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Effinger – Review mit vorgeschalteter Werkschau

Saturday, July 23rd, 2011

Werkschau

Die Idee eines Multiversums ist, in gewisser Weise, eine tröstliche. Denn wenn es das Multiversum geben sollte, dann gibt es da draußen eine Welt (oder eine unendliche Zahl an Welten, zumindest für einen bestimmten Wert von ‘unendlich’), in der George Alec Effinger gesund und glücklich durch die Weltgeschichte tingelt, als einer der ganz großen der Science Fiction angesehen wird und hin und wieder erfolglosen Schreiberlingen wie Dan Brown Tipps gibt, wie sie ihre Bücher aufpeppen können.

Leider ist unsere Welt eben nicht jene Welt. Und in dieser Welt ist George Alec Effinger eher ein Geheimtipp. Selbst gestandene Freunde der gepflegten SF-Literatur haben oftmals den Namen Effinger nie, oder zumindest nicht bewusst, wahrgenommen. Und eigentlich ist das seltsam, denn Effinger kann mit Fug und Recht als einer der Väter des Cyberpunk bezeichnet werden. (Wobei ich hier nicht die unsägliche Diskussion aufkommen lassen möchte, ob es überhaupt je eine Cyberpunk-Bewegung gegeben habe.) Wer Cyerbpunk hört, der denkt natürlich sofort an William Gibson. An Bruce Sterling. Vielleicht auch an Neal Stephenson am Ende der Cyberpunk-Ära. Und hin und wieder denkt sogar jemand an Rudy Rucker. Aber George Alec Effinger?

Dabei hebt sich das, was Effinger dem Cyberpunk beimischte, wohlig ab von dem, was so schnell zum Klischee verkrustete. Die Idee einer Matrix, der virtuellen Realität in Form eines dezentralisierten Computernetzwerks, findet sich in Effingers Cyberpunk nicht. Die Flucht aus der Realität vollziehen die Figuren in seiner dystopischen Welt entweder durch massiven Drogenkonsum (Bill der Taxifahrer etwa hat sich ein Organ einpflanzen lassen, das eine konstante Versorgung mit einer Droge garantiert; das bringt ihn langsam um, aber dafür ist er immer high) oder durch das Einsetzen von Modulen in einen Slot im Kopf. Das gab es in rudimentärer Form auch in Neuromancer (etwa ein Modul, das dem Nutzer das Wissen verleiht einen Kampfjet zu fliegen), ist aber in Effingers Cyberpunk das zentrale Elemente. “Moddies” und “Daddies” nennen sich die Module, je nachdem ob sie Fähigkeiten (etwa die Kenntnis einer Fremdsprache, die Fähigkeit besser zu feilschen) oder Persönlichkeitsprofile beinhalten. Oder aber, man denke an Strange Days, man gibt sich damit den Kick, fremde Erfahrungen zu erleben. Und weil das hier Cyberpunk ist und neue Technik immer nur einem Zweck dient, bedeutet das natürlich in erster Linie: Pornographie.

Interessanter als dieser technische Exkurs ist allerdings die Welt, in der Effingers Cyberpunk stattfindet: Dem Budayeen, einer abgeschotteten islamischen Altstadt – halb Ghetto, halb Rotlichtviertel – irgendwo in einer nie näher definierten Stadt in Nordafrika oder an der Levante. Alleine mit diesem Setting wären When Gravity Fails, The Exile Kiss und A Fire In The Sun heute sichere Anwärter für ausführliche Diskussionen und Analysen in den Feuilletons und für Plätze in den Bestsellerlisten. Die Broders, Sarrazins, Nahlesse und Scholl-Latours würden sich die Münder fusselig reden, ob das nun eine Anbiederung an das Kalifat oder doch eine Warnung vor der Islamisierung der Welt sei.

Aber When Gravity Fails erschien 1986, im letzten metaphorischen Winter des Kalten Krieges. Interessant war der Sowjet, der alte Feind. Die islamische Welt war irrelevant, außer sie durfte wie in Rambo, The Cardinal in the Kremlin oder The Living Daylights in form des “noblen Wilden” dem fiesen Sowjet Wiederstand leisten. Eine Kultur dahinter, eine Philosophie, eine spezifisch geprägte Sicht der Dinge, wurde ihr – mangels Interesse – nicht zugestanden. Und so fand Effingers Erstlingswerk von dieser Warte aus wenig Beachtung, war seiner Zeit vielleicht tatsächlich zu weit voraus.

Dabei – und auch daraus ließen sich in der Welt seit 9/11 ganze Doktorarbeiten entwickeln – ist sein Budayeen zwar erkennbar arabisch geprägt, die Umgangsformen und Floskeln finden sich, aber eigentlich keine arabische Stadt. Denn als Vorbild für sein Budayeen nahm sich Effinger nicht Marrakesch oder Scharm El-Scheich sondern seine eigene Heimatstadt: New Orleans. Der das Budayeen dominierende Mafiaboss Friedlander Bey, eine der faszinierendsten Figuren in einer Welt voller schillernder Persönlichkeiten, ist eine fiktive Version des dominierenden Unterweltbosses New Orleans’ in den Achtzigern – aber durch die Islamisierung so weit distanziert, dass Effinger keine Folgen fürchten musste, sollte dieser Gangster von den Romanen erfahren und sich falsch dargestellt fühlen.

Die drei Budayeen-Romane haben also ein islamisches Setting obwohl sie eigentlich Geschichten aus New Orleans sind. Und sie tragen die Kleider des Cyberpunk obwohl sie eigentlich dem Genre der Hard Boiled Detective Fiction oder des Noirs angehören; wobei es Effinger auch hier verstanden hat, die verkrusteten Klischees zu vermeiden. Zu Beginn der ersten Geschichte ist unser Anti-Held Marîd Audran noch ein ehemaliger Gauner, der sich jetzt mit kleinen Detektivjobs eher schlecht als Recht über Wasser halten mag. Aber schon am Ende des Buches hat Effinger sich dieses Standardvehikels entledigt. Auf einmal ist Marîd der designierte Nachfolger für das Verbrechensimperium des Friedlander Bey. Eine Position, die er nicht haben will, aber der er nur durch den Tod entgehen könnte. Und Bey setzt alles daran, Marîd seines bisherigen Lebens völlig zu berauben, ihn von seinen Freunden zu isolieren, ihn zu der verhassten und gefürchteten Persönlichkeit zu machen, die ein Don zu sein hat. Effinger schreibt Casablanca und Der Pate, wenn auch mit Elementen des Cyberpunk versetzt.

Trotz leichter Schwächen in The Exile Kiss sind alle drei Romane erstklassig geschriebene Belletristik. Effinger hat ein Gespür für packende Satzmelodien, dramatische Dialoge und besonders für die Außenseiter und Verlierer, die sein Budayeen bewohnen. Es ist eindeutig, dass Effinger zu der verschwindend geringen Zahl an SF-Autoren gehört, die in der Lage sind wirklich gute Prosa zu schreiben, die mangelndes handwerkliches Talent nicht hinter dem Schutzschild der “Literatur der Ideen” verbergen müssen, sondern ganz selbstbewusst ihr Können unter Beweis stellen und sich dabei auch mit den Größen “richtiger” Literatur messen könnten. Zu kritisieren, dass die SF-Ideen in Effingers Romanen hinter die Figurenzeichnung, die lebendige Welt und die leichtfüßig tänzelnde Prosa zurückfallen, wäre abstruse Beckmesserei.

When Gravity Fails und A Fire In The Sun gehören zum Allerbesten, das die SF in den Achtzigern hervorgebracht hat und vielleicht sogar zum Allerbesten, das die SF generell hervorgebracht hat. Beides sind Bücher, die sich heute noch ohne Probleme lesen lassen, die wie guter Wein hervorragend gealtert sind, immer noch lebendig und packend wirken, vermutlich gerade weil Effinger sich auf die Konflikte seiner Figuren konzentriert, die die Zeit überdauern, und nicht auf technische Elemente, die heute wegen ihrer Lächerlichkeit aus der Geschichte kurz herausreißen, wie es etwa die 3 Megabyte Schwarzmarkt-RAM tun, die Gibson in Neuromancer erwähnt.

Warum also ist Effinger noch immer in weiten Teilen der “große Unbekannte” der SF-Szene? Die Chance zum Ausbruch, zu größerer Bekanntheit, war da. Das kleine Westwood Associates, das im folgenden Jahr durch Eye of the Beholder größere Aufmerksamkeit erreichen sollte, legte im Jahr 1990 Circuit’s Edge vor, vertrieben durch das Traditionshaus Infocom. Angesiedelt zwischen When Gravity Fails und A Fire in the Sun ist es eines der wenigen echten Cyberpunkspiele. Ein solides aber spielerisch unspektakuläres RPG, das aber den verkommenen, dreckigen Charme des Budayeen – die Drogen, den Sex, die Gewalt, die Persönlichkeitsmoddies – auf grandiose Weise einfängt. Dem Spiel allerdings ergeht es wie den Büchern: Jenseits eines Kreises ausgewählter Kenner ist Circuit’s Edge heute nahezu unbekannt.

Daran mag Effingers Privatleben Schuld gewesen sein. Denn da wo er in seiner Prosa so gar nicht dickianisch war, da kann man sein Leben in gewisser Hinsicht so bezeichnen. Zwar litt Effinger nicht an psychologischen Problemen, sah nie das Vast Artificial Living Intelligence System, aber ähnlich wie Philip K. Dick kann man auch George Alec Effinger in einer verkürzten, dem Mann nie gerecht werdenden Form als Autor bezeichnen, der Zeit seines Lebens unter Krankheit und Armut litt, der es sich überhaupt nicht leisten konnte, für den Papierkorb oder die Schublade zu schreiben. Bis er es sich irgendwann nicht mehr leisten konnte, für sich selbst zu schreiben.

Effingers spätere Jahre sind ein Werbeschreiben für eine allgemeine Krankenversicherung. Die Krankenhauskosten, die Effinger anhäufte, waren astromisch und erreichten eine Höhe, die abzubezahlen er nie hoffen konnte. Das auf den Code Napoleon zurückgehende Rechtssystem in Louisiana erlaubte es daher seinen Gläubigern, in diesem Falle also seinem Krankenhaus, das Copyright für Effingers sämtliche Werke zu beanspruchen, in der Hoffnung damit die Schulden tilgen zu können. Und die Folge war, dass Effinger es sich nicht mehr erlauben konnte, seine eigene Fiction zu verfassen. Was wenn er zwei weitere Bücher über Marîd Audran geschrieben hätte? Das Krankenhaus, hätte es die Rechte erhalten, hätte alle Gewinne aus diesen Büchern einfordern können. In dieser Hinsicht wäre es noch schlimmer gewesen als für die Schublade zu schreiben. Effinger hätte für andere Leute geschrieben, ohne dafür bezahlt zu werden. Stattdessen schrieb er Kurzgeschichten mit Figuren, die nicht ihm gehörten. Die entweder inzwischen als gemeinfrei galten, so dass das Krankenhaus keine Rechtsansprüche hätte stellen können, oder er schrieb Auftragsarbeiten.

Das bedeutete aber eben auch, dass die Budayeen-Romane, sein Magnus Opum, das von vornherein als fünfbändige Geschichte des Aufstiegs und Sturzes Marîd Audrans angelegt war, für die gesamten Neunziger Jahre auf Eis lagen. Und auch ein Nachdruck der bereits erschienenen und vergriffenen Romane war ein potentielles Risiko für den zuständigen Verlag. Mit wem hätte man denn verhandeln sollen? Effinger? Dem Krankenhaus? Effinger kehrte erst in die Welt des Budayeen zurück, als kein Repräsentat des Krankenhaus bei der Verhandlung um das Copyright auftauchte und ein Richter ihm die Rechte an seinen eigenen Werken zurückgab.

Effinger begann schließlich damit, seine Serie zu einem Ende zu bringen und den vierten Roman, Word of Night, in Angriff zu nehmen. Und wenn ich oben die Budayeen-Romane als Hard Boiled bezeichnet habe, dann ist es vielleicht angemessen, Word of Night als George Alec Effingers Poodle Springs zu bezeichnen, denn so wie bei Raymond Chandlers Werk wurde auch dieses Buch durch den plötzlichen und viel zu frühen seines Autors nie vollendet. Als George Alec Effinger am 27. April 2002 starb, war er 55 Jahre alt. Seine zweite Ehefrau, Barbara Hambly, hat die bereits geschriebenen Kapitel des Romans in Budayeen Nights veröffentlicht, einer Sammlung an zum Teil bereits erschienenen, zum Teil noch ubveröffentlichten Kurzgeschichten die nur teilweise im Budayeen-Universum angesiedelt sind, aber unter anderem seine mehrfach preisgekrönte Novelette “Schrödinger’s Kitten” beinhaltet. Der Geschichte einer jungen, islamischen Frau, die Visionen verschiedener Leben hat – manche gut, manche schlecht – und die schließlich ihren Frieden mit der Idee alternativer Realitäten schließt, was als Aufhänger dieses kleinen Textes dient.

Es gibt diesen alten Witz, in dem jemand alle Bilder eines Malers kauft, mit der Feststellung, dass Bilder im Wert steigen, wenn der Künstler tot ist und sich dann als Arzt des Künstler herausstellt. Mit Effinger war es ähnlich. Effinger musste erst sterben ehe eine kleine Renaissance seiner Werke ausbrach. Zumindest im Vergleich zum vorherigen Jahrzehnt. In den Jahren nach seinem Tod erschien das oben bereits erwähnte Budayeen Nights. Orb brachte zum ersten Mal seit vielen Jahren die drei Budayeen-Romane wieder in den Handel, in einer wunderschön aufgemachten Ausgabe mit sehr stilvollen Titelbiledern von Craig Mullins. (Auch wenn die alten Titelbilder vielleicht den Geist des Pulps besser einfangen, in dem das Hard-Boiled-Genre begann.)

Rezensionsteil: Live! From Planet Earth

Und dann erschien noch das Buch, das ich eigentlich nur kurz rezensieren wollte, ehe ich entschied, dass dieses Buch und dieser Autor eine größere Kontextualisierung verdient haben. Live! From Planet Earth ist eine Sammlung bereits erschienener Kurzgeschichten Effingers, jeweils ausgewählt und eingeleitet von einem anderen SF-Autor, darunter auch seine Frau, Gardner Dozois und Neil Gaiman. Als jemand, der Vorworte oft und gerne als Floskelsammlung überspringt, muss ich feststellen, dass diese Vorworte zu den einzelnen Geschichten in jedem Fall lesenswert sind; weil sie erzählen, wie die anderen Autoren Effinger wahrnahmen und weil sie in fragmentarischer Form sein Leben nachzeichnen. Sie berichten vom jungen Autor mit großen Träumen und vom Rechtsstreit ausgezerrten Mann, der darüber nie seinen Sinn für Humor verlor, von einem Mann, dessen größte Enttäuschung nicht seine ihn im Stich lassende Gesundheit war, sondern dass er beim Entrümpeln des Speichers seiner verstorbenen Mutter feststellen musste, dass all seine Bücher – die er ihr immer stolz zugeschickt hatte – ungeöffnet in einer Kiste auf dem Dachboden vergammelten. Die Vorworte lassen Effinger noch tragischer wirken und helfen, den Einfluss seines Biographie und seiner Heimat auf die jeweiligen Geschichten (und darüber hinaus auf sein übriges Werk) besser zu verstehen. Sie sollten aber eher nach den Geschichten gelesen werden, denn nicht jeder Vorwortler kann sich dem Reiz des Spoilers entziehen.

