Archive for July, 2005

Liebling des Monats – Juli 2005

Sunday, July 31st, 2005

So schnell kann das gehen. Da war Tom Cruise eben noch unser Liebling des Monats und heute kann ihn das LdM-Kommittee schon nicht mehr von Tom Hanks und Onkel Tom mit seiner Hütte unterscheiden. Also, gemäß dem alten Bismarck-Wort vom gestrigen Geschwätz, hier unser neuer Liebling des Monats:

Die NASA

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Zu gleichen Teilen geliebt und gehasst. Verhasst, weil sie mit ihren Projekten Milliarden an Steuergeldern verschlingt, die seit 1970 ohne sichtbares Ergebnis geblieben sind (Apollo 13 war die letzte NASA-Mission die sich als verfilmbar erwies), geliebt weil sie in Präsident Bush die Hoffnung weckt zwischen 2015 und 2020 wieder auf dem Mond und kurz danach auf dem Mars zu landen. Zweifellos um Kontakt mit den Mondnazis aufzunehmen, herauszufinden wo die Massenvernichtungswaffen wirklich abgeblieben sind und um endlich das Benzin für die Kettensäge abzuholen.

Aber um dahin zu kommen, muss man erstmal mit altmodischem Gerät vorlieb nehmen: Dem guten, alten Space Shuttle, der Tante Ju unter den Raumfahrzeugen. Nachdem die letzte Mission eines Space Shuttles bekanntlich einen eher katastrophal endete, war man dieses Mal natürlich mit äußerstem Bedacht an Werk. Unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit, die sich immer dann für die Raumfahrt interessiert wenn sie hofft eine spektakuläre Explosion sehen zu können (gerade jetzt, da die Fahrer in der Formel 1 offenbar Unfallverbot haben), sagte man den ersten Start ab nachdem man Probleme mit der Treibstoffanzeige hatte.

In den folgenden Tagen wurde das Problem exzessiv analysiert, wenn auch ohne Erfolg. Und an dieser Stelle zeigt sich, dass die NASA-Experten eine ähnliche Strategie verfolgen wie ich mit meinem Rechner: Schwerer Ausnahmefehler, der gelegentlich auftritt, von dem ich aber keine Ahnung habe wieso er das macht? Hmmm… naja, solange es noch irgendwie geht brauche ich das System ja nicht neu aufsetzen. Ich finde das durchaus sympathisch, dass wissenschaftliche Experten ein Multimillionendollarshuttle mit sieben Menschen an Bord genau so behandeln wie ich einen Rechenknecht im Wert von knapp 1000 Euro, der immerhin eine 256MB-Grafikkarte an Bord hat.

Nach dem Start zeigte die NASA dann wie kompetente PR-Arbeit aussieht: Nachdem der Shuttle zunächst einen Bilderbuchstart hinlegte, stellte man kurz danach drei kleine Pannen fest, aber das macht nichts, denn immerhin sind die Schäden nicht zu ernst, der Rückflug zur Erde ist nicht gefährdet. Er findet sogar, nur weil’s da oben so toll ist, einen Tag später statt als geplant. Ja, alles läuft so glatt, dass die NASA alle weiteren Shuttle-Flüge aussetzt und die Astronauten eine riskante Mission, die die Experten nervös macht unternehmen müssen.

Man merkt, für die NASA arbeiten offenbar die gleichen PR-Strategen, die auch das Weiße Haus in Sachen Irakkrieg beschäftigt: Snafu! Situation normal, all fucked up! Derweil wird in den USA die Kritik laut, dass diese “Augen zu und durch, wenn’s nicht ganz kaputt ist, reparier’s nicht”-Taktik vielleicht nicht ganz so smart war. Dass man die zwei Jahre seit der Columbia-Katastrophe vielleicht doch eher für ausführliche Tests und kritischere Debatten hätte nutzen, bekannte Probleme nicht hätte ignorieren und die kritischen Standards nicht hätte aufweichen sollen, nur um an diesem Starttermin festzuhalten. Aber -hey!- wenn der Start sich verzögert hätte, dann wäre das ein PR-Desaster gewesen, das… äh… naja, sicher ähnlich peinlich gewesen wäre, wie das jetzige PR-Desaster… äh… und sicher nicht ganz so schlimm wie das PR-Desaster, sollte der Shuttle beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühen. Außerdem hat man das “Return to Flight”-Logo und die passende Website schon stehen. Das will man ja auch nicht für nix und wieder nix gemacht haben. Gute Arbeit, Eierköpfe.

Aber, seien wir ehrlich, die NASA konnte den Fehler nicht finden, immerhin hat sie es hier nicht mit Naturwissenschaft und Technik zu tun, sondern mit höherer Gewalt. Der höchsten Gewalt sogar. Der sympathische Pastor Fred Phelps weiß woran es wirklich liegt, dass der Space Shuttle in die Bredouille geraten ist: Schwule in der US-Armee, keine harte Strafverfolgung von Totenbeschwörern in den USA, die generelle Arroganz, die das Raumfahrtprogramm repräsentiert und nicht zuletzt das Vorgehen gegen Phelps Westboro Baptist Church. Darum hat Gott persönlich ja auch schon die Columbia zerstört. Wenn Gott der Herr persönlich gegen so ein Projekt ist, dann kann man natürlich nichts machen…

Aber, bei aller Ironie: Wir wünschen der Besatzung der Discovery einen problemlosen und erfolgreichen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre und eine sichere Landung. Immerhin kann die Crew am wenigsten dafür, dass die NASA-Administration hier Politik spielen musste. Hoffentlich haben die Jungs und Mädels ihren seelenlosen Stahlbolzen dabei.

Loser’s Corner – Better Luck Next Time

Borussia Dortmund

Haben als großes Ziel die Champions-League-Teilnahme im nächsten Jahr angepeilt. Dazu muss man sich aber voll auf die Bundesliga konzentrieren und kann seine Kräfte nicht auf den UI- oder gar den UEFA-Cup vergeuden. Also, möglichst schnell ausscheiden. Und wenn der Gegner zu blöd ist das Tor zu finden, dann muss man halt selber dafür sorgen, dass man ausscheidet. Nur: Wenn man nichtmal in der Lage ist ordentlich zu verlieren, dann verdient man es auch nicht LdM zu werden.

Deutschland Sucht Den Superstar

Ja, lang, lang ist’s her. Aber die Durststrecke ist endlich vorbei, die dritte Staffel Deutschland sucht den Superstar steht uns endlich ins Haus. Eigentlich will zwar keiner mehr mitmachen, aber Bohlen braucht scheinbar, der letzte Penisbruch liegt ja nun doch ein paar Tage zurück, mal wieder ein bisschen Selbstpromotion. Und Deutschland braucht mehr musikalische Talente aus Castingshows, die ähnlich erfolgreich den Markt aufmischen wie Elli oder die Preluders. Von filmischen Genies wie Daniel dem Zauberer oder modernen Adornos wie Alexander Klaws ganz zu schweigen. Zu dessen Biographie müssen wir einfach aus einer Kritik bei Amazon.de zitieren: “Desweiteren verabeitet er [...] wenn auch nicht so offensitlich (sic!), aktuelle WEltpolitsche (sic!) Themen wie den Irak konflikt (sic!) und den 11. September. Dies alles ist in einer sehr kindlichen und naiven Sprache verfasst damit es auch für jüngere oder geistig nicht so weitentwickelte Leser/innen interessant bleibt.” Ja, dufte Sache, das. Trotzdem: Nur mit Eulen nach Athen tragen wird man nicht LdM.

WASG/Die Linkspartei (PDS)

Nachdem es Gregor Gisys Gehirn in der ZEITUNG (nicht zu verwechseln mit Gregor Samsas Apfel im Rücken) letzten Monat nicht schaffte LdM zu werden, schrammt dieses Mal die Parteienkoalition die er und Oskar Lafontaine uns geschenkt haben, knapp an der Agitpop-Fünf-Prozent-Hürde vorbei. Dabei hat man uns beim spaceshuttlegleichen Aufstieg zur drittstärksten Kraft in Deutschland viel Spaß, Spannung und Grund zum Lästern gegeben. Und wenn wir in der Redaktionskonferenz ehrlich sind, eigentlich hätte es auch zum Platz an der Sonne gereicht, aber die “seelenloser Stahlbolzen”-Referenz gab den Ausschlag für die NASA. Schade, Linkspartei, aber ihr dürft euch zu Recht beschweren: Um den LdM haben wir euch betrogen. Falls ihr möchtet dürft ihr “LdM der Herzen” auf eure Wahlplakate drucken.

FOX News

Hat sich mit der Berichterstattung zu den Bombenattentaten in Lodon schon ein eigenes Post verdient, hat aber offenbar die Idiotiemesslatte nochmal ein bisschen höher gelegt, als man dort mutmaßte, dass der Brasilianer den die englische Polizei irrtümlicherweise für einen Terroristen hielt und erschossen hat, ein Al-Quaida-Lockvogel gewesen sein könnte, der sogar erschossen werden wollte, damit die Alliierten im Krieg gegen den Terror™ schlecht aussehen. Glückwunsch, aber ihr habt euch schon eine ausführliche Verbalwatschn abgeholt. Darum reicht’s nicht zum LdM.

Viva PLUS

Benutzt das 1984-Konzept des progressiven Wandels: Gestartet als VIVA 2, der Musiksender für Menschen die alt waren als Elvis noch jung war. Dann zu einer Alternativschiene umgebaut worden, die uns tolle Sendungen wie 2Rock, Twelve, Kamikaze und Zwobot gebracht hat. Dann mit einem PLUS versehen und zu einem Sender gemacht worden, der Musik spielt wie jeder andere, aber nebenbei Menschen die am Tourette-Syndrom leiden eine Handycam gibt und sie in die globale Diaspora schickt. Diese Leute dann gefeuert und angefangen Jugendlichen dafür das Geld aus der Tasche zu ziehen, dass sie für die Clips stimmen (pardon, voten), die man ohnehin spielen würde. Soviel Kaltschnäuzigkeit hat uns schon Respekt abverlangt. Inzwischen so ziemlich alle Sendungen eingestellt, die noch eine Redaktion brauchen. Nur noch 15 Quotenmenschen arbeiten bei dem Sender der jetzt zu einem Telephonquizsender à la 9Live umgebaut werden soll. Ein kleiner Schritt für euch Euch, aber ein großer Sprung für die Fernsehlandschaft. Trotzdem, für das bloße Kopieren von 9Live gibt’s keinen LdM.

