Resultat, dass die Zuschauer die Serie in Scharen verließen. Aber in Sachen “Serien killen” hat FOX ja einen Track Record. Wer aber die Gelegenheit erhält die Staffeln 1 und 2 zu sehen, der sollte sie nutzen. Coole Sache, Parker.

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Der Eurovision Song Contest 2007

Hmm, entdecke ich da ein Muster? The same procedure as every year: Wir landen irgendwo im Schlußdrittel, regen uns tierisch über den Sowjet-Block auf, die ZEITUNG packt die Nationalismuskeule aus und ein paar Tage später interessiert es schon keinen mehr. Zu Recht, versteht sich. Kann es sein, dass das Hauptproblem nicht ist, dass die Zonis sich gegenseitig die Punkte zuschieben, sondern eher, dass man in Osteuropa den Wettwerb noch tierisch ernst nimmt, während wir ihn (auch zu Recht) als irrelevante Jux-Veranstaltung sehen… zumindest immer dann, wenn der Song Contest gerade nicht akut ist? Naja, in knapp 365 Tagen kopiere und pastiere ich diesen Text hier. Eventuell muss ich den Bildblog-Link aktualisieren, aber sonst…

Ach ja: Wie in jedem Jahr, hier die Standardlamentation: Wir hätten damals Knorkator zum Song Contest schicken sollen. Das hätte gerockt.

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Der Pro Sieben Mystery Montag

Warum hält ProSieben eigentlich noch den Mystery Montag am laufen? Ich dachte, die Mystery-Welle wäre tot seitdem wir alle gemerkt haben, dass Chris Carter – der sie ja mit Akte X erst lostrat – ein Taschenspieler ohne Plan ist, dem selbst neun Staffel und ein Kinofilm nicht genügen um seinen konvoluten Clusterfuck zu einem richtigen Ende zu bringen. Aber, okay, vielleicht will sich ProSieben auch nur die Zuschauer warm halten bis man im Herbst die dritte Staffel Lost ausstrahlt. (Meine “mal hü, mal hott”-Beziehung zu Lost kam nach Folge 2, Staffel 2 bei “hott” an und ist seitdem da geblieben.)

Aber selbst dann: Von den vier Serien die man momentan für den Mystery Montag bewirbt scheinen mir nur zwei tatsächlich das Signet zu verdienen. Blade und Primeval… und Primeval klingt eigentlich auch eher nach SciFi als nach Mystery, aber ich will mal nicht so sein. Bei Alias ist das einzig mysteriöse, was daran Mystery sein soll. Lief der Serie je zuvor im ProSieben-Mysteryblock?

Und Jericho? Mag ja sein, dass das ganze früher oder später ins mysteriöse abdriftet (so wie Surface), aber nach allem was ich bisher gesehen habe, scheint das ja eher The Day After – Die Serie zu sein. Was ich grundsätzlich absolut cool finde. Eine Serie über die Überlebenden nach dem atomaren Holocaust? Wenn anständig gemacht: Sehr gerne.

Allerdings ist Jericho schon nach der ersten Staffel in den USA abgesetzt worden. (Offenbar wurde die Serie auch ein Opfer von Sendeplatzschieberei… wann werden es die Programmplaner endlich lernen?) Was so ein Problem des ProSieben-Montags zu sein scheint: Invasion und Surface wurden ausgestrahlt als schon klar war, dass es keine zweite Staffel geben würde. Im neuen Montagsblock gilt das für Jericho und Blade. (Und Alias hat nach fünf Staffeln auch das Ende erreicht.)

Das muss natürlich nichts über die Qualität einer Show aussagen, viele großartige Serien wurden vorzeitig eingestellt, aber sollte ProSieben nicht bemüht sein Serien aus den USA zu importieren, die – naja – mehr als eine Staffel in die Wagschale werfen können und die ProSieben Zuschauer auch für einen längeren Zeitraum als einen TV-Sommer garantieren? Zuschauertreue und so? (Okay, man verstrahlt das Zeug im generell quotenschwachen Sommer, das ist schon ein Beleg dafür, dass man den Shows nicht wirklich traut. Trotzdem.) Ich persönlich finde es immer schwierig mich im Fernsehen ernsthaft auf eine Serie einzulassen, von der ich schon weiß, dass sie nie einen Schlußpunkt erhalten wird.

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Fuck off, Sportschau

Ehe ich irgendwann mal meinen Gesamtkommentar zur aktuellen Bundesligasaison abgebe: Wow. Es ist beeindruckend wie es die ARD geschafft hat die Sportschau in wenigen Jahren mindestens so unerträglich werden zu lassen, wie es ran in seiner Endphase war. Inklusive Pseudo-Tagesschau in der Mitte um mehr Werbung senden zu dürfen, dämlichen Human-Interest-Stories rund um die Spiele herum, albernen Computeranimationen im Studio und total belanglosen Statistiken.

Man schimpfe mich da einen Puristen, aber ich will Fußball sehen, keine Entertainment-Show mit Fußball als Hintergrundrauschen. Mir wäre es lieber, wenn man mal ordentlich taktische Entscheidungen erklärt, statt irgendwelchen Fußballern lustige Sprüche in den Mund zu legen. Ich bevorzuge es inzwischen wieder mir Samstags die Konferenzschaltung im Radio anzuhören (Gott, bin ich vor zwei Wochen ausgeflippt als Schalke verloren und Stuttgart gewonnen hat… so gespannt habe ich seit Jahren nicht mehr vor dem Radio gesessen) und mir dann Sonntags die Tore bei Bundesliga Pur im DSF anzuschauen.

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Science Fiction Top 25

Falls es jemanden interessiert: Entertainment Weekly hat eine Liste der 25 besten SciFi-Shows und Filme der letzten 25 Jahre veröffentlicht. So sehr es mich auch freut, dass ich da Starship Troopers erblicke (einen der Film der absolut in die Kategorie “guilty pleasures” einsortiert gehört) und dass man Futurama respektiert… im Kern ist meine Reaktion auf diese Liste: “Seid ihr eigentlich total bescheuert?”

Eine Liste, die V und Star Wars: Clone Wars beinhaltet, die Lost auf Platz 11, Akte X auf Platz 4 und das neue Battlestar Galactica auf Platz 2 positioniert, es aber gleichzeitig schafft Serien zu übergehen ohne die es BSG nie gegeben hätte? So eine Liste hat ein echtes Legitimitätsproblem. Hey, ich kann damit leben, dass ihr Space: Above & Beyond und Farscape ignoriert… aber kein Babylon 5? Die vielleicht richtungsweisendste SciFi-Show der letzten fünfzehn Jahre haltet ihr für irrelevanter als Star Wars: Clone Wars oder motherfucken’ V? Was zum Teufel habt ihr geraucht, Entertainment Weekly?

Bei den Filmen habe ich wenig Grund zum motzen. The Matrix vor Blade Runner auf Platz 1 zu postieren finde ich einfach falsch. Und statt Galaxy Quest hätte ich eher RoboCop aufgenommen (aber okay, man hat mit Starship Troopers schon einen Verhoeven in der Liste… obwohl ich eher RoboCop als Starship Troopers aufgenommen hätte). Aber ansonsten sind das primär Filme, die ich absolut empfehlen kann. Alien, Star Trek II, Terry Gilliams noch immer unterschätzte Satire Brazil, The Terminator, Back to the Future. Yep, mit dem Teil der Liste kann ich wirklich gut leben.

Kernaussage: Filmtechnisch gut, aber die Serienauswahl sollte dringend überarbeitet werden. Dann wiederum, solche Listen werden ja nur erstellt, damit im Netz darüber diskutiert wird. (Man erwähne mir gegenüber besser nicht die Liste der besten Gitarristen aus dem Rolling Stone.) Insofern: Mission accomplished, EW.

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So. Und für euch gilt jetzt: Abschalten.

Your Friend Hysteria: Cheesecake, Muslime und G8

Thursday, May 17th, 2007

Es wird ja viel darüber gesprochen was die Blogosphäre ist. Leitmedium der Zukunft. Totengräber der alten Medien. Belangloses Tagebuchgejammer von fetten Nerds. Ein netter Zeitvertreib. Die größte Katzenbildsammelstelle der Welt. Da gibt es viele Meinungen. Was gerne übersehen wird: Wir sind auch das größte Kollektiv an Weather Wizards (das deutsche Wort wäre wohl: Meteorologiemagier) in der Nachbarschaft. Denn ich kenne keine andere Gruppe, die so schön regelmäßig in jedes Wasserglas einen Sturm zaubern kann.

Dabei kommen zwei Aspekte des Internets zum Tragen: Der Schneeballeffekt und die Sache mit der Echokammer. Ein Blog entdeckt etwas, ein anderes verlinkt darauf, fügt vielleicht etwas hinzu, zwei weitere Blogs stoßen dazu und so fort. Irgendwann hat man dutzende oder sogar hunderte Blogs, die sich auf ein Thema stürzen und darüber schreiben. Bis hierhin kein Problem, stellenweise sogar richtig und gut, solange man bedenkt, dass selbst hunderte Blogger noch ein verschwindend geringer Teil der Gesamtbevölkerung sind. Das wird gerne übersehen: In dem Moment in dem wir die Blogosphäre verlassen stellen wir dann überrascht fest, dass da draußen oft keiner von unserem Streichelthema der letzten Woche erfahren hat oder dass die Mehrheitsmeinung im Netz nicht die Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft ist. Die meisten Netzdemokraten in den USA stehen momentan fest hinter Mike Gravel als Präsidentschaftskandidat. Und ich verstehe warum. Aber wollen wir mal gucken, wann er aus dem Rennen ausscheiden muss?

Ich kann durchaus verstehen, warum das passiert: Wenn eine Sau durchs Dorf getrieben wird, dann macht es Spaß sich drauf zu setzen. Warum auch nicht, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Ärgerlich wird es erst, wenn man nur dabei ist, weil jeder dabei ist oder wenn man anfängt, sich gegenseitig so hochzuschaukeln, dass man den Fokus verliert. So entstehen besagte Stürme im Wasserglas und das Phänomen habe ich bei Internetdiskussionen einfach zu häufig erlebt. Was ich ungemein bedauerlich finde, weil es schnell ausreicht um selbst richtige und wichtige Punkte unter einem Sturm des Zorns oder der Hysterie zu begraben, womit am Ende niemandem geholfen ist.

Laundry Service

Der Auslöser für diesen Text hier ist zwar um einen Nerdgegenstand, aber daran kann man sehr schön generelle Mechanismen festmachen, die auch für andere Bereiche (etwa Politblogs) gelten. Dazu komme ich in ein paar Absätzen, nach diesem Primer hier. Man halte bitte durch, auch wenn das Thema irrelevant errscheint. Also, der Auslöser für diesen Schrieb ist das Bruhaha, das in der US-Comicblogosphäre seit knapp einer Woche wegen dieser Statue von Spider-Mans Ehefrau Mary Jane Watson-Parker herrscht.

Meine erste Reaktion darauf war es, mit den Augen zu rollen, etwas zu snarken und die Sache dann zu vergessen. Ganz ehrlich: Es ist eine unglaublich dumme und auf ihre Art beleidigende Statue. Spider-Mans Ehefrau in einer sexualisierten Pose, die ihrem Ehemann die Wäsche macht? Sexobjekt + Hausfrau? Pffffft. Man fragt sich, was die Marvel-Führungsetage und Sideshow Collectibles, die Macher dieser Statue, gedacht haben mögen als sie das Ding abnickten. Sicher, es wird sich verkaufen, aber genau so sicher: Es wird zu Ärger führen. Soviel gesunder Menschenverstand sollte da sein. Trotzdem, ich habe als Comicfan weitaus schlimmeres und peinlicheres gesehen (kein Lob für die US-Comicindustrie) und mir darum nicht zu viele Gedanken über diese Statue gemacht.

Bis vor ein paar Tagen, als klar wurde dass die Scheiße so derbe am dampfen ist, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Der oben genannten Schneeballeffekt hatte eingesetzt. Ein paar Blogs waren auf die Statue aufmerksam geworden und hatten ausführlichere, kritische Texte zu ihr verfasst. Texte die zum Teil zu interessanten und spannenden Diskussionen in den Kommentarbereichen geführt hatten. Aber: Mit jedem weiteren Blog, dass diesen Trend erkannte und sich dazu gesellte, wurde die Disksussion schärfer und wurde die Statue schlimmer. Irgendwo hatte sich ein leicht hysterischer Tonfall in die Debatte eingeschlichen. Ein Tonfall, der stärker wurde. Und der, meiner Ansicht nach, die ganze Sache unproportional aufblies.

Plötzlich wurde jedes Detail der Statue kritisch begutachtet. Einige Kritikpunkte sind offensichtlich, die “nimm mich von hinten”-Pose, der Stringtanga, der tiefe Ausschnitt mit den zu großen Brüsten, der Fakt, dass MJ Spideys Wäsche macht. Andere Kritikpunkte, etwa die strategisch am Hintern gerissene Jeans, verstehe ich auch noch. Aber, das Fehlen eines Eherings zeigt, dass sie sexuell zu haben ist, ohne dass der Kunde Angst vor ihrem Superheldenehemann haben muss? Der Umstand, dass sie die Wäsche barfüßig macht (unklar übrigens ob sie wäscht, oder nur faltet) ist eine klare Referenz darauf dass Frauen an den Herd gehören? Die Perlenhalskette als Symbol für die Rolle der Frauen in den Fünfzigern, für die Frau als “Stepford Wife”?

Ich habe wirklich dass Gefühl, dass man irgendwo auf halber Strecke den Faden der berechtigten Kritik an einer ziemlich verunglückten Statue verloren hat. Und dieses Recht zur Kritik existiert natürlich. Und man darf die Kritik natürlich auch in scharfe Worte kleiden, auch wenn ich nicht notwendigerweise zustimmen würde. Gut, “Fuckdoll verstehe ich noch. Aber ob diese Statue schon pornographisch ist? Ja, bei der Rechtslage in den USA entscheiden die “community standards” darüber ob etwas Porn ist oder nicht. Ich weiß.

An anderer Stelle wird diese Statue, eine sexulisierte Ehefrau die ihrem Mann die Wäsche macht, damit in Verbindung gesetzt, dass in der Realität immer noch Frauen vergewaltigt werden, weil sie enganliegende Kleidung tragen und “es doch auch” wollen. Ein Umstand, der verachtenswert ist, keine Debatte. Aber den direkten Zusammenhang zur Statue halte ich für konstruiert. Ebenso wie ein Kommentar hier, wo man von der Statue weggeht und ein Kommentator oder eine Kommentatorin sich zur Debatte an sich äußert. Die Debatte wird da gleichgesetzt mit Martin Luther Kings Kampf gegen die Segregation:

I am reminded me of a line from Martin Luthor King’s Letter from A Birmingham jail, where he comments about how he was told to “wait”. [...] We should be outraged at this. We SHOULDN’T have to worry about what others think. We should be allowed our freedom of speech. And I think it hurts the cause of the eradication of sexism to be told to stop talking.

