Archive for the 'Medien' Category

On Banksy

Tuesday, July 19th, 2011

The Future of Street Art

Neulich war ich auf einer Party, auf der eine meiner Bekannten den Banksy-Kalender einer anderen Bekannten entdeckte, was einen längeren Austausch der Beiden über eben diesen Banksy provozierte und wie clever und subversiv er doch sei. Und wie toll es ist jemand anderen zu finden, der Banksy auch mag. Die ganzen anderen Quadratschädel (Leute wie ich) grokken Banksy nämlich nicht.

Hast du schon gewusst? Banksy hat irgendwo irgendwann irgendeine Wand angesprüht. Und jetzt kann die Stadt Eintritt nehmen, weil Touristen anreisen, nur um das Banksy-Mural zu betrachten. Nein? Wirklich? Ja, aber einige Politiker wollen das übermalen. Nein? Doch! Aber hast du schon gewusst? Banksy hat sich in eine Banksy-Ausstellung reingeschlichen und ein weiteres, neues Banksy-Werk zwischen den ausgestellten Banksy-Werken untergebracht. Ohne das es zunächst jemand bemerkte.

Das ist der Grad an Subversivität von dem wir hier reden! Der Mann hat ein Kunstwerk in seiner eigenen Ausstellung untergebracht. Nicht zwischen irgendwelchen alten Meistern. Er hat kein “Gemälde” von Thomas Kinkade (Painter of Light) in den Louvre geschmuggelt. Er hat kein Bild von Bob Ross (happy little cloud) in seiner eigenen Ausstellung untergebracht. Er hat mehr seines Krams in einer Ausstellung seines Krams ausgestellt. Da wo ich herkomme, nennt man sowas Guerilla-Marketing, aber ganz sicher nicht “subversiv”.

Banksy ist nicht “underground”. Banksy ist nicht “guerilla”. Und Banksy ist auch nicht so clever, wie man mir erzählen wollte. Ein Graffiti das darstellt, wie jemand Höhlenmalerien entfernt. Wie meta. Das ist echt nett. Cute, even. Aber kein großer Wurf. Vielleicht, weil Graffiti eben nicht die konsequente Fortführung der Höhlenmalerei ist. Das wären eher… um… Schriftzeichen? Oder das Napalm-Graffiti? Habt ihr schon gewusst? Amerika führt Krieg in Vietnam und links rechts davon den lächelnden Kulturimperialismus, repräsentiert von Ronald McDonald und Micky Maus. Hey, danke unbekannter Graffitikünstler, dass du mir die Augen für die Welt geöffnet hast. Ein Polizist mit einem Ballonhund mit Maulkorb? Was soll das überhaupt aussagen? Umweltverschmutzung ist blöd und die Gesellschaft ist eine repressive Traumvernichtungsmaschine mit latent faschistoiden Zügen. Nature grey in suit and hat. Schön, dass es endlich mal jemand auszusprechen wagt. Oder wie Tom Lehrer in “The Folk Song Army” sang: “We all hate poverty, war and injustice. Unlike the rest of you squares.”

Das Schlimmste ist, dass Leute wie meine Bekannten wirklich davon ausgehen, dass Banksy unglaublich “street” sei und nicht einfach eine “global brand“, deren Distinktionsmerkmal es ist, sich als konterkulturell zu geben. Obwohl er einfach diese Konterkultur nimmt und sie in ein leicht konsumierbares Massenprodukt verwandelt. Banksy-T-Shirts. Banksy-Kalender. Banksy-Ausstellungen. Banksy entwirft den Couch-Gag der Simpsons. Ein Banksy-Film erhält eine Oscar-Nominierung. Von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences! Egal was euch Fox News weißmachen will: Die Academy ist keine linksradikale Spaßguerilla, die gegen den Geschmack des einfachen Mannes entscheidet. Die Academy ist eine mainstreamige Konsensmaschine, die einfach unglaublich oft daneben haut.

