Amerika, du hast es besser
Friday, March 30th, 2007
G.I. Joe – echt amerikanischer Held
Ich bin kein Freund des plumpen Antiamerikanismus, wie es ihn tatsächlich gibt. Jeder der in der letzten Zeit ein mal ein Indie-Konzert besucht hat, der durfte garantiert irgendwann erleben wie die Band etwas Zusatzjubel erheischen wollte, indem sie ein schnelles “George Bush: Terrorist” oder “USA: Terrorists” ins Mikro rülpste, was dann vom Publikum dankend aufgenommen wurde. Was, um mal ein Zitat von dem hier umzubauen, aus den gleichen Mündern kommt, aus denen sonst auch “Zehn nackte Friseusen” gegröhlt wird. Und dass es Anti-Amerikaner in der Gesellschaft gibt, das werde ich auch nicht bestreiten. Eine Bekannte von mir ist der Meinung, dass die USA per se böse sind. Da gibt es dann wenig Unterschied zwischen George Bush und Keith Olberman. Alles Imperialisten.
Wenn es aber eines gibt, was mir mindestens eben so auf die Eier geht, vielleicht sogar noch mehr, dann ist es die tollwütige “USA, echt 1A”-Antideutschen-Fraktion, die sich seit dem 11. September besonders im Internet ausbreitet und die nicht begreifen will, dass etwas nicht dadurch richtig wird, dass es – spektral gesehen – am exakt anderen Ende von etwas Falschem liegt. Linksextremismus ist nicht gut, bloß weil wir uns alle darauf einigen können dass Rechtsextremismus scheiße ist. Und bloß weil Antiamerikanismus blödsinnig ist, ist blind- und beißwütiger Proamerikanismus nicht besser.
Damit meine ich dann die Fraktion, die sich die erzkonservativsten Amerikaner als Vorbilder aussucht oder wirklich alles was die USA in den letzten 250 Jahren gemacht haben als gut ansehen. Inklusive McCarthy. Jene Leute die allen Ernstes an “manifest destiny” glauben und daran, dass die USA der einzige Staat der Welt wären, der keine Realpolitik betreibt. (Und ich mache den USA keinen Vorwurf dass sie Realpolitik betreiben. Alles andere wäre politischer Selbstmord.)
In diese Kategorie würde ich auch Claus Christian Malzahn einordnen. Malzahns Karriereweg bestand bisher daraus, dass er zunächst in der Alten Straße 113 in Kummerland als Lehrerin tätig war (ich weiß, Namenswitze gehen gar nicht, aber der musste sein), ehe er sich dann in den Achtzigern bei der taz verdingte. Seit 1993 ist er für Deutschlands größtes Boulevardmagazin tätig und hat inzwischen das Politikressort im Onlineableger übernommen. Wo er Kolumnen wie diese hier veröffentlicht: “Böse Amis, arme Mullahs”.
Okay, das ist eine Glosse und in der hat Malzahn natürlich das gute Recht rumzupöbeln, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und natürlich will Malzahn provozieren, dazu dient so eine Polemik ja. Und trotzdem, die Art und Weise wie Malzahn hier polemisiert gefällt mir hinten und vorne nicht… denn die ganze Kolumne ist nicht besser argumentiert als das, was er hier attackiert. Schlimmer noch, sie strotzt genau so vor Verallgemeinerungen, Gedankensprüngen und kurzgeschlossener Logik.
Oder in der Kurzform: Sie ist der Beweis dafür, dass die USA uns tatsächlich immer um ein paar Jahre voraus sind. Und das ist jetzt kein Antiamerikanismus, nur eine Feststellung. Denn von der Diskussionskultur her erinnert mich das arg an die Art wie in den USA konservative und liberale Medien vorgehen. Scheiß auf politischen Diskurs, Hauptsache wir haben mal richtig auf den Tisch gehauen. Für jeden Moore gibt es dann einen Limbaugh oder eine Coulter. Für jedes FOX News gibt es ein Air America. Da wo früher noch die Politiker selbst die Nachrichten spinnen mussten (also im Sinne von to spin, nicht im Sinne von Spinnerei… obwohl sich das oft nicht viel nimmt), da tun das jetzt die Nachrichtenmedien selbst. Und freuen sich dann über ihre Publikumsbindung.
