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Star Trek

Sunday, May 17th, 2009

Präambel: Star Trek and Me

Muss ich hier meine Nerd-Kredentialien nochmal auf den Tisch legen? Vermutlich nicht, darum hier die Cliff-Notes-Version zum Thema “Björn und Star Trek“: Irgendwann in den späten Achtzigern von der Folge “Wildwest im Weltraum” der Originalserie angefixt worden. Dann in den Ausläufern der Achtziger und den ganz frühen Neunzigern unglaublich aufgeregt gewesen, weil eine neue Raumschiff-Enterprise-Serie kommen würde. Sowas erfuhr man damals, in Zeiten vor dieser Röhrenreihe namens Internet, noch ganz primitiv und barbarisch durch Zufall. Zufall in Form eines Werbeprospekt der Hörspielfirma Karussell, die Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert bald schon in Form von Kassetten (das waren sowas wie rechteckige MP3s, liebe jüngere Leser) veröffentlichen würde, während bald darauf das ZDF das Ganze auch im Fernsehen (das war sowas wie YouTube für Clips von mehr als zehn Minuten Länge, liebe jüngere Leser) präsentieren würde.

Hatte mich TOS angefixt, machte mich TNG zum Junkie. Bis heute gehöre ich zu jener Fraktion, die zwar zugibt, dass Kirk das bessere Haarteil hatte, Picard aber der bessere Captain war. Wie das wohl vielen so ging, in einer Zeit als Nerd sein keine akzeptable, im Netz auslebbare Alternative, sondern ein sicherer Pfad in die soziale Isolation war: TNG gab mir einen gewissen Rückzugsraum. Große Weltraumabenteuer, eine positive Botschaft, viel soziale Utopie, viel Wissenschaft (oft ‘junk science’, aber teils überraschend zeitgemäße, solide Wissenschaft) und vor allem Techniker, Computergeeks und Gebildete als Helden. Natürlich fühlt man sich da als leicht entfremdetes Kind und bald darauf ähnlich entfremdeter Jugendlicher wohl. Und zumindest für die positiven Werte die mir Jean-Luc Picard eingetrichtert hat, bin ich durchaus dankbar. So scheel man für so eine Aussage auch angesehen wird, in einer Zeit in der alles ironisch gebrochen sein muss (und, ja, der zuständige Redakteur weiß sehr wohl, dass er sich selbst dieses Verbrechens wiederholt schuldig gemacht hat)…

Dann kam Deep Space 9 und wurde, nach einem schwachen Start (und durch massiven Klau bei Babylon 5) zur besten Trek-Serie, während der Verfasser dieser Zeilen in die Hochphase seiner Trek-Begeisterung ein- und einem Trek-Forum im Netz beitrat. Von da an ging es dann rapide abwärts: Voyager sah ich, weil ich Trek noch immer mochte, obwohl mir die Serie mit ihrer Rückkehr zur Einzelepisode und der kritikresistenten Betonfrisur auf der Brücke nur selten wirklich zusagte. Das Trek-Forum enthüllte mir die Borniertheit und Kritikunfähigkeit vieler “Trekkies” und dann kam auch schon Enterprise… eine Serie zu der ich ja in der Vergangenheit genug gesagt habe. (Kurzfassung: “Ja, Kruzifix, woas oan Schmarrn!”)

Björns Trek-Begeisterung war sogar noch vor Enterprise gestorben. Klar, ich hege immer noch gewisse Sympathien für Star Trek und seine Grundideen, war aber nach dem Ende von Enterprise ziemlich sicher, dass das Franchise auf Jahrzehnte tot und begraben ist… und dass das nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein muss. Sowas passiert mit Serien die fast zwei Dekaden am Stück laufen: Sie werden inzestuöse Eitergeschwüre, zu konvolut um für Neulinge zugänglich zu sein und zu selbstbezogen um wirklich noch “tapfer dahin vorzudringen”, wo nie zuvor eine Fernsehserie gewesen ist. Insofern stand ich dem Reboot auch relativ offen gegenüber. Hey, es ist nicht so als ob J.J. Abrams noch groß was auf jener Star-Trek-Wiese hätte zertrampeln könnte, über die Picard schon 2002 ohne Rücksicht auf Verluste mit dem Midlife-Crisis-Mobil aus Nemesis pflügte, bevor Archer anfing darauf seine Töle Gassi zu führen.

Before They Were Stars

Vorwarnung: Arrrr, here be spoilers.

Für den neuen Film wählte J. Jonah Abramovic, bekannt dafür bei Cloverfield nicht Regie geführt zu haben, also ein Reboot der Original Series. Per se keine schlechte Idee, wird man so doch viel Ballast los, der sich in den letzten fast 45 Jahren angesammelt hat und der besonders den letzten Auswüchsen des Franchises gerne mal wie eine Bleikugel am Bein hing. Trek-Fans können beckmessernde Bastarde sein, wie Phil Farrand in gleich vier Büchern exzessiv unter Beweis gestellt hat. Ein frischer Start macht das Franchise also Neulingen zugänglicher (was man ja schon bei Enterprise versuchte, nur um dann doch wieder in den tiefsten Gefilden des Canon zu versumpfen) und gibt gleichzeitig den Autoren mehr Freiraum um eine zeitgemäße Interpretation auf die Leinwand zu bringen, ohne dabei bei jedem Satz fürchten zu müssen, dass man gerade einer unglaublich wichtigen Information aus einem Nebensatz der Voyager-Folge “The Threshold” widerspricht, weshalb tausende Voll-Trekkies einen Herzinfarkt bekommen, zeitgleich umkippen und so ein Erdbeben auslösen, das San Francisco endgültig im Meer versinken lässt. Was unschön wäre, weil ja die Starfleet Academy in SanFran lokalisiert ist und wenn es die Stadt nicht mehr gäbe, dann käme man ja in ganz schöne Erklärungsnot und… okay, ihr versteht das Problem.

Natürlich gab es sofort wieder die üblichen Netz-Reaktionen: Igitt, man will uns unsere Serie wegnehmen! Jay Jay Okochabrams ist gerade dabei, eine klassische Science-Fiction-Serie zu vergewaltigen! (Unter der Stufe “Vergewaltigung” geht es bekanntlich in Netzdebatten über sowas gar nicht erst los.) Den Produzenten geht es nur ums Geld, ihnen fehlt jedes Gefühl für die beste Serie aller Zeiten! Und so weiter, und so fort.

Denn seien wir ehrlich: Star Trek ist zumindest in Teilen des Netzes nicht nur eine Serie oder wegen mir auch noch eine Weltanschauung, es ist wirklich eine vollständige Religion geworden. (Wie ja auch Futurama erkannte, in einem der besten Trek-verwandten Stücke Fernsehgeschichte.) Und damit wird zumindest die Originalserie völlig aus dem Kontext gerissen und in Sphären gepustet, in denen sie nichts zu suchen hat. Und in denen sie sich aus freien Stücken sicher nicht tummeln würde. TOS war spaßiger, unterhaltsamer, bunter Science-Fiction-Action-Camp. Nicht weniger. Nicht mehr. Mit vielen guten Ideen, sicher. Auch mit einer positiven Kernaussage, vielen revolutionären Elementen (ein Russe an Bord der Enterprise mitten im Kalten Krieg, der erste Fernsehkuss zwischen einer schwarzen Schauspielerin und einem weißen Schauspieler) und einigen richtig tollen Folgen (vor allem natürlich The City on the Edge of Forever)… aber eben auch mit Weltraum-Abraham-Lincoln, Themenpark-Planeten (der Wildwestplanet, der Römerplanet, der Gangsterplanet, der Naziplanet [nein... nicht die Erde]) und mit Folgen die so schlecht sind, dass man glaubt NBC-Verantwortlichen hätten sie damals aus dem Altpapiercontainer eines Groschenromanverlags geklaut. Spock’s Brain, anybody? Plus: Seien wir ehrlich. So spaßig das Spiegeluniversum mit Spitzbart-Spock auch ist (und ich liebe alle Folgen von Trek die im Spiegeluniversum spielen): Tiefschürfende Science Fiction ist es nicht.

Von den Außerirdischen sollten wir gar nicht erst sprechen. Die Klingonen waren in der ersten Serie nie mehr als die fiesnackigen Weltraumrussen und trotzdem zusammen mit den Vulkaniern und Romulanern die wichtigste Spezies der Serie. Vielleicht auch, weil sie nicht unter jenem Make-Up und jenen Kostümen litten, die die anderen Außerirdischen erdulden mussten und die man nur noch als “camp” bezeichnen kann. Die schweinenasigen Tellariten? Die wickblauen Andorianer mit den kleinen Antennen an der Birne? Der als Horta bezeichnete schimmelige Putzlumpen? Die kristallinen Tholianer? Die griesgrämigen Gummi-Echsen namens Gorn? Der Salzvampir von M-113? Die excalbianischen Steinhaufen? Und wer könnte den Mugato vergessen? Den Mugato, um Himmels willen. Hey, ich mag diesen gehörnten Albinogorilla so sehr wie der nächste Nerd. Ich wäre sofort dabei, würden wir den National Mugato Suit Day einführen… aber man muss sich die Realität schon sehr mit saurianischem Brandy und romulanischen Ale schön saufen, um die Serie in der diese Kreaturen vorkommen, als ernsthafte und tiefsinnige Form der Unterhaltung zu verklären, die dann von den Fanboys und -girls auch schnell mal auf den selben Sockel gehievt wird, auf dem schon Shakespeare, Goethe, Kafka und Tom Kratman stehen. (Wobei man der Fairness halber anmerken sollte, dass die CGI-Aliens im neuen Film wahrscheinlich in wenigen Jahren ähnlich peinlich und veraltet wirken werden, wie die Kreaturen aus der Fernsehshow der Sechziger… se a vida é.)

Insofern: TOS ist (noch) kein heiliger Text… warum sollte man also schon im Vorfeld ablehnen, dass die Produzenten jetzt an dieser Stelle der Future History einsteigen und nochmal bei Null beginnen? Ich kann damit sogar aus einem ganz anderen Grund leben: Die Zeitlinie die uns TOS präsentierte, ist eine Zeitlinie die vor weit über 40 Jahren entworfen wurde. Auf der einen Seite wurden bestimmte prägende Elemente unserer Gesellschaft natürlich nicht vorhergesehen (die weite Verbreitung von Handys, das Internet oder der plötzliche Zerfall der Sowjetunion: In The Voyage Home (1986) kennt man im 23. Jahrhundert noch die Stadt Leningrad), auf der anderen Seite passen Elemente der Star-Trek-Historie einfach nicht mehr zur Geschichte wie sie in der Realität stattfand. Bestes Beispiel sind die Eugenischen Kriege, die theoretisch in den 1990ern stattfanden und durch die ein Khan Noonien Singh (Sie wissen schon: Khaaaaaan) plötzlich einen Großteil der Menschheit kontrollierte. Warum Sie sich daran nicht erinnern können, werter Leser? Um, das waren die Neunziger. Vermutlich waren Sie gerade mit Ecstasy zugedröhnt auf dem Mayday als das passierte, oder so.

Im Ernst: Nachdem man in Voyager die Erde der 1990er besuchte und keine Eugenischen Kriege erwähnt wurden, ging ich davon aus, dass man diese aufgegeben oder zumindest verschoben hätte. In Enterprise kehrten sie dann zurück, mit all den logischen und temporalen Problemen die sie mit sich brachten. Der neue Film wäre eine Chance gewesen hier die Axt anzusetzen und wirklich radikal nochmal bei Null anzufangen, Daten ein bisschen zu schieben und die ganze Backstory etwas mehr in Einklang mit unserer eigenen Realität zu bringen. Tut man aber nicht. Und das ist direkt ein Kritikpunkt den ich Star Trek vorhalte: Der Bruch mit der Vergangenheit ist nicht radikal genug.

Ganz ehrlich, wenn man eh gerade großreinemacht, warum nicht auch die Fenster putzen? Warum nicht ganz neu anfangen, dem Franchise die Battlestar-Galactica-Behandlung geben und diesen Neustart in einem ganz eigenen Universum spielen lassen, ohne direkten Rückbezug auf die andere Continuity? In dieser Form ist das neugestartete Franchise ein seltsames Zwitterwesen, in dem zwar keines der Ereignisse aus TOS, TNG, DS9 oder VOY stattgefunden haben (stattfinden werden?), aber alle historischen Infos die wir aus diesen Serien über die Zeit vor 2233 (dem Jahr in dem die neue Zeitlinie beginnt) erhalten haben, weiterhin gültig sind. Ein glatter Bruch sieht anders aus.

Persönlicher Hass natürlich auch dafür, dass ausgerechnet die Ereignisse aus Enterprise theoretisch weiterhin im Canon gültig sind. (Und Scotty erwähnt ja sogar Admiral Archer… Admiral wird bei Starfleet auch wirklich jeder, der lange genug dabei ist, oder?) Sowieso, der Canon. Sich völlig davon zu befreien, hätte nicht geschadet. So beginnt der innere Geek in mir schon wieder zu mäkeln: Wieso kennt man eigentlich im Jahr 2253 schon die Romulaner so gut? Und kann in einer Bar einen Cardassian Sunrise trinken? Klar, das sind Nerd Gripes. Irrelevante Nerd Gripes, die man leicht wegerklären kann mit der Veränderung der Zeitlinie, die halt auch alles andere verändert hat… aber warum überhaupt erst diese Dose Würmer offen lassen?

(Einschub: Wo wir schon bei Zeitlinien und im vollen Nerd-Modus sind: Ich gebe ja Janeway die Schuld an der ganzen Misere. Jene die Galaxie bedrohende und Romulus zerstörende Supernova (by the way: eine Supernova, die die ganze Galaxie bedroht? Im Ernst, gezz?) scheint es ja nicht gegeben zu haben in jener Zeitlinie, in der sie mit der Voyager regulär erst 2394 in den Alpha-Quadranten zurückkehrte. Dann musste Janeway natürlich in der letzten Voyager-Episode im Gewebe der Zeit rumfuschen, weil ihr das alles nicht schnell genug ging… und plötzlich haben wir eine Supernova, die die ganze Galaxis zerstören könnte. Da es die vorher nicht gab, muss Zeitreise-Janeway in irgendeiner Form daran Schuld sein. (Gut, vielleicht auch Jake Sisko in “The Visitor”… aber Janeway mag ich weniger, darum gebe ich ihr die Schuld.) Habe ich ja von Anfang an gesagt, dass die Olle im Serienfinale absolut rücksichtslos und unverantwortlich handelt. Und jetzt haben wir den sternefressenden Salat. Ferner Donner, und so. Tolle Cervelatwurst, Janeway, hast mit deiner unnützen Zeitreise selbst dafür gesorgt, dass du nie existieren wirst. Na, das war hoffentlich die gesparten zehn Jahre Reisezeit wert.)

Wo waren wir? Achja, das Reboot: Was man den Machern und den Akteuren auf jeden Fall zugestehen muss, ist wie souverän sie mit der alten Serie umgehen. Sie wird nicht mit aller Gewalt referenziert, man erstarrt nicht voll Ehrfurcht vor ihr, hat aber genug kleine Anspielungen und Verweise auf sie beibehalten, um als smarte Hommage durchzugehen. Dialoge aus alten Filmen werden aufgegriffen (“Sie waren und werden immer mein Freund sein”, aus The Search for Spock, der Verweis darauf dass Spock nicht “lügt” sondern ein wenig “übertreibt” aus The Voyage Home oder der junge Spock, der Sherlock Holmes zitiert, so wie sein Alter Ego in The Undiscovered Country), kleine Szenen erinnern an die alten Filme (statt Scotty knallt Kirk mit der Omme gegen einen tiefhängenden Balken), Dr. McCoy erwähnt Schwester Chapel (im Original gespielt von der erst kürzlich verstorbenen Majel Barrett-Roddenberry), die Ceti-Aale heißen jetzt centaurianische Schnecken (und Raider heißt jetzt alter Witz), Christopher Pike imitiert Shatners Sitzhaltung und Patrick Stewarts Unart sich die Uniform zurecht zu zupfen, Uhuras bisher nur semi-kanonischer Vorname wird offiziellisiert und ein Red Shirt verreckt auf der ersten Außenmission. All das zeigt schon ziemlich deutlich, dass Jott Jott Abrams, Roberto Orci und Alex Kurtzmann die alte Serie so völlig scheißegal nicht sein kann, es ist aber nie so in den Vordergrund gespielt, dass es den Film aus der Spur wirft. Es ist präsent, aber nie störend. Nicht-Trekker werden das kaum bemerken. Einen ähnlichen Respekt merkt man auch beim Casting und den Rollendefinitionen.

Meet the Crew

Ein Reboot hätte natürlich auch die Chance geboten abgesehen von den Namen völlig von den Eigenheiten der Originalcrew abzurücken, was nicht schlimm sein muss, wie das Reboot von Battlestar Galactica mit der weiblichen Version von Dirk Benedicts Starbuck zeigte. Man hätte, so das gewünscht worden wäre, ohne weiteres einen schwarzen Kirk casten können oder einen weiblichen Dr. McCoy. Hat man aber nicht. Stattdessen hat man weitgehend darauf geachtet, dass die Darsteller die man für die Rollen gewählt hat, den Originaldarstellern möglichst nahe kommen. Was natürlich dem harten Kern des Fandoms immer noch nicht ausreichte. Hat Pavel Chekov doch jetzt plötzlich Locken statt seinem Monkees-Haarschnitt! Die Figur ist damit auf ewig ruiniert! Giftig! Septisch! Wissen die Macher denn gar nichts, über das Sixties-Revival im 23. Jahrhundert? Abraaaaaaams, du hast meine Kindheit vergewaltigt! Warum hasst du Star Trek so sehr?

But seriously: Die Figuren sind durch die Bank weg gut gecastet und gut geschrieben. Teils sogar noch besser: In Sachen ideal gecastet und ideal geschrieben kann ich gar nicht anders, als Karl Urban für seine Rolle als Dr. Leonard “Pille” McCoy zu loben (und ich muss auch mal die oft gescholtene Synchro hervorheben, beklagt sich der geschiedene Arzt im Original das seine Ex-Frau alles bekommen habe, “she left me nothing but my bones“, beschwert er sich im Deutschen, dass das “schon ‘ne bittere Pille” war… sehr gut gemacht, liebes Synchronstudio, ganz im Ernst). Urban hat die Mannerismen, den Gestus und Habitus des verstorbenen DeForest Kelly so verdammt gut drauf, dass er die Rolle wirklich zur Perfektion ausfüllt und einen vergessen macht, dass je ein anderer Schauspieler Pille war. Oder eher: Dass er nicht die junge Version jenes Schauspielers ist, der in den Sechzigern Schiffsarzt auf der Enterprise war. Dass McCoy zudem wie im Original als bärbeißiger, grummeliger, nörgeliger Weltraummedikus ausgelegt ist, rundet die Sache ab. Ich mochte McCoy schon immer, aber in diesem elften Film ist er zumindest der heimliche Star. Auch wenn die Aufmerksamkeit natürlich auf dem Comedy-Duo Spitzohr und Bauerntölpel liegt.

Spock ist für mich hier plötzlich ein viel interessanter Charakter als er es je zuvor war, da man in der neuen Version einen noch stärkeren Fokus auf seinen Status als Halb-Mensch/Halb-Vulkanier platziert, für den er von den ach so aufgeklärten Vulkaniern konstant diskriminiert wird (in direkter Weise von seinen Schulkameraden, in hochgestochener Weise vom Rat der vulkanischen Wissenschaftsakademie). Der neue Spock hat seine Emotionen längst nicht so gut unter Kontrolle wie der Sechziger-Jahre-Spock, was natürlich auch hart ist für einen Mann, der relativ früh im Film seinen Heimatplaneten und seine Mutter verliert und das durch eine fiese Schlägerei, eine übertriebene Entscheidung (okay, Kirk nervt ihn… aber den man gleich auf einem Eisplaneten aussetzen?) und eine angedeutete Romanze mit Uhura kompensiert. Spock ist hier nicht weniger Rebell als Kirk, nur dass er keine Autos schrotet und sich in Kneipen prügelt (was natürlich beste TOS-Tradition wäre), sondern sich von der vulkanischen Standardkarriere abwendet.

Damit ist der neue Spock in diesem Film definitiv eine besser angelegte Rolle als der gebrauchte Spock (oder wegen mir auch wie im Abspann ‘Spock Prime’… Charaktere die mit Nachnamen Prime heißen, scheinen prädestiniert zu sein das Gefüge der Realität zu ruinieren), der hier in der Mitte des Films die Funktion des Basil Exposition übernimmt: “Hallo junger Sternenflottenkirk. Hier mal schnell die Backstory. Nun aber husch, husch zurück auf die Enterprise. Wir sehen uns am Filmende nochmal.” Eine wirklich relevante Rolle sieht anders aus.

Während ich Spocks Art der Rebellion mag, muss ich zugeben, dass ich mit dem neuen Kirk den ganzen Film über nicht warm geworden bin. Und bevor man mir hier vorwirft, ich würde kritisieren dass das Neue nicht ist wie das Alte: Ich kam schon mit dem alten Kirk nicht wirklich klar. Wie gesagt: Ich war, und werde es immer sein, ein Picard-Anhänger. War mir der alte Kirk etwas zu sehr actionorientiert-schweregenötigter Weltraumcowboy, ist der neue Kapitän Körk mir eindeutig zu sehr einer dieser geschniegelten Nullachtfuffzehn-Rebellen ohne Grund, wie wir sie in der näheren Vergangenheit ein paar mal zu oft gesehen haben: Jemand der James Dean und Marlon Brando (der Junge, nicht der fette Alte) sein will, aber stattdessen rüberkommt wie Fonzie aus Happy Days oder John Travolta in Grease. Hätte man auf halber Strecke Young Kirk gegen Mutt Williams aus Indiana Jones und die unnötigen CGI-Affen ausgetauscht, ich hätte es nicht gemerkt.

Kirks Rolle in diesem Film ist mir noch zu sehr auf Krawall gebürstetes Arschloch, zu sehr nervig pseudocooler Rebell. Ja, sicher, das liegt daran dass Novus Ordo Kirkularis ohne seinen Pa aufwachsen musste, was ein schweres Schicksal ist, aber trotzdem… hätte man den Obnoxious-Regler nicht eine Stufe runterdrehen kännen? Mir ging es zudem auch ein wenig auf den Sack, dass Kirk hier konstant auf der Karriereleiter nach oben geschoben wurde, nur weil sein Vater toll war und alle sicher sind, dass er der Messias ist zu größeren Dingen berufen sein muss. Hey, mir ist schon klar, dass man Kirks Reifungsprozess jetzt zeigen kann und in zwei oder drei Filmen darauf hindeuten, wie weit Kirk seit dem Reboot gekommen ist… aber deshalb muss ich den Tiber-James in diesem Film ja noch nicht mögen.

Die übrigen Besatzungsmitglieder bekommen deutlich weniger Leinwandzeit zugestanden, machen aber allesamt einen guten und kompetenten Eindruck: Libuda Uhura ist eigenständig, kann es verbal locker mit Kirk aufnehmen und beweist sich als Sprachexpertin, die sicher keine analogen Wörterbücher braucht um Klingonisch zu radebrechen. Einen wirklichen Sprung nach vorne macht Pavel Chekov, der hier weit mehr tun darf als die Enterprise rückwärts einzuparken und sich als echtes Wunderkind in Sachen Mathematik und Astrogation entpuppt (und die Sache mit der “victor/wiktor”-Ausspracheschwierigkeit war ein netter Rückgriff auf die “noo-clear wessels” in The Voyage Home).

Scotty ist auf jeden Fall kompetent und Simon Pegg ist auf der Leinwand immer eine Freude, aber stellenweise war mir der feine Herr Montgomery etwas zu sehr auf “lustitsch” getrimmt, etwas zu stark darauf ausgelegt, alle paar Minuten einen kessen Spruch von der Lippe tröpfeln zu lassen, etwas zu sehr das Comic Relief. Da muss man aufpassen, dass man sich nicht plötzlich in Gimli-Regionen wiederfindet. Und sein kleiner Kumpel aus dem Star-Wars-Universum (erinnerte mich an eine Mischung aus den Ugnaughts und den Ewoks aus dem lucas’schen Effektepos) ging nun wirklich nicht. Gaaar nicht. Null, nada, niente, zero, zip. Wirklich, Schää Schää Abruzze, wenn der Comedy-Gnom beim nächsten Mal nicht wieder auftaucht, wird sich keiner beschweren. Einzig Sulu wirkte hier noch ein wenig verloren und kam nicht über die Rolle als Japaner-mit-Klappschwert hinaus. Aber zumindest hatte er den einen Moment. In Ensemble-Filmen ist sowas ja längst nicht garantiert. Und, was man diesem Ensemble-Film zugestehen muss: Die Figuren untereinander klicken, der Umgang mit einander wirkt nicht gestelzt. Die Chemie der alten Serie wurde hier wirklich gut eingefangen. Es macht Spaß den Figuren zuzusehen, wie sie miteinander interagieren. Damit wird der Film einem ganz zentralen Element des alten Star Trek hier definitiv gerecht.

Leider kann dieses generelle Lob nicht auf den Bösen im Spektakel ausgedehnt werden…

Haven’t we met before?

Es war schon ein schlechtes Zeichen, dass ich im Trailer das erste Mal Kapitän Finster sah und mir dachte: “Moment. Ist Shinzon nicht in Nemesis gestorben?” Ist er. Das hier ist ein anderer fiesnackiger, spitzohriger, gesichtstätowierter Glatzkopf. Womit wir auch schon Mitten in seiner Charakterisierung sind: Der Alte hat eine Glatze und ein tätowiertes Gesicht, der kann ja gar nicht anders als böse sein. Nero ist absolut unspektakulär: Emotional uninteressant, mit einem grenzdebilen Racheplan der nur deshalb akzeptiert wird, weil Nero eindeutig wahnsinnig ist. In keinem Moment scheint der Film Interesse daran zu haben, Nero etwas genauer zu untersuchen, etwas deutlicher zu fragen was genau hinter dem Henna-Tattoo auf der Stirn vor sich geht. Dabei hätte man eine ideale Chance gehabt uns Nero etwas näher zu bringen: Captain Pike ist den Großteil des Films auf Neros Schiff gefangen, warum nicht zwischendrin mal ein paar Szenen schalten in denen sich Pike und Nero ernsthaft unterhalten.

Stattdessen ist Nero den gesamten Film hindurch eine charakterlich egale Rolle, die weniger echte Figur als eher plot device ist. Hey, wir brauchen einen Grund warum Vulkan zerknuspert und die Zeitlinie umgestellt wird. Und irgendwas worauf die Enterprise ballern kann. Und Kinderschokolade. Los, Drehbuchhengste, schreibt da mal was. Schade drum, aber Nero liegt selbst im nicht unbedingt mit ikonischen Bösewichten vollgepackten Trek-Universum (da ist Khaaaaaan, da ist die Borgkönigin, Chang aus The Undiscovered Country, vielleicht noch Lore… und dann wird’s auch schon eng) weit unter dem Durchschnitt. Letztlich tritt Nero ebenso unspektakulär ab, wie er gelebt hat. Eric Bana ist in dieser Rolle völlig vergeudet. Zumindest hat, anders als Soran in Generations, hier nicht ein total unspektakulärer Langweiler eine ikonische Figur umbringen dürfen. Dankbar sein für kleine Freuden.

Design Fetish

Hm. Beim Design geht es mir ähnlich, wie bei Casting und der Rollengestaltung: Enterprise hui, Schurke pfui. Beginnen wir mit dem Schlechten: Den Schlechten. Dass Shinzon, äh, Nero bööööööööse ist, sieht man nicht nur an Glatze und Gesichtstattoos, sondern auch daran, dass sein Schiff in Sachen Design böööööööse ist. Ganz ehrlich: Das Ding ist der totale Übermord und sieht aus wie etwas, das man den Schatten aus Babylon 5 geklaut hat. Das wäre ja okay, aber: Das soll einen Minenschiff sein? Wirkt nicht sonderlich praktisch.

Von der Inneneinrichtung ganz zu schweigen, hier weiß man auch ab der ersten Einstellung woher der Wind weht: Denn gute Menschen (oder humanoide Lebensformen) sitzen nicht die ganze Zeit auf dreivierteldunklen Brücken rum, die nur hier und da mal grün angestrahlt werden. Sowas kann einfach nicht funktionell sein. Captain, mir ist der Zündschlüssel runtergefallen und ich kann ihn in diesem Zwielicht nicht finden. Dass die Brücke zudem scheinbar aus Prinzip nicht aufgeräumt wird und überall Dinge im Weg stehen oder lustlos in der Gegend rumhängen, unterstreicht die Attitüde noch. Nützlich ist das nicht… aber böööööööse. (Obwohl die Zimmer der meisten Trekker vermutlich nicht anders aussehen.) Wo man schon dabei war, hätte man Nero auch gleich noch einen Ledermantel verpassen können. Für den Fall dass der Letzte noch nicht gemerkt hat, dass Nero eher ungut ist. (Zum bööööösen Design gehört auch, dass man auf den seltsamen Plattformen am Planetenbohrer keine Sicherheitsgelände anbringt… böööööööse wie man ist, schert man sich einen feuchten Kehricht um Arbeiterschutzbestimmungen… und Überstunden werden auch nicht abgegolten… muhahahahahaha… *räusper*, Verzeihung. Das war natürlich Dieter Hundt, nicht Nero.)

Im Gegenzug muss ich Scotty rechtgeben wenn er ausruft: “I like this ship! It’s exciting!”