Und Banksy ist Teil der Maschine, die er scheinbar untergräbt. Nehmen wir den Couch Gag für die Simpsons. Banksy prangert an: Den Umstand, dass die Simpsons irgendwo in Korea (gerne auch in Nordkorea) hergestellt werden? Dass bei der Herstellung von Simpsons-Merchandise vermutlich Kinderarbeit genutzt wird? Man kann argumentieren, dass der Vorspann der Simpsons der einzige Ort ist, an dem diese Botschaft angemessen ist. Weil sie da die meisten Menschen erreicht. Oder man kann argumentieren, dass der Vorspann der Simpsons exakt der falsche Ort für diese Art der Kritik ist. Weil man sich so zu einem Rädchen in der Maschine macht. Weil man damit in gewisser Hinsicht wieder legitimiert. Hey, wir haben alle drüber gelacht und nächste Woche ist Katy Perry unser Gaststar. Glaubt wirklich jemand, dass die Simpsons-Produzenten diesen Vorspann hätten durchgehen lassen, wenn sie das Gefühl hätten, dass er wirklich etwas ändert, dass er wirklich ins Mark des Murdoch-Imperiums trifft? Natürlich nicht. So wie man damals an die Kette gelegt wurde, als man FOX News zu hart anging.

Der Unterschied zwischen Banksys Vorspann und Katy Perrys Gastauftritt ist unbedeutend. Nur dass Banksy aus dem Vorspann massive öffentliche Wahrnehmung ziehen konnte: SPIEGEL, Stern, Guardian, New York Times. Hunderttausende, vielleicht Millionen, die Banksy bisher nicht kannten, kennen jetzt seinen Namen, haben ihn gegooglet. Und die seit Jahren vor sich hinsiechenden Simpsons können endlich mal wieder massiv PR abgreifen und sich öffentlichkeitswirksam als subversiv darstellen. ‘Win-win’ nennt man sowas wohl.

Calvin Coolidge, Silent Cal, US-Präsident während der Great Depression, sagte einmal: “The business of America is business.” The business of Banksy is Banksy.

Banksy, das ist massenkompatibler Pseudounderground. Ausgestellt in Museum. Anerkannt als Kunst mit kapitalem K. Ausgezeichnet mit und nominiert für Preise. Vielleicht ist es gerade das, was ihn so populär macht. Banksy ist für Street Art das was ‘Graphic Novels’ für die Comicwelt und Magaret Atwood für Science Fiction sind. Eine Möglichkeit diese niederen kulturellen Gefilde zu genießen, ohne wirklich in sie herabsteigen zu müssen. Banksy ist Revolution für Leute die eine Revolution erst dann akzeptieren, wenn sie dafür sechs Euro Eintritt fürs Museum bezahlt haben. Und die dann auf die Straße gehen und sich über die Schmierereien an der nächsten Hauswand aufregen. Show me your credentials, street artist.

Außerdem kann ich zu Wall and Piece nicht tanzen. Und wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.

So, yeah. Banksy? Fuck Banksy!

Und jetzt geht da raus und verschönert die Stadt mit Bob-Ross-Gemälden. Happy little trees!

Wollen Sie mehr wissen?

*Tanzbare Revolution.
*Mehr tanzbare Revolution.
*I Destroyed Banksy’s Rat.

Eppur si muove!

Tuesday, April 21st, 2009

Ach du Schreck. Sowas ähnliches wie neuer Content. Und das nach kaum einem halben Jahr! Damit sind wir nur noch marginal lahmarschiger als das Programmierteam von Duke Nukem Forever

Während ich immer noch überlege, welches Blog-Format und welche Wochenplanung ich wählen muss, um auf Agitpop endlich mal wieder regelmäßig echten Content zu bringen (ich vermute, dass demnächst [was in diesem Blog in den letzten anderthalb Jahren zu einem Codewort für "vermutlich nie" geworden ist] mal eine Reihe Kurzreviews folgen werden), habe ich die Gelgenheit zu einem Gepräch (wir hier im Chateau Agitpop bevorzugen ja den Begriff “Elektroplausch“) mit Herrn K. drüben auf seinem Blog genutzt. Dabei geht’s um Piratenbuchten, die Contentindustrie und mittelalterliche Riemenschneider.

Hier kann das ganze Spektakel, dieses King-Kong-gegen-Godzilla der Blogosphäre, nachgelesen werden.

Feedback ist sowohl hier in der Kommentarsektion, als auch drüben beim Herrn K. ausdrücklich erwünscht.

