Archive for January, 2007

Zwischenlink: International Gorilla Suit Day

Wednesday, January 31st, 2007

Das offizielle “Die tollsten Gorillas aller Zeiten”-Post, das für heute geplant war, verschiebt sich aufgrund universitärer Scherereien. Das sollte mich aber nicht davon abhalten, allen Lesern zumindest einen fröhlichen International Gorilla-Suit Day zu wünschen.

(Und natürlich auch an den gradiosen und zu früh von uns berufenen Don Martin, seine Cartoons und seine Soundwords zu erinnern.)

Berlin: Back to the Sixties

Sunday, January 28th, 2007

Wie geht in Deutschland eigentlich Demokratie? In Berlin legen gerade mehrere Parteien und eine Zeitung ein Musterbeispiel, einen demokratischen Husarenritt par excellence hin. Es geht um die Rudi-Dutschke-Straße. Also, noch heißt sie Kochstraße und mindestens ein Teil von ihr wird auch weiterhin Kochstraße heißen (weil es zu teuer wäre den U-Bahnhof umzubenennen), möglicherweise wird aber auch die ganze Kochstraße Kochstraße bleiben. Dann hätte die Dutschkestraße nie außerhalb der 69. Auflage an Berliner Falckplänen existiert.

Der Reihe nach: Zeitungen sollten eigentlich über Politik berichten und sie nicht machen. Und falls sie doch mal Politik machen, dann sollte es so sein wie im Falle Watergate: Presse berichtet über Politik, Politik zieht die Konsequenzen daraus. Es sollte nicht so ablaufen wie im Falle “Florida Rolf”: ZEITUNG erfindet ein Problem, das keines ist, schürt Sozialneid und klopft sich dann auf die Schulter, wenn Ping-Pong-Gerd ein Gesetz durchhaut, dass den deutschen Staat mehr Geld kostet als es einspart.

Genau so arbeitet aber mindestens eine ZEITUNG in der Bundesrepublik regelmäßig. Agendasetting, nennt man das. Und das schürt offenbar sowas wie Sozialneid. Immerhin ist die ZEITUNG der große Satan für die kleine, linke tageszeitung (wir Medienprofis sprechen auch schon mal salopp von der “taz”). Man erinnere sich da einfach mal an die große “Kalle, gib ma’ Zeitung”-Werbekampagne, bei der die ZEITUNG vor rund anderthalb Jahren das Gefühl hatte, die taz würde sie und ihre Leserschaft in den Schmutz ziehen. Und vom “in den Schmutz ziehen” versteht man was, bei der ZEITUNG.

Anyway: Die taz wollte wohl auch mal sowas wie Agendasetting betreiben. Auch mal spüren wie es ist, wenn man aktiv Politik betreibt und nicht nur darüber schreibt. Keine Macht für niemanden? War mal. Und in Anbetracht der Tatsache, dass man vor rund zehn Jahren einen Teil der alterwürdige Lindenstraße (benannt nach Mutter Beimer), an der zufälligerweise der Axel-Springer-Verlag seinen Hauptsitz hat, in Axel-Springer-Straße umbenannte, erschien es der taz nur gerecht, dass man jene Straße an der sie ihr eigenes Verlagshaus hat (das Rudi-Dutschke-Haus) doch auch umbenennen solle: In Rudi-Dutschke-Straße.

Das könnte mit Gedächtniskultur oder so einem Schmarr’n zu tun haben, aber sehen wir den Fakten mal ins Auge: Schlagzeilen wie “Was Axel kann, können wir auch” sprechen da eine deutliche Sprache. Hier geht es darum dem großen Satan eins auszuwischen. Oder in Basischinesisch: Zwei Zeitungen haben “Beef” miteinander und tragen das auf Kosten der Stadtkasse miteinander aus. Eine Springer-Straße ohne Dutschke-Straße? Undenkbar.

Bonusfakt: Die Kochstraße 50 ist, zumindest noch bisher, der Eingang zum Axel-Springer-Haus. Und die Ironie, dass der Axel-Springer-Verlag – zumindest bis er seinen Briefkasten an der anderen Seite des Hauses montiert – die Rudi-Dutschke-Straße auf den Briefkopf pappen müsste, ist der taz ganz sicher auch nicht entgangen. Und, das muss ich zugeben, das ist eine Ironie die ich schon sehr zu schätzen wüsste. Aber ob die Ironie ausreicht um eine Straßenumbenennung in Angriff zu nehmen?

Anyway, 2005 hat die Bezirksverordnetenversammlung im Berliner Stadtteil Friedrichshain – der von Grünen und Linkspartei.PDS dominiert wird und in dem die CDU trotz Pornstarbonus nur rund 8% einfährt (eine Strategie die schon bei der FDP scheiterte, obwohl die mit Dolly Buster und Peter Bond, gleich den doppelten Pornstarbonus hatten) – stimmte dem Antrag zu, die Kochstraße solle in Zukunft Rudi-Dutschke-Straße heißen.

So weit, so gut. Bisher ist das, je nachdem wie man es sehen will, affiges Gesinnungsgewichse oder eine legitim-demokratische Antwort darauf, dass Springer auch seine eigene Straße bekommen hatte. Aber das Polittheater beginnt erst: Die Friedrichshainer CDU entdeckte nämlich plötzlich etwas, das in Deutschland gerne mal suspekt ist: Direkte Demokratie. Ein Bürgerbegehren sollte her gegen die Rudi-Dutschke-Straße.
Immerhin
:

Die Umbenennung kostet den Anwohnern Geld und Zeit.

Geld das man in auch in eine bessere Schulbildung investieren könnte, damit man in Zukunft weiß wie man die Fälle richtig verwendet und keine sprachliche Bauchlandung hinlegt. Vielleicht ist das aber auch bürgernah, denn die Probleme der Bürger versteht man bei der Jungen Union:

Alle Anwohner müssen ihre Personalausweise und Reisepässe auf eigene Kosten ändern (verbunden mit langen Wartezeiten in den Ämtern) sowie ihre Verwandten, Freunde, Ämter benachrichtigen.

Und natürlich ist man für den kleinen Mann da:

Als die BVG Protest einlegte, weil die Umbenennung der U-Bahnstation 100.000 Euro kosten würde, änderten PDS und Grüne sofort ihren Antrag auf eine Teil-Umbenennung. Dem Druck eines Konzerns beugten sich diese Parteien, aber die kleinen Unternehmen und den Anwohnern in der Kochstraße sind der PDS und den Grünen völlig egal.

Argumentativer Tortenheber:

Die “taz” will doch nur den Axel-Springer-Verlag an der Kochstraße ärgern und selber ihren Sitz an der Rudi-Dutschke-Straße haben, obwohl es bereits einen Rudi-Dutschke-Weg an der FU gibt.

Was ja eigentlich sogar korrekt ist, aber die Aussage “will doch nur den Axel-Springer-Verlag [...] ärgern” klingt trotzdem irgendwie unprofessionell formuliert. Da hätte vielleicht noch einmal ein Erwachsener gegenlesen sollen. So mutete das irgendwie nach Kindergartengezänk an. So mit Sandkasten und Förmchen und allem. Was vielleicht sogar passt. Wobei man danach noch Argumente ins Feld führt, bei denen man sich nicht sofort den Widerspruch gefallen lassen muss: “Aber das war doch bei der Umbenennung der Linden- zur Axel-Springer-Straße keinen Deut anders.”

Da sind als Gegenargumente noch Dutschkes “Holger, der Kampf geht weiter” am Grab von Holger Meins, der Fakt dass er mal Sprengstoff transportiert habe (“mit seinem Kind zusammen in einem Kinderwagen”… überbietet das mal, Steve Irwin oder Michael Jackson) und sein Konzept der Stadtguerilla. Das sind Argumente, auf denen man eine Diskussion hätte aufbauen sollen. Das sind auch Gründe wegen denen ich gegen eine Dutschke-Straße wäre (trotz der Ironie einer Springer-Dutschke-Kreuzung und trotz des wohligen Gefühls wenn die Springer-AG an der Dutschke-Straße läge… aber wir haben auch Willy-Brandt-Plätze ohne des gerechten Ausgleichs wegen eine einzige Rainer-Barzel-Straße oder eine Günter-Guillaume-Gasse zu haben). So ganz überzeugen, dass es hier tatsächlich um die Person Dutschke geht und nicht um “Dutschke als Teufel in Menschengestalt der die gesamte ’68er-Generation verkörpert” kann man mich nicht.

Denn bestimmte Argumente greifen nur schwach, zumindest wenn man sich mal anguckt, wer sonst so in Deutschland mit Straßen ausgezeichnet wurde. Otto von Bismarck, und wir hier bei Agitpop respektieren Otto von Bismarcks zynische Realpolitik, war nun mit Kulturkampf und Sozialistengesetzen nicht unbedingt der größte Demokrat unter der Sonne. Hat aber das Reich geschaffen, das muss man ihm lassen. Und Franz-Josef Strauß hatte mit seinen Liebäugeleien für Pinochets Chile, mit seinem Respekt vor der Waffen-SS und der SPIEGEL-Affaire auch seine eher undemokratischen Momente.

Und wenn Dutschke der RAF und dem Linksterrorismus den Weg bereitet und sich damit also für eine Straße disqualifiziert hat, dann sollte man nicht übersehen, wem Paul von Hindenburg durch Ermächtigungsgesetze und Reichtagsbrandverordnung den Weg bereitet hat. Haben wir die Marx-Straßen im Osten eigentlich schon abgeschafft?

Darüber hinaus: Laut Google Maps haben wir noch immer sieben Treitschkestraßen in Deutschland. Heinrich von Treitschke, das war jener sympathisch Aphorist der unter anderem den Dauerbrenner “Die Juden sind unser Unglück” prägte und auch ansonsten den Partyhit “Antisemitismus” in Deutschland salonfähig machte. Das sind Personen derer man doch gerne gedenkt.

Wie gesagt, ich persönlich bin kein sonderlich großer Freund der Dutschke-Straße. Dafür erscheint mir seine Argumentation, seine Idee der Stadtguerilla, dann doch wieder zu nah an der RAF. Und er half dabei Sprengstoffanschläge vorzubereiten, auch wenn diese nicht durchgeführt wurden. Das sind für mich keine Schlüsselqualifikationen für einen Straßenumbenennung. Da gibt es sicher verdienstvollere Rudis. Wo ist die Rudi-Carell-Straße? Und die Augsteinstraße in Mönchengladbach ist glaube ich auch nicht nach Rudi benannt.

Aber, worauf ich mit obigem hinaus wollte, man sollte bei der Argumentation trotzdem nicht das Ziel aus den Augen verlieren: Rudi Dutschke war nicht Andreas Baader. Und wenn man bei Dutschke so genau hinschaut, dann müsste man das bei einigen anderen auch tun, was zu einer peinlichen Umbenennungswelle führen könnte. (Auch wenn das im Fall Treitschke etwa längst überfällig wäre.) Darum benennt man Straßen am Besten gar nicht nach Personen. Oder gleich nach ganz vielen, damit man ein Zeichen setzt ohne wirklich was zu tun. Aber sowas wie die “Straße der Opfer des Faschismus” steht wieder auf einer ganz anderen Scheibe Käse.

Wenn man sich die Argumentationsmuster auf beiden Seiten anschaut, dann hat man das Gefühl, dass plötzlich der alte Klassenkampf wieder da ist. Das es politisch wieder um was geht: Dass unter den Talaren immer noch der Muff von tausend Jahren stecke. Dass die ZEITUNG immer noch das selbe hetzerische Massenblatt wäre, dass sie damals war… und eben nicht eine Zeitung der die traditionellen Leser davonlaufen und die politischen Einfluss heute auf andere, geschicktere Art und Weise betreibt. Und andererseits scheint da auch das Gefühl zu existieren, dass die Linke die Demokratie abschaffen und uns alle an Moskau ausverkaufen will. (Wobei… Gazprom…) Das eine Dutschke-Straße (gerade jetzt, wo eventuell Mohnhaupt und Klar freikommen) zum Sieg der radikalen Linken führen könnte. Ohne zu erkennen, dass die radikale Linke, der diese Straßenumbenennung etwas bedeutet, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, der Rente entgegensieht und deren Kampf gegen das Establishment heute daraus besteht, das taz-Abo noch nicht zugunsten der Titanic abbestellt zu haben.