Die Auswahl in Live! From Planet Earth deckt die gesamte Breite des effinger’schen Schaffens ab, von seinen Frühwerken zu seinen Spätwerken, von Humor zu Dramatik, von Slice of Life zu Science Fiction, und zeigt, wie wandelbar und vielseitig dieser Mann war.

In der ersten Kurzgeschichte, “The Aliens Who Knew, I Mean, Everything” zeigt sich Effinger humoristisch. Allwissende Aliens landen auf der Erde. Wobei allwissend in diesem Falle bedeutet: Sie haben eine Antwort auf alles, über die sie nicht mit sich reden lassen. Egal wie unsinnig sie sein mögen. Bezeichnend dafür ist die Stelle an der sie festhalten, dass ausgerechnet James K. Polk der beste aller US-Präsidenten war. Auf die Frage, was denn mit Jefferson sei, antworten sie nur: “Sicher, der war auch kein schlechter Präsident. Aber er war eben kein Polk.” Es ist keine grandiose Geschichte, aber es ist eine nette, kleine Story mit einem angenehm verschmitzt-skurrilen Humor. Verschmitzt und skurril beschreibt auch zwei weitere Kurzgeschichten dieser Sammlung: “Solo at the Spotlight” (in der der US-Präsident eine Geiselnahme lösen muss und ihm nur sein psychischer Berater und das Barbie-Tarot seiner Tochter zur Seite stehen) und “From Downtown to the Buzzer” (Aliens landen auf einer Militärbasis und entwickeln eine Faszination für Basketball). Auch diese Geschichten haben eine charmante Grundidee und können dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern, aber nicht sonderlich memorabel.

Die Sammlung umfasst auch zwei schwächere Geschichten, die dankenswerterweise jeweils nur wenige Seiten lang sind. “At the Bran Foundry” erzählt von einem Schulausflug in eine Lebensmittelfabrik, auf dem ein Schüler nach dem anderen verschwindet. Wer jetzt noch nicht weiß, was das große Geheimnis der Geschichte ist, der hat einiges an Popkultur nachzuholen. (Ich empfehle dabei zur Stärkung Soylent Green zu essen.) In “Glimmer, Glimmer” bringt derweil eine Biologin ihren Mann mittels Glühwürmchen um. Nette Idee, keine gute Geschichte. Eher der Aufhänger für eine Monk- oder CSI-Episode.

In die gleiche Richtung fällt “Target: Berlin”. Nette Idee, sogar sehr nette Idee, aber keine gute Geschichte. Der Zweite Weltkrieg kann in den 1930ern verhindert werden, nur um in den 1970ern auszubrechen, auf dem Höhepunkt der Ölkrise. Und weil Flugzeugbenzin so teuer ist, findet kein Luftkrieg statt. Stattdessen wird der Luftkrieg auf die Straßen verlegt. Bomben werden aus Beifahrerfenstern geworfen. Ganze Verbände an Mustangs (Ford Mustangs, versteht sich, nicht P-51 Mustangs) liefern sich auf den Straßen Gefechte mit Toyoto Corolla “Zeros” bis ihnen der Sprit ausgeht. Es ist, wie gesagt, keine gute Geschichte. Aber es ist eine ungeheuer spaßige Idee, die mich mehr als nur ein wenig an Interstate 76 erinnert. Und es ist eine Idee, die ich sehr gerne in Form eines ausgeprägten Tabletops sehen würde (ein Add-On für Car Wars) oder als Videospiel.

Jenseits dieser etwas schwächeren Geschichten, die dennoch meist gute Grundideen haben, überzeugt Live! From Planet Earth durch die Bank hinweg. “One” nimmt eine klassische SF-Idee und dreht sie um. Was ist wenn “to seek out new life and new civilizations” zu keinem Resultat führt? Was wenn wir wirklich allein sind im Universum. Dieser Wahrheit hat sich ein Forscherehepaar zu stellen und so wie in seinen Budayeen-Geschichten SF nur die Leinwand für charakterbasierte Geschichten bildet, ist auch dies eine Geschichte die primär von der Introspektive des Erzählers lebt. Auch “My Old Man” ist in erster Linie eine Charakterstudie, die besonders interessant wird, wenn man die autobiographischen Elemente bedenkt. Ein SF-Autor mit einer schlechten Beziehung zu seinem Elternhaus spielt gegen seinen Schachcomputer. Nur dass dieser auf einmal Anzeichen von echter Intelligenz zeigt und dem Autor erklärt, er spiele nun um die Seele seines verstorbenen, gewalttätigen Vaters. Beeindruckend an dieser Geschichte ist, wie geschickt Effinger hier existenzielle Angst (Das siebente Siegel kommt aufgrund des Leitmotivs schnell in den Sinn) mit einem rabenschwarzen Humor zu paaren versteht.

Ohnehin ist ein gewisser Humor, egal ob albern wie in den obigen Geschichten oder doch leicht hintergründig, in fast allen Geschichten Effingers zu finden. So auch in “Everything But Honor”, einer sehr traditionellen Zeitreisegeschichte, in der ein schwarzer Physiker in den 1930ern an der Kaiser-Wilhelm-Universität in Berlin eine Zeitmaschine erfindet und beschließt, in den amerikanischen Bürgerkrieg einzugreifen um das Leid der schwarzen Bevölkerung, ihre Rolle als Bürger zweiter Klasse, in den Nachkriegsjahren zu verhindern. Trotz des etwas offensichtlichen Twilight-Zone-Endes eine bitterböse und hintergründige Zeitreisegeschichte in der Tradition von Heinleins “All You Zombies” oder Bradburys “A Sound of Thunder”.

In “Two Sadnesses” und “Seven Nights in Slumberland” arbeitet Effinger hingegen mit den Figuren anderer Autoren. “Two Sadnesses” ist in seiner Holzhämmerigkeit erkennbar Frühwerk und erkennbar Siebziger. Trotzdem haben die Bilder, die Effinger hier entwirft, eine ungeheure Macht. In dieser Geschichte dringt der Vietnam-Krieg in den Wald von Winnie dem Puuh ein, während die Umweltzerstörung dafür sorgt, dass keine Weiden mehr da sind, die der Wind bewegt. Ihre Stärke gewinnen diese Geschichten dadurch, dass sie auch im Angesicht von Krieg und Umweltzerstörung nie die Sprache der Kinderbücher verlassen, auf denen sie basieren, dass Puuh, der Maulwurf und die Wasserratte hier Konzepte beschreiben müssen, die sie nicht verstehen können, die keinen Platz in ihrer Welt haben. Durch diesen Verfremdungseffekt wird der Schrecken der zugrunde liegenden Probleme deutlich gesteigert.

“Seven Nights in Slumberland” hingegen ist ein völlig unvermeidbares Crossover, in dem Winsor McCays Little Nemo bei seinen nächtlichen Abenteuern auf die Endlosen aus Neil Gaimans Sandman-Comics trifft. Die Geschichte ist erzählerisch etwas verkleistert, was daran liegen mag, dass sie ursprünglich in einer Sandman-Collection erschien, man also bei den ursprünglichen Lesern erwarten durfte, dass sie Dream, Death, Destruction, Desire, Delirium, Destiny und Despair erkennen. Leser dieser Kurzgeschichtensammlung die keine Ahnung von Gaimans Kosmologie haben, dürften allerdings von der Geschichte völlig überfordert sein. Wer zumindest die Little-Nemo-Strips kennt (und wer das nicht tut, sollte dies schleunigst nachholen), der wird begeistert davon sein, wie sehr es Effinger gelingt Kapitel zu schreiben, die beim Lesen wirklich das Gefühl einer Comicseite der Hearst-Zeitungen des frühen 20. Jahrhunderts aufkommen lassen.

Auch jene Geschichten, die Effinger unter dem nom de plume “O. Niemand” schrieb, sind Stilübungen die seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Geschichten sind de facto “tales from the old south”, Geschichten aus dem Mississippi-Delta des 18. Jahrhunderts, aber eben im Weltraum. (Also Quasi-Western und SF. Bekanntlich eine Gewinnkombination.) Dabei ist jede der Geschichten im Stile eines anderen Autors verfasst – sei es Steinbeck, sei es Twain, sei es Hemmingway. Und Effinger gelingt das Kunststück kleine Stories zu erstellen, die sich stilistisch wirklich voneinander abheben und trotzdem allesamt als SF-Geschichten zu überzeugen wissen. Und auch hier zeigt Effinger im Kleinen wieder seine volle Bandbreite. Ist der Boxkampf eines menschlichen Champs gegen einen jovianischen Flammwurm noch primär auf Lacher ausgelegt, ist die steinbeck’sche Geschichte eines geistig zurückgebliebenen Jungens der glaubt mit Jesus auf einer Raumstation zu leben am Ende wirklich ungeheuer bewegend.

Das Kronjuwel dieser Sammlung ist allerdings “Housebound”. Eine Geschichte die ganz dezidiert nicht SF sondern Slice of Life ist und nichts anderes sein will. Es gibt keine Aliens, keine überraschende Wende, kein Twilight-Zone-Ende. Es ist ‘bloß’ der Einblick in das Leben einer jungen Frau, die plötzlich, ohne erkennbaren Grund, eine Panikattacke in einem Supermarkt erleidet und sich danach nicht mehr traut, das Haus zu verlassen. Im Vorwort steht, dass diese Geschichte Effinger besonders am Herzen lag und man merkt es ihr in jeder Zeile an. Effinger betrachtet ganz nüchtern, ganz wertneutral das Leben einer Person mit Angststörungen und versucht auf beiden Seiten, bei den direkt Betroffenen und ihrem Umfeld, Verständnis für den Umgang mit Phobikern aufzubauen. Für das Gefühl der persönlichen Scham ob solch irrationaler Ängste, den Stolz im Umgang damit, aber eben auch die Gefahren aufgrund dieses Stolzes Hilfe auszuschlagen oder seine eigenen Fähigkeiten in der Überwindung der Angst zu überschätzen. In diser Form ist “Housebound” einer der einfühlsamsten, verständnisvollsten fiktionalen Texte über das Leben mit Angst, der mir je begegnet ist. Und sein Ziel lehrreich aber nicht belehrend zu sein, erfüllt er auch mit Bravour.

Ein schöner Beweis dafür, dass Effinger eben nicht “nur” ein guter SF-Schreiber war, sondern generell ein toller Autor.

Ein Aufruf

Philip K. Dick gelang es erst posthum die Anerkennung zu erhalten, die eine Ideenmaschine seiner Statur verdient hat. Heute gilt Dick auch jenseits unseres SF-Ghettos als großer Autor, der seiner Zeit weit voraus war und der schon zu Lebzeiten den Ruf verdient hätte, den er heute inne hat.

Letzteres wird uns auch bei George Alec Effinger nicht mehr gelingen. Selbst heute noch ist Effinger, wie oben erwähnt, erschreckend unbekannt; noch heute werden seine Geschichten viel zu oft unterschätzt oder übersehen. Aber es wäre trotzdem wünschenswert, wenn auch in dieser kleinen Ecke des Multiversums mehr George Alec Effinger gelesen und ihm der Respekt zu Teil würde, den er unzweifelhaft verdient hat. Wenn ihr an Cyberpunk interessiert seid, dann sucht jetzt den On- oder Offline-Buchhandel eures Vertrauens auf und ordert When Gravity Fails. Wenn ihr eher daran interessiert seid die volle Breite des effinger’schen Wirkens zu erleben, dann lasst euch von Live! From Planet Earth anfixen. Aber lest Effinger und erzählt anderen Literaturfreunden – auch denen, die sonst keinen Bezug zur SF haben – von eurem Leseerlebnis.

Es wäre schön, wenn George Alec Effinger zehn Jahre nach seinem Tod endlich als das gesehen würde, was er war: Einer der besten Autoren, die unser Feld je hervorgebracht hat.

Book Report: Run, Embassytown, Dispatches, Plague

Saturday, June 18th, 2011

Greg Rucka – The Last Run

Image Hosted by ImageShack.us The Last Run ist der dritte Roman, der aus Greg Ruckas ungemein empfehlenswerter Comic-Agentenserie Queen & Country hervorgegangen ist. In Zeiten, in denen alte Genregrößen völlig enttäuschen, legt Rucka eigentlich mit schöner Regelmäßigkeit genau das vor, was ich von Spionageromanen erwarte: Gut konzipierte, actionreiche und dreckige Geschichten mit einem Schuß politischem Zynismus, die dabei nicht die 350-Seiten-Grenzen sprengen. Nachdem Tara Chase in den letzten beiden Romanen zuerst in Saudi-Arabien die Hintermänner eines Terroranschlags auf London ausschaltete und dann dafür sorgte, dass Usbekistan ein zuverlässiger Partner im Kampf gegen den Terror bleibt, egal wie schlecht es mit den Menschenrechten aussehen mag, wird sie dieses Mal damit beauftragt, einen hochrangigen Spion aus dem Iran herauszuschleusen. Und wie es die Genrekonventionen verlangen, läuft die Mission natürlich nicht glatt, so dass Chace sich plötzlich im Feindesland gestrandet findet, während ihr Vorgesetzter Paul Crocker alle politischen Fäden ziehen muss, damit der britische Geheimdienst Chace nicht einfach im Stich lässt.

Der Plot hat ein ordentliches Tempo, das Buch kommt gut voran, die Actionszenen sind knackig geschrieben… aber in der Gesamtheit unterwältigt The Last Run leider doch. In A Gentlmen’s Game sah es so aus, als wenn Rucka sich in die Spitzenklasse der Spionageautoren katapultieren könnte, aber schon Private Wars ließ leicht nach und The Last Run ist nochmal ein Stückchen schwächer: So sauber der Plot auch vorangetrieben wird, so wenig reißt er vom Hocker. Wirklich überraschende Wendungen oder dramatische Szenen finden sich nicht. Das mag auch daran liegen, dass dieses Mal die Figuren allesamt ausgesprochen pappkameradig wirken: Der zu exfiltrierende Spion hat keine Charaktertiefe, der Antagonist der Geschichte hat nur ein Interesse, das aber nicht ausreichend begründet wird und selbst Tara Chace, eigentlich eine starke Figur die im Verlauf der Jahre einige sehr komplexe und widersprüchliche Wesenszüge spendiert bekommen hat, kommt im Rahmen des Buches so gut wie nie über den Status des Action Girls hinweg. Und auch der Ort der Handlung bleibt hier so wenig definiert, dass man im Buch jedes “Iran” durch fast jeden anderen nahöstlichen Ländernamen ersetzen könnte, ohne dass The Last Run dadurch schlechter funktionieren würde.

