Liebling des Monats – Juni 2007
Wednesday, August 1st, 2007Die Einschläge kommen in kürzerer Folge. Lag letztes Mal noch eine Periode von fast 18 Monaten zwischen zwei “Liebling des Monats”-Auszeichnungen, hat es dieses Mal nur ein knappes halbes Jahr gedauert bis wir wieder unsere Besten auszeichnen. Denn nach dem Auftreten im Liga-Pokal ist es an der Zeit, dass der FC Bayern Deutschlands wertvollste Auszeichnung an einen verdienteren Kandidaten abtritt:
Sat.1
Sat.1 ist dieser sympathische Sender, der es irgendwie in seinen 23 Jahren Existenz nie geschafft hat ein echtes Image jenseits des Bällchen-Senders zu entwickeln. Man hatte fast alles was die anderen Sender auch hatten… aber irgendwie fühlte sich das auf Sat.1 immer kleiner, provinzieller, betagter an. Den Massenappeal von RTL oder die jugendliche Coolness von Pro7 hatte Sat.1 nie. Wenn man denn wollte, man könnte Sat.1 als die DDR der deutschen Vollprogramme bezeichnen. Aus dem Stegreif könnte ich jetzt nicht einmal mit Sicherheit bestätigen, dass Sat.1 in Farbe und nicht in Schwarz-Weiß oder Sepia sendet.
Eine Zeitlang hatte man mit Harald Schmidt die heißeste Attraktion im deutschen Fernsehen. Kein Quotengarant, ganz im Gegenteil, aber ein Aushängeschild, dass den Anspruch untermauerte ein echter Sender zu sein. So wie die DDR sich Erichs Lampenladen auf ins Zentrum von Ostberlin bastelte, nur um den Anspruch zu untermauern ein echter Staat, mit eigenen Schlüsseln und eigener EC-Karte zu sein. Aber das – sowohl die DDR, als auch Harald Schmidt auf Sat.1 – ist nun auch schon wieder gefühlte hunderttausend Jahre her. Und irgendwie hatte man danach nichts mehr im Programm, was wirklich gezogen hätte. Der Sender hat den Inverted Midas Touch: GSG9, R.I.S. – Die Sprache der Toten, Blackout, diese eine Sendung mit Christoph M. Ort da auf dem Lande, Anke Engelke als Harald Schmidt oder Christoph M. Herbst in dieser Hochzeits-Sitcom… nichts davon setzte die Welt in Brand. Gut: Verliebt in Berlin war ziemlich erfolgreich, aber darum schob man dann gleich Verliebt in Berlin II nach, das sich zum Vollflop entwickelte. Man will ja nicht den schönen Senderschnitt mit so einem Ausreißer nach oben versauen.
Die Zeiten von größenwahnsinnigen Großangriffen wie “Volle Stunde, volles Programm” – damals als man der Tagesschau den supersexy Sendeplatz um 2000h streitig machen wollte – sind längst vergangen und eigentlich konnten nur noch echte Medienprofis und Sofakartoffeln bestätigen, dass es den Sender tatsächlich noch gab. Zumindest bis letzten Monat, denn da startete Sat.1 eine Offensive, die stehende Ovationen im “Alex DeLarge Fernsehsaal” des agitpop’schen Führerbunkers einheimste. Da gab man folgende Parole aus: “Wenn wir schon kein gutes Programm auf die Beine stellen können, dann unterhalten wir die Leute halt anders!” Sprach’s und begann einen Teil der eigenen Sendungen einzustampfen.
Zuerst traf es Sat.1 am Mittag, eine Infotainment-Parade die einen überraschend starken Zuschaueranteil von bis zu 18% einfuhr. Die Kosten/Nutzung-Rechnung in der Führungsetage der ProSiebenSat.1 Media AG ergab allerdings, dass man bei weniger Quote trotzdem mehr Gewinn machen kann, wenn man das Mittagsmagazin aus dem Programm kippt und stattdessen eine zusätzliche Stunde Wiederholungen von Richterin Rhababera Salesch ausstrahlt. Gesägt, tun getan.