THat’s basically what the patriarchy tells women all the time.

Und an wieder anderer Stelle wird daraus “a tool designed to exploit and reinforce the image of women as servants and sexual playthings of men“.

Wie gesagt, ich fühle mich verwirrt, weil ich die Statue zwar für geschmacklos, aber nicht für das Ende der Frauenrechte halte. Das Problem ist, die Debatte ist inzwischen so weit von der Statue weg und so weit zum universellen Kampf für oder wider den Feminismus geworden, dass echte Diskussionen vielerorts gar nicht mehr stattfinden, sondern einfach nur noch den Reflexen freier Lauf gelassen wird. Und man fängt an nur noch in “Freund und Feind” zu unterteilen. Die Graustufen fallen komplett weg.

Wer Probleme mit der Statue hat, ist eine fette, verklemmte Emotuse die mal dringend flachgelegt werden müsste. Oder auf der anderen Seite, wer die Statue nicht so schlimm findet, oder die Statue zwar auch kritisiert, aber trotzdem bittet gelassen zu bleiben (wie es die Autorin von Occasional Superheroine sehr eloquent tut) wird wie folgt als Onkel Tom angefahren:

Sigh. You’re still trying to Please Men, girl. You haven’t thrown off the shackles of the patriarchy, no matter how they tore you up, body AND soul. [...] Guess what, being nice and backing off and not mobbing them won’t get them to Like Us. Being big meanies and forcing them to pay attention to our roars – well, the SHRILL SQUEALS of stuck Male Chauvinist Pigs shows that it does work. Of course they want us to stop!

Kurz und gut, meine Position dazu ist: Ja, die Statue ist ein derber Griff ins Klo. Und traurigerweise ist sie ein Musterbeispiel für das in Superheldencomics vertretene Frauenbild. Aber en par mit der Segregation der Schwarzen im Amerika der Fünfziger und Sechziger? Schlimm genug um die Frauenbewegung um Jahrzehnte zurückzuwerfen, ein Werkzeug um Frauen klein zu halten? So relevant, dass diejenigen die nicht in den vollen Outrage-Overdrive schalten ihre Geschlechtsgenossinennen verraten? Oder gar “the most offensive thing I’ve ever seen“?

Um mal Randal Graves aus Clerks zu zitieren: “You think that’s offensive? Check this out.” [NSFWer geht's kaum noch!]

Übrigens, mein Lieblingskommentar zu dem Thema ist dieses Bild hier:

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Popkultur und Politik: Schnittflächen

Ja, das war jetzt ein ziemlich langer Primer, aber man kann hier – an einem Thema, das in Deutschland keine Wellen geschlagen hat – sehr nett die Mechanismen sehen, die oft in Diskussionen zum Tragen kommen. Das ganze beginnt relativ harmlos damit, dass eine missratene Statue kritisiert wird. Wobei die Kritik von immer mehr Menschen geteilt wird, die das Bedürfnis haben nicht einfach nur alte Meinungen zu wiederholen, sondern etwas Neues zur Debatte beizutragen. Fair enough. Dabei kommt man aber schnell vom Hundersten ins Tausendste und wird auf Tangenten weggetragen (hier: Vergewaltigungen, Rassismus). Tangenten, die eigentlich eine eigene Betrachtung verdienen und nicht Anhängsel einer Debatte über einen Klumpen Plastik sein sollten. Aber weil man eben nicht mehr nur über eine einfache Statue schreibt, sondern es hier inzwischen um etwas “Größeres” geht, werden auch die Kampflinien härter. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Die Schreie werden schriller und am Ende verschwimmen die Linien zwischen Freund und Feind. Denn dann ist sogar jeder der nicht zu 100% meine Meinung teilt mein Feind. Die Debatte ist dann offenkundig tot, weil links und rechts hysterische Schreier auftauchen. Und weil in zukünftigen Diskussionen zu dem Thema meist eine dieser hysterischen Randpositionen als Beleg für die generelle Haltung der Gegenseite herhalten muss. Was natürlich Bullshit ist.

So, das war jetzt ein Beispiel dafür wie man sich in der US-Comicblogosphäre in Rage oder Hysterie schaukeln kann. Aber das Phänomen ist ja nun keines, das nur jenseits des Atlantiks existiert. Und nicht immer geht es um so “harmlose” Themen wie die Mary-Jane-Statue. Ein Musterbeispiel dafür, wo sich ein Hysteriezentrum im deutschen Raum gebildet hat, ist der Knotenpunkt Politically Incorrect. Eines der größten deutschen Blogs, das sich als sich als “pro-amerikanisch” versteht, “gegen die Islamisierung Europas” kämpft und sich nach eigener Aussage “für Grundgesetz und Menschenrechte” einsetzt. Auch wenn mir eher eine andere Einschätzung auf der Zunge liegt.

Politically Incorrect gehört zu einem lockeren Netz, dem etwa auch Henryk M. Broder angehört, das besorgt ist vor den Auswirkungen die die “Islamisierung der Gesellschaft” haben wird und die das kritisch betrachten. Oder eher: Darüber in totale Hysterie verfallen. Nun denke ich auch, dass es gilt wachsam zu beobachten ob sich eine “Gegenöffentlichkeit” bildet und rechtzeitig einzuschreiten, ehe wir in deutschen Vorstädten Verhältnisse bekommen wie sie in Pariser Vorstädten an der Tagesordnung sind. Auch wenn meine Ideen wie das passieren sollte wohl gar nicht mit denen der Autoren bei PI konform gehen. Und ich denke auch, dass wir aufpassen sollten, dass wir nicht unsere säkulare Tradition der Aufklärung wegen einer anderen Form der Hysterie aufgeben. (Wie Broder sein letztes Buch nannte: “Hurra, wir kapitulieren.”) Aber ich sehe die “Kampflinie” (und ich mag de Begriff nicht sonderlich) weniger zwischen Westen und Islam, als eher zwischen progressiven und restaurativen Kräften. Egal ob die nun islamisch, katholisch, scientologisch oder sonstwie sein mögen.

Der Punkt ist, dass sich Hysterieblogs wie PI meiner Ansicht nach ins eigene Fleisch schneiden und zusätzlich allen anderen die Diskussion erschweren, weil sie nichts zu dieser Diskussion beitragen sondern nur das Freund-Feind-Bild perpetuieren: Verteidiger des Westens oder Dhimmi. Dazwischen gibt es nichts. Und diese Hysterie muss am Leben gehalten werden. Wenn man jeden Tag nichts anderes tut, als den Untergang des Abendlandes zu verfolgen, dann verliert man vielleicht den Blick für das Wesentliche. Oder, so würden böse Zungen unterstellen, man setzt bewusst Falschmeldungen online oder macht aus Mücken Elefanten, damit man regelmäßig seinen Fix erhält. Egal ob das nun Heroin oder einfach nur ein Schuß moralische Entrüstung sein mag.

So wird bei PI regelmäßig die Mär transportiert, dass britische Banken das Sparschwein verboten hätten, aus Angst die Muslime würden sich beleidigt fühlen. Obwohl diese Geschichte schon längst als Ente entlarvt worden ist. An anderer Stelle bläst man auf, dass in Oberösterreich die Mütter zweier moslemischer Schüler gegen das Plus-Zeichen protestiert haben. Weil es aussieht wie ein Kreuz. Die Geschichte scheint nur in der österreichischen Zeitung Die Presse berichtet worden zu sein. Und ich dachte immer, nur Vampire wären gegen die Verwendung des Pluszeichens im Unterricht.

Wenn es keine Ente ist, dann ist es ein Einzelfall (zwei Mütter) von idiotischen Eltern. Very slow news day? Es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendjemand auch nur einen Moment darüber nachgedacht hat das Pluszeichen wirklich zu verbieten. Und zwei Mütter sind wohl kaum die islamische Gemeinde Österreichs oder auch nur ein signifikanter Teil davon. Aber es passt in die selbst gestaltete Hysterie und das apokalyptische Bild vom Untergang des Abendlandes. Wenn die Hysterie erstmal eingesetzt hat, dann werden die randwärtigsten Punkte miteinander verbunden, weil sie ja ein großes Bild ergeben.

Eines in dem es dann auch glaubhaft erscheint, dass ein Schüler wegen eines Hatecrimes angezeigt wurde, weil er ein Schinkenbrot aß während Muslime am Tisch saßen. Der ganze Fall war zwar nur eine Parodie, wird aber behandelt als wäre er real geschehen. Könnte ja sein. (Und richtig gestellt wurde das auf PI bisher auch nicht.)

Für den Fall, dass die Presse mal nicht mihilft, hier ein paar andere potentielle Nachrichten. Darf man sich gerne bedienen: Islamische Gemeinden von Kreuzberg und Schweinfurt fordern Umbenennung der Orte um religiöse Gefühle zu schützen. +++ Saudi-Arabien verweigert Testspiel gegen DFB-Auswahl so lange Bastian Schweinsteiger in der Startelf steht. +++ Was bin ich? Robert Lemkes lustiges Beruferaten diskriminiert Moslems.

Diese Hysterie gibt den Lesern und Autoren vielleicht ein gutes Gefühl, hilft aber sonst keinem. In einer Zeit, in der der Umgang miteinander extrem schwierig ist, wäre es wünschenswert wenn wir einen kühlen Kopf bewahren würden. Nicht weil man die unschönen Aspekte des Zusammenlebens unterdrücken sollte, sondern weil es viel einfacher wäre darüber zu reden, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass man sich beim Anschneiden kritischer Themen mit diesen Hysteriebloggern aufs gleiche Boot begibt. (Oh, Broder zähle ich übrigens auch zu den Hysterikern weil er die Sparschwein und Pluszeichensache auch gerne mal verbreitet, hier etwa.)

Natürlich lassen sich auch andere Themen hysterisch aufblasen. Innenminister Strangelove und seine Sicherheitsparanoia sind ja ein beliebtes Thema hier im Blog. Weil ich denke, dass der massive Grundrechtsabbau eine der größten Gefahren ist, die die deutsche Demokratie bis heute von Innen her erlebt hat. Und manchmal schieße ich dabei in meinen Formulierungen auch über das Ziel hinaus.

Aber auch bei diesem Thema halte ich es für sinnvoll, wenn wir bei der Debatte einen kühlen Kopf bewahren und nicht gleich den Teufel in Menschengestalt aus einem sicher mehr als kritikwürdigen Politiker machen, der eindeutig den falschen Posten hat. Die Aktionen im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm, die Terrorhysterie rund um den Linksextremismus und die mögliche RAF 2.0 (die übrigens außerhalb der Blogs stattfindet und gerade von der ZEITUNG geschürt wird), die präventiven Verhaftungen, die Bannmeile rund um den Zaun herum. All das finde ich mehr als kritisch und all das sollte diskutiert, kritisiert und in die Öffentlichkeit getragen werden.

Aber es sollte eigentlich aus sich selbst heraus kritisch genug sein um dabei hysterisches Aufmerksamkeitsgeheische unnötig zu machen. Die rechtsstaatliche Problematik sollte klar sein ohne sofort eine Gleichsetzung mit der dunkelsten Phase der deutschen Geschichte nötig zu machen. Aber auch hier wird die eigentlich sinnvolle und konstruktive Debatte durch ein hysterisches Freund-Feind-Bild ersetzt. Wenn die Spontangefängnisse als “Konzentrationslager” bezeichnet werden, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass wir uns vom rationalen Diskurs entfernen. Und ja, ich weiß dass Konzentrationslager vor dem Dritten Reich existierten und ursprünglich eine andere Bedeutung hatten. Aber nach 1945 hat der Begriff KZ in Deutschland eine neue Bedeutung erhalten und der logische Konnex ist nun einmal nicht “Südafrika im Burenkrieg” sondern “Auschwitz und Bergen-Belsen unter den Nazis”. Wer etwas anderes behauptet, der ist wahlweise ein Lügner oder unglaublich naiv.

Und wenn wir dann noch das 4. Reich heraufbeschwören oder ausmalen, wie Systemkritikern bald Organe entnommen werden, dann haben wir uns von einer Debatte mit kühlem Kopf verabschiedet und uns auch in die Hysterie begeben, die nicht unser Ziel sein darf. Denn dann geht es nicht mehr gegen Schäuble als Feind des Grundgesetzes, dann geht es um Schäuble als das Ultimative Böse. Und wenn es gegen das Ultimative Böse geht, dann kämpft man entweder dagegen oder man ist ein Appeasenik. Zwischentöne gibt es nicht.

Und wohin das führt, das demonstriert beispielsweise Chris auf get.privacy. Solche Aktionen werden meist aus einer Hysterie herausgeboren und nicht kritisch hinterfragt, eben weil man ja “auf der richtigen Seite” steht oder es gegen “das Böse” geht. Dem gleiche Mechanismus, aber in größerem Stil, verdanken wir nach dem 11. September den US Patriot Act und in Deutschland Otto Schilys Sicherheitskatalog.

In General

Bei der Statuendebatte las ich in einem der Blogs, und ich finde es jetzt nicht mehr wieder, folgendes Zitat in einem Image Macro: “If you are not outraged, you are not paying attention.”

Das mag sein, aber ich habe in meinem bisherigen Leben – und so alt bin ich natürlich noch nicht – das Gefühl entwickelt, dass “Outrage” zwar eine verständliche, aber nicht notwendigerweise die beste Reaktion sein mag. Denn wenn sich Entrüstung in selbstgerechte Entrüstung verwandelt (und das kann schleichend passieren, ohne dass man es bemerkt) dann verliert man schnell den Blick fürs Wesentliche und die Reaktion wird kontraproduktiv. Man bekommt das Gefühl, dass man im Auftrag des Herren unterwegs ist. Und dann bleibt zwar der “outrage” aber der Teil mit dem “paying attention” schwindet. Man achtet nur noch auf das, was die eigene Perspektive untermauert. Selektive Wahrnehmung.

