Wie Deutschlands größtes Boulevardmagazin berichtet, gab es mal wieder ein Kanzlerranking, bei dem nicht etwa anerkannte Experten, sondern das ignorante Wahlvolk gebeten wurde, die bisherigen Kanzler in einer Top-7-Tabelle einzuordnen. Dabei ist zu beachten, dass es um Bundeskanzler geht. Da können andere deutsche Kanzler sich auf den Kopf stellen weil sie so schön das Reich gegründet oder die Autobahnen gebaut haben, in diese Liste kommen sie trotzdem nicht rein. Aber sie hätten eh keine Chance gehabt, denn die Ergebnisse gleichen frappierend den Ergebnissen, die das Wahlvieh auch schon bei dem ZDF-Humbug Unsere Besten bestimmt hat. Dann wiederum ist das natürlich auch das Wahlvieh, das der Meinung ist, dass die Erfindung des Fernsehens wichtiger ist als die Erfindung des Brots. Wenn das doch nur Marie Antoinette hätte erleben dürfen.
Long story short, wir hier bei Agitpop akzeptieren dieses Ranking nicht: Adenauer vor allen Mitbewerbern und Kiesinger wird gar nicht erst genannt? So eine Statistik zeigt uns hier bei der Agitpop Forschungsgruppe Wahlen doch nur, dass Kent Brockman Recht hatte als er feststellte: “Ich habe es einmal gesagt und ich sage es wieder: Demokratie funktioniert einfach nicht !” And I, for one, welcome our new insect overlords. Aus diesem Grund nun das einzig wirklich relevante und empirisch glaubwürdige “Die tollsten Bundeskanzler aller Zeiten”-Ranking:
Die Creme de la Creme
Platz 1: Helmut Schmidt – Fumo ergo sum

Für uns steht unumstößlich fest, dass Helmut Schmidt der bedeutendste Bundeskanzler aller Zeiten ist und auch immer sein wird. Das ist eine Lektion, die das deutsche Volk noch lernen muss und wenn wir ihm die Demokratie wegnehmen müssen, damit es aufhört immer den köllsche Jung Adenauer auf Platz 1 dieser Rankings zu wählen. Meine Damen und Herren, liebe Neger, es geht hier darum den Kanzler mit den größten Verdiensten herauszufinden und nicht um den Versuch, die Kanzler in chronologischer Reihenfolge einzuordnen. Also, was macht Helmut Schmidt zu dem Popidol, der kulturellen Ikone, dem Papst unter den deutschen Politikern, der er für uns ist?
Das beginnt schon damit, dass Schmidt weiß was gut für seine Karriere ist. Politik ist ein dreckiges Geschäft in dem einen die Feinde immer wieder in den Rücken fallen möchten. Gerade Helmut Schmidt hatte viele Feinde: Willy Brandt, Rainer Barzel, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß. Um sich gegen eine solche Phalanx kluger Politiker durchsetzen zu können muss man schon mit ordentlichem Listenreichtum gesegnet sein. Oder den König der Listen und Lügen heiraten. Schmidt tat letzteres und hat einfach mal den nordischen Gott der Listen Loki geehelicht. Das nennen wir Einsatz.
Seine wirklichen Erfolge liegen aber in der Politik. Seine Karriere begann er damit, dass er – bewaffnet mit einem Eimer und einem Lappen – vom Boot aus das sturmgeflutete Hamburg dem Meer entriß. Vielleicht hätte man, um Poseidon zu beruhigen, im Gegenzug Kassel fluten können, aber das sind Lappalien. Wie auch Gerhard Schröder wurde Schmidt nach der Flut von einer Welle der Sympathie in die politische Karriere und schließlich in den Bundestag im alten Wasserwerk in Bonn gespült. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum Kanzler. Als solcher gelang ihm das, was George W. Bush heute nicht gelingen will, er gewann im “Deutschen Herbst” im Alleingang den Krieg gegen den Terror. Zwar konnte er Hanns-Martin Schleyer nicht retten, dafür schaffte es aber die GSG9 mit der “Operation Feuerzauber” in Mogadischu die einzig gelungene Operation ihrer Karriere hinzulegen. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass unter Hippie-Kanzler Brandt die Sondereinsatzkommandos noch beim Olympiaattentat 1972 das taktische Geschick eines zwölfjährigen Quake-III-Spieler aufwiesen und sich fröhlich gegenseitig abknallten. In der Folge erkannte die erste Generation der R.A.F., dass sie keine Schnitte hatte gegen einen Mann dem selbst das Meer weichen musste und beging Kollektivsuizid.