Wie gesagt, es ist immer noch ein höchst kompetenter Roman, der beim Lesen unterhält und nicht, wie die letzten Clancy- oder Forsyth-Werke, die Intelligenz des Lesers beleidigt. The Last Run ist als Strand- oder Busfahrtslektüre durchaus empfehlenswert. Aber angesichts des Potenzials, das Ruckas Romanserie vor sieben Jahren angedeutet hat, enttäsucht die sich einschleichende Stagnation doch. Wenn The Last Run also wirklich die letzte Mission Tara Chaces im Rahmen von Queen & Country sein sollte, dann könnte ich inzwischen damit leben.

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China Miéville – Embassytown

Image Hosted by ImageShack.us China Miéville hat mit Perdido Street Station einen Bombenstart im Genre urbaner Fantasy hingelegt. Mit The Scar und The Iron Council, die ebenfalls in seinem Bas-Lag-Universum spielen, untermauerte Miéville die Einschätzung, einer der beobachtenswertesten jungen Genre-Autoren zu sein. Und theoretisch hatte Miéville damit eine Nische gefunden, in der andere Autoren sich langfristig eingerichtet hätten: Ein auslandendes Fantasy-Universum mit massiver Kontinuität und einer eingebauten Fanbasis? Super! Einmal im Jahr einen Bas-Lag-Roman rauskloppen und dann der Kohle beim Reinkommen zuschauen.

Nur dass Miéville damit Gefahr gelaufen wäre, seine Fantasy zu der konservativen Literatur werden zu lassen, die er in seinen Geschichten doch konstant ablehnt. Und so hat der Londoner Sozialist seinem Fantasy-Universum 2004 den Rücken gekehrt und sich, trotz der Forderungen seiner Fans, bis heute nicht wieder ins Bas-Lag begeben. Statt eines vierten Romans rund um die Stadt New Crobuzon schrieb Miéville in den letzten sieben Jahren ein sehr kreatives Jugendbuch (Un Lun Dun), einen Krimi über eine osteuropäische Stadt, die aus zwei Staaten gleichzeitig besteht (The City & the City) und einen Pulproman um Londoner Kulte, die die Apokalypse einzuleiten gedenken (Kraken). Es scheint, als wolle Miéville sich konstant neu erfinden. Und dazu passt, dass er nun – immerhin 13 Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Romans King Rat – mit Embassytown erstmals in Science-Fiction-Gefilde vorstößt.

Und was für eine Science Fiction das ist…

Linguistische Science Fiction, nämlich. Ein Subset, das bisher eher dünn besiedelt ist. Stephensons wegweisendes Snow Crash fällt ein, Smion schlug Orwells 1984 vor und als Film erschien vor einiger Zeit Pontypool, der mit den Ideen eines Logovirus spielte… und abgesehen von einigen Kurzgeschichten, fällt mir ansonsten kein weiterer Titel ein.

Embassytown erzählt die Geschichte eines kleinen, menschlichen Außenpostens auf der Heimatwelt der Ariekei, am Rande des bekannten Universums. Diese Ariekei sind in ihrer Gestalt und ihrer Philosophie völlig fremdartig und haben so gar nichts von den typischen Nasenhöckeraliens aus Star Trek. Der wichtigste Unterschied zu uns Menschen ist, dass die Ariekei zwei “Münder” (bzw. zwei Organe) haben, mit denen sie Sprache produzieren können. Und sie nehmen diese Sprache nur wahr, wenn sie von einem Wesen mit Verstand gesprochen wird, nicht von einer Maschine. Die Menschheit hat darum angefangen Botschafter zu züchten, Menschen die sich in ihrem Wesen und Denken so ähnlich sind, dass sie jeweils als einer der beiden Münder fungieren. So wird etwa aus den Individuuen Cal und Vin nur gemeinsam der Botschafter CalVin.

Der andere große Unterschied zu den Menschen ist, dass die Ariekei nur Dinge sprechen können, die objektiv wahr sind. Zu Lügen, selbst zu Metaphern, sind die Ariekei nicht in der Lage. Vergleiche können sie nur dann anstellen, wenn tatsächlich existiert, womit sie etwas vergleichen wollen. Damit die Redensart “das ist wie der Mensch, der regelmäßig mit den Fischen schwimmt” von ihnen genutzt werden kann, muss eben jener Mensch ein Mal pro Woche für die Ariekei in ein Schwimmbecken mit Fischen steigen. Es ist ein Konzept, das Miéville zu erklären versucht (der evolutionäre Vorteil sich immer auf das Verlassen zu können, was der andere sagt), das aber trotzdem eine gewisse Suspension of Disbelief benötigt: Warum sind die Ariekei nicht in der Lage, einfach einen Teil der Wahrheit zu verschweigen? Das ist ja noch kein aktives Lügen. Und wenn sie nur über existierende Dinge sprechen können, wie können sie dann Strategien für die Zukunft entwickeln? Planen?

Die eigentliche Handlung des Romans beginnt, als die Menschheit EzRa schickt, einen neuen Botschafter mit einem leichten Fehler seiner Aussprache, der eine ganze Spezies plötzlich abhängig von seinen Worten macht: So als sei seine Sprache eine Droge. Auch das ist ein Konzept, das man kritisch auseinandernehmen kann, aber warum eigentlich nicht? Geräusche lösen ja auch in uns Emotionen aus, Stimmen können körperliche Reaktionen auslösen und wer war nicht mal nach irgendeinem Lied süchtig, hat es dutzende Male am Stück gehört?

Embassytown mag sein erster Abstecher ins Genre der SF sein, trotzdem ist es ein typischer Miéville: Der Sozialist aus London baut einmal mehr eine fremdartige Stadt auf und denkt erneut über Freiheit und Abhängigkeit nach. Denn eine Sprache, in der man nicht lügen kann, in der es keine Fiktion gibt, ist eine Sprache, die den Sprecher an die Realität und an die Wahrheit fesselt. Kein Wunder also, dass einige Ariekei versuchen, das Lügen zu erlernen um sich so von den Fesseln der Sprache zu befreien. Und ebenfalls kein Wunder, dass andere Ariekei und sogar Menschen alles in ihrer Macht stehende tun, um dies zu verhindern. Es ist eine kluge Theorie des Gesellschaftsaufbaus, der hier nachgegangen wird: Die Gesellschaft und Kultur der Ariekei basieren völlig darauf, dass sie eine Sprache haben, in der sie nur objektive Wahrheiten sprechen können. Die Gesellschaft hat sich im Rahmen der Möglichkeiten entwickelt, die ihr die Sprache gelassen hat. Will man nun den staatlichen Aufbau verändern, dann muss zunächst die Sprache an sich verändert werden. Staatliche Identität und sprachliche Identität in Personalunion. Eine Idee, der wohl nicht nur Orwell zustimmen würde, sondern auch Victor Klemperer mit seiner Lingua Tertii Imperiii.

Ein typischer Miéville ist Embassytown aber auch dahingehend, dass Ideen, Konzepte und Personen eingeführt werden, die im Verlauf der Geschichte irgendwo verschütt gehen und keine weitere Relevanz besitzen. So wird früh das Konzept des Immers eingeführt, dem Analog zum Hyperraum in anderen SF-Geschichten und es wird zunächst viel über die Funktionsweise, die Grenzen und Gefahren des Immers gesprochen… und nach Seite 50 hat dieses Immer keinerlei weitere Relevanz für die Geschichte. Vielleicht baut Miéville hier vor, vielleicht plant er weitere SF-Geschichten in diesem Universum zu erzählen und legt darum schonmal den Grundstein für den Begriff “Immerverse”. Andererseits hat er dieses Herumhängenlassen von Handlungsfäden auch in fast allen seinen anderen Büchern schon praktiziert. (Man erinnere sich an die denkende Maschine in Perdido Street Station, von der man nie wieder hörte.)

Das ist allerdings ein kleiner Kritikpunkt und mit knapp 400 Seiten lernt Herr Miévielle zudem zunehmend, sich kurz zu fassen und Geschichten etwas konzentrierter und korsettierter zu erzählen, als er das in den Tagen vor The City & the City tat. Embassytown überzeugt als SF-Roman: Die fremdartigen Wesen und Orte, die Verquickung von Linguistik und Gesellschaft, die starke Erzählerstimme, das Einfühlen in die Außenseiter. Dazu kommt eine Geschichte, die sich am Anfang ein wenig zu ziehen scheint, ab dem Moment des Auftretens des neuen Botschafters mit seiner Drogenstimme aber richtig an Fahrt gewinnt und auf faszinierende Weise die Reaktionen einer ganzen Spezies betrachtet, die plötzlich kollektiv abhängig ist von etwas, das ihnen nur eine andere Spezies geben kann. Die Menschen in Embassytown mögen wichtige Akteure sein, die Erzählerin und Protagonistin Avice Banner Cho mag ein Mensch sein, aber eigentlich dienen sie nur als Linse, durch die wir die Geschichte der eigentlichen Stars des Buches wahrnehmen: Den Ariekei und ihrem Sprachwandel.

In den letzten zehn Jahren hat Miéville drei Mal den Arthur C. Clarke Award und einmal den Hugo Award gewonnen. Dank Embassytown ist es nicht unwahrscheinlich, dass der gute Mann noch etwas mehr Platz im Trophäenschrank wird finden müssen. Ein Buch, das jedem Freund intelligenter SF wärmstens ans Herz gelegt sei.

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Michael Herr – Dispatches

Image Hosted by ImageShack.us Dispatches wird als das Buch über den Vietnam-Krieg gehandelt. Michael Herr war für den Esquire als Berichterstatter in Vietnam und packte seine Erfahrungen und Erlebnisse dann 1977 in eben dieses Buch, das in Auszügen als Vorlage für Szenen oder Figuren in Coppolas Apocalypse Now und Kubricks Full Metal Jacket diente.

Herrs Schreibstil kann dabei als romanhaft bezeichnet werden, womit sich Dispatches in eine Tradition mit Büchern wie Truman Capotes In Cold Blood oder Norman Mailers The Fight einreiht. Dass dieser gewählte Stil hier funktioniert, liegt auch daran, dass Michael Herr eben keinen klassischen Kriegsbericht schreibt, keine Betrachtung großer Strategien, keinen Text über die Gesamtkonzeption (so es sie denn gab) des Indochinakriegs, sondern dem Leser einfach eine Salve an Kriegsfragmenten entgegenschießt. Einblicke in das Leben und die Psyche der Soldaten im Dreck. Viel enger an den Vietnam-Erfahrungen die Tom Savinis Karriere beeinflussten als an dem, was General Westmoreland der Presse erzählte.

Dispatches fordert den Leser auf den ersten Seiten: Erst nach einem guten Drittel des Buches ringt sich Herr dazu durch, einer längeren Narrative zu folgen: Der Belagerung von Khe Sanh. Bis dahin springt er von Anekdote zu Anekdote, von Hörensagen zu verstörenden Momenten, die er selbst erlebte, ohne dass dabei eine klare Linie erkennbar wird. Wer, so wie ich, mit den falschen Erwartungen an das Buch herangeht, wer hier eine klar strukturierte, chronologische Abhandlung erwartet, wird zunächst völlig überrollt. Was vermutlich Herrs Absicht war: Denn was man aus den Anekdoten erfährt, ist dass genau das die Erfahrung der G.I.s in Vietnam war. Kinder, die schlecht vorbereitet in einen Krieg geschickt werden, dessen Sinn sie nicht verstehen und die dann Teile von Missionen ausführen, deren Gesamtheit sie nicht erfassen können.

Der Krieg ist für die von Herr beschriebenen Soldaten ein Kaleidoskop des Schreckens, ein strukturierter Kriegsbericht der mit Hintergrundinformationen angereichert ist, würde dem Wesen des Biestes nicht gerecht. Was allerdings ebenfalls zur Verwirrung heutiger Leser beitragen mag: Als Zeitgenosse wurde man täglich mit Begriffen wie der NVA, Dien Bien Phu, Super Hueys, Chinooks und Montagnards konfrontiert. Und all den TLAs, die ein Krieg mit sich bringt. Heute sollte man zumindest einen rudimentären Überblick über den Vietnamkrieg besitzen, um von Slang und Idiomatik nicht völlig erschlagen zu werden. Denn auch hier tut Herr dem Leser ganz bewusst nicht den Gefallen, irgendwelche Begriffe zu erklären oder zu kontextualisieren.

Direkt zu Beginn erzählt Dispatches von folgender Begebenheit: Ein Soldat schafft es als einziger seines Platoons von einem Hügel lebend ins Lager zurückzukehren. Er stirbt, ehe er sagen kann, was auf dem Hügel passiert ist. Willkommen in Vietnam.

Aber es geht ja ohnehin nicht um Kontext. Dank der fehlenden Kontextualisierung ist das nicht einfach ein Buch über junge Männer im Krieg in Vietnam, sondern ein Buch über junge Männer im Krieg. Punkt. Die Geschichten, die Herr hier erzählt, die Verhaltensweisen die er beobachtet, hätten wahrscheinlich in ähnlicher Form in jedem Krieg gefunden werden können; unter Caesars Legionen in Britannien ebenso wie bei Napoleons Truppen in Russland oder in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten.

Da wo Logik, Kontext und Verständnis fehlen, kehren primitivere Instinkte und Konzepte zurück: Die Entzivilisierung muss nicht an Orten wie My Lai gesucht werden, sie findet sich überall im Dschungel. Uralter Aberglaube und Fetische kehren selbst zu studierten Menschen zurück. Ein Hinterhalt im Dschungel wurde nicht überlebt, weil man Glück hatte, sondern weil man einen Glücksbringer dabei hatte. Ein kaputtes Gewehr. Einen bestimmten Helm. Etwas, das man einem toten Vietcong abgenommen hat. Und künftig ohne diesen Fetisch auf Patrouille zu gehen, bedeutet den sicheren Tod. Gleiches passiert mit bestimmten Soldaten, denen “magische” Eigenschaften zugeschrieben werden. Weil sie mehrere Missionen unbeschadet überlebt haben, etwa. Oder weil sie gar nicht anders können, als den Krieg zu überleben: Orrin etwa, ein G.I. aus Tennessee, den seine Freundin betrog während er um Khe Sanh kämpfte. Und von dem Moment an, in dem er den Beichtbrief seiner Freundin erhielt, war er für die anderen Soldaten ein Held und ein Glücksbringer, der den Krieg überleben würde: Weil er nur noch für eine Sache lebte. Nach Tennessee zurückzukehren und seine Freundin zu erschießen. Solange seine Freundin lebte, konnte Orrin nicht sterben. Die große Narrative verlangt es.

An anderer Stelle berichtet Herr von einem G.I., der seiner Freundin eine Halskette aus den abgeschnittenen Ohren von ihm erschossener Vietnamesen schickte und überhaupt nicht verstehen konnte, warum sie plötzlich seine Briefe nicht mehr beantwortete. Angesichts solcher Geschichten fragt man sich, ob Francis Ford Coppola vielleicht genau richtig gelegen hat, als er Joseph Conrads Heart of Darkness als strukturelle Vorlage für Apocalypse Now wählte.

An einigen Stellen ist Dispatches dann wiederum doch ganz Kind seiner Zeit und bietet einen faszinierenden Einblick in die Gesellschaft der Vereinigten Staaten in den ’60er und ’70er Jahren: Nachdem Martin Luther King ermordet wurde, fragten sich einige schwarze G.I.s ganz offen, warum sie sich nicht einfach umdrehen und mit der M-16 ihre weißen Unterdrücker in der gleichen Uniform abknallen sollten. Wie Muhammad Ali einmal sagte: “No Vietnamese ever called me Nigger.