Peter Hartz

VW-Manager, Erfinder des nach ihm benannten Reformprogramms und Mensch mit dem tollsten Portrait in der Wikipedia überhaupt. Nach kleinen Unregelmäßigkeiten bei Volkswagen nicht arbeitslos gemeldet, sondern in Rente gegangen und damit der ZEITUNG die Chance genommen eine Schlagzeile wie “Hartz IV für Hartz I… Kann er Nutten, Champagner und Sexreisen absetzen?” Okay, die ZEITUNG hätte eine schmissigere Schlagzeile gehabt, aber darum ist das hier nur ein popeliges Blog und nicht Deutschlands meistgelesene Tageszeitung. Anyway, wer der ZEITUNG nicht mal so weit entgegenkommt, der wird auch nicht LdM.

Das wirklich repräsentative Kanzleranking

Friday, July 29th, 2005

Wie Deutschlands größtes Boulevardmagazin berichtet, gab es mal wieder ein Kanzlerranking, bei dem nicht etwa anerkannte Experten, sondern das ignorante Wahlvolk gebeten wurde, die bisherigen Kanzler in einer Top-7-Tabelle einzuordnen. Dabei ist zu beachten, dass es um Bundeskanzler geht. Da können andere deutsche Kanzler sich auf den Kopf stellen weil sie so schön das Reich gegründet oder die Autobahnen gebaut haben, in diese Liste kommen sie trotzdem nicht rein. Aber sie hätten eh keine Chance gehabt, denn die Ergebnisse gleichen frappierend den Ergebnissen, die das Wahlvieh auch schon bei dem ZDF-Humbug Unsere Besten bestimmt hat. Dann wiederum ist das natürlich auch das Wahlvieh, das der Meinung ist, dass die Erfindung des Fernsehens wichtiger ist als die Erfindung des Brots. Wenn das doch nur Marie Antoinette hätte erleben dürfen.

Long story short, wir hier bei Agitpop akzeptieren dieses Ranking nicht: Adenauer vor allen Mitbewerbern und Kiesinger wird gar nicht erst genannt? So eine Statistik zeigt uns hier bei der Agitpop Forschungsgruppe Wahlen doch nur, dass Kent Brockman Recht hatte als er feststellte: “Ich habe es einmal gesagt und ich sage es wieder: Demokratie funktioniert einfach nicht !” And I, for one, welcome our new insect overlords. Aus diesem Grund nun das einzig wirklich relevante und empirisch glaubwürdige “Die tollsten Bundeskanzler aller Zeiten”-Ranking:

Die Creme de la Creme

Platz 1: Helmut Schmidt – Fumo ergo sum

Für uns steht unumstößlich fest, dass Helmut Schmidt der bedeutendste Bundeskanzler aller Zeiten ist und auch immer sein wird. Das ist eine Lektion, die das deutsche Volk noch lernen muss und wenn wir ihm die Demokratie wegnehmen müssen, damit es aufhört immer den köllsche Jung Adenauer auf Platz 1 dieser Rankings zu wählen. Meine Damen und Herren, liebe Neger, es geht hier darum den Kanzler mit den größten Verdiensten herauszufinden und nicht um den Versuch, die Kanzler in chronologischer Reihenfolge einzuordnen. Also, was macht Helmut Schmidt zu dem Popidol, der kulturellen Ikone, dem Papst unter den deutschen Politikern, der er für uns ist?

Das beginnt schon damit, dass Schmidt weiß was gut für seine Karriere ist. Politik ist ein dreckiges Geschäft in dem einen die Feinde immer wieder in den Rücken fallen möchten. Gerade Helmut Schmidt hatte viele Feinde: Willy Brandt, Rainer Barzel, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß. Um sich gegen eine solche Phalanx kluger Politiker durchsetzen zu können muss man schon mit ordentlichem Listenreichtum gesegnet sein. Oder den König der Listen und Lügen heiraten. Schmidt tat letzteres und hat einfach mal den nordischen Gott der Listen Loki geehelicht. Das nennen wir Einsatz.

Seine wirklichen Erfolge liegen aber in der Politik. Seine Karriere begann er damit, dass er – bewaffnet mit einem Eimer und einem Lappen – vom Boot aus das sturmgeflutete Hamburg dem Meer entriß. Vielleicht hätte man, um Poseidon zu beruhigen, im Gegenzug Kassel fluten können, aber das sind Lappalien. Wie auch Gerhard Schröder wurde Schmidt nach der Flut von einer Welle der Sympathie in die politische Karriere und schließlich in den Bundestag im alten Wasserwerk in Bonn gespült. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum Kanzler. Als solcher gelang ihm das, was George W. Bush heute nicht gelingen will, er gewann im “Deutschen Herbst” im Alleingang den Krieg gegen den Terror. Zwar konnte er Hanns-Martin Schleyer nicht retten, dafür schaffte es aber die GSG9 mit der “Operation Feuerzauber” in Mogadischu die einzig gelungene Operation ihrer Karriere hinzulegen. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass unter Hippie-Kanzler Brandt die Sondereinsatzkommandos noch beim Olympiaattentat 1972 das taktische Geschick eines zwölfjährigen Quake-III-Spieler aufwiesen und sich fröhlich gegenseitig abknallten. In der Folge erkannte die erste Generation der R.A.F., dass sie keine Schnitte hatte gegen einen Mann dem selbst das Meer weichen musste und beging Kollektivsuizid.

Zudem muss man Schmidts visionäres Talent loben: Mit der Erfindung des NATO-Doppelbeschlusses schaffte er gleich zwei Dinge. Zum einen begann er effektiv die Todrüstung der Sowjetunion (ein Verdienst der später fälschlicherweise dem tattrigen Ronald Reagan zugesprochen wurde), zum anderen kreiirte er so die Friedensbewegung, die sich mit peinlichen Sprüchen wie “Petting statt Pershing” aufmachte die Grünen in den Bundestag zu hieven und so erst die rot-grüne Koalition zu ermöglichen, die 1998 die Ära Kohl beendete. Ein Beweis dafür, dass Schmidt ein Visionär war, auch wenn er selbst sagte: “Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.”

Ein Ausspruch, der auch dafür steht, dass dieser Mann, diese Legende, in seiner Funktion als Zitatgeber imponiert. Über Verhandlungen mit dem alten Erdnußfarmer Jimmy Carter hat er mal gesagt, dass sei als wolle man “Pudding an die Wand nageln.” Und schon ihm war klar, dass das soziale Netz nicht zur “sozialen Hängematte” werden dürfe.

Eine Heldentat von Helmut Schmidt wird gerne unterschlagen, er kämpft alleine dafür dem deutschen Staat einen großen Steuerausfall zu ersparen: Jedes Mal wenn in Deutschland jemand mit dem Rauchen aufhört, beginnt Schmidt diese Menge an Zigaretten mitzurauchen, damit dem Finanzministerium die Tabaksteuer nicht verloren geht. Dieser Einsatz für das Vaterland hat Schmidts Körper verändert, es ist biologisch erwiesen, dass die Moleküle in Helmut Schmidt eine thermonukleare Explosion auslösen werden, wenn sie nicht 24 Stunden am Tag mit frischem Nikotin versorgt werden. Aus diesem Grund zündet Schmidt sich die zweite Zigarette schon an noch ehe die erste aufgeraucht ist und hat immer ein Notfalldöschen Schnupftabak dabei. Und während selbst Lucky Luke inzwischen von der Fluppe auf den Grashalm umgestiegen ist, hält Schmidt auch im Fernsehen den Glimmstengel für alle Raucher hoch, weshalb ihm die Nichtraucher-Fundamentalisten natürlich den Krieg erklären. Dem Mann der die RAF, die Flut, die Sowjetunion und die SPD-Fraktion besiegt hat. Ha. Wir hingegen verstehen das Opfer, das Helmut Schmidt für uns alle auf sich nimmt und danken ihm darum.

Schmidt-Schnauze, für uns bist du der Kanzler der Herzen.

Platz 2: Kurt Georg Kiesinger – Der unsichtbare Dritte

Da reißt man sich politisch für Deutschland den Arsch auf und wie wird es einem gedankt? Man wird vergessen. Ob Kiesi, wie wir ihn als alte Freunde nennen, nun wirklich den 2. Platz in diesem Ranking verdient hat oder nicht sei mal dahingestellt. Aber bei Politikrankings geht es – wie bei den Oscars – nicht nur um Qualität, sondern auch um Politik. Warum sonst hätte Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs zehn Oscars bekommen? Seien wir ehrlich 9 von 10 Deutschen wissen überhaupt nicht, dass Kiesinger mal Bundeskanzler war, was diesem Politiktitan nun wirklich nicht gerecht wird. Treffend, dass der gute Mann schon kurz nach dem Ende seiner Regierungszeit in Ein Herz und eine Seele als erster jüdischer Bundeskanzler und Nixons Außenminister erwähnt wurde. Nur warum der Kurt Kiesinger jetzt Henry genannt wird, dass wollte sich Else Tetzlaff nicht erschließen…

Dabei hat sich KGK schon früh in der Politik verdient gemacht. In einer Ära als ein späterer Bundeskanzler einen ausgedehnten Skandinavienurlaub machte, erarbeitete sich Kiesinger einen ordentlichen Posten im NSDAP-Propagandaministerium, wo er von politischen Experten wie Ron Vibbe… äh… von Ribbentrop und Paul Joseph Goebbels lernte, wie man mit der Bevölkerung den offenen Diskurs führt. Er widersetzte sich antijüdischen Aktionen, aber seinem Ziel, die Partei “von innen heraus in einem katholisch-konservativen Sinne beeinflussen zu können” darf man einen eher mäßigen Erfolg bescheinigen.

Das hat – und davon sollte unser krisengebeuteltes Deutschland lernen – ihn aber nicht davon abgehalten später, nach seiner Entnazifierung, Bundeskanzler zu werden. Noch dazu als Bildungsbürger und Schöngeist. Schon die Art, wie er Bundeskanzler geworden ist, verdient Respekt. In einem geschickten, machiavellistischen Schachzug sichert er sich die Zustimmung der CSU, lässt so den ollen Barzel und Gerhard Schröder den Älteren ins Leere laufen, und holt gleich noch Franz Josef Strauß in die Bundespolitik zurück. Bravo.