Zudem muss man Schmidts visionäres Talent loben: Mit der Erfindung des NATO-Doppelbeschlusses schaffte er gleich zwei Dinge. Zum einen begann er effektiv die Todrüstung der Sowjetunion (ein Verdienst der später fälschlicherweise dem tattrigen Ronald Reagan zugesprochen wurde), zum anderen kreiirte er so die Friedensbewegung, die sich mit peinlichen Sprüchen wie “Petting statt Pershing” aufmachte die Grünen in den Bundestag zu hieven und so erst die rot-grüne Koalition zu ermöglichen, die 1998 die Ära Kohl beendete. Ein Beweis dafür, dass Schmidt ein Visionär war, auch wenn er selbst sagte: “Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.”
Ein Ausspruch, der auch dafür steht, dass dieser Mann, diese Legende, in seiner Funktion als Zitatgeber imponiert. Über Verhandlungen mit dem alten Erdnußfarmer Jimmy Carter hat er mal gesagt, dass sei als wolle man “Pudding an die Wand nageln.” Und schon ihm war klar, dass das soziale Netz nicht zur “sozialen Hängematte” werden dürfe.
Eine Heldentat von Helmut Schmidt wird gerne unterschlagen, er kämpft alleine dafür dem deutschen Staat einen großen Steuerausfall zu ersparen: Jedes Mal wenn in Deutschland jemand mit dem Rauchen aufhört, beginnt Schmidt diese Menge an Zigaretten mitzurauchen, damit dem Finanzministerium die Tabaksteuer nicht verloren geht. Dieser Einsatz für das Vaterland hat Schmidts Körper verändert, es ist biologisch erwiesen, dass die Moleküle in Helmut Schmidt eine thermonukleare Explosion auslösen werden, wenn sie nicht 24 Stunden am Tag mit frischem Nikotin versorgt werden. Aus diesem Grund zündet Schmidt sich die zweite Zigarette schon an noch ehe die erste aufgeraucht ist und hat immer ein Notfalldöschen Schnupftabak dabei. Und während selbst Lucky Luke inzwischen von der Fluppe auf den Grashalm umgestiegen ist, hält Schmidt auch im Fernsehen den Glimmstengel für alle Raucher hoch, weshalb ihm die Nichtraucher-Fundamentalisten natürlich den Krieg erklären. Dem Mann der die RAF, die Flut, die Sowjetunion und die SPD-Fraktion besiegt hat. Ha. Wir hingegen verstehen das Opfer, das Helmut Schmidt für uns alle auf sich nimmt und danken ihm darum.
Schmidt-Schnauze, für uns bist du der Kanzler der Herzen.
Platz 2: Kurt Georg Kiesinger – Der unsichtbare Dritte

Da reißt man sich politisch für Deutschland den Arsch auf und wie wird es einem gedankt? Man wird vergessen. Ob Kiesi, wie wir ihn als alte Freunde nennen, nun wirklich den 2. Platz in diesem Ranking verdient hat oder nicht sei mal dahingestellt. Aber bei Politikrankings geht es – wie bei den Oscars – nicht nur um Qualität, sondern auch um Politik. Warum sonst hätte Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs zehn Oscars bekommen? Seien wir ehrlich 9 von 10 Deutschen wissen überhaupt nicht, dass Kiesinger mal Bundeskanzler war, was diesem Politiktitan nun wirklich nicht gerecht wird. Treffend, dass der gute Mann schon kurz nach dem Ende seiner Regierungszeit in Ein Herz und eine Seele als erster jüdischer Bundeskanzler und Nixons Außenminister erwähnt wurde. Nur warum der Kurt Kiesinger jetzt Henry genannt wird, dass wollte sich Else Tetzlaff nicht erschließen…
Dabei hat sich KGK schon früh in der Politik verdient gemacht. In einer Ära als ein späterer Bundeskanzler einen ausgedehnten Skandinavienurlaub machte, erarbeitete sich Kiesinger einen ordentlichen Posten im NSDAP-Propagandaministerium, wo er von politischen Experten wie Ron Vibbe… äh… von Ribbentrop und Paul Joseph Goebbels lernte, wie man mit der Bevölkerung den offenen Diskurs führt. Er widersetzte sich antijüdischen Aktionen, aber seinem Ziel, die Partei “von innen heraus in einem katholisch-konservativen Sinne beeinflussen zu können” darf man einen eher mäßigen Erfolg bescheinigen.