Die neue Enterprise ist definitiv sehr schick: Gleichzeitig sehr eng an der Enterprise und Enterpise-A aus den ersten sechs Filmen (Beweisstück A: die blau leuchtende Deflektorscheibe, die jetzt wieder vor dem Schiff und nicht im Bauch des Schiffs zu finden ist) und trotzdem an vielen Ecken galant und unaufdringlich modernisiert. Der Rumpf ist etwas geschwungener, der Hals ein wenig kürzer und die Warp-Gondeln wirken jetzt definitiv organischer (mag nur mir so gehen, aber die Linienführung der Gondeln erinnerte mich an H.R. Giger). Alles in allem ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man mit wenigen, kleinen Kniffen etwas ikonisch halten und trotzdem modernisieren kann.

Radikal umgestaltet wurde dafür das Brückendesign, das einmal mehr belegt, dass die Zukunft immer so aussieht, wie die hippsten Produkte der Gegenwart: Ich war schon froh, dass nirgendwo auf der neuen Brücke das Apple-Logo prangte (immerhin hat man vorher schon die Zeit gefunden, um Product Placement für Nokia, Budweiser, Slusho (hihi) und Jack Daniels unterzubringen). Aber trotzdem: Die neue Brücke wirkt sehr zeitgemäß mit ihren abgerundeten Kanten, den vielen strahlenden Weißflächen, den blauen Neonlichtern und den gläsernen Computerbildschirmen. Sauber und elegant. Allerdings kann man die Brücke selten genießen, weil Abrams in den inzwischen wohl gesetzlich vorgeschriebenen “alle paar Sekunden muss ein Einstellungswechsel erfolgen”-Modus schaltet, und die Sache mit den Lens Flares…? Ganz ehrlich, Doublejay, die Hälfte davon wäre immer noch viel zuviel gewesen.

Was mich derweil an der Brücke stört (und damit haben wir wieder Nerdfaktor 9, Mr. Sulu): Ein Glasfenster auf der Brücke der Enterprise (statt des bisherigen Bildschirms)? Ist das nicht eine, äh, dumme Idee? Ich war schon kein Freund davon, die Brücke irgendwo anders als mitten im Schiff unterzubringen (was bisher damit erklärt wurde, dass man die Brücke so schnell vollkommen austauschen konnte… modulare Bauweise, yaddayadda), aber: Ein Glasfenster? Das bei der Raumschlacht gegen Neros Minenmonstermobil eindeutig Risse aufweist? Ist das nicht ein schrecklicher Unfall, der nur darauf wartet stattzufinden?Aber, wie gesagt, das ist ein Nerd Gripe.

Der Rest des Designs gefällt mir wieder sehr gut: Klassische Elemente kehren in leicht modernisierter Form zurück. Die Kommunikatoren, die im Zeitalter des Mobiltelefons so gar nicht futuristisch wirken, der seltsame Stöpsel an Uhuras Ohr (allerdings weit weniger massiv als bisher), die Phaserpistolen und der medizinische Tricorder geben sich ihr Stelldichein. Das gilt auch für die traditionellen Uniformen, wie sie in der Fernsehserie zu sehen waren, statt den schweren Klotschen aus den Filmen 2-7 (oder den legeren Siebziger-Freizeit-Uniformen aus The Motion Picture). Auch hier gilt: Das ikonische der Sixties-Uniformen ist unverkennbar vorhanden (in the old days operations officers wore red, command officers wore gold and women wore less), ohne dass die Uniformen an sich altbacken wirken würden. Besonders die leichte Musterung der neuen Uniformen, die sie etwas trikothaft aussehen lässt, sagt mir echt zu. Falls Paramount ein Buch über das Design des neuen Trek-Universums verlegen möchte, einen sicheren Kunden haben sie. Jetzt aber genug des Desing-Nerdgasmus.

Die Uniformen sind auf jeden Fall das deutlichste Zeichen dafür, dass man hier nicht das Star Trek aus den Kinofilmen einfangen möchte, sondern jenes Star Trek, das in den Sechzigern als leicht pulpige TV-Show lief, die sich selbst noch längst nicht so ernst nahm, wie sie später von den Fans genommen wurde. Die Uniformen und der Umstand, dass am Ende des Filmes nicht das orchestrale Theme aus den Kinofilmen oder dem Vorspann der Next Generation erschallt, sondern das Aaaahaaaa-aaaahahahaha aus dem Vorspann der Fernsehserie. (Worüber Spock auch gleich den Text aus jenem Vorspann spricht, wobei im Deutschen weiterhin fälschlich davon gesprochen wird, dass die Enterprise in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Das ist vermutlich inzwischen auch ikonisch, geht also in Ordnung. Außerdem war die Enterprise in Deutschland im fünften Film ja auch exklusiv “Am Rande des Universums“.) Insofern ist es eigentlich okay, wenn der Film gezielt sagt, er möchte eher auf Action und Abenteuer denn auf Philosophie und Palaver setzen. Leider kann man damit auch übers Ziel hinausschießen.

Und damit kommen wir zum problematischen Teil des Abends: Dem Film selbst. Wer sich wundert, wieso ich soviel über das Casting und das Design gesagt habe, aber so wenig über den Film an sich, der erhält jetzt die Antwort: Weil der Film selbst nur wenig bietet, über das etwas gesagt werden könnte.

The Star Trek Wars

Um direkt damit herauszurücken: Ja, der Film ist wirklich gut in der Art wie er die Figuren etabliert, wie er mit den Figuren umgeht, wie er Trek modernisiert… aber er ist für sich betrachtet kein guter Film. Nicht das wir uns falsch verstehen, Star Trek ist auch kein schlechter Film, aber er ist längst nicht die Perle, die viele Kritiken in ihm sehen. Ganz ehrlich: Hinter der schönen Fassade steckt ein kurzweiliger, aber auch strunzdummer Sommer-Actionblockbuster. Trek leidet ganz eindeutig an einem akuten Fall von Teil-Einseritis. Tritt man mal einen Schritt zurück, lässt man den Reboot außer Acht, dann bleibt nicht viel außer einer losen Reihung an Actionszenen, die man irgendwie um die doch ziemlich egale Story gewickelt hat.

In der Kurzform: Action, Action, Action, Kirks Vater stirbt, Klein Kirk fährt Auto, Spock prügelt sich, Teenie-Kirk prügelt sich, Akademie, Action, Action, Action, Vulkan geht drauf (was dank des Trailers in dem Moment klar war, als Nero den Bohrer in den Planeten dübelt), Action, Action, Kirk landet auf dem Eisplanet, Action, Action, Action, Kirk und Spock stoppen den Bösewicht, Ende. Ein ausgefeilter Plot sieht anders aus, besonders weil die Autofahrsequenz völlig überflüssig ist: Was erfahren wir dadurch? Das Kirk schon als Kind aufmüpfig war? Toll, hätte wir ja nicht gedacht, bei der Art wie er sich als Teenager gibt. Gut, so haben wir die Beastie Boys, die Nokia-Werbung und etablieren, dass Kirk gerne über Abgründen baumelt, was er im weiteren Film wiederholt tun wird, aber hätte diese Szene gefehlt, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Ähnliches gilt eigentlich auch für den Eisplaneten, auf dem Kirk von zwei außerirdischen Monstern (Cameo: das Cloverfield-Alien) gejagt wird. Kirk hätte den faltigen Spock auch anderswo treffen können (by the way: man spreche mal von galaktischen aber für den Plot sehr angenehmen Zufällen, dass Kirk nur wenige Kilometer von Renten-Spock auf diesem Eisklotz ausgesetzt wird… die Enterprise muss neben dem Warp- auch einen Unwahrscheinlichkeitsantrieb an Bord haben), um sich die Dosis “Was bisher geschah” abzuholen. So fühlt sich die Szene doch sehr star-warsig an, besonders die großes-Monster-wird-von-größerem-Monster-gefressen-Einstellung.

Der Rest ist solide Action, durchaus schick gemacht, wenn auch unter der Idee leidend, dass in einem Actionfilm die Kamera keine Sekunde ruhig stehen darf, weil sich das Publikum sonst langweilt. Die neue Enterprise hat einen ganzen Fanblock voller Torpedos und Phaser, die sie zeitgleich in alle Richtungen abfeuern kann (erinnert mich etwas an die ISS Enterprise aus dem Spiegeluniversum), leider erkennt man das nur schwer, weil die Kamera konstant zu dicht dran und definitv zu hektisch ist. Ich mache drei Kreuze, wenn der Trend endlich vorbei ist und man mal wieder erkennen kann, was in einer Actionszene geschieht, statt es nur zu erahnen.

Verflucht, das hier ist wirklich ein extrem kurzer Textblock, aber es gibt über die Geschichte eben echt nicht viel zu sagen. Der Film wird getragen von den starken Figuren, nicht von der Handlung. Was mich vielleicht am meisten an ihm stört, ist das hier die Actionszenen nicht der Story dienen, sondern die Schmalspur-Story (nicht drüber nachdenken, sonst fällt sie in sich zusammen) da ist um die Figuren von einer Actionszene zur nächsten zu schleusen. Da wird der Wagen vor das Pferd gespannt. Das scheint zwar inzwischen Standard für Sommerblockbuster zu sein und dieser Film soll vorrangig die neue Realität und die neuen (gebrauchten) Figuren einführen, aber ich hätte mir dann doch ein kleines bisschen mehr Tiefe erhofft.

The Final Frontier

Ich denke, das kann ich so als Fazit stehen lassen: Star Trek ist nicht der geniale Film, als der er derzeit heiß gehandelt wird, sondern ein grundsolider, wenn auch relativ geistloser, Actionblockbuster mit einem extrem dünnen Handlungsimitat, der genau so schnell verdaut und vergessen sein wird, wie er geschnitten ist. Das Signet “moderner Klassiker”, das manche Kritiker hier schon vergeben, stelle ich mal ganz dezent in Frage.

Ein relativ typischer Teil Eins, also. Aber, und das ist die gute Nachricht, auch wenn Star Trek kein wirklich großartiger Film ist, der Streifen überzeugt vollkommen in dem, was seine Hauptaufgabe ist: Dem Franchise eine Frischzellenkur verpassen und den neuen Status Quo einführen. Er ist respektvoll gegenüber dem Original und ist trotzdem für Einsteiger absolut offen und zugänglich. Er präsentiert die wichtigen Figuren, legt in Grundzügen ihre Persönlichkeiten fest und zeigt Richtungen auf, in die sich die Figuren entwickeln können. Plus: Die Art wie sich die Crew untereinander verhält macht definitiv Lust auf mehr.

Ist Star Trek also ein guter erster Teil? Ja. Definitiv. Aber wenn man diese Funktion wegdenkt und sich nur auf den Film als Film konzentriert, dann stellt man schnell fest, dass der Kaiser zwar nicht nackt ist, seine Unterhose aber zumindest löchrig ist. Der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, aber um einen Film wirklich über den grünen Klee zu loben, erwarte ich dann doch mehr. Das Handlungsgerüst ist bestenfalls funktional, etwas mehr Handlung, ein Faden mehr Tiefgang, etwas mehr sozialer Kontext und ein Fingerhut voll Diplomatie, dafür dann etwas weniger Geballer, das wäre mir lieber gewesen gewesen. Und ja, da bin ich einer dieser verkrusteten Treksäcke für die der Film gar nicht gedacht ist. (Darum finden sich in ihm ja auch all die Insider-Witze, weil er nicht für die alten Trek-Seher gedacht ist) und da lasse ich mir auch gerne Ewiggestrigkeit vorwerfen und schraube mir eine Augenklappe an den Schädel.

Hey, ich sage ja gar nicht dass man einen quälend langweiligen Film wie Star Trek: The Motion Picture drehen soll, aber ein oder zwei zusätzliche Atempausen zwischen den Actionszenen und das Gefühl, dass die Actionszenen der Handlung dienen und nicht umgekehrt, das würde mir für den nächsten Film schon ausreichen. Denn abgesehen davon habe ich an Star Trek wenig auszusetzen: Das Design ist toll, das Casting gefällt, den Geist der Serie hat man eingfangen. Mit diesen Figuren hätte ich auch gegen eine neue Voyage Home nichts. Wobei vermutlich erstmal die Klingonen oder der neue Khaaaaaan im nächsten Film genutzt werden. Was für mich beides völlig in Ordnung geht.

Wenn Star Trek also auch nicht der beste Trek-Film sein mag, er findet sich definitiv in meiner Top Five wieder. Dass er sein volles Potential noch nicht ausschöpft? Kann ich tolerieren, einfach weil der Film gleichzeitig andeutet wieviel Potential vorhanden ist. Und zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt habe ich wieder richtiges Interesse an Trek entwickelt und bin wirklich gespannt darauf, wie es mit dem Reboot weitergehen wird. Der Film mag als Film an sich nicht völlig gelungen sein, die Operation Frischzellenkur allerdings darf als voller Erfolg gewertet werden. Und das ist doch auch schon was.

3/5

(Und nun mag das Flaming in der Kommentarsektion beginnen.)

A Night at the Oscars: 2008

Monday, February 25th, 2008

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Wie schon in den letzten Jahren hat ProSieben also sein filmerfahrenes Dreamteam bestehend aus Steven Gätjen und Annemarie Warnkross nach Hollywood geschickt, was einmal mehr mit Nachdruck unterstrichen hat, dass die Oscars keine Filmveranstaltung sind, sondern in erster Linie eine Promiwichsparade, die man dann schön am Abend nochmal bei taff abfeiern kann. Anders ist der Kommentar von Annemarie Warnkross wohl nicht zu verstehen, dass in der Kategorie “Bester Hauptdarsteller” dieses Jahr drei, O-Ton, richtige Womanizer und zwei kantige Charakterdarsteller nominiert wären. Weil sich das Vorgejaule keiner antun konnte, habe ich mich dann entschlossen noch eine Partie Civilization IV zu spielen und die Erde zur Klimaerwärmung zu nuken. Als kleinen Ausgleich. Nur für den Fall, dass Hollywood dieses Jahr wieder sein ökologisches Gewissen ins Rampenlicht schieben würde. Was dann, Gott sei Dank, nicht passiert ist. Umweltschutz ist ja sooooo 2007. Dieses Jahr wird wieder gefeiert als wäre es 1999.

Gelegentlich machte ich den Fehler und stellte doch mal den Ton an der Glotze an, was dann zu einem akuten Anfall von Fremdschämen führte. Annemarie Warnkross, deren Talent bei der Männerwahl mal unkommentiert bleibt, wird zumindest von den Hollywoodstars ferngehalten. Anders als Steven Gätjen, der auf dem Roten Teppich steht und ganz dicht dran ist an den Stars. Einmal hat er George Clooney vier Minuten dabei zugeguckt, wie der FOX ein Interview gegeben hat. Wobei die Momente in denen Gätjen keine Stars vor dem Mikro hat, sondern sie nur aus Distanz anhimmeln darf, noch die besseren sind. Besser als die Momente in denen der Kerl neben ihm den ein oder anderen Topstar ranholt, nur damit Gätjen dann George Clooney, Jessica Alba oder sonstwen fragen darf, was die eigentlich so von Deutschland halten.

Argh! Korrektur, das war kein Fremdschämen, das war eine akute Scham dafür Deutscher und somit Landsmann von Gätjen und irgendwie kollektiv Mitschuld an dessen Verbrechen gegen die Teppichetikette zu sein, an seinen peinlichen “Deutsch gut?”-Momenten. Ich wette, es sind Leute wie Steven Gätjen die dafür verantwortlich sind, dass Deutsche in Hollywoodfilmen auch in den nächsten achtzig Jahren entweder ultra-böse oder fett-peinliche Tölpel sind. Vielleicht sollten wir uns auflösen und uns den USA als Protektorat unterwerfen, oder sowas. Anyway: Dann musste Gätjen dem Regisseur der österreichisch-deutschen Co-Produktion Die Fälscher auch noch an den Kopf werfen, dass dieses Interview ja letztes Jahr Florian Dingsbums von Donnerbalken Glück gebracht und er den Oscar gewonnen hat… und ausgerechnet Die Fälscher gewinnt dieses Jahr auch in der Kategorie Bester Ausländischer Film. Scheiße, da wird Gätjens Ego komplett explodieren. Das wird er nächstes Jahr jedem Promi reinwürgen, der ihm aus Versehen ins Mikro läuft. Brrrrr… Pre-Shows sindwirklich so nützlich wie ein zweiter Kropf.

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Nach Ellen DeGeneres durfte also dieses Jahr Jon Stewart zum zweiten Mal den Host geben. Nach der sehr gemischt aufgenommenen Performance bei den 2006er Oscars war das keine Selbstverständlichkeit. But for all it’s worth: Stewart war dieses Jahr solide und fühlte sich in seiner Rolle definitiv wohler als noch vor zwei Jahren. Die ganze Veranstaltung war leider so trocken und weitgehend überraschungsfrei, dass man gehofft hätte, Stewart würde seine Passagen ein wenig hochschrauben, würde ein wenig mehr aufs Gas treten. Aber er tat es nicht und das ist okay. Die Academy Awards sollen sich nicht um den Zeremonienmeister drehen, sondern um die Sieger und die Verlierer Nominierten. Das weiß Stewart und hielt sich dementsprechend etwas bedeckter.

Ein paar nette Schwinger konnte er anbringen. Gleich am Anfang erwähnte er, dass die Vanity Fair Oscar Party dieses Jahr abgesagt worden wäre. Aus Respekt vor den streikenden Autoren. Und fragte dann, ob Vanity Fair wüsste wie man den Streikenden wirklich Respekt erweisen könnte: Indem man mal ein paar Autoren auf die Vanity Fair Oscar Party einläd. Uuuuuh, ice burn. Ansonsten ein paar Quips über die übliche länge der Veranstaltung, die Selbstgefälligkeit des ganzen Brimboriums und der schöne Satz zur Oscar-Nominierung für Norbit: “Too often the Academy ignores movies that are not good.” Ein Satz dem ich widersprechen würde, besonders weil er direkt danach George Clooneys Michael Clayton gepriesen hat, den ich für den überbewertetsten Film seit langer Zeit halte.

Die politischen Witze waren oft zu direkt und nicht sonderlich lustig, besonders der “Gaydolf Titler“-Witz war so schlecht, dass er weh tat… was schon wieder fast Respekt verdient, aber eher zur Daily Show als zum gestrigen Abend gepasst hätte. Wird trotzdem ein sehr beliebter Nick auf Filmforen dieser Welt werden. Besser war da schon sein Kommentar zu Obama und Hillary: “Usually when you see a black or a woman president, an asteroid is about to hit the statue of liberty.” Nur um dann zu fragen: Wie sollen wir jetzt wissen, dass ein Film in der Zukunft spielt? Das Publikum war definitiv dankbar, als Stewart die Gefahrenzone Politwitze wieder verließ.

Während der Gag, dass Stewart die Pausen nutzt um Wii auf der großen Leinwand zu spielen nicht so recht zündete, so wie auch der Witz darüber wen Cate Blanchett alles spielt, mochte ich den Kommentar bezüglich dessen, was das Publikum im Kodak Theatre so während der Pausen treibt: “We’re sitting around, making catty remarks about the outfits you are wearing at home.” Amüsant auch der Moment, in dem die Schwangeren im Publikum – Nicole Kidman, Jessica Alba und Renee Zellweger – so gezeigt wurden, wie sonst die nominierten für einen Oscar, während Stewart frotzelte: “And the baby goes to… Angelina Jolie.”

Insgesamt eine solide, aber nie überwältigende Performance von Mr. Stewart. Passend zu einem nie überwältigenden Abend.

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Ist der Autorenstreik in Hollywood wirklich vorbei? So recht glauben kann ich das nach Oscar – Part LXXX ja nicht, denn das gestern war die erste Oscarverleihung bei der mehr Montagen als Schauspieler anwesend waren. Beinahe jede Kategorie wurde eingeleitet mit einer Montage, die zeigte wer so in der Vergangenheit mal diese Kategorie angesagt oder gewonnen hat. Oder eine Achtzig-Jahre-sind-wir-geil-Montage, unterlegt mit “My Heart Will Go On” von Celine Dion. Mit welchem Recht vergeben solche Leute, die sowas als musikalische Untermalung verwenden, Oscars für die beste Musik? Wobei, auf das Thema kommen wir nochmal später zurück…

Die Montagen waren lang und langweilig. Zu schnell geschnitten um wirklich zu wirkungsvoll zu sein und zu häufig um zum Schwelgen in Erinnerungen zu ermuntern. Stattdessen war die Reaktion: Noch eine Montage? Gott, nein! Sogar Stewart scherzte darüber, dass es zuviele Montagen gab und präsentierte dann zwei Montagen über “Schlechte Träume” und “Ferngläser und Teleskope im Film”. Nur um dann ganz ironiefrei Jerry Seinfeld als computeranimierte Biene aus Bee Movie einen Award verleihen zu lassen, der dabei erstmal eine Montage über Bienen im Film präsentierte. Gut geplant, ihr Genies. (Apropos Bienen: Kann in einem der Marvelfilme bitte endlich mal Swarm als Superschurke auftauchen? Ein Nazi, der komplett aus Bienen besteht. Wie cool ist das für einen Schurken, bitte schön?)

Ja, es war ein Jubiläum. Aber nur Montagen vergangener Tage zu zeigen, macht die aktuelle Veranstaltung nicht reizvoller. Stattdessen wirkt es so, als wolle man von geborgtem Ruhm leben. Hey, wir waren mal gut. Wir waren mal was wert. Erinnert ihr euch noch als wir von Billy Crystal moderiert wurden? An die Dankesrede von Cuba Gooding, Jr.? An Roberto Benigni der über Stuhlreihen springt? An die Ansage von Jack Lemmon und Walter Matthau? Die war gut oder? Sowas gibt es dieses Jahr aber nicht.

Die meisten Dankesredner werden dank der aufspielenden Kapelle von der Bühne gefegt, ehe sie denkwürdig werden können. Und viele der Anmoderationen wirkten so glanzlos, als hätte man sie fünf Minuten vorher hinter der Bühne schnell aus dem Ärmel geschüttelt. Steve Carrell hatte wieder einen amüsanten Moment, die Dankesreden von Tilda Swinton und Daniel-Day Lewis (ich tue einfach mal so, als habe er diesen Oscar für Gangs of New York bekommen) waren gefällig und Marion Cotillards Dankesrede war charmant. Ganz anders als der dünne Urwaldfummel von Diablo Cody. Der zudem damit clashte, dass ihre Schuhe eine Million Dollar kosteten.

Aber einen wirklich denkwürdigen Moment gab es nicht. Stattdessen mehr und mehr Montagen von Leuten, die es mal gegeben hat oder immer noch gibt und die mal dabei waren oder immer noch sind. Denn früher war alles besser. Und so stark wie man sich auf die Montagen oder Interviews mit ehemaligen Gewinnern (Spielberg, Elton John, Michael Douglas & Catherine Zeta Jones) verließ um den Job zu tun, so wenig schrieb man den Anmoderatoren oder Jon Stewart wirklich gute Mono- bzw. Dialoge. In dieser Form hätte man sich die Montagen auch schenken können, die Gewinner schnell verlesen und uns alle früh ins Bett schicken. So wie man das bei den Golden Globes gemacht hat. Viel spektakulärer fühlte sich das hier auch nicht an. Wenn es stimmt, dass man den Streik nur den Oscars wegen beendet hat, dann war das vergeudete Liebesmühe. Vielleicht war das aber auch ein Komplott der Autoren um Hollywood die eigene Bedeutung nochmal klar zu machen… uuuh. Conspiracy, baby.

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Eine der Montagen, die von Jack Nicholson anmoderiert wurde, war eine nette Idee: Die besten Filme der letzten 79 Jahre der Reihe nach kurz angespielt. Dauerte dann leider auch gefühlte 79 Jahre. Und erinnerte mich daran, dass diese Einschätzung sehr aus dem Leben gegriffen ist: “It’s also true that the winner of Best Picture every year is not, to be kind, the actual best picture of the year. Chances are the winner isn’t even the best picture that came out that weekend.

Bezeichnend, wieviele Oscargewinner inzwischen vergessen sind: Von den Filmen vor 1950 kenne ich fast keinen einzigen, dafür konnten die Sechziger und Siebziger mit einigen sehr starken Gewinnern aufwarten. Gerade in den Siebzigern würde ich nur in zwei oder drei Jahren der Einschätzung widersprechen. Die frühen Achtziger und fast alles seit den Neunzigern ist derweil wieder ein Beleg dafür, wie oft die Academy an meinem eigenen Filmgefühl vorbeihaut und mittelprächtigen Streifen den kleinen nackten Goldkerl aufs Poster klebt: Bravehart war Bester Film? Ehrlich? The English Patient, Titanic, A Beautiful Mind, Return of the King, American Beauty, Gladiator… oh Academy, du musst da noch so einiges gut machen, für diese letzten fünfzehn Jahre.

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Ein Einspieler – offenbar von der Academy selbst produziert und nicht von Stewarts Autorenteam – erklärte, wie es so von der Nominierung zum Oscargewinn geht. War eher unspektakulär, was auch Stewart danach spöttisch bemerkte. Und ich hatte auch das Gefühl, dass ich die letztes Jahr schonmal gesehen hätte. Bilde ich mir vielleicht ein. (Nicht dass es im seichten Umfeld dieser Show besonders aufgefallen wäre.) Bemerkenswert daran: Michael Bay gehört zu den Leuten, die über die Oscars abstimmen. Michael Bay. Ich vermute jetzt Mal, dass der für Regie und bester Film abstimmen darf. Was wahrscheinlich so einige Entscheidungen erklären dürfte, die ich oben kritisierte. Jesses… Michael Bay? Das ist ja so als wenn Josef Stalin Stimmrecht beim Friedensnobelpreis erhalten würde. Echt, Academy, manchmal machst du mich fertig.

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Wo Atonement schon einen Oscar für den besten Original Score abgeräumt hat, hier nochmal mein persönlicher Pet Peeve mit dem Film. Oder genauer: Mit den Zuschauern. Der Film heißt im deutschen Abbitte. Das ist ein deutsches Wort. Ab-bitte. Es ist die deutsche Übersetzung des englischen Worts “atonement”. Sühne tun, Buße tun, Abbitte leisten. Der Film heißt nicht Abbité, das ist kein französisches Wort. Warum sollte der Film in Deutschland nach einem französischen Wort heißen, das verdammt noch eines Mit “atonement” nichts zu tun hat, wenn das deutsche Wort eine direkte Übersetzung von “atonement” ist? Besonders wo der Streifen in Frankreich Reviens-moi heißt, was wieder eine Übersetzung von “atonement” ist. Hey, schön dass ihr Kunstfilme mögt, die auf Büchern von Ian McEwan basieren, aber ihr müsst es mit eurem Kunstfilmgewichse nicht übertreiben. Erinnert mich wieder mal an die Französin, die mich korrigierte: “Non, non, non… ‘eez called Jaques Nicólson.”

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Was ich, trotz der Montagen aus achtzig Jahren Hollywood nicht so recht glauben kann, dass es mal Oscars ohne Jack Nicholson gab. Nicholson in der ersten Reihe, mit der Sonnenbrille auf der Nase und einer Riposte zu jedem Gag, der über ihn gemacht wird, das ist schon sehr zentral für die Oscar-Verleihung. Heute waren es zwei Witze: Josh Brolin und James McAvoy banden ihn in ihre Anmoderation für das Beste Adaptierte Drehbuch ein und Jon Stewart scherzte, dass der Schwangerschaftscount hier bis zum Ende des Abends noch in die Höhe gehen würde, da Jack ja anwesend wäre.

Auch wenn sich fast nichts anderes dieses Jahr nach einer Oscarverleihung angefühlt hat, ohne Jack Nicholson wäre der Abend ganz auseinandergefallen. Wobei er sich beim Präsentieren der Montage für die Gewinner des Bester-Film-Oscars der letzten siebenundneunzig Jahre zwar eine neue Brille aufsetzte, aber den eigentlichen Text dann gelangweilt runterlas. Dafür ist Nicholson dann wohl doch schon zu lange dabei… oh, ist die Sonnenbrille die er in dem Clip aus den Siebzigern trägt eigentlich die selbe Sonnenbrille, die er heute noch trägt? Falls ja: Kudos, Mr. N.

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Was man der Firma mal sagen sollte, die diesen Abend sponsort: Das hier ist ein amerikanisches Format. Das hat viel mehr Werbepausen als so ein deutsches Format hat. Ergo: Ich musste Radebergers “Magische Momente”-Einspieler gefühlte zwei Millionen mal ertragen. Was doppelt schlimm war, weil die magischen Momente mehr als dünn gesäht waren, in der gestrigen Nacht. Ich habe noch nie ein Radeberger getrunken und nach dem Dauerbombardement von gestern Nacht will ich das auch niemals tun. So wie ich auch nie die Killerqueen boxen sehen will oder mir Germany’s Next Top Model angucken möchte (ja, wir brauchen schon wieder ein neues Topmodel, denn das letzte Topmodel hat’s ja zu was gebracht… Werbung für Shampoo und C&A… na, Hammer… das hätte man ja ohne ein Fernsehcasting nie erreicht… ich danke der Academy, Bruce Darnell…)

Worauf ich hinaus will: Findet ein Zweit- und Drittsponsor, dann bin ich euch dankbar dass ich mir die Oscars angucken kann ohne dafür blechen zu müssen, weil ich euren Clip nicht alle fünf Minuten sehen muss. In dieser Form schadet ihr eurem Image mehr, als ihr das Teil aufpoliert.