Und das können wir auch in Deutschland haben. Haben wir ja teilweise auch schon. Ich stimme zum Beispiel mit Henryk M. Broders Meinung fast nie überein. Aber ich gestehe dem Mann zu, dass er ein guter Polemiker ist, der mit dem Florett genau so arbeiten kann wie mit der Axt. Malzahn aber – und das sah man schon bei der Trittin-Apokalypse, die CCM 2005 eigenhändig vom Zaun brach – beherrscht nur die Argumentation mit der Keule. Und das ist dann nicht lustig, sondern einfach nur platt. So wie ich nach dem Lesen seines Artikels, weil ich wohl zur Zielgruppe (ins Zielkreuz genommenen Gruppe) gehöre.

Ashley J. Williams – sogar noch amerikanischerer Held
Und jetzt, wie Bud Spencer schon zu sagen pflegte, ran an die Bulletten:
Die Deutschen haben im Laufe ihrer jüngeren Geschichte schon an vieles geglaubt. An Kolonien in Afrika und an den Kaiser; dem glaubten sie sogar, das es keine Parteien mehr gebe, sondern nur noch Frontsoldaten. Wenig später glaubten sie, dass man Juden in Ghettos und KZs stecken sollte, weil sie Volksschädlinge sind. Dann glaubten sie an die Autobahn und den Endsieg und wieder ein paar Jahre später an die D-Mark. Sie glaubten daran, dass die Mauer noch ewig steht und dass die Rente sicher ist. Sie glaubten an Mülltrennung und Billigflüge, an Telekom-Aktien und den Fußball-WM-Sieg, sie glauben sogar gleichzeitig an Peter Hahne und Harald Schmidt.
Schöne Auflistung. Wenn ich nicht über “die Amerikaner” herziehe, ob dann Herr Malzahn wohl darauf verzichtet “die Deutschen” zu titulieren? Denn nur die wenigsten Deutschen die 1914 an die afrikanischen Kolonien geglaubt haben, werden wohl noch 2006 vom deutschen WM-Sieg geträumt haben. Und den Glauben an das Kolonialsystem aus dem Kontext herausgelöst an den Deutschen festzumachen ist historisch gesehen etwas schwachbrüstig. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten noch sechs europäische Mächte Kolonien. Das war ein gesamteuropäisches Phänomen, kein rein deutsches. Was natürlich den Völkermord an den Herero nicht besser oder ungeschehen macht.
Den logischen Sprung vom Holocaust zur T-Aktie, Mülltrennung und dem Glauben an den WM-Sieg mag man mir auch noch erklären. Also, weil ich letzten Sommer mit der deutschen Mannschaft gefiebert habe und wollte, dass Podolski, Schweinsteiger und Konsorten den Pott holen, hätte ich auch fröhlich Juden in die Gaskammern geschickt? Weil ich Bio- von Plastikmüll trenne, hätte ich in der Nazizeit auch Juden von ihrem Zahngold getrennt? Dass ich mich im Dritten Reich schuldig gemacht hätte, das möchte ich nicht einmal ausschließen. Das kann ich auch gar nicht. Aber den Zusammenhang erkenne ich gerade wirklich nicht.
Die offizielle deutsche Politik, die das Ergebnis der Umfrage heftig beweinen wird, hat den Antiamerikanismus größtenteils verursacht.
Ach was, die offizielle deutsche Politik also? Ich frage mich ja gerade, ob Herr Malzahn mal sein eigenes Magazin in Händen gehalten hat. In Sachen Amerikabashing hat sich der SPIEGEL nämlich auch immer verdammt gut geschlagen. Weil er sein Zielpublikum kennt. Das ist dann auch eine Form von Realpolitik.
Gerne erinnern wir uns an die Titelbilder während des Irakkriegs, die davon zeugten, dass die Redakteure sich nicht entscheiden konnten, ob sie sich nun gerade an den sexy Militärspielzeugen der US Army aufgeilen oder sich über den “stockenden Blitzkrieg” der “Supermacht im Sand” (O-Ton) kaputtlachen sollten. Auch beliebt der Titel vom 24. März 2003 “Bombenterror für die Freiheit – Amerikas Krieg gegen Saddam”. Was eine interessante Wortwahl ist, die man beim schnellen googlen primär von Rechts zu lesen bekommt, wenn über Dresden und Arthur Harris geschrieben wird. Ansonsten gab es unter anderem 1997 das Titelbild “USA – Die Herren der Welt” und kurz vor Kriegsbeginn das Titelbild “Blut für Öl”, dem ich auch leicht polemische Tendenzen unterstellen möchte.