Seine große Koalition wird oft als Schreckenszeit bezeichnet, dabei hat sie viel geschafft. Und auch “Häuptling Silberzunge” selbst hat viel geschafft, denn sein Kabinett war das Real Madrid der deutschen Bundespolitik. Willy Brandt, Gustav Heinemann, Carlo Schmid, Gerhard Stoltenberg, Hans-Jürgen Wischnewski, Karl Schiller, Erhard Eppler, Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Dazu noch die Fraktionsvorsitzenden Helmut Schmidt und Rainer Barzel. Zu Recht werden Politikfans hier mit der Zunge schnalzen, ein derart hochkarätig besetztes Kabinett hat es seit dem nicht mehr gegeben. Allein der Umstand, dass Kiesinger es schaffte Wehner und Strauß im Kabinett zu haben, ohne dass einer der beiden mit einem Dolch im Rücken, mit Gift im Metabolismus oder mit Klamotten in der Badewanne gefunden wurde, zeigt, dass KGK ein großartiger Mediator war. Schon der Umstand, dass sich Kiesinger angeblich mit Herbert Wehner angefreundet hat, einem Mann der bereit war jeden Konkurrenten ins offene Messer laufen zu lassen, zwingt uns großen Respekt vor dem Mut dieses Mannes ab. Und vor seinem Optimismus. Noch als die Wiederwahl schon von allen Seiten als verloren angesehen wurde, vergab Kiesinger Ministerialposten.

Der große politische Coup dieses Mannes war aber zu erkennen, wo Deutschland stand: Auf Not. Und darum brauchte es auch die Notstandsgesetze. Als ihm auf einer Demonstration zugerufen wurde “Keine Notstandsgesetze! Keine Notstandsgesetze”, befand Kiesinger eiskalt, dass er, je mehr er solches Gerufe höre, desto überzeugter sei, dass Notstandsgesetze sehr wohl nötig seien. Alleine für dieses Demokratieverständnis hat er sich einen Platz in unseren Herzen verdient. Außerdem verdanken wir ihm diese lustigen Filmaufnnahmen wie ein Mann von einem Wasserwerfer über eine kniehohe Mauer gekippt wird. Wenn es hier Grund zur Kritik gibt, dann eigentlich nur dass seine Politik die schrecklichen Alt-68er hervorgebracht hat, die uns als zynismusfreie Moralisten noch heute tierisch auf den Sack gehen. Wenn wir uns entscheiden müssen zwischen der gepflegten Erscheinung eines KGK, der die Kanzlerschaft trug “wie einen Hermelin”, und der verlotterten Figur eines Rudi Dutschke, der es nichtmal schaffte zum Friseur zu gehen ohne über den Haufen geschossen zu werden, dann stehen wir auf der Seite von Kiesi. Und ein Mann den Günter Grass bis heute nicht mag, muss einfach gut gewesen sein. Darum fordern wir: Schluß mit der Damnatio Memoriae! Mehr Gedächtniskultur wagen!

Okay, der wahre Grund warum Kiesinger so weit oben steht: Wir finden seine Frisur immer noch hammergeil.

Platz 3: Willy Brandt – Der Player

Immer mal wieder wird unserem schönen, deutschen Vaterland ja vorgeworfen, dass es ausländerfeindlich sei. Humbug! Immerhin hatten wir sogar einen eingebürgten Ausländer als Bundeskanzler. Bis 1948 war Willy Brandt noch Norweger. Okay, davor war er schon bis 1938 als Herbert Ernst Karl Frahm deutscher Staatsbürger gewesen… aber hey! Hier geht es ums Prinzip. Wir finden es toll, dass Deutschland wieder einen Eingebürgerten als Kanzler wählte, nachdem der letzte eingedeutschte Kanzler sein Wahlprogramm ja nur teilweise erfüllen konnte. Und wieviele Länder können schon von sich behaupten einen Regierungschef gehabt zu haben, der sich nach einem Nahrungsmittel benannt hat? Eben.

Schon vor seiner Kanzlerschaft gibt es Dinge, die den kleinen Mann mit der hohen Stirn ungemein sympathisch machen. Damit meinen wir jetzt nicht, dass Willy in Skandinavien Bücher gegen die Nazis geschrieben hat. Das war natürlich auch toll, kommt aber nicht an den Fakt ran, dass er seine erste Tochter Ninja genannt hat. Ninja Brandt. Yes! Da ist es doch kein Wunder, dass die verlauste Hippiejugend der ’60er Jahre diesen Mann liebt. Umjubelt von der Jugend fährt Willy Brandt 1969 mit dem Mehr-Demokratie-Wagen auf den Parkplatz des Kanzlerbungalows in Bonn.

Nach den würdevollen, alten Herren Adenauer, Erhardt und Kiesinger generiert sich Brandt als trendy, hip und jugendlich. Ein Partykanzler, wenn auch ohne Emotionen. Brandt legte die Messlatte für zukünftige SPD-Politiker fest: Unter drei Ehen geht nichts. Konnte Helmut Schmidt dem noch entgehen, zeigte sich das Diktum spätestens in den Neunzigern. Die Troika Schröder-Lafontaine-Scharping kam anfangs zusammen auf 7 Ehen. Durch den geschickten Wechsel von Hillu Schröder zu Doris Köpf gelang es Ping-Pong-Gerd dem Lafontaine die Nominierung zum Kanzlerkandidaten mit einer Ehe Vorsprung abzuringen. 2001 geht Scharping wortwörtlich baden, als er den erbärmlichen Versuch unternimmt mit der Vorbereitung seiner zweiten Ehe zu punkten. Ja, man merkt, dass Willy Brandt einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Selbst andere Parteien haben dieses System der politischen Standortbestimmung übernommen: Mit vier Ehen und einer potentiellen fünfte Ehe in der Tasche ist Joschka Fischer unangefochtener König der Grünen. Eindruck hinterlassen hat Brandt auch mit der Ostpolitik, die ihm sein Faktotum Egon Bahr auf den Leib schneiderte (yadda-yadda, Ostverträge, bla-bla, Kniefall, usw. usf.) und für die man ihm den Friedensnobelpreis hinterherwarf. Aber mal ehrlich, die Sachen mit den Ehen finden wir dann schon interessanter.

Abgesehen davon brachte Brandt ein bisschen große Welt ins Kanzleramt. Was der Kennedy konnte, das konnte Brandt schon lange. Unter Brandt hielten Depressionen, außereheliche Affären und Alkoholkonsum Einzug in Bonn (eine Anzeige gegen Brandts Wiederwahl war darum auch betitelt mit: “Lieber Rainer Barzel als reiner Korn!”). Und mit diesen allzu menschlichen Eigenschaften, gewann Brandt auch 1972 die “Willy Wahlen”. Gut… damit und mit etwas Vorarbeit von der anderen Seite. Wenn wir Kiesinger dafür respektieren, dass er sich von Strauß zum Bundeskanzler machen ließ, dann müssen wir Willy Brandt dafür respektieren, dass er da nochmal einen drauflegte. Das konstruktive Mißtrauensvotum 1972 überstand er, weil zwei CDUler sich von DDR-Agenten bestechen ließen. Dass ihn später mit Günter Guillome selbst ein DDR-Spion zu Fall brachte (okay, der und die Achse Barzel/Schmidt) ist eine Ironie der Geschichte.

Zudem wird in Willy Brandts Vita gerne vergessen, dass er es war, der den galanten Nazivergleich als Höhepunkt der politischen Diskussion einführte, als er Heiner Geißler als den “schlimmsten Hetzer seit Goebbels” bezeichnete. Und kann sich jemand vorstellen, wo die politische Diskussion heute wäre, wenn nicht von Stölzl über Stiegler bis Däubler-Gmelin jeder Politiker jeden anderen Politiker als Nazi beschimpfen dürfte? Okay, man kann es halten wie Jon Stewart und feststellen, dass “the Nazis worked very hard to be evil, and to just throw that label on every Tom, Dick and Harry that walks along – that is an insult to the Third Reich, to say nothing of the First and Second Reichs, or other Reichs that may follow.” Aber als Gruppierung die den Nazivergleich für die Königsdisziplin der politischen Rhethorik empfindet, kann die Agitpop Forschungsgruppe Wahlen hier nur sagen: Danke, Willy Brandt.

Willy Brandt – Serious Party Dude und zu Recht unsere Nummer 3.

Die Plätze 4 bis 7 und der Trostpreis im Schnelldurchlauf

Platz 4: Konrad Adenauer – Wir hatten ja damals nichts anderes

Hat nach dem Krieg Deutschland im Alleingang wieder aufgebaut und versucht zusammen mit Franz Josef Strauß und Dr. Seltsam das deutsche Atombombenprogramm in Gang zu bringen. Erkannte zudem schon früh, dass der SPIEGEL mal in den Boulevardjournalismus abrutschen würde und wollte ihn deshalb präventiv von oben genanntem FJS zerschlagen lassen, was aber scheiterte. Eigentlich nur aus zwei Gründen so weit hinten in der Liste: Hat die schöne Tradition der deutsch-französischen Erbfeindschaft versaubeutelt und bei Unsere Besten Otto von Bismarck geschlagen, was wir ihm persönlich übel nehmen.

Platz 5: Helmut Kohl – Minima Moralia

Verdiente sich unsere Zuneigung weil er es schaffte, Franz Josef Strauß 1980 in die Wahlniederlage laufen zu lassen und die Partei dann nach seinem Antlitz zu formen. Wem es gelingt Strauß auszumaneuvrieren, der hat sich eigentlich einen Spitzenplatz in unserer Bestenliste verdient. Und auch Otto Schily, der vor wenigen Wochen noch als rüstiger Rentner im Untersuchungsauschuß die jungen Spunde rund um Eckart von Klaeden ganz schwindelig redete, konnte er 1986 an die Karre fahren, als sich herausstellte, dass er in einer Spendenaffäre nicht gelogen, sondern nur einen “Blackout” hatte. Wenn Reagan mit Alzheimer regieren kann, dann kann Helmut das mit ein paar Blackouts schon lange. Größte Hochachtung zollen wir ihm zudem dafür, dass er die Moral in die Politik zurückbrachte. So sehr, dass ihm ein persönliches Ehrenwort wichtiger ist als das Grundgesetz. Einen solchen Einsatz für die persönliche Ehre findet man kaum noch. Warum er dann so weit hinten steht? Ein Wort: Wiedervereinigung.