Und ab einem gewissen Niveau an Entrüstung und Hysterie wird alles unterhalb einer Lautstärke erst gar nicht mehr wahrgenommen. Dann stellt sich das oben genannte Gefühl ein, dass es nur noch zwei Positionen gibt: Entweder dein Diskussionpartner ist für oder gegen dich. Nur dass der Hase im Internet so nicht läuft. Wir sind meist stolz darauf, dass in der Blogosphäre kritisch gedacht und hinterfragt wird. Und trotzdem fühlen wir uns betrogen wenn Blogger X – dessen Meinung wir sonst immer teilten – unsere Meinung gerade hier nicht mehr teilt. Das wird schnell als persönlicher Affront oder Stich in den Rücken aufgefasst.

Ab diesem bestimmten Punkt geht es auch gar nicht mehr um Diskussionen. Es geht nicht mehr darum zu argumentieren. Es geht darum, dass man weiß, das man Recht hat und der andere Unrecht. Das einzige Ziel ist es dann, die eigene Meinung dem Gegenüber aufzudrücken. Die Diskussion “zu gewinnen”. Ganz schlimm wird sowas, wenn man auf eine ganze Gruppe trifft, die eine bestimmte, hysterische Position vertritt. Man gehe mal auf eine Indymediaseite und versuche da höflich zu argumentieren, dass der Bullenstaat vielleicht noch nicht ganz so schlimm ist, wie er dargestellt wird. Oder alternativ: Man versuche mal bei PI zu argumenitieren, dass man nicht von den Randfällen auf alle Muslime schließen darf. Danach hat man dann ganz sicher ein Musterbeispiel für Cyberbullying erlebt.

Und bei hysterischen Reaktionen neigt man dank der Freund-Feind-Schere im Kopf auch schnell dazu den Leuten vor den Kopf zu stoßen, die eigentlich die eigene Position vertreten, aber die Dinge nicht ganz wild so sehen wie man selber. Im Netz funktioniert sowas natürlich noch besser als bei einem Gespräch von Person zu Person, weil Gestik, Mimik und Intonation wegfallen. Das macht es leichter sein Gegenüber falsch zu interpretieren. Ob absichtlich oder wirklich nur aus Versehen, das sei dahingestellt. (Außerdem ist die Hemmschwelle im Internet natürlich geringer als in der Realität seinen Gesprächspartner richtig rund zu machen.) Blöd dabei nur, dass man so oft Leuten vor den Kopf stößt, die eigentlich helfen wollen, die sich dann aber lieber ganz ausklinken. Einfach weil sie nicht erwartet hätten, dass die eigene Seite sie zum Feind macht. Man denke nochmal an dieses Beispiel.

Resultat: Die eine Seite macht komplett dicht und weigert sich einen Fußbreit nachzugeben, die andere Seite wird – verständlicherweise – keine Diskussion führen wollen und wird sich auch weigern nur einen Fußbreit nachzugeben. Und diejenigen die eigentlich gemäßigtere Positionen vertreten oder keinen Absolutheitsanspruch vertreten, werden frustriert ihren Ball nehmen und nach Hause gehen. Was bleibt sind auf beiden Seiten die extremen Ränder. Und das Resultat daraus ist, dass jede Seite jeweils die Randposition der anderen Seite für den Mainstream hält.

Vielleicht ist es nur der Umstand, dass ich gerne in bestimmten Debatten für voll genommen werden würde. Wenn ich etwa meine Abneigung gegenüber der aktuellen US-Regierung betone, dann würde ich mir wünschen, dass man sich mit meinen Kritikpunkten und meinen Vorwürfen beschäftigt… und nicht anfängt mir zu erklären warum Michael Moore ein Populist und Faktenverdreher ist. Natürlich ist er das, das weiß ich auch. Aber bloß weil Michael Moore die Bush-Administration nicht mag und ich die Bush-Administration nicht mag, heißt das noch lange nicht, dass ich Michael Moore bin. Außer wir einigen uns auch darauf, dass alle Männer Sokrates sind.

Ich kenne das Argument: Wir müssen übertreiben, hypen, schreien… sonst werden wir doch nie gehört. Die andere Seite macht ja auch Panik und mit ruhigen Argumenten werden wir einfach übergangen. Was sogar zum Teil stimmt. Aber das System wirkt nur dann, wenn man sein Gegenüber zur Kapitulation zwingen will und da eine realistische Chance hat. Auf Hysterie und Gegenhysterie kann man halt keine fruchtbare Debatte aufbauen. Anders gesagt: Es war richtig, dass man 1989 auf die Straße ging und die Öffnung der Grenzen lautstark forderte, weil man anderweitig nicht gehört wurde. Aber wenn es darum geht, ob Popetown ausgestrahlt werden soll, ob die Mohammed-Karikaturen beleidigend waren oder ob die Mary-Jane-Statue blatant misogynistisch ist, dann ist dieser Weg wahrscheinlich der Falsche.

Nochmal: Viele Probleme sollten aus sich heraus schlimm genug sein, auch ohne das wir hysterisch werden müssen um zu erklären, warum dem so ist. Sachlichkeit ist oft bitter genug. Hysterie führt eher dazu, dass man seiner eigenen Panik früher oder später selbst verfällt und noch panischer wird, weil die Mistreiter die eigene Panik nicht teilen. Aber wann hat Panik oder Hysterie je ein Problem gelöst?

Historisch scheint ja eher das Gegenteil der Fall zu sein: Die Hexenprozesse von Salem, die “rote Furcht” während der McCarthy-Ära, die Tscheka im post-zaristischen Russland, die Angst vor den konservativen Kräften während der französischen Revolution. Panik und Hysterie führen zu Intoleranz und Fehlern. Siehe die brennenden Botschaften in Damaskus während der Karikaturendebatte. Siehe die Verbrennung von Harry Potter Büchern in einer US-Gemeinde, aus Angst um die eigene, unsterbliche Seele. Und zu glauben, dass in Deutschland nicht auch eine Massenhysterie mit negativen Auswirkungen um sich greifen könnte wäre kurzsichtig und ignorant. Aber Hysterie bekämpft man nicht mit Gegenhysterie. Das funktioniert nur, wenn am Ende eine der beiden streitenden Parteien komplett aufgibt…

Da besteht natürlich noch eine andere Gefahr bei diesem “Sturm im Wasserglas”-Spiel. Je panischer wir werden, je hysterischer wir wegen etwas reagieren, desto größer ist auch die Gefahr das wir früher oder später einfach ausbrennen und schlichtweg aufhören uns für Dinge einzusetzen, die uns wichtig sind. Uns für Dinge einzusetzen die wichtig sind – Punkt. Denn in den meisten Fällen von Internethysterie, aber auch nicht überall, gab es irgendwo mal einen validen Punkt der vorgebracht werden sollte. Je überzeugter man aber davon ist, dass es hier um etwas geht, das nur ganz oder gar nicht funktionieren kann, das keinen Kompromiss zulässt, desto schneller wird man frustriert wenn die Mehrheit die eigene Position nicht oder nur zum Teil übernimmt. Und irgendwann lässt man es dann ganz sein sich für wichtige Dinge einzusetzen. Bringt ja eh nichts.

Wie oft führt so eine Hysterie zu einem echten Ergebnis? Die meisten Themen enden einfach so, ohne Coda. Die Massenaufmerksamkeit schwindet und das Thema verglüht unbemerkt von der Mehrheit, die schon wieder eine neue Sau reitet. Der eigentliche Kern des Problems besteht aber immer noch. Ein schönes Beispiel für dieses Ausbrennen findet sich bei Hysterien außerhalb des Internets: Seuchen. Seuchen kommen in der Presse gut, weil sie ein apokalyptisches Schreckensszenario darstellen. Es könnte jeden treffen und man kann ihnen nicht entkommen. Ein bisschen wie mit GEZ-Fahndern, nur weniger schlimm.

In den Achtzigern war es AIDS, Mitte der Neunziger war es das Ebola-Virus, Anfang des neuen Jahrtausends war es SARS und vor knapp anderthalb Jahren war es H5N1, die Vogelgrippe. Nehmen wir nur das letzte Beispiel, weil es vermutlich noch mental präsent ist. Für ein paar Wochen war die Vogelgrippe das Schlagzeilenthema Nummer 1. Millionen Tote wurden prognostiziert. Schutzmaßnahmen diskutiert. Regierungspläne zur Abwehr kritisch hinterfragt. Jeder tote Wellensittich fand seinen Weg in die Presse, die Einschläge schienen näher zu kommen. Und jetzt? Ist H5N1 keine Gefahr mehr? Doch, noch genau so sehr wie vor anderthalb Jahren.

Aber das Publikum war irgendwann ausgebrannt und verlor das Interesse. Und folgerichtig verlor die Presse, die das Thema erst zur Hysterie gemacht hat, auch den Impetus darüber zu berichten. In Südostasien sterben immer noch regelmäßig Menschen an der Vogelgrippe. An H5N1 verreckte Vögel werden auch noch gefunden. Das Risiko einer Pandämie besteht auch noch. Aber die Hysterie hat uns ausgebrannt. Dabei ist der Kern des Problems nicht gelöst. Noch immer stellt sich die Frage, ob die Regierung einen funktionierenden Vorsorge- und Notfallplan hat. Die Frage ob die WHO oder das CDC gewappnet sind um den Kampf gegen dieses oder ein anderes Virus aufzunehmen, die ist noch immer relevant. Aber sie werden jetzt von der breiten Masse wieder ignoriert. Und hier wäre ein sinnvoller Umgang mit der Thematik besser gewesen, als die geschürte Hysterie.

Die letzte Angst war unbegründet, warum sollte diese Angst jetzt begründet sein? Darauf können wir doch nicht abzielen. Wenn sich die bundesrepublikanischen Behörden während des G8-Gipfels nicht aufführen wie SA und SS, dann stehen diejenigen dumm da, die den neuen Nazistaat schon ausgerufen haben. Und um so schwerer wird es beim nächsten Mal die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es hier wirklich massive Probleme gibt und dass großflächliger Protest und Widerstand nötig ist. Wohin soll man diskutorisch noch gehen, nachdem man hier schon das Vierte Reich und die KZs benutzt hat? Das ist übrigens auch der Grund warum ich dagegen bin jeden dahergelaufenen Feld-, Wald- und Wiesendiktator als neuen Adolf Hitler zu bezeichnen. Das macht es wirklich schwer die “harmlosen” Diktatoren (die schlimm genug sind) von den wirklichen Bedrohungen zu unterscheiden.

So wie die Broders mal eine wirkliche Gefahr für Rechtsstaat und Säkulargesellschaft aus dem Islam entdecken mögen, ihnen dann aber niemand zuhören würde, weil sie bisher zu beschäftigt damit waren Zeitungsenten oder dem lächerlichen Protest von zwei (nochmal in Worten: 2) islamischen Müttern in Oberösterreich den gleichen Platz und Stellenwert einzuräumen wie der Steinigung von Homosexuellen im Iran oder den brennenden Botschaften in Damaskus. Wie war das noch mit dem Jungen, der immer “Wölfe” geschrien hat? An der Lektion hat sich nichts geändert in den fast 2500 Jahren seitdem Æsop diese Geschichte erzählte.

A Modest Proposal

Worauf will ich jetzt hinaus? Nun, simpel: Ich würde mir eine Umgebung wünschen, in der wir weniger hysterisch, weniger panisch und weniger aggressiv diskutieren. Mit einem etwas kühleren Kopf. Egal worum es geht. Und ich weiß, dass Internet bietet sich einfach dafür an, dass man hysterisch wird, aber… es hilft niemandem. Panik und Hysterie führen nur dazu, dass man die Bereitschaft verliert anderen zuzuhören, dass man beginnt die Alternativen auszublenden und zu glauben, dass jeder Kompromiss (und sei er noch so klein) der erste Schritt zum Untergang des Abendlandes ist.

Wir sind keine fertigen Menschen. Keiner von uns liegt immer richtig, keiner von uns hat automatisch Recht. Und keine zwei Menschen werden jederzeit in allen Belangen übereinstimmen. So ist das Leben halt. Das Leben ist aber auch so, dass es mehr als unwahrscheinlich ist, dass wir einen anderen Menschen mit unserer Argumentation – und sei sie noch so gut – dazu bringen, seine bisherige Position schlagartig komplett aufzugeben und unsere Argumentation 1:1 zu übernehmen. Man stelle sich einfach mal selber die Frage: Wann habe ich zuletzt in einer Diskussion meine Meinung komplett aufgegeben und die eines anderen komplett übernommen? Ich selbst wüsste nicht, dass ich das je getan habe.

Darum wäre es sinnvoll wenn wir alle unsere Art im Netz zu diskutieren überdenken. Besonders dann wenn ein Thema sich zu einem Sturm im Wasserglas hochgearbeitet hat und man das Gefühl hat, dass eine gewisse Hysterie einsetzt oder schon vorhanden ist. Diskussionen sollte man nie führen als wären sie ein Kampf oder ein Wettstreit. Diskussionen und Debatten enden gelegentlich mit einem klaren Sieger und einem klaren Verlierer, aber meistens tun sie das nicht. Weil es nicht ihre Natur ist.

Wir müssen uns da von dem Freund-Feind denken lösen. Sicher, es wäre toll wenn ich mit meiner eloquenten Schreibe meine Gegner davon überzeugen könnte, dass ich immer richtig liege. Aber wenn ich von einer Position überzeugt bin und sie vertrete, dann ist es am Ende des Tages schon ein Erfolg, wenn jemand der meine Meinung nicht teilt sagt: “Ich denke immer noch, dass du falsch liegst. Aber ich verstehe warum du denkst wie du denkst.” Oder besser noch, wenn mein Diskussionspartner festhält, dass er immer noch denkt, dass ich überwiegend falsch liege. Aber einsieht, dass ich zumindest zum Teil Recht habe. Das ist dann schon eine Leistung auf die man stolz sein darf.

Und im Gegenzug sollten wir akzeptieren, dass man eine Diskussion nicht verloren hat, nur weil man ein Stück von seiner Meinung abrückt oder seine Thesen etwas zurückschraubt. Es ist kein Zeichen von Schwäche zu sehen, dass die Gegenseite vielleicht nicht von Grund auf Böse ist oder dass die Gegenseite vielleicht nicht komplett falsch liegt. Seine eigene Meinung zu hinterfragen ist kein Zeichen von Weichheit. Das Gegenteil ist Dogmatismus. Und das ist eher ein Zeichen von Schwäche. Denn Dogma ist nur dann nötig, wenn man befürchtet, dass die eigene Theorie zerbricht sobald man sie kritisch hinterfragt.

Ein wirklicher Erfolg in einer Debatte ist es, wenn am Ende beide Seiten das Gefühl haben, die jeweils andere Seite etwas besser zu verstehen. Wenn ein Erkenntnisgewinn für mich und mein Gegenüber dabei rausspringt. Davon habe ich mehr, als wenn ich in eine Diskussion reinstürme, meine Meinung postuliere, mich dann wie der sprichwörtliche dreihundert Pfund schwere Gorilla in den Raum setze und mich weigere mich auch nur einen Zentimeter von meiner Position zu bewegen, auch wenn ich einsehe, dass es einen Grund gäbe mich zu bewegen.

