Archive for March, 2007

Amerika, du hast es besser

Friday, March 30th, 2007

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G.I. Joe – echt amerikanischer Held

Ich bin kein Freund des plumpen Antiamerikanismus, wie es ihn tatsächlich gibt. Jeder der in der letzten Zeit ein mal ein Indie-Konzert besucht hat, der durfte garantiert irgendwann erleben wie die Band etwas Zusatzjubel erheischen wollte, indem sie ein schnelles “George Bush: Terrorist” oder “USA: Terrorists” ins Mikro rülpste, was dann vom Publikum dankend aufgenommen wurde. Was, um mal ein Zitat von dem hier umzubauen, aus den gleichen Mündern kommt, aus denen sonst auch “Zehn nackte Friseusen” gegröhlt wird. Und dass es Anti-Amerikaner in der Gesellschaft gibt, das werde ich auch nicht bestreiten. Eine Bekannte von mir ist der Meinung, dass die USA per se böse sind. Da gibt es dann wenig Unterschied zwischen George Bush und Keith Olberman. Alles Imperialisten.

Wenn es aber eines gibt, was mir mindestens eben so auf die Eier geht, vielleicht sogar noch mehr, dann ist es die tollwütige “USA, echt 1A”-Antideutschen-Fraktion, die sich seit dem 11. September besonders im Internet ausbreitet und die nicht begreifen will, dass etwas nicht dadurch richtig wird, dass es – spektral gesehen – am exakt anderen Ende von etwas Falschem liegt. Linksextremismus ist nicht gut, bloß weil wir uns alle darauf einigen können dass Rechtsextremismus scheiße ist. Und bloß weil Antiamerikanismus blödsinnig ist, ist blind- und beißwütiger Proamerikanismus nicht besser.

Damit meine ich dann die Fraktion, die sich die erzkonservativsten Amerikaner als Vorbilder aussucht oder wirklich alles was die USA in den letzten 250 Jahren gemacht haben als gut ansehen. Inklusive McCarthy. Jene Leute die allen Ernstes an “manifest destiny” glauben und daran, dass die USA der einzige Staat der Welt wären, der keine Realpolitik betreibt. (Und ich mache den USA keinen Vorwurf dass sie Realpolitik betreiben. Alles andere wäre politischer Selbstmord.)

In diese Kategorie würde ich auch Claus Christian Malzahn einordnen. Malzahns Karriereweg bestand bisher daraus, dass er zunächst in der Alten Straße 113 in Kummerland als Lehrerin tätig war (ich weiß, Namenswitze gehen gar nicht, aber der musste sein), ehe er sich dann in den Achtzigern bei der taz verdingte. Seit 1993 ist er für Deutschlands größtes Boulevardmagazin tätig und hat inzwischen das Politikressort im Onlineableger übernommen. Wo er Kolumnen wie diese hier veröffentlicht: “Böse Amis, arme Mullahs”.

Okay, das ist eine Glosse und in der hat Malzahn natürlich das gute Recht rumzupöbeln, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und natürlich will Malzahn provozieren, dazu dient so eine Polemik ja. Und trotzdem, die Art und Weise wie Malzahn hier polemisiert gefällt mir hinten und vorne nicht… denn die ganze Kolumne ist nicht besser argumentiert als das, was er hier attackiert. Schlimmer noch, sie strotzt genau so vor Verallgemeinerungen, Gedankensprüngen und kurzgeschlossener Logik.

Oder in der Kurzform: Sie ist der Beweis dafür, dass die USA uns tatsächlich immer um ein paar Jahre voraus sind. Und das ist jetzt kein Antiamerikanismus, nur eine Feststellung. Denn von der Diskussionskultur her erinnert mich das arg an die Art wie in den USA konservative und liberale Medien vorgehen. Scheiß auf politischen Diskurs, Hauptsache wir haben mal richtig auf den Tisch gehauen. Für jeden Moore gibt es dann einen Limbaugh oder eine Coulter. Für jedes FOX News gibt es ein Air America. Da wo früher noch die Politiker selbst die Nachrichten spinnen mussten (also im Sinne von to spin, nicht im Sinne von Spinnerei… obwohl sich das oft nicht viel nimmt), da tun das jetzt die Nachrichtenmedien selbst. Und freuen sich dann über ihre Publikumsbindung.

Und das können wir auch in Deutschland haben. Haben wir ja teilweise auch schon. Ich stimme zum Beispiel mit Henryk M. Broders Meinung fast nie überein. Aber ich gestehe dem Mann zu, dass er ein guter Polemiker ist, der mit dem Florett genau so arbeiten kann wie mit der Axt. Malzahn aber – und das sah man schon bei der Trittin-Apokalypse, die CCM 2005 eigenhändig vom Zaun brach – beherrscht nur die Argumentation mit der Keule. Und das ist dann nicht lustig, sondern einfach nur platt. So wie ich nach dem Lesen seines Artikels, weil ich wohl zur Zielgruppe (ins Zielkreuz genommenen Gruppe) gehöre.

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Ashley J. Williams – sogar noch amerikanischerer Held

Und jetzt, wie Bud Spencer schon zu sagen pflegte, ran an die Bulletten:

Die Deutschen haben im Laufe ihrer jüngeren Geschichte schon an vieles geglaubt. An Kolonien in Afrika und an den Kaiser; dem glaubten sie sogar, das es keine Parteien mehr gebe, sondern nur noch Frontsoldaten. Wenig später glaubten sie, dass man Juden in Ghettos und KZs stecken sollte, weil sie Volksschädlinge sind. Dann glaubten sie an die Autobahn und den Endsieg und wieder ein paar Jahre später an die D-Mark. Sie glaubten daran, dass die Mauer noch ewig steht und dass die Rente sicher ist. Sie glaubten an Mülltrennung und Billigflüge, an Telekom-Aktien und den Fußball-WM-Sieg, sie glauben sogar gleichzeitig an Peter Hahne und Harald Schmidt.

Schöne Auflistung. Wenn ich nicht über “die Amerikaner” herziehe, ob dann Herr Malzahn wohl darauf verzichtet “die Deutschen” zu titulieren? Denn nur die wenigsten Deutschen die 1914 an die afrikanischen Kolonien geglaubt haben, werden wohl noch 2006 vom deutschen WM-Sieg geträumt haben. Und den Glauben an das Kolonialsystem aus dem Kontext herausgelöst an den Deutschen festzumachen ist historisch gesehen etwas schwachbrüstig. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten noch sechs europäische Mächte Kolonien. Das war ein gesamteuropäisches Phänomen, kein rein deutsches. Was natürlich den Völkermord an den Herero nicht besser oder ungeschehen macht.

Den logischen Sprung vom Holocaust zur T-Aktie, Mülltrennung und dem Glauben an den WM-Sieg mag man mir auch noch erklären. Also, weil ich letzten Sommer mit der deutschen Mannschaft gefiebert habe und wollte, dass Podolski, Schweinsteiger und Konsorten den Pott holen, hätte ich auch fröhlich Juden in die Gaskammern geschickt? Weil ich Bio- von Plastikmüll trenne, hätte ich in der Nazizeit auch Juden von ihrem Zahngold getrennt? Dass ich mich im Dritten Reich schuldig gemacht hätte, das möchte ich nicht einmal ausschließen. Das kann ich auch gar nicht. Aber den Zusammenhang erkenne ich gerade wirklich nicht.

Die offizielle deutsche Politik, die das Ergebnis der Umfrage heftig beweinen wird, hat den Antiamerikanismus größtenteils verursacht.

Ach was, die offizielle deutsche Politik also? Ich frage mich ja gerade, ob Herr Malzahn mal sein eigenes Magazin in Händen gehalten hat. In Sachen Amerikabashing hat sich der SPIEGEL nämlich auch immer verdammt gut geschlagen. Weil er sein Zielpublikum kennt. Das ist dann auch eine Form von Realpolitik.

Gerne erinnern wir uns an die Titelbilder während des Irakkriegs, die davon zeugten, dass die Redakteure sich nicht entscheiden konnten, ob sie sich nun gerade an den sexy Militärspielzeugen der US Army aufgeilen oder sich über den “stockenden Blitzkrieg” der “Supermacht im Sand” (O-Ton) kaputtlachen sollten. Auch beliebt der Titel vom 24. März 2003 “Bombenterror für die Freiheit – Amerikas Krieg gegen Saddam”. Was eine interessante Wortwahl ist, die man beim schnellen googlen primär von Rechts zu lesen bekommt, wenn über Dresden und Arthur Harris geschrieben wird. Ansonsten gab es unter anderem 1997 das Titelbild “USA – Die Herren der Welt” und kurz vor Kriegsbeginn das Titelbild “Blut für Öl”, dem ich auch leicht polemische Tendenzen unterstellen möchte.

Gut, Malzahn schreibt “größtenteils”, die Politik ist also nicht alleine zu verurteilen. Aber wenn man ein wichtiges Ressort bei einem Magazin leitet, das sich immer noch verkauft wie geschnitten Brot und das auch durchaus weiß, wie es mit populistischen Titelbildern (siehe auch diese Woche “Mekka Deutschland – Die schleichende Islamisierung”… keine Ahnung, wie die Artikel sind, aber das Titelbild ist ziemlich plump) die Auflage nach oben drückt, dann sollte ein bisschen Selbstkritik schon drin sein, oder? Sonst wirkt es… hust… kurzsichtig. Und das sage ich nur, weil “verlogen” ein so hartes Wort ist.

Ansonsten wünscht sich der iranische Präsident die Auslöschung Israels. Das dauert noch ein bisschen. Um nicht aus der Übung zu kommen ließ das Regime vor ein paar Tagen 15 britische Soldaten kidnappen. Aber schuld sind immer die Amis, ist ja klar. Über die wissen wir schon lange Bescheid.

Nächster Gedankensprung den ich nicht ganz begreife. Okay, es gab natürlich sofort wieder die Flachpfosten, die wussten dass das ein amerikanischer Trick war um möglichst schnell im Iran einzufallen, aber die gibt es ja immer. Mehrheitlich hatte ich aber bisher nicht das Gefühl, dass man hier den Amerikanern die Schuld an irgendwas gibt. Das wirkt mir auch eher wie ein weiterer Strohmann den Malzahn da aufbaut um ihn dann in Ruhe zu zerfetzen.

Achja, die Umfrage um die es geht (“57 Prozent der 18- bis 29-Jährigen – erklärten, sie hielten die USA für bedrohlicher als das religiöse Regime in Iran”) wurde am 22. und 23. März durchgeführt. Die Entführung der britischen Soldaten wurde etwa bei der Netzeitung am 23. März um 13:57 publik gemacht. Die Frage ist also auch, wieviele der angerufenen Deutschen von dieser Aktion schon wussten. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Kidnapping-Story sich zum Umfragezeitpunkt noch nicht allgemein herumgesprochen und darum die Umfrage weder für noch gegen die Amerikaner beeinflusst hat, wie Herr Malzahn hier zu insinuieren scheint.

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Die amerikanische Flagge

Den Wilden Westen kennen wir von Karl May, den wilden Kapitalismus von Karl Marx.

Wie schon bei der Judenmord-WM, der Zusammenhang erschließt sich mir nicht so ganz. Wer in Bad Segeberg war, der ist auch Marxist? Wer “Das Kapital” gelesen hat, der glaubt auch dass das Leben an der US-Grenze so war wie bei Karl May beschrieben? Huh? Die Aussage wird schon dadurch schwierig, dass CCM hier die Katergorien mischt. Meine Eltern und der Ofen waren ausgegangen. Karl May schrieb Fiction , die Wirtschaftstheorie von Marx ist aber in Sachbüchern zu finden. Ob dessen Theorie nun richtig oder falsch ist, steht erstmal auf einem anderen Blatt Papier.

Und in wie weit Karl Mays Version des Westens problematisch ist, sehe ich auch nicht. Das ist doch eine blütenreine Wild-West-Version im Vergleich zum Nihilismus den uns Sergio Leone in der Dollar-Trilogie lieferte oder im Vergleich zum ultrazynischen Blick den Deadwood (eine grandiose Serie, übrigens) auf die Entwicklung des amerikanischen Westens warf. Oh… halt… jetzt verstehe ich… ohne Karl May keine Winnetou-Filme. Ohne Winnetou-Filme kein Schuh des Manitou. Und, wie wir von Pierre Brice seit Wetten Dass…?! ja wissen, ohne Schuh des Manitou kein 9/11. Verdammt, der Malzahn hat Recht.