Gut, Malzahn schreibt “größtenteils”, die Politik ist also nicht alleine zu verurteilen. Aber wenn man ein wichtiges Ressort bei einem Magazin leitet, das sich immer noch verkauft wie geschnitten Brot und das auch durchaus weiß, wie es mit populistischen Titelbildern (siehe auch diese Woche “Mekka Deutschland – Die schleichende Islamisierung”… keine Ahnung, wie die Artikel sind, aber das Titelbild ist ziemlich plump) die Auflage nach oben drückt, dann sollte ein bisschen Selbstkritik schon drin sein, oder? Sonst wirkt es… hust… kurzsichtig. Und das sage ich nur, weil “verlogen” ein so hartes Wort ist.
Ansonsten wünscht sich der iranische Präsident die Auslöschung Israels. Das dauert noch ein bisschen. Um nicht aus der Übung zu kommen ließ das Regime vor ein paar Tagen 15 britische Soldaten kidnappen. Aber schuld sind immer die Amis, ist ja klar. Über die wissen wir schon lange Bescheid.
Nächster Gedankensprung den ich nicht ganz begreife. Okay, es gab natürlich sofort wieder die Flachpfosten, die wussten dass das ein amerikanischer Trick war um möglichst schnell im Iran einzufallen, aber die gibt es ja immer. Mehrheitlich hatte ich aber bisher nicht das Gefühl, dass man hier den Amerikanern die Schuld an irgendwas gibt. Das wirkt mir auch eher wie ein weiterer Strohmann den Malzahn da aufbaut um ihn dann in Ruhe zu zerfetzen.
Achja, die Umfrage um die es geht (“57 Prozent der 18- bis 29-Jährigen – erklärten, sie hielten die USA für bedrohlicher als das religiöse Regime in Iran”) wurde am 22. und 23. März durchgeführt. Die Entführung der britischen Soldaten wurde etwa bei der Netzeitung am 23. März um 13:57 publik gemacht. Die Frage ist also auch, wieviele der angerufenen Deutschen von dieser Aktion schon wussten. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Kidnapping-Story sich zum Umfragezeitpunkt noch nicht allgemein herumgesprochen und darum die Umfrage weder für noch gegen die Amerikaner beeinflusst hat, wie Herr Malzahn hier zu insinuieren scheint.

Die amerikanische Flagge
Den Wilden Westen kennen wir von Karl May, den wilden Kapitalismus von Karl Marx.
Wie schon bei der Judenmord-WM, der Zusammenhang erschließt sich mir nicht so ganz. Wer in Bad Segeberg war, der ist auch Marxist? Wer “Das Kapital” gelesen hat, der glaubt auch dass das Leben an der US-Grenze so war wie bei Karl May beschrieben? Huh? Die Aussage wird schon dadurch schwierig, dass CCM hier die Katergorien mischt. Meine Eltern und der Ofen waren ausgegangen. Karl May schrieb Fiction , die Wirtschaftstheorie von Marx ist aber in Sachbüchern zu finden. Ob dessen Theorie nun richtig oder falsch ist, steht erstmal auf einem anderen Blatt Papier.
Und in wie weit Karl Mays Version des Westens problematisch ist, sehe ich auch nicht. Das ist doch eine blütenreine Wild-West-Version im Vergleich zum Nihilismus den uns Sergio Leone in der Dollar-Trilogie lieferte oder im Vergleich zum ultrazynischen Blick den Deadwood (eine grandiose Serie, übrigens) auf die Entwicklung des amerikanischen Westens warf. Oh… halt… jetzt verstehe ich… ohne Karl May keine Winnetou-Filme. Ohne Winnetou-Filme kein Schuh des Manitou. Und, wie wir von Pierre Brice seit Wetten Dass…?! ja wissen, ohne Schuh des Manitou kein 9/11. Verdammt, der Malzahn hat Recht.