Zumindest in den Köpfen scheinen die Sechziger wieder da zu sein. Dass die Frontlinien innerhalb der Gesellschaft inzwischen ganz anders verlaufen? Geschenkt. Wenn es Ostalgieparties gibt, Achtziger-Shows und Neunziger-Trivial-Pursuit, dann will die Generation von 68, egal ob konservativ oder links, auch nicht hintanstehen. Wenn’s nicht zu einer Fernsehsendung reicht, dann macht man sich halt seine eigene Politikposse und führt den Klassenkampf da fort.

Die CDU sammelte ihre 5.000 bis 10.000 Stimmen (je nachdem welche Zeitung gerade darüber schreibt) und kam somit mit ihrem Anliegen durch: Ein Volksbegehren würde stattfinden. Da die BVV schon entschieden hatte, dass die Kochstraße zum Teil bald Dutschke-Straße heißen sollte, ging es nun um das Anliegen: “Das Bezirksamt wird aufgefordert, die Umbenennung eines Teils der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zurück zu nehmen.” Verhältnisse wie in Florida: Kreuze “nein” an wenn du “ja” meinst. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, wo die Frage war: Dutschke-Straße, ja oder nein?

Eine andere Frage: Wieviel Geld spart die Stadt Berlin nun eigentlich durch den heroischen Einsatz der CDU? Da wird es dann wieder possierlich. (Oder was auch immer das passende Adjektiv zu Posse sein mag.) Laut Friedrichshains Bürgermeister würden sich die Kosten auf rund 1.000 Euro belaufen. Gegner der Straße schätzten die Kosten auf rund 200.000 bis 250.000 Euro ein. Da rechnet man natürlich nicht nach den selben Maßstäben (ich gehe davon aus, dass die einen die Montagekosten schon gar nicht mehr einrechnen, während die anderen argumentieren, dass jetzt jeder Deutsche einen neuen Stadtplan von Berlin braucht), aber nehmen wir mal an, dass die 200.000 bis 250.000 Euro der korrekte Wert sind. (Wobei wieder andere argumentieren, dass die Kosten 200.000 Euro für jedes einzelne ansässige Unternehmen betragen würden.)

Stellt sich die Frage: Wieviel kostet das initiierte Volksbegehren? Wohl so 200.000 bis 250.000 Euro. Wenn wir jetzt also davon ausgehen, dass die Umbenennung die Stadt 250.000 Euro kostet, dann würde die CDU hier der Stadt (und damit den Bürgern) ganze 50.000 bis 0 Euro sparen. Und das gilt nur, falls sie mit ihrem Antrag Erfolg hätte: Sonst kämen zu den Umbenennungskosten auch noch die Kosten für den Bürgerentscheid.

Was zumindest dem Argument, es ginge hier darum den ohnehin belasteten Etat der Stadt Berlin nicht weiter zu strapazieren, irgendwie den Wind aus den Segeln nimmt. Böse Zungen würden argumentieren, dass es hier um Ideologie geht. Die bedenken aber nicht die Zeit, die der Bürger beim Amt verbringen würde um sich umzumelden. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Das muss man also auf die 250.000 Euro draufschlagen und – zack – sind wir wieder im Plus.

Naja, diese Direktwahl kam aber der taz offenbar auch gar nicht mal so ungelegen: Die nutzte die Gelgenheit um sich selbst zu bewerben und Abos zu verkaufen um in der Bevölkerung Stimmung für die Rudi-Dutschke-Straße zu machen. Immerhin geht es hier um… öh… Ideale und so ‘nen Krams. Highlight des ganzen? Der große Rudi-Dutschke-Impro-Slam am 11. Jännar 2007. Zu gewinnen gab es etwas, das die taz ohne rot zu werden (Wortspielalarm) als “adäquaten Preis” bezeichnete: Ein Wochenende im Wellness-Hotel. Das kommentierte die Titanic ganz nonchalant:

[W]ar es denn dafür wirklich nötig, zuvor mit dem volldebilen Slogan “from Disco to Dutschke” einen “großen Rudi-Impro-Slam” auszuloben, dessen teilnehmende Redner “drei Minuten Zeit haben, um den ‘besten Rudi’ zu machen”? Dem Sieger winkte ein Wochenende “im Vier-Sterne-Hotel Vierseithof”, in dem dann “Zeit ist, in Wellness-Bereich und Gourmet Restaurant über Dutschkes Wirken nachzudenken”. Und wo könnte man über Dutschkes Wirken und Denken auch besser sinnieren als in einem überkandidelten Luxusschuppen mit Edelfraß und Beautyscheiß, mit Ayurverdagedengel und Algenschlickpackungen? Um dann, beim Entspannen im Whirlpool, den “besten Rudi” zu machen? Und einfach in der Wanne abzusaufen?

Die Wahl selbst gewann die taz… öh… Dutschke… öh… die Demokratie… einer von den üblichen Verdächtigen halt. 57% der Wählenden entschieden, dass die Irgendwie-schon-Dutschke-Straße auch weiterhin Dutschke-Straße werden sollte. Darüber berichtet auch die taz. Wobei das Ergebnis weniger klar ausfiel als erwartet. Und zu dem Kasperletheater führt, dass wir inzwischen nach jeder Wahl erleben dürfen, bei der nicht eine Partei mindestens 100% der Stimmen abgegriffen hat: Beide Seiten stilisieren sich zum Sieger. taz, Grüne und Linkspartei.PDS weil die Bürger gezeigt haben, dass sie eine Dutschke-Straße wollen, die CDU weil sie “ein gutes Ergebnis [erreicht hat,] angesichts dessen, dass wir gegen eine übermächtige Linke und die taz haben kämpfen müssen“.

Bei den direkt betroffenen Anrainern der Kochstraße fiel das Votum allerdings deutlich anders aus: Da votierten 75% gegen die Umbenennung der Kochstraße. Das weiß die taz auch, entscheidet sich aber das lieber nicht nach außen zu tragen. Hier geht es immerhin nicht mehr um Journalismus, hier geht es darum ein Ziel durchzuboxen.

Wem das allerdings aufgefallen ist, ist die CDU. Wir erinnern uns, das waren die sympathischen Basisdemokraten, die gesagt haben, dass man sowas nicht über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden, sondern die Bürger fragen solle. Die Bürger, zumindest jene die zur Wahl gingen, sagten dann mehrheitlich “njet” zum CDU-Antrag. Aber weil ja die direkten Anrainer mehrheitlich “da” zum CDU-Antrag sagten, fordert man nun Klaus-Jürgen Wowereit, Partybürgermeister und selbst gegen die Dutschke-Straße, auf den Senat einzuschalten und die Umbenennung der Straße ex cathedra zu stoppen.

Denn: So geht direkte Demokratie wenn man direkt verliert. Konnte ja keiner ahnen, dass die periphären Gebiete auch mitwählen dürfen. Mit der gleichen Logik hätte die CSU 2002 auch Johannes Rau auffordern können, er solle Edmund Stoiber zum Bundeskanzler ernennen, weil immerhin die Mehrheit der Bayern ihn gewählt habe.

Und selbst wenn der Senat entscheiden sollte, sich aus der Sache rauszuhalten (was wohl auch noch nicht so ganz feststeht, weil man offenbar mit dem Thema gut Stimmen auf der Linken und der Rechten fischen kann), dann steht die Kiste immer noch offen: Eine Anwohnerinitiative, der auch die Axel-Springer-AG angehört, hat schon im März 2006 Klage gegen die Umbenennung der Straße eingereicht. Das findet die taz aber auch total undemokratisch. Sagt Peter Unfried: “Die Menschen wollen die Dutschke-Straße. Springer muss die demokratische Entscheidung akzeptieren und die Klage sofort fallen lassen.

Schön gesagt. Weil man sicher sein kann, dass die andere Seite im Zweifelsfalle natürlich nicht vor Gericht gezogen wäre, da spricht der Track Record ja für sich selbst. *hust-hust*. Schön auch, wie man die gesamte Anwohnerinitiative allein auf Springer reduziert: Der mag zwar der mächtigste Kläger sein, ist aber eben nicht der einzige. Nur: Für die Verkaufszahlen macht es sich natürlich besser, wenn man den alten Klassenkampf und den alten Klassenfeind noch einmal aus der Mottenkiste holen kann.

Erwartet wird ein Gerichtsurteil frühestens im Sommer 2007, bis dahin bleibt die Kochstraße mindestens noch Kochstraße. Eventuell auch noch ein paar Jahre länger, wenn eine der beiden Parteien anschließend Revision einlegt. Aber unsere Musterdemokraten auf beiden Seiten werden einen Gerichtsbeschluss sicher problemlos akzeptieren.

Übrigens, einen Gewinner gibt es bei der Posse trotzdem schon: Die Wahlbenachrichtigungen zur Bürgerinitiative der CDU wurden von der Pin-AG ausgefahren. Kostenpunkt: 60.000 Euro. Die Pin-AG gehört laut Netzeitung mehrheitlich der Holtzbrink (das sind die mit dem StudiVZ) und – trommelwirbel – der Axel-Springer-AG. Der Schmerz vielleicht ein paar Wochen lang den offiziellen Haupteingang an der Rudi-Dutschke-Straße zu haben dürfte das Geld lindern.

Und das, Ladies und Gentlemen, ist deutsche Demokratie und deutsche Nachrichtenkultur: Warum soll man über eine Story berichten, wenn man sich die Story selber machen kann? Hat ja auch eine schöne Tradition. Und zumindest hat die taz keinen Krieg vom Zaun gebrochen, so wie das Hearst und Pulitzer damals, zur Jahrhundertwende.

In letzter Instanz ist ja die taz eine Zeitung, die es nicht geschafft hat sich rechtzeitig neu zu erfinden. Sicher, sie hat ihr linkes Stammpublikum, aber das wird ihr zu einem Großteil auch langsam aber sicher verrenten. Die taz war nie die stabilste der deutschen Tageszeitungen, da dürfte die große Anzeigenflaute durchaus schmerzen. Was ist also sinnvoller, als sich noch einmal selbst zu stilisieren, seiner Leserschaft zu zeigen, dass man es noch drauf oder generell gesellschaftliche Macht hat: Also drückt man die Ehrung eines umstrittenen Weggefährten durch. Dabei geht es, egal was die taz sagen mag, nicht um Erinnerungskultur oder deutsche Geschichte. Dabei geht es primär darum es sich selbst zu beweisen und nebenbei der Axel-Springer-AG eine reinzuwürgen. Und nebenbei vielleicht ein paar zusätzliche Abos zu verkaufen.

Der Kampf, den man in den Sechzigern auf den Straßen austrug, den trägt man heute auf den Straßenplänen aus. Die Springer-AG hat den Fehdehandschuh zwar leider nicht so aufgenommen, wie man sich das vermutlich erhofft hat (also mit einer großen Anti-Dutschke-Kampagne in der ZEITUNG), aber die CDU hat immerhin gleich den alten Beißreflex bewiesen, als der Name Dutschke fiel. In Zeiten, in denen Parteien auf beiden Seiten des Spektrums mehr und mehr an Profil verlieren und die Bürger immer stärker das Gefühl haben, dass es eh egal ist, wen man jetzt wählt, da ist das natürlich ein dankbares Thema zur politischen Standortbestimmung.