Es kann also nicht schaden, hin und wieder mal beim “Feind” reinzuschauen, dessen Position zu verstehen und eventuell dort dagegen zu diskutieren oder seine eigene Position nachzujustieren, wenn man da ein sinnvolles Argument findet. Auch das passiert im Netz zu selten, denn – Echokammer – glücklicherweise gibt es für jede Position hunderte Seiten die so ziemlich exakt diese Position vertreten und unterstützen. Das verhindert, dass ich mich mit der Gegenseite tatsächlich auseinandersetzen muss und zementiert meine Meinung nur noch weiter.

Natürlich: Dieses “beim Feind reinschauen” und “auch mal ein Stück nachgeben” sollte man nicht mit Appeasement verwechseln. Wenn man wirklich glaubt, dass das Gegenüber total falsch liegt, dann ist das legitim. Wenn man es mit dem “lunatic fringe” zu tun hat, dann ist es ebenfalls absolut legitim wenn man nicht gewillt ist eine Position zu verstehen. Extrembeispiel: Das oben Geschriebene heißt nicht, dass man auf das nächste NPD-Board geht und zustimmt, dass – naja – die Juden schon ein bisschen selber Schuld sind am Antisemitismus. Nur, um gleich zu verhindern, dass man mich absichtlich falsch versteht. Aber im Gegenzug: Es ist nur fair, wenn man mit denen die nicht zum lunatic fringe gehören nicht so diskutiert, als wären sie Teil besagten Rands. Es ist sogar sinnvoller gar nicht lange mit dem lunatic fringe zu argumentieren, sondern mit den Leuten in der Mitte. Leute die zwar eine Meinung haben, die aber nicht so zementiert ist, dass sie diese nie ändern werden.

Ich weiß auch, vieles von dem was ich hier gesagt habe sind simple Weisheiten die andere lange vor mir formuliert haben: Ich wollte sie trotzdem mal festhalten. Auch für mich selber. Denn wenn ich mir angucke, was in den Kommentarsektionen von vielen Zeitungen oder Blogs geschieht (besonders von Politblogs, aber – siehe den MJ-Statuen-Kerfluffle – nicht nur da), dann denke ich, dass es wirklich nicht schaden könnte, wenn wir uns alle mal häufiger an die eigene Nase fassen und einen Gang zurückschalten würden. Das muss unsere Position nicht schwächen. Es kann uns sogar helfen, wenn wir uns in einem erbittertem Wortgefecht vor dem Drücken des “Save Comment”-Buttons einfach mal kurz im Stuhl zurücklehnen und uns fragen: “Sind wirklich alle auf meiner Seite dieser Debatte meine Freunde? Sind wirklich alle auf der Gegenseite meine Feinde? Sind überhaupt alle, die ich auf der Gegenseite sehe tatsächlich auf der Gegenseite?”

Mehr möchte ich gar nicht. Nur die Bitte, dass man auch im Internet öfter mal einen kühlen Kopf bewahrt (egal wieviel Spaß es macht hysterisch zu sein und die Dramahure zu spielen), einen Gang zurückschaltet und sich fragt, ob man seine Ziele nicht auch (und vielleicht sogar besser) erreichen kann, indem man auf Hysterie verzichtet und sich nicht aufführt, wie ein totales Arschloch. Das wäre alles. Danke für die Aufmerksamkeit derjenigen, die bis hierhin durchgehalten haben.

(Und da das Internet bekanntlich nicht vergisst: Es ist absolut legitim meine zukünftigen Posts an diesem Text zu messen und mich zu kritisieren, wenn ich gegen meine eigene “Regeln” verstoße. Aber ich hoffe ja auch, dass diese Fingerübung mir selbst zu einem größeren Bewusstsein für diese Dinge verhilft. Selbst wenn ich jetzt schon weiß, dass ich auch weiterhin gelegentlich als Arschloch oder Dramahure auftreten werde.)

[Bildquelle wird nachgereicht, wenn ich sie finde.]

Werbespielwahnsinn: Gysi, Dig-Dogs, Erbe

Tuesday, May 15th, 2007

Es gibt immer wieder diese Versuche Werbung oder eine bestimmte Agenda mit Popkultur zu verknüpfen. Sowas kann extrem schmerzhaft sein, sowas kann aber auch zu popkulturellen Highlights führen. Supermans Team-Up mit dem Nesquik-Hasen? Oh, Baby! Klar, Superman hat schon mit He-Man auf Eternia gekämpft und er hat sogar gegen Muhammad Ali geboxt (und verloren), aber wir reden hier vom Nesquik-Hasen. What’s not to like.

Wobei Superhelden ja nicht nur für Schokoschlürf oder Gayporn-Spielzeug werben, sondern auch versuchen können den Welthunger zu stoppen. Siehe Heroes for Hope oder Heroes Against Hunger. Und während George H. W. Bushs Krieg gegen die Drogen waren es gar die Cartoon All-Stars (unter anderem Garfield, Slimer, Alf, Alvin und die Chipmunks und Bugs Bunny), die die Jugend in einem Zeichentrick-Special vor dem Konsum von Marihuana bewahrten.

In den Neunzigern fand ein Paradigmenwechsel statt: Weg von den Comics und Cartoons, hin zum neuen Jugendmedium: Dem Personalcomputer. Gelegentlich auch dem Amiga oder dem Commodore 64. Man konnte sich nicht auf die Straßen wagen ohne von einer Horde blutrünstiger Werbespiele überfallen zu werden. In dieser Reihe soll nun gelegentlich ein Blick auf einige dieser Titel geworfen und die Frage gestellt werden, ob sie ihre Aufgabe erfüllt haben.

***

Captain Gysi und das Raumschiff Bonn

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Wer, wann und warum? Zur Bundestagswahl 1998 entschied die damals noch existierende Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), dass sie mit ihrem Spitzenkandidaten, Gregor Gisy (Ich würde Norbert Lammert so den nächsten Wahlkampf mitfinanzieren, wenn er mal seine Stellung nutzen würde für folgende Durchsage: “Der kleine Gregor aus Berlin hat seine Begleitung verloren und kann im Ballgehege des Bundestags abgeholt werden.”), auch bei der hippen Cybergeneration (ich fühle mich gerade so schmutzig) Stimmen abgreifen sollte. Darum dieses Spiel.

Worum geht’s? Commander Kohl hat das Raumschiff Bonn vom Kurs abgebracht und Captain Gysi sucht jetzt den Master Key um das Schiff in die Galaxie Futura zu steuern. Und schon im Vorspann stellt sich die Frage ob dieses Spiel wirklich von der PDS gesponsort wurde oder doch eher von der Initiative für die Erhaltung schlechter Wortspiele. Ich dachte immer, ich wäre der unangefochtene König wenn es darum geht, meine Mitmenschen mit Wortspielen zu nerven (darum darf man mich auch gerne den “Pun-isher” nennen… *zing*), aber die Meinung muss ich wohl jetzt korrigieren. Hier mal Auszüge aus dem Vorspann:

[Commander Kohl] hat das Raumschiff Bonn [...] in den Tückischen Mandatsnebel manövriert. [...] Das Raumschiff Bonn flog aus dem Mandatsnebel direkt in die Große Parlamentarische Sackgasse. [...] Wenn der Commander das Raumschiff mit dem alten Kurs startet, fliegt es vom Grauen Planeten direkt ins Schwarze Loch. Der Commander könnte natürlich einen neuen Kurs programmieren, um dem schwarzen Loch zu entgehen. Doch er denkt: Besser nichts tun als etwas Falsches tun. Irgendwann wird sich das Schwarze Loch selbst verschlingen. Dann ist der Weg frei und der Commander kann das Raumschiff Bonn weiter auf dem altem Kurs durch die Galaxien schaukeln.

Aber der Mandatsnebel und die Große Parlamentarische Sackgasse sind erst der Anfang. Captain Gysi wird begleitet vom Kinkelstein (aua) der in etwa aussieht wie Dogbert, wenn der den alten Hut von Erich Mielke auftragen würde. (Fungiert als Inventory.) Die Laserwumme Ohr-O-Pax lässt sich in der Rühezone finden. Auf dem zweiten Deck klafft ein Haushaltsloch. (Kann man schließen indem man den gefundenen Steuergroschen reinwirft.) Beleuchtet wird das Raumschiff Bonn mit der Sparflamme. Der Lieblingslolli von Kohl ist der Bio-Leck. Es gibt soziale Hängematten und Gummiparagraphen. Dazu vertrocknete Samenkörner der Mischung “Blühende Landschaft”. Den Springbrunnen La Fontäne. Den Datenfrosch Josef. Den Miethai Manni und seine KantherCam. Um am Roboter Blümel vorbeizukommen muss man den Mantel der Geschichte tragen und Blümel dann seine Rentenformel suchen. Achja, warum eigentlich Roboter Blümel? Warum nicht Norbot Blüm? Das wäre doch ein ein viel besseres Wortspiel. Anyway, könnt ihr noch? Da gibt es noch viel, viel, viel mehr dieser Wortspiele, aber ich höre hier mal auf. Mein Gehirn versucht sich gerade einen Fluchtweg durch den hinteren Teil meines Schädels zu nagen.

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Erreicht’s sein Ziel? Dass einige Spielezeitschriften damals das Wort “Satire” in Verbindung mit diesem Spiel gebracht haben, sagt wohl mehr über die deutsche Zeitschriftenlandschaft oder den deutschen Sinn für Humor als es über Captain Gysi und das Raumschiff Bonn sagt. Die Grafik des Adventures sieht arg nach “liebevoll mit MS-Paint gezeichnet” aus. Was ich heute noch Spielen nachsehe, die mit dem Adventure Game Studio erstellt werde, was aber 1998 bei einem semi-komerziellen Spiel aber schon eher altbacken wirkte. Das Spiel sieht in VGA schlechter aus als die EGA-Versionen von Indiana Jones & The Last Crusade oder Loom, die damals auch schon fast zehn Jahre auf dem Buckel hatten. Und die Musik? The less said, the better. Das ich hier das Wort “Musik” in Verbindung mit diesem Spiel gebracht haben, sagt wohl mehr über dieses Weblog oder den deutschen Musikgeschmack als es über Captain Gysi und das Raumschiff Bonn sagt.

Die Steuerung – von den Westwood-Adventures der Kyrandia-Serie inspiriert – ist extrem schwammig, der Mauszeiger bewegt sich über den Bildschirm als würde er mehrere Tonnen wiegen und gelegentlich braucht es drei oder vier Klicks bis der Captain mal eine Aktion ausführt. Und die Puzzle schwanken zwischen offensichtlich (benutze Steuergroschen mit Haushaltsloch) und abstrus (soziale Hängematte + Generationenvertrag ergibt Strickleiter… ‘türlich).

Da ich 1998 noch nicht in einer Bundestagswahl wählen durfte, ist diese Frage nach der Effektivität ja eigentlich irrelevant. Aber auch 2007 erweckt das Spiel bei mir nicht das Bedürfnis mein Kreuz bei der Linkspartei zu machen. Wobei ich eh nicht weiß welche Partei sich da anbietet, aber das ist ein ganz anderes Problem.

Captain Gysis größtes Problem ist derweil, dass das Spiel so weit es den Wahlkampf betrifft ein riesiges Musterexemplar in Sachen “negative campaigning” ist, also der Strategie eher den Gegner schlecht zu reden als eigene Konzepte auf den Tisch zu legen. (Das Musterbeispiel für negative campaigning im US-Wahlkampf 2004 waren die allseits beliebten Swiftboat Veterans for Truth.)

Okay, der Froschka Joschka sitzt den ganzen Tag auf der Datenleitung, Commander Kohl ist inkompetent, frisst zuviel Saumagen und sein Reformpaket besteht aus Seifenblasen. Der Roboter Blümel hat keinen Rentenplan, der Kinkelstein läuft jedem hinterher der wichtig aussieht, den Bürostuhl benutzt der Kohlmmander – “nur Transpiration, keine Inspiration” – nur zum Aussitzen und Dr. Kanther empfiehlt: “Placebos zur Abwehr von Gefahren aller Art.” Gut, das stimmt ja zum Teil sogar und die Placebo-Sache ist bis heute erfolgreicher Teil der Sicherheitspolitik (Schlagwort: Sicherheitstheater)… aber neu waren diese Erkenntnisse schon 1998 nicht mehr. Und wenn dann wirklich jede Objektbeschreibung irgendeine dieser holzgehämmerten und wortgespielten Andeutungen enthält, dann wird es schon schmerzhaft.

Im Gegenzug sagt das Spiel nichts darüber, wofür Gysi und die PDS stehen. Gut, Gysi ist Pazifist und hat darum keine Lust die Laserwumme anzupacken… halt, ist das die richtige Botschaft für den Werbeträger Computerspiel und die Generation Doom? Und außerdem weigert sich der Gysi die Koka-Kohla (*groan*) anzupacken. Da trinkt er eher Tee. Außerdem ist Gysi lieber hip als VIP. Na, darauf kann man doch eine Wahlentscheidung bauen.

Muss man sich halt seine eigenen Lektionen aus dem Spiel ziehen.

A.) Gysis Koalition mit dem Saar-Napoleon deutete sich schon 1998 an. Immerhin umschreibt Captain Gysi den Brunnen La Fontäne mit: “Der ist doch manchmal ganz spritzig.” Die definitiv positivste Umschreibung irgendeines Politikers im Spiel.

B.) Die Sache mit They Saved Gysi’s Brain zeichnete sich auch schon ab. Im Spiel gibt es ein Ersatz-Gehirn, das Gysi aber zunächst nicht anrühren will. Wer weiß, wann er’s noch braucht.

C.) Steinzeitkommunismus. Aus Grafik und Sound lässt sich, wie schon bei Pulgasari, ableiten dass der Kommunismus dem Raubtierkapitalismus technisch immer um Jahrzehnte hinterher hinken wird.

D.) Wenn die Trägheit des Mauszeigers und die Schwammigkeit der Steuerung auf die Flexibilität der PDS hindeutet, dann ist der Fünf-Jahres-Plan nicht in der Lage schnell auf Krisen zu reagieren. Und apropos Planwirtschaft: Captain Gysi weigert sich irgendwas zu tun, was nicht dem Plansoll zur Erfüllung des Spielziels dient. Nix mit lustig herumexperimentieren.