Platz 6: Gerhard Schröder – Ping-Pong-Gerd

Anders als der volksferne Kiesinger ist Schröder ein Macher, der das auch in seinen Reden zeigt. Mit Aphorismen wie “hinten sind die Enten fett” oder der Umbenennung des Familienministeriums in “Ministerium für Gedöns” sieht man, dass Ping-Pong-Gerd ein Sprachästhet ist. Außenpolitisch ist er ein Kind der Brandt’schen Schule und verfolgt eine neue Ostannäherung. Der Kanzler kennt keine Menschenrechte mehr, er kennt nur noch Chinesen. Schröder verfolgt eine klare Linie: Er ist gegen nicht von der UN sanktionierte Kriege. Außer sie dienen, wie der Kosovokrieg, der Verhinderung eines neuen Auschwitz. Es sei denn natürlich so ein Völkermord findet in irgendeinem Popelstaat wie dem Sudan statt. Als Befürworter von Ökosteuer und Atomausstieg ist es nur konsequent, dass er als Autokanzler bekannt und eng befreundet mit Peter Harz ist. Und wer, wenn nicht ein SPD-Kanzler, könnte es schaffen gleichzeitig die Sozialdemokratie abzuschaffen und andererseits Franz Müntefering als Schoßhund zu halten. Und als dreifacher Ehrendoktor passt es, dass Schröder Gastauftritte bei Wetten, dass…?!, Gute Zeiten, Schlechte Zeiten hatte und einen Bundespopbeauftragten (Siegmar Gabriel) erfunden hat. Ja, Ping-Pong-Gerd ist vielleicht der stringenteste, konsequenteste und inhaltlich koheränteste Kanzler den wir je hatten. Als enge Vertraute seines Pressesekretärs können wir darum heute schon die Slogans für die SPD-Kampagne zur Bundestagswahl präsentieren: “Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke!” Schröder wählen!

Platz 7: Ludwig Erhard – Ludwig Werhard?

Spitzenfinanzminister, aber als Kanzler nicht mehr vorzuweisen als dass er verflixt lange Zigarren geraucht und den selben Nachnamen wie Heinz Erhard gehabt hat, aber nicht ganz so lustig war.

Ehrenplatz: Strauß & Wehner

Keiner von beiden war je Bundeskanzler, aber so oft wie ihre Namen in diesem Post gefallen sind, hätten es beide verdient. Darum wollen wir hier voller Stolz Franz Josef Strauß und Herbert Wehner zu Bundeskanzlern, h.c. ernennen. Beide waren mehr als einmal die Lenker im Schatten innerhalb der deutschen Bundespolitik und beide waren Politiker mit Leib und Seele. Eiskalte Taktierer, die über Leichen gingen. Im Falle von Wehner ist das nicht als Floskel sondern wortwörtlich zu verstehen, wie die “Schädlinge”, die er in Stalins Moskau denunzierte, am eigenen Leibe erleben mussten. Abesehen davon verdanken wir ihm tolle Bundestagszwischenrufe wie den legendären “Düffel-Döffel” und die Abgeordneten “Hodentöter” und “Übelkrähe”. Zudem verabschiedete er CDUler, die den Plenarsaal bei einer seiner Reden aus Protest verließen, mit den Worten: “Ich sage ihnen Prost, denn ich weiß wohin sie jetzt gehen.” Strauß war da nicht ganz so kreativ, aber zumindest offen und ehrlich. Egal ob es gegen die “roten Ratten” oder die “Ratten und Schmeißfliegen” ging. Zudem teilte FJS unsere Auffassung, dass Demokratie meist nicht funktioniert mit dem schönen Ausspruch: “Vox Populi. Vox Rindvieh.” Insofern ist es nur konsequent, dass er zu Pinochets Diktatur befand, “dass Chile ein demokratisches und freies Land ist [...] vor allem, weil es in den vergangenen vier Jahren fundamentale Prinzipien der deutschen Demokratie übernommen hat.” Ja, nicht Spaßpolitiker wie Guido Westerwelle oder Klaus Wowereit, sondern solche kantigen, gefühllosen Machtmenschen sind es, die uns den Glauben an das Gute in der Politik zurückgeben. Also, Dagon, halt dich ran. Dann bist du vielleicht bald der dritte Mann in diesem Triumvirat.

Zwischenlink: Monty Python

Tuesday, July 26th, 2005

Okay, ich bin ein fauler Sack und sollte eigentlich Content bloggen, aber stattdessen gibt es hier “nur” einen Link zu einer Website mit tierisch viel Content. Ich habe den Link schon im Sidebar eingefügt, möchte aber nochmal exemplarisch darauf verweisen, damit es auch jeder mitbekommt: Monty Python’s Flying Circus in Australia war meine absolute Lieblingswebsite, wurde dann aber aus dem Netz genommen. Wie man dem Link hier entnehmen kann ist inzwischen ein Mirror der Seite wieder on-line (oder er war schon immer on-line und ich habe ihn einfach übersehen).

Nicht nur, dass man hier das Skript für jeden Sketch finden kann, den die Pythons jemals aufgenommen haben (wir hier bei Agitpop empfehlen Bicycle Repair Man, The North Minehead By-Election, und den Tödlichen Witz), nein, auf dieser Website gibt es Screencaps, unzählige Soundfiles, die Skripte der Python-Filme und einige der Schere zum Opfer gefallene Szenen als Video. Miese Qualität, aber endlich erfährt man was es mit Otto und der judäischen Volksfront auf sich hat und woran die Entführung von Pilatus Frau und damit die Auflösung des gesamten römisch-imperialistischen Staatsapparates binnen zweier Tage scheiterte. Und die, die bei “I’m a Roman Catholic” nicht mitsingen können, finden vielleicht gefallen an den Adventures of Martin Luther.

Sogar die beiden in Deutsch produzierten Episoden Monty Python’s Fliegender Zirkus sind hier vertreten. Das sollte ein ausreichender Zeitvertreib sein. Lustiger als dieses Blog sind die Pythons allemal.

Ah, übrigens: The Spanish Inquisition! Das hat jetzt garantiert niemand erwartet…

___Nachtrag___

Noch eine kleine, immer wieder gern erzählte Annekdote aus einem Geschichtsseminar über die Darstellung der antiken Lebenswelt in Film und Fernsehen. Referat zu Life of Brian

Referent: “Interessant vielleicht noch, dass der Vater von Eric Idle bei der R.A.F. war.”
Dozent: “Sie wissen aber schon, dass damit die
Royal Air Force gemeint ist?”
Referent: “Oh.”

Zucker zum Kaffee?

Sunday, July 24th, 2005

In der Woche in der ich nicht im Lande war, hat sich offenbar einiges im Skandal in der Posse Rund um den “Hot Coffee”-Mod für GTA: San Andreas getan. Anders gesagt, die Politik in den USA scheint sich langsam eingeschossen zu haben. Die Meisten werden inzwischen wissen, worum es sich handelt, für die Anderen noch einmal die Kurzversion: Rockstar Games, die Macher von GTA, hatten ursprünglich ein Minispielchen geplant, in dem die Spielfigur durch geschicktes Buttons drücken und Joystick (no pun intended) bewegen seine Freundin möglichst gut befriedigen muss. Wie einige Internetler anmerkten, die Suche nach dem magischen Gräfenberg-Punkt, ganz wie im richtigen Leben. Oben, oben, unten, unten, links, rechts, links, rechts… nur wie das mit dem B, A in der Realität gehen soll ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht wenn B.A. Baracus in den Sex involviert ist. Aber ich werde albern…

Also, Kern der Sache: Ein Minispielchen in dem man es seiner Freundin besorgen muss. Kurz vor dem Release bekam man bei Rockstar Games dann aber offenbar doch noch kalte Füße und entschloss sich dazu, das Minispiel aus GTA: San Andreas zu entfernen. Zumindest teilweise, denn der Code blieb weiterhin im Spiel enthalten. Das Gerücht über einen geheimen Sex-Cheat machte schon relativ bald nach dem PS2-Release die Runde, aber erst die PC-Version erlaubte es den Moddern in die Programmstruktur einzudringen und das Minispiel (“Hot Coffee”, weil einen die Freundin zu sich auf einen Kaffee einlädt) freizuschalten.

Darüber regten sich einige Family-Values-Politiker beider Parteien in den USA relativ schnell auf, am aufmerksamkeitswirksamsten Frau Hillary Rodham Clinton, die natürlich bei der Präsidentschaftswahl 2008 nicht als linksradikaler Che-Guevarra-Liebhaber wie John Kerry gelten will und darum jetzt schon mal die moralische Messlatte möglichst hoch legen muss. Denn Moral und Clinton sind zwei Worte, die schon immer perfekt zueinander gepasst haben. Oh, übrigens: Ozeanien befindet sich im Krieg mit Eurasien, Ozeanien befand sich schon immer im Krieg mit Eurasien. Paradigmenwechsel ohne Kupplung nennt man sowas auch.

Anyway, der politische Druck hat ausgereicht um Rockstar Games klein beigeben zu lassen: Zukünftige GTA-Versionen werden vom “Hot Coffee”-Code gesäubert, das Spiel selber wurde vom ESRB (dem amerikanischen Äquivalent zur deutschen USK) von einem M-Rating (nur für Jugendliche) auf ein AO-Rating (nur für Erwachsene) hochgestuft und wird darum wohl nicht mehr bei Ketten wie WalMart, Target oder Best Buy und Internetanbietern wie Amazon zu finden sein, was für Rockstar finanzielle Einbußen bedeutet.

Rockstar reagiert darauf wie man das von anständigen Erwachsenen erwarten kann… und gibt den bösen Anderen die Schuld. Den Moddern, die das Minispiel erst freigeschaltet haben. Sorry, kein Mitleid, wer quasi fertigen Code in einem Spiel belässt, der scheinbar leicht freischaltbar ist, ist selber Schuld. Zudem behauptete man, dass die Modder den Code erst ins Spiel gebracht hätten. Eine Lüge, da inzwischen auch für die “Playstation 2″-Version des Spiels einen “Hot Coffee”-Mod gibt, der eindeutig auf dem vorhandenen Quellcode basiert. Die Modder-Szene ist verständlicherweise verärgert, dass sie jetzt für Rockstar als Sündenbock herhalten soll.