Oh halt, man möchte ja nur dem Bürger Geld sparen und ihn von der Linksdiktatur in Friedrichshain befreien: Indem man ein ähnlich teures Bürgergebären startet… und dann heulend zu Wowi rennt, wenn das Ergebnis nicht so ist, wie man es sich gewünscht hat. So macht man direkte Demokratie und so zeigt man, dass man den Bürger ernst nimmt. Kudos, Erzdemokraten.

Da ist er wieder, der alte Klassenkampf. Konservative Spießer gegen linke Spießer Revoluzzer. Wenn’s ’68 ein Straßenfeger war, warum nicht heute wieder. Wenn die jungen Revoluzzer von einst jetzt die zu überholende Elite stellen (Joschka als Außenminister, Schily als Law-and-Order-Politiker), dann muss man halt noch einmal den Kampf “Dutschke vs Springer” aus dem Schrank holen um sich wieder Profil zu geben. Und dann liefert man sich halt noch einmal einen Showdown, so wie damals.

Um mehr geht es hier doch gar nicht. Das man dabei ähnlich peinlich und jenseits seiner Blütezeit aussieht wie Bud Spencer und Terence Hill in Die Troublemaker ist egal. Was muss, dass muss. Vielleicht lag die ZEIT gar nicht so daneben als sie betonte, dass die ’68er-Bewegung schon immer Springer gebraucht hat.

Das was tageszeitung und Politiker aller Lager da zur demokratischen Grundsatzentscheidung hochfrisieren, dass hätte Tom Wolfe wohl als “Fegefeuer der Eitelkeiten” bezeichnet. Den basisdemokratischen Wert der Straßenumbenennung, die Relevanz die das Thema für Bürger hat, wie sehr es ihnen unter den Nageln brennt, dass sie vielleicht bald oder vielleicht auch nie eine Dutschke-Straße bekommen, sieht man daran wie unglaublich hoch die Wahlbeteilung beim Bürgerbegehren war:

Ganze 17%.

Seltsam. Wenn man den Lokalpolitikern zuhört oder die tageszeitung liest, dann wirkt das ganz anders.

Killer7

Friday, January 26th, 2007

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Whiskey Tango Foxtrott.

Das ist so ziemlich meine Reaktion auf Killer7, das ich gestern zu Ende gespielt habe. (Eigentlich zocke ich ja gerade Twilight Princess, aber Echtweltzeitfresser – unter denen auch das Blog gerade etwas leidet – haben dafür gesorgt, dass ich das Riesenbiest erst einmal in den Schrank gestellt habe.) Hmmm… Killer7 ist so ein Spiel von dem mir gesagt wurde: “Du wirst es lieben oder hassen.” Ein Spiel, das einige Blogger und Gamer als das revolutionärste Produkt seit Pong anpriesen und andere als unspielbaren, inkoheränten Japanokunstmüll abgekanzelt haben. Und wie sehe ich das? Bin ich für niedliche, kleine Welpen oder will ich, dass die Terroristen gewinnen? Ich würde sagen: Ja.

Was ich vielleicht hätte tun sollen, wäre das Manual lesen. Sowas mache ich ja aus Prinzip nicht, weil man heute ohnehin im ersten Level ein Tutorial erhält, dass in die spielerischen Elemente einführt. Das ist auch bei Killer7 der Fall. Allerdings: Das Handbuch hätte meinen Kulturschock vielleicht etwas gemindert, weil ich zumindest eine grobe Ahnung gehabt hätte, was es nun auf sich hat, mit diesem Kerl im weißen Anzug und dem großen Koffer, der plötzlich flackert und sich in einen Kerl im blauen Anzug mit großer Wumme verwandelt, der von einem Kerl im roten Gimp-Anzug in einer verfremdeten Sprache Spieltipps und die Warnung “Master. We are in a tight spot. It’s very tight…” bekommt. Oder mit den lachenden, unsichtbaren Bombenmonstern und dem Kerl mit dem starren Gesichtsausdruck und den Muskelshirts mit den Namen seltsamer Musikrichtungen drauf, der mich darauf hinweist, dass ich Soul Shells brauche um Zugang zum Vinculum Gate zu erhalten.

Und das sind nur die ersten fünfzehn Minuten. Kulturschock, wie gesagt.

Gekoppelt wird das mit einem Gameplay, das entweder gezielt bis auf die Knochen ausgezogen wurde oder viel zu simplistisch ist. Da darf man gespaltener Meinung sein. Was ich für nicht ganz legitim halte, ist es die Probleme die man mit der Gesampräsentation von Killer7 hat, dann am Gameplay auszulassen. Also, etwa eine 0/5-Gameplaywertung zu geben.

Das Gameplay ist bei weitem nicht fehlerfrei, es kann sogar gelegentlich extrem nerven, aber es unterscheidet sich per se nicht so sehr von dem, was Spitzentitel abliefern. Nehmen wir zwei der Hauptkritikpunkte: Einmal ist da der Umstand, dass das Spiel “on rails” abläuft. Der Spieler drückt den A-Button (Gamecube-Version), die Spielfigur läuft auf einem vorgegebenen Pfad. Gelegentlich kann man an einer Weggabelung entscheiden, wohin man gehen möchte und wenn man ganz wagemutig ist, dann kann man den B-Knopf drücken und in die entgegengesetzte Richtung rennen. Der 3D-Stick hat keine Bedeutung für die Bewegungen, man braucht ihn nur an den Weggabelungen (wenn wir von “Schienen” sprechen, sollten wir hier vielleicht das Wort “Weichen” verwenden) um eine Richtung auszuwählen.

Da sehe ich gar kein Problem. Nach kurzer Eingewöhnungszeit war diese Form der Bewegung für mich sogar ganz angenehm. Denn, in letzter Instanz: So anders von einem Schlauch-Shooter ist das nicht. (Schauchshooter. Id est: Ein Shooter bei dem man sich zwar frei bewegen kann, aber die Levels in Form eines “Schlauchs” aufgebaut sind, bei dem man sich ohnehin immer nur vorwärts geht. Exempli gratia: So ziemlich jeder Shooter der letzten Jahre.) Und es gibt die Möglichkeit große Levels mit vielen Türen (eine Schule, zum Beispiel) einzubauen, ohne dass der Spieler jede einzelne Tür abklappert um zu sehen, wo er rein kann und wo nicht. Das war so etwas, dass mir bei Silent Hill 2 und 3 irgendwie auf die Nerven ging. Hier weiß man, dass man nichts verpasst hat und hat nicht mit Milliarden zufällig blockierter Türen zu kämpfen.

Jetzt einen Delling: Zu kämpfen hat man aber mit den Heaven Smiles, den fies lachenden, monströsen, lebenden Bomben, die langsam auf den Spieler zustampfen. Sobald man das Lachen hört, zieht man seine Waffe (rechte Schultertaste), scannt den Raum (linke Schultertaste) und pumpt den Gegner dann mit Blei voll. Kritikpunkt war hier: Man kann nicht gleichzeitig laufen und schießen. Stimmt. Konnte man aber im ganz hervorragenden Resident Evil 4 auch nicht. Im Kern sind die Shoot-Outs in beiden Spielen sehr ähnlich.

Wobei die Shoot-Outs in Killer7 nach kurzer Zeit quasi automatisch ablaufen, wenn man für den ersten seiner Charaktere das “critical lock-on” erhalten hat. Man erhält für jeden getöteten Gegner zwei Arten von Blut: Dickes Blut kann man in “Serum” umwandeln, mit dem man dann die Stats eines Charakters aufbaut (also: dickes Blut = XP), dünnes Blut verwendet man im Spiel um sich zu heilen und irgendwelche Special Moves auszuführen (unsichtbar werden, schnell laufen, Powerschüsse abgeben). Dickes Blut erhält man in größerer Menge, wenn man einen Gegner nicht einfach so erschießt, sondern den einen Fleck seines Körpers trifft, der zum sofortigen Exitus führt. (Töten lernen mit Killerspielen: Jeder Mensch hat einen Körperstelle, die ihn sofort explodieren lässt.) Und mit besagtem “critical lock-on” wird beim scannen sofort diese Stelle anvisiert. Scan, Schuß, nächster Gegner.

Und dennoch gibt es ein paar durchaus herausfordernde Stellen und Gegner. Etwa den “Timer Smile”. Ein Gegner mit rund sieben Hotspots, die es zu treffen gilt, eher das Monster sich in Wohlgefallen (und dickes und dünnes Blut) auflöst. Problem an der Sache: Sobald nur noch ein Hotspot vorhanden ist, rennt das Biest mit einem unchristlichen Tempo auf mich zu und es wird wirklich knüppelhart und hektisch diesen einen Hotspot jetzt noch zu erwischen. Was mir Sekunden bevor ich in die Luft gesprengt werde, durch reines Glück und panisches Buttonmashing gelingt. So intensiv gestaltet sich das Spiel allerdings selten. Mit dem “critical lock-on” ist ein großteil des Spiels Schlafwandlerei.

Und an anderen Stellen hat das Gameplay Macken, die nichts mit “simplistisch” oder “bare bone” zu tun haben, sondern einfach nur Macken im Gameplay sind. Etwa die Gegner, die respawnen. Nichts gegen Gegner die respawnen. Das kann man sehr schön verwenden um Terror beim Spieler auszulösen (Musterbeispiel dafür war System Shock 2). Aber wenn sich ein Gegner nur Zentimeter vor meiner Spielfigur respawnt und ich quasi in die Luft gejagt werde, ohne mich wehren zu können, dann nervt das extrem. So wie es nervt, wenn man das Lachen eines Gegners hört, ihn aber nicht sehen kann, weil er sich hinter einer Ecke befindet. Man möchte nicht riskieren, dass man in die Luft fliegt, weil man beim passieren der Ecke mit dem Gegner zusammenstößt. Also wartet man. Und wartet. Und wartet. Dann überlegt man, dass das vielleicht ein stationärer Gegner ist, der da auf einen lauert. Man wartet also noch etwas. Und wartet. Und wartet. Und irgendwann sagt man sich “Ah, scheiß drauf”, geht doch um die Ecke… und stößt garantiert dann mit dem Gegner zusammen. Das sind dann die Momente, in denen die Schwachstellen des Rail Approaches deutlich werden.

Was hervor sticht sind die Momente, in denen das Spiel ganz bewusst vom bisherigen Spielablauf wegrückt. So gibt es einen Level in dem man den Endboss nicht in üblicher Endbossmanier (finde die Schwachstelle, schieß drauf) erledigt, sondern sich mit ihm ein echtes Duell liefert. Sobald die Taube auf seiner Schulter losgeflogen ist, gewinnt der, der als erster zieht und schießt. Immer noch: Simpelste Spielmechanik. Aber das war einer der stimmigsten, lässigsten und wohl auch denkwürdigsten Bosskämpfe, die ich seit langer Zeit erlebt habe. Die Szene wird mir auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben.

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Die Puzzles sind… pffft… okay, Jan argumentiert auf Kackreiz, dass die Puzzles ein Beleg dafür sind, was für einen Scheiß wir in anderen Spielen schlucken, weil er schön verpackt ist. (Ironischerweise war es genau das Gefühl, das ich bei Killer7 zum Teil hatte… aber dazu später.) Dass diese Puzzles, ähnlich wie das Lauf-und-Schieß-Element, einfach so sehr reduziert wären, dass sie die Albernheit der Puzzles in anderen Spielen deutlich machen würden. Das ist eine Theorie, die ich gelten lassen würde und mit der ich sogar leben könnte. Killer7 hat simplistische Rätsel und einen Hinweisoverkill, weil andere Spiele das auch haben.