Außerdem waren wir alle schon mal da, im Urlaub, versteht sich.
Ähm… ich jetzt noch nicht. Weil mir die Kohle fehlt. Und weil ich mich sehr überwinden muss um mehrere Stunden in einem Flieger zu sitzen ohne panisch zu werden. Vor Katrina wollte ich immer mal nach New Orleans – in den Urlaub, versteht sich. Was ich nicht verstehe, ist das “versteht sich”. Außer vielleicht Geschäftsreisen, einem Aux-Pair-Jahr oder einem Auslandssemester… wie viele Gründe jenseits vom Tourismus gibt es denn noch irgendwo hinzufahren. (Der Besuch von Freunden oder dem Superbowl-Finale fällt für mich unter Urlaub.)
Die Amerikaner sind uns Deutschen entweder zu fett oder zu sportbesessen, zu prüde oder zu pornografisch, zu religiös oder zu nihilistisch.
Aber über die Hälfte der Amerikaner sind übergewichtig. Pöse, Adipositas, pöse! Was allerdings ein zivilisatorisches Problem ist, kein amerikanisches. Sogar Japan, das wegen der Reis-Fisch-Diät nie unter einem Adipositasproblem litt, hat jetzt damit zu kämpfen. Und hier in Deutschland ist es sogar noch schlimmer, leiden doch ganze 68% der Männer an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Hey, wir sind also nicht nur Exportweltmeister.
Und ansonsten: Dass es ein stark auftretendes, religiös-verbrämtes Amerika gibt (Stichwort: The 700 Club) wird kaum jemand ernsthaft bezweifeln wollen, oder? So wie es auch ein nihilistisch pornographisches Amerika gibt (Frontline Porn). Und die gleichen Extreme treten in Deutschland auch auf.
Aber auch daran würde ich den Antiamerikanismus noch nicht festmachen. Wenn jemand gegen beides argumentiert, oder nur bei den USA dagegen ist… okay, Kritik passt. Wenn jemand generell gegen Pornographie oder Prüderie ist und diese Position auch auf die USA anwendet, dann ist das kein Antiamerikanismus sondern konsequent.

Sam der Adler – Patriot
[S]ie [die Amerikaner] überfallen einfach fremde Länder (was wir natürlich nie tun würden) – und hauen dann einfach wieder ab, wie in Vietnam und demnächst im Irak
Technisch gesehen haben “wir” noch keine fremden Länder zusammen überfallen, Chrissie. Also, wir im Sinne von du (Claus Christian Malzahn), ich (Graf von Björn von Agitpop) und wahrscheinlich auch der Großteil der meiner Leserschaft. (Ein freundliches fuck you an die mitlesenden Mondnazis.) Und die Bundesrepublik Deutschland hat auch noch keinen Angriffskrieg begonnen (auch wenn Deutschland sich am Krieg in Afghanistan und im Kosovo beteiligt hat und gerade der Kosovokrieg völkerrechtlich arg strittig ist).
Aber selbst wenn es so wäre, was soll mir denn das wieder sagen? Mein Opa war 20 Kilometer vor Moskau, also habe ich außenpolitisch die Schnauze zu halten? Oder: Weil Deutschland zwei Weltkriege vom Stapel gebrochen hat dürften das die USA theoretisch auch?
Interessant übrigens, dass CCM hier gerade den Irak und Vietnam gewählt hat. In beiden Kriegen darf man fragen, warum die USA überhaupt einmarschiert sind. Die bisher freigegebenen Dokumente deuten nicht darauf hin, dass der Tonkin-Zwischenfall tatsächlich stattfand und der Irakkrieg wurde auch mit eher fragwürdigen Motiven beworben.
Und gerade der Vietnam-Krieg war keine Sternstunde der Demokratie. Egal wie schön antikommunistisch er war. Phonenix Program, anybody? Agent Orange? Nguyễn Ngọc Loan?