That being said, möchte ich – und hier bin ich nicht der Erste und der Einzige, der das sagt – die amerikanische Politik für ihre moralischen Doppelstandards loben. Wenn ich mit dem Basie losziehe und Männern, Frauen, Jungen und Alten die Rübe vom Hals prügele um ihr Geld zu klauen, dann ist das kritikwürdig, aber nicht schlimm. Wenn ich Frauen zur Prostitution bringe und Polizisten abknalle, dann ist das diskutabel, aber kein Beinbruch. Sobald ich aber in einem Minispielchen meine virtuelle Freundin befriedige, fühlen sich selbst die Größeren der Politik auf den Plan gerufen? What the…?

Natürlich lässt sich dieses moralische Doppelspiel auch bei den Programmierern selbst finden. Nehmen wir Hitman Contracts, eines der brutalsten Spiele, das ich kenne. Im Verlauf dieses Spiels habe ich Menschen von hinten einen Billard-Queu durchs Herz gebohrt, eine Leiche an einen Fleischerhaken gehängt, damit sie nicht gefunden wird, einen alten Mann mit einem Kissen erstickt und einen angeketteten Journalisten mit Stromstößen gebraten. Ein Spiel mit solchem Inhalt sollte generell nicht an Kinder verkauft werden. Trotzdem, während exzessives Morden kein moralisches Problem darstellt, waren sich die Programmierer sehr wohl bewusst, dass das Hinzufügen von Sex zu Ärger führen kann. Resultat: In dem Level, in dem ich den alten Mann ersticke, geht ein Dienstmädchen duschen… selbst während des Duschens behält sie ihr Nachthemd an. So werden Kinder davor bewahrt in diesem Spiel Dinge zu sehen, die sie nicht sehen sollten. Welcome to Doublethink-Ville. Population: You!

Und das kann man natürlich auch im Kino sehen. Wo es in den 1980ern noch okay war selbst in Familienkomödien mal eine entblößte Brust zu zeigen, da wird man heute selbst in blutigen Mainstreamslashern derartiges nicht mehr sehen. Und man zwinge mich erst gar nicht von den Pseudoskandälchen rund um die Hardcore-Lesben-Szenen zwischen Britney und Madonna und die ganz Amerika lahmlegende rechte Brust von Janet Jackson zu reden. Argh! Gibt es nicht vielleicht wichtigere Dinge zu tun? Massenvernichtungswaffen im Irak finden, oder so? Mal ganz abgesehen davon, obwohl die USA gegen nackte Brüste kämpfen (gerne erinnern wir uns auch daran, wie John Ashcroft von den nackten Brüsten Justitias so abgelenkt wurde, dass er sich nicht mehr darauf konzentrieren konnte “Let the Eagles Soar” zu singen), haben sie weiterhin die höchste Teenagerschwangerschaftsrate in der westlichen Welt.

Vielleicht sollte man, um die Katastrophe mal ins rechte Licht zu rücken, zeigen worüber sich die Politiker da so ereifern. Dieser Screenshot stammt von Deutschlands größtem Boulevardmagazin [1] und zeigt uns kochend heißen Sex zwischen kantigen, unrealistisch wirkenden Polygonenhaufen mit Clipping-Fehlern (dürfte also in etwa identisch sein mit dem Sextape von Paris Hilton). Himmel, der gute Mann hat sogar seine Sneakers noch an und die gute Frau ist auch nicht unbekleidet. Die Kinder, die Kinder, denkt denn hier niemand an die Kinder.

Anstatt aber das Phänomen auf das Sommerloch schieben zu können (denn was passiert da draußen schon was relevant sein könnte? Gut, der ein oder andere terroristische Anschlag… aber kann man das mit die Jugend verrohendem Sex zwischen zwei virtuellen Entitäten vergleichen?) und zu denken, dass es bald vergessen wird, wird das Thema die Politik in den USA wohl weiter verfolgen. Denn Jack Thompson, der Mann, der die GTA-Kontroverse erst ins Rollen brachte, hat seine Beißer bereits in ein neues, die Jugend Amerikas zersetzendes Spiel geschlagen: The Sims 2. Da werden nackte Sims, die keine Genitalien besitzen, verpixelt. Aber, wie Thompson feststellt, “die Verpixelung kann ausgeschaltet werden“. Und zwar auch bei den Kindern der Sims: “[S]ehr zur Freude von [...] Pädophilen auf der ganzen Welt, die ihre Verbrechen in der virtuellen Realität proben können.

Hoppla. Das klingt nach einem Homerun für Moral-Values-Vertreter: Pädophile, die am Computer üben können, wie sie Kinder zum Sex bekommen? Man kann davon ausgehen, dass auch hier andere Politiker schnell auf den Zug aufspringen werden. Dass hier – anders als bei GTA – kein Originalcode verwendet wird um sowas im Spiel möglich zu machen, dürfte dabei egal sein. Und falls das ESRB auch hier dem Druck der Politiker nachgibt und das Rating nachträglich nach oben setzt, dann droht den amerikanischen Spielen einiges ins Haus zu stehen. In etwa das, was wir hier in Deutschland im Kontext Videospiele und Gewalt erleben.

Immerhin ist Nacktheit seit Jahren eines dieser mystischen Features in Videospielen, von den angeblichen Nudalities in Mortal Kombat bis zum Nude-Raider-Code in Tomb Raider. Und es gibt kaum ein Spiel mit einer weiblichen Hauptfigur, für das nicht nach kurzer Zeit ein Nudity-Mod im Netz zu finden ist. In Max Payne 2 kann man, über die Konsole, mit dem Nacktmodell spielen, das für eine Duschsequenz von Mona Sax erstellt wurde. Für Shooter wie Quake 3 Arena oder Unreal Tournament gibt es unzählige Nude-Skins zum Download. Namco kämpfte vorsorglich im Internet gegen Nude-Patches für Dead or Alive Extreme Volleyball (nicht dass man da sonderlich viel wegeditieren müsste um einen Nude-Patch zu erstellen).

Alles in Allem: Wenn sich die US-Politik also über den Kampf gegen anstößige Videospiele bei den Moral-Values-Wählern qualifizieren will und dabei keinen Unterschied zwischen den Spielen und dem Quellcode an sich (wie bei GTA) und nachträglich eingefügtem Code (wie bei Sims 2) macht, dann steht uns an der Videospielefront im kommenden Jahr ein heißes Tänzchen ins Haus. Freuen Sie sich auf Spiele mit mehr Gewalt, mehr Blut und mehr Gore, die sie ihren Kindern ohne Angst in die Hand drücken können. Keine Brustwarze und kein geschlechtlicher Verkehr wird das zarte Seelchen des kleinen Johnny oder der kleine Jane Q. Public gefährden. Gott Segne Amerika. Das letzte Wort hier möchte ich dem generell kongenial-wütenden Lewis Black einräumen. Der beantwortete Rodham-Clintons Forderung, man müsse Videospiele behandeln wie man auch Alkohol und Tabak behandelt, wie folgt: “Namely: as valued contributors to our re-election fund.

___Fußnoten___

[1] Bei dem Weg, wir scheinen eine Googlebomb kreiert zu haben: Der erste Link bei Google für “Deutschlands größtes Boulevardmagazin” führt zu SPIEGEL Online. Strike!

Due South

Sunday, July 17th, 2005

Die gesamte Belegschaft der Agitpop GmbH & Co. KG wird sich in der nächsten Woche in den südlicheren Gefilden unseres schönen, deutschen Heimatlandes herumtreiben und sich von Michael Glos – dem großen Idol dieser Internetpräsenz – in Sachen Rhetorik schulen lassen. Freuen Sie sich also zukünftig auf mehr Zuhälter, Zecken & Wirtstiere und Ökoterroristen in diesem Weblog.

Damit sich unsere Leserschaft bis dahin nicht so allein fühlt bieten wir hier noch schnell etwas, das die Schönheit und Überlegenheit des menschlichen Körpers demonstriert wie nichts anderes: Hasselhoff-Softporn. Enjoy!

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Diese Post entstand in Zusammenarbeit mit der Foundation für Rechts- und Verfassungsfragen und dem American Grizzly-Magazin.

DOOM 3: How Could Hell Be Any Worse?

Saturday, July 16th, 2005

Es gibt da ein Spiel in dem ein einsamer Space Marine sich alleine durch menschenleere Gänge schleichen muss. Über Botschaften auf PDAs findet er heraus, was um ihn herum schiefgegangen ist. Ein seltsames außerirdisches Artefakt wurde gefunden und damit begann das Unheil. Jetzt schlurfen Zombies und Monster durch die Gänge und nur mit einer handvoll Waffen ausgerüstet muss der Space Marine jetzt verhindern, dass die Monster die Erde überrennen. Das Spiel habe ich nicht sofort bei der Erstveröffentlichung gespielt, aber es hat mir trotzdem richtig gut gefallen. Ein involvierender Plot, ausgeklügelte Spielmechanik und ein verflixt unheimliches Setting. Sehr unheimlich. Was? Nein, nein… die Rede ist noch nicht von Doom 3, sondern von System Shock 2. Aber es hat schon seinen Grund, dass ich hier mit System Shock 2 anfange.

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Good Old Days: Diese Steintafel zeigt quasi das Cover des Ur-Doom

Mit der MAD-typischen Verspätung von fast einem Jahr habe ich dann also auch den dritten Teil des altehrwürdigen Urvaters der modernen Shooter durchgespielt. Und das Alter war nicht gnädig mit der Spielephilosophie der Jungs von id Software. Sicher, man hat versucht in Doom 3 moderne Konventionen zu akzeptieren und zumindest teilweise neue Wege zu gehen, aber alles in allem demonstrieren diese Versuche nur, dass John und Adrian Carmack in vielerlei Hinsicht immer noch in den Neunzigern verharren. Sicher, die Grafikengine ist sexy (auch wenn mich zum Beispiel FarCry mit den ausladenden Dschungelleveln mehr gereizt hat), aber das Spieledesign erinnert mich an die Tage als Jedi Knight oder Half-Life 1 den Markt dominierten. Aber der Reihe nach.

Kommen wir wieder zu System Shock 2: Als das Spiel damals erschien hat irgendwer dem Programm den Spitznamen “The thinking man’s Doom” gegeben. Viel besser kann man das Spiel nicht umschreiben. Saftige Action gepaart mit grandioser Atmosphäre, straff organisierter Story und gut integrierten Rollenspielelementen. Will ich vielleicht als Psymagier unsichtbar durch die Gegnerscharen wandeln? Oder ist es wichtiger, dass ich als Mechaniker in der Lage bin meine Waffen zu reparieren wenn der Abnutzungseffekt einsetzt? Aber: Was nutzt es mir wenn ich meinen RPG-Launcher zwar reparieren, aber nicht abfeuern kann? Das war ziemlich revolutionär.