Nur, irgendwie klickt die Theorie bei mir nicht so recht. Wenn ich den inheränten Unsinn anderer Rätsel bloßstellen möchte, dann sollte ich das fokussierter tun. Ein Level in dem man konstant mit diesen abstrusen und doch oft supersimplen Rätseln konfrontiert wird? Okay. Das wäre ein Punkt, den man macht. Aber wenn das Rätseldesign das ganze Spiel durchzieht und grundlegend ist um im Spiel weiterzukommen, dann bewegt man sich – für meinen Geschmack – schon wieder zu weit von der Parodie weg. Ich kann nicht etwas auslachen, es dann aber ironiefrei zum integralen Teil meines eigenen Spiels machen. Und die Rätsel sind oft, um, simpel. Da muss man Kerzen in der richtigen Reihenfolge anzünden. Kerzen die von 1 bis 5 durchnummeriert sind. Und für den Fall, dass das Spiel von jemandem gespielt wird, der gerade den Hirntod erlitten hat, gibt es sogar noch einen anderen Kerl der da rumsteht und mir, bei Bedarf, haarklein sagt, was ich zu tun habe.

Ansonsten gilt es: Find hot spot, use ring, find hot spot, use ring, repeat ad nauseam. Meist ist klar, welcher Ring benutzt werden kann, aber auf dem normalen Schwierigkeitsgrad wird das zudem noch auf der Karte markiert. An Stellen, an denen ich die Spezialfähigkeiten einer meiner Spielfiguren verwenden muss, werde ich auch von den herumstehenden Stichwortgebern mit der Nase draufgestoßen. Ein schwerer Truck… es bräuchte die Stärke eines Wrestlers um ihn zu bewegen. Hmmmm, was mag mir diese kryptische Botschaft sagen. Und bloß weil ich bisher jedes Vorhängeschloss im Spiel mit Coyote Smith geknackt habe, ist das kein Grund um mir nicht noch einmal dezidiert zu sagen, dass der Dieb hier helfen könnte. Tell me more. Rätseloverkill: “Das Wort auf meinem Shirt ist das Passwort.” OMG, wie knifflig. Was mag das bedeuten?

Vielleicht entgeht mir da der subtile Humor… oder Humor ist so brachial, dass ich ihn verpasse, weil ich auf etwas Subtiles warte (Wald, Bäume, sehen, nicht, vor lauter… und so). Aber der Rätselteil des Spiels ist extrem unbefriedigend. Und natürlich, die Rätsel in anderen Spielen – sei es Resident Evil, sei es Silent Hill – sind häufig willkürlich und random. Aber das war mir auch während des Spiels klar. So lange sie fordernd und fair sind… und nicht völlig aus der Spielwelt rausbrechen… kann ich damit aber gut leben. Killer7 macht das, ehrlich gesagt, schlechter als die Spiele, die hier als Vorlage gedient haben mögen. Und eine Alternative bietet das Spiel auch nicht an. Vielleicht wäre es nett gewesen, wenn ich hier zumindest wie in Silent Hill den Schwierigkeitsgrad der Kämpfe und der Rätsel getrennt hätte auswählen können.

Genug vom Gameplay. Sprechen wir kurz über den Grund, warum ich jeden verstehe, der das Spiel als “japanischen Kunstmüll” titulieren möchte. Denn, einige Teile des Spiels verstehe ich… andere verstehe ich gar nicht. Das, so wird mir versichert, ist Kunst. Ein Spiel das mich nicht an die Hand nimmt, sondern mich zwingt selber über das nachzudenken, was mir da eben präsentiert wurde. Ein Spiel das mich nicht als Idiot betrachte, sondern als intelligenten Menschen dem nicht alles vorgekaut werden müsse. Stimmt, man muss mir nicht alles vorkauen. Aber da sich meine Küchenfähigkeiten darauf beschränken, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, wäre ich dankbar wenn man mir das Essen zwar nicht vorkaut, es aber zumindest für mich kocht. Killer7 stellt mir einfach eine Vielzahl an Zutaten auf die Arbeitsfläche und sagt dann: Mach mal.

Fair enough, es gibt Leute die auf sowas stehen. Bei Gamefaqs gibt es ein über hundert Seiten langes Traktat, in dem haarklein die vielschichtigen Elemente des Spiels analysiert und erklärt werden. Messianismus, Siegmund Freud, die Kamikaze-Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg, Ost gegen West, Gott gegen Satan, Gut gegen Böse, Wiedergeburt, the whole nine yards. Ich finde zwar respektabel, wie viele Gedanken sich hier jemand über das Spiel gemacht hat und wie er haarklein dargelegt hat, warum Killer7 der vielleicht wichtigste theologisch-philosophische Text seit der verlorerenen Perry-Rhodan-Novelle des heiligen Thomas Aquinas ist… aber die gleichen Arschlöcher haben genau das gleiche noch vor rund acht Jahren auch über The Matrix gesagt. Und wir haben alle gesehen, wie das ausging.

Killer7 haut mir einen Haufen – zumindest scheinbar – unverbundener Elemente in einem Tempo um die Ohren, dass mir schwindelig wird. Atomkriege, japanische und amerikanische Politik, Kinderorganhandel, Magical-Girl- und Engel-Animes, Wiedergeburt, abgetrennte Mädchenköpfe die in Emoticons sprechen und Ringe verteilen, Sekten, Afros, vom Himmel fallende Steinköpfe, die Power Rangers, ein Videospiel im Videospiel, das Pentagon ist hier ein Pentagramm…

Den Politikteil habe ich, glaube ich, am Ende des Spiels einigermaßen geblickt. Ich muss sogar sagen, dass ich die Verschwörungstheorie zum US-Politiksystem so abstrus und neuartig finde, dass ich da wirklich meine Freude dran hatte: Die meisten Wahlkabinen stehen in Schulen. Ergo, das Bildungsministerium kontrolliert die Wahlen und bestimmt wer Präsident wird und wer nicht. Die These kannte ich noch nicht, sie gefällt mir aber.

Den Teil mit der Wiedergeburt, den gespaltenen Persönlichkeiten, der Wahrheit über Garcian Smith und Harman Smith habe ich im Gegenzug noch gar nicht gerafft. Da gebe ich dem Spiel aber erstmal keine Schuld: Wahrscheinlich habe ich Details übersehen, die mir das ganze deutlicher machen, falls ich mich ein zweites Mal an Killer7 wagen sollte.

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Bei anderen Dingen habe ich aber das Gefühl, dass das Spiel Tiefe vorgaukelt, die nicht da ist. Dass es mir Dinge an den Kopf wirft, weil es weiß dass das mit den Dingen ein gesunder Mindfuck passieren wird und ich in diese WTF-Stimmung versetzt werde, die aber trotzdem nur im Spiel zu finden sind, weil sie “cool” oder “seltsam” waren. Der riesige Steinkopf, der nach einem Bossfight vom Himmel fällt und zählt, wer mehr Treffer einstecken musste. Das Cosplaygirlie, dass vor unserem Shoot-Out einen ellenlangen Magical-Girl-Einleitungsmonolog inklusive Anime-Speedlines hält, frei nach den Frauen Sailor Himmelskörper oder dem Team Rocket in Pokémon. Da verstehe ich zwar die Anspielung, ich verstehe aber nicht was sie mir im Kontext des Spiels sagen soll.

Ebenso wie jener Level, in dem ich kleine Bottlecap-Figuren sammeln muss um weiterzukommen. Gut, diese Sammelmanier ist in vielen Spielen inzwischen Standard (erneut Resident Evil 4, weil es da auch Bottlecaps zu sammeln gab), aber es wirkt hier eben nicht wirklich wie ein kluger Kommentar. Außer es ist die Absicht des Spiels mich anzupissen.

Um an die Figuren zu kommen, werfe ich Münzen in einen Kaugummiautomaten. Das mache ich rund zwanzig bis vierzig Mal… dann habe ich die Sammlung komplett. Aber die sechs oder sieben Minuten, die es dauert um die Sammlung ranzuschaffen, nerven. Münze. Animation wie sich die Schraube am Automaten dreht. Kugel fällt aus Automat und dopst zwei oder drei Mal auf, dann wechselt der Bildschirm und wir sehen ob es eine neue Figur ist, oder ob die Kugel nur eine Figur enthält, die man schon hatte. Nach kurzer Zeit wird das extrem öde, weil es wirklich nicht mehr ist als: “Klick – lange Animation – klick – lange Animation – klick – lange Animation”. Nach ein paar Minuten habe ich mir überlegt, dass das vielleicht spannender wird, wenn ich mir dabei den Atemweg mit dem Gamepadkabel abschnüre. Die Designer scheinen ja auch an mangelnder Sauerstoffzufuhr gelitten zu haben, als sie das Element ins Spiel einbauten.

Und dann ist da die ganze Szene in der ich die Power Rangers… öh… die Handsomemen zu töten habe, die sich in einer Animesequenz inklusive Gainax-Bounce vorstellen. Danach landet das Spiel erstmals wirklich auf den besagten “Schienen”. Es steht fest, welche meiner Charaktere in 1:1-Duellen sterben und welche überleben. Ich muss trotzdem alle Duelle “durchspielen”. Dann gibt es noch eine Abspannsequenz, die mehr Fragen eröffnet, als sie beantwortet und dann folgt ein Abspann, wie er in einem älteren Konsolenspiel von Capcom zu finden wäre, ehe wir den Boss aus dem ersten Level sehen, wie er mit seiner Hand die Kamera abdeckt. Cleverer Sprung auf die Metaebene? Intelligenter Kommentar auf Videospiele? Gezielter Non Sequitur? You be the judge.

Fein, alle Brieftauben sind nach Bondgirls benannt. Aber wo ist da der tiefergehende Zusammenhang? Und alle Memos im Spiel sind nach Songs von den Herren Smith benannt (also, denen mit Morrissey, nicht denen mit Will), was ja insofern passt, als meine Spielfiguren allesamt den Nachnamen Smith tragen. Aber steckt da tatsächlich etwas dahinter oder ist das nur bizarr um bizarr zu sein?

Das Argument “Es ist Kunst” scheint mir da nur bedingt zu greifen, weil man damit alles rechtfertigen kann. Oder, halt, das ist die falsche Aussage. Sagen wir eher: Es mag Kunst sein, Geschmäcker sind verschieden… und ich habe nicht genug Ahnung um gute von schlechter Kunst zu unterscheiden. Ich weiß aber, auf einer Bauchebene, was ich mag und was ich nicht mag. Da mag ich mich als simpler Bauerntölpel entlarven, aber vieles in Killer7 ist mir zu random, zu unzusammenhängend, zu willkürlich.

Natürlich muss nicht immer alles perfekten Sinn ergeben. Jan wirft in seiner Rezi als Beispiele 2001 und die Werke von Franz Kafka in den Raum. Bei 2001 sollte man allerdings nicht ignorieren, dass es nur der letzte Teil des Films ist, der komplett abstrus wird (ab dem Sternentunnel). Davor haben wir normale SciFi-Kunst. Und ich als alter Banause finde 2001, abgesehen von den Szenen mit dem HAL-Computer, eher öde. Und selbst Kafka wirft nicht willkürlich mit abstrusen Kulturreferenzen um sich. Dessen Texte mögen zwar bizarr und verstörend, teils unverständlich, sein… aber sie bleiben auf einem festen Level an Bizarrheit.

Killer7 ist für mich eher Dada als Kafka. Und da kommt dann für mich wieder zum tragen, dass nicht jede Kunstform (und ja, Dada wollte immer Anti-Kunst sein) gleichermaßen gut mit jedem Medium funktioniert. Bin ich gewillt ein Buch von Kafka zu lesen? Klar. Bin ich gewillt ein dadaistisches Buch zu lesen, dessen Ziel es ist keinen Sinn zu machen und mich zu verwirren und meine Erwartungen in jeder Hinsicht umzukehren? Nein. Da halte ich es für Geschmacksfaschismus zu behaupten, dass Killer7 Kunst ist und man halt keine Ahnung von Kunst hat, wenn man Killer7 nicht begreift. (By the way: Das hat Jan nicht geschrieben. Das habe ich auf einem Messageboard aufgegriffen.) Schließlich ist niemand Fan “der Kunst” als monolithischem Block. Ich würde mir zwar ein Buch mit den Gemälden von Hieronymus Bosch oder M.C. Escher zulegen, aber keines mit den Gemälden von Jackson Pollock.