Dass der Kriegsauslöser natürlich nie der Kriegsgrund ist, ist klar. Aber der Vietnamkrieg ist wirklich ein ganz schlechtes Beispiel. Und das ist, auch wenn Herr Malzahn es wohl so sehen würde, kein Antiamerikanismus sondern eine Feststellung. Die nicht bestreitet, dass die USA in den letzten fünfzig Jahren Kriege geführt haben die nötig waren. Und das vielleicht wieder tun werden. Und dass es tatsächlich Gründe gibt um Kriege zu führen. Aber wenn man mit Gewalt jede Handlung jeder US-Regierung als positiv darstellen will, dann wird es doch lächerlich.
Besonders schlimm: Die Amerikaner haben 1945 den Krieg gewonnen. (Wenn auch nur mit deutscher Hilfe, Einstein und so). Den V-Day in Europa werden einige Deutsche den Amerikanern nie verzeihen; denn der Nationalsozialismus war ja bloß ein Betriebsunfall, der Ami aber an sich ist böse.
Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen… aus der randlagigsten Meinung allgemeine Schlüsse zu ziehen… argh… übrigens, und das ist annekdotenhafte Beweisführung meinerseits, ich habe bisher noch keinen politisch gemäßigten Bürger getroffen (also weder Nazi, noch Linksextrem) der wirklich der Meinung ist, die Amerikaner hätten den Zweiten Weltkrieg verlieren sollen. Oder dass es schlecht war, dass die Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg eingetreten sind. Aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Leute. Übrigens, die Amerikaner waren beim Sieg über Nazideutschland damals nicht ganz alleine. Nur weil das gerne mal vergessen wird.
Da schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Denn wenn Bush der neue Hitler ist, dann sind wir Deutschen Hitler endlich los. Wir brauchen ihm dann nicht mal mehr nachträglich die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen, wie das gerade die SPD-Landtagsfraktion in Niedersachsen vorgeschlagen hat. Unseren Symbolismus macht uns keiner nach!
Sollte ich erwähnen, dass die Idee den Führer auszubürgern eher Spott als spontanen Jubel auf sich gezogen hat? Und dass sogar die Politikerin die die Schnapsidee hatte, inzwischen bedauert etwas gesagt zu haben? Naaa, da mache ich die schöne Verallgemeinerung kaputt, dass “die Deutschen” so stramm hinter der Idee standen.
Antiamerikanismus ist das Wundermittel der deutschen Politik. Wenn Dir keiner mehr was glaubt – hau einfach auf die Amis drauf, dann fährst Du in den Beliebtheitsumfragen nach oben wie im Turbolift.
Dagegen kann ich jetzt nicht einmal viel sagen. Wobei mein Problem weniger ist, dass Schröder gegen den Irakkrieg war, als eher das er den BND trotzdem während des Krieges für die USA arbeiten ließ. Und das nicht, weil ich gegen die Zusammenarbeit mit den USA bin, sondern weil das vielleicht die verlogenste Position ist, die man einnehmen kann. Nach vorne “nein” sagen und dann nach hinten trotzdem “ja” tun? Sorry, Ping-Pong-Gerd, so nicht.
Aber, okay, das Antiamerikanismus oder Amerikakritik (nicht das Gleiche) im Wahlkampf immer helfen können, bestreite ich nicht.

Superpatriot – Um… Superpatriot
Antiamerikanismus ist prima bigott. Man kann sich abends die neuesten Folgen von “24″ reinziehen und am nächsten Morgen über Guantanamo klagen.
Okay, jetzt aber echt: What the fuck, Malzahn? What the fuck? Dein HolocausT-Aktie-Argument? Fein. Dein Sprung von Karl May zu Karl Marx? Fein. Aber jetzt wird’s doch richtig lächerlich wie man von Hündchen auf Stöckchen kommt. Hätte man hier gesagt, dass die Mehrheit der Deutschen verstand was der Daschner gemacht hat und dann Guantanamo kritisierte? Wäre auch noch okay gewesen. Aber hier läuft’s, wie oben schon, doch arg quer mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion.
Wieder die Frage: Worauf willst du hinaus, Mann? (Ich duze dich einfach mal, Herr Malzahn.) Wenn ich 24 gucke muss ich für Folter sein? Wenn ich gegen Folter in Guantanamo bin darf ich 24 nicht mehr gucken? Hey, ich bin der erste der jubelt wenn Jack Bauer wieder die Autobatterie auspackt… aber das ist Fiktion. Eine TV-Show. Nicht echt. Ich bin im realen Leben gegen vieles, das ich in der Fiktion voll unterstütze. Bin ich deshalb bigott?