An anderen Stellen deckt Herr den pechschwarzen Humor auf, den der Krieg mit sich bringt. Etwa in der Geschichte jenes Colonels, der davon überzeugt war, dass alle seine Männer Kampferfahrung brauchen und auf Patrouillen gehen sollten. Nur um kurz danach jeden einzelnen seiner Köche in Hinterhalten verloren zu haben. Oder der Bericht über die 309. Air Squad, die dafür zuständig war, Entlaubungsmittel über Vietnam auszufliegen und in Anlehnung an Smokey Bear das Motto “Only we can prevent forests” wählte. Massivst morbid, wenn man sich die Folgen des Einsatzes von Agent Orange vor Augen führt.

Der wohl interessanteste Teil des Buches ist allerdings das letzte Kapitel, in dem Herr den Blick wegbewegt vom Leben der Soldaten und stattdessen betrachtet, inwiefern der Vietnamkrieg bereits ein Medienkrieg war, bzw. die Kriegserwartungen der Soldaten durch die Medien geprägt wurden. So erzählt Herr davon, dass Soldaten ihre ganzen Modus Operandi alten Kriegsfilmen anpassen, sobald eine Kamera in ihrer Nähe ist. Soviel zu der Idee, dass Soldaten sich erst heute durch moderne Videospiele anders verhalten, als die Soldaten in früheren Kriegen.

Hochinteressant ist auch Herrs Schlaglicht auf die Propaganda in Vietnam: Da ist der Soldat, der einen Vietcong erschoss und einen Kriegsgefangenen rettete und dann in pressetauglicher Manier einen Orden dafür erhielt, dass er 14 Vietcong erschossen und 6 Kriegsgefangene gerettet habe. Da ist der Umstand, dass das JUSPAO gleichzeitig für “psychological warfare and press relations” zuständig ist und das kaum ein Journalist kritisch hinterfragt. Da sind die Euphemismen, die schon George Carlin zur Verzweiflung trieben: Helikopter feuern “discreet bursts” ab, die Zivilisten in Stücke reißen. Tote Amerikaner und Südvietnamesen sind “friendly casualties” und G.I.s geraten nicht in einen Hinterhalt, sie geraten in ein “meeting engagement”, aus denen sie dann mit “light losses” hervorgehen.

Und die Betrachtung des Press Corps in Vietnam ist mindestens so interessant wie die Betrachtung des Press Corps in Washington, die Tim Crouse in The Boys on the Bus vornahm: Da sind Journalisten von College-Magazinen, die nur ihre marxistische Weltsicht bestätigt haben möchten. Da sind Journalisten, die Kriegsjunkies werden und ohne den Rausch selbst an Patrouillen teilzunehmen (und im Notfall selbst ein Gewehr abzufeuern) nicht mehr leben können. Da sind Journalisten, die ihre Hotelbar in Saigon nie verlassen und einfach nur die Presseberichte des JUSPAO weitergeben. Und da sind alte Journalisten, die den Krieg und all seine Schlachten trivialisieren müssen, weil sie befürchten, dass ihre eigenen Kämpfe gegen die Japaner im Pazifik ansonsten an Bedeutung verlieren.

Wenn man sich erstmal in den Stil eingefunden hat, den Herr hier nutzt, dann wird ganz schnell klar, dass Dispatches tatsächlich eines der erkenntnisreichsten und einfühlsamsten Bücher ist, die je über den Krieg an sich geschrieben wurden. Ein Türöffner für spätere Kriegsreportagen wie Generation Kill und in den Einblicken, die es in die menschliche Psyche in Zeiten größter Anspannung vermittelt, auch nach fast 35 Jahren noch absolute Pflichtlektüre.

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David Hajdu – The 10 Cent Plague: The Great Comic Book Scare and How It Changed America

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Oberflächlich betrachtet ist The 10 Cent Plague eine Reportage darüber, wie Comics in den 1950ern in den USA als Verderber der Kindheit gesehen, zum Teil verboten und dann in nur noch in völlig zahnloser Form veröffentlicht wurden. Bei genauerer Betrachtung ist The 10 Cent Plague aber auch eine Betrachtung, wie faschistische Strukturen in aufgeklärten Demokratien auftreten können und wie Medien und Politik gewillt sind, zum eigenen Vorteil (seien es Stimmen oder die Quote) mit den Ängsten der Bevölkerung zu spielen und diese zu verstärken. Insofern ist The 10 Cent Plague nicht nur für an der Comichistorie interessierte Leser ein spannendes Buch, sondern beispielsweise auch für Freunde von Horrorfilmen oder Videospielen.

David Hadjus These ist, dass die ’50er kein Jahrzehnt völliger Anpassung waren, wie sie im Rückblick oft dargestellt werden, sondern das Verrücken kultureller Grenzen – wie so oft – einfach in einem Medium stattfand, dass lange Zeit schlicht nicht wahrgenommen wurde: Comics. Hadju beginnt mit einem knappen Abriss der Geschichte des Mediums, vom Yellow Kid der Zeitungen des späten 19. Jahrhunderts bis zum Aufstieg von EC Comics in den ’50ern, die sich primär deshalb so gut verkauften, weil sie zunächst im Crime- und später im Horror-Genre alles bisher an Blut und Gewalt gesehene in den Schatten stellten, bzw. jungen Männern in den Romanzen-Comics der selben Ära Frauen präsentierten, die in ihrer Unterwäsche über Jungs redeten. Hadju kauft den damaligen Comicmachern nie die Selbstdarstellung ab, dass diese Comics erzählerische Perlen waren. Er betreibt durchaus eine kritische Betrachtung der handwerklichen Umsetzung, aber er ist gewillt Comics da zu verteidigen, wo sie es verdient haben: Etwa dass Harvey Kurtzmans Two-Fisted Tales keineswegs stumpfe US-Propaganda waren, sondern ihren Lesern erklärten, dass Krieg für Soldaten auf jeder Seite der Front schrecklich ist.

Hadju berichtet von Schulen, die schon am Ende der 1940er Comics sammelten und dann öffentlich verbrannten und von Lehrern die (zum Wohle der Kinder) in ihren Schulen Initiativen lostraten, Comics an den Schulen zu ächten und in lokalen Läden und Kiosken aus den Regalen zu verbannen. Er spricht dazu mit Beteiligten, die zugeben, dass sie selbst nie Comics gelesen haben, sondern die Comics extra für die Bücherverbrennungen kauften, um sich beim Lehrer lieb Kind zu machen oder die von Schülern erzählen, die diese neuen Regelungen genossen: Sie selbst lasen weiter Comics, während sie andere Kinder schikanierten und verprügelten, wenn diese Comics lasen. Sogar von Schülern organisierte Boykotts werden erwähnt, gerichtet gegen Läden die Comics nicht aus den Regalen entfernten. Ironisch, wenn man bedenkt, dass dieser Kulturkampf oft nominell zur Wahrung der Demokratie geführt wurde.

The 10 Cent Plague ist nicht nur ein Buch über Comiczensur, es ist auch eine sehr lesenswerte Geschichte des EC-Verlags, seiner wichtigsten Mitarbeiter und deren Konkurrenzkämpfen untereinander. (So erfährt man etwa, dass Verleger Bill Gaines so erbost war über den Erfolg von Harvey Kurtzmans Mad, dass er mit Panic seinen eigenen Humorcomic veröffentlichen musste, obwohl doch Mad in seinem eigenen Verlag erschien.) Zudem ist es ein Betrachtung der amerikanischen Psyche im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Hadju diagnostiziert eine ungeheure Angst vor der eigenen Jugend: Eine gefühlte Zunahme der Jugendkriminalität, der dann durch Filme wie The Wild One ein Gesicht gegeben wurde.

Und Comics als Medium, das vor allen anderen jene Werte erodiert, die Kinder zuvor kontrollierbar hielten, das zur Deliquenz anstiftete und alles verächtlicht machte, was anständig und gut sei. “[Comics] are a menace to the right thinking of our american youth and should be banned throughout the country,” wie das Stamford Board of Education festhielt.

Womit der zweite zeitgenössische Aspekt erwähnt ist: Die Angst vor der Unterwanderung und Gehirnwäsche. Politiker und Lehrer versuchen Comics als typisch kommunistische Propaganda darzustellen (während die englischen Kommunisten Comics verbrannten, weil diese angeblich die amerikanische Gewaltkultur exportierten), derweil man in EC-Comics Werbeanzeigen veröffentlichte, die die Zensurideen als typisch kommunistisch anprangerten. Eine schlechte Idee, da eben diese potenziellen Zensoren im Kongress über das Fortbestehen von Comics zu entscheiden hatten und besonders verschnupft darauf reagierten, von William Gaines als Kommunisten tituliert zu werden. Das beste Kapitel dieses Buches, in dem Hadjuk stets durch sehr stilsichere Prosa glänzt, schildert die Anhörungen zum Thema Comics vor dem Kongress und beschreibt in gekonnter Weise, wie William Gaines sich aus reiner Nervosität möglicherweise sein eigenes Grab schaufelte, als er abgetrennte Köpfe auf Titelbildern als “durchaus im Rahmen des guten Geschmacks” bezeichnete.

In der Geschichte der Comicprozesse, so Hadjuk, geht es weniger um Bildergeschichten als eher um ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Der in Comiczirkeln bis heute verhasste Dr. Frederic Wertham, dessen Seduction of the Innocent als Kronzeuge der von Comics ausgehenden Gefahr diente, wird als unwissenschaftlich arbeitender Populist präsentiert, der überinterpretiert, übertreibt (“I think Hitler was a beginner compared to the comic book industry.”) und sein Buch nicht etwa in wissenschaftlichen Journalen, sondern in Frauenzeitschriften vorstellt. Senator Estes Kefauver, treibende Kraft hinter den Anhörungen, erscheint derweil als einer der ersten Poltiker, die das Medium Fernsehen als PR-Werkzeug verstanden haben und der mit im TV übertragenen Anhörungen zu Angstthemen den Weg ins Weiße Haus suchte und dabei auch nicht davor zurückschreckte, überzeichnete Comicparodien gewalttätiger Groschenromane (isb. der Mike-Hammer-Romane eines Mickey Spillane) als Beleg für die Gewalttätigkeit der Comics heranzuziehen. Und das Fernsehen schlachtet das ganze Thema für die Quote schon damals möglichst reißerisch aus. Unter anderem auch Irwin Kershner (später Regisseur von The Empire Strikes Back) in der Sendung Confidential File. (Inzwischen in Gänze auf YouTube.) Wenn man sich hier andere Namen denkt – Schünemann, Beckstein, Pfeiffer, Koll – dann wirken die Mechanismen scheinbar noch immer.

Aber auch die Comicmacher kommen nicht übermäßig gut weg: Gaines schlägt eine Selbstregulierung vor, um staatlicher Regulierung zuvorzukommen. Die Idee eines Feigenblattes wird geboren, eines Gummiinstrumentariums, das von den Comicmachern kontrolliert wird, nur um dann feststellen zu müssen, dass die Comics Code Authority gar nicht daran denkt, ihre Arbeit halbgar zu machen und penibel darauf achtet, dass die unzähligen und oft lächerlichen Regularien (keine Drogen, keine übertriebene Gewalt, keine Verächtlichmachung von Ordnungsmacht und Religion, etc.) eingehalten werden. Der Todesstoß für Comics als kreatives Medium, der sie teils bis weit in die 1980er hinein beinträchtigte. (Marvels The ‘Nam thematisierte z.B. den realen Vietnamkrieg, durfte aber nicht erwähnen, dass hier Drogenmissbrauch an der Tagesordnung war.) Alles was bleibt ist ein harmloser, zahnloser, seichter Rest an Comics. Für Hadju ist aber genau diese Selbstzensur der Initialzünder für die Counterculture der 1960er, für Männer wie Robert Crumb, die mit grotesken Horrorcomics aufwuchsen und nun selbst gezwungen waren, die durch den Comics Code entstandene Lücke zu füllen.

The Ten Cent Plague ist ein intelligent geschriebener Blick auf eine oft sehr einseitig als kulturell stagnierend bewertete Dekade und auf eine Zensurdebatte, die vieles vorwegnimmt, das auch in den letzten Jahrzehnten bei Zensurdebatten immer wieder aufkam (seien es die englischen Video Nasties, Mama, Papa, Zombie oder eben die “Killerspiele”-Debatten). Dank des immens lesbaren Schreibstils von Hadju hält das Buch auch in potenziell drögen Momenten seine hohe Qualität. Besonders hervorheben sollte man, wie lebendig es Hadju gelingt einzelne Comicpanels oder das Layout ganzer Seiten einzufangen und zu beschreiben, da er hier nur mit Text und nicht mit Abbildungen arbeiten kann. Das ist schon ein großes Lob, denn sowas ist wirklich kein leichtes Unterfangen.

Comicfans werden dank der ausführlichen Einbindung von Zeitzeugen hier O-Töne und Geschichten finden, die ihnen bisher nicht bekannt waren. The Ten Cent Plague ist aber darüber hinaus ein Buch, das man bei Zensurdiskussionen beiden Parteien in die Hand drücken kann: Der Abstand von inzwischen fast sechs Jahrzehnten hilft vielleicht zu verstehen, dass die oft als einmalig empfundene, schädlichen Wirkung eines neuen Mediums längst nicht so außergewöhnlich ist, wie man vielleicht annehmen mag.

Short Fiction: The Wedding Album

Sunday, May 29th, 2011

Es ist ein Gemeinplatz: “Gut dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringt.”

Was wäre aber, wenn wir erfahren würden, was die Zukunft bringt. Immer und immer wieder aufs Neue. Ohne die Zeit bis dahin zu erleben: Völlig unvorbereitet. Ohne Kontext, der uns erklärt, warum die Zukunft ist wie sie ist… und warum sich unsere zukünftigen Persönlichkeiten so verhalten, wie sie es tun. Was würde der sechzehnjährige Baron von Agitpop von den Einstellungen und Gedanken, dem ganzen Leben, des heutigen Barons denken, ohne 9/11 als Referenzrahmen, ohne zu wissen, wie die Technik sein Leben beeinflusst hat, ohne zu wissen, welche neuen Freunde er in der Zwischenzeit fand, welche alten Freunde er verlor, welche Triumphe und Rückschläge er erleiden musste?

David Marusek wirft seine Figuren in “The Wedding Album” in genau diese – bei Licht betrachtet ungemein grausame – Situation. Wobei seine Protagonisten keine Menschen sind, sondern Hologramme eines Brautpaars, die am glücklichsten Tag ihres Lebens erstellt werden. Damit das Brautpaar sich nicht nur daran erinnert, wie sie am Hochzeitstag aussahen, sondern sich im Gespräch auch immer daran erinnern können, wie sie sich an diesem Tag fühlten. Und was sie an diesem Tag füreinander empfanden.