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Warum ich Killer7 trotzdem durchgespielt habe, obwohl ich den künstlerischen Level nicht sonderlich ansprechend fand und für überbewertet halte? Weil ich auf der anderen Seite dem Spiel zugestehen muss, dass es visuell und akustisch ein echter Burner ist. Der reduzierte und detailarme Grafikstil ist so ungeheuer schick, wie ich das lange nicht mehr erlebt habe. Irgendwo zwischen Interstate 76 und dem neuen Video von Kasabian angesiedelt, wirkt Killer 7 optisch sehr geschlossen und dezidiert anders.

Das gilt nicht nur für die Charaktere, sondern auch für die Levels. Es ist überraschend, wie memorabel und stilvoll man eine texanische Wüstenstadt oder ein japanisches Teehaus darstellen kann, wenn man gezielt den Großteil der Details wegflext. Das führt auch zu einem interessanten Verfremdungseffekt bei jenen Szenen, in denen gezielt auf Gewalt gesetzt wird (und davon gibt es einige): Das Blut, die Gewalt an sich, ist hochgradig stilisiert. Andersweltlich. Statt dem Trend zu folgen und den Splatter näher an die Realität zu rücken, geht man die andere Richtung: Extreme Gewalt, von der Realität entrückte Form. Blut in Killer7 sieht aus wie in der Luft wehende Partyschlangen oder rotes Konfetti.

Die Stärke des Rail-Prinzips ist der Wegfall der Kamera-Justierung. Der Spieler hat nur die Wahl, ob er die Kamera (meist befindet sie sich in der Froschperspektive) vor oder hinter der Spielfigur haben möchte. Das sorgt dafür, dass das Spiel konstant mit Einstellungen glänzen kann, die umwerfend hübsch sind. Fast jeder Screen eignet sich uneditiert als Wallpaper für den Desktophintergrund. (Der oben beschriebene Nachteil sind Feinde hinter Ecken… und gelegentlich zoomt die Kamera so dicht an die Spielfigur ran, dass man in Gegner läuft ohne es zu merken.)

Designtechnisch sind auch die Spielfiguren durch die Bank weg sehr schick. Sei es Garcian Smith, in seinem weißen Anzug mit dem riesigen Koffer, sei es Dan Smith der tatsächlich “straight out of japanime” zu stammen scheint und irgendwo zwischen Lupin III und Spike Spiegel aus Cowboy Bebop angesiedelt ist, sei es Harman Smith, der mit katholischer Priesterkluft im Rollstuhl rumrollt und die BFGigste Waffe im ganzen Spiel hat. Wobei mein persönlicher Favorit sicherlich Mask de Smith ist. Breitschultriger Lucha Libre mit Anzug, Cape und zwei Granatwerfern. Der dermaßen bösarschig ist, dass er einer auf ihn abgefeuerten Kugel einen Headbutt verpasst… und die Kugel dabei kaputt geht. Oh, und abgesehen davon ist er eigentlich gar nicht bösarschig, sondern ein großes, sanftmütiges Kind. Weird, aber das passt zum Spiel.

Schade nur, dass Harman, Garcian, Dan und Mask zwar ihren Auftritt im Rampenlicht erhalten, Coyote Smith, Con Smith, Kaede Smith und Kevin Smith aber mehr oder minder unter den Teppich gekehrt werden. Schade auch, dass man sich beim Gegnerdesign nicht so viel Mühe gegeben hat. Die Heaven Smiles sind doch eher uninspirierte Gegner. Aber ansonsten kann ich am Design nicht mäkeln: Das Spiel sticht aus der Menge hervor und wirkt fast wie aus einem Guss.

Warum nur “fast”? Weil in einigen Levels die Story in Anime-Zwischensequenzen weitererzählt wird. Die sind zwar auch ungemein hübsch gestaltet, sind aber auch ein extrem krasser Bruch zum Stilmittel Cel-Shading, auf den das Spiel ansonsten setzt. Besonders da man offenbar zwei verschiedene Animationsstudios engagiert hat und die Anime-Sequenzen auch untereinander noch einmal anders wirken. Kann aber natürlich auch sein, dass auch das wieder eine clevere Anspielung oder ein künstlerischer Kniff ist, der sich mir nicht erschließt. Aber manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.

Oh, wenn man sonst nichts aus Killer7 mitnimmt: Der Soundtrack ist eine echte Perle. Vom elektronischer Clubmucke über relaxtes Gitarrengezupfe im Karibiklevel bis hin zu westerntechnisch angehauchten Songs in der Texas-Mission, da sitzt jeder Ton.

Das ist für mich die Stärke des Spiels, die mich motiviert hat nicht aufzugeben. Killer7 ist ein Stylemonster, der coolste Typ auf der Tanzfläche. Ein Spiel, das dem Spieler volles Mett in die Eier tritt, was ihn aber nicht davon abhält zurück zu kommen und mehr zu fordern. Ohne Zweifel. Aber diesen Coolness-Faktor kombiniert das Spiel mit einer, für mich schwer tragbaren, Opazität in Sachen Story und Versatzstücke. Da wird dann ein so großer Haufen Anspielungen oder verwirrender Elemente dem Spieler entgegengeschleudert, dass dabei jede potentielle Aussage untergeht. Klar, man darf vom Spieler erwarten, dass er mitdenkt und nicht nur blindwütig konsumiert. Aber das kann auch zum Selbstzweck werden: Ich haue da jetzt noch etwas ganz Stranges mit rein, der Spieler wird sich seinen Teil schon denken. Und genau das Gefühl hatte ich bei Killer7 häufig. Mir ist das dann zu avantgardistisch und der Teil den ich mir dachte war: “Ja. Ne. Is’ klar. Go fuck yourself.”

Besonders wenn es mit dem extrem stromlinienförmigen Gameplay gekoppelt ist. Das ist nicht unerträglich schlecht, wie einige Rezensenten behaupten, es ist aber – sofern man es nicht als Kommentar auf alle anderen Spiele versteht – einfach nicht herausragend. Solides Mittelmaß, das zwar zu ein oder zwei netten Gedanken über Spielmechanik als Ganzes anregt, dass aber daneben auch nicht sonderlich viel Spaß macht. Funktional, würde ich es nennen. Ich denke, Killer7 würde auch ohne den ganzen abstrusen Hokuspokus insgesamt als Mittelmaß angesehen werden. In seiner jetzigen, verstörend-bizarren Form regt es natürlich zu zwei Extremreaktionen an: Entweder es ist der ultimative Schritt vom Spielzeug zu großer Kunst, oder es ist ein selbstgefälliges Kackspiel ohne Fokus. Auch wenn ich diese Wischiwaschi-Sachen eigentlich hasse: Beide Seiten haben irgendwie Recht.

Vielleicht ist der größte Zaubertrick von Killer7 der, dass man den Spieler an sich selbst zweifeln lässt. Weil das Spiel mir so selbstbewusst einen Haufen Nonsens an den Kopf schleudert, traue ich mich nicht laut “Bullshit” zu rufen, sondern frage eher ob ich einfach zu blöd für das Spiel bin. Okay, das scheint keinen Sinn zu machen, das scheint ein Fehler im Design zu sein… aber vielleicht ist das ja gewollt.

However, your mileage can – and will – vary. Vermutlich bei keinem anderen Spiel so sehr wie bei Killer7. Das Ding ist einfach ein Spiel, das man selbst gezockt haben muss, um zu wissen auf welcher Seite der großen Teilung man steht. Ich würde mich ganz knapp auf der positiven Seite einordnen. Aber wenn, um nochmal Jan zu zitieren, “das Videospiel der Zukunft aussehen [wird] wie Killer 7″, dann werde ich wohl zukünftig viel Geld übrig haben um mir Bücher, CDs und DVDs zu ordern.

2/5

Want a second opinion?

*Kackreiz: Das Videospiel der Zukunft.
*HG 101: Auch dafür.
*Verteidigungsschrift auf Antigames.
*Gemischte Gefühle bei Spieler3.
*Richard mochte es gar nicht.
*ThreeDude: Geld. Fenster. Rauswerfen.

MST4K: Lachen mit Hitler

Thursday, January 18th, 2007

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Das Mystery Sketchbook Theatre 4000: In der Uni hingeschmierte Kritzeleien, mit einer Digikam abphotographiert und dann ins Blog gestellt… entweder sehr Dogma 95 oder einfach nur mangelnden handwerklichen und technischen Möglichkeiten geschuldet.

Zwischenlink: Es musste ja so kommen…

Tuesday, January 16th, 2007

Nur ein kurzer Newsflash. Später mehr.

+++Jugendliche Mörder in Tessin spielten Final Fantasy VII nach +++ Deutsche beruhigt, dass “Killerspiele” der Grund für Doppelmorde sind +++ Andere Gründe können jetzt ausgeschlossen werden +++ Minister besorgt über Materiamissbrauch unter Jugendlichen, fordern Waffenscheinpflicht für Limit Breaks +++ Realität schafft Satire ab, Titanic kündigt Auswanderung an +++

Es gibt Momente, in denen weiß ich nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll.

Corona Hotel

Tuesday, January 16th, 2007

Mit Corona Hotel legt Walter “Ghepetto” Pfau seinen ersten eigenen Comic vor, bestehend aus zwei Kurzgeschichten, die sich beide thematisch mit dem Seelenzustand von ganz normalen Menschen befassen. Die erste Story (“Menschenskind”) zeigt uns ein Pärchen, das sich getrennt hat weil Er unbedingt ein Kind haben wollte (“Das gehört doch einfach dazu.”), während Sie es heimlich abtreiben ließ, weil Sie “doch selbst noch ein Kind” ist.

“Achtung Foto” ist eigentlich weniger eine Geschichte, als eher ein Mittel um auf wenigen Seiten möglichst viele Stimmung darzustellen: Ein junger Mann nimmt eine junge Frau mit zu sich nach Hause und präsentiert ihr sein Hobby: Er sammelt Photos von Menschen und fragt sie dann nach ihrem größten Wunsch, den er unter die Polaroids tippt.

Beide Geschichten werden primär durch innere Monologe getragen (in der zweiten Geschichte übernehmen die Photounterschriften die Funktion eines inneren Monologs, in der ersten Geschichte gibt es nur zwei normale Sprechblasen, keine davon führt zu einem Dialog), was der Thematik der Geschichten durchaus angemessen ist.

Die Monologe erfüllen zudem ihre primäre Funktion die Grundstimmung zu transportieren und uns einen Blick ins Innenleben der Charaktere zu geben. Auch wenn die Monologe gelegentlich die Schwäche haben, dass sie sich zu “geschrieben” anfühlen. Dass der Satzbau etwas zu gestelzt, etwas zu überdramatisch wirkt. Es ist etwas problematisch sich vollkommen auf einen Charakter wirklich einzulassen, wenn seine Gedanken sich lesen als hätte man gerade ein Reclam-Heftchen vor sich.

Und, ein eher technischer Aspekt: Die verwendeten Sprechblasen in der zweiten Geschichte sagten mir nicht zu. Viereckige Kästen, die exakt so aussehen wie die Gedankenkästchen in der ersten Geschichte, und die nur durch einen sehr dünnen Strich vom Kasten zum Sprecher darauf hinweisen, dass man es hier wirklich mit einem gesprochenen, nicht mit einem gedachten Satz zu tun hat. Da würde eine andere Sprechblasenform schon helfen und das etwas übersichtlicher gestalten.