Ich mag ja auch The Shield. Darf ich darum nicht mehr gegen Polizeigewalt in der Realität sein? Was ist mit Defcon? Weil ich da Atomschläge gegen meine Nachbarstaaten verteile, darf ich in der Realität nicht mehr für die Abrüstung sein? Müssten wir nach der Logik nicht auch aufhören Menschen wie Robert Steinhäuser zu verurteilen? Der hat ja auch konsequent seine Fiktion in die Realität übertragen. Argh! Argh! Argh! Argh! Argh! Echt gezz, die Sache mit real und fiktiv, die üben wir vor der nächsten Glosse noch einmal.
Man kann den amerikanischen Präsidenten einen Massenmörder nennen und am nächsten Tag einen Flug nach New York buchen
Richtig, weil der Präsident nicht das Land und das Land nicht der Präsident ist. Gut, der da war Deutschland. Aber sonst…
Ich habe zwar Bush nie Massenmörder genannt, halte ihn aber trotzdem für einen extrem miesen Präsidenten. Der Mann ist halt kein Roosevelt, Adams, Wilson, Lincoln oder Eisenhower. Und trotzdem sehe ich keinen Grunde deshalb nicht in die USA zu reisen, wenn sich die Chance böte. Hey, ich mag Tony Blair nicht und habe trotzdem zehn Monate sehr gerne in England gelebt. Und ich mag den Großteil unserer derzeitigen Regierung nicht, finde aber trotzdem das Deutschland einige echt hübsche Landschaften und ein paar durchaus okaye Menschen hat. Aber gut, den Unterschied zwischen Land und Regierung nehmen wir uns nach dem Boxkampf “Realität gegen Fiktion” vor.
Es vergeht kein Tag in Deutschland, an dem über die USA nicht die wildesten Behauptungen, die übelsten Schmähungen, die wahnsinnigsten Verschwörungstheorien verbreitet werden – aber das ist alles kostenlos und dient vor allem der deutschen Selbstgerechtigkeit.
Das ist übrigens auch Teil der Meinungsfreiheit, die uns die Amerikaner hinterlassen haben, als sie nach dem Krieg den Nazistaat beseitigten. Ist natürlich nicht schön, das Meinungsfreiheit auch Deppen beschützt, gehört aber leider dazu. Sogar der Blödsinn, dass die USA den 11. September selbst inszeniert hätten oder nie auf dem Mond gelandet wären. (Oh, halt. Sind sie ja nicht. Weil sie vor den schon erwähnten Mondnazis Angst haben.) Und auch hier: Es ist kein guter Stil die Argumente des lunatic fringe zu nehmen und sie der Allgemeinheit zu unterstellen. Aber das weißt du ja. Das wusstest du auch ehe du den Artikel angefangen hast, CCM.

“Old Freebie” – Erdflagge im Jahr 3000
Mit Iran ist das anders. Als beim letzten Mal im deutschen Fernsehen ein Scherz über eine iranische Führungsfigur gemacht worden ist, ging das böse aus. Vor genau 20 Jahren produzierte der holländische Entertainer Rudi Carell einen kurzen TV-Gag, in dem Ajatollah Khomeini in Damenunterwäsche herumwühlte. Carell bekam Morddrohungen. Der nur wenige Sekunden dauernde Spot führte zur Ausweisung deutscher Diplomaten aus Teheran, Flüge wurden gecancelt. Carell entschuldigte sich. Witze über dicke Amis sind einfach sicherer.
Um, ich möchte jetzt gar nicht bezweifeln, dass es sofort wieder zu aufgebrachten Massen käme, wenn man sich Ahmadinedschad oder die Mullahs im Hintergrund für einen Sketch vorknüpfen würde. Das konnte man ja auch vor der WM wegen dieser Karikatur zur Bundeswehr im Innern sehen, wo die Spieler des Irans als Selbstmordattentäter auftraten. (Und ich habe schon verstanden, dass das nicht Aussage der Karikatur war sondern als Mittel diente, die Forderungen Schäubles als lächerlich darzustellen.) Aber gute Diktaturen haben halt auch eine gute Entrüstungsindustrie.