Dass Sat.1 nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Moderatoren drückt zeigt sich in der hochklassigen Art und Weise wie Mareile Höppner von dem Ende des Nachrichtenverschnitts erfuhr: Man verklickerte ihr aus der Regie – während sie live auf Sendung war – dass das hier die letzte Ausgabe sein würde. Dafür wurde Sat.1 stellenweise kritisiert. Zu Unrecht, wie wir finden. Sicher war Sat.1 nur am Wohl der Zuschauer interessiert. Durch den Schock, so hoffte man garantiert, würde sich Mareile Höppner in Howard Beale verwandeln und dem ganzen Unterschichtenpack vor der Glotze mal in einem radikalen Ausraster die Augen öffnen und so den wichtigsten, medienpädagogischen Akt der Weltgeschichte vollziehen. Das Frau Höppner dies nicht tat, ist wohl kaum dem Sender anzulasten.
Das gilt auch für die Art wie man Thomas Kausch das Ende seiner Sendung mitteilte: Kurz vor Urlaubsantritt erklärte im Sat.1-Boss Matthias Alberti, dass Kausch am Montag nicht mehr zu kommen brauche. Auch das zeugt von der Qualität und Menschlichkeit des Senders, der es mal wieder allen zeigt. Alberti verzichtete darauf einen klassischen Entlassungsscherz zu machen (“Klopf. Klopf.” – “Wer ist da?” – “Sie ab Morgen nicht mehr!”) und Kausch hatte ja sowieso Urlaub geplant, so dass er das Ende seiner Fernsehpräsenz ganz relaxt überdenken konnte. Das ist Human-Ressources-Management in seiner herzlichsten Form.
Aber, wie so oft, der Prophet gilt im eigenen Lande nichts. Anstatt dankbar zu sein, dass Sat.1 im Namen der Volksbildung Fettie und der Unterschichtenbande ein wenig kostenlose Rechtsbelehrung und Staatsbürgerkunde präsentieren wollte (Was haben wir bei Frau Salesch gelernt, Charlie Brown? Verbrechen lohnt sich nicht! Irgendwer hat immer gerade eine Kamera zur Hand und sieht wie man die fachgerecht zerlegte Edelnutte im Kofferraum des Ford Taurus verschwinden lässt.), wurde Sat.1 heftigst attackiert weil man den Nachrichtencontent zurückschraubte.
Wo sollten die Fernsehzuschauer jetzt erfahren, ob vier von fünf Männern tatsächlich echte Titten nicht vom Silikonimitat unterscheiden können, ob es modischer String zu tragen oder gleich Kommando zu gehen und ob es ein viertklassiges Möchtegernplaymate schafft Männer während der WM davon zu überzeugen, ihr bei der Nacktwäsche eines Autos und nicht Deutschland beim Wegputzen von Schweden zuzugucken. Besonders da sich Die Tagesschau ja unverständlicherweise weigert solche Schlüsselthemen aufzugreifen. Wofür bezahlt man denn da noch GEZ-Gebühr? Was? Das könnte man auch bei RTL Aktuell, der TV gewordenen ZEITUNG sehen? Ach, hör mir auf…
Mit der Absetzung von Sat.1 am Mittag hatte der Sender eines der spannendsten Naturphänome geschaffen, das der Menschheit bekannt ist: Ein Sommerloch. Das Sommerloch taucht jedes Jahr nur für einen kurzen Zeitraum von Anfang Juni bis Ende August auf, konnte in Laborversuchen im Winter noch nicht reproduziert werden (vgl. Kugelblitz) und übt einen interessanten Einfluss auf das Verhalten von Politikern aus, die sein Schwerefeld geraten. Diese Politiker verlieren dann kurzzeitig die Kontrolle über ihre Gedanken und Handlungen und können nicht anders, als volles Karacho in das Sommerloch hereinzuspringen. (Interessanter Faktoid: Einige Bürgerinitiativen planen ein Sommerloch zu schaffen, das so groß ist, dass jeder deutsche Politiker gezwungen ist hineinzuspringen, dann einen Schaufelbagger kommen zu lassen und das Sommerloch mit Erde anzufüllen.)
So regte sich Markus Söder, Generalsekret der CSU, Klingone ehrenhalber und heimliches Vorbild für uns bei Agitpop, richtig derbe auf, dass man den ganzen Saftladen dann ja auch mal sofort an Springer hätte verticken können. Das wäre besser gewesen und das hatte Bayern ja – aus rein humanitären Gründen – schon immer gefordert. Und Manfred Helmes, Chef der Landesmedienanstalt in Rheinland-Pfalz, drohte dass Sat.1 die vorrangige Einspeisung ins deutsche Kabelnetz verlieren könnte. Vom Himmel fallende Sterne, ausgegossene Schalen, bleicher Reiter auf weißem Pferd mit der Hölle im Schlepptau, das ganze apokalyptische Brimborium halt. Denn Landesmedienanstalten mögen nicht in der Lage sein gegen Call-TV-Nepper, -Schlepper und -Bauernfänger vorzugehen, aber wenn ein Sender seine Bikini-Tests einstellt, dann hört der Spaß auf!