Außerdem waren wir alle schon mal da, im Urlaub, versteht sich.

Ähm… ich jetzt noch nicht. Weil mir die Kohle fehlt. Und weil ich mich sehr überwinden muss um mehrere Stunden in einem Flieger zu sitzen ohne panisch zu werden. Vor Katrina wollte ich immer mal nach New Orleans – in den Urlaub, versteht sich. Was ich nicht verstehe, ist das “versteht sich”. Außer vielleicht Geschäftsreisen, einem Aux-Pair-Jahr oder einem Auslandssemester… wie viele Gründe jenseits vom Tourismus gibt es denn noch irgendwo hinzufahren. (Der Besuch von Freunden oder dem Superbowl-Finale fällt für mich unter Urlaub.)

Die Amerikaner sind uns Deutschen entweder zu fett oder zu sportbesessen, zu prüde oder zu pornografisch, zu religiös oder zu nihilistisch.

Aber über die Hälfte der Amerikaner sind übergewichtig. Pöse, Adipositas, pöse! Was allerdings ein zivilisatorisches Problem ist, kein amerikanisches. Sogar Japan, das wegen der Reis-Fisch-Diät nie unter einem Adipositasproblem litt, hat jetzt damit zu kämpfen. Und hier in Deutschland ist es sogar noch schlimmer, leiden doch ganze 68% der Männer an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Hey, wir sind also nicht nur Exportweltmeister.

Und ansonsten: Dass es ein stark auftretendes, religiös-verbrämtes Amerika gibt (Stichwort: The 700 Club) wird kaum jemand ernsthaft bezweifeln wollen, oder? So wie es auch ein nihilistisch pornographisches Amerika gibt (Frontline Porn). Und die gleichen Extreme treten in Deutschland auch auf.

Aber auch daran würde ich den Antiamerikanismus noch nicht festmachen. Wenn jemand gegen beides argumentiert, oder nur bei den USA dagegen ist… okay, Kritik passt. Wenn jemand generell gegen Pornographie oder Prüderie ist und diese Position auch auf die USA anwendet, dann ist das kein Antiamerikanismus sondern konsequent.

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Sam der Adler – Patriot

[S]ie [die Amerikaner] überfallen einfach fremde Länder (was wir natürlich nie tun würden) – und hauen dann einfach wieder ab, wie in Vietnam und demnächst im Irak

Technisch gesehen haben “wir” noch keine fremden Länder zusammen überfallen, Chrissie. Also, wir im Sinne von du (Claus Christian Malzahn), ich (Graf von Björn von Agitpop) und wahrscheinlich auch der Großteil der meiner Leserschaft. (Ein freundliches fuck you an die mitlesenden Mondnazis.) Und die Bundesrepublik Deutschland hat auch noch keinen Angriffskrieg begonnen (auch wenn Deutschland sich am Krieg in Afghanistan und im Kosovo beteiligt hat und gerade der Kosovokrieg völkerrechtlich arg strittig ist).

Aber selbst wenn es so wäre, was soll mir denn das wieder sagen? Mein Opa war 20 Kilometer vor Moskau, also habe ich außenpolitisch die Schnauze zu halten? Oder: Weil Deutschland zwei Weltkriege vom Stapel gebrochen hat dürften das die USA theoretisch auch?

Interessant übrigens, dass CCM hier gerade den Irak und Vietnam gewählt hat. In beiden Kriegen darf man fragen, warum die USA überhaupt einmarschiert sind. Die bisher freigegebenen Dokumente deuten nicht darauf hin, dass der Tonkin-Zwischenfall tatsächlich stattfand und der Irakkrieg wurde auch mit eher fragwürdigen Motiven beworben.

Und gerade der Vietnam-Krieg war keine Sternstunde der Demokratie. Egal wie schön antikommunistisch er war. Phonenix Program, anybody? Agent Orange? Nguyễn Ngọc Loan?

Dass der Kriegsauslöser natürlich nie der Kriegsgrund ist, ist klar. Aber der Vietnamkrieg ist wirklich ein ganz schlechtes Beispiel. Und das ist, auch wenn Herr Malzahn es wohl so sehen würde, kein Antiamerikanismus sondern eine Feststellung. Die nicht bestreitet, dass die USA in den letzten fünfzig Jahren Kriege geführt haben die nötig waren. Und das vielleicht wieder tun werden. Und dass es tatsächlich Gründe gibt um Kriege zu führen. Aber wenn man mit Gewalt jede Handlung jeder US-Regierung als positiv darstellen will, dann wird es doch lächerlich.

Besonders schlimm: Die Amerikaner haben 1945 den Krieg gewonnen. (Wenn auch nur mit deutscher Hilfe, Einstein und so). Den V-Day in Europa werden einige Deutsche den Amerikanern nie verzeihen; denn der Nationalsozialismus war ja bloß ein Betriebsunfall, der Ami aber an sich ist böse.

Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen… aus der randlagigsten Meinung allgemeine Schlüsse zu ziehen… argh… übrigens, und das ist annekdotenhafte Beweisführung meinerseits, ich habe bisher noch keinen politisch gemäßigten Bürger getroffen (also weder Nazi, noch Linksextrem) der wirklich der Meinung ist, die Amerikaner hätten den Zweiten Weltkrieg verlieren sollen. Oder dass es schlecht war, dass die Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg eingetreten sind. Aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Leute. Übrigens, die Amerikaner waren beim Sieg über Nazideutschland damals nicht ganz alleine. Nur weil das gerne mal vergessen wird.

Da schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Denn wenn Bush der neue Hitler ist, dann sind wir Deutschen Hitler endlich los. Wir brauchen ihm dann nicht mal mehr nachträglich die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen, wie das gerade die SPD-Landtagsfraktion in Niedersachsen vorgeschlagen hat. Unseren Symbolismus macht uns keiner nach!

Sollte ich erwähnen, dass die Idee den Führer auszubürgern eher Spott als spontanen Jubel auf sich gezogen hat? Und dass sogar die Politikerin die die Schnapsidee hatte, inzwischen bedauert etwas gesagt zu haben? Naaa, da mache ich die schöne Verallgemeinerung kaputt, dass “die Deutschen” so stramm hinter der Idee standen.

Antiamerikanismus ist das Wundermittel der deutschen Politik. Wenn Dir keiner mehr was glaubt – hau einfach auf die Amis drauf, dann fährst Du in den Beliebtheitsumfragen nach oben wie im Turbolift.

Dagegen kann ich jetzt nicht einmal viel sagen. Wobei mein Problem weniger ist, dass Schröder gegen den Irakkrieg war, als eher das er den BND trotzdem während des Krieges für die USA arbeiten ließ. Und das nicht, weil ich gegen die Zusammenarbeit mit den USA bin, sondern weil das vielleicht die verlogenste Position ist, die man einnehmen kann. Nach vorne “nein” sagen und dann nach hinten trotzdem “ja” tun? Sorry, Ping-Pong-Gerd, so nicht.

Aber, okay, das Antiamerikanismus oder Amerikakritik (nicht das Gleiche) im Wahlkampf immer helfen können, bestreite ich nicht.

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Superpatriot – Um… Superpatriot

Antiamerikanismus ist prima bigott. Man kann sich abends die neuesten Folgen von “24″ reinziehen und am nächsten Morgen über Guantanamo klagen.

Okay, jetzt aber echt: What the fuck, Malzahn? What the fuck? Dein HolocausT-Aktie-Argument? Fein. Dein Sprung von Karl May zu Karl Marx? Fein. Aber jetzt wird’s doch richtig lächerlich wie man von Hündchen auf Stöckchen kommt. Hätte man hier gesagt, dass die Mehrheit der Deutschen verstand was der Daschner gemacht hat und dann Guantanamo kritisierte? Wäre auch noch okay gewesen. Aber hier läuft’s, wie oben schon, doch arg quer mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion.

Wieder die Frage: Worauf willst du hinaus, Mann? (Ich duze dich einfach mal, Herr Malzahn.) Wenn ich 24 gucke muss ich für Folter sein? Wenn ich gegen Folter in Guantanamo bin darf ich 24 nicht mehr gucken? Hey, ich bin der erste der jubelt wenn Jack Bauer wieder die Autobatterie auspackt… aber das ist Fiktion. Eine TV-Show. Nicht echt. Ich bin im realen Leben gegen vieles, das ich in der Fiktion voll unterstütze. Bin ich deshalb bigott?

Ich mag ja auch The Shield. Darf ich darum nicht mehr gegen Polizeigewalt in der Realität sein? Was ist mit Defcon? Weil ich da Atomschläge gegen meine Nachbarstaaten verteile, darf ich in der Realität nicht mehr für die Abrüstung sein? Müssten wir nach der Logik nicht auch aufhören Menschen wie Robert Steinhäuser zu verurteilen? Der hat ja auch konsequent seine Fiktion in die Realität übertragen. Argh! Argh! Argh! Argh! Argh! Echt gezz, die Sache mit real und fiktiv, die üben wir vor der nächsten Glosse noch einmal.

Man kann den amerikanischen Präsidenten einen Massenmörder nennen und am nächsten Tag einen Flug nach New York buchen

Richtig, weil der Präsident nicht das Land und das Land nicht der Präsident ist. Gut, der da war Deutschland. Aber sonst…

Ich habe zwar Bush nie Massenmörder genannt, halte ihn aber trotzdem für einen extrem miesen Präsidenten. Der Mann ist halt kein Roosevelt, Adams, Wilson, Lincoln oder Eisenhower. Und trotzdem sehe ich keinen Grunde deshalb nicht in die USA zu reisen, wenn sich die Chance böte. Hey, ich mag Tony Blair nicht und habe trotzdem zehn Monate sehr gerne in England gelebt. Und ich mag den Großteil unserer derzeitigen Regierung nicht, finde aber trotzdem das Deutschland einige echt hübsche Landschaften und ein paar durchaus okaye Menschen hat. Aber gut, den Unterschied zwischen Land und Regierung nehmen wir uns nach dem Boxkampf “Realität gegen Fiktion” vor.


Es vergeht kein Tag in Deutschland, an dem über die USA nicht die wildesten Behauptungen, die übelsten Schmähungen, die wahnsinnigsten Verschwörungstheorien verbreitet werden – aber das ist alles kostenlos und dient vor allem der deutschen Selbstgerechtigkeit.

Das ist übrigens auch Teil der Meinungsfreiheit, die uns die Amerikaner hinterlassen haben, als sie nach dem Krieg den Nazistaat beseitigten. Ist natürlich nicht schön, das Meinungsfreiheit auch Deppen beschützt, gehört aber leider dazu. Sogar der Blödsinn, dass die USA den 11. September selbst inszeniert hätten oder nie auf dem Mond gelandet wären. (Oh, halt. Sind sie ja nicht. Weil sie vor den schon erwähnten Mondnazis Angst haben.) Und auch hier: Es ist kein guter Stil die Argumente des lunatic fringe zu nehmen und sie der Allgemeinheit zu unterstellen. Aber das weißt du ja. Das wusstest du auch ehe du den Artikel angefangen hast, CCM.

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“Old Freebie” – Erdflagge im Jahr 3000

Mit Iran ist das anders. Als beim letzten Mal im deutschen Fernsehen ein Scherz über eine iranische Führungsfigur gemacht worden ist, ging das böse aus. Vor genau 20 Jahren produzierte der holländische Entertainer Rudi Carell einen kurzen TV-Gag, in dem Ajatollah Khomeini in Damenunterwäsche herumwühlte. Carell bekam Morddrohungen. Der nur wenige Sekunden dauernde Spot führte zur Ausweisung deutscher Diplomaten aus Teheran, Flüge wurden gecancelt. Carell entschuldigte sich. Witze über dicke Amis sind einfach sicherer.

Um, ich möchte jetzt gar nicht bezweifeln, dass es sofort wieder zu aufgebrachten Massen käme, wenn man sich Ahmadinedschad oder die Mullahs im Hintergrund für einen Sketch vorknüpfen würde. Das konnte man ja auch vor der WM wegen dieser Karikatur zur Bundeswehr im Innern sehen, wo die Spieler des Irans als Selbstmordattentäter auftraten. (Und ich habe schon verstanden, dass das nicht Aussage der Karikatur war sondern als Mittel diente, die Forderungen Schäubles als lächerlich darzustellen.) Aber gute Diktaturen haben halt auch eine gute Entrüstungsindustrie.