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Musikalisch hat man sich dieses Jahr ein wenig von dem Fehlgriff des letzten Jahres erholt, als man aus mir absolut unverständlichen Gründen – okay, es waren die Öko-Oscars und Öko gehört offenbar immer mit schlechter Musik zusammen – der ollen Melissa Etheridge den Goldkopp an selbigen warf. Dieses Jahr gewann ein Lied aus Once, den ich noch nicht gesehen habe. Von den nominierten Songs definitiv der beste. Sicher: Das ist mal wieder wie der Oscar als Der Welt Größter Zwerg. Und auch klar, das war eher kuschelpoppiges Softiegewinsel… aber wenn man bedenkt was die Academy sonst so an konservativer Filmmusik mag, dann wirkte die Nummer schon fast wie echter Rock ‘n’ Roll. Hey, erinnert sich noch jemand als der Song aus South Park – The Movie nominiert war? Good times…

Dieses Jahr waren daneben drei Songs aus Enchanted nominiert. Jesses, das muss ein richtig schwaches Musikjahr gewesen sein für Hollywood. (So wie jedes Jahr.) Besonders weil die drei Songs offensichtlich einen filmischen Kontext und Special Effects brauchen um zu wirken. Kleine Vögel, die das tun was die Schnalle auf der Bühne gerade besingt. So haben die Lieder absolut keinen Effekt, außer mich noch mehr anzuöden als der Rest der Veranstaltung. Der Gospelsong aus August Rush litt derweil darunter, dass der Sound total übersteuert war und das Ganze darum so klang, als wenn man ihn auf einem alten Victrola abspielen würde. Oh, und kann man eigentlich ein Gesetz dagegen erlassen, dass gleich drei Songs aus einem einzigen Film nominiert werden?

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Aus der Abteilung “schöne Momente, schlechte Momente”: Ein schöner Moment war es, als Jon Stewart Marketa Irglova nochmal auf die Bühne holte, weil sie und ihr Partner Glen Hansard nach dem Sieg in der Kategorie “Bester Song” von der Bühne musiziert wurden, noch ehe sie den Mund aufmachen konnte. Auch wenn das eine kalkulierte Nummer von Stewart war um dem Abend zumindest ein kleines Feel-Good-Feeling (schönes Wortgebinde, nicht?) aufzudrücken. Schade nur, dass die Rede ein so langatmiges Glaubt-An-Euch-Selbst-Geseibel war, dass ich mir sofort wünschte, die Kapelle würde sie nochmal von der Bühne spielen. Und ich weiß, ich bin kein guter Mensch.

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Eine Montage gibt es natürlich jedes Jahr. Die Sieger des Hollywood Death Pools – gemessen am Applaus – waren dieses Jahr Deborah Kerr und Ingmar Bergman. Bei Heath Ledger ist unklar wieviel Applaus für ihn bestimmt war und wieviel daher rührte, dass er der letzte in der Montage war. Ein einzelner Fan klatschte für Jack Valenti, den Chef der MPAA, ehe ihn seine Sitznachbarn vermöbelten.

Was gar nicht geht, ist dass man Roy Scheider aus der Montage herausgehalten hat. Gut: Man nimmt nur Menschen auf, die bis zum 31. Januar gestorben sind… aber warum das Datum? Es ist nicht so, als wenn es unmöglicher Arbeitsaufwand wäre noch ein oder zwei Clips mehr in so eine Montage zu schneiden. Sorry, Academy, das wirkt billig, undankbar und erbsenzählerisch. So long, Mr. Scheider.

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Um sich von dem Image als linkskommunistische Amerikahasser loszusagen (Stewart: “Have you had a chance to study and pick the Democrat you’ll vote for?“), das man ja letztes Jahr noch pflegte, lies die Academy dieses Mal den Oscar für die beste Kurzdoku von ein paar im Irak stationierten Soldaten präsentieren, die man garantiert nicht live zuschaltete. Riskantes Spiel, liebe Academy. Was wenn der Umschlag mit dem Sieger dem Feind in die Hände gefallen und dann via al-Jazeera weltweit bekannt gemacht worden wäre? Dann hätten doch die Terroristen gewonnen.

Warum die Truppen diese Kategorie ansagen, erwähnt der erste der Soldaten: “We watch a lot of movies over here, and love them all.” Because our Sergeant told us to. Offensichtlich trainiert die USArmy ihre Soldaten nicht zu sonderlich kritischen Cineasten heran, wenn ihnen wirklich jeder Film gefällt. Seltsam, ausgerechnet die Soldaten diese Kategorie verlesen zu lassen, wo gerade Dokus doch normalerweise nicht eben regierungsfreundlich zu sein pflegen. Anyway: Es gewinnt, Gott sei Dank, kein Film über den Irakkrieg, sondern einer über heulende Lesben. Was auch nur bedingt besser ist, wenn man bedenkt, dass Homosexuelle für das Militär noch immer ein Reizthema sind.

Und direkt danach gewann dann den Film für die beste Doku Taxi to the Dark Side. Ein Film darüber wie die Alliierten im Krieg gegen den Terror auf Folter setzen. Zumindest sagte die Kategorie Tom Hanks an, nicht die Soldaten im Irak. Trotzdem: Hätten die Jungs und Mädels nicht vielleicht besser einen Technik-Oscar verleihen sollen? Wäre weniger seltsam gewesen für alle Beteiligten.

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Das Ratatouille und nicht Persepolis den besten animierten Film gewonnen hat ist bedauernswert, aber nicht eben überraschend. Favoritensieg, dieses Mal ohne animierte Figuren im Publikum. Wobei man einen wirklich fürchterlichen Clip ausgewählt hat um Persepolis zu repräsentieren. Und sich die Frage stellt, ob eine einzige Kategorie Bester Animierter Film der Sache wirklich gerecht wird. Immerhin sind Ratatouille und Persepolis zwei so unterschiedliche Filme, dass es fast unmöglich ist sie fair zu vergleichen. Kann ein animierter Film eigentlich auch als Bester Film nominiert werden? Falls ja hätte ich Persepolis, glaube ich, lieber in der Kategorie gesehen als neben Surf’s Up und Ratatouille in der Kleinkategorie. Ohne den beiden Filmen etwas absprechen zu wollen. Na schön, nächstes Jahr dann Wall-E, gell Academy.

Wobei Hollywood natürlich zumindest ein paar Oscars natürlich an Filme geben muss, die das Publikum auch wirklich gesehen hat. Den Vorwurf “out of touch” zu sein, will man sich nicht jedes Jahr anhören müssen.

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Vermeidungsstrategien um nicht bei der Dankesrede von der Bühne gespielt zu werden (was immer noch unhöflich und undankbar wirkt, auch wenn die Show sonst sieben Stunden dauern würde): Die Dankesrede auf Spanisch halten, wie Javier Bardem. So schafft man rund drei Mal soviel zu sagen wie ein Engländer oder Amerikaner in der selben Zeit. Schlecht ist hingegen die Idee eine Dankesrede zu starten mit: “I have a lot of people to thank.” Das ist der Hinweis für das Orchester sofort aufzuspielen.

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Mit dem Nebenrollenoscar für Tilda Swinton kann ich leben, glaube ich. Im Retrospex war sie, zusammen mit Tom Wilkinson, das einzig wirklich Gute an Michael Clayton. Interessante Dankesrede, die sie da in ihrem Müllsack hielt. Besonders die Erwähnung der Gumminippel an George Clooneys Kostüm in Batman & Robin fand ich gut. Gut auch, dass der Film in keiner der großen Kategorien gepunktet hat. Vielleicht ist ja doch nicht alles in Hollywood schlecht.

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Die Favoriten hatten dieses Jahr Heimspiel. Bis auf Tilda Swinton und Marion Cotillard gewannen in fast jeder Kategorie die prophezeiten Favoriten: No Country for Old Men ist mit vier Oscars der Gewinner de Abends. Nett wie Ethan Cohen schon beim ersten Oscar die Fassung verlor und nicht mehr hervorbrachte als: “We, uh … thank you very much.” Davon erholte er sich aber relativ schnell, als er beim Regieoscar sagte: “I don’t have a lot to add to what I said earlier: Thank you.” Charmant. Und es tat gut Scorsese da oben stehen zu sehen, nachdem er letztes Jahr endlich von der Academy gewürdigt wurde. Das hat er sich verdient.

There Will Be Blood gilt somit bei den zynischen Aufrechnern als Verlier des Abends, weil er nur in einer der Hauptkategorien gewonnen hat. Wobei auch Daniel Day-Lewis ja schon vorher wusste, dass er den Oscar bekommen würde. Ich hätte allerdings auch bei einem Oscar für Johnny Depp nicht protestiert und mit dem Oscar für Tommy Lee Jones leben können, der In the Valley of Elah wirklich fast im Alleingang getragen hat. Kein zweiter Oscar für George Clooneys Michael Clayton. Damit kann ich leben.

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Sonstiges in der Kurzform: +++ Der Make-Up-Sieger für La Vie En Rose sieht aus wie Horst Schlämmer. +++ Der Art Direction Oscar für Sweeney Todd geht voll in Ordnung. +++ Auch okay, dass es keinen Oscar für Philip Seymour Hoffman gab. Gut gespielt hat er, aber man merkte halt doch immer, dass er gespielt hat. Skript und Schnauzer standen ihm da im Weg. +++ Schön zu sehen, dass Owen Wilson einfach weitermacht, nach der Suizid-Geschichte. Auch wenn seine Performance beim Vorlesen sehr blass war. +++ Fast so blass wie der alte Harrison Ford, der wirkte als wenn er jeden Moment bei Präsentieren wegratzen würde. +++ Renee Zellweger sieht nicht mehr aus wie ein Mensch, dafür Cameron Diaz wieder etwas mehr… nur ablesen kann sie nicht. +++ Nicole Kidman finde ich immer noch grässlich. +++ Ich mochte die zwei Dicken, die darum stritten wer von ihnen Dame Judy Dench und wer Halle Berry ist. Wer waren die beiden? +++ Geht mein Fernseher kaputt, oder war die Bildqualität gestern teilweise unter aller Sau bei den Einspielern? +++ Bester Satz des Abends: Der 98 Jahre alte Lebenswerkgewinner, der festhielt: “That’s the good part about getting old. I don’t recommend the other.

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Letztes Jahr subsummierte ich: “Da muss man noch einmal gut nachlegen um das 80. Jubiläum nächstes Jahr zu etwas ganz besonderem werden zu lassen.” Tja. Scheißkohl, Weißkohl. Das Beste an diesen Oscars war, dass sie nur bis kurz vor Sechs gingen und somit zu den kürzesten Oscars der letzten Jahrzehte gehörten. Dafür waren es aber auch mit die langweiligsten Oscars aller Zeiten. Die Montagen waren mehr und länger, die Musikauswahl war noch immer scheiße und wirklich magische Momente gibt es nur, wenn man sie gezielt sucht.

Das fühlte sich an, als hätte man bis zum Ende nicht mehr geplant als die Golden Globes zu imitieren und einfach nur gelangweilt die Namen der Gewinner zu verlesen. Dazwischen: Montagen. Gut, der Streik endete leider, aber die schönen Montagen konnte man ja nicht wegwerfen, die müssen doch versendet werden. Also baute man sie trotzdem alle fünf Minuten in die Show ein. So als könne man damit überspielen, wie glanzlos dieser Abend war, wie blass die Ansprachen und wie unspektakulär die Liveteile waren. Glamour aus der Dose schmeckt einfach ranzig. Und, ganz ehrlich, wir gucken die Oscars wegen emotionaler Highlights und – hoffentlich – amüsanter Reden. Die sind gerade dann wichtig, wenn es den ganzen Abend keine echten Überraschungen gibt. Wenn ihr die jetzt auch noch auf ein Minimum zusammendampft, dann wirkt die ganze Veranstaltung noch mehr wie selbstgefälliges Rückengeklopfe, dem es egal ist ob es unterhält oder nicht.

Gerade die zweite Hälfte, wenn die Technikoscars aus dem Weg sind, muss umstrukturiert werden. Mehr Live-Interaktion, weniger Musiknummern und Montagen. Ab da ist jede Kreativität aus dem Saal, besonders da die Veranstaltung schon so lange läuft, dass keiner mehr richtig Lust hat. Stattdessen werden ausgerechnet die wichtigsten Auszeichnungen des Jahres mit einem “hopp, hopp, hopp” durchgeprügelt. Und dann all die Montagen, auf denen man Menschen sah, die mehr Spaß bei ihren Oscarverleihungen hatten, weil sie nicht die ganze Zeit all die Montagen von Leuten sehen, mussten die mehr Spaß auf ihren Oscarverleihungen hatte, weil sie nicht die ganze Zeit all die eben genannten Montagen sehen mussten. Hoffentlich gibt es Montagequoten. Dann hätte Hollywood hier seinen Montagevorrat für die nächsten vierzig Jahre aufgebraucht.

Was darauf hoffen lässt, dass man sich nächstes Jahr wieder eher darauf verlässt die Menschen aus der Gegenwart spontan Oscargeschichte schreiben zu lassen, statt von der Oscargeschichte aus der Rumpelkammer an die Seite gedrückt zu werden. Denn in dieser Form beraubt sich die Oscarverleihung ihrer eigenen Zukunft: In dieser montagenüberfrachteten Show entstanden nicht genug Momente, die es in zukünftige Montagen schaffen werden.

Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr

Sunday, January 13th, 2008

Es mag Sie, werte Leserschaft, vielleicht überraschen, aber es ist nur Wahlkampf in Hessen. Das mag man kaum glauben, angesichts des Umstands, dass sich CDU und SPD derart in die Wolle gekriegt haben, dass die rabiateren Parteimitglieder schon vorschlugen, vor die Kuppel des Reichstags ein “Donner-” zu setzen und die Koalitionsstreitigkeiten dann darin ein- für allemal auszutragen. Und sogar unsere Bundesaußenministerin Angela Merkel hat sich getraut auf einen Staatsbesuch und für eine Wahlkampfempfehlung in Deutschland vorbeizuschauen. Ein beeindruckendes Schauspiel, bedenkt man dass der Halleysche Komet öfter an Deutschland vorbeikommt als das Merkel.

Dem Hessen-Dagon, dem brutalstmöglichen Aufklärer aller Zeiten, ging in den letzten Wochen der Arsch ein wenig auf Grundeis. Obwohl die SPD eine Kandidatin ins Rennen um den Ministerpräsidentenposten schickte, die den wohl unwahrscheinlichsten Nachnamen aller Zeiten vorweisen kann und von der man eigentlich erwarten sollte, dass sie nur grün-karierte Ganzkörperanzüge trägt, begann Dagons absolute Mehrheit in Hessen zu schwinden. Und während die SPD mantrahaft skandierte “Mindestlohn! Mindestlohn! We accept you! We accept you! One of us! One of us! Mindestlohn! Mindestlohn!“, begann in Dagons Unterwasserhauptquartier die Suche nach einem geeigneten Wahlkampfthema.

Zynisch und menschenverachtend wäre es, würde man Dagon unterstellen, dass ihm der brutale U-Bahnangriff zweier junger Männer, die zunächst von der Presse als “Raucher“, dann als “mit Migrationshintergrund” indentifiziert wurden (worauf man vielleicht dank des “Scheißdeutscher” auch direkt hätte kommen können), gelegen gekommen wäre. Erstmal musste nämlich der allgemeine Gefahrenraum U-Bahnhof, von dem wir schon lange wussten, dass dort primär Morlocks hausen, seine volle Wirkung entfalten. Zwei weitere Übergriffe in München. Dann ein Vierter. Weitere Übergriffe in Frankfurt und Berlin folgten. Und in Heilbronn sogar einer ganz ohne U-Bahn.

Dass “Jugendgewalt” und “Gewalt durch jugendliche mit Migrationshintergrund” heiße Eisen sind, die es anzupacken gilt, das ist wohl unbestreitbar. Aber die Form in der das hier stattfindet, ist wieder ein Musterbeispiel dafür, warum man sich von Medien und Politik regelmäßig verschaukelt fühlen darf, denn einmal mehr haben wir viel Lärm um Nichts. Wobei ich mit Nichts nicht das Problem meine, sondern das was am Ende bei dieser Debatte mal wieder rauskommen und die Situation verbessern wird: Nichts.

Beginnen wir mit der Rolle der Medien: Jeden Tag liest man jetzt über ein bis zwei weitere Übergriffe von Jugendlichen. Was die Frage offenwirft: Ist seit dem ersten Angriff in München die Quote der von Jugendlichen begangenen Gewalttaten um mehrere tausend Prozent explodiert? Oder ist das ein weiterer Beleg dafür, wie die Medien eine gefühlte Bedrohung erschaffen können, die in der Form nicht mit den realen Daten übereinstimmt.

Meine, nicht mit Statistiken abgedeckte, These: Die Jugendgewalt ist ähnlich hoch wie sie vor einem Monat war… und sie wird ähnlich hoch sein wie nächsten Monat, wenn die Medien eine neue Sau gefunden haben, auf der sie splitterfasernackt durchs Dorf reiten, während die Übergriffe von Jugendlichen (egal ob Rauchern, Migranten oder rauchenden Migranten) keine Sendezeit mehr bekommen, weil sie nicht so interessant sind wie Britney Spears neueste Eskapaden. Mal wieder an den Federn herbeigezerrter Vergleichsfall: Die Vogelgrippe, die immer noch so gefährlich ist wie im Frühjahr 2006, die aber seit über einem Jahr total uninteressant zu sein scheint und in den Medien, wenn überhaupt, unter “inferior news” abgelegt wird. Weshalb plötzlich weniger Handlungsbedarf zu bestehen scheint, als noch vor knapp zwei Jahren.

Es gilt also für die Politik schnell zu handeln, ehe das ohnehin begrenzte Zeitfenster sich geschlossen hat: Sonst steht man mit seinen tollen Konzepten da und der aufgebrachte Volksmob hat sich schon auf das nächste Entrüstungskonzert begeben. Wie immer wenn sich komplexe Probleme stellen und man nicht viel Zeit hat um die Probleme anzugehen, mein Wahlbenachrichtungszettel läd mich für den 27. Jännar in das Wahllokal meines Vertrauens ein, gilt es Entschlossenheit und Härte der Hand zu demonstrieren: Warnschußarrest, Erziehungscamps und “schnellere Ausweisungen” sind die Zauberworte der Stunde.

Bestimmte Probleme mit diesen Vorschlägen, etwa dass “Jugendliche mit Migrationshintergrund” eben nicht gleichbedeutend mit “Ausländer” ist, weil das Kinder von Ausländern sind, die zum Teil schon in der dritten Generation in Deutschland leben und ihre “Passheimat” nie gesehen haben, die fragwürdigen Methoden der Erziehungscamps oder der Umstand dass die Einsparungen bei Polizei und Justiz – die jetzt bemägelt werden – von Dagon selbst ausgingen, werden schnell beiseite gewischt, denn um echte Politik geht es hier ja nicht. Um die echte Politik kann man sich nach dem Wahlsieg kümmern, wenn das Thema wieder vergessen und möglichst stiefmütterlich behandelt wird. Jetzt geht es darum Angst zu nutzen und auf einer Stimmung zu surfen.

Eine Stimmung die auch von der ZEITUNG quotenträchtig geschürt wird. Anderswo werden derweil die alten Feindbilder mal wieder rausgekramt, statt ernsthaft zu debattieren: “Kulturbereicherer”, “Musels”, “die 68er”, “Multikultipsychopathen” und “Gutmenschen”. Es läuft etwas falsch in der Bundesrepublik wenn ausgerechnet Christian Pfeiffer als mäßigende Stimme auftritt.

Anyway: Die Jugendgewalt hat es geschafft zum ersten großen Themenblock des Jahres 2008 zu werden. Was, zugegebenermaßen, eine ziemliche Leistung war. Immerhin hat sie sich da gegen ein Joint Venture aus zwei anderen Themenblöcken durchgesetzt: Letztes Jahr um diese Zeit war das große Thema natürlich Knut, der kleine Eisbär, Scheißbär. Im Dezember war das große Thema derweil Eltern die am Tod ihrer Kinder schuld sind. Man sollte annehmen, dass die Kombination beider Themen – Eltern die ihre niedlichen Eisbärkinder umbringen – die öffentliche Aufmerksamkeit vollends binden sollte. Tja, Pustekuchen: Selbst niedlicher Eisbärkannibalismus hatte keine Schnitte gegen die gewalttätigen Jugendlichen.

Das Thema war, wie das im zynischen Jargon heißt, sexy geworden. Jetzt schnell ein Statement oder eine Paper dazu der Presse lancieren und man konnte sicher sein, dass man ein wenig von der medialen Aufmerksamkeit bekommt, die man so dringend benötigt. Das Problem: Die wirklich guten Positionen “law and order” oder “mehr Jugendförderung” hatten sich schon die Politgranden Koch, Merkel, Struck und Zypries unter den Nagel gerissen. Was natürlich niemanden davon abhalten sollte, sinnlose Geisterfahrerdebatten zu eröffnen, um auch ein Stück des Medienkuchens abzubekommen. Und damit sind wir auf dem Nebenkriegsschauplatz, um den es hier eigentlich gehen soll.

Auftritt: Friedbert Pflüger. Pfriedbert Flüger ist ein Gewinnertyp, den nichts vom Gewinnen abhalten kann. Nicht einmal die Realität. Damals, anno domini 2006, verkündete er siegesbewusst: “Die CDU in Berlin ist wieder da, nach fünf schweren Jahren.” Wohlgemerkt, nachdem die Berliner CDU gerade ein schlechteres Ergebnis – das zweitschlechteste in ihrer Historie – eingefahren hatte als noch vor fünf Jahren. Und vor einer Woche, am 6. Januar, da war Pflüger plötzlich wieder da.

Pflüger will Morde erst nach 20 Uhr sehen“, sprang mich die Schlagzeile an. Was ich schon irgendwie verwunderlich fand. Waren Morde bisher vor 20 Uhr gesetzlich erlaubt? Hatte ich die große Chance vertan unausstehliche Mitmenschen vor fahrende Busse zu schubsen oder nervtötenden Hausierern mit der Axt den Scheitel nachzuziehen? Und sollte ein Politiker nicht eher ein generelles Mordverbot fordern, statt es auf die Zeit vor 20 Uhr zu beschränken? Warum will Pflüger überhaupt Morde sehen? Ist doch ziemlich unappetitlich.

Nun: Der Teaser informierte mich. Es ging natürlich nicht um den Mord an sich, es ging um Morde im Fernsehen. Wie gesagt, die guten Themen waren schon weg, die Hinterbänkler müssen also mit den Krümeln vorlieb nehmen, die vom Tischtuch fallen. In diesem Fall bedeutet das: Medienschelte.

Zur Eindämmung von Jugendkriminalität will der CDU-Politiker Pflüger Mord und Totschlag vor 20 Uhr vom Bildschirm verbannen. In der “Bild am Sonntag“ beklagte er eine zunehmende Brutalisierung des Fernsehens. “Viele Kinder schauen tagsüber allein fern“, sagte Pflüger. “Ich bin der festen Überzeugung, dass die Hemmschwellen für Gewalt sinken, wenn Kinder Hunderte von Morden erleben.“

Womit Pflüger primär meint, dass man bitte morgens nicht die Spielfilme vom Vorabend wiederholen solle. Pflügers Vorschlag kommt überraschend, passt aber in den populistischen Tenor. Denn in der Debatte über die Jugendkriminalität war bis dato das Fernsehen in dieser Form nicht attackiert worden. Die zunehmende Brutalisierung des Fernsehens ist als Topos natürlich mindestens so alt, wie das Fernsehen selbst und Pflügers Argumentationslinie kann von mehreren Seiten aus hinterfragt werden: Das Tötungsverbot würde durchaus einen Teil des Nachmittagsprogramms der deutschen Sender aushebeln. Seriendauerbrenner wie Star Trek, Charmed, Matlock, Diagnose: Mord oder Mord ist ihr Hobby würden ebenso wie Picket Fences: Tatort Gartenzaun oder die Anime-Serie Detektiv Conan von den Mattscheiben verschwinden. Vielleicht ist das der Preis den man dafür zahlen muss, dass Lenßen & Partner endlich in Frührente geschickt werden. Fraglich derweil ob das auch für die abstrusen Mordphantasien aus den nachmittäglichen Gerichtsshows gelten sollte, die man ja nicht sieht, sondern die nur von den Laiendarstellern hölzern als Geständnis abgelegt werden.

Um zu zeigen, dass er nicht nur auf billige Effekthascherei aus ist – frei nach dem Motto: Wir haben was getan und es hat uns nicht einmal Geld gekostet, anders als wenn wir mehr Polizisten oder Street Worker einstellen würden – hat er auch gleich eine Idee, wie das funktionieren könnte:

“Keine TV-Morde mehr vor 20 Uhr – das muss ein Ehrenkodex werden“, forderte der Vater zweier Kleinkinder. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern könne man politisch darauf dringen, was er in seiner Funktion als Rundfunkrat beim rbb auch tun werde, sagte Pflüger. Bei den Privaten sollten Firmen nicht mehr werben, wenn sich die Sender nicht an einen entsprechenden Ehrenkodex hielten.

Wir merken: Wenn ein Politiker von “Ehrenkodex” spricht, dann meint er “Gesetz”. Zumindest für die öffentlich-rechtlagigen Sendeanstalten. Und nun könnte man Pflügers Argumentationslinie mit einem Augenrollen und Schulterzucken ignorieren, aber der Geist war halt aus der Flasche. Und die Idee, dass bestimmte Medien die Jugend verrohen und damit für unsichere Straßen sorgen, ist ein Klassiker. Echte Entrüstungsprofis sind natürlich ein wenig konsterniert, dass Pflüger hier mediale Aufmerksamkeit erhält, obwohl er doch einen totalen Amateurfehler beging: Der Schockbegriff in diesen Debatten sollte natürlich “Killerspiele” sein, nicht “Fernsehen”.

Brigitte Zypries, bekannt als Faktotum unseres Bundesinnenministers Dr. Seltsam, erkannte diesen Schlendrian von Pflüger natürlich sofort und schob in der N24-Sendung Links-Rechts nach:

“Auch PC-Spiele, Playstations, Spielkonsolen und dieses ganze Zeug”, seien für den Nachwuchs “natürlich Gift”, so die Ministerin wörtlich. Zypries betonte: “Die Kinder lernen weder Sozialverhalten noch bewegen sie sich, wenn sie vor diesen Teilen sitzen, sondern werden zugeschüttet.”

Dass die Medien natürlich eine gewisse Mitschuld an der Gesamt”debatte” haben – siehe die plötzliche Flut an Berichten über Jugendgewalt, die schon bald wieder abklingen wird… also, die Berichtsflut, nicht die Jugendgewalt – ist schwer von der Hand zu weisen. Die nebenbei aufgezäumte Debatte rund um die Mediengewalt erscheint allerdings irreal und fern von realen Lösungsmöglichkeiten, hat aber den Vorteil, dass alle vorgeschlagenen Lösungen eben fast kein Geld kosten. Und sowas ist im politischen Bereich immer ein starkes Argument dafür etwas zu befürworten. Klar, es hat nichts gebracht. Aber überlegen sie doch mal, was so ein Heer an Sozialarbeitern den Steuerzahler kosten würde.

Stellen wir uns die ernste Frage: Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Jugendgewalt zurückgeht, wenn vor 20 Uhr im Fernsehen nicht mehr gemordet wird? Nein? Na, dann wäre der nächste Schritt vielleicht das Verbot von gewaltätigen Lyrics! Die fördern… öh, einen Moment… die fördern… ähm, halt die auch nicht… die fördern… nein, jetzt habe ich’s… die fördern natürlich auch die Jugendgewalt.

Friedbert Pflüger muss derweil machtlos mitansehen, wie neben Zypries auch andere Politiker vorbeikommen, um sich auf seinem eigenen Nebenkriegsschauplatz auszutoben. Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Wir erinnern uns: Oettinger war selbst Opfer von Jugendgewalt und hat ein durchaus interessantes Verständnis von Recht, Ordnung, Moral und Amoral. Und dieser Oettinger hatte kurz nach Pflügers Epiphanie das Bedürfnis das Problem der Jugendgewalt auch mal zu lösen und setzte der friedbert’schen Medienkritik darum die Krone auf:

Es gibt Programme, die in einigen Sendern verstärkt kommen, von denen ich erhebliche Gefahren für die Erziehung der Jugend ausgehen sehe”, sagte Günther Oettinger heute in Stuttgart. Explizit nannte er die Fernsehsender RTL 2 und Super RTL. Hier sehe er eine “schädliche Entwicklung” bei der Qualität. Bei einer CDU-Veranstaltung in Markgröningen soll Oettinger kürzlich gar von “Scheiß-Privatsendern” gesprochen haben.

Wo Super RTL – ein Sender der irgendwo zwischen Cartoon- und Sitcomrestposten, SpongeBob Schwammkopf, den typischen Bitte-Lächeln-Epigonen und T.V. Kaiser anzusiedeln ist – die Mitschuld daran trägt, wenn Renter in der U-Bahn von gewalttätigen Spacken zusammengetreten werden, das sei mal dahingestellt. Das jugendgefährdenste in deren Programm dürften das Potpourri aus alten 90er-Jahre-Talkshows sein, die der Sender jeden Abend ausstrahlt. Aber: Das tut er weit nach Pflügers 20-Uhr-Marke… und wenn das in den Neunzigern am Nachmittag nicht gereicht hat die Jugend zu verrohen, dann ist es doch eher unwahrscheinlich, dass dem hanebüchenen Geprolle genau das nun am späten Abend gelingen sollte.