Das hat – und davon sollte unser krisengebeuteltes Deutschland lernen – ihn aber nicht davon abgehalten später, nach seiner Entnazifierung, Bundeskanzler zu werden. Noch dazu als Bildungsbürger und Schöngeist. Schon die Art, wie er Bundeskanzler geworden ist, verdient Respekt. In einem geschickten, machiavellistischen Schachzug sichert er sich die Zustimmung der CSU, lässt so den ollen Barzel und Gerhard Schröder den Älteren ins Leere laufen, und holt gleich noch Franz Josef Strauß in die Bundespolitik zurück. Bravo.
Seine große Koalition wird oft als Schreckenszeit bezeichnet, dabei hat sie viel geschafft. Und auch “Häuptling Silberzunge” selbst hat viel geschafft, denn sein Kabinett war das Real Madrid der deutschen Bundespolitik. Willy Brandt, Gustav Heinemann, Carlo Schmid, Gerhard Stoltenberg, Hans-Jürgen Wischnewski, Karl Schiller, Erhard Eppler, Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Dazu noch die Fraktionsvorsitzenden Helmut Schmidt und Rainer Barzel. Zu Recht werden Politikfans hier mit der Zunge schnalzen, ein derart hochkarätig besetztes Kabinett hat es seit dem nicht mehr gegeben. Allein der Umstand, dass Kiesinger es schaffte Wehner und Strauß im Kabinett zu haben, ohne dass einer der beiden mit einem Dolch im Rücken, mit Gift im Metabolismus oder mit Klamotten in der Badewanne gefunden wurde, zeigt, dass KGK ein großartiger Mediator war. Schon der Umstand, dass sich Kiesinger angeblich mit Herbert Wehner angefreundet hat, einem Mann der bereit war jeden Konkurrenten ins offene Messer laufen zu lassen, zwingt uns großen Respekt vor dem Mut dieses Mannes ab. Und vor seinem Optimismus. Noch als die Wiederwahl schon von allen Seiten als verloren angesehen wurde, vergab Kiesinger Ministerialposten.
Der große politische Coup dieses Mannes war aber zu erkennen, wo Deutschland stand: Auf Not. Und darum brauchte es auch die Notstandsgesetze. Als ihm auf einer Demonstration zugerufen wurde “Keine Notstandsgesetze! Keine Notstandsgesetze”, befand Kiesinger eiskalt, dass er, je mehr er solches Gerufe höre, desto überzeugter sei, dass Notstandsgesetze sehr wohl nötig seien. Alleine für dieses Demokratieverständnis hat er sich einen Platz in unseren Herzen verdient. Außerdem verdanken wir ihm diese lustigen Filmaufnnahmen wie ein Mann von einem Wasserwerfer über eine kniehohe Mauer gekippt wird. Wenn es hier Grund zur Kritik gibt, dann eigentlich nur dass seine Politik die schrecklichen Alt-68er hervorgebracht hat, die uns als zynismusfreie Moralisten noch heute tierisch auf den Sack gehen. Wenn wir uns entscheiden müssen zwischen der gepflegten Erscheinung eines KGK, der die Kanzlerschaft trug “wie einen Hermelin”, und der verlotterten Figur eines Rudi Dutschke, der es nichtmal schaffte zum Friseur zu gehen ohne über den Haufen geschossen zu werden, dann stehen wir auf der Seite von Kiesi. Und ein Mann den Günter Grass bis heute nicht mag, muss einfach gut gewesen sein. Darum fordern wir: Schluß mit der Damnatio Memoriae! Mehr Gedächtniskultur wagen!