Und alle paar Jahre werden diese Hologramme wieder aktiviert, zur Erinnerung. Was bedeutet: Sie werden alle paar Jahre damit konfrontiert, wie sich das Leben ihrer realen Vorbilder in der Zwischenzeit verändert hat, wie sich die Einstellungen und Gefühle ihrer realen Vorbilder in dieser Zeit verändert haben… ohne den Kontext zu kennen, der zu diesen Veränderungen führte. Es ist eine besondere Form der Hölle: Aufzuwachen mit den Gefühlen und Gedanken des Hochzeitags, fest davon überzeugt, für immer zusammen und für immer miteinander glücklich zu sein… und dann unvorbereitet erleben zu müssen, wie sich Sichtweisen verändern, wie Träume zerplatzen, wie Liebe erkaltet.

Marusek zeigt hier Soft Science Fiction von ihrer besten Seite und in einer Form, die verdeutlicht, wie albern die Trennung zwischen Genre und echter Literatur ist. Die SF-Idee der Hologramme wird als Aufhänger genutzt, um die Protagonisten in einer Weise mit emotionalen Sorgen und Nöten zu konfrontieren, die in keinem anderen Genre möglich wäre. Die Frage nach der Identität und Menschlichkeit, die Frage ob die Hologramme vielleicht “ehrlicher” sind, als ihre wankelmütigen menschlichen Vorbilder, ist im besten Sinne dickianisch. Die Entwicklung der Gesellschaft, die die Hologramme ebenso ohne jedwede Kontextualisierung miterleben müssen, erinnert an die Gesellschaftssprünge, mit denen der Protagonist aus Haldemans The Forever War konfrontiert wird. Und das Leiden der Hauptfiguren, ihr seelisches Elend und ihre Gefangenheit in einem System, aus dem sie nie entfliehen können, hat fast schon existenzialistische Züge.

Kurzum: “The Wedding Album” ist eine Novelle, die repräsentiert, wozu SF in der Lage ist. Literatur der Ideen, aber verbunden mit einem gekonnten Schreibstil und einer emotionalen Wirkung, die den Leser an manchen Stellen zu überwältigen droht. Es gibt weiß Gott schlechtere Wege, seinen Sonntag zu verbringen:

Zur Novelle: David Marusek – “The Wedding Album”.

Book Report: Cthulhu’s Reign (Cthulhu’s Gähn)

Monday, May 23rd, 2011

Image Hosted by ImageShack.us Eigentlich ist es ja eine gute Idee. Es gibt da draußen hunderte Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen gegen das Erwachen von Cthulhu ankämpfen, mit mehr oder weniger deprimierenden Auswirkungen auf die eigene geistige Gesundheit (der Plot jedes einzelnen “Call of Cthulhu“-Rollenspiels; Charles Stross’ Laundry-Romane; The Spiraling Worm; Anchorhead; usw. usf.). Warum also nicht das Setting umdrehen und fragen: Wie wird wohl die Welt aussehen, nachdem der Sternenwecker der Großen Alten geklingelt hat und sie die Snooze-Taste nicht finden konnten?

Die Antwort auf diese Frage liefert Darrell Schweitzer in seiner Anthologie Cthulhu’s Reign. Also, primär die Antwort auf Frage 1 (“warum eigentlich nicht…”) und zwar indem er Autoren Antworten auf Frage 2 (“wie wird wohl…”) finden lässt.

Also: “Warum eigentlich nicht?” Darum eigentlich nicht: Weil diese Anthologie einige Schlüsselprobleme des Konzepts aufdeckt. Es scheint extrem schwer zu sein, Lovecraft nicht nachzuahmen, aber zugleich auch nicht zu weit vom Quellenmaterial fortzuwandern. Zuviele der Geschichten hier sind sich einfach viel zu ähnlich und in ihrem Aufbau schlicht langweilig, während andere Geschichten so weit von den lovecraft’schen Ideen weggehen, das man sich fragt, was sie hier überhaupt machen.

Die erste Geschichte im Buch, “Walker in the Cemetery” von Ian Watson (Wertung: 2/5) verdeutlicht das. Eine Gruppe internationaler Klischees (etwa der gut durchorganisierte Deutsche, der nach der Apokalypse preußische Drillmeisterqualitäten an den Tag legt) besucht als Touristen einen genuesischen Friedhof als Cthulhu, in mehreren Iterationen, die Welt einnimmt. Die Geschichte vermischt stilistisch unschön ein modernes Setting mit von Lovecraft inspirierter Schreibe (eine schlechte Idee, HPL war ähnlich wie PKD kein guter Stilist… muss am TLA liegen), packt ein wenig Technophobie rein (hat ein Experiment des CERN – berüchtigt für sowas – Cthulhu in die Welt gerufen?) und lässt seine Figuren wie im Slasher-Film eine nach der anderen durch Cthulhu draufgehen. Am Ende bleibt nur noch die Erzählerin übrig, die Cthulhu ebenfalls einfängt und dann… um… mit seinen Tentakeln… um… ach komm! Ihr wisst warum wir im Usenet die Gruppe alt.sex.cthulhu hatten.

Die Geschichte endet also mit Tentakelgefickel durch Cthulhu, wobei wir auch genau erfahren, was er wo reinsteckt und wie die Protagonistin das findet (etwas eklig, aber eigentlich auch erregend). Ohnehin scheint die Dame das alles gar nicht so schlimm zu finden, fragt sie sich doch: “How often will Cthulhu play with me stinkingly again?” Womit auch das prosaische Niveau der Geschichte ausgelotet wäre. Lassen sie die Fäden stecken, so tief ist’s nicht. Was genau sorgt dafür, dass Autoren das Gefühl haben, die Geschichten eines asexuellen Neuengländers, der von seinen frigiden Tanten erzogen wurde, würden sich prima für Vergewaltigungspornographie eignen? Ich frage nur, da das nach Alan Moores Neonomicon (das deutlich mehr über die Stränge schlägt) schon die zweite Geschichte dieser Art ist, mit der ich in einer Woche konfrontiert wurde. Allerdings scheint das auch das Gimmick Ian Watsons zu sein. Wenn ich diesem Text bei den sehr smarten Damen und Herren von Ferret Brain glauben kann, dann hat er dieselbe Nummer auch schon in seinen Warhammer-Romanen abgezogen. Notwendiger macht es das aber auch nicht.

Die Geschichte funktioniert somit auf fast keiner Ebene und man muss sich fragen, warum Schweitzer ausgerechnet mit ihr seine Geschichtensammlung beginnt, wo sie in der Stimmung völlig das Thema “Lovecraft” verfehlt und mit einem grotesken TentPorn-Segment endet. Ein völlig unpassender Einstieg. Um das Wesen dieses Buches besser einzufangen, hätte man mit Don Webbs “Sanctuary“, John R. Fultz’ “This is How the World Ends” oder Schweitzers eigenem “Ghost Dancing” (allesamt 1/5) beginnen können, die sich vom Aufbau her so ähnlich sind, dass es vor Monotonie nur so trieft. Cthulhu ist zurück und ein paar Menschen (wahlweise gebildete WASPs, Survivalisten aus dem Mittleren Westen oder Latino-Gastarbeiter) versuchen irgendwie durchzukommen, bzw. sich den Großen Alten anzudienen, was aber natürlich nicht funktioniert. Ob das nun in einer Mine, einer Kirche oder einem Anwesen spielt, ist dabei Jacke wie Hose. Diese Geschichten zeigen zudem ein weiteres Problem: Je mehr in diesen Stories mit den Begriff “Shoggoth”, “Cthulhu”, “Neonomicon”, “R’lye”, “Antidisestablishmentarism” um sich geworfen wird, desto blöder und alberner wirken sie. Nicht jede Figur in jeder Geschichte muss das verflixte Necronomicon gelesen haben. Das ist kein Bildungskanon. Mir erging es beim Lesen ein wenig wie Shaun in Shaun of the Dead:

Ed: Any zombies out there?
Shaun: Don’t say that!
Ed: What?
Shaun: That!
Ed: What?
Shaun: The zed-word. Don’t say it!
Ed: Why not?
Shaun: Because it’s ridiculous!

Der Angriff eines hochhausgroßen, tintenfischköpfigen Monsters von der See aus und das Einverleiben ganzer Kontinente durch gelantinöse Abscheulichkeiten? Cool mit mir. Der Moment, in dem ganz normale Leute diese Wesen mit dem C-Wort bezeichnen? Pfffffft… die Luft entweicht aus der Story, wie aus einem luftleeren Analogie, die mir gerade nicht einfällt. Namen helfen dem namenlosen Bösen wirklich nicht, vermutlich weil inzwischen zuviel Popkulturentschrecklung stattgefunden hat und diese Namen damit zu sehr “verharmlost” wurden.

Am positivsten wirken daher die Beiträge, die auf exzessives Lovecraft-Namedropping verzichten und einfach nur Geschichten kosmischen Horrors erzählen, die beim Leser auch dann funktionieren würden, wenn er sich mit dem Mythos nicht auskennt. Geschichten die erkennbar von mehrdimensionalen Figuren angetrieben werden, nicht von dem Wunsch möglichst viele Kurzgeschichten Lovecrafts auf möglichst wenig Seiten zu referenzieren. Zu diesen positiven Ausnahmeerscheinungen in Cthulhu’s Reign gehört zum Beispiel Ken Asamatsus “Spherical Trigonometry” (Wertung: 4/5), die sich schon dadurch abhebt, dass sie aus dem Japanischen übersetzt wurde und somit in Sachen Wortwahl und Satzbau deutlich fremder wirkt, als alle anderen Geschichten in diesem Band. Dass die Hounds of Tindalos Japan und den Rest der Welt zerstören, ist in ihr nur der Hintergrund, vor dem sich in einem winkellosen Gebäude ein Beziehungsdrama zwischen einem japanischen Milliardär, der sich auf diese Situation vorbereitet hat und nun plant, die Welt wieder zu bevölkern, und dem Ehemann der Architektin jener Willa Vinkellos abspielt.

Auch Mike Allens “Her Acres of Pastoral Playground” (Wertung: 4/5) tauscht dankenswerterweise den Horror der Invasion durch gottähnliche Wesen gegen einen deutlich psychologischeren Grusel ein: Zugegeben, es ist dem Kenner der Materie schnell klar, was hier vor sich geht, aber die Kurzgeschichte ist – wie der Gattungsbegriff sagt – kurz genug, dass es nicht zum Distraktor wird: Ein Mann lebt ein scheinbar ganz normales Leben mit seiner Frau. Abgesehen davon, dass im Haus der Familie aus irgendeinem Grund der Geist ihrer Tochter herumzuspuken scheint. Das Ende ist also wenig überraschend, was allerdings auch daran liegt, dass die Story in einem Buch erscheint, dessen Gimmick das Ende der Welt durch die Großen Alten ist. Der Schluß wird jedoch so logisch vorbereitet und in so guter Prosa erzählt, dass er trotzdem verstörend ist, wenn es kommt. Die von Allen geschaffenen Bilder sind so stark, dass sie dem Leser noch länger im Kopf herumspuken werden.

Das scheinbar ganz normale Leben fällt bei “The Shallows” von John Langan (Wertung: 4/5) schneller und eindeutiger auseinander: Dass das hier mehr ist, als die Geschichte eines Mannes, der seinen Garten pflegt und dabei seinem Haustier eine Geschichte erzählt, wird schon daran klar, dass sein Haustier eine “Krabbe” ist. Oh, und daran, dass er nur bewaffnet in den Garten geht, da seine Pflanzen inzwischen durchaus versuchen ihn umzubringen. Langham konstratiert hier gekonnt die, im Angesicht der Apokalypse völlig banale, vom Protagonisten erzählte “slice of life story” (in der es um ein zugelaufenes Haustier, seine damals todkranke Frau und seinen inzwischen abwesenden Sohn geht) mit der Seltsamkeit des cthulhuiden Garten. Die Stärke, wie bei fast allen überzeugenden Geschichten dieser Sammlung, liegt darin, dass Langan die Apokalypse völlig in den Hintergrund drängt und sich stattdessen darauf konzentriert, wie ein älterer Mann mit dem ihn umgebenden Wahnsinn umgeht: Indem er seine Routinen nicht aufgibt, sondern sie mit eiserner Disziplin durchhält. In vielerlei Hinsicht ähnelt “The Shallows” damit “Her Acres…”, nur ohne den Twist am Ende. Auch hier ist das letzte Bild, mit dem Langan den Leser konfrontiert, verstörend genug um in Erinnerung zu bleiben: Langan beherrscht beides, das Bizarre und das Mondäne, wobei letzteres es ihm ermöglicht, Figuren mit Tiefe zu schaffen. Das kann man, leider, nur wenigen der hier vertretenen Autoren attestieren.

Besonders aus der Masse hervor sticht allerdings Brian Stablefords “The Holocaust of Ecstasy” (4/5). Ein Professor der Miskatonic University, der – zusammen mit Millionen anderer Menschen – als körperloser Kopf erwacht, der einer Frucht gleich an einem Baum wächst. Irgendwo in seiner Nähe “wächst” jemand, der immer wieder betont, dass er eigentlich gar nicht hier sein sollte: Als zeitreisendes Mitglied der Großen Rasse der Yith hätte er eigentlich in seine Zeit zurückkehren sollen, bevor die Cthulhu-Erweckung stattfindet. Stableford fußt seine Geschichte auf die Ereignisse aus Lovecrafts The Mountains of Madness und stellt Cthulhu als Naturphänomen dar, nicht als übernatürliches Wesen und nimmt nebenbei noch den Mythos auseinander, dass die Yith eigentlich ganz okay sind, im Vergleich zu allem was sonst im Cthulhu-Universum herumkreucht. (Fragt mal die intelligente Käferrasse, in deren Körper die Yith fliehen, sobald Cthulhu das erste Mal erwacht.) Als Geschichte selbst passiert in “Holocaust of Ecstasy” zwar nur sehr wenig, aber die Dialoge zwischen dem Professor und dem Yith sind gut geschrieben und das ganze Setting ist so weit weg von allen anderen Geschichten des Buches (nur “The Shallows” ähnelt leicht) und treibt die Idee, dass nach Cthulhus Erweckung unsere Welt für uns nicht mehr wiederzuerkennen sein wird zu einem bosch’schen Extrem, wofür ich Mr. Stableford Respekt zollen muss. Gerade da viele andere Autoren in dieser Kurzgeschichtensammlung den leichten und langweiligen Weg eingeschlagen haben.

Den wenigen starken Geschichten stehen einige alberne oder nicht völlig ausgearbeitete Konzepte gegenüber: In Jay Lakes “Such Bright and Rise Madness in Our Names” (1/5) versucht eine Widerstandsbewegung, die mehr und mehr zu Deep Ones mutiert, die Priester Cthulhus zu töten. Die Idee ist banal, die Geschichte führt nirgendwo hin und das gesamte Setting ist einschläfernd. Ebefalls ein Rohrkrepierer ist “What Brings the Void“, von Will Murray (2/5), der versucht die Idee einer Anti-Cthulhu-Spezialeinheit (ähnlich der Laundry aus den Romanen von Charles Stross) mit einem möglichst nihilistischen “selbst der Tod ist kein Ausweg”-Ende zu verbinden. Schlüsselschwäche dieser Geschichte ist, dass Murray selbst nicht weiß, was er uns präsentieren will: Eine ernsthafte, seelenzermartende Geschichte über die Hoffnungslosigkeit oder doch ein kleines, humoristisches Schmankerl, mit Spezialagenten, die das Necronomicon auf ihrem E-Reader haben und Sätze verwenden wie: “Those of us who have read their Necronomicon…” Ähnlich schmerzhaft sind Murrays Abstecher ins humoristische Sujet: Einen neuen Staat als “Transyl-Pennsylvania” zu bezeichnen, funktioniert den epischen Shadowrun-Kampagnen, die Vierzehnjährige schreiben, aber nicht in einer Geschichte, die am Ende ernst genommen werden will. In der Gesamtheit wirkt Murrays Beitrag unausgegoren und unfertig, obwohl sich phasenweise erkennen lässt, dass er zu mehr fähig wäre, hätte er eine klarere Idee, was das Ziel seiner Geschichte sein soll.