Der Zeichenstil, auch wenn er mir persönlich nicht ganz zu sagt, hat den großen Vorteil dass er eigenständig genug ist um herauszustechen und wiedererkannt zu werden. Ghepettos Stil ist sehr cartoonig, sehr kantig, seine Figuren haben riesige Hände, riesige Augenbrauen und riesige Augen. (“Großmutter, warum hast du denn so große…”, äh, lassen wir das.)

Das Problem an Corona Hotel ist, dass Zeichenstil und Geschichten für mich nicht so recht zusammen passen. Ghepettos Zeichnungen eignen sich hervorragend für actionbetontere Segmente, wie man in einigen Szenen seiner Geschichte “Sand im Auge” sehen kann. Der Zeichenstil eignet sich auch für bestimmte Emotionen: Das Erstaunen der weiblichen Hauptfigur in “Achtung Foto” fängt er eben so gut ein, wie den entschlossenen Blick der weiblichen Hauptfigur in “Menschenskind”, ehe sie die Asche ihres abgetriebenen Babies verstreut.

Es sind die Zwischentöne, die bei den Figuren etwas untergehen. Um Trauer oder auch nur Betrübtheit darzustellen greift Ghepetto meist zum Stilmittel seinen Figuren dicke Tränen in die Augenränder zu zeichnen, was sich ein bisschen wie ein Kompromiss anfühlt. Da müsste es doch bessere Methoden geben um den verschiedenen Graden von Trauer gerecht zu werden. Vielleicht würde der Cartoonstil sogar mit den ruhigen Geschichten funktionieren, wenn Ghepetto auch feinere Details besser einffängt und nicht mit einem so breiten Strich zeichnet. Aber in Corona Hotel fühlen sich Zeichnungen und Geschichten noch nicht wie eine echte Einheit an.

Oh, und das ist jetzt natürlich nur eine Stilfrage, aber muss jede Hauptdarstellerin ein BH-verweigerndes Topmodell mit konstant erigierten Nippeln sein? Nicht dass ich mich über etwas Eye Candy beschweren würde, aber auch das lenkt ein wenig vom emotionalen Inhalt der Geschichten ab. Einfach nur den Fuß leicht vom Cheesecake-Pedal nehmen.

Wo Corona Hotel mich wirklich voll überzeugen kann, ist beim Paneling und beim Aufbau der einzelnen Panels. Man merkt, dass sich Ghepetto Gedanken darüber gemacht hat, wie er seine Seiten strukturieren und wie er das Layout für ein paar nette Effekte und technische Spielereien nutzen kann. Etwa wenn er einen Raum in der Totalen über zwei Seiten präsentiert, diese Totale dann aber in acht Panels aufbricht, durch die sich die Figuren langsam bewegen. Hübscher Effekt.

Sehr schön auch die Art wie er in “Menschenskind” den Teil der weiblichen und den Teil der männlichen Hauptperson mit zum Teil 1:1 übernommener Seitenauftteilung erzählt, ehe er beginnt die Erlebnisse von Ihr und Ihm auf der gleichen Seite oder auf einer Doppelseiten gegenüberzustellen. Dieser “Spiegeleffekt” ist besonders amüsant wenn Sie auf der linken Seite von einem Berg abstürzt, während er rechts einen Absturz in der Nacktbar erlebt. Das ist ein ziemlich cleveres Seitendesign. Der “Spiegeleffekt” lässt sich auch im Text finden, wenn Sie betont seine Wut habe sie gelassener gemacht, während Er es genau umgekehrt empfindet.

Mit diese kleinen Gags wird der aufmerksame Leser öfter belohnt. Ghepetto hat sichtlich Spaß daran eine ironische Bild-Tex-Schere zu verwenden. Der Mann aus “Menschenskind” erzählt, wie er mit seinem Kind spielen und ihm zu trinken geben würde. Beim Panel für “zu trinken geben” sehen wir, wie er sich einen Schluck harten Alkohol genehmigt, beim Panel für “spielen” sehen wir ihn an einem Groschengrab wie man es in jeder guten Frittenbude finden kann.

Eine schöne Kombination von Bild und Wort findet sich auch an jener Stelle, an der seine Ex-Freundin erwähnt, dass sie sich von ihm eingeengt fühlte, während sie gerade eine extrem schmale Bergspalte erklimmt. Dass sie dabei genau in der Mitte der Seite gezeichnet ist, also den maximalen Druck von links und rechts erhält, ist ein Beispiel dafür, wie schön im Comic Text und Zeichnung zusammenspielen können.

Andere kleine Details sind die Frau mit dem “Destination”-Tank-Top, wenn der Mann darüber nachdenkt, was unsere “Bestimmung” ist und das Bild der Blues Brothers in jenem Panel, in dem er über “den Auftrag des Herrn” nachdenkt. Das sollte man wohl alles nicht überinterpretieren, aber die smarte Seitengestaltung macht schon Spaß. Nur ein paar Hintergrundzeichnungen mehr könnte der Comic schon vertragen.

Die zweite Geschichte ist… wie gesagt… weniger richtige Geschichte als eher Stimmungs- oder Emotionssammlung. In der Funktion ist sie auch durchaus erfolgreich. Nicht jede Photo-Text-Kombination funktioniert, aber die meisten schaffen es trotzdem ein gewisses Maß an Emotion oder Humor zu transportieren: Der Rentner der sich eine zweite Chance wünscht, der Hausmeister der in einer Geschichte von Erich Kästner leben möchte, der Durchschnittstyp der gerne Sexappeal hätte.

Es sind allerdings vom Zeichenstil auch hier wieder die lauteren Töne und die humoristischen Elemente, die besser sitzen: Der Metaller der das Verbot der Loveparade fordert, der zugematschte Biker der sich ein neues Schutzblech wünscht, der Mann mit Batschkapp der die Mauer wiederhaben will, die Frau mit den Monsterzähnen die sich einen Heiratsantrag wünscht oder der bullige Security-Typ der sich für Romantik ausspricht. Auch in dieser Geschichte zeigt Ghepetto ein Gespür für etwas unterschwelligeren Humor: Einer der besten und treffendsten Gags in diesem Comic findet sich hier: Da sieht man auf einem der Photos ein weißes Pseudo-Hip-Hop-Ghettokind, dass sich wünscht “schwarz zu sein”, ehe sich wenige Bilder später ein Schwarzer mit sorgenvollem Gesicht (es ist ja nicht so, als wenn Ghepetto keine Zwischentöne treffen würde, er macht es nur zu selten) wünscht “weiß zu sein”.

Insgesamt beinhaltet Corona Hotel zwei durchaus schöne Geschichten, die zwischen Trauer und Humor, Hoffnung und Verzweiflung pendeln und jeweils an beiden Ende Treffer landen. Auch wenn ich wahrscheinlich noch etwas zu jung bin um mich auf die erste Geschichte wirklich einlassen zu können, schätze ich da den geschickten Einsatz von identischer Seitenaufteilung bei den Erzählungen der beiden Partner. Einfach weil es ein schönes Stilmittel ist um zeigen, wie ähnlich sie sich doch eigentlich sind und dass sowohl sein Wunsch ein Kind zu haben, als auch ihre Abtreibung des Kindes Formen von Egoismus sind.

Neben den emotionalen Geschichten überzeugt Corona Hotel besonders durch die erwähnt hervorragende und kluge Art wie die einzelnen Panels und Details in ihnen dazu verwendet werden, das Geschriebene zu stützen oder zu untermauern. Aber das Problem das ich mit Corona Hotel hatte war einfach, dass diese guten Einzelteile nicht so recht klicken wollen, dass der Comic vielleicht weniger als die Summe seiner einzelnen Teile ist, weil der oft extrem übertriebene Stil sich besser eignen würde für Geschichten, die stärker auf Humor (und Ghepetto beweist ja, dass er da Stärken hat) oder auf Action setzen würden. Wenn Ghepetto seinen Stil etwas erweitert oder sich an anderen Geschichten versucht, dann bin ich mir sicher, dass ich mich auf sein nächstes Werk besser einlassen werde. Genug Anzeichen dafür, dass er das kann, gibt es.

3/5

Doku-Roundup: The Backyard, Beyond the Mat

Sunday, January 14th, 2007

The Backyard

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Das Internet hat uns vieles ermöglicht: Vor allem hat es die Grenze zwischen Profi und Amateur verwischt. Oder zumindest ist der Grenzzaun kleiner geworden. Das kann man beklagen, wenn man unbedingt will (ist gerade in Mode), man kann es auch lassen. Meine semi-literarischen Ergüsse sind nur einen Klick von den Texten echter Autoren und Journalisten entfernt. Content, egal welcher Qualität, kann das intendierte Publikum leichter erreichen. Und was für Blogs gilt, das gilt auch für eine total andere Domäne, die aber auch ohne das Internet so nicht existieren würde: Backyard Wrestling.

Wenn Menschen es schaffen das große Geld zu machen, indem sie sich vor einem Millionepublikum von Stahlkäfigen werfen und sich den Schädel mit Stacheldraht massieren lassen, dann ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis andere Leute erkennen, dass sie das doch auch können. Und durch das Internet – und das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung – haben sie sogar eine Möglichkeit ihr “Können” der Welt vorzuführen. Der Begriffe “Backyard Wrestling” führt bei YouTube gerade zu 7223 Hits.

Und dabei bedient man sich bei dem, was die richtigen Wrestlingorganisationen auch verwenden: Tischfeuerwerk beim Auftritt des “Stars”, dumme Kostüme (ein ringender Hamburger der einen Göffel mit sich führt), langwierige Storylines über den “Hass” zwischen zwei Wrestlern und sogar kleine Vorspanne und Videosegemente für die fertige Show im Internet.

Dokumentarfilmer Paul Hough machte sich um das Jahr 2000 herum auf in den Mittleren Westen der USA und nach East Norfolk, England um mit Hinterhofwrestlern zu sprechen. Bezeichnend dabei wo er die “Hinterhofligen” gefunden hat: In Orten, die an “America’s Loneliest Highway” liegen oder ein prototypisches Suburbia darstellen. Das passt zusammen wie Dorf und Metal. Wäre Wrestling in Deutschland populärer, es gäbe sicher genug Leute in meiner ländlichen Heimatregion, die auch so eine Hinterhofliga gründen würden. So belassen sie es bei den deutschen Bauernsportvarianten: Auf dem Schützenfest Streit suchen, sich bei Autorennen tot fahren und dem jährlichen Komasauf-Cup.

Der Film macht relativ schnell klar, dass sich ein nicht zu unterschätzendes Segment der Hinterhofwrestler aus gelangweilten Teenagern und totalen Vollidioten (überschneidet sich häufig) konstituiert. Auch wenn er das nie so direkt sagt. Aber nicht wenige der Interviews sprechen da für sich. Ein beachtlicher Teil der hier gezeigten jungen Männer und Frauen kann man relativ schnell der sozialen Schicht des “white trash” zuordnen. Erstaunlich allerdings, dass eine ähnlich große Zahl der hier präsentierten “Wrestler” allerdings auch aus soliden Mittelklassefamilien stammt, in denen die Eltern Lehrer oder Dozenten sind.

Die Hinterhofwrestlingszene scheint also größtenteils aus den selben Elementen zu bestehen, aus denen auch die moderne Rap-Szene besteht: Gelangweilte Jugendliche mit echten oder eingebildeten Problemen, die ihren großen Idolen nacheifern und das dann im Internet zelebrieren.