Und trotzdem: Eine Fernsehsendung die vor zwanzig Jahren ausgestrahlt wurde und deren Moderator inzwischen schon nicht mehr unter uns weilt, darf hier als Hauptbelastungszeuge herhalten? Das ist dann aber doch ein bisschen schwach. Übrigens mag ich auch die Unterstellung im letzten Satz nicht. Weder hat sich Carrell danach zum Amerikahasser entwickelt, noch basiert der funktionierende deutsche Humor darauf, dass man den Amerikanern vor den Karren fährt. Zumindest nicht ausschließlich.
Und dieses Jahr gab es sogar Karnevalswagen, die die Mullahs attackierten und letztes Jahr gab es die Woche der Ahmadinetschad-Witze bei der Titanic. Beides ohne dass man sich entschuldigt hätte. (Und die Titanic schon mal gar nicht.) Aber, okay, war ja beides nicht im Fernsehen.
Ach ja, dass USA-Witze leichter sind hat einen einfachen Grund: Die USA und ihre Bevölkerung neigen nicht dazu irgendwelchen Witzbolden im deutschen Fernsehen sofort mit dem Tod zu drohen, wenn man über sie spottet. Die sind da gelöster. Wenn die USA anfangen würden mit Fatwas um sich zu werfen und diplomatische Kontakte einzufrieren (oder deutsche Soldaten als Geiseln zu nehmen), dann würde man die Amerikaner auch so zuvorkommend behandeln wie den Iran. Aber, eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen, dass dem nicht so ist…
Die Amis gefährlicher als die Ajatollahs? Vielleicht sollten die Amerikaner die Deutschen zur Abwechslung beim Wort nehmen. Höchste Zeit für eine neue Runde Re-Education. Die letzte hat nicht gereicht.
Okay. Glosse. Ja. Glosse. Polemik. Klar. Hab’s. Gefällt mir trotzdem nicht, dieser Schlusssatz, den CCM da sicher mit einem verschmitzen Grinsen in die Tasten gehackt hat. Aber, trotzdem ist das ja mal eine Kernaussage: Die Amerikaner haben die Deutschen vom Führerstaat befreit und jetzt, keine zweiundsechzig Jahre später, wagen die Deutschen (teils Deutsche der dritten Nachkriegsgeneration) schon wieder an aufzumucken. Fucken Nazis! Und zu glauben, dass ihnen die Meinungsfreiheit das Recht gibt eine Meinung zu haben, die ich ja selbst auch idiotisch finde. Da hört es aber auf. Und da wird es auch mal wieder Zeit für eine gewaltsame Umerziehung… denn wenn man nicht folgt, dann gibt’s Haue. So geht Demokratie.
Ach, dass die re-education nicht ganz so toll funktioniert hat, liegt vielleicht auch daran, dass die Entnazifierung zum Teil nur halbherzig betrieben wurde. Etwa weil man den ollen Gehlen mit seinem Wissen über die Sowjetunion im Kalten Krieg auch weiterhin brauchte. Oder die vielen Richter. Oder, oder, oder. Das ist auch kein Vorwurf, das ist Realpolitik.
Ach, fast vergessen hätte ich noch dieses Bonmot:

“Gefahr für den Weltfrieden? US-Flagge über dem ehemaligen World Trade Center”. Wow. Einfach nur… wow. Wie dreist kann man sein? Die USA als Opfer von Terrorismus die darum keine Fehler mehr machen können? Die jede außenpolitische Entscheidung nur treffen um sich vor einem zweiten 9/11 zu schützen? So weit ich mich erinnern kann, war sich die amerikanische Regierung nicht zu schade um den Irakkrieg und 9/11 zu verknüpfen um ihn so der Bevölkerung besser verkaufen zu können. Aber das sehe ich sicher durch meine tollwütig antiamerikanische Brille. Man fragt sich, wer hier die Opfer des 11. September wirklich verhöhnt. Mann, ist mir jetzt übel…
***
Zusammenfassend: ARGH! ARGH! ARGH! Das war eigentlich zu viel des Guten für Malzahns Pamphlet, aber der Artikel ging mir wirklich auf die Eier. Derbe. Und zwar den ganzen Tag schon. Ich bedauere den transatlantischen Bruch auch, der sich abzuzeichnen scheint. Und ich glaube wirklich, dass es in Deutschland Antiamerikanismus gibt und dass der, wie alle Anti-Haltungen, nicht gesund ist. Ich glaube aber, dass Nasen wie CCM die Situation nicht im Ansatz verbessern.