Da Sat.1 aber (noch) ein Vollprogramm ist, kann man die Unterhaltungsoffensive abseits des Bildschirms ja nicht nach einem halben Monat einstellen: Also griff man sich flux die vakant gewordenen Rechte für die Tour de France, nachdem ARD und Zett De Eff aus unerfindlichen Gründen absprangen. Böse Zungen behaupteten, dass Sat.1 gesehen habe, wie sich am Tag nach dem Ausstieg der Öffentlich-Rechtlichen die Quoten bei Eurosport verdreifacht hätten und vor Dollarzeichen in den Augen der Blick für die Realität, Moral und Anstand, Recht und Ordnung, Lolek und Bolek, Friede, Freude und sogar Eierpfannkuchen getrübt gewesen wäre. Hogwash!
Bei Sat.1 erkannte man einfach, dass es nicht sein kann, wenn eine dahergelaufene Medien-Junta entscheidet was der deutsche Michel sehen darf und was nicht. Das wäre ja wie unter Adolf Nazi. Dachte sich ProSiebenSat.1-Vorstandsvorsitzender Guillaume de Posch und sprach:
Die Tour ist ein großer Wettbewerb. Ich mag nicht einsehen, warum ein TV-Sender da die Zensur einführt. Der Zuschauer soll entscheiden, ob er die Rennen verfolgen will oder nicht.
Gedankt wurde es ihm von höchster Stelle. Jan Ullrich, bester Tour-de-France-Gewinner aller Zeiten und Kämpfer gegen deutsche Miesmacherei und Meinungsdiktatur, zeigte sich erfreut über die die Ausstrahlung der Tour auf Sat.1. Denn er konnte es “bis jetzt immer sonst nur mit, äh, nur mit Bild gucken und ohne Ton, halt.” Denn hier bei Sat.1 stand der “wunderschöne Sport, knallhart” im Zentrum und nicht immer nur “Doping, Doping, Doping“. Denn “das wird da völlig übertrieben.”
Aber, da Undank bekanntlich der Welten Lohn ist, kreiirte Sat.1 hier unwillentlich ein zweites Sommerloch. Und wieder lenkte die unsichtbare Strahlung die von diesem Sommerloch ausgeht die Hinterbänkler aller Parteien von ihren Flügen in den Süden ab und direkt auf die Mikrophone der versammelten Presse zu, von wo aus sie einen erneuten dreifachen Rittberger hinein ins Sommerloch sprangen. Peter Dankert, politisches Schwergewicht als Sportausschuß-Vorsitzender der SPD, demonstrierte gleich mal sein Demokratieverständnis und mokierte sich darüber, dass die Privaten “ja machen, was sie wollen. Und das [...] offensichtlich gerade” täten. Sofort einen Chavez abziehen und verstaatlichen, den Scheiß!
Da kann Klaus Riegert, politisches Schwergewicht und sportpolitischer Sprecher der CDU, natürlich nicht hintan stehen und demaskierte das Verhalten von Sat.1 als “unsolidarisch” und konstatierte: “Außerdem ist zu befürchten, dass ein privater Sender nicht ganz so kritisch über das Doping-Problem berichtet.” Sofort einen Chavez abziehen und verstaatlich… äh… moment, von der CDU? Solltet ihr nicht für die Privatisierung sein? Verdammte, verschwommene Parteigrenzen. Wo sind nur die klar abgesteckten Feindbilder geblieben?
Zurück zur SPD. Dagmar Freitag, politisches Schwergewicht und Sportpolitikerin, sah im Sat.1-Einstieg in die Tourberichterstattung “eine Katastrophe und das falsche Signal“. Winfried Hermann, politisches Schwergewicht und Grünen-Politiker bewies derweil, dass man die ganze Situation am besten mit blankem Zynismus angehen sollte. Bitte, beim Geiste Herbert Wehners und Franz Josef Strauß’, lasst die folgende Aussage zynisch gemeint sein:
Ich halte die Entscheidung für einen Skandal. Man kann auch von den privaten Sendern erwarten, dass sie ethische Maßstäbe bei ihrer Programmauswahl ansetzen und nicht nur auf den schnellen Profit achten.