Die Überschneidung wird besonders deutlich bei “Chaos”, einem bulligen Knaben, der erklärt dass seine “Federation” (High Impact Wrestling) nichts für Pussies ist, weil man echtes “Deathmatch Wrestling” betreibt. Also: Reißzwecken, Leuchtstoffröhren, mit Stacheldraht umwickelte Baseballschläger, mit Stacheldraht umwickelte Kanthölzer und sogar mit Stacheldraht umwickelte Steine, bei denen man die Spitzen am Stacheldraht “natürlich” nicht wegbiegt oder abstumpft. Die besagte Überschneidung findet statt wenn der fiese Klops – der sich schon eine Schulter endgültig ausgerenkt, einiges gebrochen und anderes vernarbt hat – erklärt womit der Kick zu vergleichen ist, den ihm diese Form des Wrestlings gibt: In die Stadt fahren und “Schwule klatschen”.

Und seine Freundin gibt später im Film zum Besten: “Wenn die Jungs sagen, dass sie vor etwas Angst haben, dann ist das als würde ich sagen, dass ich gerne schwarz wäre… gelogen!”

Sympathisches Volk. Kurz danach, noch immer im HIW-Segment, stellt die Doku dann einen anderen dieser Hinterhofkrieger vor: Heartless. Der, wenn er sich nicht gerade von seinen Kumpels Leuchtstoffröhren über den Kopf ziehen lässt, Kinder an einer Grundschule unterrichtet. Beängstigend.

In einer anderen “Liga” nimmt die Mutter von zwei jungen Männern an ihrem Match namens “Three Stages of Hell – Part II” teil, übt mit einem ihrer Söhne ihren Text für eine Videovignette ein und sieht den beiden dann zu, wie sie sich in der Wüste Arizonas mit brennenden Stacheldrahtbrettern bearbeiten und sich in Löcher im Boden werfen, die sie zuvor mit Glasscherben drapiert haben. Wobei man nicht einmal einen echten Ring hat. Als Ring dient einfach der Teil des Wüstenbodens, der sich innerhalb von vier in den Boden geschlagenen und mit Stacheldraht verbundenen Pfosten befindet. Und nach dem Match hilft die Mutter sogar noch mit ihrem Sohn die Glasscherben aus dem Rücken zu ziehen.

Auch andere Eltern und zum Teil sogar Lehrerinnen und Rektoren stehen dem Spektakel positiv gegenüber. Ein paar Eltern sehen sich das Hobby ihrer Kinder sogar an. Humoristisch grotesk wird es, wenn eine Lehrerin erklärt warum sie das Hobby Backyard Wrestling ihrer Schüler befürwortet: Was waren denn die Three Stooges, die man damals selbst als Kind gesehen habe, anderes als Backyard Wrestling? Mal nachdenken: Fiction?

Wobei die gute Frau noch ganz andere Hämmer auf Lager hat: Wenn sie nicht ihrem Hobby nachgehen würden, dann würden sie vielleicht “Pot rauchen”. Oha, das wäre natürlich sehr zerstörerisch. Und darum dürfen sie auch Plakate für bevorstehende Kämpfe in der Schule aufhängen. Die werden ja am Computer gemacht, so der Rektor, also lernen die Kinder da gleich noch Computerskills. Nur ein Plakat durfte nicht aufgehängt werden: Auf dem war das Wort “Hölle” zu lesen. Die Realität liefert immer noch die besten Realsatiren.

Ein ähnlich satirisches Segment präsentiert einen siebzehnjährigen Afro-Amerikaner aus Modesto, Kalifornien der sich als “der Vince McMahon des Hinterhofwrestlings” präsentiert. Und der darum alle Wrestler für seine Liga auffordert, dass sie Verträge unterschreiben sollen (wer noch nicht 18 ist, bei dem müssen die Eltern gegenzeichnen). Diese Verträge verpflichten den Unterzeichner dazu, dass er nur eine Show pro Monat verpassen darf oder gefeuert ist. Wobei das “Publikum” – zumindest das Live-Publikum – primär aus den Mitwrestlern und Bekannten besteht. Ein “größeres” Publikum erreicht man dann erst wenn die Videoaufnahmen der Prügeleien nachbearbeitet im Internet landen.

Der junge Vince McMahon deckt auch anderweitig seinen Arsch ab: Der Vertrag besagt auch, dass er keine Verantwortung trägt wenn Unfälle passieren und keine Krankenhausrechnungen bezahlen wird. Auch wenn er verspricht dafür zu sorgen, dass jeder Wrestler – wenn nötig – die angemessene medizinische Versorgung erhält. Was wohl soviel heißt wie: Er wird den Notarzt anrufen.

Wie die meisten Dokumentarfilme neuerer Schule schwankt auch The Backyard zwischen den beiden Polen “Lachen über Deppen” und “Traurige Geschichten”. Wobei die beiden Kategorien oft ohnehin schwer zu trennen sind. Einer dieser Mittelfälle ist “Lizard”. Ein 27 Jahre alter Pizzalieferant, der davon träumt ein professioneller Wrestler zu werden und das Backyardgeknüppel als seine Einstiegschance ansieht. Bedauernswert wird “Lizard” in dem Moment, in dem man erfährt, dass er eine kleine Tochter hat und dass seine Freundin will, dass er etwas Ordentliches aus seinem Leben macht, dass er “a doctor or shit” wird, was er für Zeitverschwendung hält. Sein großer Durchbruch als Profiwrestler würde ja bald kommen, er müsse nur ausdauernd genug sein. Tragikomisch ist es auch, wenn der Mann dem Zuschauer seine WWF-Actionfigurensammlung (Gegenwert von rund 10.000 US-Dollar) und seine WCW-Bettwäsche präsentiert. Und wirklich unschön wird es, wenn Lizard erwähnt, dass er bereit wäre seine Freundin und seine Tochter zu verlassen, wenn sie ihn davon abhalten würden seinen “Traum” zu leben.

Und ganz zum Schluss darf einer der beiden Wrestler aus dem “Three Stages of Hell”-Segment erklären, warum er sich das antut. Das Match findet laut Storyline statt, weil einer der beiden Brüder sein Leben lang von seiner Mutter geschlagen wurde und das jetzt nicht mehr akzeptieren will:

This storyline is based [...] mainly on what me and Justin went through, y’know, just by a different parent. [...] In a way I guess that was his way of showing me his love and showing me the way he felt about me.

It brings back the memories of love. That may sound sick, but the only thing that’ll always be there for me is pain.
So I figured: If it’ll always be there, why not make it a good thing? A thing [...] I can enjoy [...] or live with. [...] Pain is the only thing that’ll always be there for me.

Aber solche Introspektiven sind seltene Ausnahmen. Für die meisten Gezeigten ist Backyard Wrestling einfach nur ein Hobby. Ein paar englische Teenager betonen, dass sie einfach gedacht haben, sie probieren es mal aus, dass ihr Wrestling aber “more original [...] more technichal and stuff” wäre als das, was man bei WWF oder WCW im Fernsehen sehen könnte. Kurz danach werfen sie sich durch Paletten und stachelverdrahtete Tische bis der Krankenwagen kommen muss. Und sie gehen bei ihrer Imitation so weit, dass sie sogar das “bladen” imitieren. Sich also mit einer Rasierklinge während der Kämpfe die Stirn aufschneiden, weil es mit Blut realistischer aussieht. Und weil das realistische Blut langweilig ist, haut man sich vorher “zwei, drei Aspirin” rein. Verdünntes Blut fließt besser und heftiger. Und vielleicht hilft es ja auch gleich gegen die Kopfschmerzen, die so eine Aktion sicher mit sich bringt.

Es ist schwer zu sagen, was man aus der Doku mitnehmen soll. Für eine neutrale Betrachtung ist sie nicht ausgewogen genug, die Contra-Stimmen kommen fast nie zu Wort. Andererseits stehen den Pro-Stimmen die Bilder gegenüber, die eine deutliche Sprache sprechen. Vernarbte Teenager, die sich mit dem Kopf voran auf harte Betonflächen schleudern, das ist schwer als “ganz normales Hobby” zu akzeptieren. Egal wie oft man das betont. Oh, und die prollige Art in der viele der Interviewten das betonen spricht auch eher gegen sie.

Handwerklich sezt Paul Hough ein bisschen zu sehr auf unnütze Off-Kommentare. Der Film hätte ohne Einwürfe des Filmers sicher besser gewirkt, wäre effektiver wenn die Szenen ganz für sich allein sprechen dürften. Zudem benutzt er teilweise Schnitttechniken nur um sie mal eingesetzt zu haben. Und da ist diese Grenze zwischen Dokumentation und Voyeurismus, auf der der ganze Film gratwandelt. Hough schneidet auch bei extrem brutalen Actionen nicht weg… hat aber die Angewohnheit kurz danach Kinder zu zeigen, die sich in Nähe der Kampfflächen aufhielten. Wir schauen es uns an, dann kommt der “denkt auch mal jemand an die Kinder”-Schnitt. Auch das ist eine eher unsubtile Methode.

Jenseits der handwerklichen Mängel ist The Backyard aber ein sehr unterhaltsamer Dokumentarfilm geworden, gerade wegen dem bizarren Mix an Charakteren, die der Zuschauer hier vorgeführt bekommt und gerade wegen der unterschiedlichen Motivationen, die sie für ihr Hobby haben: Kindheitstrauma, Emanzipation, Realitätsflucht… oder einfach nur Langeweile und Idiotie.

Und die Idiotie darf man, denke ich, heute als unterhaltsam abtun. Einige der Stunts könnten auch von Johnny Knoxville oder Steve-O durchgeführt werden. Hätten die nicht Jackass bei MTV unterbekommen, sie wären vielleicht so geendet wie besagter “Chaos”. Schwerstversehrte Stuntdeppen, die sich aus reiner Langeweile im eigenen Hinterhof etwas beweisen.

Dabei werden die Hinterhofwrestler natürlich von dem beeinflusst, was sie im Fernsehen sehen. Gäbe es kein Pro-Wrestling in der Glotze oder keine “Killerspiele” wie Smackdown vs. Raw, dann gäbe es auch dieses Hinterhof-Wrestling nicht. Die Dokumentation macht aber etwas anderes deutlich, das Politiker wahrscheinlich im Eifer des Gefechts übersehen würden. Wenn man hört wie ein guter Teil der Interviewten redet, wird klar das selbst nach einem Verbot das Kernproblem – ihre Langeweile und ihre Grenzdebilität – nicht gelöst wäre.

Vielleicht ist die Frage der Lehrerin “was würden diese Kinder denn tun, wenn sie kein Backyard Wrestling hätten” doch nicht so falsch. Pot rauchen, wie sie befürchtet, dürfte da noch die beste Alternative sein. Diese sinnentleerte Thrillsuche, der Versuch aus Suburbia oder dem Unterschichtenghetto auszubrechen, ist schließlich nur die moderne Form einer selbstzerstörerischen “Revolution” die es auch schon in den Fünfzigern gab. (Und die inzwischen kulturelles Symbol wurde: Man denke an James Dean in Rebel Without a Cause und Marlon Brando in The Wild One). Das Problem kannten also auch andere Generationen schon: Gäbe es kein Hinterhofwrestling, dann würden die meisten Teenager aus dieser Dokumentation sicher einen anderen Weg finden ihre Langeweile und Frustration abzubauen. Schlimmstenfalls zusammen mit ihren Droogs.

Da ist es vielleicht doch besser wenn Chaos und Heartless sich nur gegenseitig “klatschen”, statt zusammen Schwule in der Innenstadt zu vermöbeln.

Literatur:
*Deutsche Homepage des Films.


Beyond the Mat

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Wo sich The Backyard auf junge Leute konzentriert, die sich kaputt machen um ins Wrestlinggeschäft zu gelangen, da fragt sich Beyond the Mat wie es Menschen im Wrestlinggeschäft schaffen irgendwann aufzuhören. Dazu beobachtet der Film drei Wrestler in verschiedenen Phasen ihrer Karriere: Den allgegenwärtigen Mick Foley, der sich zum Zeitpunkt des Films auf dem Höhepunkt seiner Karriere befindet und als Maineventer ganze Hallen füllt. Terry Funk, einen Wrestler der nie den großen Durchbruch geschafft hat, der sich aber mit Ende Fünfzig immer noch von Leitern werfen und mit Stacheldraht verletzen lässt und Jake “The Snake” Roberts, der in den Achtzigern zusammen mit Hulk Hogan einer der ganz Großen war und jetzt in Turnhallen in Provinznestern für ein paar hundert Dollar pro Auftritt wrestlet.