E.) Obwohl man davon ausgehen sollte, dass die PDS historisch gesehen für Lauschangriffen ist, kommt irgendwann die Stelle im Spiel in der Gysi den Lauschangriff abwehren soll, indem er riesige Ohren mit der Ohr-O-Pax-Kanone (die er bisher nicht anrühren wollte) abschießt. Ich dachte erst, das mit den Ohren wäre eine Anspielung auf Gentscher, was zum Tenor des Spiels sehr wohl passen würde. Anyway, wegen des trägen Mauszeigers versagt Captain Gysi dabei und danach scheint sich der internationale Sozialismus in einer Sackgasse zu befinden. Zumindest weiß ich nicht, was ich dann noch tun könnte. Und Lust es rauszufinden habe ich auch nicht. Fuck you guys, ich fliehe in den Westen.

F.) Ja, ich bin ungemein pubertär und ja, das Phallussymbol soll eine Blockflöte darstellen. Aber das hier finde ich trotzdem ungemein witzig:

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***

Dig-Dogs: Streetbusters

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Wer, wann und warum? Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat e.V. im Jahr 1994 um Menschen zu zeigen, dass regelkonformes Fahren echt knorke ist.

Worum geht’s? Der Spieler baut sich fix einen Wagen zusammen und muss dann in kürzester Zeit, unter Einhaltung der Verkehrsregeln, von Punkt A zu Punkt B fahren. Das ganze findet in einer isometrischen Grafik statt, die ein bisschen an Rally Championships auf dem Amiga erinnert. Nur schlechter.

Erreicht’s sein Ziel? Okay, gehen wir die Idee mal langsam an. Ein Computerspiel, in dem es darum geht möglichst regelkonform zu fahren? Wo liegt da der Sinn? Die Stärke von Computerspielen ist es ja gerade, dass sie uns Regeln brechen lassen. Dass man in Rennspielen mit 180 Sachen durch kleine Dörfer brettert und Powerslides hinlegt, ohne dass der resultierende Blechschaden das eigene Konto belastet. Dass man in Stunts einen Formel-1-Boliden durch Loopings jagt. Dass man in Need for Speed III: Hot Pursuit den Bullen mal so richtig zeigt, wo der Hammer hängt. Dass man in Carmageddon ganz gediegen die Wagen seiner Mitfahrer verwüstet und dann in aller Ruhe Punkte sammelt indem man den man den Asphalt mit möglichst vielen Passanten rot streicht. Wenn ich regelkonform fahren will, dann gehe ich wieder in die Fahrschule.

Beim Zusammenbau des Wagens macht es übrigens optisch keinen Unterschied ob man nun einen strunzelangweiligen Passat (Bild A) bastelt oder eine Karre mit Sidepipes, extra breiten Puschen und Front- und Heckspoiler (Bild B), wie sie in meiner ländlichen Heimat als Standard gelten dürfen. Denn im Spiel selber fährt man in jedem Fall den selben Trabant (Bild C).

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Leute die sich eine etwas coolere Karre bauen wollen, werden vom Spiel auch noch bestraft. Der V8-Motor zieht zwar nicht im Ansatz besser als der 4-Zylinder, dafür schluckt er aber eine unchristliche Menge Sprit. Achja, egal welchen Motor man einbaut: Der eigene Wagen hat nie eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 100 Studenkilometern. Einhundert Ka, Em und Ha. Deutsche Ingenieurskunst at its finest. Aber zurück zum Spritschlucken: Ich fahre im Spiel vielleicht… keine Ahnung, vier oder fünf Kilometer? Und in der Zeit muss ich zwei Mal nachtanken? Die Amis haben in den siebzigern Straßenschlachtschiffe gebaut, die weniger Sprit geschluckt haben. Und nach vier oder fünf Mal den Motor neu starten, muss ich die Batterie aufladen? Wow. Wer auch immer diese Karre gekauft hat, ist nach Strich und Faden beschissen worden.

Im Gegenzug ist die Kiste, mit der man hier durch eine unglaublich langweilige deutsche Kleinstadt mit minimalen Verkehr auf den Straßen (stellt sich nachher als Bonn heraus) gurken darf, ungefähr so stabil wie die eine durchschnittliche italienische Regierungskoalition. Mit zehn Sachen gegen in einer Kurve gegen den Borstein gefahren? Totalschaden. Wow! Wie baut man ein Auto, dass einen Frontalzusammenstoß mit einem Seifenkistenflitzer nicht überleben würde? Zumindest hört man beim Crash einen der beiden Soundeffekte des Spiels: Schepperndes Blech und Anlasser. Das war’s.

Wenn ich mich nicht regelkonform verhalten habe, dann werde ich mit Minispielen bestraft. Die Batterie läd man auf indem man Tetris spielt. Das man aber noch dadurch verschlechtert hat, dass man neue Steine einführte, die total sinnlos sind. So als wenn man bei Stein-Schere-Papier zusätzlich noch Gemüse einführen würde, das von nichts geschlagen wird, im Gegenzug aber auch nichts schlagen kann. (Achja, kurze Randbemerkung: Bei Stein-Schere-Papier gibt es keinen Brunnen und kein Feuer! Der Sinn des Spiels ist, dass jeder Gegenstand einen anderen schlägt und von einem anderen Gegenstand geschlagen wird. Alles was darüber hinausgeht, etwa Brunnen mit der 2:1-Quote verzehrt das Spiel und macht es obsolet. Und “Meteor” schlägt alles? Wer das ernsthaft als Spielregel akzeptiert, der gehört in lebenslängliche Sicherheitsverwahrung! Ende des Ausbruchs.)

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Fährt man mehr als Schritttempo in der Spielstraße, dann darf man ein Spielstraßenschild zusammenpuzzeln. Ansonsten gibt es noch einen Reaktionstest, ein 3D-Labyrinth, das aussieht wie die Nachgeburt von Wolfenstein 3D und ein Kistenschiebspiel, in dem man endet wenn man einem LKW die Vorfahrt nimmt. Selbst wenn man ihn gar nicht erst rammt. Diese Minispiele schaffe es noch weniger Spaß zu machen als das eigentliche Spiel und fordern darum tatsächlich zum regelkonformen Fahren heraus.

Alles in allem ein Spiel das beweist, dass Menschen die sich an die Verkehrsregeln halten tierisch lahm sind. In der freien Wildbahn existiert zumindest der Nervenkitzel beim mit Höchstgeschwindigkeit durch eine Schulzone bretzeln, weil man eben nicht weiß ob einen die Bullen erwischen. Hier wird man in jedem Fall gepackt. (Die Fahrschule in der ich meinen Lappen machte bot übrigens auch Nachschulungskurse für den so genannten “Idiotentest” an. In einer Stunde mussten die Teilnehmer der Kurse wohl anschreiben, warum sie das Punktelimit überschritten haben. Zumindest stand das noch an der Tafel als wir zur Theoriestunde in den Kursraum kamen. Mein Favorit? “Mit Tempo 110 in einer Spielstraße geblitzt worden.” Autsch.)

Und jetzt frage man sich noch einmal: Was macht wohl mehr Spaß? Mit einer möglichst umweltfeindlichen Karre durch exotische Lokalitäten rasen oder in einem Kleinwagen im langweilig-farblosen Bonn (ich glaube, das ist der Realität nachempfunden) einen Anschiß bekommen, weil man es gewagt hat im verkehrsberuhigten Bereich auf 10 Stundenkilometer zu beschleunigen? Eben.

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Das Erbe – Ein Öko-Adventure

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Wer, wann und warum? Das Umweltbundesamt im Jahre 1992. Denn auch vor 15 Jahren galt es schon den Klimakollaps zu verhindern, indem man die Spieler von Grafikadventures im wahrsten Sinne des Wortes in Todesangst versetzt.

Worum geht’s? Der Spieler, ungefähr das was sich die Kohl-Regierung unter einem coolen Jugendlichen vorgestellt hat, nachdem sie Ferris macht Blau oder ein paar Folgen Parker Lewis – Der Coole von der Schule gesehen hat (man beachte die lässige Sonnenbrille), erfährt von einem romulanischen Notar, dass sein Onkel (“der Hochhausarchitekt von Frankfurt”) gestorben ist und ihm drei Millionen Deutschmark vererbt, sollte er des Onkels Villa (ehrlich gesagt: nur ein kleines Einfamilienhaus im Vorort) “ohne Belastung von Klima und Ozonschicht” renovieren können. Nebenbei kann der Spieler auch noch die Adoptivtochter seines Onkels flachlegen. Was die Liberalität der Kohl-Administration beweist: Die hatte kein Problem mit heißem Cousinen-Sex hatte, solange keine Blutsverwandschaft vorliegt. Irgendwie eklig ist das aber trotzdem noch.

Erreicht’s sein Ziel? Man kann in Das Erbe tatsächlich etwas über Klimaschutz et cetera lernen. Zumindest kleinere Kinder, die bisher mit dem Thema noch nix zu tun hatten. Außerdem belegt das Spiel sehr deutlich das deutsche Mantra, dass man nur dann etwas lernen kann, wenn die Lektion auch unter gar keinen Umständen in irgendeiner Form Spaß macht. Abgesehen davon, dass die Grafik schon Anfang der Neunziger als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden darf: Die Steuerung verstößt gegen alles was in der Haager Landkriegsordnung von 1907 festgeschrieben wurde.

Um mich auf dem Bildschirm zu bewegen, genügt es nicht wenn ich einfach auf eine Stelle klicke. Nein, erst einmal muss man den “gehe”-Befehl anklicken und dann kann man dem Spiel sagen, wohin man gehen will. Und wenn man zwei Gegenstände kombinieren will? Fünf Klicks (“benutze”, “Gegenstand 1″, “+”, “Gegenstand 2″, nochmal klicken zur Bestätigung) und schon ist die Tat vollbracht. Hey, wir retten hier die Welt, das ist Arbeit und kein Vergnügen!

Um den Weltuntergangsaspekt des Spiels in den Vordergrung zu stellen, werden kleine “Fehler” gnadenlos bestraft. Wenn man sein zukünftiges Schlafzimmer betritt, dann jammert unser Held, dass es zu heiß ist. Öffnet man zuerst das Fenster ohne vorher die Heizung auszustellen, explodiert besagter Radiator. Held tot, Europa eine Wüste. Im Keller gibt es einen fahrbaren Heizkörper und eine Steckdose. Steckt man den Heizkörper ein wird man elektrokutiert. Kommentar des Spiels dazu: “Wer im Keller heizt, ist selbst schuld!” Wäre es nicht so eine Stromvergeudung, das Bundesamt für Umwelt würde den Elektrischen Stuhl für Kellerheizer fordern. Andere tödliche Aktionen: Sich kurz in die Sonne legen? Die UV-Strahlen verbrennen den Spieler. Altes Laub abfackeln? Der Spieler brennt mal wieder. Mit dem Auto fahren, statt mit dem Bus oder dem Fahrrad? Man verreckt an einer Kohlenmonoxydvergiftung wegen des 800 Kilometer langen Staus zwischen München und Frankfurt. Müll abholen lassen ohne zu erwähnen, dass Sondermüll darunter ist? Tot! Tot! Tot!

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Das ist die Lektion des Spiels. Klimafeindliches Verhalten tötet! Und nicht erst 2020, sondern sofort. Klimakiller verdienen zu sterben, oder so. Gut, nicht jede falsche Entscheidung führt sofort zum Tod. Kaufe ich einen Tisch für den formaldehydhaltiger Kleber verwendet wurde, gehe ich zum Essen zum lokalen Fast-Food-Riesen, kaufe ich einen Strom fressenden Kühlschrank oder lasse mein Haus mit FCWK-haltigen Lacken sanieren, dann wird mir wegen meiner Umweltsauerein nur ein Fehler angerechnet. Drei davon und das Spiel ist vorbei, weil ich ganz Europa in eine Wüste verwandelt habe.

Das Spiel kennt dabei keine Gnade: Wer weißes Briefpapier kauft, der ist ein Baummörder. Auch wenn man davon ausgeht, dass es vielleicht Situationen gibt, in denen Recyclingpapier direkt als Minuspunkt gilt. Von den Nachteilen bei der Verwendung eines Füllfederhalters oder Tintenstrahldruckers mal abgesehen. An anderen Stellen ist das Spiel nicht ganz so konsequent, wie es gerne sein möchte: Ich darf etwa einen CO2-Feuerlöscher kaufen.

Ganz toll auch: Wenn ich zwei schmutzige Teller in die Spülmaschine stelle, dann werde ich angefahren, dass das Wasserverschwendung ist. Weil: Ich kann ja nicht dreckiges Geschirr erstmal in der Spülmaschine sammeln und die alte AEG-Mühle erst anstellen wenn sie voll ist. Im Gegenzug: Sind T-Shirt und Hose verdreckt, dann ist es durchaus legitim in den Waschsalon zu gehen. Und eine ganze Maschine nur für diese beiden Teile anzuwerfen. Möglicherweise auch zwei Maschinen, falls der Spieler Weiß- und Dunkelwäsche nicht in der selben Maschine säubern will. Das nenne ich doch mal umweltfreundliches Verhalten.

Abgesehen von der Suche nach Gegenständen (“Benutze Klingel” führt dazu, dass der Spieler eine Briefmarke findet… wtf?) und dem freundlichen Kommandoton den Das Erbe gerne mal anschlägt (ehe ich einen Brief in den Briefkasten werfe, habe ich gefälligst den Einwurfschlitz zu öffnen… wo kommen wir denn da hin, wenn das Spiel alles für den Spieler macht… Eigeninitiative… Ruck durch Deutschland… Bomben auf… öh… lassen wir das), kann man eigentlich nicht viel falsch machen weil die “umweltfeindliche” Alternative meist so klar die schlechte Wahl ist, dass man schon sehr deppert sein muss um sich dafür zu entscheiden.

Habe ich meine Lektion gelernt? Ja. Wenn ich mich klimafeindlich verhalte, dann werde ich sterben. Und zwar sofort, durch explodierende Heizkörper, einen elektrischen Schlag oder ich werde bei lebendigem Leibe verbrannt. Und ich hätte das dann wohl auch verdient, weil die Sahara sonst bis in die deutsche Sahelzohne der Uckermark reicht. Das Spiel agiert da wie ein Slasherfilm. Nur das eben nicht “Sex = Tod” gilt, sondern “Klimasünde = Tod”. Da ist es wahrscheinlich am sichersten all meine weltlichen Besitztümer zu verkaufen und im Einklang mit der Natur in einer Höhle in den Alpen zu leben. Oder alternativ könnte ich Mutter Natur zuvorkommen und sie kaltmachen, bevor sie mich erwischt. Ich denke, wenn ich gleich zur Uni gehe, dann drehe ich vorher noch alle Lichter an, ebenso alle Wasserhähne, die Heizung auf volle Lautstärke und alle Elektrogeräte schalte ich in den Standby-Modus. If I go down, Gaia, I’ll go fightin’ and I’ll take you with me! You hear this?! I’m comin’ to getcha!