Nachtrag: Wie mir die Leserschaft per E-Mail mitteilte “Die Kommentarsektion in dem Artikel ist geschlossen, du Held…

Oder in Kurz: FAIL!
Sollte aber jetzt behoben sein…

DAS muss NATÜRLICH kommentiert werden…

Tuesday, July 22nd, 2008

…trotz Sommerpause. Also:

bla bla bla bla Blogs bla bla bla Blogger bla bla SPIEGEL bla bla bla bla bla Deutschland bla bla bla bla Selbstreferenzialität bla bla bla Sau bla bla bla bla bla bla bla bla bla bla Dorf bla bla bla bla Journalisten bla bla bla bla bla bla Professionalität bla bla bla bla bla bla bla bla bla Beißreflex bla bla bla bla bla Automatismen bla bla bla bla bla bla Blogosphäre bla bla bla bla. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

PS: bla bla bla bla bla bla bla bla

Und damit verabschiedet sich Agitpop fürs Erste wieder in den Winterschlaf.

Lady Bitch Ray – Debattentod Delüks

Saturday, January 19th, 2008

Das Medienbruhaha rund um das Thema Jugendgewalt hat einen neuen Level von Absurdität erreicht. Nachdem die Professor Pfeiffer einmal überall herumgereicht wurde, gehen den Medien scheinbar die Experten zum Thema aus. Weil das Thema aber noch immer sexy ist, wird jetzt offenbar jeder ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, der vielleicht mal irgendwie, irgendwo, irgendwann mal mit dem Thema konfrontiert worden sein könnte. Auftritt bei SPIEGEL Online: Lady Bitch Ray. Ihr Thema: Die Jugendgewalt. Ihr eigentliches Thema: Sie selbst.

Ich bin mir nicht ganz sicher, unter welchem Kapitel Drew Curtis diesen Artikel in seinem Buch It’s Not News, It’s Fark eingeordnet hätte. Es könnte “Equal Time for Nutjobs” sein, es könnte ein erstes Anzeichen dafür sein, dass eine “Media Fatigue” einsetzt und die Medien jetzt anfangen sich selbstreferenziell zu fragen, wie sie über das Thema berichtet haben, es scheint aber am ehesten in die Kategorie “Unpaid Placement Masquerading as Actual Article” zu passen:

Many odd news items are commercials in disguise. They’re not necessarily bought and paid for in payola-type situations, but it’s obvious what the point is. Mass Media has been full of these types of articles for years although most people haven’t noticed.

Lady Bitch Ray, alias LBR (nicht verwechseln mit LBJ, JBL oder JBK) ist eine “türkischstämmigen Rapperin und Linguistin”, wie uns der Teaser verrät. Sie ist außerdem prominent, auch wenn das der Teaser nicht sagt. Respektive, sie versucht prominent zu werden, wofür ihr kein Publicitystunt zu peinlich ist. (Ganz nebenbei: Fotze schreibt man mit “F”, nicht mit “V”.) Also, prominent wie das dem Fernsehmagazin, in dem VOX jeden Sonntag Abend die Klatschspalte der ZEITUNG vorlesen und dann von GZSZ-Sternchen kommentieren lässt, nicht prominent wie “Götz George”.

Am ehesten würde wohl noch das Wort “Internet-Berühmtheit” passen, das ungefähr gleichbedeutend ist mit “der Welt größter Zwerg”. Das dürfte als Prominenzlevel im Zweifelsfall ausreichen um von RTL ins Dschungelcamp deportiert zu werden, es reicht auf jeden Fall aus um einen eigenen Artikel bei SPIEGEL Online zu erhalten. Daraus darf jeder seine eigenen Schlüsse ziehen, so er denn will. Ich kann damit sehr gut leben, wenn auch dieser “stolze Tokio-Hotel-Fan” bald seine eigene Kolumne bekommt. Im Gegenzug kann man ja Broder von der Gehaltsliste streichen… ich schweife ab.

Kommen wir wieder zu Lady Bitch Ray und ihrer messerscharfen Analysen zur derzeitigen Situation in Deutschland:

Als in der Bundesrepublik geborene und aufgewachsene Türkin spreche ich ungern von spießigen Deutschen, denn Spießigkeit hat nichts mit Nationalität, sondern mit persönlicher Engstirnigkeit von Menschen zu tun. Deshalb habe ich den Begriff Spießer umbenannt und spreche lieber von Gartennazis.