Blöd nur für Sat.1, dass außer den vier Politgiganten und Jan Ullrich niemand die Tour einschaltete. Quoten im einstelligen Prozentbereich und nie auch nur Ansatzweise 1.000.000 Zuschauer. Und im Zuge dieser Quoten wird Sat.1 wohl die Werbe-Preise um möglicherweise bis zu 50% senken müssen. Ein Preis, den der Sender nur zu gerne dafür bezahlt, an vorderster Front für die Meinungsfreiheit im deutschen Fernsehen kämpfen zu dürfen.
Dieser Einsatz, nicht eine Sendung im Programm zu haben, die uns hier bei Agitpop interessieren würde, und uns darum einfach außerhalb des Programmplans den ganzen Juli hindurch zu unterhalten, hat uns den höchsten Respekt abverlangt. Dazu kommt noch der wagemutige und teuer bezahlte Kampf für den Meinungspluralismus und der Umstand, dass uns Sat.1 in diesen unsicheren Zeiten, in denen man sich auf nichts mehr verlassen kann, zumindest einen Fels gibt, an den wir uns immer klammern können: Eher geht die Sonne mal nicht im Osten auf, als dass ein Sommer käme in dem Sat.1 nicht konsequenterweise die gesamte Asterix-Reihe wiederholen würde.
Bei all diesen schlagenden Argumenten können wir ja gar nicht anders, als Sat.1 zum Liebling des Monats zu küren. Respekt, Bällchen-Sender. Weiter so.
Loser’s Corner – Der Fiat-Punto-Clio-Cup
Die Tour de France
Versuchte mit den selben Mitteln zu arbeiten wie Sat.1. Da das Ereignis in der Agitpop-Sportredaktion niemanden vom sportlichen Stellenwert her interessiert (weil höchstens Skispringen noch langweiliger ist als Radfahren in der Glotze) versuchte die gute, alte Tour de Franka Potente sich halt anderweitig bei uns einzuschleimen. Selbst ernsthafte Reporter durften sich endlich mal so richtig dem Wortspielteufel hingeben (Spritzensportler, Spritztour de France, Rollende Apotheken, Tour de Farce). Gleich mehrere Träger des gelben, gepunkteten oder roten Trikots mit der Nummer 176-167 flogen wegen Dopings oder Dopingverdachts aus der Wertung. Es gab wieder ein paar der amüsantesten Erklärungsversuche aller Zeiten, dafür wie das Fremdblut ins Eigenblut, das Eigenblut ins Eigenblut oder das Epo ins Fremdblut im Eigenblut gekommen sein mag. (Der Hund hat’s gefressen!)
Und nebenbei durften sich ein paar Radelsführer so richtig schön in Interviews austoben. Jens Voigt erkannte, dass alle Wege der Tour-de-France-Absetzung direkt nach Moskau führen und Andreas Klöden hört die jüdisch-kommunistisch-freimaurerische Weltverschwörung trappsen: “Es geht um viel Geld. Was ist, wenn manipuliert wird, um alles kaputt zu machen, um dann die Reste zu übernehmen?” Oha! Oder was wenn die Kassel Huskies nachts den Tour-Führenden Fremdblut spritzen um den Radsport kaputt zu machen und mehr Sendezeit für Eishockey im deutschen Fernsehen zu bekommen? (Was wir hier bei Agitpop voll unterstützen würden.)
Die ARD berichtet derweil als Aufhänger in der Tagesschau über den Doping-Skandal des Tages, einfach nur um Zweitverwerter Sat.1 ans Zeug zu flicken. Und am Ende der Tour hat man einen Sieger, dessen Sauberkeit eher kritisch betrachtet wird und wahrscheinlich das endgülitge Aus des Radsports im deutschen Fernsehen. Was wir, die wir Piloten nicht vom Peloton unterscheiden können, total knorke finden. Und für die Leistung wollten wir die Tour de France auch zum LdM küren. Die Lobeshymnen waren geschrieben, das Treppchen vorm Arc de Triomphe aufgebaut… und dann stellte sich raus, dass die Tour de France diese Leistung nicht aus eigener Kraft hinbekommen hat. A- und B-Probe wurden positiv getestet. Und aus den Videospielen der frühen Neunziger haben wir von FBI-Direktor William S. Sessions eines gelernt: “Winners don’t use drugs!”