Zumindest macht er nicht den Fehler wie Pflüger die “Killerspiele” zu ignorieren: “Sowohl im Fernsehen als auch bei Computerspielen gebe es leider eine Zunahme von gewaltgeneigten Bildern, sagte der Stuttgarter Regierungschef.” Und natürlich ist da das Problem, dass das Fernsehen nicht mehr den hehren Ansprüchen genügt, mit denen es mal auszog die Welt zu erobern:

Etliche Sender lösten auch den früher gültigen Anspruch, dass Fernsehen auch zur Bildung beitrage, nicht ein. Für “Produkte mit gutem Namen” sollte nicht im Umfeld jugendgefährdender Sendungen geworben werden, forderte Oettinger die Wirtschaft indirekt zu einem Werbe-Boykott bei jugendgefährdenden Sendungen aus.

Gleich danach zog Oettinger, hoch zu Roß in glänzender Rüstung, aus um den Call-In-TV-Geiern den Gar aus zu machen. Seine regionale Landesmedienanstalt hat da ja den ersten Schritt schon getan, ich bin sicher, Oettinger wird den Worten Taten folgen lassen. Und während Oettinger auszog, sprang die Süddeutsche Zeitung auf… und zwar auf den fahrenden Zug.

Für eine in München beheimatete Zeitung ist die Jugendgewaltdebatte natürlich besonders interessant, ist doch die Münchener U-Bahn derzeit, wie die CSU mit diesem Werbeplakat eiskalt diagnostiziert hat, sogar marginal unsicherer als die Hauptstraße in Sadr City. Und weil man nicht immer nur Koch Paroli bieten möchte, schließt man sich der Sturmformation Pflüger-Zypries-Oettinger an, mit einer Artikelserie die ein erschreckend naives und ewiggestriges Weltbild enttarnt. Da erinnert man daran, dass damals – vor dem Kartoffelkrieg – die CDU-Länder ja gegen den Willen der SPD die Privatsender erst ermöglichten, um sich den angeblich linken öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Druck zu machen. Wir erinnern uns an das Schlagwort vom “hässlichen Rotfunk”. Und dann wird schadenfroh befunden:

Heute sind manche der Christdemokraten entsetzt über die Spätfolgen ihrer Kulturrevolution und die Entwicklungen im “dualen System”, wie sie das Nebeneinander des öffentlich-rechtlichen Blocks (ARD, ZDF) und der entfesselten Kommerzkräfte nannten.

Sexy Clips, Dschungelshows, debile Manga-Comics, Menschenhaltungsformate wie Big Brother, bizarre Doku-Filme, Spielfilme mit Action und Trallala, auf der anderen Seite kaum Nachrichten oder anspruchsvolle Informationssendungen – für Wertkonservative ist es eine Mixtur des Grauens, die sie da geschaffen haben.

Ja, huch: Spielfilme mit Action! Das ist schon schlimm! Aber dann das Trallala! Das kann man doch keinem Menschen zumuten. Fachkompetent auch, wie Hans-Jürgen Jakobs “debile Manga-Comics” im Fernsehen entdeckt haben will. Wobei ja schon Manga-Comics doppelt gemoppelt ist… so wie Roman-Bücher. Klar, wenn der Herr “Manga-Comics” schreibt, dann meint er damit Animes. Mangas sind ein anderes Medium. Aber wenn ich schon eine Angriffsschrift verfasse, dann sollte ich zumindest solche Klopse vermeiden. Und erinnert diese Auflistung noch jemand an Mama, Papa, Zombie, in dem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in den Achtzigern vor der jugendverrohenden Kraft des Videorecorders warnten?

Stammen nicht übermäßig viele entliehene Filme aus der verbotenen Ecke mit zumeist ausländischen Billigproduktionen? Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror.

Eigentlich finde ich die Liste aus den Achtzigern sogar noch prosaischer. Am Ende bleibt ein resigniertes:

Vogel und andere CDU-Politiker hatten die Erwartung, dass die Manager der Privatsender sich ebenso verantwortlich für das Programm fühlen würden wie die Verantwortlichen von ARD und ZDF. Da sind sie nun eines Besseren belehrt worden: Der ewige Kampf um die Einschaltquoten und das Werbegeld haben die TV-Sender durchweg zu knalligen Unterhaltungsmaschinen gemacht, nicht aber zu Instanzen der Aufklärung.

Womit er natürlich nicht vollends Unrecht hat, ein Großteil des deutschen Fernsehprogramms ist unerträglicher Schmodder, aber das Welt- und Menschenbild das hier vertreten wird, finde ich bedenklich: Dient es nicht der Hochkultur, dann hat es keinen Wert. Dem schließt sich auch der, von mir in Bürgerrechtsfragen eigentlich sehr geschätzte, Heribert Prantl an:

Dass viele den Knopf jeden Tag erst nach fünf oder sechs Stunden finden, ist Teil der Unmündigkeit, und die ist nicht unbedingt selbstverschuldet.

Die Fernsehlandschaft ist nicht Ursache, sondern Abbild der neuen Klassengesellschaft; sie wird aber auch vom Fernsehen zementiert. Die Bildungsoffensive der sechziger und siebziger Jahre ist Geschichte; sie wartet auf Wiederholung.

Und folgert dann, dass die BAföG-Kürzungen damit zu tun hätten, was als logischer Sprung von A nach B nur mit einem Wurmloch in der Mitte machbar sein dürfte. Lustig auch, dass die “Unmündigkeit (unverschuldet)” der Langzeitglotzer kritisiert wird, der Ruf zeitgleich aber danach geht, das Fernsehen mehr und stärker zu reglementieren. Prantl kann gut und böse klar scheiden:

RTL 2, 9Live, Kanal 1, SuperRTL und DSF für die Unterschicht; dort gibt es Sendungen mit hohem Prol-Faktor und anzüglicher Sex-Werbung mit freiem Übergang zur Pornographie. [...] Am anderen Ende der TV-Skala stehen Sender wie Arte, mit feinen Produktionen für den feinen Geschmack. Die jeweiligen Zuschaueranteile sind auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Unterschichtenfernsehen, wie Harald Schmidt es damals, vor der Zeit mit Berufsproll Pocher, selbst nannte auf der einen Seite und auf der anderen Seite “feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Was allerdings an Kanal Eins so unterschichtig ist, das möge man mir doch mal erklären: Erste Hilfe mit den Johannitern? Der Bericht über den alten Bauhof in Stollberg? Oder gar die Wiederholung des Lugauer Krippenspiels in der Kirche Niederwürschnitz? Schon klar, Prantl meinte kabel eins, aber auch da scheint man am Ziel vorbeizuschießen.

Man schaukelt sich ein wenig die Eier, weil man weiß wo auf der Fernbedienung arte zu finden ist. “Feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Wobei natürlich durchaus mal gefragt werden darf, ob Filme wie Die Nacht der reitenden Leichen oder die Russ-Meyer-Streifen nur dann “für den feinen Geschmack” sind, wenn sie auf arte laufen, oder auch wenn sie RTL II im Nachtprogramm verstrahlen würde. Und ganz im Ernst und bei aller Zuneigung zu arte-Formaten wie Mit offenen Karten oder Karambolage, eine Fernsehwelt die größtenteils aus eklektischen Kunstformaten besteht, würde mir auch Angst machen. Und gezielt an über 90% der Bundesbürger vorbeisenden.

Spannend auch, was Prantl aus der ganzen Misere ableitet:

Ein verzweifelter Pädagoge hat vom Bethlehemitischen Kindermord der Moderne gesprochen. Das klingt dramatisch ausweglos. Ganz so ist es nicht. Es gibt Gegenrezepte.

Schon mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man die Ganztagsschule einführen müssen. Sie ist weniger ein Zugeständnis an die zeitknappen Doppelverdiener-Eltern der Mittelschicht als eine Art Internat für Kinder aus der Unterschicht und aus sozialen Randgruppen: ein Ort der Schicksalskorrektur.

Mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man übrigens auch Kondome mit Kumquatgeschmack einführen sollen. Ist als Kausalkette ungefähr genau so stringent und logisch wie Prantls Forderung und sein Glaube, der Staat müsse den Schaden beheben, den das Fernsehen erst angerichtet habe. Und, ganz im Ernst, welche Möglichkeit hätte der Staat eigentlich den Schaden zu beheben, den avide Internetsurfer davontragen müssen? Es ist der Wunsch nach staatlicher Kontrolle, nach der guten, alten Zeit ohne Privatsender, der aber zu kurz greift: So wie das Argument nicht greift, man müsse “Killerspiele” verbieten, weil Eltern nicht kontrollieren könnten, was ihre Kinder da so spielen. Und, wie gesagt, Gott steh uns allen bei wenn die Debatteure mal in der Gegenwart ankommen und das Internet entdecken. (Btw: NSFW!)

Erinnert sich noch jemand an das Ausgangsthema? Nein, denn die Nebendebatte hat sich abgenabelt und verselbstständigt. Besonders da die Süddeutsche zeigt, dass eben nicht nur die ZEITUNG ihre Macht zum Agenda Setting verwenden kann:

1984 setzten sich die kommerziellen Rundfunkanbieter dazu. Sie führten Sexfilmchen, Gameshows und Soaps ein. Außerdem die Einschaltquote, die Zielgruppe, die Marktanteile. Anstatt sich zu unterscheiden, es mit dem Journalismus ernster zu nehmen, entschiedener auf Dokumentationen moderner Prägung und auf mehr als nur ein paar sehr gut gemachte Krimis zu setzen, fingen ARD und ZDF an, die private Konkurrenz zu kopieren und ihre Stars abzuwerben. In einem System mit der in Europa höchsten Anzahl frei empfangbarer Sender (über 30) muss man sich für 7,3 Milliarden Euro Gebühren ein anderes, ein öffentlich-rechtlicheres Profil leisten.

Die Hervorhebung stammt von mir. Der Wunsch ist klar erkennbar: Zurück in die Achtziger, besser noch die Siebziger oder Sechziger, mit einer überschaubaren Fernsehwelt die zudem den Vorteil hat, dass sie besser staatlich kontrolliert und reguliert werden kann als die Flut an Privatsendern. Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Warum ARD und ZDF mit den Privatsendern direkt konkurrieren (sie qualitativ teils sogar noch unterbieten, wie Roger Schawinski festhält)? Auch keine Ahnung. Ob Jugendgewalt damals wirklich kein Problem war? Eher fragwürdig. Und was das alles mit den Übergriffen, der Jugend und dem Migrationshintergrund zu tun hat? Ehrlich gesagt: Gar nichts mehr.

Was man der Süddeutschen lassen muss, sie versteht es sowas am richtigen Termin zu starten: Am zehnten Januar geht in mehreren Artikeln das deutsche Bildungsbürgertum unter, am elften Januar öffnet RTL erneut die Tore ins Dschungelcamp (Bush hätte bombardieren lassen… SCNR). Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

In Gestalt einer einzigen Sendung sieht die Süddeutsche hier noch einmal all die Menetekel vereint, die sie am Vortag für das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit diagnostizierte.

Je gebildeter ein Zuschauer, desto weniger interessiert ihn die Dschungelshow, brachte die Zuschauerforschung hinsichtlich der beiden ersten Staffeln heraus. Es wird niemanden überrascht haben. Eigene Misere befördert die Bereitschaft, Gefallen an Programmen wie diesem zu finden, bei denen es am Ende eben um Erniedrigung, Zirkus, Gladiatorenkämpfe und um Sadismus geht.

Reflexion und Rache eigenen Nicht-Genügens und selbst erfahrener Kränkungen: Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! ist das Fernsehen der Gekränkten und Beleidigten. [...] Was hier gelingt, ist das Ansprechen der niedrigen Sensorien bei dem Zuschauer, der gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag: eine Show als scharfes Gewürz für ermattete Seelen und Geisteszustände.

Es ist interessant, und heuchlerisch, wenn die Süddeutsche zwar erkennt, dass der “Eventcharakter der vergangenen Dschungelcamps [...] weniger darin [lag], dass so viele Leute eingeschaltet hätten“, als eher “im Heißlaufen der Medienmaschine“, aber gleichzeitig nicht sehen kann oder nicht sehen will, dass sie mit einem Empörungsartikel wie diesem eben nur ein Zahnrad in exakt jener Medienmaschine ist. Zum Zahnrad wird man auch dadurch, dass man nicht nur vor, sondern auch nach Beginn der Sendung nochmal naserümpfend über die “hoffnungslos hinterregenwäldlerischen Show” berichtet. (Nachtrag: Und mit einer Bildstrecke, die Clickrate in die Höhe treiben will.) Die Sorge vor dem Werteverfall, der Gladiatorisierung des Fernsehens existierte derweil schon lange vor der Ankunft der Privatsender.

Es ist eine große Entrüstung, ein Heulen, Zetern und Zähneklappern, dass es RTL wagt Ich bin ein Star – holt mich hier aus! in eine dritte Staffel zu schicken. Und auch wenn ich das Format mal als “televisionäre Totgeburt” bezeichnete, in Zeiten da einige Sender ihre Zuschauer rund 20 Stunden am Tag via Call-In-Shows abzocken, in denen Tarot und anderer Hokuspokus einen festen Platz auf der Mattscheibe haben, teils in der Prime Time, und in denen man allen Ernstes Samstags Abends eine Sammlung semi-lustiger YouTube-Videos als eigenständiges Fernsehformat verkaufen kann, da wirkt gut gemachter Sadismus wie eine frische Brise.

Natürlich berichtet niemand darüber, so wie die Sendung ja auch niemand guckt. Wenn man darüber berichtet, dann empört wie die Süddeutsche. Oder bildungsbürgerlich ironisierend, wie Spiegel Online. Yep, das selbe Onlinemagain, das noch vor wenigen Wochen in der Lage war das ähnlich gekünstelte Format Der Arbeitsbeschaffer als Lackmustest für den Zustand der deutschen Gesellschaft zu nehmen, den dort präsentierten Zustand ganz unironisch als Standardsituation zu verorten und daraus die Abgreifermentalität der deutschen Hartz-IV-Empfänger abzuleiten. Und die Frankfurter Rundschau wird ganz meta und spricht darüber, warum alle über das Format sprechen.

Man verbiegt sich schon sehr, um nur nicht den Eindruck zu erwecken, man könne ernsthaft über eine Sendung sprechen, die wahlweise tatsächlich ein Massenphänomen ist, oder erst zu einem wird durch den Versuch der Presse im Feuilleton darüber zu schreiben, ohne etwas über die eigentliche Show auszusagen. Einzig die ZEITUNG arbeitet mal wieder offen mit RTL zusammen, lässt ihren eigenen Outback Jack das Camp testen und hat exklusive Insiderstories, etwa darüber dass Björn Hergen Schimpf “tobte, weil man ihm im Hotel die [ZEITUNGS]-Bibel, die er mit ins Camp nehmen wollte, gestohlen hatte.” Schön zu wissen, dass Schimpf als guter Christenmensch auf seine ZEITUNGS-Bibel besteht und nicht einfach die jede dahergelaufene Feld-, Wald- und Wiesenbibel akzeptiert, die wahrscheinlich bei ihm im Hotelzimmer herumlag.

Der Umgang der Presse mit Ich bin ein Star ist beispielhaft für den Umgang der Zuschauer mit der Sendung. Vielleicht weil das Gefühl entsteht, dass man die Sendung “nicht gucken darf”. Und so kommt es dann, dass die Show niemand guckt, sie aber irgendwie eine Einschaltquote von 33% holt. Hrmm, seltsam. Noch seltsamer, dass jetzt einige Presseorgane das Format verdammen, die noch im Sommer Rotz und Wasser geheult haben vor Entrüstung darüber, dass Sat.1 seine Informationsschiene zurecht stutzt. Eine Informationsschiene die größtenteils aus dem Vorlesen der Klatschspalte der ZEITUNG bestand und die viele der jetzt im Dschungel internierten D-Promi-Zombies überhaupt erst erschaffen hat.

Ehrliches Geständnis: Ich gucke Ich bin ein Star. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein gutes Buch aus der Hand legen oder die Playstation ausschalten würde, nur um ja keine Sendung zu verpassen. Aber wenn ich gerade eh nur ziellos im Netz auf der Suche nach klugen Flaubert-Aufsätzen von Julian Barnes Inspiration für den nächsten Text bin, dann lasse ich die Sendung gerne parallel dazu laufen. Es ist ja nicht so, als würde sie ihre Hauptfunktion nicht erfüllen: Zu unterhalten, wenn man “gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag”. Ein Zustand, den man sich nach einem langen Arbeitstag, nach Streß in der Schule, der Uni, dem Büro, auf dem Bau oder im Bau auch mal zugestehen darf. Beleg für den Kulturverfall: Zog ich neulich doch ein hirn- und anspruchsloses Herumzappen doch glatt Andrei Tarkowskis Stalker vor, weil ich nicht in der Stimmung war um mir einen langsamen, hochgeistigen, interpretationsbedürftigen Klassiker des sowjetischen Kino zu geben.

Okay, unterhalten tut Ich bin ein Star nicht konstant, dafür gibt es dann doch zuviel Leerlauf in der Mitte, wenn die Insassen des Camps einfach nur in der Gegend rumsitzen und nichts tun, aber von einem handwerklichen Standpunkt ist die Show hervorragend gemacht: Die Schnittfolge, die Musikunterlegung, die Moderatoren, die kleinen “Story Arcs” die man in die einzelnen Folgen einbaut, all das hat eine schwer bestreitbare Qualität. Vielleicht ist es der Umstand, dass ich Wrestling gucke, der mich entspannter zugeben lässt, dass ich auch ins Dschungelcamp reinschalte. Wenn die Leute gesehen haben wie du aus einem Mülleimer frisst, dann werden sie dich nicht mehr auslachen wenn du zum Abendessen zu Burger King gehst. Aber Ich bin ein Star kann mich unterhalten. Es ist nicht die beste Form der Fernsehunterhaltung – Serien wie Pastewka, Deadwood, Life on Mars, The Shield oder Firefly würde ich der Sendung vorziehen – aber es ist Unterhaltung. Und das kann eine Qualität für sich sein, auch wenn wir gerade in Sachen Fernsehen immer noch ein Problem mit dem Konzept haben, dass es unterhält statt den von der Süddeutsche erwarteten “Bildungs- und Kulturauftrag” auszuführen, statt als “Instanz der Aufklärung” zu fungieren.

Die Briten, die allerdings insgesamt eine weitaus bessere Fernsehlandschaft haben als wir in Deutschland, stehen dem Konzept von Shows wie Ich bin ein Star weitaus entspannter gegenüber. Dort geht das Format inzwischen in die siebte Runde und wird auch von der britischen Presse jenseits der Sun thematisiert. Mal ganz abgesehen davon, dass man einer Show nicht böse sein kann, die Johnny Rotten gezwungen hat sich als angestrengte Dramaqueen zu entlarven.

In Deutschland sind gute Quoten für ein Format wie Ich bin ein Star eher ein weiterer Grund für Politiker von den hinteren Rängen, quasi das Polit-Äquivalent zu den Lagerinsassen, zu fordern, dass man jetzt endlich gesetzgeberisch tätig werden und gegen den Nonsens vorgehen müsse. Da ist ein Gefühl, geteilt vom und der Politik, dass man bestimmte Standards moralisch, intellektuell, qualitativ festlegen müsse, dass man besser wisse was für den Menschen vor der Glotze gut sei, als der Mensch vor der Glotze. Und so sehr ich das aktuelle Fernsehprogramm auch verabscheue: Die Vorstellung, dass bald Heribert Prantl, Friedbert Pflüger und Günther Oettinger bestimmen was ich zu sehen bekomme, die macht mir noch mehr Sorgen.

Wenn Kopien von Shows wie Ich bin ein Star überhand nehmen, dann würde ich die Aufregung verstehen. Aber es erscheint mir zynisch kalkuliert in einem Land das nichts gegen Call-In-TV unternimmt, immer nur dann panisch mit den Flügeln zu schlagen, wenn ein professionell gemachtes Großprojekt wie das Dschungelcamp vorbei kommt. Und gerade Ich bin ein Star funktioniert durchaus als kathartisches Mittel. Denn da drin sind immerhin “Stars” – to wit: D-Promis, die gerne Stars wären – die sich wahlweise schon durch den Promi-Dschungel Realität gekämpft haben oder planen das nach der Show zu tun. Da drin sind Menschen, die nach Aufmerksamkeit und Ruhm verlangen – gerne auch ohne besondere eigene Fähigkeiten zu haben. Da liegt der Unterschied zwischen diesem Menschenzoo und den Gladiatorenspielen im Antiken Rom.

Ich würde die Sorgen verstehen bei Formaten wie Die Super Nanny, Raus aus den Schulden oder Der Arbeitsbeschaffer, wo man gezielt sozialschwache, medien-unerfahrene Unterschichtler vor die Kamera zerrt und ihre menschlichen Dramen ungeniert vor der TV-Nation ausbreitet… aber solche Sendungen werden dann plötzlich von Spiegel Online als ehrliche Aufarbeitung der German Condition geadelt. Irgendwas läuft da doch nicht rund. Die überforderte Unterschichtenmutter mit dem Nazi-Sohn, die hat mein Mitleid sicher. Aber die Figuren im Dschungel? Daniel Küblböck? Susan Stahnke? Naddel? Désirée Nick? Dolly Buster? Carsten Spengemann? Diese quotengeilen Mediennutten? Ich will nicht kalt klingen: Aber wer im Puff schläft, der darf sich nicht beschweren wenn er gefickt wird. Man wird es mir nachsehen, dass ich meine moralische Entrüstung und mein Mitleid für Menschen aufhebe, die sie wirklich verdient haben.

DJ Tomekk? Alleine für seine Verwendung des Sesamstraße-Jingles in “Kymnotize” sollte man ihn, Lil’ Kim und Trooper Da Don direkt nach dem Dschungelcamp noch durch die Quotenhöllen Die Burg, Die Alm und Johannes B. Kerner jagen. Und seinen Kumpel Flavor Flav gleich hinterher: “Ich bin horny // Yell, ich geb’s dir von vorne // [...] In der Küche, auf’m Herd // In der Scheune auf’m Pferd // Denn ich mag es derb und danach noch mehr.” Ja, mein Mitleid hält sich doch arg in Grenzen. Und es sollte diese mediale Vorhölle noch länger geben, da sind anderen Gestalten, die man nur zu gern da sehen würde: Kai Diekmann, vielleicht, ganz sicher Max Schradin, Ninja Wagner und wie sie alle heißen. Warum nicht noch den Mattusek, Peter Scholl-Latour, Uri Geller, Claus Christian Malzahn und Claudia Roth mit dazu sperren?

Festzuhalten, dass Ich bin ein Star seine Faszination auf Sadismus und niedersten Reflexen basiert? Geschenkt. So als hielte man fest, dass ein Kreis rund ist. Man kann der Sendung ja vieles vorwerfen, aber es ist nicht so als würde sie dies verschleiern. Zumindest tut man in diesem Format nicht so, als wäre man altruistisch, als wäre man um das Wohl der Kandidaten besorgt, so wie das Vera Int-Veen oder ausgerechnet Jürgen und Alida aus Big Brother in ihren “Wir helfen Menschen”-Dramen vorheucheln. Oder so wie man das vor einigen Jahren bei dieser Comeback-Show auf ProSieben gemacht hat. Wer hat da nochmal gewonnen? Coolio? Na, das war ja ein voller Erfolg.

Dirk Bach und Sonja Zietlow wissen genau was sie da moderieren und das lassen sie raushängen. Beiden ist klar, dass auch sie theoretisch da unten im Dschungel sitzen könnten. Tun sie aber nicht, und so sezieren sie aus der Höhe die Einspieler, in denen kaum einer der Kandidaten zugeben will, dass das hier der letzte Griff nach Ruhm ist. Und wenn sie nicht die Kandidaten mit Hohn und Spott übergießen, dann bekommt die restliche Fernsehwelt ihr Fett weg. Kulturpessimist der ich bin, wage ich mal festzuhalten: Bach & Zietlow sind um einiges unterhaltsamer als Schmidt & Pocher.

Will sagen: Man kann Ich bin ein Star vieles vorwerfen. Sehr vieles. Unter anderem, dass ein Tag im Lager der Langweiler eigentlich nicht genug Material für eine Stunde TV hergibt, sondern eher auf eine halbe Stunde zusammengekürzt werden könnte. Aber man kann dem Format nicht vorwerfen, es wäre in der Grundintention unehrlich oder belüge seine Zuschauer.

Und damit schlagen wir jetzt den Bogen zurück zum Anfang: Gerade dieser Vorwurf, die Show würde niederste Gelüste ansprechen – nicht aus der Luft gegriffen – wird interessant, wenn man mal überlegt, welche Maßnahmen jetzt in der Jugendgewaltdebatte urplötzlich von der Politik auf den Tisch gelegt werden: Schnelle Abschiebung, Bootcamps, Erwachsenenstrafrecht ab 18 zur Regel machen, Warnschußarrest, Anwendung des Jungedarrests auch für Kinder unter 14. Es ist schon spannend, wo man “das Ansprechen der niedrigen Sensorien” verortet und wo man besorgt ist, dass man in erster Linie Sadismus, Kränkungsgefühle und Rachegelüste befriedigt. Der Unterschied zwischen deutschem Fernsehen und deutscher Politik ist vielleicht geringer, als man das gerne wahrhaben möchte. Nur mal so ganz locker in den Raum gestellt.

Ich selbst habe derweil vor, mit folgender Gesetzesinitiative in den Wahlkampf zu ziehen: Gewalttätige Jugendliche schneller ins Dschungelcamp abschieben! Mit dem Vorschlag dürften dann wirklich alle Seiten gewinnen.

TV is a Virus: Worst of the Winter

Saturday, December 22nd, 2007

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Marco W. – Das Interview

Wie geht eigentlich Fernsehen? Nun, offensichtlich direkt ins Herz, ohne Umweg über die Magengrube (wo es ein flaues Gefühl auslösen könnte) oder das Hirn (das vielleicht Protest einlegen würde). Zunächst: Das RTL-Interview mit Marco W. wird nicht in die Hall of Shame des deutschen Fernsehens eingehen. Von einem medialen Missgriff der Marke Gladbeck war das Interview weit entfernt. Appetitlicher macht das die ganze Kiste auch nicht.

Marco wirkte am Bildschirm nicht so unsympathisch wie Susanne Osthoff, was ihn die kollektive Zuneigung der BRD ganz schnell kosten würde. Das Risiko bestand, war Marco doch bisher für die Zuschauer und die deutschen Medien – nicht zuletzt für die ZEITUNG – eine willkommene Projektionsfläche. Wie unschön wäre es gewesen, hätte sich der nette Junge von nebenan im Interview als Unsympath gegeben. Katastrophe abgewendet.

Dafür zuständig war natürlich auch der… nennen wir ihn: Interviewer. Weil Softball-Zuwerfer keine echte Bezeichnung für einen Fernsehmoderator ist. Da Marco noch in ein laufendes Verfahren verwickelt ist – in der Sendung selbst merkte man nichts davon – verzichtete RTL auf Fragen zum Geschehen jenes Abends, der Marco für mehrere Monate in ein türkisches Gefängnis gebracht hat. Das merkte man allerdings während der Sendung schon. Und so verzichtete der sympathische Kleinsender aus der Karnevalshochburg darauf, jemanden zu schicken der Marco vielleicht aus Versehen eine relevante Frage stellen könnte. Selbst der Mensch gewordene Lenor-Weichspüler Oliver “Fluffy” Geißen erschien da schon zu riskant. Also schickte RTL seine Geheimwaffe: Markus Lanz.

Markus Lanz kennt man: Der hat jahrelang RTLs Ersatzteillager verwaltet und es nebenbei geschafft das letzte Format mit journalistischem Anspruch im deutschen Fersehen, namentlich: RTL Explosiv, in die Irrelevanz zu führen. Und so lief das Interview auch als RTL Explosiv Spezial und fuhr Explosiv-würdige Quoten ein.

Man weiß ja, dass sich Sender die Exklusivrechte an menschlichen Dramen schnell kaufen um dann mittelprächtige TV-Filme darüber zu machen, die mit Goldenen Kameras überschüttet werden. Aber das Vorgehen in diesem Fall wirkte schon sehr ekelhaft: Direkt vom Gefängnis wurde Marco abgeholt und flog dann im intimen Kreis in die Heimat. Wie das Special zu berichten wusste: Nur Marco, sein Vater, seine Anwälte… und ein Kamerateam von RTL waren dabei. Letzteres stellvertretend für ein paar Millionen Zuschauer. Und da fühlte sich Marco dann, so RTL, “vielleicht ein wenig wie ein Star“. Ein Star, der sich seinen Starrummel damit verdient hat, dass er möglicherweise eine 13-Jährige sexuell missbraucht hat. Aber, hey’ we’re all stars now, in the dope show.

Das endgültige Urteil steht natürlich noch aus, vielleicht hätte RTL bis dahin warten sollen, ehe sie diese Heldenehrung produziert haben. Aber: Dann hätte sich natürlich ein anderer Sender die Exklusivrechte geschnappt… und falls Marco sich als schuldig erweisen sollte, dann hätte man das Special ja nie bringen können. Carpe fuckin’ diem, wie schon Horaz (RTL-Programmdirektor von 40 bis 8 vor Christus) wußte.