Okay, der wahre Grund warum Kiesinger so weit oben steht: Wir finden seine Frisur immer noch hammergeil.
Platz 3: Willy Brandt – Der Player

Immer mal wieder wird unserem schönen, deutschen Vaterland ja vorgeworfen, dass es ausländerfeindlich sei. Humbug! Immerhin hatten wir sogar einen eingebürgten Ausländer als Bundeskanzler. Bis 1948 war Willy Brandt noch Norweger. Okay, davor war er schon bis 1938 als Herbert Ernst Karl Frahm deutscher Staatsbürger gewesen… aber hey! Hier geht es ums Prinzip. Wir finden es toll, dass Deutschland wieder einen Eingebürgerten als Kanzler wählte, nachdem der letzte eingedeutschte Kanzler sein Wahlprogramm ja nur teilweise erfüllen konnte. Und wieviele Länder können schon von sich behaupten einen Regierungschef gehabt zu haben, der sich nach einem Nahrungsmittel benannt hat? Eben.
Schon vor seiner Kanzlerschaft gibt es Dinge, die den kleinen Mann mit der hohen Stirn ungemein sympathisch machen. Damit meinen wir jetzt nicht, dass Willy in Skandinavien Bücher gegen die Nazis geschrieben hat. Das war natürlich auch toll, kommt aber nicht an den Fakt ran, dass er seine erste Tochter Ninja genannt hat. Ninja Brandt. Yes! Da ist es doch kein Wunder, dass die verlauste Hippiejugend der ’60er Jahre diesen Mann liebt. Umjubelt von der Jugend fährt Willy Brandt 1969 mit dem Mehr-Demokratie-Wagen auf den Parkplatz des Kanzlerbungalows in Bonn.
Nach den würdevollen, alten Herren Adenauer, Erhardt und Kiesinger generiert sich Brandt als trendy, hip und jugendlich. Ein Partykanzler, wenn auch ohne Emotionen. Brandt legte die Messlatte für zukünftige SPD-Politiker fest: Unter drei Ehen geht nichts. Konnte Helmut Schmidt dem noch entgehen, zeigte sich das Diktum spätestens in den Neunzigern. Die Troika Schröder-Lafontaine-Scharping kam anfangs zusammen auf 7 Ehen. Durch den geschickten Wechsel von Hillu Schröder zu Doris Köpf gelang es Ping-Pong-Gerd dem Lafontaine die Nominierung zum Kanzlerkandidaten mit einer Ehe Vorsprung abzuringen. 2001 geht Scharping wortwörtlich baden, als er den erbärmlichen Versuch unternimmt mit der Vorbereitung seiner zweiten Ehe zu punkten. Ja, man merkt, dass Willy Brandt einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Selbst andere Parteien haben dieses System der politischen Standortbestimmung übernommen: Mit vier Ehen und einer potentiellen fünfte Ehe in der Tasche ist Joschka Fischer unangefochtener König der Grünen. Eindruck hinterlassen hat Brandt auch mit der Ostpolitik, die ihm sein Faktotum Egon Bahr auf den Leib schneiderte (yadda-yadda, Ostverträge, bla-bla, Kniefall, usw. usf.) und für die man ihm den Friedensnobelpreis hinterherwarf. Aber mal ehrlich, die Sachen mit den Ehen finden wir dann schon interessanter.