Und trotzdem: Eine Fernsehsendung die vor zwanzig Jahren ausgestrahlt wurde und deren Moderator inzwischen schon nicht mehr unter uns weilt, darf hier als Hauptbelastungszeuge herhalten? Das ist dann aber doch ein bisschen schwach. Übrigens mag ich auch die Unterstellung im letzten Satz nicht. Weder hat sich Carrell danach zum Amerikahasser entwickelt, noch basiert der funktionierende deutsche Humor darauf, dass man den Amerikanern vor den Karren fährt. Zumindest nicht ausschließlich.

Und dieses Jahr gab es sogar Karnevalswagen, die die Mullahs attackierten und letztes Jahr gab es die Woche der Ahmadinetschad-Witze bei der Titanic. Beides ohne dass man sich entschuldigt hätte. (Und die Titanic schon mal gar nicht.) Aber, okay, war ja beides nicht im Fernsehen.

Ach ja, dass USA-Witze leichter sind hat einen einfachen Grund: Die USA und ihre Bevölkerung neigen nicht dazu irgendwelchen Witzbolden im deutschen Fernsehen sofort mit dem Tod zu drohen, wenn man über sie spottet. Die sind da gelöster. Wenn die USA anfangen würden mit Fatwas um sich zu werfen und diplomatische Kontakte einzufrieren (oder deutsche Soldaten als Geiseln zu nehmen), dann würde man die Amerikaner auch so zuvorkommend behandeln wie den Iran. Aber, eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen, dass dem nicht so ist…


Die Amis gefährlicher als die Ajatollahs? Vielleicht sollten die Amerikaner die Deutschen zur Abwechslung beim Wort nehmen. Höchste Zeit für eine neue Runde Re-Education. Die letzte hat nicht gereicht.

Okay. Glosse. Ja. Glosse. Polemik. Klar. Hab’s. Gefällt mir trotzdem nicht, dieser Schlusssatz, den CCM da sicher mit einem verschmitzen Grinsen in die Tasten gehackt hat. Aber, trotzdem ist das ja mal eine Kernaussage: Die Amerikaner haben die Deutschen vom Führerstaat befreit und jetzt, keine zweiundsechzig Jahre später, wagen die Deutschen (teils Deutsche der dritten Nachkriegsgeneration) schon wieder an aufzumucken. Fucken Nazis! Und zu glauben, dass ihnen die Meinungsfreiheit das Recht gibt eine Meinung zu haben, die ich ja selbst auch idiotisch finde. Da hört es aber auf. Und da wird es auch mal wieder Zeit für eine gewaltsame Umerziehung… denn wenn man nicht folgt, dann gibt’s Haue. So geht Demokratie.

Ach, dass die re-education nicht ganz so toll funktioniert hat, liegt vielleicht auch daran, dass die Entnazifierung zum Teil nur halbherzig betrieben wurde. Etwa weil man den ollen Gehlen mit seinem Wissen über die Sowjetunion im Kalten Krieg auch weiterhin brauchte. Oder die vielen Richter. Oder, oder, oder. Das ist auch kein Vorwurf, das ist Realpolitik.


Ach, fast vergessen hätte ich noch dieses Bonmot:

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“Gefahr für den Weltfrieden? US-Flagge über dem ehemaligen World Trade Center”. Wow. Einfach nur… wow. Wie dreist kann man sein? Die USA als Opfer von Terrorismus die darum keine Fehler mehr machen können? Die jede außenpolitische Entscheidung nur treffen um sich vor einem zweiten 9/11 zu schützen? So weit ich mich erinnern kann, war sich die amerikanische Regierung nicht zu schade um den Irakkrieg und 9/11 zu verknüpfen um ihn so der Bevölkerung besser verkaufen zu können. Aber das sehe ich sicher durch meine tollwütig antiamerikanische Brille. Man fragt sich, wer hier die Opfer des 11. September wirklich verhöhnt. Mann, ist mir jetzt übel…

***

Zusammenfassend: ARGH! ARGH! ARGH! Das war eigentlich zu viel des Guten für Malzahns Pamphlet, aber der Artikel ging mir wirklich auf die Eier. Derbe. Und zwar den ganzen Tag schon. Ich bedauere den transatlantischen Bruch auch, der sich abzuzeichnen scheint. Und ich glaube wirklich, dass es in Deutschland Antiamerikanismus gibt und dass der, wie alle Anti-Haltungen, nicht gesund ist. Ich glaube aber, dass Nasen wie CCM die Situation nicht im Ansatz verbessern.

Malzahn stürzt in die Debatte, zieht fragwürdige Verbindungen (etwa dass ich bei der aktuellen Beurteilung der US-Außenpolitik immer bedenken muss, wie die US-Außenpolitik 1942 bis 1945 aussah), schreit ein paar Schlagwörter in den Raum (Holocaust! Antiamerikanismus! Bigotterie! Guantanamo! 24!) und mischt das dann alles zu einer klebrigen Pampe, ehe er wieder in der Nacht verschwindet. Das zu erwartende Resultat: Die eine Seite (zu der ich mich zähle) fühlt sich dumm angemacht, die neokonservative Seite, bei der alles unterhalb von Hurrah-Patriotismus amerikafeindliche Hetze ist (Politically Incorrect, Davids Medienkritik) applaudiert oder beklagt, dass CCM noch nicht weit genug geht.

Gewinn für die Diskussion: Exakt Null.

Beide Seiten bekommen ihre Vorurteile bestätigt. Hurrah. Dabei wäre das ein Thema zu dem man etwas schreiben kann. <;i>Warum glauben über 50% der jungen Deutschen, dass die USA international gefährlicher sind als der Iran? Dass es daran liegt, dass wir den Amerikanern das Ende der Nazizeit nicht verziehen haben, halte ich mal kackendreist für eine plumpe Stammtischparole. Und wenn man darauf schaut, dann kann man generell fragen, woher Vorurteile kommen. Wie die amerikanischen Vorurteile gegen Deutschland aussehen. Was man aktiv dagegen tun kann. Ach ja, “re-education”. Ich vergaß.

Stattdessen beklagt sich CCM darüber, dass die Deutschen sich ein Abziehbild der Amerikaner basteln, dass sie dann nicht mögen. Wobei sich Mahlzahn nicht zu schade ist, für seinen Artikel ein Abziehbild der Deutschen zu schaffen. Auch das könnte man heuchlerisch oder verlogen nennen. Es ist diese Form der Polemik, die mir den Großteil der politischen Blogs verleidet hat. Die nervigen Grabenkämpfe, in denen man sich seine Meinung aussucht und die dann nur noch bis aufs Blut verteidigt. Weil sie ja 100% richtig sein muss. Weil die anderen ja 100% falsch liegen müssen. Warum noch argumentieren, wenn man polemisieren, stänkern und beleidigen kann. (Und, ja, gelegentlich verfalle ich auch dem Verhaltensmuster. Vermutlich sogar zum Teil während dieser Replik.)

Ach, fuck it. Es gibt ja Blogs die noch versuchen auf Fakten und Diskussion statt auf reines Polarisieren zu setzen und die dafür lesenswert sind. Aber ich habe halt das Gefühl, dass eine messianische Kampfschrift wie die von Malzahn an einem Tag mehr Schaden anrichtet als ein Dutzend Blogs in Monaten wieder wett machen können. Aber auch okay. Hauptsache, man hat den Gutmenschen mal richtig vor den Laden gegeben. (Wundert mich, dass das Wort in Malzahns Artikel nicht fiel. Muss er auf der Klischeeliste übersehen haben.)

Bigott wie ich bin, wage ich es jetzt noch etwas amerikanische Musik zu hören und dann haue ich mich aufs Ohr. In der Hoffnung, dass das jetzt für anderthalb Jahre erstmal wieder das Letzte war, dass man von CCM lesen musste. Okay, die Glosse war das Letzte.

Sorry, aber das musste jetzt mal raus. Gute Nacht.

Want a second opinion?

*SpiegelKritik – Publikumsbeschimpfung.
*CrapLog – Die Malzahnsche Grundverblödung.
*Der Spiegelfechter – Malzahn.
*Thüringer Blogzentrale – Antiamerikanismus.

Rechtsstaat auf Bewährung?

Monday, March 26th, 2007

Gibt es eigentlich Eignungstest, ehe man aktiv an der Demokratie teilnehmen darf? Ich frage ja nur, weil ich eine Fahrprüfung ablegen muss, ehe ich den Führerschein bekomme. Und da sollte man doch auch irgendwie getestet werden, ehe man die Erlaubnis erhält den Rechtsstaat an die Wand zu fahren. Muss kein schwerer Test sein. Genügt schon wenn man werdende Politiker einfach mal unvorbereitet fragt: “Versprechen Sie den Rechtstaat aufrecht zu erhalten und das Grundgesetz anzuerkennen?” Und wenn der Politiker dann sowas antwortet wie “Jo mei, i woas ned”, dann wird er gleich aus dem Bundestag rausgeschmissen.

Okay, dumme Frage. Offenbar gibt es solche Tests nicht. Denn wenn es sie gäbe, dann wäre Edmund Stoiber wohl kein MdB. Zumindest nach diesem Bericht zu Brigitte Mohnhaupts Bewährung:

Die Aussetzung der restlichen Strafe zur Bewährung sei eine “eine Provokation für das Rechtsgefühl der breiten Mehrheit”, sagte der bayerische Ministerpräsident bei einem seines Besuch in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Formaljuristisch sei die Freilassung der 57-Jährigen zwar in Ordnung, “aber sie widerspricht dem Rechtsempfinden von mindestens 80 Prozent der Menschen in Deutschland”, beklagte Stoiber.

Da hat er Recht, der Hauptbahnhofsflieger, das Urteil geht gegen das Rechtsempfinden von mindestens 80% der Deutschen. Ich sehe nur nicht, was das mit irgendwas zu tun hat. Sicher, Gerichte sprechen ihre Urteile im Namen des Volkes, aber da gehen sie von einem idealisierten Volk aus, das rechtsstaatliche Bedenken über persönliche Emotionen zu stellen gewillt ist. Das wirkliche Volk auf der Straße hat auf die deutsche Rechtssprechung keinen direkten Einfluss zu nehmen. So wie das wirkliche Volk auch kein Recht hat im Reichstag Aschenbecher zu klauen, nur weil auf dem Teil “Dem Deutschen Volke” steht. Rechtssprechung ist eben keine basisdemokratische Veranstaltung.

Ich weiß: Es ist langweilig, dass ich hier wieder und wieder den ollen Mill aus dem Grab zerre und sein vermodertes Skelett als stumpfes, argumentatives Schlaginstrument verwende, aber es eignet sich halt so schön dafür. Der Grund warum die Bundesrepublik Deutschland ein Grundgesetz, ein Bundesverfassungsgericht, einen Bundesrat und einen Bundestag hat, ist damit sich die Institutionen gegenseitig in Schach halten und eine Tyrannei der Mehrheit verhindern können. Das System ist, das habe ich hier oft genug moniert, alles andere als perfekt. Aber etwas Besseres haben wir derzeit nicht. Und wir sollten den Teufel tun es abzuschaffen, ehe wir etwas Besseres gefunden haben.

Persönlich befinde ich mich da in einer Zwickmühle: Ich fühle mich unwohl wenn das Parlement zu viel Macht hat (wie es derzeit der Fall ist), ich würde mich aber wohl noch unwohler fühlen, wenn jede Entscheidung vom Wahlvolk direkt abgesegnet werden müsste. Besonders wenn, wie Edmund Stoiber das wohl sieht, auch rechtliche Entscheidungen nach Mehrheitswillen getroffen werden sollten. Denn dann könnte ich vielen meiner Freiheiten wohl endgültig zum Abschied leise Servus sagen. Einfach weil ich nicht daran glaube, dass die Meinung der Mehrheit in jedem Fall gut, richtig oder gerecht ist. So wie ich halt auch nicht an den edlen Wilden glaube.

Vox populi, vox dei? Ach komm, das ist doch Scheiße und wir alle wissen es. Wenn alles legitimiert ist, was die Mehrheit fordert, dann ist das keine reine Demokratie sondern totale Ochlokratie. Den Begriff kann man sich merken, weil er wie Oarschlochkratie klingt. Es gab sicher mal Zeiten, da war die Mehrheit für die Sklaverei, den Einmarsch in Frankreich oder gegen das Frauenwahlrecht. All das wird nicht rückwirkend dadurch legitimiert. Wenn also alles im Staat von der Mehrheit entschieden wird, dann können wir die Staatsführung auch direkt Kai Diekmann und Stefan Aust übertragen. Leuten die sich eine Mehrheit machen können, wenn ihnen etwas nicht passt.