In Deutschland wurde Marco an einen geheimen Ort gebracht, damit kein anderer Sender RTL das Exklusivinterview streitig machen konnte um ihn vom Medienrummel abzuschirmen. Und irgendwo im RTL-Kommandobunker, (dekoriert mit einem künstlichen Weihnachtsbaum im Hintergrund, um die Stimmung besser zu transportieren) begann dann Markus Lanz ein Verständnis von Journalismus an den Tag zu legen, dass Johannes Batistuta Kerner gegen ihn wirkt wie Sy Hersh. Da man ja über den Prozess und das Schlüsselereignis nichts fragen durfte, nutzte Lanz die alte Maxime von Tolstoi: “Um einen Staat zu beurteilen, muss man seine Gefängnisse von innen ansehen.”

Würdest du sagen, auch wenn es Gefängnis ist, man trifft dort Freunde?”, fabulierte Lanz sich zurecht. Und wie Marco seine Zeit im Gefängnis so verbracht habe, wollte Lanz wissen. Ob er zuhause angerufen habe. Und was er getan habe, wenn zuhause keiner ans Telefon ging. Wie er sich denn verständigt hätte? Und: “Wann kam der Moment, in dem du anfingst zu fragen: Wozu?

Die letzte Frage sollte man sich aufschreiben, die kann man nochmal im TV-Jahresrückblick verwenden, wenn Markus Lanz sich endlich der Sinnlosigkeit seiner TV-Existenz bewusst wird und heulend vor laufenden Kameras zusammenbricht. Hier allerdings war dieser Moment noch nicht zu finden. Stattdessen spielte der Mitsubishi Lanzer hier die Rolle von Markos Anwalt und tat alles um Marco in die Rolle eines unschuldigen, netten Jungens zu rücken, den die Welt nun endlich wieder hatte. Der sich, wie Lanz wiederholt attestierte, endlich wieder wie ein Kind fühlen darf. Ein Kind, dass im Gefängnis erwachsener geworden ist. Auch das versäumte man nicht so oft wie möglich zu betonen.

Natürlich besteht das Risiko, dass der nette Junge – kein Medienprofi – in einen Fettnapf tritt. Aus dieser Gefahr wurde Marco dadurch gerettet, dass Lanz stellenweise begann sich selbst zu interviewen. Was denn das erste wäre, dass Marco machen würde, wenn er wieder nach Hause käme, fragt der Explosivbüttel. Als Marco verdattert “Ääh…” antwortet, hakt Lanz nach: “Erstmal nach MacDonald’s?” – “Ja.” – “Mit den Freunden Computer spielen?” – “Ja.” – “Alles was Spaß macht?

Schön zu sehen, dass RTL diesen Scoop des Jahres auch hätte präsentieren können, wäre Marco in der Türkei geblieben. Lanz kam mit sich selbst schon gut zurecht. Meistens beschränkte er sich darauf, Suggestivfragen zu stellen, auf die Marco dann nur noch mit “ja” und “nein” antworten musste. Und selbst das reichte noch nicht, um die halbe Stunde (inklusive Werbeblock) Sendezeit zu füllen. Und so fischte Lanz dann irgendwann einen Zollstock aus der Tasche (hoffentlich jener Zollstock, mit dem Günther Jauch im Jahre 1998 beim Spiel BVB gegen Real demonstrierte, wie groß das umgefallene Tor eigentlich gewesen wäre) und maß – Trommelwirbel! Spannung! – nach ob Marco im Gefängnis gewachsen ist. Selbst Marco hatte in diesem Moment einem “WTF”-Blick drauf.

Das Ergebnis des Interviews: Marco ist in der Türkei um 3 Zentimeter gewachsen, ein ganz normaler Jugendlicher, der endlich wieder Kind sein darf, obwohl er im Gefängnis erwachsen wurde und… er ist unschuldig. Das wird zwar so direkt nicht gesagt, aber wenn das Fernsehen Realitäten erschafft, dann haben Lanz und RTL Marco hier – auch durch die Aussparung des Grundes für seine Haft in der Türkei – einen Persilschein ausgestellt. Ein so netter Junge, der kann kein schlechter Mensch sein. Bleibt für RTL zu hoffen, dass die Gerichte das ähnlich sehen. Denn dann kann Marco vielleicht bald Natascha Kampusch nacheifern.

Kurz danach wurde Paris Hilton in Prominent auf VOX die Frage gestellt: “Sie sind erwachsener geworden. Liegt das an ihrer Zeit im Gefängnis?” Hey, RTL! Falls ihr eine Promi-Reality-Soap mit Marco plant, dann ruft mich an: Ich glaube, ich kann euch da ein totsicheres Konzept pitchen.

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RTL – Promi Reality Soaps

Speaking of Promi Reality Soaps: Die Phase ohne Ekel-TV neigt sich dem Ende entgegen. Mit dem erschreckend bodenständigen Programm Bauer sucht Frau (Bonuspunkte für die Off-Sprecherin, deren Tonfall irgendwo zwischen dem Computer, der nachts auf SuperRTL die SMSe vorliest und John Kerry auf Sedativa oszilliert) hat RTL einen echten Überraschungshit eingefahren.

Zumindest hätte ich nicht damit gerechnet, dass sich in der modernen, zynischen Fernsehwelt ein Programm durchsetzt, dessen spektakuläre Highlights in den anderthalb Folgen die ich gesehen habe, solche spannungsgeladenen Momente waren wie “Milchbauer Maik” macht seiner Bäuerin-in-spe ein Bett im Heuschober und versteckt ein gelötetes Herz im Stroh, Zahnarzthelferin Dings lernt Trecker fahren und irgendwer anders bleibt mit dem Füßen im Schlick stecken. Und das eigentliche Prachtstück, der Beweis das Bauernschläue kein Mythos ist, gibt es dabei im Fernsehen gar nicht zu sehen.

Gott sei dank, wird sich da die ZEITUNG sagen, ist ab Jännar endlich wieder typisches RTL-Programm in Sicht. Auf RTL 2 startet die nächste Staffel von Big Brother (gut interessiert keinen mehr) und auf RTL Proper legt die dritte Staffel des Dschungel-Camps los. Nachdem es hieß, Kader Loth und der Sachsenprinz hätten dieses Konzept von Schockfernsehen in Die Burg totgetreten, will RTL nun das Gegenteil beweisen: Was insofern Relevanz hat, als die Teilnahme an Ich bin ein Star, holt mich hier raus ein unwiderlegbarer Beweis für den eigenen Status als D-Promi ist.

Als gesellschaftlichen Aufstieg in die Riege der ZEITUNGS-Prominenz dürfte man das werten für Isabel Edvardsson (claim to fame: hat bei Let’s Dance mit Giovane Elber getanzt), Julia Biedermann (claim to fame: hat bei Ich heirate eine Familie, Praxis Bülowbogen und Ein Schloß am Wörthersee mitgespielt) und Barabara Herzsprung (claim to fame: hat nichtmal eine eigene Wikipedia-Seite und ist nicht Barbara Morgenstern).

Sich gesellschaftlich auf der Stufe D-Promi gehalten haben sich derweil Bata Illic (ins Lager gewählt auf Druck der Terrororganisation Freunde Bata Illics) und Michaela “Gina Wild” Schaffrath. Freuen Sie sich jetzt schon auf die Szene in Folge 1, wenn Bata Illica der Michaela Schaffrath seinen Welthit “Michaela” ins Gesicht singt und die total erfreut lacht, so als hätte sie gar nicht damit gerechnet.

Den Mitleidsbonus als Absteiger in die D-Prominenz bekommt in dieser Staffel derweil Eike Immel, von dem ich in den letzten Jahren nichts mehr las, aber davon ausging, dass er nicht das Schicksal alter Bundesligaspieler der Sechziger teilte, nach der Karriere finanziell so abgebrannt zu enden, dass man an der lokalen Tanke arbeiten muss. Frei nach George Bests Motto: “I spent a lot of my money on booze, birds and fast cars. The rest I just squandered.”

Tja, Irrtum. Immobiliengeschäfte, eine Scheidung und eine Hüftkrankheit haben den ehemaligen Nationaltorwart finanziell ganz nach unten gebracht. So weit nach unten, dass er jetzt im Dschungelcamp auflaufen wird. Bitter. Freuen wird es zumindest die ZEITUNG, die jetzt endlich hoffen darf, dass sie den Schlagzeilenreim bringen kann, der ihr während der EM 1988 nicht gelang. Ihr wisst schon: Immel reimt sich…

Anyway. Interessant wird zu beobachten, wie sich das Dschungelcamp nach der längeren Pause schlägt. Ob es wieder Zuschauer und Feuilleton (so wie mich hier) zur öffentlichen Wertedebatte motiviert, oder ob es unbesehen verpuffen wird und wir in zukünftigen Staffeln dann Alida Lauenstein und dem adophilen Max Schradin im Dschungelcamp auf RTL 2 sehen dürfen. Einige TV-”Persönlichkeiten” hätten sich ihren Auftritt in diesem Umfeld schließlich wirklich hart verdient.

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A Shot of Love with Tila Tequila

Speaking of Buchstabe-Promis. Wir werden das Alphabet erweitern müssen, denn in Sachen “Wer hat seine 15 Minuten Ruhm noch nicht gehabt?”, kratzt man inzwischen nicht mehr am Boden des Fasses, sondern man hat es umgedreht und kratzt jetzt fröhlich an seiner Unterseite. Beweisstück A: Tila Tequila, neé Nguyen. Tila Tequilas claim to fame ist, dass sie ungemein beliebt ist auf Myspace. (Vorsicht: typisches Myspace-Design, also das Internetäquivalent zu ein paar Schlägen mit einem Vorschlaghammer gegen das Gehäuse eures Rechners… es muss ihn nicht kaputtmachen, aber man sollte selber wissen, ob man das Risiko eingehen will.)

Okay, da sind auch noch die Starqualitäten: Hat die Schädelform eines Greys, ist gewillt sich auszuziehen sobald sie auch nur spürt, dass eine Digitalkamera in der Nähe sein könnte (Sex und Aliens gehen bekanntlich immer… Analsonden, und so…) und hat der modernen Medizin mehrere Dutzend STDs als Geschenk von ihrem Heimatplaneten mitgebracht. Das reicht für MTV aus, um sie herum eine Show zu stricken, die nach dem selben Prinzip funktioniert wie Flavor of Love. Nur das Flavor Flav zumindest zeitweise relevant war, als er mit Public Enemy in den Achtzigern zur Speerspitze des amerikanischen Hip Hops gehörte. Und das es nicht so erscheint, als ob Tila Tequila eine Fernsehshow bräuchte um einen Partner fürs LebenPartner für den Lebensabschnitt… Partner zu finden für die Zeit bis die Credits gelaufen sind.

Wenn bei Myspace beliebt sein wirklich alles ist, was es braucht um aus dem Ghetto Web 2.0 in die schillernde Welt der Old Media 1.0 aufzusteigen, wenn Tila Tequila tatsächlich die Vagina das Gesicht des “Demokratisierungsinstruments Internet” ist, dann liegt vielleicht Bernd Graff doch nicht so ganz falsch.

Das wirklich erstaunliche ist, dass mit Tila Tequila die Unterseite des Fasses zwar erreicht ist, aber MTV Gott sei Dank eine Schaufel dabei hat um auch im Boden unter dem Faß nach neuen Stars zu suchen. Aus Flavor of Love ging I Love New York hervor, aus A Shot of Blablabla entspringt That’s Amore. Eine Show über einen Kerl, der dafür bekannt ist, dass er in einer Show über eine Schleppentusnelda war, die dafür bekannt ist, dass sie bei Myspace bekannt ist. Wow. Es bekommt wirklich jeder seine 15 Minuten Ruhm, ob er nun will oder nicht…

Und da sich das Biest von sich selbst ernähren kann, wird MTV hoffen, dass man aus beiden Spin Offs weitere Spin Offs heraussezieren kann. Ein “Stars” erschaffendes Perpetuum Mobile. Warum wird mir nur gerade so flau im Magen?

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MTVs Showmarathon

Wo wir beim Thema sind: Nachdem MTV ja schon sein Missionsziel erreicht und Musik im Fernsehen auf ewig vernichtet hat, nimmt es seit einigen Jahren das Genre Datingshows aufs Korn. Kein Verlust, wenn die den Gang alles Irdischen gehen würden. Nach dem Tode Rudi Carell hätte man, aus Pietätsgründen, solche Kuppelshows weltweit verbieten sollen. Aber, es soll gar nicht um Kuppelshows gehen, sondern um die Wahrnehmung von Dingen.

Kann es sein, dass MTVs Datingshows – egal ob Date My Mom, Room Raiders, Exposed oder Next – mehr dafür tun antiamerikanische Klischees in der restlichen Welt zu verankern, als das jeder potentielle Angriffskrieg gegen die Niederlande je tun könnte? Heiland, wird da ein Panoptikum an oberflächlicher Schalheit geboten. Gegen die Durschnittskandidaten dieser Grotesken wirken die College-Brüder aus Borat wie die Gewinner der Ivy League. (Wie? Das hat mit Sport gar nichts zu tun? Oh…)

Im gleichen Zug dürften Flavor Flav und New York es im Alleingang geschafft haben, das Ansehen der Black Culture in Amerika um ein paar Dekaden nach hinten zu bomben. Spätestens mit jener Szene in Season 2, als eine der Kandidatinnen Flavor Flav erstmal lässig aus der Hüfte einen großen Haufen ins Treppenhaus machte. Respect!

Das surrende Geräusch im Hintergrund der Show? Das ist Richard Pryor, der gerade im Grabe rotiert. Beeindruckend, wie Mr. Flav sich hier selbst aushebelt. Wie kann man “It Takes A Nation of Millions to Hold Us Back” oder “Fear of a Black Planet” ernst nehmen, wenn man immer wenn der Flavormeister am Mike ist einen fast 50jährigen Lustgreis vor dem inneren Auge sieht, der einen dämliche Wikinger-Plastikhelm auf der Omme hat, in die er sich gerade ein Hühnerbein reinschiebt?

Dann wiederum: MTV Deutschland schickt bei jeder erfolgreichen US-Kuppelshow gleich mal das deutsche Pendant hinterher, das belegt, dass es um die Jugend unseres Landes – o tempora! o mores! – keinen Deut besser bestellt ist. Und das selbst billig produzierte Kuppelshows aus Deutschland sofort noch billiger aussehen, als die Billigoriginal aus den Billiglohnstaaten von Amerika. Wenn man selbst bei sowas nicht die Produktionsqualität des amerikanischen Originals erreicht, dann muss ich meine Vorwürfe an die Produzenten überdenken. Vielleicht geht das gar nicht anders. Vielleicht sieht die deutsche Landschaft und der Deutsche an sich generell billiger und altbackener aus, als alles in der neuen Welt. Ich war ja nie da, kann es also nicht beurteilen.

Ich persönlich bin auf jeden Fall schon gespannt, was die deutsche Version von Flavor of Love sein wird. Zuerst dachte ich, dass man das Musikgenre dem Land anpasst und wir sowas wie Deckhengst Drews zu Gesicht bekämen, aber inzwischen ist die BRD ja so hiphopifiziert, dass man da einen Räbba finden sollte, der sich für sowas hergibt. Möglichkeiten gäbe es ja genug: Love BOat, Dendemann sucht Frau oder Bushidoes your Mom. Weitere Vorschläge werden in der Kommentarsektion entgegengenommen und dann, ohne Abfindung, von MTV Deutschland geklaut…

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Humorkritik: Total Lustig – Die besten Clips mit Ruth Moschner

Neues vom “ongoing war on humor”. Der wird im deutschen Fernsehen noch immer sehr effektiv geführt. Der größte Coup in der asymetrischen Kriegsführung war es dabei, dass die Alliierten mit Comedy Central in Deutschland einen Propagandasender erschaffen konnten, der sogar das Signet “Comedy” im Titel hat. So dass man nun ganz leicht auf die Greueltaten verweisen kann, die dort im Namen des Witzes begangen werden. Nur um so vom Weltsicherheitsrat eine einstimmige Erlaubnis zu erhalten in einer finalen Großoffensive auch den letzten Witz zu umzingeln und ihn dann öffentlichkeitswirksam hinrichten zu lassen. (Er wird an die Wand gestellt, wo er dann mit Arsentorten beworfen wird.)

Besagtem Propagandasender ist es jetzt gelungen, einen Mördercoup zu landen und Ruth Moschner zu engagieren, die für den den deutschen Humor das ist, was Elizabeth Báthory für ungarische Hausmädchen war: Der Humor muss sterben, damit Frau Moschner leben kann. In Total Lustig macht sie ihre Sache dabei ganz hervorragend: Denn sollte sich mal ein echter Lacher ins Studio verirren, dann würde sich ganz schnell zu Tode schämen für das, was man da als Komik bezeichnet.

Hier eine kleine Faustregel: Wenn eine Sendung schon im Titel (und zwar nicht im Untertitel, sondern im eigentlichen Titel) verraten muss, was sie sein soll, dann hat man ein echtes Problem. Wenn ich eine Show Super Traurig nennen müsste, damit die Leute verstehen, dass die hier gezeigten Clips aus der Sahelzone, den Slums von Rio und der Innenstadt von Bielefeld traurig sein sollen und nicht etwa Heiterkeitsstürme auslösen, dann habe ich meinen Job nicht richtig gemacht. Bei Total Lustig ist die selbe Regel am Werk.

Total Lustig soll also… öh… total lustig sein. Genau. Und dabei gilt das Motto: Never change a running system. Wenn das Fernsehvolk immer noch tierisch darauf steht, sich stundenlang auf allen Sender Karbonkopien von Bitte Lächeln als TV-Event vorsetzen zu lassen, dann wird auch Comedy Central ihm diesen Wunsch erfüllen. Also, wer von all den lustigen Heimvideos aus den frühen Neunzigern (Baby kippt mit Stuhl um, Katze läuft gegen die Wand, Polizisten vermöbeln Rodney King) noch nicht genug hat, oder wer immer noch der Meinung ist, dass YouTube-Videos erst dann richtig gut sind, wenn sie auf Fernsehformat aufgeblasen werden, damit sie aussehen als würden sie komplett aus Legosteinen bestehen, der kann sich das beste dieser Form der Fernsehunterhaltung hier nochmal angucken.

‘kay, das wäre jetzt vielleicht noch nicht total lustig… vielleicht nicht einmal lustig an sich… aber dafür gibt es neben lustigen Heimvideos auch nochmal die lustigsten Werbespots der Welt. Quasi, Fritz Egner mit Brüsten. Ihr wisst schon, so wie damals, wo zwei oder drei lustige Spots (der Rastamann der das Auto in den Abgrund schiebt, die Claymation-Dinos die in der Nudelwerbung die kleinen Höhlenbewohner fressen) es rechtfertigten den Rest der halben Stunde mit Werbung zu füllen, die so mittelprächtig war, dass man sich die deutsche Werbepause sehnlichst wünschte um endlich wieder Qualität zu sehen.

Und die Sahne auf diesem televisionären Murkskuchen ist, dass man Ruth Moschner hier nicht alleine ertragen muss, sondern sie “ihre Nachbarn” mitgebracht hat. “Gisela, Sabine und Peggy”. Ihre Nachbarn, das sind Ruth Moschner als übergewichtige, unterbelichtete Sexbombe. Ruth Moschner als mopsig Geschäftsfrau. Und Ruth Moschner als dickes Teenager-Mädchen, wobei sie da so aussieht als habe sie Liza Li gefressen und würde jetzt ihre alten Klamotten auftragen. Das ganze ist nur marginal unlustiger als Schnitten-TV, der letzte, große Versuch der ZEITUNG Humor auch jenseits von Franz-Josef Wagners Photo zu präsentieren.

Und so ziehen die Ruthles durchs Land um Tod und Verwüstung zu bringen und Witze zu schänden, die andere Komiker seit 20 Jahren in Frieden ruhen lassen. Nach einem Werbespot über einen Eiskunstläufer, der sich auf ein Eishockeyfeld verirrt, beschwert sich Liza-Li-Ruth, dass nicht alle Eiskunstläufer Tucken wären, sie selbst zwei schwule Freunde habe und die Klischees hassen wie die Pest. Daraufhin fragt Ruth-Ruth, was die beiden denn beruflich machen. Antwort: “Günther ist Inneneinrichter und Dätläääf ist Maskenbildner.” Ba-da-disch. Vorhang. Abgang rechts.

Eine Ruth Moschner hat dem Humor im deutschen Fernsehen schon schwer zugesetzt, aber ob der Witz im Kessel (nicht verwechseln mit dem Kater im Hut oder dem Prominenten im Sack) vier Ruth Moschners überleben kann, das wird sich erst zeigen müssen. Ich bewerbe mich derweil als PR-Experte für Comedy Central. Mein Vorschlag für das Motto 2008: “Comedy Central – Soll das ein Witz sein?”

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Das DSF-Nachtprogamm

Während Comedy Central zumindest noch ein paar Comedyshows hat, um den Anschein von Humor zu bewahren (es ist schwer einem Sender langfristig böse zu sein, der uns täglich Seinfeld bringt… und viele Leute mögen ja unverständlicherweise Little Britain), hat das DSF jedwede Ambition in diese Richtung längst aufgegeben. Weiß irgendjemand, was da noch läuft, das das Signet Sport verdient hat? Ein wenig Darts, ein wenig Poker und gelegentlich Smackdown!. Und ungefähr 18 Stunden am Tag Call-In-TV, weil man sonst die Darts-Lizenz nicht refinanzieren könnte. (Abends wird das Call-In-TV übrigens nackt moderiert. Von diesen Damen. Vielleicht sollte man das Call-In-Show-Verbot nicht über die Betrugsschiene leiten, sondern einfach eine Anzeige wegen ästhetischer Grausamkeit beim ECHR stellen.)

Anyway: Nachdem das Nackedei-Call-In vorbei ist (“Ich gebe euch jetzt den Anfangsbuchstaben… sonst kommt doch bis Morgen keiner darauf, welches Hühnerprodukt mit zwei Buchstaben man aus dem Wort ‘IE’ bilden kann… ihr müsst mit E anfangen… verdammt, das ist so schwer, ich leg’ noch 500 Euro drauf und mach mich nackich!”), kommt der interessante Teil des Abends. Denn in einer Hinsicht ist das DSF inzwischen richtungsweisend: Fetischbefriedigung. Egal ob es Strippoker ist (gut, das kann thematisch mit dem Restprogramm verbinden), Frauen die sich in Katzenkostümen auf dem Boden anfauchen oder Frauen die mit ihrem Auto im Schlamm feststecken (ohne sich auszuziehen), das alles kann man dort finden und dabei irgendwelche 0900er-Nummern anrufen.

Wobei ich das jetzt in keinster Weise werten möchte und werde. Ich wollte das nur mal erstaunt festhalten.

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TV Browser: Das war’s dann wohl

Der natürliche Feind des Fernsehsenders ist der Zuschauer. Wissen wir ja alle. Die Sender würden gerne mehr Qualität bieten. Aber wenn sie’s mal tun, dann schaltet das undankbare Pack – siehe Blackout – nicht ein. Darum ist man gezwungen sowas wie Total Lustig oder die Call-In-Grütze auszustrahlen. Und darum hasst man, in Vorstandsetagen von Köln bis Unterföhring, den Zuschauer. Ja, das Fernsehen könnte so toll sein, wäre nur das Publikum nicht. Ergo: Wenn man den Zuschauer vom Fernseher fernhält, dann wird das Programm auch wieder besser.

Zumindest könnte ich mir so erklären, warum ProSieben/Sat.1 und die RTL-Sendergruppe ab dem 1. Jännar Geld von den digitalen Programmführern verlangen. Nachdem Rayson ihn lobte und ich ihn inzwischen in Aktion gesehen hatte, wollte ich mir neulich den TV-Browser selbst runterladen. Nur um festzustellen, dass die ab dem 1. Jännar alle Sender entfernen, die von den Machern der Gratissoftware Geld für ihre Programminfos verlagen würden. Als da wären: 9Live, Comedy Central, das DSF, Kabel Eins, MTV, N24, Nickelodeon, N-TV, ProSieben, RTL 2, RTL, Sat.1, Super RTL, VIVA und VOX. Es wäre schneller gegangen, aufzulisten welche Sender noch bleiben.

Eine interessante Argumentation, die die Sender da vorbringen: “EPGs [Electronic Program Guides] sind Geschäftsmodelle.” Auch solche wie der TV-Browser, die bislang kostenlos und frei von Werbung zu haben sind. Diese Geschäftsmodelle machten ihre Gewinne durch die “Nutzung von Bild- und Wortmaterial zur (…) Bewerbung von Fernsehprogrammen“. Achtung: Bewerbung von Fernsehprogrammen. Also, die EPGs machen Werbung für das Programm der Sender. Das hält ProSatSieben.1 (Quelle: der oben verlinkte DWLD-Text) nicht davon ab in bestem Doppeldenk zu erklären:

Und dass es sich bei der Darstellung der Sendeabläufe in EPGs letztlich um Werbung für die Sender handelt, bestreitet man bei ProSiebenSat.1 ohnehin komplett

Summa summarum: Die EPGs nutzen Bild- und Wortmaterial zur Bewerbung von Fernsehprogrammen, was allerdings keine Werbung für die Sender ist. Ja, ne, is’ klar. Die Gebühr soll einen Euro pro Nutzer und Jahr betragen, was gerade kostenfreien Browsern das Genick brechen dürfte. Wo genau die Vermakter den Unterschied zwischen einem EPG in der bisherigen Form und einer klassischen Fernsehzeitung sehen, das entzieht sich meinem Verständnis. Außer natürlich, dass EPGs tagesaktuell sind, während Fernsehzeitschriften meist schon am Erscheinungstag wertlos und veraltet sind, weil die Sender mal wieder spontan ihr gesamtes Programm umgestellt, Serien ins Nachtprogramm verschoben und dafür die zweitausendste Wiederholung von Michael Mittermeyers Zapped in die Prime Time gehievt haben.

Der Kerngedanke dürfte sein “EPGs = neue Medien = Melkkuh = $$$”. Was ein schönes Beispiel dafür ist, wie man gezielt am Zuschauer vorbeidenkt. Und im Idealfall auch am eigenen Geschäftsmodell. Denn die Kohle spült weiterhin die Werbung rein. Und der Werbepreis bemisst sich bekanntlich danach, wieviele Zuschauer einschalten. Einschalten tun Zuschauer, wenn sie irgendwo erfahren, dass eine Sendung läuft. Und dafür hat ein Programm wie der TV-Browser definitiv gesorgt, gerade bei den kurzfristigen Programmänderungen. Ob man mit der neuen Gebühr wirklich mehr Geld macht, als man durch sie verliert? Wirkt auf mich eher wie ein weiterer Anfall jenes kurzfristigen Denkens, mit dem die deutschen Sender auch seit einigen Jahren ihr Programm planen. Aber, hey, wenn der letzte Zuschauer den Sendern erstmal weggelaufen ist, dann werden sie feststellen, dass Werbekunden ihre Spots nicht nur aus reiner Nächstenliebe schalten… aber zumindest kann man dann endlich das Programm ausstrahlen, das man schon immer ausstrahlen wollte. Ohne dass einem der fiese Zuschauer wieder dazwischen funkt.

(Und weil es so schön passt, hier nochmal der Verweis auf Oliver Kalkofes zielsichere Polemik auf den Münchener Medientagen. What he said. Exactly what he said.)

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What happened to “What Happened To Rock ‘n’ Roll”

Und zum Schluß noch eine Suchanfrage: Ich musste erschüttert feststellen, dass offensichtlich einige Mitglieder der jüngeren Generation Deutschlands größte musikalische Errungenschaft seit Wagners “Tannhäuser” nicht mehr kennen. Was vielleicht erklären würde, warum die deutschen Charts derzeit von R’n'B-Rabauken wie Timbaland, Berliner Jammerlappenpop von Ich + Ich und – Gott steh uns allen bei! – dem musikalischen Epos “Du hast den schönsten Arsch der Welt (Arsch der Welt! Arsch der Welt!)” von Alex C. feat. Y-Ass dominiert werden. Aber, wie soll denn je wieder guter, alter Rock ‘n’ Roll die Charts stürmen, wenn man die Bildungslücke bei der Jugend nicht schließen kann?

Will sagen: Bis auf diesen kleinen Schnippsel hier, konnte ich im gesamten Internet keine Spur der Wuthymne “What Happened to Rock ‘n’ Roll” von Thomas Gottschalk (er hat die Schnauze voll!) & die Besorgten Väter finden. Wäre es nicht wegen des Bildungsauftrags die Aufgabe… korrektur: die heilige Pflicht des ZDF sein, diese Kleinod deutscher TV- und Musikunterhaltung schnellstmöglich via Mediathek der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Denn wenn wir der fiftycentisierten Unter- und Mittelschichtenjugend endlich wieder lyrische Großtaten wie “Wenn meine Kinder Musik machen // Gibs für mich nichts mehr zu lachen” an die Omme dätzen, dann kehrt er vielleicht zurück, der Gitarrensound den Thomas Gottschalk braucht. Also, Thomas, ZDF, bitte: Bring back some Rock ‘n’ Roll. Wäre doch zu bedauerlich wenn dieses künstlerisch wertvolle, letzte Aufbäumen gegen Hip-Hop, Rap und Techno im Kinderzimmer der Vergessenheit ebenso anheim fallen würde wie Gottschalk Late Night, Gottschalks Haus-Party oder Gottschalk kommt.

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So. Und für euch gilt jetzt: Abschalten!

Humorkritik: Schmidt & Pocher

Friday, October 26th, 2007

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Schmidt also mal wieder. Oder vielleicht eher: Immer noch.