Wenn System Shock 2 nun das Doom des denkenden Mannes war, was genau ist dann Doom 3? Denn die Programmierer haben eindeutig Anleihen bei Looking Glass’ Rollenspielshooter gemacht. Es gibt ja – in meiner simplen Sicht der Dinge – primär drei Arten von Gamedesignern: Da sind die Designgötter, für die ein ausgeklügeltes Spielgeschehen und ein gutes Leveldesign das wichtigste ist. Dazu gehören der sogenannte Levellord, dazu gehört aber auch John “Design is Law” Romero. Dann gibt es die Fraktion, die Computerspiele als ein erzählendes Medium sieht und versucht ihre Spiele durch eine starke, involvierende Geschichte zu prägen. Der vielleicht beste Designer in diese Richtung ist der grandiose Warren Spector. Und zuletzt gibt es noch die Fraktion, die eigentlich auch dankbar ist, wenn sie einfach nur Grafikdemos programmieren und das Letzte aus einem System oder einer Engine rauskitzeln darf… die Speerspitze hier stellt John Carmack dar. Mit Romero und Carmack haben in den frühen ’90ern Design und Technik ihren Triumph gefeiert. Die Story von Spielen wie Doom 3, Wolfenstein 3D oder Quake wurde meist im Nachsatz angeklatscht. Wie Carmack selbst einmal sagte: Story in einem Computerspiel ist wie Story in einem Porno. Vorhanden, aber eigentlich egal.

In Doom 3, mit dem John Romero nichts mehr zu tun hat, versucht sich id erstmals im Gebiet der storylastigeren Shooter, die Spiele wie Jedi Knight oder Outlaws losgetreten haben und die seit Half-Life eigentlich als Standard gelten. Auch wenn die “Story” in Half-Life primär aus geskripteten Sequenzen besteht, die eine gewisse Atmosphäre erschaffen sollen und weniger aus einem koheränten Plot. Egal, generell klingt der Versuch gar nicht mal schlecht. Mit Matthew Castello hat man sich sogar einen Science Fiction-Autoren rangeholt um eine gute, fesselnde Geschichte hinzubekommen. Das Resultat ist dafür um so ernüchternder. Die Geschichte selbst ist… ähm… nicht allzu ausufernd. Namenloser Space Marine kommt auf der Marsstation an, bekommt eine Mission und während dieser Mission bricht – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hölle los. Space Marine sammelt Waffen und geht los um den höllischen Heerscharen in den Arsch zu treten. Oh ja, wir erfahren “warum” die höllischen Heerscharen befreit wurden und dass sie die Erde überrennen sollen, aber die zwei vorherigen Sätze fassen effektiv die Story von Doom 3 zusammen. Überraschungen, Wendungen, Charakterdesign… hahaha, ja sicher.

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Fette Beute: Cyberdemon (links) gegen Spieler (rechts) 0:3

Aber es gibt ja auch “Nebenplots”. Man sammelt, wie in System Shock 2 die PDAs von gefallenen Marsstationsbewohnern und setzt so Stück für Stück zusammen, was genau passiert ist. Eigentlich ein gutes System, aber leider hat man nicht so gut aufgepasst was es genau war, dass dieses System in System Shock 2 so effektiv gemacht hat. Man hatte das Gefühl, dass die Aufzeichnung wirklich von einer real existierenden Raumschiffscrew geschrieben waren. Sie bauten geschickt aufeinander auf. So ergaben sich kleine Nebenplots, etwa das Liebespaar, das versuchte von der “Von Braun” zu fliehen, der Doktor der begann seine Schwestern in “Brutmütter” für die Aliens umzuwandeln, die Sicherheitschefin, die langsam durchdrehte und ein Massaker in der Messe des Raumschiffs veranstaltete. Die gefundenen PDAs (oder PADs, oder wie auch immer) gaben kleine Teile eines Puzzles wieder, das sich langsam zusammensetzte. Bei Doom 3 ist ein Großteil der Geschichte ja ohnehin klar, da gibt es nur marginal zusätzliche Storypunkte. Und auch die E-Mails der Crew helfen nicht die Marsstation als “realistisch” zu empfinden.

Sicher, es ist spaßig, dass die Nigeria-Connection auch im 22. Jahrhundert noch auf die Jagd nach Deppokraten geht und manche E-Mails sind amüsant, das Problem ist nur die Kommunikation. Die Besitzer der PDAs scheinen zwar zu kommunizieren, aber nicht miteinander. Hin und wieder wird jemand angeschrieben, dessen PDA der Spieler bereits gefunden hat, aber das kommt zu selten vor. Zudem hat ab dem Moment der Katastrophe kaum noch jemand persönliche Aufzeichnungen gemacht, was sehr schade ist. Ein großer Teil der Atmosphäre in System Shock 2 kam daher, dass die Crew beschrieb wie das ganze Raumschiff langsam dem Chaos anheim fällt und wie die Dinge mehr und mehr außer Kontrolle geraten. Einer der bedrückendsten PAD-Einträge war der eines Biologen, der seinen Tod in einem riesigen, außeridischen Mechanismus fand. Sowas fehlt hier ganz. (Korrektur: Es gibt in Doom 3 die Aufzeichnung eines Forschers, der in der Hölle gestrandet ist. Das war’s aber auch schon.) Schade eigentlich, denn generell finde ich die Idee mit den PDAs ziemlich gelungen, die Umsetzung ist halt schwach. Zudem werden die Spieler zum Lesen/Anhören der Aufzeichnungen gezwungen, weil darin Codes für Schränke mit Waffen und Verbandszeug versteckt sind. Naja. Die Story ist also eher Beiwerk und nicht mal sonderlich schmückendes. Vielleicht hätte man da doch jemanden fragen sollen, der sich mit sowas auskennt. Deus Ex, System Shock 2 und die Thief-Serie sind Musterbeispiele dafür, wie man eine gute Story störungsfrei in ein Spiel integrieren kann und wie man genug Lesestoff liegen lässt um – für den, der es wünscht – zusätzliches Worldbuilding zu betreiben. In System Shock 2 werden selbst nebensächliche Forschungsergebnisse ausführlich und in einem pseudowissenschaftlichen Stil beschrieben, in Doom 3 besteht der ganze Forschungsbericht zu einigen der Gegner aus gerade mal zwei bis drei Zeilen, die eigentlich nur beschreiben, was der Spieler auch selber sehen kann. Skelett das mit Raketen schießen kann? Was du nicht sagst. Ach .com, gut gezz…

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Computerscreens: Sehr schöne Spielerei

Was von Anfang an richtig gut gefällt sind die Computerscreens. Wenn man die anschaut wird das Fadenkreuz zum Mauszeiger und man kann die Dinger bedienen als wenn sie eine echte Benutzeroberfläche hätten. Das ist cool und das hilft auch der Immersion. Leider hört es da aber dann auch schon größtenteils auf, denn mit mehr als den Screens kann man eigentlich nicht interagieren. Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen mögen ihre Shooter gradlinig und ohne viel Schnickschnack, die anderen finden, dass gerade dieser Schnickschnack ein Spiel auszeichnet. Früher, vor dem Kartoffelkrieg, hat sich dieser Konflikt an der Fangemeinde Quake II gegen die Fangemeinde Duke Nukem 3D entzündet. Ich stand immer auf der Seite des Atomherzogs, einfach weil ich fand, dass es dem Spielspaß zuträglich war, wenn die Kampfgebiete halbwegs glaubwürdig waren. Wenn dann Feuerlöscher explodiert sind, Spiegel zerbarsten oder man Kassen aufschießen konnte, dann fand ich das ziemlich toll. Genau so war ich in Max Payne davon begeistert, wie nach einer großen Schießerei Dinge in sich zusammen fielen, wie Kacheln von den Wänden sprangen und wie der Putz aus den Einschußlöchern rieselte. Sowas hilft mich in die Spielwelt zu ziehen. Alles was man in Doom 3 machen kann ist Monitore bedienen und die handelsüblichen Benzinfächer in die Luft jagen, was schon 1996 Shooter-Standard war. Ansonsten kann ich ballern auf was ich möchte, aber nichts geht kaputt, nichts zeigt eine Reaktion. Gerade wenn ich mir überlege, wieviel man in die Engine gesteckt hat ist das doch überraschend. Eines dieser “Sieht schön aus, aber bitte nicht anfassen”-Dinge. Der Fairness halber, Doom und Quake waren schon immer gradlinige Shooter ohne diesen Schnickschnack… nur, wenn man einen gradlinigen Shooter bastelt, dann zwingt man seine Fans nicht dazu alle paar Minuten zu pausieren um Nachrichten anzuhören oder E-Mails zu lesen. Scheint so als wenn id selber nicht wusste, wen man hier ansprechen will.

Aber da ist ja noch die Atmosphäre. Doom 3 verspricht immerhin ein ziemlich intensives, ziemlich erschreckendes Spielgeschehen. Enge Gänge, marginale Beleuchtung, starke Monster. Das klingt doch gut. Und theoretisch ist es das auch, praktisch dann aber eben doch wieder nur bedingt. Das hier ist in vieler Hinsicht nicht mehr das altbekannte Doom, die Gegner sind ziemlich hochgepowert. Selbst der Imp, der Standardgegner im gesamten Spiel, ist schnell, brutal und im Nahkampf verflixt tödlich. Dementsprechend hat man es eigentlich erst im letzten Drittel des Spiels mit mehr als zwei Gegnern gleichzeitig zu tun. Dem trägt auch das Spielgeschehen Rechnung. Der Spieler kann nur eine begrenzte Zeit rennen, ansonsten wird sich langsam vorangetastet. Hinter jeder Ecke könnte der Tod lauern. Gerade zu Beginn, wenn die Munition knapp ist, ist man ziemlich vorsichtig unterwegs. Erst gegen Ende, wenn man Raketen im Überfluss und ausreichend Munition für den id-Klassiker, die BFG (Big Fucking Gun), hat kommt das alte Doom-Gefühl wieder auf. Zwei Imps, ein paar Floater (keine Ahnung wie die Dinger heißen, aber sie sehen so aus wie die fiesen Floater aus Duke Nukem 3D) und ein Super-Zombie-Soldat mit Chaingun? Haha… freßt heißes Plasma, ihr höllischen Missgeburten! Das Kampfgeschehen hat id wirklich gut hinbekommen, keine Waffe ist komplett nutzlos, auch wenn man wahrscheinlich den Großteil des Spiels mit der Shotgun unterwegs ist, die selbst größere Gegner mit 2 bis 3 Treffern auf kurze Distanz (da liegt wieder der Hase im Pfeffer) wegputzt. Angriff ausweichen, circle-strafen, näher ran an den Gegner, abdrücken… yes! Ebenfalls nett ist die Rückkehr der guten, alten Kettensäge (Benzin dafür gibt’s auf dem Mars ja zur Genüge), die mich auf einem sehr primitiven Niveau durchaus zu befriedigen weiß. Heidewitzka, es macht schon Spaß ein halbes Dutzend Zombies im Nahkampf mit der Kettensäge zu Kleinholz zu verarbeiten. Hey, was für Ash in Evil Dead II und Army of Darkness gut ist, das kann für mich ja nicht schlecht sein.