Ganz andere Frage: Wie kommt es, dass Edmund Stoiber kurz vor dem Ende seiner Zeit als Ministerpräsident die direkte Demokratie entdeckt? (Halt, der Mann war ja schon immer Basisdemokrat.) Ist das nicht leicht inkonsequent? Wenn ich mich richtig erinnere, dann war das Urteil im Mannesmann-Prozess doch auch “eine Provokation für das Rechtsgefühl der breiten Mehrheit”. Wo war Stoiber da? Und was ist mit Helmut Kohls Ehrenwort? War das nicht auch eine Chance für das Rechtsempfinden der Mehrheit zu kämpfen?

Teil der Mehrheit zu sein ist für sich genommen noch keine legislatorische Leistung. Und was ich als wirklich bedenklich empfinde ist dass Stoiber, ganz der Populist, hier mit einem Feuer spielt, das seit einiger Zeit in der Bevölkerung lodert: Dem Gefühl dass die Justiz eine vom Bürger abgekoppelte Sphäre ist, ohne Anker in der Realität. Und dass man eben nicht Jura studieren muss, dass man eben keine Ahnung von Präzedenzfällen oder Gesetzen haben muss, sondern dass Rechtssprechung als rein emotionale Angelegenheit funktioniert, die jeder beherrscht. Ein wenig wie die Sache mit der Bibel: Auch da gilt ja oft aktives Studium mit Vorwissen über die sozio-kulturellen Hintergründe des antiken Israels als unnütz. Dieses Fachwissen verstellt den Blick ja bekanntlich nur.

Dass es schreckliche Fehlentscheidungen gibt, ist klar. Erneut: Das inzwischen gekippte Tübinger Button-Urteil. Recht ist nicht immer gerecht. Und in diesen Fällen muss man hoffen, dass eine höhere Instanz Fehlentscheidungen kippt. Leider ein Prozess der auch verstärkt stattfindet: Schlampige oder überkonservative Urteilssprechung kleinerer Gerichte in der Annahme, dass das eine höhere Instanz schon richten wird. Okay, andere Baustelle. Aber die Art wie Stoiber “formal-juristisch” verwendet… ibäh!… klingt schon arg nach “politisch korrekt”. Auch so ein Begriff, der für sich genommen eigentlich etwas Gutes sein sollte, der aber durch konsequente Anwendung auf die extremsten Fälle zum Kampfbegriff umgeformt wurde.

Ach ja, Sudel-Ede, wenn wir schon eine Gesetzgebung der absoluten Mehrheit vertreten, müssten wir das nicht konsequenterweise auch auf die Politik übertragen? Na dann: Lebenslang weg mit den Kinderschändern, zurück mit den Jungs aus Afghanistan, runter mit dem Tempo auf der Autobahn, weg mit den Killerspielen und im Gegenzug wieder her mit der D-Mark und und den Überwachungskameras. Und bevor jetzt jemand einwendet, dass das ja teilweise mit dem Programm der CSU übereinstimmt: So wie Stoiber das formuliert gibt es das nur ganz oder gar nicht.

Ich weiß nicht was mich da mehr ärgert. Wie Stoiber mal wieder populistisch das Volk entdeckt oder wie er damit Vorurteile gegen den Rechtsstaat schürt. Was ist wenn die Mehrheit der Meinung ist, dass wir Taschendieben die Hand abhacken sollten? Ist dass dann auch ein gesundes Volksempfinden, nach dem sich die Rechtssprechung zu richten hat? Gerade davon, dass die Juristen das nicht tun – zumindest im Idealfall – sondern höhere Maßstäbe anlegen, lebt ja der Rechtsstaat: Dem Umstand, dass unsere Rechtssprechung eben frei von Willkür sein sollte.

Stoiber hat allerdings noch mehr gesagt:

Er warf Mohnhaupt vor, in all den Jahren im Gefängnis nichts zur Aufklärung vieler von der RAF begangener Terrormorde beigetragen zu haben. “Wir wissen immer noch nicht, wer Hanns Martin Schleyer den Hinterkopf weggeschossen hat”, sagte Stoiber. Er kritisierte die vom Oberlandesgericht Stuttgart im Februar entschiedene Aussetzung der Freiheitsstrafe: “Man geht hier brutal über die Empfindungen der Angehörigen der Opfer hinweg.”

Auch hier hat Stoiber formal-juristisch natürlich Recht. Und auch hier stellt sich die Frage: Edmundó, mi amigo, was hat das mit irgendwas zu tun? Über die Empfindungen der Angehörigen der Opfer geht der Rechtsstaat immer hinweg. Und in Fällen ohne Leiche oft genug über die Empfindungen der Opfer selbst. Wenn man etwa durch einen Trickbetrüger sein ganzes Vermögen verloren hat, dann wird man vielleicht auch nicht sonderlich froh sein, wenn der Kerl nach ein paar Jahren aus der Haft entlassen wird.

Der Vorteil des deutschen Rechtssystems: Es gesteht den Opfern diese Emotionen zu. Und den Angehörigen auch. Niemand kann ein Opfer zwingen, dem Täter zu vergeben. Diese Entscheidung liegt bei den Betroffenen ganz alleine. Aber aus diesem Grund werden die Opfer nicht in die Rechtssprechung eingebunden. Opferschutz ist ein schönes Wort. Opferschutz ist auch etwas, in das wir investieren sollten. Seelischer Beistand. Finanzieller Beistand. Wie auch immer. Hier wird aber oft Opferschutz mit Härte gegen die Täter verwechselt. Selbst wenn Täter ihr Leben lang in Haft bleiben… den Opfen, deren wirkliche Probleme meist tiefer liegen, ist damit nicht geholfen. Es ist aber eine nette, preisgünstige Methode um so zu tun, als würde man sich wirklich für die Opfer einsetzen.

Unbefangene Gerichte, die gleichzeitig ihr Strafmaß nach den Wünschen der Opfer ausrichten sollen? Das funktioniert nicht. Entweder das eine oder das andere. Und auch wenn das jetzt kaltherzig klingen mag, ich bin froh dass es so ist. Sollte ich einmal Opfer werden, ich würde wahrscheinlich auch mit dem Rechtsstaat hadern… aber wertneutral bin ich froh, dass nicht die Opfer die letzte Instanz in Rechtsfragen sind. Damit würde endgültig die Willkür Einzug in die Gerichte halten. Und, ganz im Ernst, das kann sich doch niemand wünschen.

Edmund Stoiber muss sich aber auch die Frage gefallen lassen, warum die “Empfindungen der Angehörigen” hier relevant sind. Das waren sie doch sicher auch in den Fällen hunderter anderer Mörder, die während Stoibers Regierungszeit auf Bewährung aus dem Gefängnis freikamen. Die Kritik, dass Brigitte Mohnhaupt nicht zur Aufklärung der RAF-Verbrechen beigetragen hat ist legitim. So lange sie nicht in Verbindung mit der Frage nach der Rechtmäßigkeit ihrer Bewährung gestellt wird. Die ist davon nämlich unabhängig zu behandeln. Und: In Deutschland muss sich, meines Wissens nach, niemand selbst belasten. Im Falle Christian Klar, der ja auf eine Begnadigung hofft, sieht die Situation schon wieder ganz anders aus.

Das riecht arg danach, dass Stoiber hier gerne Sonder- oder Ausnahmegesetze erlassen würde. Und Sondergesetze sind immer etwas, bei dem der Staatsbürger eine leichte Gänsehaut bekommen sollte. Wenn man die erst einmal aus gutem Grund eingeführt hat, dann wird man sie bald auch aus schlechten Gründen wieder anwenden. Ausnahmen sind nur so lange Ausnahmen bis wir sie zur Regel machen.

Formal-juristisch müsste man Brigitte Mohnhaupt genau so wenig freilassen wie irgendeinen anderen zu lebenslanger Haft verurteilten Verbrecher. Tatsache ist aber, dass dieses Recht in Deutschland nur ein einziges Mal angwendet wurde: Im Falle Hess. Und das sollte tatsächlich als Sonderfall gelten, da hier die politischen Interessen der Siegermächte auch eine Rolle gespielt haben dürften. In allen anderen Fällen bleibt der Fakt, dass wir – so lange keine Gefahr für die Gesellschaft gesehen wird – auch mehrfache Mörder auf Bewährung freilassen. Das ist dann die normative Kraft des Faktischen.

Wenn ich das richtig gelesen habe, dann wollten Mohnhaupt, Klar und die anderen, dass man sie nach Kriegsrecht verurteilt und Sondergetze für sie erlässt. Der Staat, der während der RAF-Phase einige Gesetze geschaffen hat, die bis heute kritische beurteilt werden sollten, sagte dann: “Nein. Bloß weil ihr euch als Revolutionäre versteht, seid ihr es noch lange nicht. Wir behandeln euch wie jeden anderen Mörder auch.” Ein kluger Beschluss, den man nicht ruinieren sollte, indem man ihn jetzt nachträglich revidiert und das Revolutionsgefühl der RAF nachträglich legitimiert, weil man aus den Terroristen doch noch politische Gefangene macht, die weniger Anspruch auf das deutsche Recht haben als andere Täter.

Besonders da sich bei den Forderungen auch die Frage stellt, ob das nicht mit Artikel 3 des Grundgesetzes kollidiert: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.” Und später: “Niemand darf wegen [...] seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.” Aber: Was außer ihren politischen Ansichten unterscheidet Klar, Mohnhaupt, Haule und Hogenfeld denn von anderen Kriminellen?

Ich bin in der Debatte in den letzten Monaten Freund der Position des früheren Innenministers Gerhart Baum geworden, der da einen äußerst kühlen Kopf bewahrt. (Und eingesteht, dass man gesetzgeberisch während der RAF-Zeit leider keinen Kühlen Kopf bewahrt hat und diesen Fehler nach 9/11 widerholte.)

Wir müssen auch in einer emotionalisierten Stimmung einen kühlen Kopf bewahren und sehen, dass wir es mit Grundprinzipien unseres Rechtsstaats zu tun haben. Ob wir für die Täter Sympathie haben oder nicht, sie haben Anspruch auf eine gerechte Behandlung. So sehr sie das Recht ihrerseits missachtet haben, so sehr sollten wir uns – als freie Gesellschaft – strikt an das Recht halten.

[...] Ich befürchte ja auch, dass in bestimmten Situationen die Mehrheit der Bevölkerung für die Todesstrafe ist. Das ist für mich kein Maßstab.

Ich denke, das ist eine Position mit der man sehr gut leben kann. Auf lange Sicht sehe ich den Rechtsstaat weniger von verwirrten Ideologen wie Mohnhaupt und Klar bedroht, als eher von populistischen Stimmensammlern wie Stoiber oder Söder, die tatsächlich gesetzgeberisch tätig werden können. Es ist natürlich Edmund Stoibers gutes Recht gegen die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt zu sein. Es ist auch sein gutes Recht, das zu sagen. Und es ist genau so sein gutes Recht, mit der derzeitigen Rechtslage unzufrieden zu sein und ein neues Gesetz auf den Weg zu bringen.

Aber: Dann sollte er auch den Mumm haben und genau das offen und ehrlich sagen. Aber Ausnahmeregelungen zu fordern und sich dann hinter dem Willen der Mehrheit und den Gefühlen der Opfer zu verstecken… das ist einfach nur feige.

Literatur:

*Django Asüls Fastenpredigt.
*John Stuart Mill – On Liberty.

Knut Content

Sunday, March 25th, 2007

Ich weiß nicht was alle haben. Als “niedlich” oder “putzig” würde ich das nicht beschreiben:

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Dafür bin ich aber gegen die Sperre von Oliver Kahn (hier im Rückspiel gegen Real Madrid). Wie kann man jemandem der so doll große Augen hat und so schön dem Kindchenschema entspricht irgendwas übel nehmen?