Die Vorgeschichte zu Schmidt & Pocher ist ja gemeinhin bekannt. Die Harald Schmidt Show auf Sat.1 startete tief in den finsteren Neunzigern als lauer David-Letterman-Klon, dem eine extrem kurze Lebensdauer bescheinigt wurde. Die Presse nahm die Show brutal auseinander. Aber Schmidt blieb dran. Polenwitze, ein unsichtbarer Co-Host, Bimmel & Bommel, die dicken Kinder von Landau, die Weisheiten des Konfuzius, Nazipanse, der Liebling des Monats, Dr. Udo Brömme, Manuel Andrack, Reifen an der Luxuskarre von Helmut Zerlett umstecken… irgendwie schaffte es Die Harald Schmidt Show doch noch zum Liebling des Feuilleton zu mutieren und auch bei kritischen Fernsehzuschauern zum Pflichtprogramm zu werden. Warum auch nicht, in seiner besten Phase war Schmidt in seiner eigenen Show grandios. Allerdings überschritt er schon bei Sat.1 den Scheitelpunkt: Begann mit dem Format zu experimentieren, ließ erfolgreiche Konzepte (die Einspielfilme, etwa) aus der Sendung werfen und begann gelangweilt oder desinteressiert zu wirken. Trotzdem blieb man der Sendung gewogen: Das wächst sich raus. Das ist nur eine Phase. Die hat jeder Mal.

Als dann 2003 TV-Fallensteller Roger Schawinski von Haim Saban zum neuen Sat.1-Statthalter berufen wurde, nutzte Harald Schmidt die Gelegenheit um dem Neuen einen Stock zwischen die Beine zu werfen und seinen eigenen Rücktritt zu erklären. Das Heulen und Zähneklappern – auch wenn der ein oder andere einwarf, dass Schmidt in letzter Zeit eh nicht mehr so grandios war – der deutschen Fernsehzuschauer und Feuilletonisten war weithin zu vernehmen. Für Anke Engelke, von Schawinski als Schmidt-Nachfolgerin designiert, erwiesen sich Schmidts Clowns- als Bleischuhe. Im Haifischgewässer der blutlustigen Presse ging sie unter.

Ein Jahr später, am 23. Dezember 2004, war Schmidt wieder auf Sendung: Nicht mehr bei den Privaten, sondern zurück im Schoß seiner Alma Mater der ARD. Damals noch mit Zottelbart, aber auch mit den guten Hoffnungen der Zuschauer. Save us, Harald. Ein Jahr Kreativpause hatte ausgereicht um das Gefühl zu haben, dass nicht nur ein Fernsehentertainer zurückkehrt, sondern der Messias. Am Ende war es dann eher Yeats “second coming” als das aus der Bibel. Die Erwartungshaltung wurde nicht erfüllt. Die Sendung wurde kritisch kommentiert, wenn auch teilweise auf abstruse Art und Weise. Henryk M. Broder fabulierte etwa, dass Schmidt hier versucht habe “der deutsche Jon Stewart” zu sein. Fast.

Anyway: Die zweiten Flitterwochen waren von kurzer Dauer. Schmidt rasierte sich den Bart ab, blieb aber ansonsten weiterhin gezielt unlustig. Harald Schmidt selbst wirkte von Sendung zu Sendung gelangweilter. So als habe er es als Lichtgestalt des deutschen Fernsehens nicht mehr nötig sich reinzuhängen. Zwei Mal dreißig Minuten die Woche (so denn mal beide Shows ausgestrahlt wurden; oft kamen ja Fußball, der Scheibenwischer oder ein in China umfallender Sack Reis dazwischen) schienen zu viel um sie zu füllen, also saß Schmidt einfach nur seine Zeit ab. Spulte gelangweilt sein Programm runter und starrte ansonsten Löcher in die Luft.

Was alles ein kleineres Problem wäre, täte er das bei Sat.1. In der ARD aber werden die geschätzten sieben Millionen die Schmidts Show das Erste pro Jahr kostet, direkt an den Gebührenzahler weitergetragen. Jene Gebührenzahler die Schmidt in Scharen davon liefen. Die meisten Privatsender hätten ob der neuen Situation sicher die Notbremse gezogen: Teure Show, kaum Zuschauer und ein Schmidt der nicht mehr als Aushängeschild taugt. Die ARD entschloss sich dagegen nochmal aufs Gas zu treten und gestand Schmidt eine Rejuvenation zu. Damit er nicht so gelangweilt wirkt, kickte man das Faktotum Manuel Andrack und gestand ihm einen neuen Spielkameraden zu: Oliver Pocher.

Pocher wird von Schmidt schon seit langem hofiert und (für mich unverständlicherweise) als das kommende Talent des deutschen Fernsehens angesehen. Schmidt sieht in Pocher sogar seinen Thronfolger. Die Presse implodierte ob der Nachricht, dass der Feingeist Schmidt (der ja nicht selten selbst gern mal ein wenig zotig wurde) sich mit Rüpelcomedian Pocher zusammen tat, so als sei Fernsehpolen schon verloren. Andere hofften derweil, dass dieses neue Konzept Schmidt zur alten Frische zurückverhelfen würde. Ich selbst zeigte mich skeptisch, erklärte aber meine Bereitschaft der neuen Show eine Chance zu geben. Nun, hier ist sie.

Nicht wie bei einigen anderen in der Blogosphäre als Live-Blog, sondern ReLive. Weil ich Schmidt & Pocher erst nach Mitternacht im NDR sehen konnte, da vorher die zweite Folge von Toni Kroos Superstar auf dem anderen öffentlich-rechtlichen Sender gesehen werden wollte und sich mit Schmidts Sendung überschnitt. Im Retrospex, und so weit greife ich vor, war das Drama in Belgrader Hexenkessel um einiges unterhaltsamer als das, was da aus Köln kam. Wobei die schönsten Mediendramen aus Köln ja ohnehin nicht aus irgendwelchen Studios kommen, sondern aus dem Müngersdorfer Stadion. (Und ja: mir ist egal nach welchem Sponsor das jetzt benannt wurde… die bet-at-home.com Arena ist eh das be all und end all der Stadionnamen.)

Anyway: Im NDR hatte Schmidt zumindest keine großen Hürden zu überwinden. Vor seiner Show wurde da eine Wiederholung des Scheibenwischers ausgestrahlt, der wohl auch das letzte Mal relevant und lustig genannt wurde, als Helmut Schmidt noch Bundeskanzler und Franz Josef Strauß noch am Leben war. Inzwischen ist der Scheibenwischer zu einer Show geworden, die auch noch voll Stolz zeigt wieviele Politiker im Publikum sitzen und sich köstlich über die zahnlosen Späßchen amüsieren, die die Hofnarren da auf der Bühne aufführen. Haha, Mathias Richling verkleidet sich mal wieder als Ulla Schmidt. Köstlich. Ein Dauerbrenner. Solange er nur niemandem weh tut.

Der Scheibenwischer ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine Show weit nach Ende ihrer Lebenszeit noch als Zombie gehalten werden kann, nur weil der Name für eine glorreiche Vergangenheit steht. Der Scheibenwischer ist für das öffentlich-rechtliche Fernsehen das, was Bob Woodward für die Washington Post ist. Als Zuschauer hofft man, dass die Show auf ihrer eigenen Schleimspur ausrutschen und sich das Genick brechen möge. Bei genauerer Überlegung: Eine perfekte Hinleitung zu Schmidts Sendung.

Die mit dem Spruch “die Nachfolger von Frank Plasberg” und einem Harald Schmidt im ungewohnt weiß-grauen Anzug beginnt, während Pocher nirgendwo zu sehen ist. Und Schmidt selbst beginnt so, wie er bisher jede seiner ARD-Schauen begonnen hat: Mit müdem Stand Up. Die Sommerpause hätte für genug Material sorgen sollen, stattdessen ein paar laue Späßchen über Atomstrom aus dem Iran, Bundeskanzler Günther Jauch, den russischen Botschafter in Hannover (Gerhard Schröder) und den Passat 911.

Ohnehin: Ein VW-Nuttenwitz? Kommt der nicht ein paar Jahre zu spät? Auch das Publikum gluckst eher pflichtschuldig als tatsächlich amüsiert. Und dann beweist Schmidt, dass er noch immer überraschen kann: “Sind Betroffene vom Bahnstreik heute hier?”, fragt er. “Nein? Niemand?” Aha, denke ich mir, jetzt kommt ein verschmitztes: “Natürlich. Wie sollten Sie auch?” Stattdessen entscheidet Schmidt die Steilvorlage zu ignorieren und das Thema mit einem “Das ist schön”, aufzugeben. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Nach sieben Minuten quälender Stand-Up-Comedy, bei der man glaubt dass sich das Sendekonzept gar nicht geändert habe, darf endlich Oli Pocher auf die Bühne. Als Schattenriß taucht er auf, tänzelt dann durch eine Pappmacheéwand und präsentiert eine Jacko-Parodie. Sowas wird auch nie alt. Das hat schon funktioniert als Otto die Nummer in Otto – Der Außerfriesische präsentiert hat und wie guter Wein wird sie nicht älter, sondern irgendwann bitter wie Essig. Zumindest eine positive Überraschung gibt es: Oliver Pocher stellt Helmut fuckin’ Zerlett und Band vor.

Man setzt sich zusammen an den neuen Schreibtisch, der länger und gebogener ist. Die Rangfolge wird auch hier deutlich, zumindest wenn ich die mediale Bildsprache richtig deute. Schmidt sitzt direkt vor der Hauptkamera, Pocher sitzt rechts von ihm, leicht seitlich zur Kamera. Pocher ist also quasi die Ulrike von der Groeben zu Schmidts Peter Kloeppel, die Gundula Gause zu Schmidts Claus Kleber. Nach ein wenig Geplausche wird deutlich, dass Pocher eines noch nicht abgestellt hat: Der Jungspund ist sein bester Kunde, sein eigener größter Fan. Bei jedem Satz muss er mit sich kämpfen um erst nach einem und nicht schon Mitten im Satz anzufangen zu lachen.

Wir bekommen dann den ersten Einspieler präsentiert. Nutzen wir die Gelegenheit die Einspieler des Abends in ihrer Gesamtheit abzuarbeiten: Exakt so lau wie in der letzten Staffel. Drei Mal bekommen wir Nachrichten von Kurt Beck, der jetzt mit Ivon Catterfeld zusammen ist, sich von Münte trennt da aus Freundschaft Liebe zu werden drohte und der sich eine Erdbeere auf den Knöchel tätowieren ließ. Drei Mal laufen die Einspieler ins Leere. Ein Einspieler für die “Bahn Strike Card” ist zwar tagesaktuell, würde in der Form aber eher als Wegwerfgag bei den Freitag Nacht News oder Switch passen. Und wäre da wahrscheinlich noch liebevoller produziert worden.

Der längere Einspieler mit Schmidt und Pocher als Promipilger – getragen von der Bild-Text-Schere “Acker in NRW/Jakobsweg” – könnte amüsant sein, leidet aber unter seiner Länge und darunter, dass ich das Original nicht kenne. Den Einschaltquoten zufolge dürften eh nur Schmidt und die Verwandten der Promipilgerer das große ProSieben-Spektakel gesehen haben. Viel später am Abend wird noch ein letzter Einspieler kommen in dem Schmidt, Pocher und Eckart von Hirschhausen erklären, wie das so läuft im Krankenhaus: “Eileiter oder Klinikleiter… alle wollen dahin, aber nur einer schafft’s.” Das hat etwas von den Einspielfilmen aus alten Schmidteinander-Tagen, versandet im großen Gefüge der Sendung aber auch.

Zurück zur Show außerhalb der MAZen: Da hat sich eines nicht geändert. Sowas wie Fluß oder logischen Aufbau bietet Schmidt & Pocher nie. Man wählt noch immer die Methode Schrotflinte: Möglichst viel Material, mit möglichst breiter Streuung, in Richtung Publikum feuern und gucken was trifft. Dass dabei kaum ein Segment wirklich zur Geltung kommt? Geschenkt. Schmidt und Pocher testen das Naz-O-Meter, stellen Duschgel vor, sprechen über Markennamen, Pocher singt den Brief von Ivon Catterfeld und liest dann aus der Fernsehzeitung vor, stellt Filme in einer Parodie des ZDF Morgenmagazins vor, ein Bilderrätsel gibt es und man guckt zusammen Tatort und einen ZDF-Fernsehfilm, guckt dann noch wie Kerner, Klopp und Urs dem Bundesjogi eine Kuhglocke schenken, Pocher spielt mit Logos herum und scherzt ein bisschen über Bauer sucht Frau, wenn er nicht gerade Lukas Podolski zu imitieren versucht. All das zusammen mit den Einspielern in 53 Minuten. Irgendwann wird auch noch Jauch auf die Bühne gelassen.

Ein echtes Konzept wird nie erkennbar. Früher, als immer alles besser war, hätte Schmidt vielleicht ein oder zwei dieser Segmente in einer Show von 60 Minuten präsentiert, wo sie exakt zwischen zwei Werbeblöcke gepasst hätten. Hier bekommt keine Nummer Raum zum Atmen. Und bei einigen Nummern, etwa dem Bilderrätsel, wird die Schwäche deutlich, die Schmidt seit seiner Rückkehr zur ARD plagt: Es langweilt ihn. Er mag nicht mehr. Sicher, die Nummer steht im Drehplan, also muss sie gemacht werden. Aber dann halt schnell, lieblos, mit offenkundiger Verachtung für das was er gerade tut. So als täte er dem Publikum einen Gefallen. So als würde er gezwungen das hier zu machen, statt sich auf einem Kreuzfahrtschiff einen neuen Rauschebart wachsen zu lassen. Was die Frage aufwirft, warum man diesen Approach wählt. Warum Schmidt nicht eine oder zwei Nummern macht auf die er wirklich Lust hat, statt sich mit Dutzenden Winzsegmenten zu quälen, die wohl allesamt anöden.

Humoristisch ist das alles ein seltsamer Eintopf: Okay, die Sache mit dem Naz-O-Meter kann man in Zeiten von “Autobahn geht gar nicht” rechtfertigen, auch wenn’s letzte Woche besser gekommen wäre. Aber das kann man der Show ja nicht vorwerfen, dass Kerner diesen Pass in den freien Raum zu früh geschlagen hat. Wäre das hier Schmidt & Pocher, das Naz-O-Meter würde ausschlagen und Schmidt würde erklären: “Jaja. Volk ohne Raum.” Das Publikum würde verstohlen “hohohoho” machen und Schmidt würde sagen: “Wieso machen Sie ‘hohoho’?”

So wie Schmidt das immer macht, wenn er eine Nazi-Anspielung einbaut. So wie das Segment dann ja auch ablief. Naziwitze gehen immer. Oder zumindest immer noch. Dem Thema hängt immer noch das Gefühl an, dass man Neuland betritt oder Tabus bricht, dass das Lachen hier ein kleiner Akt der Rebellion gegen die PC-Polizei ist. Auch Jahre nach Walter Moers’ Adolf. Aber Naziwitze leiden leider auch immer darunter, dass sie inzwischen als Notnagel für jeden Komiker herhalten müssen, dem sonst nichts einfällt. Würde sich Fips Asmussen einen kleinen Charlie-Chaplin-Bart stehen lassen und seine Witze ” än ainem ordentlächen doitschen Tonfall” vortragen, er würde sich ein ganz neues Publikum erschließen. Naziwitze, oder das Spiel mit diesem Tabu das keines mehr ist, sind einfach und inzwischen relativ ungefährlich. Man hätte sich vielleicht einen anderen, selbstbewussteren Start des alten Hasen Harald S. gewünscht.

Der unschönste, grenzwertigste und gewagteste Spruch zu diesem Thema kam erst am Ende der Sendung, als Harald Schmidt einen überforderten Vater gab, der seinen Sohn zwingen wollte zu duschen. Das Stichwort “duschen” nutzte Pocher um einzuwerfen, dass jetzt das Naz-O-Meter voll ausschlagen würde. Angenehm bitter. Der spontane Ausbruch war wohl ein Beispiel für das, was sich Schmidt erhofft hatte, als er Pocher in die Show holte. Auf jeden Fall kam der Tabubruch aus dem freien Gespräch heraus lustiger als der Brechstangenhumor den Pocher im eigentlichen Naz-O-Meter-Segment an den Tag legte: “Zuhause habe ich einen Gasherd.” Hohoho.

Und Schmidt beendet das Segment mit der Aussage: “Die Nazis waren politisch die Hölle, aber die Uniformen waren irgendwo geil.” Ich kratze mich derweil am Kopf und kann mich des Gefühls nicht erwähren, dass Schmidt den Satz irgendwo in seiner alten Sat.1-Show schon einmal gebracht hat. Ist natürlich auch schwer nach so vielen Jahren noch neue Witze zu finden. Was auch für einige andere Segmente gilt: Das “wir machen keine Schleichwerbung”-Gespräch, dass er jetzt mit Pocher führt, hat er vorher über Jahre hinweg regelmäßig mit Manuel Andrack durchexerziert. Noch zu Sat.1-Zeiten. Und dann kommt das Fotoquiz: “Was haben diese Frauen gemeinsam? Kein Mann würde…”

Eines der Bilder zeigt Bettina Böttinger und es ist klar, dass Schmidt hier auf seinen ersten großen Skandal anspielte, als er in einem ähnlichen Fotoquiz (Böttinger, eine Klobrille, die Emma und Eierlikör) den Satz schloß mit: “Kein Mann würde sie freiwillig anfassen.” Hier kommt der Swerve: “… bezweifeln, dass diese Frauen wahnsinnig erfolgreich sind.” Das mag nur mir so gehen, aber eine Anspielung auf die Böttinger-Krise vom Dezember 1995? Ein Ereignis, das fast zwölf Jahre zurück liegt? Der Großteil des Publikums erinnert sich doch weder an Böttinger, noch an den Skandal. Worauf sollte dieses Segment hinauslaufen?

Wer bezweifelt, dass Schmidt irgendwie seiner eigenen großen Vergangenheit nachhängt, der bekommt die volle Ladung Vergangenheitsbewältigung ins Gesicht als Schmidt einen Witz aus dem Tatort zum Besten gibt: “Was ist Tierquälerei? Wenn man ‘ner Schlange Viagra gibt.” Brüller. Es gehört schon Fernsehgenie und der Mut zum Tabubruch dazu Viagra-Witze im deutschen Fernsehen des Jahres 2007 zu machen. Sehen Sie nächste Woche: Schmidt nacherzählt einen Blondinenwitz aus Bella Block. Die Woche danach kann er sich dann an einem Mantafahrerwitz aus Der Alte verlustieren, ehe er zum Staffelfinale einen Ostfriesenwitz aus Aktenzeichen XY vorstellt. 60 Minuten Sendung, zwei Moderatoren… und Schmidt muss zu Viagrawitzen greifen um die Sendezeit zu füllen?

Zum “Sendezeit füllen” passt auch jenes Segment, in dem Schmidt und Pocher mit gespieltem Entsetzen feststellen, dass der Tatort und der ZDF Montagsfilm innerhalb von 24 Stunden zwei Mal fast das gleiche Ende verwendet haben. Was man nicht schnell bequatschen kann, sondern mit fast fünf Minuten Filmmaterial belegen muss. Fünf Minuten Filmmaterial in denen ja eigentlich nichts passiert. Dazu unterhalten sich Pocher und Schmidt über die Frauen die in beiden Clips mit einer Pistole bedroht werden. Ohoh, die is’ hinüber. Isse tot? Ja isse. Meinste wirklich, bisse sicher. Ja, ja, jajaja…. Nein! Isse nich!

Warum man das Material nutzt? Weil man bei einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ist und darum Zugriff auf das Material hat. Das dürfte auch den Kuhglockeneinspieler aus der Nachbetrachtung des letzten Länderspiels erklären. Fraglich ob man “lustige Filmclips” nicht einfach Stefan Raab überlassen will. Oder das Konzept gezielter darauf ausrichtet. Auch eine spätere Sequenz, wenn einfach mal ein Gedicht von Wolf Biermann so ganz apropos eingespielt wird (Kontext wird überbewertet) erinnerte mich irgendwie fatal an Raabs Angewohnheit immer dann einen Filmschnippsel einzuspielen, wenn das Publikum wieder den totalen Tiefpunkt erreicht hat. Nur dass Raabs Einspieler – wenn auch auf brachiale Art und Weise – dem Publikum ein Lachen entreißen, während das Biermann-Segment nur verwirrte. Das nennt man dann wohl Kunst.

An anderer Stelle nutzt man gleichsam Material, das genau so funktionieren würde, stellte es Stefan Raab in TV Total vor. Etwa Oli Pochers “Bauer sucht Frau, Bauer schlägt Frau…”-Kartenserie. Die präsentierten Körperflegeprodukte (“Arischer Frühling”, “MustaFa” und “AntiFa”) hätten statt Harald Schmidt und Oli Pocher in dieser Form auch Bernd Stelter und Kalle Pohl bei 7 Tage, 7 Köpfe rauskramen können. Nachdem man, Sommerpause sei Dank, Monate Zeit hatte um sich gute Witze auszudenken ist sowas das Beste was man am Ende vorweisen kann? Falls das die selben Azubis verbrochen haben, die auch für die Stand-Up-Witze am Anfang zuständig waren, dann wird es vielleicht Zeit für einen Personalwechsel.

Anyway, irgendwann – so sechs oder sieben Minuten vor Ende der Show – durfte dann Günther Jauch auf die Bühne. Das ist gut, weil Jauch – anders als Autobahn – immer geht wenn er mit Schmidt zusammenspielt. Egal ob in dessen Show oder bei der Promiausgabe von Wer Wird Millionär?. Das gilt auch für Jürgen von der Lippe und Helge Schneider. Schmidt sollte nur Gäste einladen, von denen er weiß, dass das Zusammenspiel funktiert. Und tatsächlich, erst in diesen letzten paar Minuten hatte man das Gefühl, dass die Sendung tatsächlich auf etwas hinsteuerte. Jauchs Peter-Zwegat-Imitation war der treffsicherste und anhaltend komischste Moment der Erstlingsshow. Leider traute man Jauch alleine wohl nicht und musste ihn nach ganzen zwei Fragen für einen weiteren unlustigen Einspieler (“Letzten Sonntag bei Sabine Christiansen“) unterbrechen. Die Unlustigkeit dieses Einspielers versuchte Jauch danach geschickt zu übergehen.

Bezeichnend für den Schlußteil von Schmidt & Pocher dann Pochers Einwurf: “Ich darf auch mal was fragen, irgendwann?” Durfte er nicht. Pocher saß an seiner Ecke am fernen Ende des Schreibtischs und durfte den alten Hasen im Mediengeschäft zugucken, wie sie sich unterhielten. Gut, hier und da meldete Pocher an, dass er auch noch in der Show ist… und wurde einmal sofort von Jauch abgewürgt. Dafür muss Pocher nicht auf der Bühne bleiben, dann kann man es auch machen wie zu Zeiten Manuel Andracks und ihn früher gehen lassen. Das wirkt dann weniger peinlich.

Aber auch das war symptomatisch für die Premierenvorstellung von Schmidt & Pocher. Man darf sich zu Recht fragen, ob Schmidt und Pocher sich mal zusammen auf die Bühne gestellt hatten, ob sie das alles etwas geplant hatten oder zumindest grob absprachen, wie man zusammenspielen will. Es wirkte nämlich nie so. Und falls die Hoffnung war, dass das Publikum den Angang “learning by doing” sympathisch finden würde, dann trog sie. Das Zusammenspiel Schmidt – Pocher funktionierte den ganzen Abend fast nie.

Meist schien Pocher wie vor Ehrfurcht erstarrt und begnügte sich damit das staunende Faktotum Harald Schmidts zu spielen. Nur dass Pocher halt nicht als “neuer Andrack” geholt wurde. Von seiner Direktheit mit der er gerne polarisiert – mein Ding nicht, wie gesagt, aber dafür wurde er halt geholt – war fast nichts zu spüren. Dafür dass Pocher die Fernsehzeitung liest, mit Senderlogos herumspielt oder einen Liebesbrief singt, kann ihn Schmidt nicht an Land geholt haben. Besonders weil er Pocher in diesen Moment nicht im Zentrum stehen ließ, sondern ihm regelmäßig ins Wort fiel. So ein wenig, als wenn er dann das Spotlight doch nicht ganz kampflos abgeben könnte. Vielleicht muss man die beiden für einige Segmente trennen, so wie Christine Westermann in Zimmer frei! in jeder Sendung ein paar Minuten mit dem Gast ohne die Präsenz von Götz Alsmann verbringen darf.

An anderer Stelle scherzte man miteinander, gluckste und kicherte vergnügt vor sich hin… nur auf den Zuschauer sprang der Funke nicht über. Gut, Schmidt wirkte an einigen Stellen tatsächlich wieder als habe er Lust aufs Fernseh machen. Aber dann sollte doch bitte auch ein unterhaltsames Produkt dabei herauskommen. Ich zahle meine Rundfunkgebühren ja nicht um dem großgewachsenen Nürtinger einen Selbstfindungstrip vor laufenden Kameras zu sponsorn.

In der Gesamtheit macht Schmidt & Pocher scheinbar da weiter, wo Harald Schmidt endete. Zu viele der alten Schwächen übernimmt auch das neue Format: Die unlustigen und oft langatmigen Einspielfilmchen. Die schwache Stand Up zum Start der Show. Und auch Schmidt & Pocher geht noch jeder Flow verloren: Man holtert durch dutzende Segmente in der Hoffnung, dass eines an der Wand kleben bleiben möge, an die man diese Passagen wirft. Gut, ein paar Dinge aus Sat.1-Tagen – Helmut Zerlett, das Bilderrätsel – hat man mitgenommen und ein paar Witze aus dieser Zeit offensichtlich auch.

Schmidt und Pocher fehlt noch jedes Gespür dafür, wie sie auf der Bühne miteinander umgehen sollen. Man spielt nicht so richtig zusammen und zu sehr lässt sich Pocher an die Seite drängen, zum Sidekick degradieren. Und wenn man gar nicht weiter weiß, dann schaut man sich Clips aus dem Archiv der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten an oder greift zum gezielten Tabubruch.

“Sorry, falls die ein oder andere Sache noch nicht ganz so perfekt war,” verabschiedete Harald Schmidt das Publikum mit gespielter Gravitas. So kann man es auch sagen. Die ein oder andere Sache könnte man verzeihen. Aber bei einer Show die so stark diskutiert wurde, die schon im Vorfeld mit so hohen Erwartungen (ob an den Erfolg oder an ein glorreiches Untergehen) verknüpft war, hätte man einen krachenderen, spannenderen Start erwartet. Genug Zeit das Konzept den neuen Begebenheiten anzupassen und alte Schwachstellen auszubügeln hatte man in der Sommerpause. Stattdessen gab es belanglose Standardware wie schon vor der Sommerpause. Das Fehlen von Pocher hätte wohl niemand bemerkt.

Die Verteidigung wird sein, dass sich Schmidt und Pocher erst noch einspielen müssen und dann zu ihren Stärken finden werden. So wie Schmidt auch bei Sat.1 Zeit brauchte. Aber damals musste er gegen Widerstände kämpfen. Heute bemitleidet ihn die Presse oder sie räumt ihn immer neue Chancen ein zum alten Genie zu finden. Aber sie verabscheut seine Sendung nicht mehr. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Schmidt nicht mehr so motiviert ist wie früher. Das bessere Zusammenspiel von Schmidt und Pocher kann die Sendung natürlich aufwerten, aber die zentralen Schwächen des Gesamtkonzepts werden auch davon nicht übertüncht werden. Bis man also an der Grundsubstanz der Show etwas ändert, bleibt meine Fazit für Harald Schmidt mit Pocher wie für Harald Schmidt ohne Pocher: Einem gelangweilten Mann dabei zuzusehen, wie er seine Zeit absitzt… das muss ich mir nicht geben.

Im Dezember schaue ich dann vielleicht mal wieder rein. Oder wenn ich gerade mal nichts anderes zu tun habe. Bis dahin sollte die “Warmspielphase” vorbei sein. Dass die Sendung dann viel besser sein wird, ich wage es zu bezweifeln. Und falls dem tatsächlich so sein sollte, wird es vielleicht Zeit für einen radikalen Konzeptwechsel: Pocher rausschmeißen, Günther Jauch doch noch zu den öffentlich-rechtlichen holen und Harald Schmidt zu dessem Sidekick degradieren. Vielleicht hilft das.

Wenn die Erwartungshaltung an Schmidt & Pocher allerdings eines offenbart, dann den eklatanten Nachwuchsmangel im deutschen Fernsehen. Wirklich spitze ist Schmidt seit fast fünf Jahren nicht mehr. Ein halbes Jahrzehnt. Und trotzdem ist er immer noch der Hoffnungsträger des deutschen Fernsehens. Der Name der uns irgendwann wieder zeigen soll, das nicht alles schlecht ist was über den Äther geht.

In diesen fünf Jahren hätte längst ein anderer in diese Lücke stoßen müssen, hätte ein anderer sich als neuer Star des Feuilletons und der Fernseh-Intelligentsia positionieren müssen. Aber ein echter Nachfolger ist nirgendwo in Sicht. Und wenn Harald Schmidt in dieser Form tatsächlich unsere beste Hoffnung auf Qualitätsfernsehen ist, dann ist es schlecht bestellt um die deutsche Fernsehlandschaft. Irgendwie erinnert mich das alles an den Plot von Mein Name ist Nobody. Ob es Pocher gelingen wird, Schmidt jenen grandiosen Abgang zu verschaffen, den er müde, alte Fernsehheld sich wohl selbst wünscht?