Frau Lady Bitch Ray beginnt die Selbstpromotion gleich mal damit, dass sie ihre Credentials auf den Tisch legt – Türkin die in der BRD aufgewachsen ist – und dann erwähnt, welchen Begriff sie geprägt hat: “Gartennazis”.

Das ist spannend, weil es mehrere Möglichkeiten offen lässt. Erstmals begegnet ist mir der Begriff “Gartennazis” im Jahre des Herren 2002. Reihard Mey, auf Sylt und nicht über den Wolken weilend, hielt da fest:

Seit einer Woche suchen wir Erholung … In dieser Zeit waren jeden Tag um uns herum die Gartennazis mit schwerem Gerät und unter Höllenlärm-Entwicklung damit beschäftigt, auf handtuchgroßen Grundstücken kleinen, unschuldigen Grashalmen den Garaus zu machen. Beenden sie diesen Rasenmäherkrieg!

“Beenden sie [sic] diesen Rasenmäherkrieg!” Vielleicht eine der bewegendsten Aufforderungen die wir Deutschland hören durften seit Lady Bitch Reagans: “Mr. Gorbatchev, tear down this wall!” Und jetzt haben wir ein Problem: Ich möchte Lady Bitch Ray nicht unterstellen, dass sie als schamlose Selbstdarstellerin auch mal die Wahrheit bewusst biegen möchte. Manchmal haben große Geister ja die selben genialen Ideen, wenn die Zeit dafür reif ist. Und vielleicht hat Lady Bitch Ray den Begriff schon vor dem Jahr 2002 verwendet, ehe sie “prominent” wurde. Dann hat ihn der Mey gehört und so genial gefunden, dass er ihn gleich mal verwendet hat um seiner stagnierenden Karriere einen Schub zu verpassen. Vielleicht hat sich Reihard Mey auch einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und schockiert nun als türkischstämmige Rapperin die Talkmaster der Nation. Ich habe seit der Gartennazi-Story schließlich nichts mehr von Mey gehört, das mag ich also nicht ausschließen.

Aber sollte dem nicht so gewesen sein, dann muss ich – absolute entrüstet! – festhalten, dass diese junge, erfolgreiche Frau hier versucht Geschichtsklitterung zu betreiben und sich das, tatsächlich sehr schöne, Wort “Gartennazi” von einem abgehalfterten Schlagerbarden zu klauen, von dem die eigene Zielgruppe wahrscheinlich noch nie etwas gehört hat. Und sollte das rauskommen, dann wäre die Straßenkredibilität von Lady Bitch Ray ganz sicher hinüber. Aber zumindest könnte sie dann ein paar Wochen später mit Klaus Lage und Peter Maffay (muränischstämmiger Barde und Schauspieler) bei Maxi Arland auf dem Musikantendampfer auftreten.

Weiter im Text:

Ich benutze diese Metapher nicht, weil osmanisches Blut in meinen Adern fließt und ich die Deutschen gern zynisch an ihre Geschichte erinnere. Sondern vielmehr, weil ich mit Gartennazis engstirnige Menschen verbinde, die sich sogar darüber aufregen, wenn Nachbars Baum (in ihren Augen) zu weit über ihren Zaun ragt.

Okay, sie erklärt sogar die Etymologie ihrer Gartennazis, die ganz anders geartet sind als die Gartennazis des Reinhard Mey. denn während Meys Gartennazis einen Vernichtungskrieg gegen unschuldige Grashalme führen, haben Lady Bitch Reys Gartennazis einfach kein Interesse daran, dass der Nachbar ihr Territorium in irgendeiner Form verletzt. Wer ordentlich rumtrollen will, der kann ihr jetzt vorwerfen, dass sie mit dieser Aussage die alte Nazilüge perpetuiere, dass das deutsche Reichsgebiet damals von den Polen attackiert worden wäre… Sender Gleiwitz und so. Ich begnüge mich damit festzuhalten, dass Meys Gartennazis sich den Namen ehrlicher erarbeitet haben als Bitch Ray Ladys Gartennazis.