Der letzte König von Schottland

Wednesday, March 21st, 2007

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Wenn man einen Oscar ergattern will, dann gibt es für Schauspieler drei relative sichere Wege dahin. (Eigentlich vier, aber ich ignoriere den Weg bei dem man wegen Hausfriedensbruch und schwerer Körperverletzung gleich mal Method Acting für das nächste Gefängnisdrama betreiben kann.) Entweder man spielt einen Behinderten, einen Todkranken oder einen Diktator. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, dass die Academy ihn nicht beraubt, der spielt einen todkranken, behinderten Diktator. (Augusto Pinochet in seinen letzten Tagen?)

Im Falle von Forest Whitaker als Idi Amin in Der letzte König von Schottland (der ganze deutsche Titel ist: Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht, was arg nach Harry Potter und der Phönixkelch von Askaban oder Die ??? und der wollüstige Wolpertinger klingt) hat das ja ziemlich gut geklappt. Zu Recht, wie wir hier bei Agitpop schon befanden ohne den Film selbst gesehen zu haben. Einfach weil Whitaker schon in seinen bisherigen Filmen und der fünften Season von The Shield so ungemein zu überzeugen wusste.

Ein Film über Idi Amin hat einen entscheidenden Vorteil: Selbst in Zeiten der Globalisierung ist Schwarzafrika immer noch angenehm weit weg. Dadurch kann man sich, zumindest im Westen, die Debatte schenken, die bei jedem Hitlerfilm wieder und wieder aufkommt. Wirkt die Bestie hier zu sympathisch? Darf man Hitler als Menschen darstellen? Besteht nicht die Gefahr, dass die Deutschen Morgen alle ihr Kreuz bei der NPD machen, weil sie jetzt Mitleid mit Hitler haben?

Forest Whitaker hat sich, das kann man nach dem Abspann wirklich festhalten, den Hauptrollenoscar dieses Jahr absolut verdient. Das hier dürfte seine bisher beste Karriereleistung sein. Auch wenn Whitaker nur in einigen Einstellungen aussieht wie Idi Amin, der Mann geht in seiner Rolle derartig auf, dass man ganz schnell vergisst, dass das hier der große Teddybär aus Ghost Dog oder Panic Room ist. Es ist ein kluger Schachzug von Whitaker gewesen sich verstärkt auf Rollen zu konzentrieren, die gegen sein Image als nuschelnder, sanfter Riese gehen.

Whitaker lacht, scherzt, kalauert, grinst, grübelt, schreit, wütet, fürchtet. Whitaker lebt Amin. Und in jeder einzelnen Szene weiß er dabei zu überzeugen. Sobald sein Amin auf der Leinwand ist, reißt er die Szene an sich. Nicht weil er übertreibt, einfach weil er dabei so verdammt überzeugend wirkt. Weil er so blitzschnell zwischen charmanten, dickem Onkel und paranoiden Wahnsinnigen umschalten kann.

Whitakers Amin beginnt als sympathischer, wenn auch etwas schlichter Geselle. Aber es wird klar warum sich Menschen an Amin gewandt haben, warum er Unterstützer fand, warum der eigentliche Hauptdarsteller des Films sich Amins Charme nicht entziehen kann. Und von da an schwitzt und wütet sich Whitaker in einen beeindruckenden, möderischen Verfolgungswahn. Das wird noch stärker dadurch, dass Whitaker zwischendurch immer mal wieder zurückschaltet in den Modus des herzlichen Dicken.

Amins Verhalten gegenüber der Hauptfigur des Films schwankt ständig zwischen “du bist mein engster Berater” und “du bist ein Nichts”. Umarmungen und Todesbefehle verteilt Amin gleichermaßen spontan und unerwartet. Und beide Gefühlslagen kauft man Whitaker ab. Es ist der Kontrast zwischen diesen beiden Seiten Amins, der die Figur wirklich glänzen lässt. Und es ist auch dieser Kontrast zwischen Charmeur und Irrem, der bei einem Film über Hitler, Stalin oder Saddam Hussein wohl zu Stürmen der Entrüstung führen würde.

Das bedauerliche ist, dass Forest Whitaker diese grandiose Leistung nicht in einem ingesamt besseren Film hinlegen konnte. Denn der eigentliche Hauptdarsteller des Films ist nicht Forest Whitaker, sondern James McAvoy als schottischer Arzt Nicholas Garrigan. Und dessen Plot ist bei weitem nicht so gelungen wie die Szenen mit Idi Amin. Garrigan verlässt Schottland um seinem erdrückenden, konservativen Vater zu entgehen und beschließt an den ersten Ort zu reisen, den er zufällig auf seinem Globus markiert (gut, den zweiten… nach Kanada will er dann doch nicht). Und dieser Ort ist eben Uganda, wo er zufällig den frisch Präsident gewordenen Idi Amin trifft und schnell zu dessem Leibarzt und engstem Vertrauten aufsteigt.

Eigentlich sollte auch dieser Handlungsstrang gelungen sein, denn Garrison ist potentiell ein wirklich interessanter Charakter: Jung, sorglos und egoistisch. Der Trip nach Afrika dient nicht dazu Menschen zu helfen, sondern Abenteuer zu erleben und sein eigenes Ego zu streicheln. Gleich nach seiner Ankunft in Uganda legt er darum auch erstmal eine Einheimische flach. (Ah, die Prä-AIDS-Siebziger.) Das versucht er auch nochmal bei der Ehefrau seines Arztkollegen in einem ugandischen Provinzdorf, scheitert aber an ihrer Moral. Und auch später sollte Garrison eigentlich ein interessanter Charakter sein, weil er eben nicht der prototypische Held ist, sondern ein Mitläufer der so lange die Augen vor Amins Wahnsinn verschließt, bis es für ihn zu spät ist.

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Garrison ist indirekt am Tod eines Ministers schuld. Und die Frage, die der Film zumindest andeutet, ist wie schuldig er sich ansonsten gemacht hat. Hätte Garrison es besser wissen können? Besser wissen müssen? Hat er wirklich nichts von dem geahnt, was in Uganda vor sich geht oder hat er es gezielt ausgeblendet, weil er sich im Zentrum der Macht, in Amins Gunst so wohl gefühlt hat? “Ich bin sein Arzt”, wirft er einem britischen Diplomaten an den Kopf. “Ich bin nicht hier um über Amin zu richten.”

Leider versäumt es Der letzte König von Schottland sich ausführlicher mit dieser Frage zu beschäftigen. Stattdessen rutscht die Story rund um Dr. Garrison immer wieder in “Fernsehfilm der Woche”-Gefilde ab. Also, diese Europäer-in-Afrika-Schinken, in dem hier das fremdartige, aber schöne Afrika und die Diktatur Amins nur als Hintergrundkulisse für Garrisons Seifenopernleben dienen. Diese Geschichte hätte – mit kleinen Änderungen – wohl auch in Habyarimanas Ruanda, Kabilas oder Mobutos Kongo/Zaire oder Mugabes Zimbabwe funktioniert.

Die einzelnen Szenen in Garrisons Drama klicken zu gut, die wenigen relevanten Charaktere des Films treffen zu sauber in den passenden Momenten aufeinander und die Ereignisse wirken zu sehr nach Trivialroman, was dem Film wirklich schadet. Der endgültige Bruch Garrisons mit Amin kommt nicht wegen einer größeren Einsicht zustande, sondern weil der gute Doktor mit einer der Ehefrauen des Diktators geschlafen hat. Und natürlich wird sie von ihm schwanger und braucht eine Abtreibung. Und natürlich trifft Garrison noch einmal auf jene Frau, die ihren Ehemann nicht mit ihm betrogen hat, die immer für die Ärmsten da war und die sich nie ausverkauft hat. Und natürlich wendet sie sich dramatisch von ihm ab. Und als es ganz finster um Garrison steht, da opfert sich ein schwarzer Doktor für ihn. Denn natürlich muss Garrison Uganda verlassen können um der Welt von dem zu berichten was hier vor sich geht. Er ist ein Weißer, auf ihn wird man hören. Und dann, wenn er das Land verlässt, sieht Dr. Garrison vor seinem inneren Auge noch einmal die lachende, winkenden Kinder aus der einfacheren, besseren, glücklicheren Zeit am Anfang des Films. (Wie glücklich die war lassen wir mal außen vor. Aber das Volk wird wohl nicht umsonst froh gewesen sein, den vorherigen Staatschef los zu sein.)

Wenn sich Kevin MacDonalds Film dann doch mal von dem persönlichen Drama Garrisons ab- und den größeren Dingen zuwendet, dann entweder indirekt (Photos von Massakern die Garrison gezeigt werden) oder indem er in die “Guido-Knopp-Kiste für bedrohliche Stimmung” aufmacht: Düstere Musik, extreme Nahaufnahmen, sich überlagernde Einstellungen, dunkle Hintergründe, rot ausgeleuchtete Gesichter und ein ein allgemeine Unschärfe der Bilder. So erhalten diese Szenen eine alptraumhafte Qualität. Oder MacDonald verwendet schnelle, kurze Schnitte, so dass man die Leichen nur für den Bruchteil einer Sekunde sieht.

Durch diese Mittel baut Der letzte König von Schottland einen Filter zwischen dem Zuschauer und dem tatsächlichen Grauen auf. Der Film zeigt nie wirklich die Folgen von Amins handeln. Für die afrikanischen Opfer Idi Amins interessiert sich der Streifen nur im Vorbeigehen, er bleibt die ganze Zeit über zu distanziert um den Schrecken von Amins Herrschaft wirklich klar zu machen. Von den öffentlichen Hinrichtungen, der Folter oder den Verschleppungen bekommt der Zuschauer nur äußerst wenig mit. Natürlich sind solche Szenen immer schwierig, weil man eine unklare Grenze nicht überschreiten will. Bis wohin dient so eine Szene noch der Information und ab wo wird sie zu voyeuristischer Gewaltpornographie?

Vielleicht fehlt dem Film ein weiterer, ein bodenständigerer Blickwinkel, der den Schrecken der aminschen Herrschaft aus der Nähe erlebt und nicht wie Garrison aus der Höhe, aus der abgeschirmten Welt des Präsidialpalastes. Vielleicht hätte man der Arztfrau auf dem Lande (übrigens von einer kaum wiedererkennbaren Gillian Anderson gespielt… müssen die blonden Haare sein) ein paar zusätzliche Szenen zugestehen sollen. Viel näher am Boden des Systems kann man ja nicht mehr sein. Allerdings wäre das dann ein anderer Film geworden.

Und trotzdem, ich hatte immer wieder das Gefühl, dass der Film seine Botschaft falsch gewichtet: Wir bekommen kein echtes Gespür dafür warum Amins Herrschaft so problematisch war. Die Bedrohung die von Amin ausgeht erleben wir immer nur aus der Sicht Garrisons. Und dessen Sorgen sind auch nur, dass er Opfer von Amins Paranoia werden könnte oder dass Amin herausfindet, dass er gehörnt wurde.

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Klar, da draußen krepieren 300.000 Menschen… aber das sind halt nur Neger. Die interessieren doch keinen. Das wirkliche Drama ist doch ob ein gedankenloser und selbstgefälliger schottischer Heißsporn es schafft eine Abtreibung durchzuführen ehe Idi Amin bemerkt, dass er hintergangen wurde. Und beim Entebbe-Vorfall geht es nicht um irgendwelche Geiseln, sondern darum ob der Doc an Bord des Fliegers gelangen kann, der ihn aus Uganda rausbringt. Das ist doch das wirklich relevante an diesem Film.

Ein mehr an Amin hätte Der letzte König vom Schottland gut getan, denn wichtige Fragen werden im Film nie aufgeworfen. Etwa die Schuldfrage. Wer trägt die Verantwortung an Amins Massenmord? Die Regierungen der Welt, die nicht eingriffen? Die Bevölkerung, die ihn als Erlöser begrüßt hat? Die Armee? Da muss sich der Film dann doch einer Kritik stellen, die auch einen Hitlerfilm treffen würde: Das Idi Amin ganz alleine die Schuld und Verantwortung an den Exzessen seiner Herrschaft trug, halte ich für fragwürdig.

Genau so wie der Film nie fragt, warum Amin zunächst so beliebt war. Was es mit Amins Rassismus und Antisemitismus auf sich hatte. In wie weit die ausländischen Geheimdienste an seinem Putsch beteiligt waren (ein schmieriger britischer Diplomat, sehr gut gespielt von Simon McBurney, deutet zwar an, dass die Briten hier ihre Hand im Spiel hatten, aber danach wird der Faden einfach fallen gelassen). Wie die Bevölkerung auf sein Verhalten gegenüber der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien reagierte. Und wieso die Bevölkerung froh war Amins Vorgänger Obote los zu werden.