Want a second opinion?

*Der Popkulturjunkie ist enttäuscht.
*Das Fernsehlexikon auch.
*Beim Medienrauschen ist man vorsichtig optimistisch.
*DWDL ist sehr zufrieden.
*Die Süddeutsche hofft auf die Zukunft.
*Der SPIEGEL sieht auch eine goldene Zukunft für das Konzept.
**So wie auch Knurrunkulus.
*Der taz fehlt das Zusammenspiel der Egozentriker.
*Der ASB ist relativ zufrieden.

TV is a Virus: Hottentottenherbst

Friday, October 19th, 2007

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Eva Hermann – Manufacturing Content

Gut, ist jetzt auch schon wieder ein paar Tage her, dass Frau Herman bei Johannes Borat Kerner auf dem Sessel saß und dann wahlweise ging oder gegangen wurde. So ganz lässt einen die Geschichte dann aber trotzdem noch nicht los, weil die Beteiligten sie auch nach über einer Woche noch gehörig auszuschlachten wissen. Das blonde Fräuleinwunder selbst bekrittelt, dass JBK “ die Mütter diskreditiert“. Senta Berger moniert, dass Kerner sie nicht gehen ließ, sondern Eva H. vor die Tür setze. Und der Rest Deutschlands debattiert noch immer darüber, ob man nun das Wort “Autobahn” noch sagen darf oder ob die fiese Alt-68er-Weltverschwörung dann gleich die Wurfsteine holt, so als habe man “Jehova, Jehova” gerufen.

Lassen wir, hier geht es ja nur um Fernsehen, den gesamten ideologischen Teil mal außen vor. Und man kann Frau Herman ja eh nur vor den Kopf schauen. Ich selbst schwanke zwischen zwei Interpretationen. Entweder die gute Dame ist nicht im Ansatz so medienerfahren, wie man von einer ehemaligen Tagesschau-Sprecherin erwarten sollte und weiß wirklich nicht, dass der Autobahnspruch nie gut kommt. Egal in welchem Kontext. Bestimmte heiße Eisen packt man im Fernsehen einfach nicht an, sofern man nicht gezielt provozieren will. Wenn dem so ist, dann hat Kerner sie möglicherweise vor sich selbst geschützt.

Die andere Alternative ist, dass Frau Herman eben doch ein Medienprofi ist und genau weiß, wie man einen Sturm im Wasserglas herbeizaubert. Sich selbst ein wenig in die Opferrolle drängen (von den “gleichgeschalteten Medien” verfolgt werden und so) und sich so ganz gezielt und zynisch im Gespräch halten. Wäre nun auch nichts kein neuer Plan. Auch dann war es legitim von Joe Baptist die Dame vor die Tür zu setzen, weil sie einfach etwas zu hoch gepokert hat.

Aber, wie gesagt, das ist ja eigentlich egal. Denn die ganze Sendung war eine groteske Schmierentragödie von epischem Ausmaß, die nichts mit Qualitätsjournalismus zu tun hatte, sondern – so wie Fernsehen halt ist – von vornherein auf den großen Money Shot wartete. Anders kann ich mir nicht erklären warum man Margareth Schreinemakers – die ich gefühlt seit Schreinemakers TV auf RTL nicht mehr im Fernsehen gesehen habe [da war doch mal was mit Steuerproblemen] – in die Runde bittet, wo sie gleich mal mehrere Fässer Moralin aufmacht. Senta Berger? Wegen mir. Aber Mario Barth? Mario friggin’ Barth? Wenn ich ernsthaft über das Themenfeld “Meine Braut, ihre Familie, die Nazis, die 68er und ich” diskutieren möchte, dann lade ich nicht einen Comedian ein, nur weil er ein Buch Deutsch – Frau/Frau – Deutsch verfasst hat.

Wo war ich? Ah, der Money Shot. Von Anfang an wartete man in der Show nur darauf, dass endlich einer anfängt zu flennen. Tränen für die Quote und so. Johannes B. Kerner belegte mit seiner angestreckten Lässigkeit (“Eva, wie lange bist du bei Bischoff Mixa in der Lehre gewesen?”) einmal mehr, dass man das Titanic-Angebot vielleicht annehmen sollte. Für ein Thema von dieser Tragweite und mit dieser potentiellen Sprengkraft wirkt der Softball-Werfer denkbarst ungeeignet. Aber er wird ja wohl nochmal fragen dürfen.

Der Glanzpunkt der Show war dann der Moment, in dem Senta Berger die Faxen dicke hatte und gehen wollte. Eine Chance die Kerner sofort ergriff: Wenn schon keiner flennt, dann muss halt einer fliegen. Sagte er natürlich nicht, wird er aber gedacht haben. Auf jeden Fall sagte er, der Moment sei gekommen “wo man sich selbst so’n bisschen Gedanken macht [...] und die hab ich mir jetzt gemacht. Und ich hab mich entschieden, dass ich mit meinen drei Gästen weiter rede und dich, Eva, jetzt verabschiede.

Das Kerner bis dato noch nicht das kleinste Anzeichen hatte erkennen lassen, dass er von Frau Herman genervt war und ihr sogar gerade noch angeboten hatte, sie jetzt zu einer ganze Reihe Weichspülfragen sprechen zu lassen? Geschenkt. Kerner ist opportunistischer Medienprofi genug um zu wissen wie er einen Moment kreiirt, den er dann demnächst im ZDF-Jahresrückblick selbst anmoderieren darf. Und das ZDF schickte die News natürlich sofort an alle Agenturen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. So wusste ganz Internetdeutschland (und Videotextdeutschland) schon vor der Sendung von “dem Eklat” und hatte die Chance ihn sich dann live on tape anzusehen. (Ich ja auch.) Der Quote hat es gut getan.

Das Theater wurde noch besser dadurch, dass JBK und seine drei verbliebenen Gäste es schafften, in den restlichen rund 20 Minuten ohne Eva Herman nichts – aber auch gar nichts – von irgendeiner Konsequenz abzusondern. Die Vier von der Talkstelle saßen da, salbaderten von Urlaub, Schampus, DVDs und Freundinnen, machten ein bisschen Jokus und taten so, als wenn da nie ein anderer Gast gewesen wäre, der die vorherigen 50 Minuten absolut dominiert hatte. Falls Kerner sich wirklich als kritischer Journalist, als der Frank Plasberg des Late Night Palavers, etablieren wollte, dann führte er diese Intention mit dem gemütlichen Plausch – der nur marginal belangloser war als die Gespräche in Ralf Morgensterns Kaffeeklatsch – gehörig ad absurdum.

Dem ZDF scheint das bewusst zu sein, weshalb man in der Mediathek nicht die volle Show als Stream anbietet, sondern die Übertragung mit der Szene beendet, in der Jay Bee Kay die hergemante Eva vor die Tür setzt. Dazu wie das ZDF seine eigenen Sendungen revisionistisch editiert oder gleich ganz leugnet kommen wir in ein paar Minuten nochmal. Aber das Theater hier war ein Musterbeispiel dafür, wie die Medien sich selbst am Leben erhalten und sich – wenn gerade keine Sau vorbei läuft – ihre eigenen Säue basteln, auf die sich dann alle beteiligten setzen dürfen. JBK und das ZDF, der Boulevard in Form der ZEITUNG, die Feuilletonisten der FAZ und nicht zuletzt Popkulturblogger wie yours truly hier. Meh.

***

Fernsehkritik.tv

Fernsehkritik.tv ist nicht direkt Fernsehen, sondern viel metaiger: Internetfernsehen über das Fernsehfernsehen. Leider mit eher durchwachsenem Erfolg: Fernsehkritik.tv ist immer dann am stärksten, wenn das gezeigte Bildmaterial aus dem Fernsehen am schwächsten ist. Etwa die Top-Ten-Listen, die man in jeder Folge präsentiert: Die zehn schrecklichsten Dokusoaps. Die zehn besten Call-In-Show-Lösungen (Stirnlappenbasilisk). Die zehn schrecklichsten Momente aus Gülcans Traumhochzeit, besonders der Promiauflauf: Lucy, Mola, Scooter und Kai Ebel… whoa! Das ist ja wie in Hollywood hier. Und wenn ich “Hollywood” sage, dann meine ich damit natürlich “Malle”.

Fernsehpeinlichkeiten sind immer dann am schönsten, wenn man sie einfach laufen lassen kann und sie sich ganz von alleine als Hohlkörper entlarven. Einer der Gründe warum Zapping schon immer Kalkofes Mattscheibe überlegen war, dessen… nennen wir es mal “Parodien”, nicht selten abfielen gegenüber der Peinlichkeit des vorher gezeigten Quellenmaterials. Mit Fernsehkritik.tv ist es nicht sonderlich anders: Wenn Holger Kreymeier einen Text aus dem Off spricht oder die nächste MAZ (heißt das in Zeiten des Internets noch so?) ansagt, dann sackt die Qualität schlagartig ab.

Die Anmoderation wirken nicht selten holprig, unbeholfen und ungeprobt. Was bei einer Aufzeichnung eigentlich nicht nötig wäre. Warum nicht einfach mal ein zweites oder drittes Take schießen, wenn das erste nicht so funktioniert wie geplant? Oder die Anmoderation schon vorher ausformulieren und dann in schriftlicher Form auf einem Laptop (sehr web 2.0) oder auf einer Papptafel (sehr retro-charmant) hinter der Kamera postieren und einfach ablesen.

Die aus dem Off gesprochenen Kommentare sind leider auch nicht so ganz meine Sache, vielleicht weil sie gerne mal in die oben schon erwähnte Kalkofe-Grube stolpern (gutes Quellenmaterial auf redundante Art kaputt quatschen) oder mir zu gutbürgerlich auf den Bildungsauftrag pochen und nach dem starken Staat rufen: Diese Chirurgiedokusoap auf RTL II – Teenies brauchen Titten, oder so – einfach verbieten? Nette Lösung, aber greift zu kurz. Die Sender bieten ja nur an, was ein großer Teil der Bevölkerung sehen will, nicht andersrum. Das Fernsehprogramm ist das Hämatom, aber die gesellschaftlich-moralischen Stürze die es verursacht haben, sind anderswo zu verorten.

Dennoch: Ein TV-Magazin, das sich endlich mal wieder kritisch mit dem Fernsehen auseinandersetzt, hat in der letzten Zeit sehr gefehlt. Zapping ist tot, Kalkofes Mattscheibe in der Wiederholungsschleife, TV Total eine reine Promotionsplattform für Raabs nächstes Großereignis. Da ist Fernsehkritik.tv ein nettes Format, das – trotz der Schwächen – eine große Lücke schließt. Fragt sich nur wie lange. Denn ob die kritisierten Sender die Auswertung ihres Sendematerials in dieser Form wirklich mit Hinweis auf das Zitatrecht lange akzeptieren, das wage ich mal zu bezweifeln.

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Deutschquote im Fernsehen

Speaking of “moralinsauer auf den Bildungsauftrag pochen und nach dem starken Staat rufen”. Einige Politiker aus den hinteren Bänken haben es peinlicherweise geschafft das gesamte Sommerloch zu verschlafen und haben jetzt dringenden Nachholbedarf auch noch in selbiges zu springen. Und wenn sie es dafür im Herbst nochmal von Hand ausheben müssen. Wenn es des Klimawandels wegen keine echten Jahreszeiten mehr gibt, dann kann man das Sommerloch ja das ganze Jahr hindurch offen lassen. Anders ist wohl dieser Vorschlag nicht zu erklären: Politiker fordern Deutsch-Quote für Serien.

Und wo fordern sie das? Natürlich im offiziellen Presseorgan des Sommerlochs, der ZEITUNG. Ist aber auch Scheiße, der klassische Musikpopulismus der vergangenen Jahre (wir erinnern uns: die fiesen ausländischen Kapellen machen die deutsche Musik kaputt) zieht nicht mehr so recht seitdem junge Eigengewächse wie die Helden, Sido, Silbermond, LaFee, Tokio Hotel, die Flippers oder Die Ärzte den Äther beherrschen. Muss man halt auf ein anderes Medium ausweichen.

Also: Der Erfolg von Serien wie Monk, House, Navy CIS und CSI: Truth or Consequences, New Mexico sorgt dafür, dass klassische deutsche Eigengewächse kaum noch eine Chance haben. Wir erinnern uns, kreative Eigengewächse wie Das Kanzleramt, Die unlösbaren Fälle des Herrn Sand, Verschollen, Hilfe, meine Familie spinnt, Beauty Queen, Verliebt in Berlin, Stromberg, Wilde Engel, R.I.S. – Die Sprache der Toten oder Die Harald Schmidt Show.

Und wenn die Mehrheit dieser tollen Eigenkonzeptionen floppt, dann muss der starke Staat ran. Monika “Kennich nicht” Griefhahn von der SPD fordert: “grundsätzlich [...] eine Quote für deutsche Serien im Fernsehen”. Reinhard “Kennich auch nicht” Grindel von der CDU hingegen ist für eine “Selbstverpflichtung der Sender”. Wer Schawinskis Die TV-Falle gelesen hat, der ahnt, dass das aufs Selbe hinausläuft. Immerhin: “Eine Quote für deutsche Serien könnte unsere TV-Produktionsfirmen im Land erhalten. Der Standort Deutschland darf nicht zu kurz kommen.”

Die Forderung der Zuschauer, dass es mehr gute Serien im Fernsehen geben und diese anständig behandelt werden sollten, egal welcher Nationalität sie sein mögen, lehnte die Politik derweil ab. Kurt Tucholsky, Medienpolitischer Sprecher des Deutschen Bananenhandels, zuckt die Achseln und spricht: “Gute Serien gehn eben nicht!” Seine Forderung? Deutsche, guckt deutsche Serien.

(Nachtrag: Frau Griefahn erklärt, dass die ZEITUNG sie falsch wiedergegeben habe.)

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ZDF: Wissenschaft, Schmissenschaft

Und während die Politik derzeit noch keinen Einfluss auf das Programm der deutschen Sender hat, zumindest nicht in dem Ausmaß wie sie es gerne hätte, zeigt die Pseudowissenschaft, wie man sich sein Programm selbst gestaltet: Joachim “Bluthbad” Bublath, seines Zeichens Godfather of Knoff Hoff, hat es gewagt eine kritische Reportage zum Thema alternative Heilmethoden zu produzieren.

Die Originalseite zu dieser Sendung lässt sich auf der ZDF-Homepage nicht mehr finden. Einzig im ZDF-Forum herrscht gerade eine angeregte Diskussion über Schulmedizin, alternative Heilkunde und die Frage, wohin die Website zur Sendung verschwunden sein mag. Nicht ganz unschuldig am Verschwinden der Seite waren wohl auch wütende Proteste von Anhängern und Vertretern der alternativen Medizin.

Wenn dem so sein sollte, dann ist das ein nicht zu unterschätzender weiterer Schlag gegen Presse- und Meinungsfreiheit. Sicher, nicht so spektakulär umgesetzt wie die dänische Karikaturenkrise, nicht so lautstark geführt wie die Debatte rund um Popetown, aber trotzdem bliebe der Umstand, dass das ZDF vor einer vokalen Gruppierung eingeknickt ist und das möglichst heimlich, still und leise hintenrum betreiben wollte. Zumindest bleibt ein weiterer Vertrauensverlust gegenüber dem ZDF.

Gesinnungsjournalismus, nennt man sowas dann auch. Und es wirft die Frage auf, wie unbefangen man anderen großen Lobbies gegenübersteht und wie weit man der Berichterstattung des ZDF da vertrauen darf. Man vergleiche das mal mit der Art wie schnoddrig man mit der Kritik der (wohl schwächeren) Spielegemeinde an Frontal 21 wegen der Killerspielepanikmache umgeht. Ab welcher Gruppengröße sendet ihr denn nach unserem Gutdünken, ZDF?

Bublath selbst scheint auch nicht erfreut zu sein:

„Stellen Sie sich vor, wir betreiben in Zukunft nur noch den Journalismus, der den Betroffenen genehm ist. Wenn genügend Zweifler an der Mondlandung schreiben, nehmen wir dann die Astronomiesendungen aus dem Netz?“, sagte er. „Wissenschaft als Abstimmungsergebnis, das ist der Sieg des Irrationalen.“

Ich halte es da mit Carl Sagans unsichtbarem Drachen und hätte gerne Beweise. Ehe die Homöopathie (und der andere Schnick-Schnack) nicht in einem Doppelblindtest besteht und dabei eine Erfolgsquote vorweist die klar über der Erfolgsquote von Placebos liegt, ist sie für mich keine anerkannte Wissenschaft. Und ich fordere da nicht mehr, als dass man das Standardprozedere für wissenschaftliche Arbeiten akzeptiert. So lange das ZDF vor großen Lobbies einknickt und kritische Berichte lieber komplett heimlich entfernt, statt wenigstens auf die Debatte einzugehen, stelle ich auch mal in Frage ob man den Bildungsauftrag erfüllt, für den ich meine GEZ-Knete Rundfunkgebühren abdrücke.

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Montagskino

Achja, ZDF, wo ich dich gerade an der Strippe habe: Würde es dich umbringen einen Praktikanten einzustellen, der bei dir im Videotext am Montag um 2215h einfach mal kurz jede Woche den Eintrag “Montagskino” ersetzt, so dass ich vielleicht sofort erfahre welchen bekackten Film ich da im Montagskino zu sehen bekomme? Natürlich nur wenn dir das keine Umstände macht. Ist sicher ein Haufen Arbeit sowas zu erledigen, da braucht man einen Experten und was weiß ich nicht alles für. Technik und so. Und kostet sicher auch viel Zeit und ‘ne Menge Geld. Also, wenn das zu umständlich wäre, dann könnte ich das natürlich verstehen. Ist ja nicht so, als wenn du ein Serviceunternehmen wärst…

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Gesinnungsjournalismus – Brought to you by the RIAA

Zurück zum Lobbyismus. Und jetzt etwas für alle Sender, nicht nur für das ZDF: Wenn ihr eure beschissenen Newsschleudern als Nachrichtensendungen bezeichnet, dann fände ich es ganz tuffig und super, wenn ihr ein wenig journalistische Eigenleistung vorbringen könntet und nicht einfach nur die Pressemitteilungen großer Gruppierungen on air verlesen würdet. Blablalba, wir alle kennen das Gejammer: “Aber wir können doch nicht nachhaken, zu viel Arbeit, zu wenig Mitarbeiter, yadda yadda yadda.”

Die großen Firmen wissen das natürlich auch und präsentieren euch darum regelmäßig kleine Nachrichtenhäppchen. Schon mal fein aufgewärmt, nur noch zu versenden. Nur: Es ist nicht so, dass die Lobbygruppen euch da die Arbeit abnehmen. Jedes Mal wenn ihr sowas unbesehen versendet, nehmt ihr den Lobbygruppen die Arbeit ab.

Solche Gruppen geben euch vorgekaute “News” und ihr, alleine dadurch dass ihr sie sendet, gebt diesen “News” die nötige Glaubwürdigkeit um zu News (ohne Gänsefüßchen) zu werden. Weil der Durchschnittszuschauer davon ausgeht, dass ihr schon recherchiert haben werdet und nicht einfach nur Sendezeit mit möglichst wenig Aufwand füllen wollt. Ein Musterbeispiel für als Journalismus getarnte Propaganda gab es neulich nämlich auf so ziemlich allen Kanälen als es um das so genannte “Download-Urteil” ging.

Wir erinnern uns: Eine 30-jährige US-Amerikanerin wurde zu einer Strafe von 220.000 Dollar verdonnert, weil sich in ihrem Shared Ordner bei KaZaA 24 Musikstücke finden ließen. Lassen wir jetzt mal alle anderen Dimensionen außen vor. Egal ob die 9.000 Dollar pro Song angemessen sind, egal ob die Songs von anderen heruntergeladen wurden, egal ob die Plattenverkäufe wegen Raubkopierern stagnieren oder aus anderen Gründen (hohe Preise, der Boom der Neunziger als man alte Platten nochmal auf CD kaufte). Das soll nicht Teil dieser Debatte sein. Relevant ist nur: Die Frau wurde verknackt weil sie Lieder zum Download anbot.

“Download-Urteil” ist damit als Begriff irgendwie schon korrekt, aber eben doch nicht so ganz. Grottenfalsch wurde dann alles, was danach kam und als mediale Panikmache durchgehen darf: Da wurde behauptet die Frau sei für das Downloaden von Songs verurteilt worden, auch für deutsche Downloader würde die Luft jetzt dünn, et cetera. Dazu Bilder von Webhostern wie Rapidshare oder Megaupload, insinuierend dass der Download die verhandelte Straftat war. Und das ist ja nun einmal grundfalsch. Auch wenn ich mir denken kann, dass da irgendwelche Mechanismen zusammenspielten, die bei TV-Sendern und Plattenindustrie ähnlich gelagert sind. Nicht zuletzt die Angst die Kontrolle über eigene Inhalte zu verlieren.

Aber selbst dieses Eigeninteresse ist keine Entschuldigung für schludrigen Journalismus und die gezielte Verdrehung von Tatsachen. Man darf auch als Nachrichtensendung gerne die Position der RIAA zu 100% vertreten und das als eigene Meinung darstellen. Was man aber nicht darf, zumindest wenn man das Vertrauen der Zuschauer behalten will, ist die Propaganda einer Gruppe einfach zu übernehmen und auf die Panikkarte zu setzen, wenn ein schnelles Googlen (Arbeitsaufwand: vielleicht zwei Minuten) zu einer besseren und korrekteren Reportage geführt hätte.

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Krömer versus Krüger

Vielleicht der erstaunliche Umstand zuerst: Krügers Woche wurde noch nicht abgesetzt. Was aber wohl nicht mehr lange dauern dürfte, denn laut DWDL erreicht die Show regelmäßig neue Tiefstwerte. Wobei ich auch nicht ganz begreife, was ProSieben geritten haben mag Mike Krüger eine eigene Show in der verlängerten Prime Time zu geben. Natürlich war Krüger mal lustig, damals als er mit Thomas Gottschalk in Klamaukkisten wie Die Einsteiger und Piratensender Powerplay die westdeutschen Kinos heimsuchte und die Charts mit tiefenphilosophischem Gerummse wie “Der Nippel” unsicher machte.

Aber was hat der Quickborner denn seitdem getan? Gut, er war jahrelang in seiner Komfortzone in RTLs Komikerrentengau 7 Tage, 7 Köpfe vertreten und wusste genau, dass er die Lacher auf seiner Seite hat, wenn er Rudi Carrell einen schnellen Wohnwagenspruch an die Omme haut. Aber ob eine Show mit Bernd Stelter und Kalle Pohl wirklich den Humor vertritt, auf den das junge ProSieben-Publikum steht? Ansonsten hat Krüger nämlich alles an die Wand fahren dürfen, was man ihm so reichte: Man denke nur an Krüger sieht alles, so eine Art Darüber lacht die Welt ohne Hape-Kerkeling-Einspieler und diese eine Versteckte-Kamera-Show da bei Kabel1, wo mir gerade nicht mal mehr der Name einfällt. Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir Krüger oder sowas. Auf jeden Fall eine Sendung mit Drohung im Titel.

Krügers Woche setzt den Abstieg des Nasenmanns in die D-Prominenz fort: Selbst auf die aktuelle Woche zugeschnittene Witzchen (T-Shirt: “Autobahn geht gar nicht.”) helfen dem kruden Mix aus The Larry Sanders Show und 7 Tage, 7 Köpfe nie über ein extrem maues Humorniveau hinweg.

Sicherheitshalber schiebt man die Show in der nächsten Woche eine halbe Stunde nach hinten, damit Tramitz & Friends das Publikum einfangen kann. Ein Plan den ich auch für gewagt halte, angesichts der Tatsache, dass die letzte Staffel humoristisch und quotentechnisch eher… hust… schwach war. Ein wenig als wenn man einem Wasserträger ein Sieb in die Hand drückt. Vielleicht hilft das mehr Wasser in den Eimer ohne Boden zu schaffen.

Interessant aber, dass man dem “alten Hasen im schnellebigen Fernsehgeschäft” Mike Krüger bei ProSieben immer noch eine Show in Prime-Time-Nähe zutraut, während man bei ARD und ZDF offenbar Angst davor hat die Stammzuschauer zu vergrätzen, wenn so ein “junger Wilder” mal vor Mitternacht laufen darf. Also, außer er heißt Florian oder Maxi und macht wahlweise im Stadl oder auf dem Dampfer die Omis ganz wild.

Warum man Krömer – Die Internationale Show mal wieder in den Untiefen des Nachtprogramms versendet, das verstehe wer will. Sicher, die Show hat immer noch ihre Schwächen – primär die arg unlustigen Einspieler, die Krömer beim Flirten mit einer Politesse oder beim Praktikum bei der Müllabfuhr zeigen – an denen man feilen kann. Aber zumindest verzichtet Krömer auf die blöde Restfamilie oder die nervige Kapelle seiner letzen beiden Shows. Und im Interview mit Prominenten ist Krömer ganz stark. Das Blutwurstgespräch zwischen Krömer und Christine Westermann war ganz großes Tennis. Auf jeden Fall läuft da in Sachen Nachwuchsförderung bei ProSieben und ARD einiges falsch. (Wer jetzt den Namen Oli Pocher ins Spiel bringt, der landet mindestens eine Woche auf der “stillen Treppe”.)

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ProSieben: Will RTL II werden, anstelle von RTL II

Junge, junge ProSieben… was ist denn mit dir los? Gut, das fragte ich schon beim letzten und vorletzten Mal, aber die Antwort steht ja immer noch aus. Und irgendwie wird es von Monat zu Monat schlimmer.

Ich würde derzeit, das gebe ich offen zu, keine Serie auf ProSieben anfangen. Schon alleine, weil man da wohl jede Serie im ersten Tief panisch in der Gegend herumschiebt und dann absetzt, wenn sie dadurch nur noch weniger Quote einfährt. Wir erinnern uns: Jericho. Zuerst zeigte sich ProSieben in einer Pressemitteilung erstaunt darüber, dass die Show in den USA nach einer Staffel gecancelt wurde. Anschließend kickte man die Serie Mitten in der ersten Staffel zugunsten der ProSieben Märchenstunde selbst aus dem Programm. Das nennt man Konsequenz.

Lost hatte man vor einem knappen halben Jahr hin- und hergeschoben zugunsten des Grimme-Preis-Gewinners der Herzen, dem Gameshow Marathon. Und die neue Staffel legt zusammen mit Supernatural gleich mal ziemlich schwache Quoten vor. Wollen wir schauen, ob sich ProSieben traut dem Sendeschema treu zu bleiben oder bald wieder in Quotennot verfällt und so lange herumdoktort, bis keiner mehr zufrieden ist?

Da man als Zuschauer inzwischen weiß, wie panisch ProSieben auf schlechte Quoten reagiert (siehe The 4400, siehe Jericho, siehe Lost, siehe Invasion) wird man wahrscheinlich einer quotenschwachen Serie erst gar keine Chance mehr geben. Warum Zeit in etwas investieren, das nach halber Strecke aus dem Programm fliegt. Die neue Season von 24 wollte RTL II nicht mehr haben, wohl weil die Quoten zu schwach waren. Dass sich das bei ProSieben ändern wird, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Aber: Wenn es sich nicht ändert, dann fliegt die Show wahrscheinlich unaufgelöst raus oder landet versteckt im Nachtprogramm. Also: Warum überhaupt erst gucken.

Zwischendrin leistet sich ProSieben weitere selbst gemachte Quotengaus wie Survivor (aller guten Dinge sind drei), Das Große Promi-Pilgern, Besserwisser oder Das Model und der Freak. Es ist schwer zu sagen, was dem Sender derzeit fehlt, aber wenn es so weiter geht, dann ist der sicher geglaubte Platz an der Sonne in Gefahr. Sender wie VOX oder RTL II holen in Sachen Serien und Quoten inzwischen arg auf. Vielleicht muss ProSieben für seine Serien stärker werben (Lost stürzte ab, als die Werbekampagne ging), vielleicht muss man nur mehr Geduld beweisen (siehe den Erfolg von Grey’s Anatomy im zweiten Anlauf). Aber die derzeitige Panikreaktion auf jede noch so kleine Quotenschwäche stärkt das Vertrauen in die Senderführung nicht gerade.

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Naked & Funny

Abt. Humorkritik: Nackt und lustich, soll Naked & Funny auf Comedy Central sein. Aussprechen täte man’s, wie die Show ist: “Nackt unlustig”. Gut, das kanadische Fremdgewächs wird von Comedy Central nur als Füller verwendet, wenn man gerade keine Wiederholung von Dharma & Greg oder Auf Schlimmer und Ewig zur Hand hat. Aber selbst da kann man doch etwas Besseres finden. Besonders als Sender der Humor, laut Eigenwerbung, “ernst nimmt”.

Naked & Funny ist eine Show des Typus “Versteckte Kamera”. Kennt man auch in Deutschland: Ahnungslose Passanten latschen in abstruse Situationen und tun dann so, als hätten sie gar nicht damit gerechnet, dass sie gefilmt werden… weil sie so vielleicht mal im Fernsehen landen. Die Sendungen sind meist humoristische Blindgänger, weshalb sie eigentlich konsequent von Harald Schmidt in seinen besseren Tagen moderiert werden sollten. Anyway: Naked & Funny weiß um den Mangel an natürlicher, humoristischer Ausstrahlung und greift darum zum Holzhammer um das zu kaschieren.