Und darum: Kein LdM für die TdF.
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Kurt Beck
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SdPD) kündigte diesen Monat an, dass es nach der Bundestagswahl 2008 keine Fortsetzung der Großen Koalition geben würde. Und um sicherzugehen, dass sie nicht am Ende doch wieder so viele Stimmen erhält, dass sich nur eine Koalition mit den Christdemokraten anbietet, ernennt sie auch gleich mal Kurt Beck zum Kanzlerkandidaten.
Eigentlich finden wir es ja total tuffig und super, dass die SPD sich für einen Kandidaten entscheidet der keine Schnitte hat im zweistelligen Prozentbereich zu landen (Kurt Beck wird auch schon als das Sat.1 unter der Kanzlerkandidaten bezeichnet). Aber muss es ausgerechnet jemand sein, der ein so dünnes Fell hat, dass er die Titanic abmahnen muss? Hätte man sich nicht für Ludwig Stiegler oder Rudolf Scharping entscheiden können? Und falls das Abmahnen der Titanic zu den Eingangsvorrausetzungen für SPD-Kanzlerkandidaten ohne Erfolgschancen gehört, hätte man dann nicht Björn Engholm nochmal ausgraben können?
Für diesen potentiellen Kanzlerkandidaten gibt es in anderthalb Jahren keine Stimmen und heuer keinen LdM.
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Die Atomkraft
Geliebt, gehasst, vergöttert. Jahrelang hatte die Atomkraft einen Stammplatz in der Achse des Bösen sicher und es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch das letzte deutsche Atomkraftwerk würde dicht machen müssen… und dann, wie der Phoenix aus der Asche oder der Radioactive Man aus dem Ground Zero, kehrte die Atomkraft zurück. Ihr Lebensretter? Die selben Ökohippies, die sie in den Achtzigern mit ihrer Flower Power vernichten wollten. Denn, so die Argumentation: Wenn man den CO2-Ausstoß verringern will, dann muss man auf Kernfusion setzen. Wer B sagt, muss auch A wie Atomkraft sagen. Wie uns Smilin’ Joe Fission garantierte: Atomkraft ist sicher, strahlend und sauber. Abgesehen von der Frage wo wir den Atommüll endlagern sollen, aber da findet sich im Zweifelsfalle immer eine afrikanische Nation mit hervorragenden Sicherheitsstandards, die unseren Abfall und unsere Devisen nur zu gerne in Empfang nimmt.
Tja. Und dann? Binnen eines einzigen Monats schafft es die Atom-Lobby all diesen gewonnen Boden aus eigener Kraft heraus wieder zu verlieren. Erst beweist die Vattenfall, dass ein Super-GAU auch auf der PR-Bühne möglich ist, dann vergibt der sympathische Atom-Zwerg Frankreich ganz uneigennützig einen Atomreaktor an den lupenreinen Demokraten in Libyen. Und – zack! – sofort schreit der wütende und wakelmütige Mob wieder nach dem Ende der Atomkraft.
Eigentlich hatten wir daran gedacht, der Atomkraft den LdM einfach aus Solidarität zu verleihen. Aber bevor sich die Vattenfall, Frankreich oder Monty Burns nicht durchringen lönnen Atomwaffen gegen Castor-Demonstranten-Hippies einzusetzen, wird daraus nichts.
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Live Earth
Speaking of hippies. Nachdem man mit globalen Großkonzerten schon Afrika schuldenfrei, das Ozonloch wieder zu und den sauren Regen süß gerockt hat, setzte man sich bei Live Earth das Ziel die Power of Rock zu nutzen um das böse CO2 aus der Atmosphäre zu vertreiben. Wenn Tenacious D Dämonen zurück in die Hölle und Val Kilmer die DDR zur Demokratie rocken können, dann sollte doch so ein Fliegengewicht wie CO2 gar kein Problem mehr sein, oder?