Malzahn stürzt in die Debatte, zieht fragwürdige Verbindungen (etwa dass ich bei der aktuellen Beurteilung der US-Außenpolitik immer bedenken muss, wie die US-Außenpolitik 1942 bis 1945 aussah), schreit ein paar Schlagwörter in den Raum (Holocaust! Antiamerikanismus! Bigotterie! Guantanamo! 24!) und mischt das dann alles zu einer klebrigen Pampe, ehe er wieder in der Nacht verschwindet. Das zu erwartende Resultat: Die eine Seite (zu der ich mich zähle) fühlt sich dumm angemacht, die neokonservative Seite, bei der alles unterhalb von Hurrah-Patriotismus amerikafeindliche Hetze ist (Politically Incorrect, Davids Medienkritik) applaudiert oder beklagt, dass CCM noch nicht weit genug geht.
Gewinn für die Diskussion: Exakt Null.
Beide Seiten bekommen ihre Vorurteile bestätigt. Hurrah. Dabei wäre das ein Thema zu dem man etwas schreiben kann. <;i>Warum glauben über 50% der jungen Deutschen, dass die USA international gefährlicher sind als der Iran? Dass es daran liegt, dass wir den Amerikanern das Ende der Nazizeit nicht verziehen haben, halte ich mal kackendreist für eine plumpe Stammtischparole. Und wenn man darauf schaut, dann kann man generell fragen, woher Vorurteile kommen. Wie die amerikanischen Vorurteile gegen Deutschland aussehen. Was man aktiv dagegen tun kann. Ach ja, “re-education”. Ich vergaß.
Stattdessen beklagt sich CCM darüber, dass die Deutschen sich ein Abziehbild der Amerikaner basteln, dass sie dann nicht mögen. Wobei sich Mahlzahn nicht zu schade ist, für seinen Artikel ein Abziehbild der Deutschen zu schaffen. Auch das könnte man heuchlerisch oder verlogen nennen. Es ist diese Form der Polemik, die mir den Großteil der politischen Blogs verleidet hat. Die nervigen Grabenkämpfe, in denen man sich seine Meinung aussucht und die dann nur noch bis aufs Blut verteidigt. Weil sie ja 100% richtig sein muss. Weil die anderen ja 100% falsch liegen müssen. Warum noch argumentieren, wenn man polemisieren, stänkern und beleidigen kann. (Und, ja, gelegentlich verfalle ich auch dem Verhaltensmuster. Vermutlich sogar zum Teil während dieser Replik.)
Ach, fuck it. Es gibt ja Blogs die noch versuchen auf Fakten und Diskussion statt auf reines Polarisieren zu setzen und die dafür lesenswert sind. Aber ich habe halt das Gefühl, dass eine messianische Kampfschrift wie die von Malzahn an einem Tag mehr Schaden anrichtet als ein Dutzend Blogs in Monaten wieder wett machen können. Aber auch okay. Hauptsache, man hat den Gutmenschen mal richtig vor den Laden gegeben. (Wundert mich, dass das Wort in Malzahns Artikel nicht fiel. Muss er auf der Klischeeliste übersehen haben.)
Bigott wie ich bin, wage ich es jetzt noch etwas amerikanische Musik zu hören und dann haue ich mich aufs Ohr. In der Hoffnung, dass das jetzt für anderthalb Jahre erstmal wieder das Letzte war, dass man von CCM lesen musste. Okay, die Glosse war das Letzte.
Sorry, aber das musste jetzt mal raus. Gute Nacht.
Want a second opinion?
*SpiegelKritik – Publikumsbeschimpfung.
*CrapLog – Die Malzahnsche Grundverblödung.
*Der Spiegelfechter – Malzahn.
*Thüringer Blogzentrale – Antiamerikanismus.














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