*Räusper*

Aber da war ja noch die andere Lektion, die mir das Spiel beibringen wollte. Was sagt das Spiel über heißen Cousinensex? Simpel: Seine scharfe Cousine kriegt man ganz schnell rum, wenn man ihr Blumen für 20 Mark schickt und dann immer zwei Portionen Erdbeeren mit Sahne (Schlagsahne, denn Sprühsahne bringt den Baby Jesus zum Weinen) in der Hosentasche dabei hat. Bundesamt für Umwelt? Shelbyville Manhattan wäre stolz auf dich!

Bloody Stupid B-Movies: Pulgasari

Saturday, May 12th, 2007

Nordkoreas Antwort auf Godzilla. Der Monsterfilm als politische Allegorie.

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Exordialtopik

In manchen Fällen sind die Geschichten die hinter einem Film stehen besser als der Film selber. Manchmal sind die Geschichten die hinter einem Film stehen auch das einzige, das am Ende übrig bleibt. So wie bei Lost in La Mancha, der Dokumentation zu Terry Gilliams nie realisiertem Don-Quixote-Film. Im Falle Pulgasari kam zwar ein Film am Ende raus, aber die Geschichte hinter dem Film ist trotzdem viel besser als der Film selber. Was keine sonderlich große Leistung ist: Die Geschichte wie der Best Boy bei diesem Film am vorletzten Drehtag verschlafen hat, es dann aber doch gerade noch rechtzeitig zum Set schaffte ist potentiell besser als der Film selber.

Anyway. Wer dieses Blog ein wenig verfolgt, der wird nicht sonderlich überrascht sein, dass ich die Godzilla-Filme mag. (Ishiro Honda lieber als Jun Fukuda, Mechagodzilla lieber als King Ghidorah und alles – ja, sogar Hedorah, das Smogmonster und King Caesar – lieber als diese bekackte Ökomotto Mothra mit ihren Dosenzwergpriesterinnen.) Und wer mag die Godzilla-Filme auch? Kim Jong-il.

Kim Jong-il ist beruflich als Filmexperte unterwegs und hat – so wird gemunkelt – über 20.000 Filme in seiner privaten Sammlung und mag am liebsten Rambo, James Bond und Freitag der 13.. Womit Kim beweist, dass er filmisch ein Mann des Volkes ist. Also, des anderen Volkes… das diese Filme sehen darf. Wenn Kim mal keine Filme guckt, dann leitet er nebenbei einen kleinen Atomstaat der Teil der Achse des Bösen ist und ist zusätzlich Chef einer Moriskentanzgruppe, die schon wenige Stunden nach Tourbeginn im Zentrum von Seoul tanzen könnte. Oh, außerdem ist Kim rownry, oh so rownry.

Kims Vater, Kim-Il Sung, wollte etwas gegen diese Einsamkeit tun, die Emo-Kim schon zeigte als er 1978 Chef des nordkoreanischen Propagandaministeriums war. Und wenn der eigene Sohn jammert, dann riskiert man dafür auch schon mal einen kleinen, diplomatischen Zwischenfall. 1978 bestand der daraus, dass nordkoreanische Agenten den südkoreanischen Regisseur Shin Sang-ok und dessen Gattin Choe Eun-hui aus Hong Kong (nur zur Bestandsaufnahme: damals noch Teil des Commonwealths) entführten. Shin Sang-ok sollte Kim dabei helfen Pjönjang zum Hollywood des Fernen Ostens zu machen und dem Kommunismus nach außen hin ein menschliches Antlitz zu verschaffen. Denn nichts sagt “eigentlich ein ganz knorker Staat” so deutlich wie Filme die ein verschleppter Regisseur dreht während ihm ein Soldat den Lauf seiner AK-47 in den Rücken drückt.

Weil Shin allerdings zu fliehen versuchte, landete er von 1978 bis 1983 erst einmal im Knast und durfte erst danach anfangen Koreas Filmindustrie zu revolutionieren. In einer Luxuswohnung untergebracht und mit 3.000.000 Dollar im Jahr subventioniert drehte Shin ein paar Filme für Kim, ehe er und seine Frau 1986 auf einer Geschäftsreise in Wien die Flucht in die amerikanische Botschaft antraten. (Darum lässt man seine Untertanen nicht ins feindliche Ausland ausreisen.) Nachdem er dem amerikanischen Geheimdienst von Kims Eigenheiten berichtet hatte, begann er in Amerika als Simon S. Sheen die Filmreihe der Three Ninjas zu begründen. A great escape for the man, but a very small step for Hollywood.

Soviel dazu. Sofern es nicht schon geschehen ist, wird das irgendwann mal ein guter Biopic werden, wobei der Schauspieler der Kim Jong-il spielt (bitte Christopher Walken, bitte Christopher Walken) den Oscar eigentlich jetzt schon sicher hat. Und es wird ein Film werden, dessen Geschichte – darum widmete ich ihr jetzt soviel Zeit – sicher mehr her macht als die Geschichte von Pulgasari, Nordkoreas Antwort auf Godzilla und der letzten Film den Shin in Nordkorea vor seiner Flucht drehte. Dem Umstand ist es auch zu verdanken, dass Kim den Namen Shins komplett aus dem Abspann strich.

Nacherzählung

Pulgasari ist, das wird niemanden verwundern, ein kommunistischer Propragandafilm. Sowas wie Panzerkreuzer Potemkin oder Alexander Newski sofern Lenin und Stalin damals Sergei Eisenstein durch Uwe Boll ersetzt hätten. Der Streifen erzählt die wahre Geschichte wie Korea (Nord) zu der sympathischen Gleichberechtigungsgesellschaft wurde, die der Staat heute ist. Und diese Geschichte beginnt irgendwann in Koreas Mittelalter in einem kleinen Dorf, dass unter den “verschissenen Monarchenschweinen” und ihren bürokratischen Handlagern zu leiden hat.

Das Problem sieht wie folgt aus: Die Monarchie braucht Eisen. Denn den Rohstoff scheint es innerhalb der Landesgrenzen nicht, oder nicht ausreichend zu geben. Was ein ziemlicher Downer ist, wie jeder weiß der schon Mal Civilization III gespielt hat. Da hat man es zivilisatorisch so weit gebracht, steht kurz davor allen anderen Nationen mal imperialistisch zu zeigen wo der Frosch mit den Locken dem Bartel den Most abkauft während der Papst im Kettenhemd gegen steppenden Bären boxt… und dann stellt man fest, dass ein Rohstoff fehlt und man keine Panzer, Atomraketen oder Kampfjets bauen kann. Gut, in Civilization fehlt meist Öl oder Gummi und eher selten Eisen, weil… naja, Eisen schon ziemlich essentiell ist. Aber irgendwie hat es der König geschafft den Eisentrend zu verschlafen und sein Land auf einem eisenlosen Teil der koreanischen Halbinsel zu gründen. Aber, hey, wie soll man so rund 1600 Jahre nach dem Aufkommen von Eisenartefakten in Korea ahnen, dass man dieses Metallgedöns vielleicht mal brauchen könnte und das nicht nur ein flüchtiger Trend ist.

Wie gesagt, die Monarchie braucht darum alles an Eisen, das sie bekommen kann. Dazu gehören auch Metalltöpfe und Gartenbaugeräte. Warum braucht sie dieses Eisen? Um mehr Schwerter und Lanzen zu schaffen. Yep, Flugscharen zu Schwertern. Und warum braucht das Königshaus diese zusätzliche Waffen? Well, duh, natürlich um sich gegen die Rebellen verteidigen zu können, die das Könighaus angreifen. Und warum greifen die Rebellen das Königshaus an? Na, weil es ihnen die Harken und Gartenkrallen weggenommen hat um daraus Waffen für den Kampf gegen die Rebellen zu schmieden. Wer jetzt den Schwachpunkt im königlich-koreanischen Plan sieht oder erkennt, wie man dieses Problem ganz schnell und einfach lösen könnte, der ist definitiv überqualifiziert für den Job als koreanischer Monarch im Mittelalter.

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Zu Beginn des Films übernehmen die königlichen Truppen ein kleines Dorf in der Mitte von Nirgendwo und beginnen Kochtöpfe und Ackerbaugeräte zu stehlen. Denn, hey, aus dem Zeug kann man halt super Waffen bauen. Und ein Staat mit einem gut bewaffneten Militär kommt auch ohne primären Sektor aus. Essen wird eh überschätzt. Trotzdem entscheidet eine kleine Gruppe aus vier oder fünf jugendlichen Heißspornen, die eh vorhatte sich den Rebellen auf Yavin IV anzuschließen, dass man sich das nicht gefallen lassen sollte. Unter der Führung von Inde greift man heldenhaft die köngliche Armee an. Heldenhaft übrigens auch, weil Inde mit einem lila Mark-Knopfler-Gedächtnisstirnband durch den Film torkelt, obwohl zu diesem Zeitpunkt kaum jemand von den Dire Straits gehört hat… primär weil es noch mindestens 500 Jahre bis zu ihrer Gründung dauern sollte.

Es kommt wie es kommen muss, die Revolutionäre werden inhaftiert. Dem einfachen Volk werden derweil seine Eisengegenstände entwedet, egal wie häufig es auch jammern mag, dass es unterdrückt wird und auf die Gewalt verweist, auf die sich das System gründet. Nur Schmied Takse, eigentlich beauftragt die Produktionsmittel einzuschmelzen und daraus neue Waffen für die Unterdrückerklasse zu basteln, entscheidet dass die Dinge zu weit gegangen sind und beginnt seinen eigenen passiven Widerstand. Er lässt die Eisengegenstände verschwinden und erklärt dem königlichen Statthalter, dass das Eisen wohl von Pulgasari gefressen wurde. Als Belohnung dafür landet er zusammen mit Inde im Knast.

Hier wird Takse nicht ordentlich gefüttert, was die anderen Revolutionären dazu veranlasst in einen Hungerstreik zu treten. Anders als Helmut Schmidt lässt der Statthalter aber nicht einfach ein paar Matratzen vor den Zellen aufstellen, sondern er versucht sich in der mittelalterlichen Form der Zwangsernährung. Die besteht daraus, dass er fast eine Minute lang Inde befiehlt, er solle essen. Woraufhin Inde fast eine Minute lang erwiedert: “Nö.” So lange Takse nichts isst, spielt man halt Ghandi mit Stirnband.

Auch Takses Tochter Ami versucht ihren Vater dazu zu bewegen, dass er endlich wieder Nahrung zu sich nimmt. Die Wachen lassen sie zwar nicht zu ihrem Vater, aber man kann dem alten Schmied den Reis ja in kleinen Kügelchen durchs Fenster schmeißen. Dummerweise kennt Takse die Fünf-Sekunden-Regel und kann den Dreckreisball vom Boden nicht mehr essen. In einem letzten Monolog wird ihm klar, wie schlecht diese Welt ist, in der die Farmer verhungern und dass er in seinem ganzen Leben jeden Tag etwas mit eigenen Händen geschaffen hat. Aber jetzt, wo das Kapital die Arbeiter von den Produktionsmitteln getrennt hat (ich paraphrasiere hier), ist sein Leben wertlos. Eher stirbt er, als dass er sowas erträgt. Aus der Reiskugel und etwas Erde bastelt er eine kleine Monsterfigur und bittet die Götter (moment, ich dachte Religion wäre Opium fürs Volk), dass diese Monsterfigur an seiner Stelle die Menschheit retten solle.

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Takses Leichnam wird aus dem Gefängnis entfernt, die Frauen des Dorfes weinen mal wieder und Ami entdeckt die Lehmfigur in den Händen ihres Vaters. Abends flickt sie das Lumpengewand ihres Bruders, piekst sich an der Nadel und ein Tropfen Blut landet auf dem Monsterfigürchen. Statt hier einen Tropfen echtes Blut oder auch nur etwas Tomatensaft zu vergeuden, bekommen wir einen gezeichneten Special-Effect-Bluttropfen zu sehen. Und speaking of sehen: Siehe da, Frampton comes alive. Und wenn ich Frampton sage, dann meine ich das Monster, das ich ab jetzt als Pulgasari bezeichnen werde. Hat jemand aufgepasst was es brauchte um dieses Monster zum Leben zu erwecken? Richtig: Blut und Boden. Achtung Symbolismus!

Mini-Pulgasari, der in Sachen Niedlichkeitsfaktor sowas ist wie der nordkoreanische Knut, beginnt damit ein paar Stecknadeln zu fressen, ehe er zusammen mit seinem neuen Frauchen und ihrem Bruder unter die Bettdecke krabbelt. Nachts wacht Pulgasari dann auf und knabbert sich durchs Türschloß. Ami und ihr Bruder finden den inzwischen gewachsenen Racker in der Schmiede ihres Vaters, wo er gerade ihr wertvolles Eisen verfrißt.

Wir hatten fast zehn Minuten kein flennendes Weibsvolk mehr, also wird es mal wieder Zeit. Ein heulendes Erzählmittel stürmt herbei und verkündet, dass Inde gleich hingerichtet werden soll. Wobei der Henker nicht nur ein extrem großes, extrem künstlich aussehendes Schwert hat… er hat außerdem noch eine richtig fiese Lache. Die er minutenlang zur Schau stellt. Woran man merkt, dass die Lache dieses Henkers so fies ist? Sie ist mit Hall unterlegt. In einer Außenszene. Einer Außenszene die nicht in einem Canyon spielt. So fies ist dieser Henker. Kann denn niemand Inde retten?

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Doch: In einer Sequenz die so unglaublich gut ist, dass man sie mal gesehen haben sollte, wird eine unbewegliche Plastikhandpuppe urplötzlich von unten ins Bild geschoben und gegen das Schwert des Henkers gedrückt. Sprich: Pulgasari springt als anständiger Deus Ex Machina das Schwert des Henkers an und genehmigt sich erstmal einen ordentlichen Biss. Anschließend befreit er Inde, indem er dessen Ketten frisst. Und dann kommt die bisher beste Szene: Pulgasari attackiert den Henker. Was nichts anderes bedeutet als: Der Schauspieler, der den Henker gibt, muss sich eine unbewegliche Plastikpuppe an die Backe drücken und so tun, als würde er mit dieser ringen. Sowas ist ein Hit auf jeder Party und kommt auch im Kino immer super. Klar, das hier ist nicht target=_BLANK>Batman gegen den Gummi-Hai, aber es ist trotzdem eine verdammt lustige Szene.