Benny-Hill-Geräusche, Lachspuren und – man hätte es ahnen können – Nacktheit. Nun macht Nacktheit leider Situationen nicht immer lustiger. Stellen Sie sich mal einen extrem unlustigen Komödianten vor. Sagen wir mal Fips Asmussen. Und jetzt stellen sie sich vor, dass er seine kleinen Scherzchen komplett unbekleidet vortrüge. (Von mir aus darf er Kappe, Weste und Minipli auch anbehalten.) Und? Glauben Sie, dass das den Mann lustiger macht? Eben!

Und bei Naked & Funny setzt man darum zusätzlich auf spaßige Geräusche. Beispielsweise so eine Art “SPROiNGDOiNK” oder “SPROINGACHONK” wenn etwa einer Kellnerin, Politesse, Bowlerin, Joggerin oder Frau im weitesten Sinne die Brüste aus der Bluse fallen. (Sie merken schon, da gibt es ein Leitmotiv.) Macht die Sache auch nicht wirklich lustiger, aber Don Martin hätte das trotzdem gefallen.

Will sagen: Unlustige Shows mit versteckter Kamera machen auch all diese Glocken und Pfeifen nicht lustiger. Selbst bei Füllmaterial, das nur langsam zu den allseits beliebten Call-In-Shows überleiten soll, kann man doch sicher besseres Material finden, oder? Die Daily Show und den Colbert Report sehe ich immer noch nicht im Programmplan. Das würde zwar nicht so schön lobotomisieren wie all die Geräusche von “STROINGGOINK” bis “KLINGDINGGOON”… aber es würde euer Sendermotto zumindest mal glaubwürdiger machen.

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Das Weiß Doch Jedes Kind

Nur mal so zum Schluß. Aus der Abteilung “TV-Formate in denen ich nie auftreten würde”. Seine Allgemeinbildung mit der eines Fünftklässlers abgleichen und feststellen, dass der Fünftklässler einen an die Wand denkt. Sehr lustig für den Rest der Menschheit, sehr peinlich für den Betroffenen. Etwa diese Brillenschlange neulich, die bei zwei von drei Fragen von so einer Rotzbremse vorgeführt wurde.

Das ist wie mit dem Krieg gegen den Terror. Zeigt man den Kindern was eine Harke ist, dann sagen alle: “Naja, als Erwachsener muss man mit so ‘nem Blach ja auch mental den Boden aufwischen können.” Verliert man, ist man der Depp der Nation. Ganz im Ernst, wenn man sich unbedingt mit Kindern messen will, dann kann man ihnen auch vor dem Spielplatz auflauern und ihnen ihre Lollies klauen. Was für Mr. Burns gut genug war, das kann ja für den Rest der Welt nicht schlecht sein.

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So. Und für euch gilt jetzt: Abschalten.

Your Money @ Work: Frontal21, GEZ

Saturday, August 25th, 2007

Frontal 21

Den Anfang der “Your money @ work”-Woche machte (mal wieder) Frontal 21. Weil ja gerade in Leipzig diese ominöse Games Convention ist, sind die meisten vernerdeten Blogger derzeit dort unterwegs und versuchen sich die nächste Konsolengeneration doch noch schön zu saufen. (“Wenn ich blau bin, dann sind die Welten der PS3 gar nicht mehr so braun.”) Eine ideale Gelegenheit also für die Jugendverschützer vom Zweiten mal wieder Rainer Fromm einen professionellen und wertneutralen Bericht zum Thema “Killerspiele” aufsetzen zu lassen. Und zwar ohne dass einem gleich eine ganze Reihe böser Blogger an den Karren fährt.

Wussten Sie, dass das stundenlange und tägliche Computerspielen das Sehvermögen verbessern soll? Das wollen britische Forscher herausgefunden haben. Die Zahl der Studien zu Computerspielen ist so unübersehbar wie der herausgefundene Unsinn. Wes Geld ich nehm, des Spiel ich spiel. Es geht schließlich um einen Markt, in dem Milliarden verdient werden. Da ist „zwei Experten – drei Meinungen” ganz hilfreich.

So die Anmoderation von Theo “Wenn ich mal richtig crazy bin, krempel ich mir auch die Ärmel hoch” Koll. Okay, bis hierhin könnte das ganze sogar noch ein guter Bericht werden. Denn man kann wohl ziemlich sicher sein, dass sich auch die Videospieleindustrie gerne mal dem ein oder anderen Forscher ein paar Forschungsgelder zuschiebt, sofern der garantieren kann, dass die Ergebnisse am Ende dem eigenen Interesse entsprechen. Das ist ja nun wirklich kein neues Konzept. Man betrachte auch die allseits beliebten Klimawandelsstudien der Ölindustrie. “Eher entlastende Analysen“, weiß Koll zu berichten, “kommen gerne mal von der Fachhochschule Köln. Und die wird gerne von der Computerspieleindustrie unterstützt.

Interessant nur, dass die 21er von Frontal wohl nicht sehen können, dass dieses “des Lied ich sing”-Spielchen auch als Kanon funktioniert und bestimmten Forschungsinstituten vielleicht deshalb an primär negativen bis apokalyptischen Ergebnissen gelegen ist, weil sie so kostenlose Publicity im Fernsehen und damit die Aussicht auf mehr Fördergelder erhalten. Vielleicht bin ich aber auch nur zynisch und verbittert. Ah, es ist übrigens wissenschaftlich auch nur sehr schwach erwiesen, dass man mit dem Zweiten tatsächlich besser sieht. Solche Ergebnisse kommen meist von der Berufsfachschule Mainz und… a-hem…

Der Bericht startet dann mit dem nie altwerdenden Elternschreck GTA – San Andreas (ich glaube, bestimmte Fernsehleute erwarten Teil IV mehr als so mancher Hardcoregamer) und dem ewigen “wer hat das denn gekauft”-Klassiker Sniper Elite, in dem man – schockschwerenot – “tödliche Präzisionsschüsse” abgeben muss. Dinge gibt’s. Damit leitet man über auf die neueste Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachen und dem größten Rockstar unter den deutschen Wissenschaftlern seit Heisenberg sich tot gesoffen hat: Dr. Pfeiffer.

Womit wir wieder bei der Anmoderation wären. Böse Stimmen würden behaupten: “Die Zahl der Studien zu Computerspielen ist so unübersehbar wie der herausgefundene Unsinn. Wes Geld ich nehm, des Spiel ich spiel. Es geht schließlich um einen Markt, in dem Milliarden verdient werden.” Aber das hier ist natürlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Tendenziöse oder gar unseriöse Berichterstattung geht da natürlich gar nicht. Also, gleich weiter im Programm und zu Dr. P.

Ein absolutes Highlight ist dessen nun folgende Aussage:

In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren – prügelndes Elternhaus, mobbende Mitschüler, dass man Außenseiter wird, dass man nicht selbstbewusst mitten im Leben steht – bedeuten Computerspiele das Aufzeigen einer Handlungsalternative, die einem sonst gar nicht in den Sinn käme.

Hallo? Zett De Eff? Denkt bei euch auch jemand mit, ehe ihr die Berichte ausstrahlt? Also, der Mann darf – unwidersprochen – erzählen, dass bestimmte Schüler besonders gefährdet sind. Nämlich Schüler die von den Eltern verprügelt und von anderen Mitschülern gemobbt werden. Das heißt: Diese Gruppe erfährt in realitas Gewalt durch das Elternhaus und durch seine Mitschüler. Diese Gruppe erfährt Gewalt durch zwei andere Gruppen, die wahrscheinlich nicht so exzessiv spielen wie sie selber.

Und da wollt ihr mir erzählen, eine Person die im realen Leben konstanter Gewalt ausgesetzt ist, würde nie auf den Gedanken kommen selbst Gewalt anzuwenden, wenn ihr die Videospiele das Mittel nicht verraten würden? Mal abgesehen von dem Zynismus, dass “prügelndes Elternhaus” und “mobbende Mitschüler” nur als “andere Belastungsfaktoren” gelten? Sorry, das Brot kauf ich euch so nicht ab, da fress ich lieber Kuchen. Andere Studien, nicht nur von der Fachhochschule Köln, deuten darauf hin, dass das reale Erleben von Gewalt selbst gewalttätig macht. Aber das ist möglicherweise nur ein fieser Trick der Videospieleindustrie, y’know?

Der Markt boomt. Insgesamt stieg der Umsatz mit PC-Spielen und Konsolen in Deutschland vergangenes Jahr auf fast 1,8 Milliarden Euro. In den Hitlisten finden sich besonders brutale Spiele

Halb richtig. Brutale Spiele machen einen Großteil des Marktes aus. Bleiben zwei Fragen: Werden diese Spiele primär von Kindern oder Erwachsenen gekauft (der Bericht insinuiert, dass ersteres der Fall wäre)? Und: Ist es nicht so, dass der derzeitige Boom des Videospielemarktes nicht daran liegt, dass Gewaltspiele sich so gut verkaufen, sondern eher daran das man endlich anfängt Casual Gamer ins Boot zu holen, die statt einer ausgedehnten Marathonsitzung Medal of Heroes: Earned to Hill 2.0 lieber Partyspiele wie Mario Smash Football, Wii Sports, Mario Party oder Guitar Hero spielen? Vielleicht war der Bericht aber auch einfach zu kurz für eine ausführliche Marktanalyse. Das holt ihr doch sicher nach, oder?

Anschließend erklärt ein Mensch der Schulberatung Bayern, dass Videospiele bei Kindern und Jugendlichen “starke Hassgefühle” konditionieren, die die Jugendlichen weiterhin in ihrem Verhalten prägen. Dazu kann ich jetzt nichts sagen. Ich bin zwar Wissenschaftler, aber nur Doktor der Parapsychologie. (Nicht die Strahlen kreuzen.) Ich stelle daher nur die Frage, bis zu welchem Grade Hass auch auf andere Art aufgebaut wird und ob Videospieler mehr oder weniger Hassgefühle entwickeln als andere aggressive Jugendliche, die nur selten zocken. Ernst gemeinte Fragen, die ich gerne beantwortet hätte.

Und natürlich die alte Frage: Wieso gucken und zocken Kinder schon im “Grundschulalter” sowas? Sicher, Eltern können nicht alles wissen, was ihre Kinder tun, wir haben auch Wolfenstein gespielt als wir in der fünften Klasse waren… aber die kleinen Viecher sollten da doch trotzdem noch gar nicht drankommen. Und: Wenn sie jetzt schon an das Zeug drankommen, was bringt es dann Spiele und Filme zu verbieten, die bisher schon nur Erwachsenen zugänglich sind? Letzte Frage: Hat man die Statistik lügnerbereinigt? Ich und meine Kumpels haben uns schon in der Grundschule – weil wir nicht zugeben wollten, dass wir so cool nicht sind – Jahre lang angelogen welche unglaublich brutalen Filme wir schon gesehen hatten. Aber, damit man mir das nicht vorwirft: Das wäre ein Generalisieren des Einzelfalls. Vielleicht ist das heute ja anders.

Danach darf ein EA-Mann ein wenig Propagandasprech absondern (zusammengefasst: “Videospiele machen schlau, fähig und total irre sexy. Supermodels werden mit dir schlafen wollen, wenn du EA-Spiele zockst.”), den man auf Seiten der Frontal-Redaktion dann mit einem zynischen “Spiel frei!” abschießt. Okay, fair game. Das PR-Blabla hat das verdient. Nur: Jetzt kommt ein Kommentar eines Wissenschaftlers der kritisierten Kölner Fachhochschule:

Intensiv Spielen ist etwas, was sozusagen sehr human ist. Sich auf eine Sache einlassen – wir können nicht sagen, die können sich nicht mehr konzentrieren: Beim Spielen tun sie das.

Der wird auch abgeschossen mit einem zynischen “Spiel frei!”.

Wer aufgepasst hat, dem fällt hier wieder ein Beispiel dafür auf, wie man eine Meinung beim Zuschauer schaffen kann, ohne dass dieser das merkt. Zuerst kommt ein offensichtlich unsinniger Kommentar der Videospielelobby, dem mit einer schnoddrigen Erwiederung der Wind aus den Segeln genommen wird. Dem folgt ein – meiner Anischt nach gar nicht mal so unsinniger – Kommentar der FH Köln, dem mit dem selben schnoddrigen Kommentar der Wind aus den Segeln genommen wird. Obwohl er nicht so unsinnig wirkt wie die PR-Blase von Electronic Arts, wird er damit auf das gleiche Niveau von “das müssen wir nicht ernst nehmen, das ist der gleiche PR-Blödsinn” gestellt. Weil man die Aussage ja mit dem selben ironischen Spruch entwertet. Fieses Stilmittel, ZDF. Denn die Idee, dass intensives Spielen etwas sehr menschliches ist, das ist auch außerhalb der Videospieleindustrie durchaus verbreitet: Johan Huizingas Homo Ludens, anybody? Achja, die offizielle Antwort auf diesen Teil meines Posts von Seiten des Zweiten wäre: Spiel frei!

Kritisch kommentiert wird von Frontal 21 auch folgende Aussage:

Aber dass das, was dort gelernt wird, einen unmittelbaren Transfer in die reale Wirklichkeit hat, im Positiven nicht und im Negativen auch nicht, das denke ich, ist Stand der bisherigen Forschung.

Was mich wieder zu einer Frage kommen lässt, die ich oft stelle: Akzeptiere ich jetzt mal die Studie aus dem niedersten aller Sachsen, dann wird also Gewalt am Bildschirm gelernt und sofort in die Realität umgesetzt. Direkte Transferleistung. Fein. Aber: Muss man dann nicht im Gegenzug auch anerkennen, dass es positive Transferleistungen ebenfalls geben müsste? Utilitaristisch anerkennen, dass man meist selbst davon profitiert, wenn man anderen hilft (Stufenaufstieg, zusätzliche Items, et cetera)? Oder dass Uneigennutz sich meist auszahlt (geretteter Charakter hilft dem Spieler später im Spiel)? Oder auch nur, dass mancher Spieler selbst dann den “guten Weg” spielt, wenn ihm das Spiel einen “bösen Pfad” anbietet?

Nun erwähnt man – und es ist gut, dass man das erwähnt – dass die FH Köln von Videospieleherstellern gesponsort wird. Sowas sollte man wissen, ehe man sich auf deren Studien stützt. Wobei mich die Aussage irritierte: “Zu den Geldgebern gehört auch ein Hersteller besonders brutaler Spiele. Das ist für manche Wissenschaftler am Institut unerträglich.” Um, Rockstar Games? Electronic Arts über Bande? Midway? Was zeichnet ein besonders brutales Videospiel aus? Und wie viele der Wissenschaftler am Institut sind “manche”?

Das ZDF folgert dennoch absolut korrekt: “Wissenschaft dürfe nicht den Interessen der Industrie dienen.” Das unterschreibe ich absolut. Sobald wir deutlich machen, dass Industrie nicht nur die Zockbranche ist, sondern auch Film, Funk, Presse und Fernsehen sein können, die nicht selten den Instituten am meisten Aufmerksamkeit schenken, die die dramatischsten Ergebnisse hervorbringen. Übrigens nicht nur in Sachen Videospiele. Das Strickmuster findet man auch bei Katastrophenszenarien wie Klimawandel, Virologie oder potentieller Schaden durch bestimmte, neue Technologien. Denn, Kernaussage dieses Posts, in die andere Richtung läuft das Spiel ebenfalls.

Für Professor Pfeiffer und andere Wissenschaftler aber haben die Kollegen in Köln ihren guten Ruf verspielt.

Den ersten Teil des Zitats lasse ich mal total unkommentiert stehen. Beim zweiten Teil: Welche “anderen Wissenschaftler”? Wer? Namen und Zitate, bitte. In der Wiki käme man mit solchen Wieselworten auch nicht davon. Achja, auch nur total unkommentiert stehen lassen, werde ich folgendes Zitat von Professor Pfeiffer, dass mir zumindest eines zeigt… der Mann ist sicherlich der selbstironischste Party-Doktor der Republik. Anders als das ZDF, das total merkbefreit sein dürfte, wenn ihm die Ironie in der folgenden Aussage nicht auffällt. Ein Brüller:

Sie haben ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, wenn sie ihr Geld von denen beziehen, die ein Interesse daran haben, dass solche Art von Computerspielen verharmlost werden. Also von daher kann sie wissenschaftlich niemand ernst nehmen. Das Bedauerliche ist aber, dass Schulen und Eltern das ja nicht wissen.

Gibt es noch etwas zu sagen? Oh ja, Theo Koll darf ja noch mit total betroffenem Blick abmoderieren:

Während die Innenminister von vier unionsregierten Bundesländern mittlerweile ein komplettes Verbot von Killerspielen fordern, schlägt der Kulturrat jetzt vor, dass Computerspiele, genau wie Filme, staatlich gefördert werden sollten. Will sagen – dies war nicht der letzte Beitrag zum Thema.

Wer aufmerksam war, der merkt dass die Unionspolitessen von “Killerspielen” sprechen, während der Kulturrat von “Computerspielen” im Allgemeinen redet. Aber für Frontal 21 besteht da wohl kein Unterschied: Alles ein und die selbe Grütze. So wie es ja auch keinen Unterschied macht, ob man nun von Saw III und Hostel IV oder von Citizen Kane und Das Siebente Siegel redet. Gleiches Medium, darum alles gleichermaßen Böse. Denn bekanntermaßen ist ja das Medium die Message. Den letzten Satz von King Koll sehe ich derweil als Drohung an: Und wenn ich für meine gesetzlichen Rundfunkgebühren sonst nichts bekomme, zumindest zu einem Magengeschwür wird mir das Zett, das De, aber ganz besonders aber das Eff verhelfen.

Danke, Fernsehen.

Nachtrag – Wollen Sie mehr wissen?

*Ein ernstes Danke an Thomas Knüwer.
*Arkion zum selben Thema.


GEZ

Na, gemerkt: Ich schrieb im vorletzten Absatz von “gesetzlichen Rundfunkgebühren”. Das hat, Sie werden es schon mitbekommen haben, einen Grund. Die GEZ möchte wegkommen vom fiesen Image als Datenkrake und als das gesehen werden, was sie schon immer war: Ein sympathischer, menschlicher, volksnaher, perwollweicher Kuschelriese der am liebsten Regebögen aufhängend und Feenstaub schmeißend durch die Länder hüpft, während er ein fröhliches Liedchen auf den Lippen hat und ihm niedliche Disney-Vögel um de Kopf schwirren. Und wie schafft der Laden das? Mit der altbewährten Kuschelmaxime: Und willst du nicht mein Bruder sein, dann klag ich dir den Schädel ein.

Die GEZ mahnte nämlich das Portal Akademie.de ab. Ich werde das Portal, das mir bis gestern gänzlich unbekannt war, nicht verteidigen. Eben weil ich es nicht kenne und sowas schnell zu ziemlich peinlichen Situationen führen kann. Dieser Schutzreflex der Blogosphäre ist zwar sympathisch, aber mir fehlen da einfach die Details für eine echte Meinung über die Abmahnung.

Nur die Argumentation der GEZ betreffs eines Teils der Abmahnung, die werde ich trotzdem mal kritisch hinterfragen. Der ongelinte SPIEGEL hält fest, dass die GEZ in 32 Punkten Kritik an Akademie.de übt. Davon wurden zwei Punkte besonders öffentlich gemacht. Diese zwei Punkte kann man bezeichnen als: Linguistisches Schattenboxen.

Unter anderem monierten die Gebühreneinzügler, dass Akademie.de den Begriff “GEZ-Gebühren” benutzte, den es aber gar nicht gäbe. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass der Begriff zu dem Zeitpunkt schon über 200.000 Mal im deutschsprachigen Internet zu finden war, das ist dabei ganz egal. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder Sprache so benutzen darf wie er will. Nicht umsonst hat sich der Staat die Deutungshoheit über die Sprache vom Duden mühsam zurückgeholt, da kann doch jetzt nicht jeder dahergelaufene Thomas, Dieter oder Harald einfach so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Loose lips sink ships, und so.

Das Mindeste ist jawohl, dass man kurz schriftlich anfragt, ob ein Neologismus wie “GEZ-Gebühren” in Ordnung geht. Dann hätte man erfahren: Nein. Denn dieser Begriff dient nur dazu, der eigentlich total flauschigen und kinderlieben GEZ ein mieses Image anzuhägen. Stattdessen sollte man bitte den kuschelig-wertneutralen Begriff “gesetzlichen Rundfunkgebühren” verwenden.

So weit, so bizarr. Aber das ganze Gelöt driftet, dankenswerter Weise, von da an ins kafkaesque ab. Beispiel gefällig: Die Hater sprechen gerne (nur um der GEZ eine reinzuwürgen) total flappsig von “GEZ-Fahndern”. Da denkt man natürlich sofort an… öh… Serien wie Der Fahnder, was viele dieser tapferen Männer und Frauen – die jeden Tag ihr Leben riskieren um Rundfunkgebühren zu sichern, mit denen sie unsere informelle Grundversorgung bei ARD und ZDF garantiert wird (siehe oben) – zum Heulen bringt. Diese Leute haben nicht jahrzehntelang Phrenologie studiert, nur damit man sie jetzt als “GEZ-Fahnder” titulieren darf. Das sind natürlich Mitarbeiter des “Beauftragtendienst der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten oder Rundfunkgebührenbeauftragte”. Is’ klar.

Ganz großes Tennis ist auch: Aus “PC-’Wegelagerei-Gebühr’ der GEZ” hat “gesetzliche Rundfunkgebühren für neuartige Rundfunkempfangsgeräte” zu werden. Unsicher bin ich mir persönlich bei der Frage, ob ich jetzt noch von einem PC schreiben darf oder das Gerümpel unter meinen Fingern konstant als “neuartiges Rundfunkgerät” titulieren muss. Vielleicht sollte ich lieber auf Nummer Sicher gehen und die zweite Möglichkeit auswählen.

Ein letzter spöttischer Moment sei uns noch gewährt. Denn den totalen Oberhammer in Sachen “Neusprech für Anfänger” stellt der Änderungswunsch für den “GEZ-Brief” dar. Den gibt es natürlich auch nicht. Was es allerdings gibt ist das “Informationsschreiben der GEZ und/oder Schreiben, mit dessen Hilfe der gesetzliche Auskunftsanspruch des § 4 Abs. 5 RGebStV geltend gemacht wird”. In diesem Moment weint George Carlin vor Freude. Ihr erwartet ernsthaft, dass man ein kurzes Kompositum (für mich ohne negative Konnotation… “GEZ-Brief” schlüssele ich auf als “Brief von der GEZ”, was ja nun mal eine Tatsache ist) ersetzen soll durch eine Formulierung mit mehreren Dutzend Silben? Echt gezz?

Was ich am traurigsten finde: Irgendwer bei der GEZ meint das alles toternst. Wenn ich daran glauben könnte, dass eine Gruppe an Mitarbeitern des “Beauftragtendienst der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten oder Rundfunkgebührenbeauftragte” um ein “neuartiges Rundfunkgerät” saß und sich schlapp lachte, während man diesen Sprachkäse formulierte… okay. Aber irgendjemand meinte das genau so, wie es da steht. Ganz großes Tennis.

Genug der Häme. Kommen wir zu den allgemeinen Einwürfen: Die GEZ darf damit nicht durchkommen. Es wird oft und gerne der Teufel “Ende der Meinungsfreiheit im Internet” an die Wand gemalt, aber das hier ist ein Fall, der uns wirklich einen großen Schritt in diese Richtung bewegen würde. Wenn eine quasi-staatliche Institution schon ein so dünnes Fell hat, dass sie bestimmte, von mir nicht einmal als sonderlich pejorativ empfundene, Begriffe nicht tolerieren kann und stattdessen die Begriffshoheit mit Androhung gesetzlicher Mittel zu erringen versucht, was spricht dann dagegen das andere Unternehmen, Behörden und Privatpersonen das auch versuchen werden?

Könnte mich etwa die Bundesregierung früher oder später abmahnen, weil ich irgendwo das Wort “Massaker” für eine misslungene Bundeswehraktion im Ausland verwendet hätte, obwohl der offizielle Begriff natürlich “Kollateralschaden” wäre? Klingt albern, aber ist das nicht in etwa die selbe Ebene wie sie hier stattfindet? Darf ich noch schlecht über Produkte schreiben? Darf ich zum Beispiel einen Markennamen abkürzen? Einfach den Begriff “Gorilladetektor” verwenden, statt jedes Mal “Honigtau Bunsenbrenners X-2000 Hochleistungsgerät zum Aufspüren von menschenfressenden Gorillas in ihrer Nähe” zu schreiben? Und was ist mit dem Fiat, den ich fahre? Darf ich den weiterhin als “feurrote Geldvernichtungsmaschine” bezeichnen? Oder wäre das schon Grund genug für Fiat mich abzumahnen?

Sollte die GEZ mit dieser Form des Begriffstalinismus durchkommen, dann hätte sie eines geschafft: Das deutschsprachige Internet, ohnehin ein rechtliches Minenfeld, würde noch etwas spannender werden. Weil jetzt zusätzlich von oben den ganzen Tag lang Clusterbomben auf die Nutzer regnen würden. Wohl gemerkt, GEZ betont:

Auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de bestätigte ein GEZ-Sprecher dass man akademie.de “sehr umfangreich und in vielen Aspekten” abgemahnt habe. Die Verwendung der fraglichen Begriffe mache nur einen “verschwindend geringen Anteil” aus, genauer 2 von insgesamt 32 abgemahnten Punkten. Demzufolge sei akademie.de auch die einzige Seite, die abgemahnt wurde. Nur aufgrund der Verwendung der fraglichen Begriffe müssen andere Seitenbetreiber also keinen Ärger mit der GEZ fürchten.

Das würde mich fast beruhigen, nur ändert es nichts an der Tatsache, dass zumindest diese zwei Punkte, in denen es um Begrifflichkeiten geht, so nicht durchkommen dürfen. Denn damit motiviert die GEZ nur wirklich unseriöse Firmen, die bloß darauf gewartet haben, dass ihnen jemand so einen juristischen Baseballschläger in die Hand drückt, mit dem sie kritische oder unangenehme Stimmen auf diese Art und Weise ruhigstellen können. Und genau das, darf nicht passieren.

Darum wäre es relevant, dass irgendjemand diese zwei Punkte kritisch und juristisch prüft und sie dann abschmettert. So wie es ohnhin an der Zeit wäre, dass wir in Sachen Meinungsfreiheit über amerikanische Verhältnisse nachdenken. Oder zumindest das System der Abmahnung komplett umstrukturieren. Das bisherige System (“Ich mahn mal ab. Der andere wird wegen der drohenden Kosten schon präventiv nachgeben und wenn nicht, dann habe ich auch nichts verloren.”) ist so nicht tragbar und eine ungesunde Belastung der Meinungsfreiheit. Weil dieses System, ohne es offiziell zu sagen, Menschen oder Gruppen mit viel Zeit, viel Geld oder vielen Anwälten potentiell mehr Meinungsfreiheit zugesteht als jenen Menschen, die sich keine langwierigen Prozesse leisten können. Aber Abmahnungen sind ein Thema für ein anderes Post.

Der GEZ könnte man derweil trotzdem andere Hinweise geben, wie sie ihr Image aufpolieren kann: Etwa indem sie sich in Zukunft ihren Kunden gegenüber freundlicher verhält, mehr Rücksicht auf den Datenschutz nimmt oder das Geld für unsägliche Werbekampagnen sinnvoller anlegt und sich eventuell mal schlank reformiert. Denn wie Dirk von Gehlen auf jetzt.de sehr schön festhält:

Zudem hat sich diese Institution, die eigentlich lediglich das Geld für die Sendeanstalten einnehmen soll, zu einem fetten Appart aufgebläht, der teure Werbeagenturen und Prominente (wie Julia Hummer) dafür bezahlt, dass diese wiederum auf teuren Sendeplätzen im Kino und im Fernsehen Werbung machen: für die GEZ. Und das, obwohl die allermeisten Menschen überhaupt nicht auf die Idee kommen, die Zeche zu prellen: 96 Prozent aller privaten Rundfunkteilnehmer – so meldet die GEZ im Rahmen der neuen Kampagne – zahlen ihre Gebühren bereits. Merkwürdig, dass man dennoch eine Agentur beschäftigen muss, um eine Werbekampagne zu entwicklen.

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Damit sind wir beim zweiten Problem mit den Gebühren: Die Inhalte. Zwar bezahlten wir dafür, wir können aber in keiner Weise Einfluß darauf nehmen. Jedes Restaurant würde mit diesem Modell Pleite gehen: Unfreundliche Kellner, die zunächst Geld einfordern und dann Essen servieren, das man gar nicht bestellt hat. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten leben aber genau von diesem Prinzip.

Vielleicht würde man ja in der öffentlichen Wahrnehmung positiver ankommen, wenn man einfach mal versuchen würde die Realität direkt zu verändern: Weniger teure Kampagnen, mehr Datenschutz, freundlichere Mitarbeiter. Das ist sicherlich besser als der Versuch einfach auf juristischem Wege die Begrifflichkeiten verändern zu wollen, in der Hoffnung dass sich die Realität dann den neuen Begriffen schon anpassen wird.

Sicher Sprache erschafft Realität… aber möchte wirklich jemand in einer Realität leben, in dem ihm der Briefträger ein “Informationsschreiben der GEZ und/oder Schreiben, mit dessen Hilfe der gesetzliche Auskunftsanspruch des § 4 Abs. 5 RGebStV geltend gemacht wird” zustellt? Eben.


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