So bleibt Der letzte König von Schottland unterm Strich ein guter und spannender Film, der aber gemessen an dem was er sein könnte, zu tief stapelt. Ein Film dem etwas mehr Brisanz und Relevanz gut getan hätte. Für einen wirklich kritischen Umgang mit der Ära Amin fehlen ihm dann doch die Eier.

Stattdessen verlässt er sich auf gängige Hollywoodklischees und liefert ein zu mondänes Arztdrama in der Ferne. Und selbst hier macht der Film nur halbe Sachen, denn die Frage nach der Schuld und Verantwortung des Arztes wird nicht gestellt. Stattdessen wird Garrison kurz vor Schluß doch noch zum Opfer Amins und zum potentiellen Erlöser Ugandas. (Obwohl die Welt 1976 schon von Amins Schreckensherrschaft wusste. Warum da ausgerechnet Garrison gebraucht wird um die Botschaft in die Öffentlichkeit zu tragen verschweigt der Film.)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn im Hintergrund hundertausende Afrikaner sterben, das einzige Drama des Films aber die Bedrohung eines europäischen Milchtoasts ist, der sich die Suppe selbst eingebrockt hat. Was nochmals unterstreicht, dass Amins Uganda nur Szenerie und nicht zentrales Element des Films ist.

Trotzdem lohnt sich Der letzte König von Schottland. Wenn man nicht gerade mit Gewalt eine düstere Stimmung aufbauen will, ist der Film schön gefilmt, hat beeindruckende Landschaftsaufnahmen, der Kontrast zwischen der Provinz und der Hauptstadt Kampala ist beeindruckend. Die Sets und die grandiose Musikauswahl transportieren, zusammen mit den grobkörnigen Aufnahmen, ein starkes Gefühl der Siebziger.

Und dann ist da natürlich noch Forest Whitaker, der den ganzen Film trägt. Sein Amin ist einfach so wunderbar und facettenreich gespielt, dass er das Eintrittsgeld alleine wert ist. Es ist nur bedauerlich, dass die Balance zwischen Arztdrama und Idi Amin für mich in die falsche Richtung ausschlägt. Der “ultimative” Idi-Amin-Film ist Der letzte König von Schottland nicht, dafür ist er dann doch zu brav, zu vorsichtig, zu konventionell. Ein etwas größerer Anspruch hätte dem Film gut getan. Aber wenn Kevin MacDonald mit diesem Streifen die Tür geöffnet hat für einen schonungsloseren Blick auf das Leben Idi Amins, dann hat es sich schon gelohnt.

3/5

Neues vom Wixxer

Monday, March 19th, 2007

Der erste Wixxer-Film war nun wirklich alles andere als ein zeitloser Klassiker. Aber mit zeitlosen Komödienklassikern tun wir uns in Deutschland ja ohnehin schwer. Selbst begnadete deutsche Komiker wie Theo Lingen oder Heinz Erhardt mussten sich leinwandtechnisch in Klamaukgebilden und Biedermeierkomödien wie Die Lümmel von der ersten Bank oder Der letzte Autofahrer verdingen. Und was danach so an Komödienmaterial kam, seien es die Krüger-Gottschalk-Vehikel, sei es Sunshine Reggae auf Ibiza oder seien es die Otto-Filme, war auch alles andere als feingeistiger Humor.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Ein deutsches Arsen und Spitzenhäubchen, Dr. Strangelove (wobei da ja zumindest der Titelgeber Deutscher ist) oder ein deutsches M*A*S*H wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Der Deutsche mag es halt lieber deftig. Gelegentlich taucht mal ein Loriot zwischen den deutschen Komödien auf, der auf eine eher zurückhaltende Komik setzt oder ein Helge Schneider, dessen Filme eher avantgardistisch-abstrus anmuten (ah, alliterative Action, Alter) aber im Kern sind wir dem Klamauk treu geblieben. Das gilt auch für die meisten Erfolgskomödien der letzten zehn Jahre. Der Schuh des Manitu, (T)Raumschiff Surprise – Periode 1, Erkan & Stefan, 7 Zwerge und eben auch für Der Wixxer.

Aber das ist ja, auch wenn es manchmal so gesehen wird, keine Tragödie. Natürlich wäre es schön wenn es mal ein deutsches Äquivalent zu Shaun of the Dead gäbe. Aber Klamauk ist ja auch kein rein deutsches Phänomen. Scary Movie, American Pie, White Chicks, Not Another Teen Movie. Andere Länder haben da auch ihre Leichen im Keller. Und von Bud & Doyle oder Ey Mann, wo ist mein Auto? wollen wir hier erst gar nicht anfangen.

So lange der Klamauk unterhaltsam ist und ich weiß worauf ich mich einlasse, ist das vollkommen in Ordnung. Und das Prädikat “unterhaltsam” würde ich Der Wixxer auf jeden Fall ausstellen. Nicht zuletzt, weil man merkte dass das Kreativteam Kalkofe, Welke & Pastewka sich mit anglo-amerikanischem Humor auskennt und sich dort auch freigiebig bediente. Gerade Bastian Pastewka ist ja ein wandelndes Film- und Fernsehlexikon und – nach allem was man hört – wirklich sehr bewandert in der Geschichte der Comedy.

Die besten Szenen aus Der Wixxer waren dann auch jene, in denen man Stilmittel verwendete wie man sie primär in klassichen Zucker-Abrahams-Zucker-Stories wie Die Nackte Kanone oder Airplane! finden konnte: Etwa wenn die Bobbies von der Spurensicherung im Hintergrund alles machten… nur keine Spuren sichern. Oder, vielleicht mein Lieblingsgag des gesamten Films, wenn die Londoner Unterwelt sich um einen Tisch versammelt und da auch Räuber Hotzenplotz sitzt. Das Schöne an diesen “Wegwerfwitzen” ist, dass sie so beiläufig geschehen und nicht holzhammerig aufdringlich sind.

Genau im Holzgehämmerten lag aber auch die Schwäche des ersten Wixxer: Kalkofes Skript driftete stellenweise zu arg in zotige Gefilde ab. Möpsen den Finger in den Arsch rammen und so. Sowas ist in kleinen Dosen noch verschmerzbar, kann aber ganz schnell nur noch nerven. In Schuh des Manitu konnte ich die Tuckenwitze ignorieren, weil sie nur ein kleinerer Teil des Films waren. Bei (T)Raumschiff Surprise habe ich gewartet bis er ins Fernsehen kam, weil ich nicht glaubte, dass solche Tuckenwitze einen ganzen Film tragen können. (Konnten sie auch nicht, auch wenn Rick Kavanian als Lars Maul noch so einige Kastanien aus dem Feuer geholt hat.)

Das Angenehme an Neues vom Wixxer (bei dem ich eigentlich auch auf die DVD oder die TV-Premiere gewartet hätte, den ich aber wegen Heimaturlaubs als soziales Ereignis mitgenommen habe) ist, dass man die derbe Zotigkeit aus dem ersten Teil weitgehend hinter sich gelassen hat. Das Unangenehme ist, dass da wo im ersten Teil noch Zoten zu finden waren, jetzt ganz große Löcher klaffen, die man nicht gefüllt hat. Weniger Zoten? Gerne. Aber dafür dann bitte auch ein paar andere Humorelemente einbauen.

Diese Löcher deuten darauf hin, dass sich im Vergleich zum Vorgänger wenig getan hat. Das kann man so unterschreiben. Im Grunde kann man festhalten, dass Freunde des ersten Wixxer-Films wohl auch ihre Freude am neuen Wixxer haben werden, während der Rest das Kinogeld auch anderweitig investieren kann. Wobei, Neues vom Wixxer ist weniger Edgar-Wallace-Parodie als es der erste Teil war. Es gibt zwar einige der typischen Wallace-Elemente, Schauplatz des Films ist ein englisches Nonnenkloster, aber im Kern recyclet man hier eher Elemente des ersten Films.

Es gibt wieder die Orte die in schwarz-weiß existieren. Christoph Maria Herbst darf nochmal als Alfons Hatler glänzen, der dieses Mal eine Irrenanstalt leitet. (Und ich mag die eher zurückhaltende Art mit der Herbst seine Hitlerparodie spielt. Zumindest im Vergleich zu der überzeichneten Art in der, der Führer und Verführer seit Der große Diktator in unzähligen Komödien dargestellt wurde. Und seine Interpretation von “Dschingis Khan”? Sehr fein.) Der Kerl der den Kerl spielt, der früher immer von Klaus Kinski gespielt wurde, ist auch wieder dabei. Und Wolfgang Völz als Chef von Scotland Yard. Und es gibt auch wieder eine Lovestory für Kalkofes Inspektor Even Longer. Oh… und der Wixxer ist natürlich auch zurück. Been there, done that. Aber auch das haben Komödienfortsetzungen halt oft so an sich.

Immer wenn Neues vom Wixxer lustig ist, dann ist der Streifen tatsächlich sehr lustig. Asterix wird zitiert, brutale Wortspiele werden gerissen und der Slapstick sitzt meist. Auch ein paar Parodien machen Spaß, etwa der kurze 24-Einschub zu Beginn des Films. Ein sehr feiner Witz ist es, wenn Even Longer einen Butler mit fiesem, englischen Akzent (gespielt von Chris Howland) auf seine seltsame Aussprache anspricht und der Butler antwortet, das läge daran, dass er aus Deutschland käme.

Die für mich beste Szene des Films lässt sich finden, nachdem Inspektor Very Long vom Wixxer niedergeschossen wurde. Szenenwechsel. Eine Frau auf einer Wiese, Werbung, dazu das alte RTL-Jingle. Dann folgen drei Werbespots für Klingeltöne. Im letzten preist Roger Willemsen die Schleim Live (womit wir wieder bei den brutalen Wortspielen wären) CD-Sammlung “Die schönsten Klingeltöne” gespielt vom London Philharmonic Orchestra an. Der Witz ist nicht neu. Aber dass Willemsen betont, dass man ihn vermutlich aus Willemsens Woche oder Alarm für Cobra 11 kennen dürfte, das war es wert. Außerdem war das ein Formbruch, den man wirklich nicht kommen sah. Und der mich für einen Sekundenbruchteil verwirrt hat. Was? Werbung? Jetzt?

Ansonsten ist die größte Stärke von Neues vom Wixxer der Spaß den seine Darsteller ganz eindeutig beim Drehen hatten. Kalkofe macht seine Sache gut, aber Pastewka hat die besseren Szenen und geht voll in seiner Rolle auf. Und auch die Nebenrollen können überzeugen. Wolfgang Völz als verwirrter Chefdepp. Herbsts Hatler, der jede Szene erobert in der mitspielt, hatte ich ja schon gelobt. Und sogar Oliver Welke, der sonst in die Kategorie “muss nicht sein” fällt, geht in seiner Gerichtsmedizinerrolle besser auf als noch im ersten Teil. Nur Christian Tramitz wirkt etwas verloren. Der spielt zwar mit viel Elan, aber seine Figur hängt irgendwie am Rand des Films rum ohne jemals wirklich sinnvoll eingebunden zu werden.

Das Problem vom Wixxer ist, dass zwischen den wirklich guten Szenen, in denen der Film auch mal richtig erstklassig wirkt, zu oft Leerlauf herrscht. Action- oder Dramaszenen, die allerdings den Fluß stören und zu wenig Lacher bringen. Untote Slapstickeinlagen, die man schon meilenweit gegen den Wind riecht, weil sie schon vermodert waren als sie Laurel & Hardy vor dem Krieg auf Zelluloid bannten. Sowas wird dann auch gerne endlos breit gewalzt.

Beispiel: Die klassische Komödienszene in der zwei Personen aus einem beliebigen Grund in einer verfänglichen Position von Person 3 ertappt werden, die nun glaubt die Personen 1 und 2 hätten gerade Sex. Wenn man in der Videothek vier Videos aus dem Komödienregal zieht, dann kann man diese Szene in mindestens drei Filmen garantiert finden. Warum? Gab es jemals jemanden, der diese Szenen lustig fand? Oder sie immer noch lustig findet? “Klar, die Szene habe ich so in viertausendsiebenhundertachtzehn Filmen gesehen. Aber ich lach mich jedes Mal wieder inkontinent darüber.” Und selbst wenn es das Komödiengesetz verlangt, dass diese Szene ihren Weg in möglichst viele Filme findet: Muss man sie in vorauseilendem Gehorsam in Neues vom Wixxer gleich doppelt verwenden?