Abgesehen davon brachte Brandt ein bisschen große Welt ins Kanzleramt. Was der Kennedy konnte, das konnte Brandt schon lange. Unter Brandt hielten Depressionen, außereheliche Affären und Alkoholkonsum Einzug in Bonn (eine Anzeige gegen Brandts Wiederwahl war darum auch betitelt mit: “Lieber Rainer Barzel als reiner Korn!”). Und mit diesen allzu menschlichen Eigenschaften, gewann Brandt auch 1972 die “Willy Wahlen”. Gut… damit und mit etwas Vorarbeit von der anderen Seite. Wenn wir Kiesinger dafür respektieren, dass er sich von Strauß zum Bundeskanzler machen ließ, dann müssen wir Willy Brandt dafür respektieren, dass er da nochmal einen drauflegte. Das konstruktive Mißtrauensvotum 1972 überstand er, weil zwei CDUler sich von DDR-Agenten bestechen ließen. Dass ihn später mit Günter Guillome selbst ein DDR-Spion zu Fall brachte (okay, der und die Achse Barzel/Schmidt) ist eine Ironie der Geschichte.
Zudem wird in Willy Brandts Vita gerne vergessen, dass er es war, der den galanten Nazivergleich als Höhepunkt der politischen Diskussion einführte, als er Heiner Geißler als den “schlimmsten Hetzer seit Goebbels” bezeichnete. Und kann sich jemand vorstellen, wo die politische Diskussion heute wäre, wenn nicht von Stölzl über Stiegler bis Däubler-Gmelin jeder Politiker jeden anderen Politiker als Nazi beschimpfen dürfte? Okay, man kann es halten wie Jon Stewart und feststellen, dass “the Nazis worked very hard to be evil, and to just throw that label on every Tom, Dick and Harry that walks along – that is an insult to the Third Reich, to say nothing of the First and Second Reichs, or other Reichs that may follow.” Aber als Gruppierung die den Nazivergleich für die Königsdisziplin der politischen Rhethorik empfindet, kann die Agitpop Forschungsgruppe Wahlen hier nur sagen: Danke, Willy Brandt.
Willy Brandt – Serious Party Dude und zu Recht unsere Nummer 3.
Die Plätze 4 bis 7 und der Trostpreis im Schnelldurchlauf
Platz 4: Konrad Adenauer – Wir hatten ja damals nichts anderes
Hat nach dem Krieg Deutschland im Alleingang wieder aufgebaut und versucht zusammen mit Franz Josef Strauß und Dr. Seltsam das deutsche Atombombenprogramm in Gang zu bringen. Erkannte zudem schon früh, dass der SPIEGEL mal in den Boulevardjournalismus abrutschen würde und wollte ihn deshalb präventiv von oben genanntem FJS zerschlagen lassen, was aber scheiterte. Eigentlich nur aus zwei Gründen so weit hinten in der Liste: Hat die schöne Tradition der deutsch-französischen Erbfeindschaft versaubeutelt und bei Unsere Besten Otto von Bismarck geschlagen, was wir ihm persönlich übel nehmen.
Platz 5: Helmut Kohl – Minima Moralia
Verdiente sich unsere Zuneigung weil er es schaffte, Franz Josef Strauß 1980 in die Wahlniederlage laufen zu lassen und die Partei dann nach seinem Antlitz zu formen. Wem es gelingt Strauß auszumaneuvrieren, der hat sich eigentlich einen Spitzenplatz in unserer Bestenliste verdient. Und auch Otto Schily, der vor wenigen Wochen noch als rüstiger Rentner im Untersuchungsauschuß die jungen Spunde rund um Eckart von Klaeden ganz schwindelig redete, konnte er 1986 an die Karre fahren, als sich herausstellte, dass er in einer Spendenaffäre nicht gelogen, sondern nur einen “Blackout” hatte. Wenn Reagan mit Alzheimer regieren kann, dann kann Helmut das mit ein paar Blackouts schon lange. Größte Hochachtung zollen wir ihm zudem dafür, dass er die Moral in die Politik zurückbrachte. So sehr, dass ihm ein persönliches Ehrenwort wichtiger ist als das Grundgesetz. Einen solchen Einsatz für die persönliche Ehre findet man kaum noch. Warum er dann so weit hinten steht? Ein Wort: Wiedervereinigung.