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Zombies, man… they creep me out.

Ja, die Kampfumsetzung ist wirklich gelungen und die Kämpfe rocken gehörig. Das muss ich dem Spiel lassen. Dann muss ich aber auch schon wieder mit dem nörgeln anfangen, denn die beklemmende Atmosphäre vom Anfang entwickelt sich sehr bald in relative Öde. Irgendwann hat man den Dreh raus, man weiß wie man die Gegner am effektivsten ausschaltet. Zudem wiederholen sich bestimmte Überraschungsmomente: Gegner haben die Tendenz sich hinter dem Spieler in den Raum zu beamen. Oder Wände die man passiert hat, klappen runter und Monster springen aus engen Räumen dahinter hervor (was sie in diesen Würfeln, die oft kaum größer als sie selber sind, tun wird nicht ersichtlich). Und dann ist da noch die “Spawn me!”-Situation. Man soll eine Aufgabe erfüllen (Gegenstand [sprich: Keycard, egal wie man's nennt] finden um eine Tür zu öffnen, Gerät zum Laufen bringen um voran zu kommen) und sieht den Gegenstand oder das Computerterminal das man braucht. Dann ist klar: Sobald ich das Ding anpacke kommen Gegner. Das gilt auch für offensichtlich in der Gegend herumliegende Items oder Waffen. Also, bevor man zugreift/ seine Mission erfüllt werden erstmal alle Waffen gecheckt und nachgeladen, man guckt ob noch irgendwo ein Health-Pack oder eine Rüstung zu finden ist, die dickste Waffe wird ausgepackt und dann – wenn man vorbereitet ist – greift man zu. Und tatsächlich: Monster erscheinen. Nein, sowas. Das ist zwei oder drei Mal überraschend und erschreckend, aber danach kennt man das Muster und es wird eintönig. Die Atmosphäre setzt weniger auf konstante Panik als eher auf Schockmomente. Die Leiche lebt noch, der Gegendstand fliegt plötzlich durch’s Fenster, ich öffne eine Tür und werde angesprungen (ziemlich unfair). Da ist man für einen Moment wirklich durch den Wind. Nur: Wirklich packende Spannung kommt nicht auf. Beim zweiten Durchgang weiß man zudem was passiert und erschreckt sich dann gar nicht mehr.

Das haben andere Spiele besser hinbekommen. Auch hier muss ich wieder auf System Shock 2 verweisen, wo es weniger Schockmomente gibt, dafür aber – auch mit veralteter Graphikengine – eine beklemmendere Grundstimmung gehalten wird. Man hört die Monster in der Distanz herumschlurfen und stöhnen, das Gefühl der Isolation ist erdrückender und es gibt einige nette Kniffe: So sind die “Zombies” noch zum Teil menschlich. Während der von einem Parasiten beherrschte Teil den Spieler attackiert fleht der menschliche Teil “Forgive me,” oder bittet den Spieler “Ruuuun…”. Das ging mir wirklich an die Nieren. In Sachen Atmosphäre wäre auch die Mission “Shalebridge Cradle” aus Thief III – Deadly Shadows ein hervorragendes Beispiel. Ein guter Beleg dafür, warum Computerspiele der logische nächste Schritt nach den Horrorfilmen sind. Es gibt kaum Gegner, man ist eigentlich im gesamten Level nie wirklich in Gefahr… aber man braucht ewig, bis man das bemerkt. Einfach weil die Stimmung so düster und das Setting so bitter ist (ein verfluchtes Irrenhaus… und Irrenhäuser geben immer bedrückende Spielsettings ab, man vergleiche auch Sanitarium (das Spiel, nicht das Lied von MetallicA)). Hervorragende Atmosphäre, die auf mehr setzt als auf schnelle Schockeffekte. Davon hätte man sich ruhig eine Scheibe abschneiden können. Vielleicht wäre auch ein geringere Gegnermenge in dem Falle zuträglich gewesen, immerhin ist ein Feind nicht mehr sonderlich unheimlich wenn man schon 200 oder 300 identische Feinde erledigt hat. In Sachen “Angst” vor dem Gegner kommt Doom 3 auch nicht auf Platz 1. Der wird belegt von Aliens versus Predator 2 in der Space-Marine-Kampagne. In Doom 3 circle-strafe ich mit etwas Übung selbst den fiesesten Feind in sein Verderben, in AvP 2 höre ich als Space Marine das Ping des Bewegungsmelders, höre das hissen des Aliens und weiß: Scheiße, ich bin am Arsch. Herausfinden wo das Alien ist (Decke, vor mir, hinter mir?), drauflos feuern und zeitgleich nicht auf das Biest zu sondern vom Biest wegrennen. Denn: Wenn es mir zu nahe kommt bin ich am fällig. Und dabei natürlich auch noch hoffen, dass ich nicht beim rückwärts gehen gleich dem nächsten Alien in die Klauen und den Binnenmund laufe. Fieses Feeling. Wirklich. In der Hinsicht ist Doom 3 dann doch eher traditionelles Actionspiel, aber die Action stimmt immerhin. Wie gesagt.

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Wie Sie sehen, sehen Sie nichts… Doom 3 ist düster

Nicht so schlimm wie einige andere Spieler empfand ich das als “No duct tape on Mars” bekannt gewordene Phänomen. Okay, ich kann also entweder die Taschenlampe halten und Dinge sehen, oder ich kann eine Waffe halten und mich verteidigen. Sicher, macht nicht viel Sinn, aber es hilft der Atmosphäre. Wenn ich mit der Taschenlampe einen dunklen Gang entlang gehe und plötzlich ein Viech in meinen Lichtkegel springt, dann beginne ich panisch nach dem “F”-Knopf zu suchen um die Lampe wegzustecken und die Shotgun zu ziehen. Das gibt diesen Situationen schon eine gewisse Dramatik die ich wirklich zu schätzen weiß. Was nicht für den generellen Dunkelheitsgrad (nein, von Helligkeitsgrad kann hier wirklich keine Rede mehr sein) des Spiels gilt. Ja, das hilft der finsteren Grundstimmung, ja dadurch kommt Spannung auf, ja man ist immerhin konsequent: Aber was nutzt einem der Welt beste Graphikengine wenn man die Hälfte der Zeit nur ein paar Lichter und viel Dunkelheit sieht. In gewisser Hinsicht ist das Ganze ziemlich dekadent: Knusprige Hardwareanforderungen um Dinge zu berechnen die man 70% der Zeit nicht sieht. Das Problem ist einfach, dass das Ganze schnell eintönig wird wenn man 15 bis 20 Stunden in relativ konstanter Dunkelheit rumläuft. Ohnehin, wäre es so schlimm gewesen das Leveldesign hier und da mal aufzulockern? Man hätte ja immer noch den Großteil des Spiels in den dunklen, engen Gängen einer heruntergekommenen Marsstation spielen lassen können, aber gelegentlich mal ein anderes Design hätte nicht geschadet. Hätte man nicht einfach sagen können: Wir haben Luxusquartiere und eine Mall für die Administratorenebene. Ein Schwimmbad. Eine Kapelle. Eine Krankenstation. Oder wir haben eine hydroponische Farm, dann kann man ein bisschen Bäume und Wasser einbauen… oder Außenlevels. Insgesamt ist man vielleicht zwei Minuten außerhalb der Station unterwegs, immer nur kurz weil man die Luft anhalten muss wenn man durch die dünne Marsatmosphäre von einem dunklen Teil der Station zum nächsten huscht. Irgendwo einen Schutzanzug auslegen und mal einen ausladenden Außenlevel reinsetzen. Hätte nicht geschadet. Ich war froh, dass Doom 3 keines dieser superkurzen Spiele war, die in letzter Zeit in Mode kamen, aber viel länger hätte es nicht sein dürfen, denn eigentlich ist es immer das Selbe. Wieder und wieder und wieder. Sollte man so nicht sagen, aber ich war so dankbar, als ich endlich in der Hölle landete und mal was anderes sehen durfte.

Wobei die Hölle auch nicht der Oberhammer ist. Frei schwebende Plattformen von denen einen Dinge runterwerfen wollen. Dazu fliegende Totenköpfe die mich von der Plattform runterschupsen. Jump and Run. Wenn das nicht alles in Pech- und Schwefelfarben gehalten gewesen wäre, sondern in Grün und Lila, dann hätte das hier stellenweise auch gut Xen sein können. Und angeblich soll Painkiller die Hölle um einiges kreativer umgesetzt haben. Hm. Im allerletzten Moment gibt es noch einen Level der in Alienkatakomben mit leicht ägyptischen Design spielt. Sah nett aus, war mal was anderes, dauerte aber insgesamt vielleicht 15 Minuten und wirklich fremdartiges Design, etwa einen Heldensarkophag oder sich drehende… um… außerirdische Überraschungseier gab es auch zu selten. Schade, solche Abwechslung hätte Doom 3 einfach öfter gebrauchen können.

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Außerirdische… Irgendwas. Nutzlos, aber immerhin eine Abwechslung.