Gelegentlich stellt sich auch die Frage wann der Film eigentlich entstanden ist. Eine Parodie auf Prinz Ernst August von Hannover? Kommt die nicht rund sieben Jahre zu spät? Und eine Parodie des ersten Drei Engel für Charlie? Der Film ist nun nicht ein derartiger Filmklassiker, dass man eine Szene aufwärmen muss, die schon vor sechs Jahren im grässlichen Scary Movie 2 auf die Schippe genommen wurde. Abgesehen davon: Die Bullet Time ist so überbewertet und so überbenutzt, dass sie nicht einmal mehr in Parodien funktioniert.

Gelegentlich werden diese Szenen, die sich dann zu lang zu erstrecken scheinen, nur dadurch gerettet, dass Kalkofe & Co ein schier endloses Ensemble an Gaststars und Cameo-Auftritten präsentieren können. Jan Hofer, Martin Semmelrogge, Hella von Sinnen, Frank Zander und selbst unser Lieblingszoni Achim Mentzel tut sich mal wieder mit seinem Kumpel Kalkofe zusammen.

Und natürlich sind Lacher vorprogrammiert sobald Roberto Blanco nur auf der Leinwand auftaucht. Das liegt aber daran, dass Blanco nur noch als Kitschikone funktioniert. Dass man über den Menschen Blanco lacht, nicht über das was er gerade auf der Leinwand tut. Und das, auch wenn es natürlich ein gut funktionierendes Mittel ist, ist für sich genommen noch keine Komik. (Was natürlich in gleichem Maße für die obligatorischen Gastauftritte von Chuck Norris und William Shatner in US-Serien und Filmen gilt.)

All das ist schade, denn Neues vom Wixxer ist oft ein wirklich, wirklich lustiger Film. In seinen besten Momenten ist es sogar ein extrem bissiger und treffender Film (etwa wenn Tatjana Gsell, hier die Queen von England, für ihre natürliche Schönheit gelobt wird). Und der Schwung der Schauspieler reißt den Streifen definitiv nach oben. Aber er hat einfach Längen die man nicht übersehen kann. Und zu oft greift der Film dann doch auf Mittel aus den bekannten und bewährten Comedyschubladen zurück. Dabei bleibt Neues vom Wixxer zwar immer noch sehr unterhaltsam…

Nur eben nicht unbedingt Kino-, sondern eher DVD- oder TV-unterhaltsam.

2/5

Conan der Notar

Wednesday, March 14th, 2007

Da dachte ich, dass Weird Als Conan – The Librarian eine Parodie war und jetzt muss ich bei Amazon das hier sehen:

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Conan – Band 3: Das Rechnungswesen der kaufmännischen Betriebe“… das belegt wohl mehrere Dinge:

a.) Kapitalismus ist die natürliche Ordnung der Dinge, da er schon in Cimmeria existierte.

b.) Rechnungsprüfer müssen verdammt viel Mumm haben, wenn sie bei Conan Fehlbuchungen beanstanden.

c.) Barbaren sind auch nicht mehr das was sie mal waren.

Danke, freie Marktwirtschaft, du musst auch alles kaputt machen.

Bloody stupid B-Movies: Terror Toons

Tuesday, March 13th, 2007

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Die Probleme mit Terror Toons beginnen schon im Titel: Jedes einzelne Wort darin ist eine glatte Lüge. Weder gibt es hier richtigen Terror, noch sehen wir richtige Toons. Es ist ja nun nicht so, als würde ich an einen Splatterfilm irgendwelche horrenden Ansprüche stellen. In dem Genre bin ich zufrieden, wenn ich am Ende des Films das Gefühl hatte, dass ich unterhalten wurde. Da dürfen dann die Effekte gerne mal für den Arsch sein, da dürfen die Hauptdarsteller auch mal nix können und das Skript muss auch nicht unbedingt im nächsten Jahr einen Oscar abräumen. Hey, wenn ich Troma’s War anschaue, dann weiß ich dass ich nicht Ingmar Bergman bekomme. (Ganz am Rande: In der IMDB kann man zu Troma’s War unter anderem die folgenden Tags finden: “Disturbing, AIDS, Blind Girl, Machine Gun, Old Woman, Priest, Rape, Siamese Twins.”)

Ich stelle also keine allzu hohen Ansprüche an meine B-Movies. Deshalb glaubte ich auch, dass Terror Toons ein Modicum an Unterhaltung beinhalten könnte: Cartoonfiguren die auf cartoonige Art und Weise echte Menschen abmurksen? Klingt nach einem interessanten Konzept. Und jetzt stelle ich folgende Regel auf, an die sich auch independente Filmemacher zu halten haben: Wenn ich ein interessantes Konzept habe, aber nicht im Ansatz die Kohle das Konzept umzusetzen… dann versuche ich es auch erst gar nicht. (Es sei denn aus dem Scheitern wird eine hochinteressante Dokumentation.) Das eben genannte Konzept verlangt eine Mischung von Realsequenzen und Cartoons. Das Filmbudget betrug 2.300 Dollar (amerikanische). Spot the discrepancy.

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Gut, das versucht das Drehbuch zu umschiffen, indem es uns erklärt, dass es sich bei den Terror Toons um eine völlig neue Art der Animation handelt. Animation heißt in diesem Fall: Reale Charaktere agieren vor einer Green Screen und werden dann in völlig lieblos dahingeschmierte Cartoonhintergründe (zwei: ein Labor, eine Ziegelmauer mit Straße davor) reineditiert. Und “völlig neu” heißt in diesem Fall: Mal sowas von neuartig. Wow. Gähn.

Die beiden mörderischen Cartoonfiguren hier sind Dr. Carnage und sein MG-schwingender Gorilla Max Assassin. Das ist ein weiterer Moment an dem man glauben mag: Hey, der Film muss doch mindestens unterhaltsam sein. Ein MG-schwingender Gorilla. Das kann ja gar nicht schlecht sein. Gorillas sind immer ein Plus. MG-schwingende sowieso. (Besonders wenn sie Nazis bekämpfen.) Junge, kann man falsch liegen.

Weil also das Geld für Animationen fehlte zählt es schon als Cartoon wenn man einem Schauspieler eine billige Latexmaske überpropft. Nach der gleichen Logik könnte man aber auch Michael Myers als Toon bezeichnen. Darum muss man anders unterstreichen, dass man es hier mit Toons zu tun hat: Extrem nervige Soundeffekte von einer dieser CDs, die man zusammen mit dem Diplom erhält, wenn man sein Studium zum Radiomoderatorentum an der Freien Fachhochschule (FFH) Oer-Erkenschwick abgeschlossen hat. Diese CDs auf denen Soundwords wie Sproing, Ker-Plonk, Snikt, Thwip, Fladdap, Slurk oder Gark in reale Sounds verwandelt werden und plötzlich nicht mehr lustig klingen. So wie die echten Cartoonsounds aus den Looney Tunes. Nur inhärent nerviger.

Nun könnte es natürlich sein, dass Michael Althen im Feuilleton der FAZ trotzdem kritisiert, dass man hier keine Toons sondern nur Typen mit miesen Latexmasken auf die Leinwand zaubert. Also hat sich Regisseur Joe Castro (der Grund warum Fidel nur der zweitböseste Castro der Welt ist) ein drittes Stilmittel ausgedacht um die cartoonige Natur seiner Mörderlatexmaskenträger zu symbolisieren: “Lustige” Animation.

Also, aus den Szenen mit Dr. Carnage und Max Assassin entweder Frames rauszunehmen, damit es wirkt als wenn die Figuren sich seltsam abgehackt bewegen würden (kann man bei jeder Jazzdancefete in der Dorfdisko beobachten wenn der DJ um zwei Uhr morgens nochmal “die Crowd rocken” will und zu “Summer of ’69″ das Stroboskop anwirft) oder alternativ die Szenen in doppelter Geschwindigkeit ablaufen lassen. Nun, Joe Castro, tolle Idee mit der doppelten Geschwindigkeit. Aber dafür haben wir schon einen Begriff. Und der ist nicht Cartoon sondern Benny Hill. Und ohne das Benny-Hill-Theme ist es nichtmal Retro, sondern einfach nur noch platt.

Als kleines Schmankerl gibt es bei den Szenen mit den “Toons” nicht nur “lustige” Cartoongeräusche (das könnte eine “Anführungsstrichorgie” werden wenn ich nicht “aufpasse”… … “Laser”… sorry), sondern Dr. Carnage ist mit einer Lache ausgerüstet die nicht mehr christlich ist. Und mit nicht mehr christlich meine ich wirklich, wirklich, wirklich nervtötend. So wie ein abgerutschter Bohrer beim Zahnarzt. (Vielleicht hätte ich mir The Dentist ansehen sollen.) Diese Lache ist so unglaublich, ungemein nervig. Und nicht verstörend nervig, sondern nervig nervig. Dass man sie in jeder Szene mit dem Doc mindestens einmal hört macht es nicht besser. Ich nominiere diese Lache hiermit als nervigstes Filmgeräusch aller Zeiten. Und ich übertreibe hier nicht.

Anyway. Nachdem wir nun lang und breit über die erste Lüge im Titel geredet haben, kommen wir zur zweiten. Die Story in Kurzform: Cindys und Candys Eltern verreisen übers Wochenende. Candy legt ihre neue Terror-Toons-DVD in ihren DVD-Player und wählt “Terror Toons LIVE” an. Dann entsteigen die beiden “Toons” dem Fernseher und beginnen Candy und Cindys für eine Partie Strip-Ouiji reingeschneidete Freunde zu töten. (Wir wissen bereits das Cindy das “last girl” sein wird, weil es uns das Maskottchen der Produktionsfirma vor dem Hauptfilm verraten hat.)

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Der Film beginnt mit bizarren Ideen die zumindest unterhaltsam sein könnten. Cindys Mutter wird von einem Transvestiten gespielt. Und Cindys kleine Schwester Candy wird gespielt von Lizzie Borden. (Nicht die Axtmörderin.) Ein schnelles Googlen ergab dass es sich dabei um eine Pornoproduzentin und Pornodarstellerin handelt, die seit 2004 wegen Obszönitätsanklagen vor Gericht steht. Die allwissende Müllhalde hält fest:

She became known for the extreme content of her films, directing movies like Cocktails (2000) in which women drink vomit and other bodily fluids, Fossil Fucker (2001) in which old women have sex with young men, Cannibalism (2002), and Forced Entry (2002) which shows simulated rape

Hmmmm. Kotze saufen. Lecker. Und diese Lizzy Borden spielt die kleine Schwester von Cindy. Erster Auftritt: Candy sitzt in der Badewanne und singt Ernies Quietscheentchenlied. Dann trocknet sie sich ab, wirft sich einen tief ausgeschnittenen Fummel über ihre extrem künstlichen Brüste (wobei zweimal – zufällig – Nippel im Bild zu sehen sind) und sagt ihren Eltern Winke-Winke. Das ist aus mehreren Gründen extrem verstörend. Candy ist entweder mental vollkommen retardiert oder der Silikonbomber soll hier ein Mädchen spielen, das so um die sieben oder acht Jahre alt ist. Wenn ein implantierter Hardcorepornstar von 24 Jahren ein Kind spielt, ist es dann noch Pädophilie oder einfach nur daneben?

Oh und das Strip-Ouiji? Das bringt weder die Geschichte voran, noch bekommt der B-Film-Connaisseur nackte Tatsachen zu Gesicht. Es erfüllt also gar keine Funktion, außer vier Charakteren etwas zu tun zu geben, während unsere “Toon”-”Freunde” mit den nervtötenden Soundeffekten (Das Lachen! Das Lachen!) drei andere Figuren töten.

Problematisch für den Film ist übrigens auch, dass die Brüste von Frau Borden noch das glaubwürdigste am gesamten Film sind. Alle Darsteller (durch die Bank weg) belegen warum es sich lohnt seinen Kindern doch Schauspielunterricht zu finanzieren und nicht auf die alte Methode “Schwimmen lernt man im Wasser” zu setzen. Wir sprechen hier nicht von B-Movie schlechtem Acting, wir sprechen hier von Acting gegen das die Schauspieler aus dem “Warum liegt hier überhaupt Stroh rum?”-Meme wirken wie Robert effin’ DeNiro und Judi fucken Dench. Die Dialoge spielen auf einem ähnlichen Niveau, sind aber nicht einmal unfreiwillig komisch sondern einfach nur langweilig.