Gregory Frost bekennt sich in “The Seals of New R’lyeh” (2/5) derweilunverhohlen zur Komik: Zwei Trickdiebe schleichen sich in einen Kult ein, der gerade dabei ist, Cthulhu zu erwecken. Da Frosts Geschichte als leichte Unterhaltung mit dem Ziel zu amüsieren daherkommt, kommt er auch damit davon, dass er – wie oben kritisiert – einfach massives Mythos-Namedropping betreibt, Cthulhu (den buckligen Redneckverwandten, den die anderen Großen Alten auf die Erde verbannt haben, weil er ihnen peinlich ist) mit Kulten verhandeln lässt und erklärt, der große Grüne habe als erste Amtshandlung New York in New R’lyeh umbenannt. Leider ist Frosts Humor, wie letzteres Beispiel zeigt, eher dürftig. Das Quellenmaterial wird nie dem durchaus zu rechtfertigenden Spott preisgegeben und tiefschwarzen Humor sucht man vergebens. Dabei sollte man davon ausgehen, dass gerade ein Setting kosmischen Horrors, in dem es um nicht weniger als die Vernichtung der Menschheit geht, sich für grenzwertigen Humor und nicht bloß für harmlose Zoten anbietet.

Mit der Form experimentieren zwei weitere Texte in Cthulhu’s Reign. Die erste ist “The New Pauline Corpus” von Matt Cardin (2/5) und ist eigentlich nicht einmal als Geschichte zu bezeichnen. Cardin fragt sich, wie ein überzeugter Christ mit der religionszerschmetternden Erkenntnis abfindet, dass er in einem kalten Universum lebt, dem sein Schicksal völlig egal ist, was die Rückkehr der Großen Alten belegt hat. Cardins Antwort: Er biegt sich seine Religion einfach so zu Recht, dass sie zu den neuen Gegebenheiten passt. Und somit bekommen wir hier 15 Seiten religiöse Exegese, die aufzeigt, dass der Gott des Alten und Neuen Testaments schon immer der Tentakelkopf aus dem Südpazifik war. Eine wirklich schöne Grundidee, aber ohne christliche Vorbildung wohl eher langweilig und schwer verständlich. “Schwer verständlich” lautet auch das Fazit zu Laird Barrons “Vastation” (2/5), einer im Stream of Consciousness geschriebenen Story über… um… ich glaube, es geht um einen unsterblichen Mörder, der durch die Zeit reisen kann. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Der “lange Blick” der Barron hier möglich ist, erlaubt ein wenig fiktive Geschichtsschreibung in stapledon’scher Manier, etwa dass die Menschheit vor der Rückkehr der Großen Alten schon einmal ausgerottet (von Fungusmenschen, die in unsere Realität einfallen, nach einem Unfall eines Large Hadron Colliders den die Chinesen in der Vergangeheit auf dem Jupitermond Io gebaut haben) und danach durch ein Klonprogramm als Spezies zurückgeholt wurde. Insgesamt ist der Bewusstseinsstrom aber so verwirrend, dass es schwer fällt, ein stimmiges Ganzes aus dem Text zu erzeugen und das was ich gelesen habe, war nicht so umwerfend, dass ich gewillt bin, die Geschichte ein weiteres Mal anzugehen.

Science-Fiction-Elemente, wie sie Barron verwendet, lassen sich auch in den letzten beiden Kurzgeschichten des Buches finden. Richard Lupoffs “Nothing Personal” (1/5) schafft es dabei, so vollkommen an den Konzepten, Ideen und dem Stil einer Mythos-Geschichte vorbeizusegeln, dass ich das Gefühl habe, dass er einfach eine alte Story aus der Schublade gezogen und schnell ein paar Namen geändert hat. Wir machen einfach “Mi-Go” aus “Otto von Bismarck” und “Yuggoth” aus “Preußen” und – tadaaa! – Mythos! Dass Lupoff betrügt und eher eine “to the end”- als “after the end”-Geschichte erzählt, ist da auch nicht mehr von Belang. Chinesische Taikonauten umkreisen den neu entdeckten Planeten Yuggoth, beim Versuch der Landung explodiert eine Mi-Go-Stadt, weil der Planet aus Antimaterie besteht (schlag’s nach bei Star Trek) und fünf Minuten später haben die Mi-Go die Erde vernichtet. Kernpunkt der Geschichte ist, dass die Menschen für die Mi-Go nur Bakterien sind, die sie nichtmal wahrnehmen und dass die Vernichtung der Erde nichts anderes ist, als es das Einnehmen eines Antibiotikum für einen Menschen wäre. Dass dieser Vergleich, so wie auch die gesamte Pseudowissenschaft in der Geschichte, völlig abstrus und selbst im Rahmen der Story nicht haltbar ist, unterstreicht – wie auch die Mythosschwächen (Yuggoth als Planet auf dem es ewig hell ist?) – nur den hingerotzten Gesamteindruck dieses Beitrags.

Fred Chapells “Remnants” (1/5) rundet die Anthologie angemessen schwach ab: Eine Familie versteckt sich nach der Erweckung der Großen Alten in den Bergen, die autistische Tochter ist Telepathin und lockt Außerirdische an (die in einer Föderation unter der Führung der Großen Krieg gegen die Cthulhu und seine Brut führen), die die Familie retten. Damit habe ich den ganzen Plot erzählt, aber mehr ist da auch nicht zu holen: Alles ist wie es scheint, alle Figuren sind wie sie scheinen, Überraschungen gibt es nicht und die gesamte Geschichte hinweg passiert nichts, das Spannung aufkommen lassen könnte. Für eine so große Menge Nichts braucht Chapell dann natürlich auch gleich mal 50 Seiten! Wenn es eine Geschichte gibt, die keine Novelle füllen muss, die nichtmal einen Bierdeckel füllen sollte, dann ist es dieses Schnarchfest. Dass einmal mehr erklärt wird, dass Autismus der Welt coolste Superkraft ist, stellt da nur die Glasur auf dem Klischeekuchen dar.

Cthulhu’s Reign hat mir eindeutig gezeigt, warum es so wenig Post-Cthulhu-Geschichten gibt: Weil sie größtenteils Monotonie erzwingen und die Versuche, aus der Monotonie auszubrechen, in der Mehrheit der Fälle die Sache nur verschlimmbessert: Zu oft wird, in dem Versuch anders zu sein, einfach einem Konzept der Lovecraft-Mythos aufgestülpt, das diesen nicht tragen kann. Für die Geschichten von Stableford, Langan, Allen und Asamatsu lohnt sich ein Blick in die Sammlung, aber ein Großteil der übrigen Geschichten wäre umsonst noch zu teuer und sollte in die finsternsten Untiefen von Fanfiction.net verbannt werden.

Ich möchte abschließend auf diese Gallerie verweisen, in der Grundschüler Figuren aus dem Cthulhu-Mythos malen. Die Grundschüler haben die ganze Lovecraft-Kiste nämlich deutlich besser verstanden, als der Großteil der hier von Schweitzer zusammengetriebenen Autoren.

2/5

Möchten Sie mehr wissen? – Cthulhugitpop

*Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth.
*’Metallica gets ripped off.
*Anchorhead.

Book Report: THE COBRA (aka Old Man’s War)

Thursday, May 5th, 2011

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Was macht eigentlich… Frederick Forsyth?

Bei Tom Clancy kann man ja zumindest den genauen Moment festmachen, an dem seine Karriere als Autor den Weg der Approval Ratings George W. Bushs ging. (Ja, hier bei Agitpop wissen wir, wie man zeitgemäße Vergleiche anstellt… vergleichbare Blogs hätten hier garantiert eine Herbert-Hoover-Referenz gedroppt.) Die Idee, dass seine zweihundertseitigen Politthriller sich besser verkaufen würden, wenn er sie in der Mitte mit vierhundertseitigen, mit Wachsmalern geschriebenen Politmanifesten darüber auschmückt, wie der einfache Mann in der Politik soviel besser wäre, als die geleckten Karrieristen, war dann wohl doch nicht das, was das breite Publikum wollte. (Oder Clancy war seiner Zeit einfach voraus.)

Bei Forsyth ist das anders. Forsyth stieg mit The Day of the Jackal im Jahre 1971 direkt mal in die Oberklasse des realitätsbasierten Spionagepolitthrillermilieus auf (okay, das ist ein eher spezielles Milieu; granted) und zementierte seine Position als Säulenheiliger johnlecarré’scher Ausprägung dort in den Folgejahren mit Hits wie The Odessa File und The Dogs of War. (Falls Sie sich wundern: Wir haben dieses Blog nur reaktiviert, weil wir schon lange mal das Adjektiv ‘johnlecarré’sch’ verwenden wollten. Next stop: ‘frederickforsythian’.) Und dann, irgendwann nach The Fourth Protocol, war der Mann über Nacht scheinbar von der Bildfläche verschwunden. Klar, er hat weiter Bücher verlegt… aber hat wirklich jemand Icon oder The Deceiver gelesen?

Einmal, kurz, gelang es Forsyth seinen Kopf aus dem Maelstrom des Vergessens herauszureißen. Statt, wie mit The Fist of God den Fehler zu machen, ein Buch über einen Krieg zu schreiben, der im Rückblick einfach nicht populär genug war, um dem ihn führenden Präsidenten die Wiederwahl zu sichern, schrieb er 2006 mit The Afghan ein Buch über den “Krieg gegen den Terror”, bevor dieser völlig uncool wurde. Die Feuilletons jauchzten ob der Gelegenheit den Terrorkrieg endlich in bunt bebilderten Aufsätzen in marxistische Kulturtheorien einsortieren zu können, die tatsächlichen Leser reagierten mit einem überwältigenden: “Meh.”

Danach wurde es vier Jahre still um Forsyth, ehe er im letzten Jahr – unbeachtet von der Weltöffentlichkeit – sein neues Buch vorstellte: The Cobra. Ein Buch, das mit soviel Trara verlegt wurde, dass meine Reaktion – als ich es neulich vor einer Zugreise im Bahnhofskiosk sah – nur eine sein konnte: “Huh?! Ich dachte Forsyth wäre tot.” Da ich allerdings Forsyths frühe Romane schätze (oder schätzte als ich 16 Jahre alt war und Kevin J. Anderson und Wolfgang Hohlbein für die größten Literaten vor dem Herrn hielt) und noch literarisches Junkfood brauchte, griff ich beherzt zu.

Und was soll ich sagen? Forsyth kann es immer noch!

Zumindest wenn wir mit “es” meinen, dass Forsyth es nicht mehr kann.

Nachdem der Krieg gegen die Tremors im Jahr 2010 irgendwie nicht mehr so der Burner war, weil amerikanische Soldaten zwar starben, Osama Bin Laden aber noch nicht, entschied sich Forsyth für einen Rückzug in die gute alte Stube und die gute alte Zeit, als Helden und Schurken in der Popkultur noch klar deliniiert waren. So ähnlich wie es ja Tom Clancy mit Red Rabbit schon versucht hat, nur dass in Forsyths Thrillerbiedermeier keine Sowjets vorkommen. Statt des Kalten kehrt er zurück zu einem anderen Krieg, der eigentlich auch nur im Vergleich zum Krieg gegen den Terror gut aussieht: Dem supererfolgreichen und superpopulärem Krieg gegen die Drogen. (Der 2010 ein scheinbar sehr beliebtes Thema war.)

Und so beginnt Forsyth seine Räuberpistole auch gleich mal in der dramatischen Form die möglich ist: Ein junger Mann stirbt irgendwo im Ghetto von Washington. An Kokain! (Dun-dun-dun!) Und schon bald werden, wegen seines Todes, viele weitere Menschen sterben. Was aber, wie Forsyth festhält, dem jungen Mann völlig humpe wäre, wüsste er es. Weil er auf Kokain (Dun-dun-dun!) ist! Und, wie Forsyth mit einem imposanten Verzicht an Pathos feststellt: “That is what drug abuse does to a young mind. It destroys it.” (Seite 1!) Danke, Dr. F.

Gekonnt schafft Forsyth dann den Bogen vom toten Kokser zum Krieg gegen die Drogen: Die Tante des toten KameraKokskindes kellnert im Weißen Haus, bricht dann in Tränen aus, die First Lady hört sich ihre Geschichte an und schuldreist dann ihren Ehegatten – einen nie genannten schwarzen Präsidenten, der primär von seiner Oma in Kenya großgezogen wurde und aus Chicago stammt (eindeutig ein Stand In für Jesse Jackson) – Abends im Schlafzimmer, dass er ja mal den Müll runterbringen, die Teller abwaschen und nebenbei die Drogen aus Amerika verschwinden lassen könne. Und weil Obama, äh, der namenlose Präsident eh gerade nichts anderes am Laufen hat, verspricht er seiner Alten, zumindest die Sache mit den Drogen mal auszuchecken. Weil das nach der wenigsten Arbeit klingt.

Eine Ereigniskette auf 20 Seiten, die so hanebüchen ist, dass man – wenn sie nicht wirklich stattgefunden hätte – sie als total uninspirierten, lächerlichen und unglaubwürdigen Kokolores würde bezeichnen müssen. Auf den Folgeseiten zeigt sich dann, dass Roderick Frothsydes Romane immer noch durch das geradezu unglaubliche Maß an persönlicher Recherche charakterisiert werden. Immerhin lässt der Präsident sich erstmal vom FBI in nur einer Woche einen Bericht über “Kokain” anfertigen, der so präzise und vielsagend ist, dass ihn ein Siebtklässler nicht hätte besser von Wikipedia kopierpastieren können. Kernaussagen: “Kokain ist eine Droge. Drogen sind böse, Pac-Man.” Your tax money at work. (Forsyth streckt das auf 10 Seiten.)

Aber, so fragt der König der Vereinigten Amerikanischen Emirate, können wir den Kokainhandel überhaupt stoppen? Tja, sagt sein speichelleckender Stabschef, das kann uns nur einer beantworten! Ein Mann, dessen Namen ich vergessen habe, der aber bei der CIA rausgeflogen ist, weil er zu brutal gegenüber seinen Feinden war! Jack Bauer Paul Devereaux… die Cobra! Was diesen Mann dazu qualifiziert ein Statement darüber abzugeben, ob es möglich sei, die Drogen aus Amiland zu verbannen, woran ja scheinbar hochbezahlte Think Tanks (mit hunderten Experten und Datensätzen und so einem Schnickschnack) scheitern? … Äh… er ist bei der CIA rausgeflogen, weil er zu brutal mit seinen Feinden umgesprungen ist. Welche Qualifikationen wollt ihr denn noch? Angela Merkel verlässt sich sicher auch bei allen relevanten innenpolitischen Fragen auf die Haudrauftürsteher der Dorfdisko Meppen. (Hm. Come to think of it…)

Anyway. Befragt ob er den Drogenhandel stoppen könne, sagt Die Kobra: “Klar! Und alles was ich dazu brauche, sind die besten Piloten, Soldaten und Hacker der Welt, zwei Milliarden Dollar Kleingeld, die geheime Umklassifizierung von Drogenhandel zu Terrorismus und alle Zufälle der Welt!”

