On Banksy
Tuesday, July 19th, 2011
Neulich war ich auf einer Party, auf der eine meiner Bekannten den Banksy-Kalender einer anderen Bekannten entdeckte, was einen längeren Austausch der Beiden über eben diesen Banksy provozierte und wie clever und subversiv er doch sei. Und wie toll es ist jemand anderen zu finden, der Banksy auch mag. Die ganzen anderen Quadratschädel (Leute wie ich) grokken Banksy nämlich nicht.
Hast du schon gewusst? Banksy hat irgendwo irgendwann irgendeine Wand angesprüht. Und jetzt kann die Stadt Eintritt nehmen, weil Touristen anreisen, nur um das Banksy-Mural zu betrachten. Nein? Wirklich? Ja, aber einige Politiker wollen das übermalen. Nein? Doch! Aber hast du schon gewusst? Banksy hat sich in eine Banksy-Ausstellung reingeschlichen und ein weiteres, neues Banksy-Werk zwischen den ausgestellten Banksy-Werken untergebracht. Ohne das es zunächst jemand bemerkte.
Das ist der Grad an Subversivität von dem wir hier reden! Der Mann hat ein Kunstwerk in seiner eigenen Ausstellung untergebracht. Nicht zwischen irgendwelchen alten Meistern. Er hat kein “Gemälde” von Thomas Kinkade (Painter of Light) in den Louvre geschmuggelt. Er hat kein Bild von Bob Ross (happy little cloud) in seiner eigenen Ausstellung untergebracht. Er hat mehr seines Krams in einer Ausstellung seines Krams ausgestellt. Da wo ich herkomme, nennt man sowas Guerilla-Marketing, aber ganz sicher nicht “subversiv”.
Banksy ist nicht “underground”. Banksy ist nicht “guerilla”. Und Banksy ist auch nicht so clever, wie man mir erzählen wollte. Ein Graffiti das darstellt, wie jemand Höhlenmalerien entfernt. Wie meta. Das ist echt nett. Cute, even. Aber kein großer Wurf. Vielleicht, weil Graffiti eben nicht die konsequente Fortführung der Höhlenmalerei ist. Das wären eher… um… Schriftzeichen? Oder das Napalm-Graffiti? Habt ihr schon gewusst? Amerika führt Krieg in Vietnam und links rechts davon den lächelnden Kulturimperialismus, repräsentiert von Ronald McDonald und Micky Maus. Hey, danke unbekannter Graffitikünstler, dass du mir die Augen für die Welt geöffnet hast. Ein Polizist mit einem Ballonhund mit Maulkorb? Was soll das überhaupt aussagen? Umweltverschmutzung ist blöd und die Gesellschaft ist eine repressive Traumvernichtungsmaschine mit latent faschistoiden Zügen. Nature grey in suit and hat. Schön, dass es endlich mal jemand auszusprechen wagt. Oder wie Tom Lehrer in “The Folk Song Army” sang: “We all hate poverty, war and injustice. Unlike the rest of you squares.”
Das Schlimmste ist, dass Leute wie meine Bekannten wirklich davon ausgehen, dass Banksy unglaublich “street” sei und nicht einfach eine “global brand“, deren Distinktionsmerkmal es ist, sich als konterkulturell zu geben. Obwohl er einfach diese Konterkultur nimmt und sie in ein leicht konsumierbares Massenprodukt verwandelt. Banksy-T-Shirts. Banksy-Kalender. Banksy-Ausstellungen. Banksy entwirft den Couch-Gag der Simpsons. Ein Banksy-Film erhält eine Oscar-Nominierung. Von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences! Egal was euch Fox News weißmachen will: Die Academy ist keine linksradikale Spaßguerilla, die gegen den Geschmack des einfachen Mannes entscheidet. Die Academy ist eine mainstreamige Konsensmaschine, die einfach unglaublich oft daneben haut.
Und Banksy ist Teil der Maschine, die er scheinbar untergräbt. Nehmen wir den Couch Gag für die Simpsons. Banksy prangert an: Den Umstand, dass die Simpsons irgendwo in Korea (gerne auch in Nordkorea) hergestellt werden? Dass bei der Herstellung von Simpsons-Merchandise vermutlich Kinderarbeit genutzt wird? Man kann argumentieren, dass der Vorspann der Simpsons der einzige Ort ist, an dem diese Botschaft angemessen ist. Weil sie da die meisten Menschen erreicht. Oder man kann argumentieren, dass der Vorspann der Simpsons exakt der falsche Ort für diese Art der Kritik ist. Weil man sich so zu einem Rädchen in der Maschine macht. Weil man damit in gewisser Hinsicht wieder legitimiert. Hey, wir haben alle drüber gelacht und nächste Woche ist Katy Perry unser Gaststar. Glaubt wirklich jemand, dass die Simpsons-Produzenten diesen Vorspann hätten durchgehen lassen, wenn sie das Gefühl hätten, dass er wirklich etwas ändert, dass er wirklich ins Mark des Murdoch-Imperiums trifft? Natürlich nicht. So wie man damals an die Kette gelegt wurde, als man FOX News zu hart anging.
Der Unterschied zwischen Banksys Vorspann und Katy Perrys Gastauftritt ist unbedeutend. Nur dass Banksy aus dem Vorspann massive öffentliche Wahrnehmung ziehen konnte: SPIEGEL, Stern, Guardian, New York Times. Hunderttausende, vielleicht Millionen, die Banksy bisher nicht kannten, kennen jetzt seinen Namen, haben ihn gegooglet. Und die seit Jahren vor sich hinsiechenden Simpsons können endlich mal wieder massiv PR abgreifen und sich öffentlichkeitswirksam als subversiv darstellen. ‘Win-win’ nennt man sowas wohl.
Calvin Coolidge, Silent Cal, US-Präsident während der Great Depression, sagte einmal: “The business of America is business.” The business of Banksy is Banksy.
Banksy, das ist massenkompatibler Pseudounderground. Ausgestellt in Museum. Anerkannt als Kunst mit kapitalem K. Ausgezeichnet mit und nominiert für Preise. Vielleicht ist es gerade das, was ihn so populär macht. Banksy ist für Street Art das was ‘Graphic Novels’ für die Comicwelt und Magaret Atwood für Science Fiction sind. Eine Möglichkeit diese niederen kulturellen Gefilde zu genießen, ohne wirklich in sie herabsteigen zu müssen. Banksy ist Revolution für Leute die eine Revolution erst dann akzeptieren, wenn sie dafür sechs Euro Eintritt fürs Museum bezahlt haben. Und die dann auf die Straße gehen und sich über die Schmierereien an der nächsten Hauswand aufregen. Show me your credentials, street artist.
Außerdem kann ich zu Wall and Piece nicht tanzen. Und wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.
So, yeah. Banksy? Fuck Banksy!
Und jetzt geht da raus und verschönert die Stadt mit Bob-Ross-Gemälden. Happy little trees!
Wollen Sie mehr wissen?
*Tanzbare Revolution.
*Mehr tanzbare Revolution.
*I Destroyed Banksy’s Rat.








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