Sollte man meinen. Wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre, die Matthew Bellamy – Frontmann der großartigen, wenn auch live nicht so genialen Band Muse – wie folgt zusammenfasst: “Private jets for climate change, not sure about it that seems to be a bit on edge really.” Private Jets for Climate Change. Klingt übrigens auch nach ‘nem tollen Bandnamen. Dass das alles keine hedonistische Feel-Good-Veranstaltung, sondern “serious business” mit ökologischem Gewissen war, kann man auch an den tausenden Plastikbechern im Wembley Stadion sehen, die die Fans einfach auf den Boden warfen, statt wie gewünscht nach schlechten Bands oder in die vorhandenen Recyclingcontainer. Und wenn sich jetzt noch Fergie, Joss Stone, James Hetfield, Billy Corgan oder einer der anderen Teilnehmer an diesem Event mal ‘nen Nachmittag frei nimmt um 100.000 Bäume zu pflanzen, dann ist man klimapolitisch auch wieder im grünen Bereich.
Ganz ehrlich: Der Auftritt von Spinal Tap mit jedem Bassisten im bekannten Universum und die Ironie der ganzen Veranstaltung ist uns die 100.000 Bäume und auch fast einen LdM wert. Woran es gescheitert ist? Zum Einen hat die Band nicht “Stonehenge” gespielt, zum Anderen ist einer der Grundsatzpunkte der Agitpop-Verfassung (neben der Nicht-Arkennung der deutschen Wiedervereinigung, der Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel und der Ablehnung jeglicher Form von politischem Totalitarismus): “Kein LdM für Hippies.”
(Nachtrag: Wie mir per E-Mail zugetragen wurde, spielten die ehemaligen The Thames Men doch Stonehenge auf dem Klimawandel-Wacken in London. Ich korrgiere mich also. Da die Hippie-Regel aber noch immer gilt, bleibt das Fazit:)
Und darum auch kein LdM für Live Earth.
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Kalle Schwensen
Kalle Schwensen war in Deutschland jahrzehntelang unter dem Rufnamen bekannt, den ihm die deutsche Bullerei in den Achtzigern wegen seiner Hautfarbe anhängte und der von der linguistischen Struktur her anderen Kiez-Namen wie Chinesen-Fritz”, “Lackschuh-Dieter”, “Bayern-Peter” oder “SS-Klaus” entsprach. Inzwischen möchte Schwensen nicht mehr so tituliert werden, was sein gutes Recht und auch ohne weiteres akzeptabel ist.
Wenn sein Anwalt dann aber vier Blogger in kurzer Folge abmahnt und für jede Abmahnung fast 900 Euro haben möchte, dann finden wir das nicht mehr so cool. Kurz Technorati anwerfen, den kritischen Suchbegriff eingeben, bei den Trefferseiten das Impressum anklicken, einen Formbrief in vierfacher Ausfertigung anfertigen… und schon hat man knappe 2.800 Euro erarbeitet. Dafür muss ‘ne alte Frau lange stricken.
Eigentlich mögen wir ja Schwensens öffentliche Auftritte, aber von einem der so gut austeilen kann wie er (gerne erinnern wir uns wie er mal bei Big Brother werten sollte, welche Kandidatin nun am besten tanze… was nicht so recht gelingen wollte, weil Schwensen die Tanzeinlagen durch die Bank weg scheiße fand) hätten wir erwartet, dass er seine Anwälte an einer kürzeren Leine hält und erstmal weniger kostenpflichtige Wege der Verständigung sucht. Und ganz im Ernst: Damals, als Agitpop noch ein Edel-Bordell auf der Reeperbahn war, da hätten wir statt eines Anwalts einfach das Inkassoteam Moskau losgeschickt, den Leuten mal richtig aufs Maul gegeben und der Drops wäre gelutscht gewesen. Aber anwaltliche Abmahnungen? Das ist uns zu provinziell spießig und darum auch keinen LdM wert.
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Brigitte Zypries
Erklärte erst heldenhaft, dass man Dr. Strangelove im Streit um die Online-Durchsuchung einen Kompromiss abgetrotzt habe, nur um dann sofort zurückzurudern. Warum? Wir haben hier einen Verdacht.
Günter “Ich will Ede werden, anstelle des Ede” Beckstein erkannte nämlich folgendes : Unserer Justizministerin ihre “Ablehnung der Maßnahmen gefährde die Sicherheit in Deutschland“. Und wenn jemand etwas gefährdet, was ist er oder sie dann? Richtig: Ein Gefährder!
Und wen gedenkt Wolfgang Schäuble präventiv zu internieren? Haargenau! Aber weil wir nicht in der Rasterfandung hängen bleiben und dann neben Frau Z. in Deutsch-Guantanamo auf dem Bismarck-Archipel landen wollen, machen wir sie auch nicht zum LdM.







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