Gesagt, tun getan. Und wie es der Plot verlangt das Leben so spielt, kann man relativ schnell einen kolumbianischen Schiffskonstrukteur schnappen, der – Zufälle gibt’s – noch genau weiß, in welche hunderte Schiffe er an welchen Stellen seine nicht entdeckbaren Drogenschmuggelverstecke hat eingebaut. Und als hätte es ein fauler Autor geschrieben glücklicherweise gelangt man auch relativ schnell an eine Liste mit allen korrupten Bullen und Zollfahndern in Europa und den USA. Hallelujah, Baby!

Damit sind wir so irgendwo auf Seite 70 und weil Frostbyte wahrscheinlich seinem Verleger eine feste Zahl an Seiten versprochen hat, nutzt er die nächsten 300 Seiten mal eben, um eine alte Autorenmaxime zu verfolgen: Wenn es etwas wert ist erzählt zu werden, dann ist es auch wert, fünf Mal erzählt zu werden. Und so erleben wir wiederholt, wie die Elitetruppen ein Drogenschiff problemlos borden, die Crew ins Geheimgefängnis schaffen und die Drogen im Meer versenken oder wie ein brasilianischer Pilot in einer aufgerüsteten Blackburn Buccaneer ein Drogenflugzeug nach dem anderen vom Himmel putzt. Militärjet gegen unbewaffnete Transportflugzeuge. Eine Dramatik am Himmel, wie sie am Boden nur vom Duell Grave Digger gegen angesägte Rostlauben getoppt wird.

Als erfahrener Raconteur verzichtet der alte Hase Pferderich Brotzeit hier auf allen unnützen Ballast wie Dramatik, Rückschläge, Fehler, mögliches Scheitern oder auch nur den leisesten Zweifel am eigenen Handeln durch die Protagonisten! Der Meistererzähler weiß, dass die Dramatik beim Lesen dadurch entsteht, dass der Leser sich fragt: “Kann so eine Schiffskaperung schon wieder so fehlerfrei ablaufen? Kann der Pilot den Drogenjet vielleicht dieses Mal sogar noch problemloser aus der Luft fegen? Kann dieser Die Kobra vielleicht noch ein bisschen perfekter sein ohne für unsere Sünden zu sterben?”

Auch mit Charakterisierung hält sich Absyths nicht lange auf: Paul Devereaux hasst Kommunisten und Atheisten und ißt gerne so italienisches Zeug und hört Opern. Seine rechte Hand, Paul Dexter, hasst etwas weniger und ißt lieber im KFC. So schreibt man dreidimensionale Figuren mit viel Tiefe auf einem Bierdeckel.

Den eingesparten Platz nutzt Forsyth dann, um alle paar Seiten mal einen Schwinger gegen die fiese Political Correctness und die doofen Bürgerrechte vom Stapel zu lassen, die dem unvermeidlichen Sieg im Kampf gegen die Drogen nur im Wege stehen. Ansonsten lässt er, immerhin sein Gimmick, reale Ereignisse in Cameos auftreten und zeigt immer mal wieder, dass Guinea-Bissau ein failed state ist, den militärisch zu befrieden das Einfallstor der Drogen nach Europa schließen würde. Immerhin ist es nicht Äquatorialguinea, das hier die Watsch’n bekommt. Insofern hat Forsyth seinen gescheiterten Putsch inzwischen vielleicht doch verdaut. (For more information check Adam Roberts The Wonga Coup.)

Am Ende der 300 Seiten fehler- und spannungsfreier Erfolge der Guten gegen die Bösen enthüllt uns Herr Die Kobra seinen Meisterplan, um den Drogenhandel zu besiegen: Indem er alle Drogenflugzeuge und -schiffe auf den Grund des Meeres geschickt hat, hat er den Preis für die Drogen in Europa und den USA auf benzinähnliche Rekordwerte getrieben. Resultat? Ein massiver Drogenkrieg zwischen Bikern, Kolumbianern, Puerto Ricanern, Triaden, der ‘Ndrangheta und Kubanern, in dem diese sich solange gegenseitig umbringen, bis keiner mehr da ist, der den Drogenschmuggel betreiben kann. Ein total fehlerfreier Plan. Ist ja nicht so, dass am Ende des Drogenkriegs aus der Asche einfach ein neues Kartell aufsteigen würde, das nun keine Konkurrenz mehr hätte. Denn wie wir wissen: Die Natur liebt ein Vakuum… oder so.

Gut, wo gehobelt wird, da fallen Späne. 10 % der in diesem Drogenkrieg Getöteten, so Devereaux, sind Zivilisten die zufällig ins Kreuzfeuer geraten. Aber, so die Kobra weiter, das sind immer noch weniger Amerikaner, als an einem Feiertagswochenende bei Autounfällen ums Leben kommen. Devereaux fragt: “Wir führen Kriege im Ausland, sind wir also selbst nicht gewillt, dieses Opfer im eigenen Land zu bringen?” An der Stelle könnte man fast schon glauben, dass Forsyth zumindest einen Moment lang die interventionistische Außenpolitik hinterfragt oder von seinem klaren “White Hat/Black Hat’-Schema abrückt. Bis sich dann herausstellt, dass der verweichlicht liberale Präsident nicht die Cojones dazu hat, diesen Plan bis zum Ende zu verfolgen. Nicht aus Überzeugung, mind you, sondern weil inzwischen Wahljahr ist und sich ein Drogenkrieg in den USA negativ auf seine Wiederwahl auswirken könnte. So endet er, der Krieg gegen die Drogen: Im Felde unbesiegt, aber von den feigen Politikern aus der Heimat erdolcht. Als Topos ein Klassiker

Und da Pfrederick Pforzheim inzwischen in die Nähe der abzuliefernden Seitenzahl gekommen zu sein scheint, wickelt er den Rest des Buches im Schnelldurchlauf ab. Die Kobra beschließt den Krieg trotz der rückgratlosen Politiker zu gewinnen, entlockt Drogenbaron El Clichéro wo der seine letzte Ladung Kokain geparkt hat, stellt dann fest, dass er vom Drogenkönig belogen wurde (schockschwerenot!), hat aber das Glück, dass seine rechte Hand den richtigen Drogenhaufen doch noch findet und zerstört. Dann wird – off the page, nicht dass sich am Ende noch Dramatik in das Buch einschleicht… hier merkt man, dass ein Experte auf der Schreibmaschine eingeschlafen ist – Die Kobra von einem Handlanger des Drogenbosses ermordet, denn ‘nobody fucks with the Jesus’. Und dann ist die Mindestseitenzahl erreicht und das Buch vorbei.

Man muss es Forsyth lassen: Mit The Cobra hat er einen Titel vorgelegt, in dem es ihm meisterhaft gelingt auf 450 Seiten auch nie im Entferntesten ein Quäntchen Spannung aufkommen zu lassen. Seite für Seite knüppelt Forsyth uns ein: “Guckt mal wie geil Die Kobra ist! Wie perfekt der Plan von dem Alten funktioniert.” Mit deutlicher Betonung auf “der Alte“, denn an dieser Beweihräucherung der Größe grandios-genialer Gerontokraten hätte auch ein Frank Schirrmacherim Seniorenstift St. Anna seine helle Freude.

Forsyth ist inzwischen 72 und auch all seine Helden würde ein Dieter Hundt nur noch wenige Jahre arbeiten lassen, ehe sie in die Rente gehen dürfen: Die Kobra ist über 70, sein Lakai Dexter in ähnlichem Alter und der brasilianische Pilot wurde auch bereits aufs Altenteil abgeschoben. Himmel, selbst das Flugzeug mit dem man die Drogenkuriere permanent erdet ist seit Jahren in Rente. Mit einem so neumodischen Dreckskram wie dem Jäger 90 braucht ihr Forsyth gar nicht erst zu kommen.

Da wo den Amerikaner Clancy blinde Technophilie auszeichnet, die in seinen Romanen zu lächerlich verlustarmen Blitzsiegen führt (und in der Realität, wie Donald Rumsfeld feststellen musste, zu lächerlich verlustreichen Belagerungen wie Falludscha 2004), da schlägt der Brite in die Gegenrichtung. Technik und Personal, das in den ’70ern schon dabei war, ist nützlich, hochkompetent und moralisch integer, die Jugend – repräsentiert von Präsident Barack NoNama und seinem schmierigen Stabschef, hingegen ist charakterlos, was man auch daran merkt, dass es dieser Stabschef ist, der sich dem notwendigen Drogenkrieg in den Weg stellt, z.B. mit der Frage, ob es wirklich sinnvoll ist einem alten Sack zwei Milliarden Dollar zu geben und ihm dann einen politischen Blankoscheck für Kaperfahrten und Geheimgefängnisse ohne jedwede Kontrolle durch den Kongress auszustellen. Congressional oversight?! Wo sind wir denn hier?! In Sowjetrussland?!

Generell ist die Jugend verweichlicht und total unnütz, weil sie so mit Skrupeln belastet und von dem schleichenden, die wehrhafte Gesellschaft zersetzenden Gift der Political Correctnes zerfressen ist, dass es einen brasilianischen Rentner braucht, um Drogentransporte abzuschießen. Die jungen Air-Force-Piloten sind sich nämlich zu fein für diese Drecksarbeit. (Und nicht umsonst wurde der Die Kordoba für überbordende Gewaltanwendung bei der CIA vor die Tür gesetzt. In Forsyths Weltbild ist das ein Ehrenzeichen. Einzig die Seals brechen aus diesem Muster der nutzlosen Mistjugend im Alter von 15 bis 65 aus.) Und Hi-Tech braucht auch kein Mensch. Wäre Forsyth zwanzig Jahre älter, wahrscheinlich hätten seine Figuren sich in Spitfires und mit M1 Garand Karabinern auf die Jagd nach den Drogenbaronen gemacht. Es ist schon erstaunlich, dass Die Kobra das Auslöschen des Kokainhandels nicht als “Operation Get Off My Lawn” tituliert hat. Junge Jungs bringen’s nicht.

Wie eingangs gefragt: Was macht eigentlich… Frederick Forsyth? Die Antwort kennen wir jetzt: Er schreibt monotone aber dafür möglichst lächerlich geplottete Masturbationsphantasien für Konservative, die – abgesehen vom Technikmangel – inzwischen deutlich mehr Clancy als Le Carré sind. Während seine frühen Bücher auch weiterhin unbedingt empfehlenswert bleiben, sollte man um The Cobra einen großen Bogen machen. Oder die Digest Version des Guardian lesen. Die enthält eigentlich jede Szene, die auch im Originalbuch vorkommt… nur halt nicht gleich sechs Mal auf 450 Seiten.

1/5

I Am Legend (a.k.a. Jesus Christ Vampire Hunter)

Saturday, May 23rd, 2009

Bilderraetsel

Um mal zu beweisen, dass wir hier bei der Jungen Union bei Agitpop nieder mit den Kindern sind, haben wir eine Rezensionsform gewählt, die sich auf einen erfolgreichen Schlager der Jugendikone Smiley Virus (Kudos an Stephen Fry, dem ich hier eiskalt den Witz geklaut habe) bezieht: Seven Things I Hate About You.

Gut, eigentlich brauchte ich nur eine Phrase, der diese Kurzrezi zusammenfasst und möglicherweise in Zukunft öfter mal genutzt werden kann, jetzt da wir hier den Content eher in Häppchenform rausklotzen. Ich hätte auch 10 Things I Hate About You nehmen können, aber – ganz ehrlich – ich hatte einfach keine Lust mir noch drei zusätzliche Punkte (thematisch angemessen) aus der Halsschlagader zu saugen. Worum sollte es hier nochmal gehen? Achja: I am Legend (den Film aus dem Jahr 2007, nicht das Buch aus den ’50ern).


1.) This Quiet Earth gab es schon. Die erste Hälfte des Films ist definitv besser als die zweite Hälfte, leidet aber deutlich darunter, dass ich konstant das Gefühl hatte, hier ein durchwachsenes Remake von Quiet Earth – Das letzte Experiment zu sehen, einer völlig unterschätzten und zu Unrecht im deutschen Nachtprogramm versteckten neuseeländischen Genre-Perle aus den späten Achtzigern.

Zugegeben: Szenen in denen der Protagonist durch eine menschenleere Stadt irrt, sind auch keine Erfindung von Quiet Earth gewesen, aber die Art wie Will Smith (alias Dr. Neville) hier durch das gottverlassene Manhattan irrt, erinnert doch arg an die Art wie Bruno Lawrence (alias Dr. Hobson) durch das gottverlassene Neuseeland irrt. Inklusive der Lautsprecherdurchsage wo andere Überlebende, so es sie denn gibt, diesen speziellen Überlebenden finden können und inklusive der Art wie Pappaufsteller oder Schaufensterpuppen in beiden Filmen als Ersatzbevölkerung dienen müssen. Und Quiet Earth spielte das Motiv “letzter Mensch auf Erden” besser und weit radikaler aus als I Am Legend aus, wo Will Smith gerade mal mit der Corvette auf dem Time Square Rotwild jagen darf und sich täglich ‘ne DVD ausleiht. Na gut, dafür müssen wir zumindest nicht den halben Film lang Will Smith im Tutu ertragen.


2.) Auch wenn der Anfang sich hemmungslos bei Quiet Earth bedient, zumindest steckt in diesem Anfang theoretisch ein guter Film über einen Mann, der daran zerbricht, dass er wirklich alles verloren hat. Und das ist hier nicht nur eine hohle Phrase, sondern stimmt im wahrsten Sinne des Wortes. Leider verschiebt sich der Fokus schnell von der Geschichte über “a boy and his dog” hin zu einem total egalen Monsterfilm. Was natürlich der Vorlage geschuldet ist, in der halt Vampire vorkamen. Trotzdem geht ab dem ersten Auftauchen der “Vampire” die halbwegs interessante Ebene mehr und mehr flöten, während sich der Film immer mal wieder in einen generischen Horrorschlockbuster verwandelt.

Diese Tonfall-Verschiebung ist allerdings ein Problem, das wiederholt auftritt (Quiet Earth verliert an Fahrt als die Frau mit dem Achtzigerhaar und der Maori auftauchen, The Descent war ein absolut gelungenes Psychodrama bis Graf Gollum und seine eineiigen Zwillinge die Party sprengen, danach verlieren beide Filme an Fahrt). Was aber keine Entschuldigung dafür ist, dass man dieses Problem in I Am Legend auch nicht behebt, sondern sehenden Auges in die Falle tappst.