Und dabei ist es bemerkenswert, dass diese nicht nur “besserwisserische Rentner” (und Renterinnen) sind, wie sie Herr Jens Jessen, der Feuilletonchef der “Zeit”, in seinem derzeit breit diskutierten Videokommentar beschreibt.

Aaaah! Jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema an: Der Nebenkriegsschauplatz “Fernsehen = teh evil” scheint sich inzwischen erschöpft zu haben, das eigentliche Thema ist als Aufhänger auch nur noch bedingt tragfähig, jetzt wo Merkel den Hessendagon zurückgepfiffen hat und der sich wieder als Kartograph versucht, also übernimmt man in den Medien nun als irrelevantes Sekundärthema – den Videokommentar von Jens Jessen auf ZEIT Online. Wenn sich die Politisch Inkorrekten, Schirrmacher in der FAZ, sein Kumpel Dieckmann bei der ZEITUNG und sogar der Ringelnatz des 21. Jahrhunderts zu dem Thema äußern, dann will man ja nicht die schöne Sau vorbei reiten lassen, ohne sich selbst drauf zu setzen. Was die Blogosphäre kann, das können die klassischen Medien schon lange.

Okay, wir hatten also bisher das aufmerksamkeitsheischende Schlagwort (Gartennazis) und den eigentlichen Aufhänger (das Spießervideo von Jens Jessen). Und jetzt kommen wir zum Hauptthema und zum eigentlichen Problem der Jugendgewalt: Lady Bitch Ray wird voll diskriminiert,ey. Und das nur weil keiner ihre Meinungsfreiheit versteht, ihr Fotzen. Aufgepasst:

Nein. Gartennazi-Verhalten, oder auch Engstirnigkeit (auch gerne Intoleranz genannt), wird vor allem auf anderen Ebenen klar. Dort, wo eigentlich Meinungsfreiheit, Künstlerfreiheit und vor allem Demokratiebewusstsein groß geschrieben werden sollten [...] Ich spreche von Radiostationen, die qualifizierten Menschen fristlos kündigen, weil jene künstlerische Tätigkeiten ausüben, deren Lebenswelten und Absichten sie nicht verstehen wollen und können. Ich spreche von gebildeten Menschen, die sich bei Universitäten beschweren und eine Exmatrikulation von Personen fordern, weil er/sie eine bestimmte Kunstform ausgewählt hat, deren Ausdruckweise ihnen nicht passt.

Oder in der Kurzform: “Ich spreche von mir selbst!” Zumindest unterstelle ich mal, dass Frollein Lady Ray, damals scheinbar noch ohne zweiten Vornamen, sich da selbst meint mit dieser “künstlerischen Tätigkeit [...], deren Lebenswelten und Absichten sie nicht verstehen wollen und können.” Als Gartennazi würde ich jetzt mal als Absicht unterstellen: Platten verticken.

Auch wenn man dafür mit der ZEITUNG – dem Zentralorgan der Gartennazis in Deutschland, gerade in der derzeitigen Jugendgewaltdebatte – zusammenarbeiten muss. Und um das zu erreichen muss man sich scheinbar mit Gewalt selbst darstellen, indem man einfach mal ganz offensiv da geschmacklos wird, wo sich das bisher keiner getraut hat. Sowas zieht ja bekanntlich immer.

Was allerdings dieses Jammern über ihre Kündigung damals bei Radio Bremen mit der Jugendgewaltdebatte zu tun hat, das sei mal dahingestellt. Also, der Jessen glaubt, dass die Jugendgewalt auch durch deutsches Spießertum zustande kommt. Lassen wir jetzt einfach mal so im Raum stehen. Würde das dann bedeuten, dass der Münchener U-Bahnangriff vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn LBR weiterhin bei Radio Bremen moderieren dürfte? Hm…