Mick Foley bestätigt dabei in dieser Doku den Eindruck, den er in seiner Biographie vermittelt: Dass er eigentlich ein ganz entspannter Durchscnittstyp mit einem etwas seltsamen Beruf ist. Foley wirkt, wenn er mit seinen Kindern spielt, wie ein großer Teddybär und erwähnt, dass es seine Familie ist, die ihm Rückhalt gibt und die verhindert hat, dass er die Probleme bekommen hat, die andere Wrestler haben. Etwa Schmerzmittelabhängigkeit.

Das Foleysegment als solches ist nicht sonderlich interessant, sondern dient primär als Gegenposition zu den beiden anderen Karrieren. Nachdem Dokumentarfilmer Barry Blaustein Mick Foley zeigt, wie seine Kinder in Tränen ausbrechen, als ihm The Rock (als Charakterdarsteller in solchen Zelluloidkillern wie Scorpion King und Walking Tall bekannt geworden) zwölf Mal mit einem Klappstuhl auf den Kopf haut, beginnt Foley darüber nachzudenken, dass sein Beruf vielleicht eine zu große Belastung für seine Familie ist und er mit dem wrestlen aufhören sollte, bevor er lebenslangen Schaden davon trägt. Die Frage warum er seine Kinder zu einem Match mitgenommen hat, bei dem feststeht, dass er sich brutal zusammenschlagen lässt, stellt sich Foley allerdings nicht.

Dennoch, die Frage nach dem richtigen Ausstieg bekommt Relevanz wenn man das Segment über Terry Funk gesehen hat. Das damit beginnt das Funk – der im Ring läuft, springt, tritt und sich von hohen Positionen in Stacheldraht werfen lässt – fast eine Minute braucht um überhaupt aus dem Bett aufstehen zu können. Später erklärt ihm ein Arzt, dass er unbedingt eine Operation an seinem rechten Knie braucht, ehe es zu spät ist. Auf Funks Frage, ob er auch ohne Operation relativ schmerzfrei ringen könne, antwortet der Arzt entsetzt, dass Funk bei dem Zustand seines Knies gar nicht mehr in der Lage sein sollte schmerzfrei zu gehen.

Funks Segment gewinnt an Gravitas durch seine Frau und Tochter, die kurz vor ihrer Eheschließung steht, die beide die hochriskanten Ring-Eskapaden des “Funkers” nicht mehr mitansehen wollen. Die nicht wollen, dass Terry Funk seinen Körper endgültig zerstört. Aber Funk ist ein Berufssoldat, er hat dem Besitzer einer kleinen Wrestlingliga (der ECW) versprochen, dass er ihm aushelfen wird und ein Versprechen kann man nun einmal nicht so ohne weiteres brechen. Bis auf das – seiner Familie häufig gegebene – Versprechen dass er dieses Mal wirklich endgültig mit dem Wrestling aufhört. Ein Versprechen, das immer nur so lange hält, bis der nächste Promoter anfragt ob Funk bei ein paar Kämpfen aushelfen könnte.

Aber zumindest hat Funk seine Frau und seine Tochter, die ihm Rückhalt geben. Das schockierendste Segment des Films folgt Jake Roberts, der 1987 vor fast 94.000 Zuschauern im Pontiac Silverdome kämpfte und dabei Alice Cooper in seiner Ringecke hatte. Zum Zeitpunkt des Films tourt Roberts mit seinem Maskottchen (einer Python) durch die USA und tritt vor ein paar Dutzend Zuschauern in Bingo- und Turnhallen gegen viertklassige Provinzwrestler an. Wo auch immer er ein paar hundert Dollar verdienen kann.

Roberts ist ein Musterbeispiel für einen Mann, der mit dem Ruhm nicht umgehen konnte und sich effektiv selbst zerstört. Wobei er in ein paar sehr emotionalen Interviewsegmenten zeigt, dass er schon als kaputte Persönlichkeit ins Geschäft eingestiegen ist: Der einzige Grund warum es Roberts überhaupt gibt, ist dass seine Mutter im Alter von gerade einmal dreizehn Jahren vergewaltigt wurde. Sein Vater, der später auch Roberts zehnjährige Schwester sexuell belästigt habe, hätte ihn dementsprechend nie akzeptiert. Auch wenn man noch Kontakt zueinander habe. Ein anderer Schicksalsschlag für Roberts war der Tod seiner Schwester, die eine Bezugsperson für ihn war. Sie wurde von der Ex-Frau ihres Ehemannes entführt und getötet.

Wenn man sich diese Biographie anhört und das dann mit dem Zitat aus The Backyard vergleicht, warum einer dieser Jungs sich in brutalen Hinterhofmatches kaputt macht, dann ahnt man vielleicht warum Roberts sich entschied Wrestler zu werden. Und man versteht auch, dass das nicht ausreichen kann um ein derart verkorkstes Leben umzukehren oder wirklich mit dem inneren Schmerz umzugehen. Roberts wird abhängig von Schmerzmitteln und beginnt auf den ausgedehnten Reisen drogenabhängig zu werden.

Seine Ehe zerbricht, während Roberts in einen Sumpf aus schnellem Sex und billigen Drogen versinkt. Er erzählt, wie es die Einsamkeit ist, die man spüre wenn man über 300 Tage im Jahr auf der Straße wäre, die zum ersten Seitensprung ermutigt. Bald danach beginnt man zu experimentieren, einen Dreier, einen Vierer. Warum nicht? Bis man irgendwann nicht einmal mehr von einem Vierer sexuell stimuliert wird, weil der Sex so bedeutungslos und alltäglich geworden ist. Groupies stehen überall bereit. Selbst auf seiner Tour durch die Dreckslöcher der Staaten warten Teenager und andere Landpommeranzen nach den Kämpfen auf ihn. Er mag ein abgewrackter Ex-Star sein, aber er ist wahrscheinlich das aufregendste was diese Mädchen in Buttfuck, Idaho je erleben werden.

Roberts ist eine Mischung abstoßend und bemitleidenswert. Seine Tochter hat er sieben Jahre nicht mehr gesehen. Als Blaustein die beiden zu einem Treffen überreden kann, weiß er nicht was er sagen soll. Nach einer seltsamen Begrüßung tauscht man ein paar Floskeln aus, dann liegt eine schwere Stille über dem Tisch und schließlich verabschiedet sich Roberts und raucht in seinem Zimmer Crack.

Störend an der Dokumentation sind ein paar Einschübe, die Blaustein wohl primär eingebaut hat, weil er sie einbauen konnte, die aber dem Leitmotiv nichts hinzufügen. Ein Wrestler darf erzählen, dass er früher Englischlehrer war und darf dann, während ihm das Blut kübelweise aus der Stirn tritt, Shakespeare zitieren. Was eine schöne Einstellung ist, sicher, aber sie gibt dem Film nichts. Blaustein fehlte da der Mumm ein cooles Segement auf dem Flur des Schneideraums zu lassen.

An anderer Stelle verfolgt Blaustein die Schauspielhoffnungen von New Jack, der von sich behauptet als Kopfgeldjäger drei Menschen ermordet zu haben, er verfolgt zwei junge Wrestler die einen Probeauftritt bei einer WWF-Show haben und er zeigt uns wie Vince McMahon einen neuen Wrestler engagiert, dessen Fähigkeit es ist auf Kommando zu kotzen. Bei diesem Vorstellungsgespräch fordert McMahon den Wrestler auf, sein “Talent” zu demonstrieren und reicht ihm auch gleich einen Mülleimer. Wobei, das Segment zumindest in dem Sinne passend ist, dass wir am Ende der Dokumentation erfahren, dass sich der junge Mann kurz nach seiner Einstellung bei einem Kampfunfall das Genick brach und nun querschnittsgelähmt ist, was das Risiko unterstreicht, dass die Familienmänner Foley und Funk bewusst in Kauf nehmen.

Vorsichtig sollte man zudem bei einigen Stellen sein, an denen Blaustein sich als Absolvent der Michael-Moore-Schule des Dokumentarfilmens zeigt: Um zu demonstrieren, dass Jake Roberts gerade im Vollrausch ist, verwendet Blaustein Farbfilter und Zeitlupe, unterlegt die Szene zudem mit verwirrender Musik. Und er beobachtet nicht nur, er manipuliert um gute Szenen zu bekommen. Ohne seinen Einfluss hätte das Treffen zwischen Roberts und seiner entfremdeten Tochter wohl nie stattgefunden.

Trotzdem: Beyond the Mat ist ein faszinierender Blick auf die Menschen hinter den Ringpersönlichkeiten und darauf, welchen Preis die Show haben kann, die sie wöchentlich abziehen. Dabei war es ein kluger Schachzug von Blaustein mit Foley, Funk und Roberts drei Wrestler auszuwählen, deren Lebensstile radikal unterschiedlich sind, bei denen aber auch klar wird, dass es nur ein paar Fehler braucht um einen Lebensweg komplett zu verändern. Ohne eine starke Familie hätte Foley vielleicht eine Schmerzmittelabhängigkeit entwickelt und den Weg von Jake Roberts eingeschlagen. Und selbst mit seiner starken Familie steht nicht fest, dass Foley wirklich den Weg weg vom Wrestling finden wird und eben nicht endet wie Funk. Wie Foley in seinem Buch selber schrieb: Er kann ja nichts anderes.

Das ist der entscheidende Faktor in Funks Geschichte: Da ist ein Mann der mit Ende Fünfzig nichts anderes kennt, sich aber eben nicht als alt oder nutzlos fühlen will. Im Ring bejubelt, außerhalb des Rings ein ganz normaler Rentner. Es ist fast schon schmerzhaft, wenn man die Freude in den Augen seiner Familie sieht, als Funk sein “wirklich allerletztes Match” bestreitet. Weil man weiß, dass er nicht wird aufhören können. Soviel hat man in der kurzen Zeit, in der der Film ihm folgt, gelernt. Und tatsächlich wird der Rücktritt von Rücktritt am Ende des Films erwähnt.

Da scheinen Wrestler und Boxer sich ähnlich zu sein, auch wenn beim Wrestling schon feststeht, wer gewinnen wird. Der Drang noch einmal rauszugehen, es noch einmal allen und besonders sich selber zu beweisen. Zu zeigen, dass man noch einen guten Kampf im Körper hat. Auch auf die Gefahr hin sich zu blamieren oder lächerlich auszusehen, wie es vor kurzem Axel Schulz erlebte und demnächst Henry Maske erleben wird. Und genau diesen Aspekt, Männer die nichts anderes haben, leuchtet Beyond the Mat schön aus.

Dass die Dokumentation mit dieser Einschätzung absolut richtig liegt, bestätigt ein schneller Blick in die Wikipedia: Mick Foley hat offiziell seine Karriere beendet, lässt sich aber trotzdem noch zwei bis drei Mal pro Jahr durch brennende Tische schleudern. Im August haben er und Ric Flair, der selbst 57 Jahre alt ist, sich in einem Kampf mit Stacheldraht und Reißzwecken bearbeitet. Terry Funks Familie muss weitherhin zusehen wie sich Funk (inzwischen 62) böse in Stacheldraht werfen lässt. Im Mai 2006 musste er nach dem Kampf mit Drahtschneidern befreit werden, weil sich der Stacheldraht so heftig um ihn gewickelt hatte. Ob er inzwischen die Zeit gefunden hat um sein Knie operieren zu lassen, sagt die Wikipedia nicht. Wer den Film gesehen hat, der wird das bezweifeln.


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