3.) Und wenn der Film sich schon einen reinen Monsterfilm verwandelt, dann soll er sich gefälligst zumindest in einen guten reinen Monsterfilm verwandeln. Tut er aber nicht. Die Actionsequenzen sind dünn und unspannend, wirkliche Dramatik oder Sorge um das Wohlergehen der Hauptfigur kommt nie auf. Vielleicht auch, weil die bestenfalls mäßigen CGI-Effekte (siehe unten) den Zuschauer aus dem Film reißen. Lowlight dabei war die Sequenz in der Neville in einer CGI-Corvette durch lauter CGI-Vampire mäht. Die selbe Szene hätte man mit einer echten Corvette und traditioneller Stunt-Arbeit umsetzen können und sie hätte sogar nach etwas Ordentlichem ausgesehen. Diese CGI-Pest sollte, wie die Unart des Schnittgewitters, den Weg des Dodos gehen und verschwinden.


4.) Die Monster sind gleich auf mehreren Ebenen ein Problem. Zum einen tragen sie die Schuld daran, dass der Film (siehe oben) relativ schnell an Stimmung verliert und ins völlig Generische abrutscht. Zum anderen sind die Biester einfach nicht gut gemacht. Und wenn ich sage nicht gut gemacht, dann meine ich damit: Vielleicht die am schlechtesten gemachten Monster die ich seit langer Zeit in einem Hollywood-Großprojekt sehen musste (von “durfte” will ich hier nicht reden). Immerhin ist das Monsterdesign unglaublich einfallslos: Ein Hauch von Graf Orlok, vermischt mit einem Spurenelement Gollum. Fertig ist der Vampyr wie man ihn sich heute vorzustellen hat. Hätte sich Will Smith irgendwann während des Films in eine Gruppe der Crawler aus The Descent vermischt, es hätte niemand bemerkt.

Schlimmer als die Einfallslosigkeit beim Design ist aber der Umstand, dass man die Figuren komplett via CGI pimpen musste, damit sie, immer wenn sie im Bild sind, ihren Kiefer ausrenken und Will Smith ins Gesicht rülpsen können, so wie man das aus “Come to Daddy” von Aphex Twin kennt, das übrigens in unter sechs Minuten verstörender und unheimlicher ist als I Am Legend in seinen vollen anderthalb Stunden.

Theoretisch sollten die Monster auch gefährlicher wirken, weil man via CGI ja eine Schnelligkeit, Beweglichkeit und Stärke der Vampire (jaja, der Infizierten… ist schon gut, Danny Boyle) zeigen kann, die mit einem menschlichen Darsteller nur äußerst schwer machbar wäre. Nur klappt das halt nicht, weil diese Viecher einfach so unglaublich schlechte CGI-Effekte sind. Ich meine wirklich, richtig, derbe, holladiewaldfee schlechte CGI-Effekte. Wir reden hier von Effekten, die in dem selben Slum hausen wie die Effekte aus Perlen wie Boa vs. Python oder Attack of the Sabretooth. Effekte die meine Oma auf ihrer Nähmaschine besser hinbekommen würde. (Was übrigens auch für die komplett unnützen CGI-Hirsche am Anfang des Films.) Es ist ausgesprochen schwer sich Sorgen um das Wohlbefinden der Hauptfigur zu machen, wenn man konstant das Gefühl hat, dass sie und die Monster nicht einmal auf der selben Ebene im Film existieren, dass sie nur nebeneinander (aber nie miteinander) agieren.

I Am Legend hätte definitiv davon profitiert, hätte man gesagt: “Scheiß auf CGI, lass uns ein paar echte Menschen mit solidem Make Up in groteske Bestien verwandeln.” In Zombie-Filmen funktioniert das doch auch richtig gut.


5.) Ich gebe der Fairness halber zu, Kritikpunkt 5 wird für viele kein Kritikpunkt sein und ist noch willkürlicher als all die anderen Kritikpunkte hier. Kritikpunkt 5 ist ein ganz persönlicher Kritikpunkt, der da lautet: Will Smith. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich habe nichts gegen Will Smith, anders als bei John Travolta oder Tom Cruise, durch deren bloße Präsenz ich einen Film schon abzulehnen tendiere. Nur: Will Smith ist für mich immer Will Smith, egal wen er spielt. Der segelohrige Prinz von Bel-Air. Der Pharao der jiggy mit es wird. (Whooo. Uh! Uh!)

Es ist nicht einmal so, dass Smith wirklich schlecht wäre in diesem Film. Er trägt die Szenen am Anfang, in denen nur er und sein Hund unterwegs sind, relativ gut (auch wenn die Shrek-Imitationssequenz schrecklich aufgesetzt wirkt). Trotzdem habe ich den ganzen Film hindurch nie Dr. Neville gesehen, sondern immer nur Will Smith, wenn auch dieses Mal mit mehr Muskeln. So ging es mir auch schon in The Pursuit of Happiness. Da sehe ich nicht einen glücklosen, aber tapferen Vater, da sehe ich Will Smith. Will Smith mit graumelierten Haaren und einer Rotzbremse, aber nichtsdestoweniger: Will Smith. Aber, wie gesagt, dieser Kritikpunkt ist wirklich völlig subjektiv.


6.) Sie sind unterwegs im Auftrag des Herrn. Später im Film, nachdem der Hund schon tot ist, wird das schäferhundförmige Loch im Drehbuch dadurch geschlossen, dass zwei Überlebende (eine Frau, ein Kind) auftauchen. Was sie in New York tun? Sie sind unterwegs zu einer Überlebendenkolonie in… ich glaube es war Vermont. Woher sie von dieser Kolonie wissen? Wie sie Dr. Neville in Manhattan gefunden haben? Nun… ähm… Gott hat es ihnen verraten. Zugegeben, wenn jemand im wahrsten Sinne des Wortes das Recht hat in einem Film als Deus Ex Machina aufzutauchen, dann ist es natürlich Der Herr der Herrlichkeit persönlich. Das macht den Deus-Ex-Machina-Effekt als solchen aber nicht besser. Vor allem, da er schon sehr wunderlich erscheint: Wurde am Anfang des Films nicht etabliert, dass Manhattan als Ground Zero dieser neuen Seuche von der Außenwelt abgeriegelt wurde? Ist nicht die zerstörte Brooklyn Bridge ein bedeutsames Bild für den Film? Wie also kommen Maria und Jesus die Frau und ihr Kind auf die Insel?

Dieses religiöse Element stört mich an Filmen. Nicht weil ich anti-religiös bin, sondern weil ich finde das aufgepropfte christliche Botschaften einem Film abträglich sind, wenn sie sich nicht der inneren Logik unterwerfen. Figuren sind religiös motiviert? Habe ich kein Problem mit. Gott löst Probleme für die Figuren? Empfinde ich als Schreibfaulheit. (Vergleiche auch Shyamalans Signs, wo Gott den Protagonisten dankenswerterweise verrät, wie man eine ganz spezielle Situation im Detail meistern kann… aber Shyamalan tendiert nunmal in diese Richtung.)

Dieser religiöse Rahmen für Verfilmungen von I Am Legend ist nicht ganz neu, schon The Ωmega Man hat jede Form von dezenter Anspielung zugunsten des Jesus-Hammers aufgegeben, als Charlton Heston am Ende in der Körperhaltung des Gekreuzigten aus dem Leben scheiden durfte. Aber diese Verfilmung setzt dem ganzen nochmal die (Dornen-)Krone auf und spielt sogar die zeitgenössische “Scientism”-Karte: Denn während Gott die Menschheit rettet (er schickt Frau und Kind nach Manhattan, damit sie den suizidalen Neville retten, der ihnen sein Blut (Eucharistie) gibt, in dem das Antivirus für die Seuche zu finden ist, und das sie dann zur ihnen von Gott offenbarten Überlebendenkolonie in Vermont bringen), hat die Wissenschaft sie verdammt, entsprang das Virus doch dem Versuch eine Impfung gegen Krebs zu erschaffen. (Eine Warnung vor Gardasil?) Das passt insofern zum Quellenmaterial, als schon in Matthesons Buch die Wissenschaft (damals noch die Atomenenergie) die Vampirplage lostrat, der Roman aber das Übernatürliche nicht im Gegenzug als “Heilsbringer” aufbaut, sondern auch die Vampire hier mit der wissenschaftlichen Methode verstanden werden konnten und nichts Übernatürliches an sich hatten. Gott spielte in dem Buch schlicht keine Rolle.

Nochmal: Mein Problem mit dem Film ist nicht, dass hier religiöse Figuren auftreten, mein Problem ist, dass man Lücken in der Handlung einfach mit “deus vult, deus vult” wegerklärt.


7.) Das Ende. Oh Gott, das Ende. Jetzt gilt es erstmal zwei Kritizismen direkt abzuwehren. Einmal, dass ich ein Ende ablehne, weil es nicht so ist wie im Buch. Was nicht stimmt. Ich lehne dieses Ende einfach ab, weil es deutlich schlechter ist als das Ende im Buch. Was zu Kritizismus Zwei führt: “Björn, ein Ende das sich an das Buch-Ende anlehnt, gibt es als Alternatives Ende. Hast du dir das auch angeguckt?” Worauf ich sagen muss: Ja, habe ich.

Aber hier gilt ein ehernes Gesetz, das ich auch schon den Herren Lucas und Abrams um die Ohren gehauen habe: Alles was für mich als Zuschauer relevant ist, hat im Film stattzufinden. Nicht in den Büchern zum Film, nicht im Spiel zum Film, nicht in den Comics zum Film, nicht in den alternativen Szenen (Filme zu Serien sind hier die einzigen Ausnahmen die ich akzeptiere). Letztlich ist der Film wie er auf der Leinwand zu sehen war, das finale Produkt für das sich das Studio entschieden hat und damit das Einzige was für mich relevant ist (zumindest bis der Director’s Cut das Originalende an den Streifen leimt). Zumal das Alternativ-Ende auf meiner Kauf-DVD gar nicht erst erhalten war, ich also auf YouTube zurückgreifen musste.

Das Ende sieht also auf der DVD so aus, dass Dr. Neville einen finalen Stand Off gegen die Vampirmonster in seinem Labor hat und sich selbst opfert, damit das Antivirus und Maria und Jesus die Alte und das Blag zur Überlebendenkolonie kommen (die ungefähr so pittoresk und idyllisch aussieht, wie Unsere kleine Farm, in der inzwischen die Waltons eingezogen sind). Fade to black: Maria Die Frau erzählt aus dem Off, dass Neville für unsere Sünden gestorben ist und so zur Legende wurde. Film vorbei. Buch total falsch verstanden. Setzen. Sechs.

Das Alternativende ist zwar nicht perfekt, entspricht dem Buch aber zumindest etwas mehr, dessen Ende ich vielleicht mal kurz erklären sollte: Also, Dr. Neville erkennt am Ende des Buches, dass ein Teil der Vampire sehr wohl intelligent ist und inzwischen soziale Strukturen aufgebaut hat. Er erkennt außerdem, dass er das “Monster ist. Ein atavistischer Schrecken, der die Vampirfamilien überfällt wenn sie am schwächsten sind (bei Tageslicht) und wahllos Mitglieder ihrer Gemeinde entführt, um dann in seiner Festung an ihnen Experimente durchzuführen. Wenn der Mensch dem Menschen Wolf ist, dann ist dieser Mensch dem Vampir Vampir. Ein schöner Twist und vielleicht eines der genialsten Enden aller Zeiten, das mit unseren Erwartungen spielt, denn als Leser identifizieren wir uns natürlich mit dem Menschen und kommen gar nicht auf die Idee, dass sein Verhalten falsch sein könnte.

Eine derart nuancierte Sichtweise traut Hollywood allerdings nun schon in der dritten Verfilmung dem Publikum nicht zu und wählt stattdessen erneut die Variante: Guter Mensch versus böse nicht-menschliche Monster, die kein Mitleid verdienen. Die Zuschauer in irgendeiner Weise herausfordern? Keine Chance. Hollywood wird nunmal immer noch von den Sidney Sheinbergs regiert, zumindest wenn es um potentielle Blockbuster geht.

Das ist doppelt bitter: Nicht nur, dass man hier ein total banales Ende hat, man macht damit sogar retroaktiv noch den Film davor kaputt. Denn im Film davor fanden sich kleine Touches die darauf hindeuteten, dass die Vampire doch mehr als eine völlig hirnlose Monstergemeinde sind (sie stellen Neville Fallen) und dass Neville moralisch bestenfalls fragwürdig ist und zudem noch die Situationen völlig falsch einschätzt (der Boss-Vampir folgt Neville nicht ins Sonnenlicht weil er keinen Verstand besitzt, sondern weil Neville gerade seine Lebensgefährtin gestohlen hat). Nur: Nichts davon hat irgendeine Relevanz ohne ein Ende das enthüllt, dass die Vampire eben doch mehr sind als blutlüsterne Bestien. All diese Sequenzen zappeln damit plötzlich sinnlos in der Luft, so wie ein roter Hering an der Angel.

Aber, hey, ein Film braucht nunmal klar gesteckte Fronten zwischen Gut und Böse. Wie Filmproduzentin Marge Simpson zu sagen pflegt: “Friends with mutants? Rrrrright.


(So: Und damit man mir nicht vorwirft ich wäre nur negativ, hier noch ein paar Dinge die ich an dem Film mochte:

*Das menschenleere New York sah richtig toll aus, besonders die Kornfelder am Time Square haben es mir angetan. Ist also nur folgerichtig, dass das Team hinter I Am Legend auch The World Without Us verfilmen darf.

*Der Hund war als Rolle gut angelegt und auch zudem gut gespielt. Der Schäferhund mag nicht das Niveau von Moose erreicht haben, aber nicht jeder kann Dogbert De Niro sein. Auf jeden Fall war die Mensch-Hund-Dynamik in diesem Film besser als die Mensch-Volleyball-Dynamik aus Castaway.

*Die Flashbacks in die Zeit als die Seuche gerade ausbrach, hatten emotionale Resonanz. Besonders die Sequenz mit der Frau die Neville bittet, er möge doch zumindest ihr Kind aus Manhattan fliegen lassen, fand ich persönlich sehr bitter. Wobei solche Szenen natürlich immer den Vorteil haben, dass sie nicht unbedingt aus sich heraus überzeugen müssen, sondern einfach nur die uns spätestens seit Ebola oder SARS allen im Rückenmark hockende Angst vor der globalen Pandämie anzapfen müssen.)

So gesehen: Ein Film den man mal gesehen haben kann, aber nicht zwangsläufig gesehen haben muss. Besonders wenn man This Quiet Earth noch nicht gesehen hat, den man davor wirklich mal gesehen haben sollte. Sehen Sie?

2/5

MST4K: Kafkas Wilhelm Tell

Tuesday, August 12th, 2008

Wenn es schon an neuem Material mangelt, dann kann ich ja auch einfach mal fünf Jahre alte Schmierzettel hervokramen um der Verspinnwebung des Blogs entgegenzuwirken. Natürlich nicht einfach nur so, sondern mit voll dem Zeitbezug, Digger.

Kafkas Wilhelm Tell

(Disclaimer: Das Mystery Sketchbook Theatre 4000: In der Uni hingeschmierte Kritzeleien, mit einer Digikam abphotographiert und dann ins Blog gestellt… entweder sehr Dogma 95 oder einfach nur mangelnden handwerklichen und technischen Möglichkeiten geschuldet.)


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