Langeweile ist ohnehin der stille Killer dieses Films. Selbst schlechte Dialoge, hundsmiserable Schauspieler und Soundeffekte gegen die Amnesty International protestiert wären erträglich, wenn der Film einen soliden Flow hätte, wie wir Berufsteenager von Mitte Zwanzig das so nennen. Den hat er aber hinten und vorne nicht. Zwischen den Szenen, in denen etwas passiert ist viel, viel, viel, viel Leerlauf. Teenager von Mitte Zwanzig sitzen im Wohnzimmer und sprechen über gar nichts. Oder sie spielen Strip-Ouiji. Oder wir sehen Cindy beim Flennen zu. Oder dabei wie sie dreißig Sekunden auf eine DVD-Presse einprügelt. Wenn ich bei einem Film von kaum 70 Minuten Laufzeit das Gefühl habe, dass ich gleich vor Langeweile abstelle, dann ist irgendwo etwas schief gelaufen. Ähm, es ist eigentlich alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte.

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Das gilt auch für zwei weitere Kategorien: Regie und Special Effects. Regie bedeutet hier: Eine extrem grässliche Montage während des Strip-Ouiji (unterlegt mit noch grässlicherer Musik) und ansonsten wurde die Kamera entweder an einer Stelle abgelegt und da blieb sie dann für den Rest der Szene (ohne einen artistischen Wert wie etwa in Auto Focus… vielleicht konnte der Kameramann die Szenen nicht ertragen und hat auf halber Strecke gekündigt) oder Nahaufnahmen. I’m ready for my closeup, Mr. Demille. Well, you better well should be: Denn dieser Film besteht zu gefühlten achtzig Prozenten aus extremen Nahaufnahmen. Kopf von Cindy. Kopf ihrer Freundin Amy. Wieder der Kopf von Cindy. Die Talking Heads. Ist das sowas wie der Fußfetisch von Tarantino?

Zu den SFX. Man hatte also nicht genug Geld für richtige Zeichentricksequenzen. Man hatte aber offenbar genug Geld um sich die “Mein erstes Schneidestudio”-DVD vom Grabbeltisch beim Aldi zu kaufen. Wir bekommen einen Miese-Effekte-Übertod der ersten Güte. Grässliche Green-Screen-Sequenzen. Wenn es doch mal Animationen gibt, dann sind diese nur marginal weniger animiert als die alten Marvel-Zeichentrickserien. Der Vogel etwa, der ganze zwei Animationsphasen hat. Oder zwei Clipart-Geier, bei denen man zwar die Flügel animiert hat (zwei Animationsphasen) sonst aber nichts. Gerne bewegt man auch einfach mal ein Standbild quer über den Bildschirm. Hey, das merkt schon keiner. Und dann gibt es noch die vielleicht aufwendigste Explosion der Filmgeschichte seit der Explosion des ersten Todessterns im nicht remasterten Star Wars:

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Schön auch wie die folgende Sequenz ganz offiziell als “Special Effect” gilt:

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Wow. Da sieht man wohin die 2.300 Dollar geflossen sind. Und wer jetzt einwirft “Hey, für 2.300 Dollar darf man nicht zuviel erwarten”, dem antworte ich: “Richtig. Darum dreht man so einen Film erst gar nicht wenn man nicht das Budget dafür hat.” Die Explosion wird noch “besser” dadurch, dass die Cindy und Amy plötzlich von ihr zur Seite geschleudert werden. Und weil wir es hier ja mit wacky cartoon hijinx zu tun haben können die beiden Aktreusitäten nicht einfach zur Seite fliegen, sie müssen das “lustig” tun. Sprich: Ihre Standbilder werden nach links und rechts aus dem Bildschirm gekippt. Mein Becher fließt über. Ich kann nicht mehr.

Only gore can save us now. Liefert der Film wenigsten auf der Splatterseite das, was ihm nachgesagt wird? Njaaa… nyah… nah… nein, eigentlich nicht. Gut, wir bekommen noch in der Teasersequenz zu sehen wie ein kleiner Junge (gespielt von einem Mittdreißiger) seine Gedärme und seinen Schädel durch den Bauch entfernt bekommt. Das war aber schon das Härteste. Ansonsten haben wir eine okaye Handpuppensequenz. Eine billige Enthauptung mit einer übergroßen Schere. Ein Pizzabote wird mit einem übergroßen Pizzaschneider gefünftelt. Zumindest nehme ich das an, denn die Szene selbst sehen wir nicht. Nur einen Überblendung, bei der die alte Szene in Pizzastückform der neuen Szene weicht. Wahrscheinlich waren da die 2.300 Kröten schon aufgebraucht. Dann bekommen wir eine Lobotomieszene (sieht auch eher käsig aus), die Explosion von oben und Amy wird mit einer übergroßen Säge zerteilt.

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Oh… und der grausamste Tod von allen. Während des Strip-Ouiji erscheint eine Diskokugel in Cindys Wohnzimmer. Alle sind gar schröcklich erschrocken. Dann spielt Musik, die in etwa so klingt wie das Demo-Lied eines viertklassigen Schweinekeyboards in der Spielwarenabteilung von Woolworth und dazu beginnen Dr. Carnage und Max Assassin zu tanzen. Tanzen wie in Pokémon Episode #38. Spasmodische Zuckungen. Das finden die Rententeenies aus irgendeinem Grund lustig… und normal. Weil, hey, da tauchen ständig zwei Freaks in Latexmasken in meinem Wohnzimmer auf und zappeln zur schlechsten “Musik” der Welt. Was soll daran nicht lustig oder gar verstörend sein? Muss das Studio 60 on the Sunset Boulevard Syndrom sein. Einer der Teens lacht sich dann wirklich zu Tode und kotzt sich das Herz raus. Oder den Magen. Oder irgendwas.

Anschließend packt der Gorilla seine Tommy Gun aus und demonstriert das Stormtrooper-Syndrom. Die Lustige-Geräusche-CD hatte leider keinen MG-Sound, darum klingt die Thompson wie eine dieser Spielzeugknarren die man sonst auf Schützenfesten oder einer Kirmes kaufen kann und die meist nach zehn Minuten kaputt gegangen sind.

Erkennt man bei den Todesarten einen Trend? Richtig: Joe Castro glaubt nicht nur irrigerweise dass schnelle Bewegungen automatisch lustig sind, er ist auch noch überzeugt dass eine Tötungsszene automatisch lustig oder cartoonig ist sobald ein übergroßes Mordinstrument darin auftaucht. Think again. Das hier ist Tom & Jerry mit extrem viel Kunstblut (das auch aussieht wie Kunstblut). Aber in Sachen kreativer Cartoongewalt? Um, ich werde seit fast zwanzig Jahren mit Itchy & Scratchy oder Celebrity Deathmatch innerlich abgestumpft. Und da soll ich schlechte Splatterszenen plötzlich gut finden, nur weil der Kopf mit einer übergroßen Plastikschere abgetrennt wird und nicht mit einer normalen Axt? Und: Keine fallenden Ambosse? Keine Kettensäge? Feh, sage ich. Feh.

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Cindy stirbt nicht, weil sie dem bösen Treiben ja Einhalt gebieten muss. Nachdem all ihre Freunde tot sind wird sie darum von den beiden Toons in die Cartoonwelt gebracht, wo sie Satan trifft. Warum ausgerechnet sie in die Cartoonwelt gebracht wird und nicht getötet, wie ihre Freunde? Weil… öh… Satan muss doch seinen großen Plan erklären und… äh… wir hatten gehofft, dass bis hierhin ohnehin alle vor der Glotze eingeschlafen oder zumindest katatonisch wären.

Satan sieht übrigens aus wie das illegitime Liebeskind vom Horny aus Dungeon Keeper und dem Drunken Master. Die Hölle besteht aus billigen Videoflammen. Und weil auf der Lustige-Geräusche-CD der Track “Schmerzensschreie der Verdammten” fehlte hat man “heulende Wölfe” gewählt um die Sequenz zu unterlegen. Ist ja quasi das gleiche.

Der Plan des big red cheese ist es übrigens Respekt zu erlangen. Darum will er seine Terror Toons an Kinder in der ganzen Welt verkaufen, woraufhin Dr. Carnage und Max Assassin aus den Fernseher steigen und Tod und Verwüstung über das Land bringen. Wow. Das ist ja sooooo ein genialer Plan. Und mit “genial” meine ich “zurückgeblieben”. Und mit “Plan” meine ich “Deppenidee”.

Die Sache mit Sutter Cane, bei der die Menschheit am Ende dem Wahnsinn anheim fällt und sich gegenseitig abschlachtet? Das war ein guter Plan. Der Plan dass zwei Latexmaskenspackos die Menschheit zu Fall bringen? Nigga, please.

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Cindy versteht dann die Logik der Cartoonwelt und entscheidet, dass sie eine Superheldin sein kann. Wobei Superheldin bei einem Zwergbudget bedeutet, dass Cindy das Dame-Edna-Kostüm von der letzten Karnevalsfeier auftragen muss. Satan, der die Macht hat Magazine mit einem Filmtrick verschwinden zu lassen, den wir schon in der zehnten Klasse mit einer Videokamera und einem freien Nachmittag beherrschten, droht Cindy… und lässt sich dann mit dem selben Trick verschwinden. Und plötzlich verliert Liz Hurley als Ich-will-doch-nur-Freunde-Satan in Bedazzled ihren letzten Platz auf der Filmteufel-Rangliste. Sorry, Hon.

Um das hier zu Ende zu bringen: Dame Cindy “fliegt” durch ihre Wohnung (ihr Standbild wird über den Bildschirm bewegt… man kommt sich inzwischen vor wie in einer der Animationssequenzen in Monty Python’s Flying Circus), stellt Dr. Grünspan und Gorilla Kurt und prügelt beiden die Grütze aus dem Leib. Mehr “Cartoon”-”humor” (ja das schreibt man zusammen, aber beide Wortteile verdienen ihre eigenen Anführungsstriche): Wenn man auf den Kopf des Gorillas tritt furzt es. Mehr Cliparts werden über den Bildschirm bewegt. Die Eltern kommen wieder. Cindy ist inzwischen batfuck crazy und – der obligatorische End”gag” – der Junge im Nachbarhaus bekommt von der Post seine Terror-Toons-DVD. Abspann. Danke.

Das mag jetzt auf dem Papier (oder woraus euer Monitor auch immer besteht) alles noch irgendwie amüsant anmuten. Fakt ist allerdings, dass Terror Toons kein liebenswerter Trash ist, sondern einfach nur ein wirklich, wirklich, wirklich schlechter Film. Battlefield: Earth schlecht. Grässliche Schauspieler. Musik die zum Ohrenbluten anregt. SFX die meine Oma am Amiga besser hinbekäme. Der Spannungsbogen verlässt nie die x-Achse. Lächerlich aussehende Splatterszenen. Mehr Großaufnahmen in 70 Minuten als Sergio Leone in einem drei Stunden dauernden Western untergebracht hat. Menschenverachtende Soundeffekte. Wieder. Und wieder. Und wieder. Der Terror aus dem Titel kommt höchstens auf, wenn man befürchtet, dass einen Dr. Carambolages Lache noch in den Schlaf folgen könnte. Brrr. Einer der schlechtesten Filme die ich je gesehen habe. Wirklich.

Aber, da man ja über Filme über die man nichts Gutes zu sagen hat, am Besten gar nichts sagt: Hier ein paar gute Dinge die mit Terror Toons zu tun haben. Der Film dauert ohne Einleitung und Abspann nur rund 71 Minuten. Die fühlen sich schon zu lang an… aber zumindest dauert er keine 90 Minuten. Lizzie Borden wandert vielleicht bald hinter Gitter, was Hoffnung macht, dass Joe Castro ihr für dieses Geschmacksverbrechen folgen wird. Falls das nicht passiert: Die Cast ist zumindest damit gestraft auf ewig in billigen Pornofilmen und viertklassigen TV Movies mitzuspielen. Und in ein paar Wochen kommt Terror Toons 2 raus.

Bei genauerer Überlegung ist der letzte Punkt nichts Gutes. Er ist sogar das genaue Gegenteil davon…

0/5


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