Platz 6: Gerhard Schröder – Ping-Pong-Gerd
Anders als der volksferne Kiesinger ist Schröder ein Macher, der das auch in seinen Reden zeigt. Mit Aphorismen wie “hinten sind die Enten fett” oder der Umbenennung des Familienministeriums in “Ministerium für Gedöns” sieht man, dass Ping-Pong-Gerd ein Sprachästhet ist. Außenpolitisch ist er ein Kind der Brandt’schen Schule und verfolgt eine neue Ostannäherung. Der Kanzler kennt keine Menschenrechte mehr, er kennt nur noch Chinesen. Schröder verfolgt eine klare Linie: Er ist gegen nicht von der UN sanktionierte Kriege. Außer sie dienen, wie der Kosovokrieg, der Verhinderung eines neuen Auschwitz. Es sei denn natürlich so ein Völkermord findet in irgendeinem Popelstaat wie dem Sudan statt. Als Befürworter von Ökosteuer und Atomausstieg ist es nur konsequent, dass er als Autokanzler bekannt und eng befreundet mit Peter Harz ist. Und wer, wenn nicht ein SPD-Kanzler, könnte es schaffen gleichzeitig die Sozialdemokratie abzuschaffen und andererseits Franz Müntefering als Schoßhund zu halten. Und als dreifacher Ehrendoktor passt es, dass Schröder Gastauftritte bei Wetten, dass…?!, Gute Zeiten, Schlechte Zeiten hatte und einen Bundespopbeauftragten (Siegmar Gabriel) erfunden hat. Ja, Ping-Pong-Gerd ist vielleicht der stringenteste, konsequenteste und inhaltlich koheränteste Kanzler den wir je hatten. Als enge Vertraute seines Pressesekretärs können wir darum heute schon die Slogans für die SPD-Kampagne zur Bundestagswahl präsentieren: “Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke!” Schröder wählen!
Platz 7: Ludwig Erhard – Ludwig Werhard?
Spitzenfinanzminister, aber als Kanzler nicht mehr vorzuweisen als dass er verflixt lange Zigarren geraucht und den selben Nachnamen wie Heinz Erhard gehabt hat, aber nicht ganz so lustig war.
Ehrenplatz: Strauß & Wehner
Keiner von beiden war je Bundeskanzler, aber so oft wie ihre Namen in diesem Post gefallen sind, hätten es beide verdient. Darum wollen wir hier voller Stolz Franz Josef Strauß und Herbert Wehner zu Bundeskanzlern, h.c. ernennen. Beide waren mehr als einmal die Lenker im Schatten innerhalb der deutschen Bundespolitik und beide waren Politiker mit Leib und Seele. Eiskalte Taktierer, die über Leichen gingen. Im Falle von Wehner ist das nicht als Floskel sondern wortwörtlich zu verstehen, wie die “Schädlinge”, die er in Stalins Moskau denunzierte, am eigenen Leibe erleben mussten. Abesehen davon verdanken wir ihm tolle Bundestagszwischenrufe wie den legendären “Düffel-Döffel” und die Abgeordneten “Hodentöter” und “Übelkrähe”. Zudem verabschiedete er CDUler, die den Plenarsaal bei einer seiner Reden aus Protest verließen, mit den Worten: “Ich sage ihnen Prost, denn ich weiß wohin sie jetzt gehen.” Strauß war da nicht ganz so kreativ, aber zumindest offen und ehrlich. Egal ob es gegen die “roten Ratten” oder die “Ratten und Schmeißfliegen” ging. Zudem teilte FJS unsere Auffassung, dass Demokratie meist nicht funktioniert mit dem schönen Ausspruch: “Vox Populi. Vox Rindvieh.” Insofern ist es nur konsequent, dass er zu Pinochets Diktatur befand, “dass Chile ein demokratisches und freies Land ist [...] vor allem, weil es in den vergangenen vier Jahren fundamentale Prinzipien der deutschen Demokratie übernommen hat.” Ja, nicht Spaßpolitiker wie Guido Westerwelle oder Klaus Wowereit, sondern solche kantigen, gefühllosen Machtmenschen sind es, die uns den Glauben an das Gute in der Politik zurückgeben. Also, Dagon, halt dich ran. Dann bist du vielleicht bald der dritte Mann in diesem Triumvirat.