Das klingt jetzt verdammt negativ, dabei ist Doom 3 so katastrophal nicht: Wie gesagt, die Action stimmt und das ist bei einem Shooter relevant. In der Hinsicht ist das Spiel auf jeden Fall gelungen. Aber es ist halt so als wenn das Spiel ein großes Schild um den Hals trägt: “Ich bin eine Chance. Vergib mich!” Jeder First Person Shooter macht bis zum heutigen Tage in irgendeiner Form Anleihen an das Ur-Doom aus den frühen Neunzigern. Ganze Generationen an Shootern haben bei Carmacks und Romeros Hauptwerken geklaut, da erscheint es fair, dass sich id auch mal bei anderen Shootern bedient. Nur: Doom 3 bietet dieses konstante Gefühl, dass man das alles schon mal woanders gesehen hat. Und meist besser. Die Level sind irrsinnig linear. Dadurch, dass ich mit nichts wirklich interagieren kann fällt mir das um so mehr auf. Wieso gibt es nicht ein paar Abzweigungen oder ein paar echte Wahlmöglichkeiten wie in Deus Ex? Das hilft auch der Wiederspielbarkeit. In Sachen “Angst vor dem Feind” kommt man nicht an Alien versus Predator 2 im Marine-Mode ran. In Sachen Story und Plot hat man an der Oberfläche von System Shock 2 gekratzt, aber ohne zu wissen wieso das da funktioniert hat. An anderer Stelle, wenn einem die Oberbösen immer unerreichbar vor der Nase herumlaufen, denkt man automatisch an den G-Man aus Half-Life. Selbst der Soul Cube – wenn man David Kushners Masters of Doom glauben darf, die Waffe, die id schon in Quake haben wollte, aber nicht umsetzen konnte – wirkt irgendwie uninspiriert. Oh ja, Hellraiser mit einem Hauch Lady of Pain aus Planescape und mit einer Prise Keltensense aus Clive Barker’s Undying. (That being said: Das “Feed us!” ist ein netter Touch.) Die KI scheint mir zudem mehr oder weniger auf dem Niveau des Ur-Dooms zu liegen. Okay, die bewaffneten Zombies verschanzen sich manchmal (nicht immer), aber alle anderen Monster stürmen einfach nur stur auf mich zu. Wieso sind die Imps in geskripteten Sequenzen in der Lage an Wänden und Decken rumzuklettern, tun das aber nicht im Spiel selber. In Alien versus Predator 2 hat dieses “Wo sind sie? Wo sind sie?” für zusätzliche Spannung gesorgt.

Das ist mein zentraler Kritikpunkt an Doom 3: Ja, es ist ein netter Shooter der durchaus unterhalten kann und eine richtig schnieke Graphik-Engine hat. Aber alles in allem habe ich zu viel schon mal woanders gesehen und zwar solider umgesetzt. Doom 3 ist essentiell ein Shooter aus den 1990ern mit der Graphik von heute. Ich fühle mich emotional einfach nicht angesprochen. Mehr als ein “nett” hat mir nichts im Spiel rausgekitzelt. Das wirkte wie eine Pflichtübung, aber nicht wie ein Meilenstein. Seit ich dieses Post begonnen habe, habe ich knapp anderthalb Stunden von Half-Life 2 gespielt. In diesen anderthalb Stunden habe ich mehr Begeisterung, mehr Staunen und “Sense of Wonder” empfunden als in der gesamten Spielzeit von Doom 3. Die dortige Stadt (die so aussieht, wie ich mir die namenlose Stadt aus Boris und Arkadi Strugatzkis wunderbaren Das Experiment vorstelle) wirkt so lebending, so bekannt und gleichzeitig so fremdartig, dass ich sofort in ihren Bann gezogen werde und anfange rumzuexperimentieren. Wow. Die Wippe reagiert tatsächlich auf Gewichte. Aaaah, ich kann das Kinderkarussel drehen und werde ab einer bestimmten Geschwindigkeit rauskatapultiert. Was passiert wohl wenn ich den Combine-Soldaten mit dem Telephonhörer bewerfe? Wenn ich dann auf einem Wassermoped durch Kanäle rase, von allen Seiten beschossen werde, mir Raketen um die Ohren sausen und ich auf mich geschleuderten Autos ausweichen muss, dann bin ich endgültig begeistert. Und solche Begeisterung hätte ich auch gerne für Doom 3 empfunden, aber es gab im ganzen Spiel einfach nichts, das mir sowas hätte geben können. Sehr bedauernswert. Vielleicht sind die id-Jungs inzwischen zu sehr von der modernen Spielerealität entfernt um mit der aufstrebenden Konkurrenz mithalten zu können, Doom 3 wirkt einfach zu oft zu altbacken. Naja, mal abwarten was aus Quake 4 wird. Und sich bis dahin wieder in Half-Life 2s City 17 zurückziehen.

Terrorismus Redux: Fox News? Assholes!

Tuesday, July 12th, 2005

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Wow… ich habe meine linksliberale Agitprop wegen ein bisschen Unistress in den letzten Tagen nicht durchgesehen und habe dabei Glück gehabt: Ich dachte, die deutsche Berichterstattung nach den Bombenattentaten in London wäre schlecht gewesen. Ha. Der allseits beliebte amerikanische Schmusesender FOX News hat gleich in mehreren Sendungen bewiesen, wie wirklich widerlicher Fernsehjournalismus aussieht. Jaja, Meinungsfreiheit und all sowas, aber irgendwer möge diesen Volldeppen endlich die Sendelizenz entziehen. Zweimal einen Mann zum Präsidenten gemacht und einen Krieg im Irak vom Zaun gebrochen, das sollte doch eigentlich eine Quote sein, mit der man zufrieden in Rente gehen kann. Aber nach den Anschlägen in London bewies FOX News einmal mehr wie Spitzenjournalismus der neokonservativen Machart aussieht (alle Hervorhebungen von mir):

Brian Kilmeade und Stuart Varney freuten sich über die Anschläge. Wenn sie so nah an Gleneagles stattfinden, dann ist das doch eine Chance für die G8 sich endlich auf das wichtige im Leben zu konzentrieren:

Kilmeade: And that was the first time since 9-11 when they should know, and they do know now, that terrorism should be Number 1. But it’s important for them all to be together. I think that works to our advantage, in the Western world’s advantage, for people to experience something like this together, just 500 miles from where the attacks have happened. [...]

Varney:It puts the Number 1 issue right back on the front burner right at the point where all these world leaders are meeting. It takes global warming off the front burner. It takes African aid off the front burner. It sticks terrorism and the fight on the war on terror, right up front all over again.

Ja, dem Himmel… oder der Al Quaida… sei Dank. Diese dummen Terroristen schaufeln sich ihr eigenes Grab. Sie spielen uns geradezu in die Hände. Flypaper Tatic – Mark II. Immerhin hat Mark I schon so gut funktioniert. Das ist alles so geplant! That’s not a bug, that’s a feature! Endlich wird den Mächtigen der Welt wieder klar, dass die globale Erwärmung eine Erfindung der iglubewohnenden Hippies ist und dass Afrika ganz gut alleine zu Recht kommt. Mal ehrlich, wer will Kabila, Mobuto und Mugabe diskutieren wenn er über Saddam Osama sprechen kann.

Aber muss man Terrorismus eigentlich immer in einen politischen Kontext einordnen? Nein, meint Britt Hume und stellt die Attentate gleich mal in den richtigen Kontext:

Hume: My first thought when I heard – just on a personal basis, when I heard there had been this attack and I saw the futures this morning, which were really in the tank, I thought, ‘Hmmm, time to buy.

Hmmmm… Zeit Aktien zu kaufen. Wow… mir fehlen die Worte. Respekt, FOX News, das kommt selten vor. Und das ist doch eigentlich nicht mehr zu toppen, oder? Was sagst du, John Gibson, du kannst das besser? Na dann, lass mal hören:

Another Fox News host, John Gibson, said before the blasts that the International Olympic Committee “missed a golden opportunity” by not awarding the 2012 games to France. “If they had picked France instead of London to hold the Olympics, it would have been the one time we could look forward to where we didn’t worry about terrorism. They’d blow up Paris, and who cares?” He added: “This is why I thought the Brits should let the French have the Olympics – let somebody else be worried about guys with backpack bombs for a while.”

Hehe. Endlich sagt mal einer wie’s ist. Diese feigen Franznacken, die ja schon im zweiten Weltkrieg so erbärmlich gekämpft und so bereitwillig kapituliert haben, haben den gerechten Krieg im Irak nicht unterstützt. Und da ist es nur fair sowas mal raus zu lassen. Du machst bei meinem Krieg nicht mit, ich wünsche dir Terroristen an den Hals. Denn seien wir mal ehrlich: Nur ein toter Franzose ist ein guter Franzose. Wusste schon Kleist: “Schlagt ihn tot, das Weltgericht / fragt euch nach den Gründen nicht.” Ich weiß nicht wie es euch geht, aber mir wird immer ganz warm ums Herz wenn ein Fernsehmensch sich den Tod von Zivilisten wünscht.

Verdammte Scheiße, jetzt mal im Ernst: Vor 20 Jahren gab es in Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff diese Szene in der das Raumschiff auf Todeskurs war und ein sowjetischer Nachrichtensprecher ankündigte: “Und in amüsanten Nachrichten: Hunderte westliche Kapitalisten werden einen grausamen und qualvollen Tod sterben.” (So in etwa, habe gerade keinen O-Ton gefunden.) Das war damals eine Parodie. Schön dass FOX News es einmal mehr geschafft hat jede Parodie hinter sich zu lassen. Und wo man sich eh schon im Komödienterritorium bewegt: Wann ist es gerechtfertigt Wortspiele über eine Katastrophe zu machen? FOX News Chefpropagandaminister Bill O’Reilly weiß es: Nach fünf Tagen, am 11. Juli.

O’REILLY: One of the big differences between America and Britain is that America does not tolerate hate speech. If a Muslim publicly calls for death to Americans or Jews or anybody, that person is often dealt with by the federal government. Case in point – Sami al-Arian is now on trial in Florida. But in Britain the government allows the worse kind of threats and that leads to an explosive – pardon the pun – atmosphere.

Ein Brüller, Bill. Man fragt sich warum Al Franken die lustigen Bücher schreibt und nicht du. An dieser Stelle fühle ich mich irgendwie blöde weil ich am 15. September 2001 nicht angefangen in aller Öffentlichkeit blöde Witze und zynische Scherze über das Zusammenbrechen der Twin Towers zu reißen. Aber für die Zukunft weiß ich ja jetzt bescheid.

Fox News, ladies and gentlemen, Amerikas meistgesehener Nachrichtensender. Arschlöcher, allesamt. Nicht dass wir hier bei Agitpop das nicht schon wussten, aber in einer so gehäuften Form haben wir das selten erleben dürfen. Kein Wunder, dass wir uns vor den Amerikanern fürchten. Jon Stewart, rette uns!


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