Während der Statthalter Dana Scully channelt und nicht glauben will, dass es Pulgasari wirklich gibt und erst seine Lakaien schickt, um die Monstersichtung zu bestätigen, macht Inde das, was er schon am Anfang des Films tun wollte: Er flieht zur den Revoluzzern in die Berge. Da König und Vaterland aber wissen wollen, wo der Mann mit dem schicken Kopftuch hin ist, foltert man halt seine Mutter. Yep, es ist wieder Zeit für eine Szene mit einer heulenden Frau. Aber wenigstens hat Indes Mama einen Grund zum Flennen, knallen ihr die Chargen des Königs doch immer wieder eine Dachlatte gegen die Knie. Und trotzdem weigert sie sich ihren Sohn zu verraten.

Und gleich danach sieht man wie Ami es in die Berge geschafft hat, wo die Widerstandsarmee das Kämpfen lernt und wo sie den Plot voran treibt, indem sie Inde (natürlich unter Tränen) davon berichtet, was seiner Mutter gerade angetan wird. Dass die königlichen Truppen zudem näher kommen, reicht den Rebellen aus um ihr Heil im Angriff zu suchen. In einer Stealth-Mission erstürmt man das koreanische Äquivalent der Bastille, nur damit Inde feststellt, dass seine Mama und sein kleiner Bruder bereits tot sind. Resultat: Man entschließt sich den Statthalter an den Kragen zu gehen. Und tatsächlich, die Revolutionstruppen – die inzwischen aus ein paar hundert Mann zu bestehen zu scheinen – können die Royalo-Faschisten wahlweise vertreiben oder töten.

Ein Umstand der König Lustig natürlich gar nicht passt. Was ein guter Zeitpunkt ist mal darüber zu reden, wodurch sich die herrschende Klasse am ehesten auszeichnet: Total lächerliche Hüte. Während sich der gemeine Kommunist ja schon relativ behütet (haha, get it?) fühlt, wenn er eine Ballonmütze mit rotem Stern oder eine Bärenfellmütze mit rotem Stern auf der Omme hat, muss die herrschende Klasse ihren Machtanspruch und ihr zu kleines Ego mit schrecklich lächerlichen Hüten demonstrieren.

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Musterbeispiel: Der Fönig. Der hat seinen Doktor in Fiesigkeit, Volksernährung (Fachgebiet: Hunger) und Militärplanung an der Ho-Chi-Minh Universität in Pjönjang gemacht und ist so stolz darauf, der einzig gelehrte Mensch in Korea zu sein, dass er es seinen Untertanen konstant vorhalten muss. Und zwar indem er 24/7 mit seinem Doktor-Hut in der Gegend rumläuft. Und, weil der Hut noch nicht lässig genug war, hat ihn König Eisenklau gleich mal gepimpt und vorne und hinten diese Perlenvorhänge dran befestigt, die man in den Siebzigern und Achtzigern auch gerne als Raumteiler verwendet hat. Funky. Später trägt er so einen Scherzhut der aussieht, als habe ihm ein Indianer einen Pfeil durch den Kopf geballert.

Seine direkten Lakaien müssen derweil mit Blattgold verziehrten Kindernachttopf auf der Rübe tragen oder einen Hut, den man ganz wohl einem ägyptischen Pharao geklaut hat. Und die Armed Forces? Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie Soldatenhelme tragen dürfen, die wir früher im Kinderkarneval auch getragen haben und die dadurch besonders lächerlich wirken, dass sie so eindeutig aus Plastik bestehen. Aber, hey, dem Land fehlt es an Eisen, irgendwo muss man Einsparungen machen. So oder so, die Lektion für den guten kommunistischen Bürger ist klar: Menschen die lustige Hüte tragen gehören der Unterdrückerklasse an.

Der König ist auf jeden Fall gar nicht davon angetan, dass die Rebellen sein wertvolles Eisen klauen und seine Beamten töten und befiehlt seinem besten und verschlagensten Generalissimo die Rebellion auszulöschen. Die Rebellenarmee entscheidet derweil eine Taktik anzuwenden, die zu gleichen Teilen von den Taliban, Che Guevarra und den Ewoks inspiriert wurde: Guerillakrieg in den Bergen. Zuerst schwächt man die heranrückende, königliche Armee indem man ihr Baumstämme auf die Plastikhelme wirft, anschließend drängt man sie zurück indem man ihnen Felsen entgegen rollt. Da aber Korea offenbar nicht nur an akutem Eisenmangel leidet, sondern auch an akutem Riesenfelsenmangel, muss man sich damit begnügen Pappmachéfelsen zu werfen, die man vom lokalen Set der koreanischen Version von Star Trek geklaut hat. Wer es gut findet einem erwachsenen Mann zuzusehen, wie er so tut als kämpfe er mit einer leblosen Plastikpuppe, der wird es auch mögen wenn erwachsene Männer kilometerweit fliegen, weil ihnen ein Pappfelsen ans Schienbein gerollt ist.

Die geschwächte Armee wird nun von den wagemutigen Rebellen, angeführt von Indes Stirnband, attackiert und vernichtend geschlagen. Man fragt sich wirklich wie der König seinen Status als Unterdrücker aufrecht erhalten konnte, mit einer derart inkompetenten Armee und ohne Todesstern, finstere Sith-Kräfte oder imperialen Sternzerstörer in der Hinterhand. Ach ja, die Rebellenarmee hat sich inzwischen außerdem rote Flaggen zugelegt. Es ist einfach keine Rebellion ohne rote Flaggen. Fast Forward: Die Rebellen hungern. Ami will essen holen. Wird attackiert und verwundet, aber Pulgasari – inzwischen zu Mannshöhe angewachsen – findet sie und bringt sie zu den Rebellen zurück. Wo Ami feststellt, dass Pulgasari ihr Alliierter sein wird. Man attackiert eine locker herumstehende Königskohorte, entwaffnet sie und füttert Pulgasari dann mit den Schwerter, auf dass er wachse. Was er tut.

Das ist ein guter Moment um mal über die Special Effects zu sprechen, denn Pulgasari ist jetzt weit größer als ein Mensch und darum ist raffinierte, nordkoreanische Filmtechnik gefragt um diese Tatsache zu transportieren. Falls sich jemand fragt woher der Begriff “Steinzeitkommunismus” kommen mag: Er kommt daher, dass die Kommunisten Filmtricks verwenden, die schon in der Steinzeit jedem drittklassigen Filmschüler geläufig waren. Und das im Jahr 1985! Ein Jahr nachdem Toho in Japan mit Godzilla – Die Rückkehr des Monsters die zweite Godzilla-Reihe gestartet hatte.

Vielleicht erst einmal das Positive an den SFX: Der Pulgasari-Anzug sieht ziemlich gut aus für seine Zeit. Was daran liegen dürfte, dass man Mitarbeiter der Toho Studios damit beauftragte diesen zu entwerfen und sogar einen Godzilla-Darsteller anheuerte um in den Pulgasari-Anzug zu schlüpfen. (Punktabzug dafür, dass man nicht konsequent genug war die Toho-Mitarbeiter auch samt und sonders zu shanghaien.) Okay, Pulgasari sieht längst nicht so spiffy aus wie der Godzilla der Achtziger, sondern orientiert sich mit riesigen Kulleraugen eher am Godzilla der Fukuda-Filme, aber der Anzug tut definitiv seinen Job. Was leider für die anderen *hust* Special Effects *hust* nicht gilt.

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Beweisstück A: Ein paar Stirnbandträger stehen vor einer Leinwand auf die Pulgasari projeziert wurde und winken dem Filmmonster zu, so als stünde es wirklich neben ihnen. Au Mann. 1985. Und das passiert nicht, wie beim Rancor in Return of the Jedi ein einziges Mal. Diese Tricktechnik verwendet man durchgängig. Das gewinnt an Camp-Faktor, weil das Bild auf der Leinwand unschärfer ist als die wütenden Massen im Vordergrund und außerdem noch flackert.

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Beweisstück B: Dieser riesige Pulgasari-Fuß. Das ist die einzige Requisite die man nutzen kann wenn menschliche Schauspieler mit Pulgasari (vulgo: Pulgo) interagieren müssen. Und, yep, es gibt nur einen Pulgasari-Fuß und der ist zusätzlich in keinster Weise mechatronisch animiert ist, sondern steht in seinen Szenen einfach nur so im Bild. Aber, hey, wenn man den gleichen Fuß von der anderen Seite filmt, dann wirkt das so als habe man zwei Fuß-Requisiten gebaut. Und es gibt natürlich endlose Variation: Man kann den Fuß auf ein Feld stellen, um anzudeuten dass Pulgasari in der Gegend rumsteht, oder man kippt den Fuß auf die Seite und – zack! – das Publikum erkennt: Pulgasari sitzt gerade gemütlich in der Gegend rum. Ha, nehmt das Industrial Light & Magic.

Beweisstück C: Schauspieler vor unbeweglichen Matte Paintings (ja, das ist eine Tautologie) des Monsters. In Anbetracht der anderen SFX in diesem Schlockbuster werde ich hier nicht spotten. Das geht schon in Ordnung.

Beweisstück D: Soundeffekte. Die Schwert- und Lanzenkampfszenen in diesem Film waren noch nicht dramatisch genug. Also hat man sich entschieden, sie ein bisschen aufzupeppen indem man drei (drei) Soundeffekte aus klassischen Schwert-Fu-Filmen übernahm. Vermutlich mit einem Cassettenrecorder direkt vom Fernseher aufgezeichnet. Es gibt so eine Art “PLINK”, eine Art “Ker-Swish” und eine Art “Swooosh”. Und, ja, die verantworltichen Mitarbeiter des Agitpop Forschungslabors für angewandte Onomatopoiie wurden bereits entlassen. Die Soundeffekte sind richtig lustig, weil sie nicht in jeder Schwertkampfszene auftauchen, weil sie auch dann funktionieren wenn ein Schwert beispielsweise auf den Holzgriff einer Lanze prallt (macht auch PLINK) und weil nur einige Schwerter mit diesen Soundeffekten ausgestattet sind, während der Rest klingt wie ganz normale Schwerter. Man stelle sich so eine Massenschlägerei wie in Gangs of New York vor, wobei aber aus den dutzenden Prügelanten die Schläge von zwei oder drei Kloppern mit Bud-Spencer-Geräuschen unterlegt werden.

Aber genug der unglaublichen, kommunistischen Filmtechnik, zurück zur Geschichte: Hier plant der fiese General den Untergang der Rebellen, wobei ihm klar ist, dass er erstmal Pulgasari aus dem Weg räumen muss. Sein Berater erklärt ihm dann, dass Pulgasari ja von einem Schmied aus Reis gefertigt wurde und erst dann zum Leben erwachte, als ein Tropfen Blut von Ami auf den Reis-Lehm-Figurenknilch fiel. Darum müsse das Monster Ami gehorchen. An dieser Stelle stand einer der Zuschauer bei der Testvorführung auf und fragte, woher zum Geier der General und sein Lakai dieses Stück Infodump über den Genossen Pulgasari hätten. Immerhin wissen das ja eigentlich nur Ami und ihr Bruder, wie zum Teufel kamen die Bösen an dieses Wissen? Die Kernfrage bei der zweiten Testvorführung war dann, wohin der Fragesteller aus der ersten Testvorführung verschwunden sei.

Aber gut, wahrscheinlich hat’s ihnen eine flennende Frau berichtet oder der koreanische Geheimdienst war schon damals gut. Man nimmt also Ami gefangen, befiehlt dann Pulgasari sich in einen übergroßen Holzkäfig zu begeben, zündet diesen an und lacht dann erstmal für geschlagene vierzehn Sekunden böse. Was neben den flennenden Frauen das zweite Leitmotiv des Films untermalt: Irgendwer wird in diesem Streifen andauernd von irgendwem gefangen genommen. Was ein guter Grund ist um wieder eine flennende Frau in Szene zu setzen. Doch, den royalistischen Klassenfeinden soll hier das Lachen schon sehr bald vergehen: Denn der Schmelzpunkt von Metall-Pulgasari in seinem Gummi-Anzug ist zu hoch. Statt zu verkohlen wird Pulgasari nur glühend heiß, treibt die Soldaten ins Wasser und stürzt sich dann hinter ihnen her, womit er sie bei lebendigem Leibe kocht. Uh, unschön.

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Bewisstück E: Den Umstand dass Pulgasari glühend heißt ist, demonstriert man indem man Pulgasaris Szenen mit roten Lampen ausleuchtet. Das heißt, dass Pulgasari Hitze abstrahlt, nicht dass Pulgi auch Bedürfnisse hat und sich darum in Pjönjags Monster-Rotlichtbezirk etwas Ablenkung verschafft.

General Motors lässt sich von diesem kleinen Rückschlag aber nicht aufhalten, sondern plant schon seinen nächsten, teuflischen Schritt um Pulgasari zu eliminieren: Er will ihn in eine riesige Fallgrube locken und dann von oben Steine auf das Monster schmeißen. Ja, die königlich-koreanische Armee steht unter dem Oberbefehl von Elmar Fudd. Hier wird eines der größeren Probleme des Films klar: Dem Teil fehlt es an jedem Gefühl für Zeit. Dem Zuschauer wird nie klar, wie viel Zeit zwischen einzelnen Szenen vergangen ist. Während die Riesengrube ausgehoben werden soll, muss der Vormarsch der Rebellen mit Pulgasari natürlich verlangsamt werden.

Jetzt wird das Zeitproblem wirklich deutlich, denn man hat das Gefühl, dass die Armee den heranstolpernden Pulgasari mit ihren Geheimwaffen nicht sonderlich lange aufhält. Vielleicht zehn bis fünfzehn Minuten. Die Geheimwaffen: Kapulte mit brennenden Felsen (und jetzt zahlt es sich aus, dass Koreas Felsen aus Pappmaché und nicht aus Stein bestehen) und so eine Art primitive Raketenabschußbasis. Die Raketen prallen so lange an Pulgasari ab, bis der General befiehlt auf die Augen zu zielen. Die Raketenwerfer sehen zwar nicht danach aus, dass man mit ihnen gezielt feuern kann, aber – hey – irgendwie passt das trotzdem und Pulgasari beginnt aus dem rechten Auge zu bluten. Das stoppt den kommunistischen Kampfkoloss aber nicht, sondern macht ihn nur noch wütender.

Und jetzt, nach über einer Stunde und vier Minuten, darf Pulgasari erstmals erzürnt ein Haus mit ein paar schnellen Schlägen zerschmettern. Das ist das zweite Plus in Sachen SFX: Die Modelle die Pulgasari zerstört sehen gut aus. Leider wird das Plus auch gleich wieder ausgehebelt durch ein großes Minus: Es dauert über eine Stunde bis das übergroße Monster endlich mal ein bisschen Eigentumsbeschädigung betreiben darf? Und dann macht es auch nur ein einziges Haus kaputt? Boo-urns!

Korea scheint aus exakt einem Dorf und drei oder vier Festungen zu bestehen, mit extrem viel freiem Feld dazwischen. Ein bisschen wie Bayern oder Ostdeutschland. Damit ist es ziemlich ungeeignet als Spielort für ein Filmgenre, das davon lebt dass ein Kerl im Gummianzug durch niedliche, kleine Miniaturstädte trampelt und Tod und Verwüstung anrichtet. Und dass hier das Herz der Riesenmonsterfilme liegt, wird jeder bestätigen der mal im Legoland war und davon geträumt hat Godzillas-Kampfschrei zu imitieren, dann durch die nachgebildeten Straßenzüge von New York zu stampfen und alles in Block und Asche zu legen. Fuck, hätte der Film nicht in der Gegenwart spielen können und zeigen wie die heldenhafte nordkoreanische Armee in Pjöngjang ein us-amerikanisch-südkoreanisch-japanisches Imperialistenmonster stoppt? So muss man dem Film leider konstatieren: Zu wenig Verwüstung. Aufsatzthema verfehlt.

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Aber, okay, es geht ja weiter. Man kann immer noch darauf hoffen, dass im letzten Drittel des Films eine mittelalterliche Hauptstadt von Pulgasari vernichtet wird. Aber: Erst Mal wird daraus wohl nichts, denn die Grube ist fertig, eine fix angeheuerte Exorzistin schwächt das Gummimonster, Pulgagsri purzelt in die Grube sans Pendel und wird dann unter einer Lawine an Pappmachéfelsen begraben. Erst knapp zwanzig Minuten vor Schluß werden wir das jesushafte Revival des Monsters sehen dürfen. Bis dahin haben die Royalisten die Oberhand: Denn ohne ihren mutierten Monarchieverschlinger haben die Rebellen gegen die Armee des Königs keine Schnitte.

Es ist mal wieder Zeit für eine der patentierten Gefangenschaft-und-Geflenne-Szenen, die das nordkoreanische Kino zu dem gemacht haben, was es heute ist: Inde wird geschnappt und aufgeknüpft. Aber nicht ohne vorher noch ankündigen zu dürfen, dass seine Schwester Rache für seinen Tod nehmen wird und dass man seinen Kopf am Südtor aufspießen soll, damit er sehen kann, wie der König seine gerechte Strafe erhält. Ami und ihr kleiner Bruder heulen ein wenig wegen Indes Tod, aber dann erklärt Ami das ihre Tage als Emo-Hascherl gezählt sind und sie ja nicht immer nur rumsitzen und Weinen kann. You go, girl! Während die Königstreuen eine dekadente Fete mit Nutten und Alkohol abhalten (im Gegensatz zum sehr bodenständigen und kommunalen Fest, das die Guerilla-Kommune etwas früher feierte) schleicht sich Ami zum steinernen Grab Pulgasaris und lässt ihn ihr Blut haben. Weil Pulgasari jetzt größer ist, genügt ein Tropfen natürlich nicht. Stattdessen muss sich Ami dieses Mal gleich die Adern aufschlitzen. Ich dachte, du wolltest nicht mehr so Emo sein. Oh, ach ja: Vorsicht Symbolismus! Darauf kommen wir gleich zurück.

Pulgasari kehrt also zurück, begleitet von Soundeffekten die wirklich gar keinen Bezug zur einer Wiederauferstehungsszene haben. Diese kleinen Science-Fiction-Spielzeuggewehre mit Soundeffekten, die man in den Achtzigern auf dem lokalen Rummel kaufen konnte? Diese Art von Geräuschen macht Pulgasari bei seiner Rückkehr. Why so ever. Außerdem gibt es eine kleine Lichtshow. Aber ich hoffe, dass der nächste Bibelfilm auch eine Szene beinhaltet, in der wir solche Spielzeuggewehrgeräusche vernehmen während hinter dem Felsen zu Jesus Grab eine Lightshow von statten geht. Das nennt man dezente Filmtechnik.

Jetzt, wo Pulgasari wieder da ist, beschließen die verbliebenen Rebellen die Hauptstadt einzunehmen. Und nichts kann sie stoppen. Nichts? Nein, denn wie es der Zufall und der schludrige Drehbuchautor so wollen, ist gerade in diesem Moment ein verrückter deutscher Wissenschaftler (gut, es wird nie gesagt dass er deutsch ist… aber das würde die Szene meiner Ansicht nach aufwerten) fast fertig mit der Entwicklung seiner neuen Geheimwaffe: Der Kanone. Beziehungsweise, gleich zwei Kanonen. Die Löwenkanone und die Generalskanone. Die nach den Dingern geformt sind, nach denen man sie benannte.

Diese Kanonen wurden primär erfunden, damit beim letzten Gefecht (in dem die Internationale gedenkt das Menschenrecht zu erkämpfen) die heranstürmenden Rebellen durch einen Haufen Explosionen rennen dürfen und ein leichtes Ghettysburg-Feeling aufkommt. Nur ohne die coolen Bärte. Ach ja: Die Kanonen sind ein Beweis für die überlegene koreanische Militärtechnik und die unterlegene koreanische Langzeitplanung. (Siehe auch: Nehmen wir alle Werkzeuge die wir zur Nahrungsmittelerzeugung brauchen und machen wir Waffen draus.)

Militärtechnik: Die frisch gebackene Erfindung ist in der Lage dutzende Schüsse pro Minute abzufeuern (die europäischen Kanonen dieser Zeit schafften vielleicht zwei oder drei Schuss pro Tag) und explodieren nicht wegen leichter Bruchstellen oder der Überbelastung, wie das unerprobte Technik so an sich hat. Langzeitplanung: Man hat jetzt schon kein Eisen. Wie sinnvoll ist es da eine Waffe zu erfinden, die aus Eisen besteht und Eisenkugeln abfeuert? Besonders weil man nicht einfach nur ein Knanonenrohr baute, sondern das – soviel Ästhetik muss sein – auch gleich in zwei künstlerisch wertvolle Figuren wie den Generalskopp oder den Löwen mit Kanonenrohr im Maul einbaut. Beide bestehend aus Eisen. Denn, hey, man hat’s ja.

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Die Kanonen zeigen aber keine Wirkung auf Pulgasari. Der ist, so wie die kommunistische Grundidee, kugelsicher. Und wenn man Pullmollsari eine Kugel ins Maul schießt? Tja, die frißt er auf und spuckt sie dann gleich zurück in die königlichen Kanonenreihen. (Untermalt von noch mehr käsigen Soundeffekten.) Die Monarchie sucht ihr Heil in der Flucht, während Pulgasari endlich mal wieder was zerstören darf. Dieses Mal: Eine Mauer. Recht hat, wer jetzt anmerken möchte: “Warte mal, Björn, Pulgasari zerstört die Mauer, statt sie zu bauen? Das ist aber nicht sehr kommunistisch.” Aber auch hier, wie schon bei der letzten Bluterszene: Achtung, Symbolismus!

Pulgasari dringt in die Hauptstadt ein und getreu der Maxime “Friede den Hütten, Krieg den Palästen” macht er erstmal die Bude des Königs kaputt. Insgesamt zerstörte Gebäude nach fast achtzig Minuten: Zwei. Was Pulgasari wohl zum ineffektivsten Filmmonster aller Zeiten macht. Aber, gut, er hatte hier auch mit wenig urbaner Infrastruktur zu arbeiten. Wenn man Godzilla in der Sahara aussetzt, wird der auch nicht viel kaputt machen können. Vielleicht die ein oder andere unter Naturschutz stehende Wanderdüne, aber beeindruckend ist das ja auch nicht. Der böse General wird dabei übrigens von einem herabfallenden Pfeiler aus Pappmaché erschlagen. Was durchaus Sinn ergibt im Kontext eines Films, in dem Pappmachéfelsen tödliche Waffen sind.

Den bösen König trampelt Pulgasari derweil zu Tode. Und dabei zeigt sich erneut die große, kommunistische Filmkunst denn die folgenden zwei Frames sind direkt aneinander geklebt. Laken ohne Blut. Nächstes Frame: Blutiges Laken. Transition shots, in denen man sehen würde wie das Laken sich blutig färbt, sind halt teuflische imperialistische Erfindungen auf die man in Nordkorea durchaus verzichten kann.

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Bitte sehr: Der König ist tot. Der General ist tot. Die Kommunisten haben eine Tanzpartie. Happy End? Nein! Denn noch hat der Film über zehn Minuten zu füllen. Und in diesen zehn Minuten macht Pulgasari eine Wandlung vom Kämpfer für das kommunistische Ideal zur fünfzig Meter hohen politischen Metapher durch. Denn der riesige Pulgasari will weiterhin mit Eisen gefüttert werden. So wie er auch beim zweiten Mal mehr Blut brauchte um sich wieder aufzurappeln. Bald stellt man fest, dass man keine Farmgeräte mehr hat, weil die Pulgasari alle verspeist hat. Klasse, da hat sich die Revolution ja gelohnt. Aber, wie einer der alten Koreaner festhält: “Er ist unser Erlöser. Wir können ihn nicht verhungern lassen.”

Auch die Bitte Amis, dass Pulgasari seinen Appetit doch etwas mäßigen solle, stößt auf taube Ohren. Ami wird klar, dass ihr Erlöser zum Feind des Volkes geworden ist. Denn wenn Koreas Eisenvorräte aufgebraucht sind, dann werden die Koreaner mit Pulgasari in andere Länder einfallen müssen um ihm sein Essen zu verschaffen. Und so würde es schon bald zum Weltkrieg kommen. Wobei ich nicht weiß, mit was die Koreaner kämpfen wollen: Ihre Waffen hat ja schließlich der große Grüne (nein, nicht Joschka Fischer) gefressen. Aber: Langzeitplanung ist – wie gesagt – die Stärke der Koreaner nicht. Ami opfert dann in einer absolut keinen Sinn ergebenden Szene ihr Leben, mit dem Resultat dass Pulgasari versteinert, explodiert und schließlich aus einem Mini-Pulgasari so eine blaues Geisterzeug rauskommt und in den Leichnam von Ami hereinfährt. Keine Ahnung… was das soll, aber der Film endet hier.

Fazit

Der Schluß des Films zeigt deutlich, warum politische Allegorien als Propaganda total unnütz sind, sofern man ihnen nicht direkt einen Flyer beilegt, der erklärt wofür sie stehen: Denn wie mir versichert wurde, ist Pulgasari ein Symbol für den Kapitalismus, der nötig ist um die monarchischen Strukturen zu zerstören, der dann aber so gierig und unersättlich wird, dass er zerstört werden muss damit der Kommunismus aufblühen kann. Okay, kann man so lesen. Ich hatte aber beim Gucken selber Pulgasari so gelesen, dass Pulgasari für das Militär steht, das den Arbeitern und Bauern beim Kampf gegen die Unterdrückung hilft, aber selbst nach dem Ende des Konflikts immer weiter gefüttert werden muss. Und um das Militärbudget aufrecht zu erhalten, sind halt weitere Kriege nötig. Was dann in den Weltkrieg führt. Tja. Damit lag ich wohl daneben, aber das zeigt wie gefährlich politische Propaganda für den Propagandisten werden kann, wenn er sie nicht haarklein erklärt.

Pulgasari ist definitiv kein guter Film. Selbst als Propagandastück ist er nur bedingt unterhaltsam. Man kann ihn mal gesehen haben, aber in Sachen schlechter Geschmack, schlechte Effekte und alberne Szenen ist ihm jeder einzelne Godzilla-Film weit voraus. Als Daikaiju-Film versagt Pulgasari auf der ganzen Linie: Das Riesenmonster taucht erst spät auf und – auch wenn der Anzug wirklich solide ist – es verweigert dann die Erfüllung seiner Hauptaufgabe: Straßenzüge verwüsten, Städte plätten, U-Bahn-Züge fressen, ihr kennt das Programm.

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Nun kann sich in den letzten zwanzig Jahren natürlich so einiges getan haben, aber wenn wir von Nordkoreas Special Effects auf Nordkoreas militärisches Potential schließen dürfen, dann müssen wir uns da keine Sorgen machen. Die SFX in diesem Streifen hinken ihrer Zeit um lockere fünfzehn bis dreißig Jahre hinterher. Was stellenweise schon wieder charmant ist, besonders in den Szenen in denen Schauspieler mit dem auf eine Leinwand projezierten Pulgasari interagieren oder vice versa. Und ich habe jedes Mal einen Lachkrampf bekommen wenn mal wieder der Pulgasari-Fuß unbeweglich in der Landschaft herumstand. Aber gutes Monsterkino sollte 1985 schon anders aussehen.

Die Soundeffekte sind durch die Bank weg unpassend und lächerlich und die Filmmusik habe ich ziemlich sicher in anderen, westlichen Filmen schon mal gehört. Vielleicht hat Kim Jong-il ja das London Philharmonic Orchestra für diesen Film entführen lassen.

Bleibt die politische Botschaft, der Sieg des Bauern- und Arbeiterkollektivs erst gegen die ausbeuterische Monarchie und dann gegen die eisenfressende, Weltkriege auslösende kapitalistische Gesellschaft. Diese Botschaft, ist überraschenderweise gar nicht so weit von dem entfernt, was man auch in vielen Mainstreamfilmen sieht. Nur dass hier der kommunistische Aspekt, die Sache mit den Produktionsmitteln, blablabla, mit dem Holzhammer rübergebracht wird. Leider ist das aber noch nicht ganz so plump, dass es den Film auf die Ebene die propagandistische Lächerlichkeit eines Mama, Papa, Zombie hievt, aber für den ein oder anderen Lacher ist es schon gut.

Wo ich mir allerdings nicht ganz sicher bin, ist ob Kim Jong-il gelacht haben mag, als er die politische Botschaft des Films überdachte: “Ja. Sehr gut. Ein Film der der koreanischen Arbeiterklasse vermittelt, dass es Zeit wird die für die bewaffnete Revolution wenn ein diktatorischer Alleinherrscher sein Volk aushungern lässt um seine über die Maßen aufgeblähte Armee zu finanzieren. Das ist genau die Botschaft, die wir unseren Bürgern vermitteln wollen… äh… wobei, bei Licht betrachtet: Oh, Kacke!”

1/5


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