Wobei Rady Litch Bay diesen Lapsus, den Mangel an Themenbezug, auch selbst mitbekommen hat und darum noch schnell in drei Absätzen zusammenfasst, was in den letzten Wochen in manchen Zeitungen ganze Leitartikel für sich alleine abbekommen hat: Das Kriminalität kein Ausländer-, sondern ein Jugendphänomen ist. Und dass “Parolen wie ‘kriminelle Ausländer sollen abgeschoben werden’ aus der CDU-Ecke gerufen werden, in der es sich immer wieder Gartennazis gemütlich machen”. Was für sich genommen kein Gegenargument ist: Die CDU ist konservativ und darum ist der Vorschlag schlecht? Das ist argumentativ ungefähr so pfiffig wie: “Du bist ‘ne nervige, mediengeile Aufmerksamkeitshure und darum ist dein Text kacke.” Trotzdem schließt sie daraus:

Gefährlich wird das aber dann, wenn die Jugend insgesamt (manchmal sogar die eigenen Nachkommen) als etwas Fremdes wahrgenommen wird. Und wenn Menschen vergessen, dass sie selbst jung (und rebellisch) waren und sie den natürlichen Prozess der jugendlichen Abgrenzung einfach unterschätzen – oder schlicht ignorieren.

Womit wir schon den ersten Kandidaten für den “Dick-Cheney-Gedächtnispreis für gekonntes am Ziel vorbeischießen” des Jahres 2008 haben. Die Debatte wurde angestoßen wegen zwei junger Männer, die ohne Grund einen Rentner nicht nur hinterrücks attackiert haben, sondern auch noch genüsslich nachsetzten, als der alte Mann am Boden lag. Wir reden hier ja nicht davon, dass irgendwelche Teenies heimlich rauchen, saufen, schwarzfahren, die Schule schwänzen oder mal ein Azad-Album aus dem lokalen Media Markt mitgehen lassen.

Hey, ganz im Ernst, ich bin eine der linksgrünen Multikultischwuchteln die der Meinung sind, dass es nicht sinnvoll ist sofort mit dem “Law & Order“-Hammer zuzuschlagen. Aber irgendwo hört der Spaß auf: Und jugendliche Rebellion und Abgrenzung hat nicht zu bedeuten, dass wir anfangen Rentner zusammenzutreten. Oder überhaupt irgendwen. Period. Ich vermute, dass Baby Rich Lay die Meinung eigentlich auch teilt, aber diesen Stuß zusammengehackt hat, weil ihr das Kernthema gerade entfallen oder egal war. Denn eigentlich geht es ja, wie schon im Großteil des restlichen Textes, um etwas ganz anderes. Und so schafft die junge Dame, angehende Doktorandin, auch gleich mal wieder den Schwenker zu dem Thema, mit dem sie Text begonnen hat: Sich selbst.

Aber damit es auch Grenzgänger gibt, die den Mut haben, jene Grenzen zu überschreiten – mit der nötigen Portion rebellischem Geist -, gibt es Leute wie mich: Lady Bitch Ray alias Reyhan Sahin. Rapperin, Akademikerin, Designerin, Türkin – der größte Schreck aller engstirnigen Menschen.

Peace und Pussy Delüks!

Ende des unbezahlten Infomercials für Lady Bitch Ray. Zum Schluß nochmal gehörig ins eigene Horn blasen (oder für die Bitch-Ray-Fans unter der Leserschaft: Sich an die eigene Möse greifen.). Sie ist eine Grenzgängerin! Sie hat den Mut Grenzen zu überschreiten! (Uhm… vielleicht nicht so klug, das mitten in der Abschiebedebatte zu äußern.) Sie hat die nötige Portion rebellischen Geist! Den Rebell Yell, den auch schon Billy Idol und H.P. Baxxter hatten! Sie ist der größte Schreck aller engstirnigen Menschen! Sie persönlich! Die Leitartikler der FAZ zittern, wenn sie ihren Namen nur lesen! Sie ist toll! Großartig! Best there is, best there was, best there will be! Und, hey, sie bricht Tabus. Benutzt die sieben schmutzigen Wörter und so. Das hat sich noch niemand getraut. Außer vielleicht George Carlin. Aber gut, das war in den Siebzigern. Ancient History.

Im Ernst, ich kann Lady Bee-yatch Reh nicht einmal einen Vorwurf machen (also, außer dem der generellen Peinlichkeit und Nervigkeit): Der SPIEGEL gibt ihr die Chance sich selbst in zehn Absätzen zu preisen und sie nutzt diese Chance. Warum auch nicht? Es wäre wohl ziemlich weltfremd etwas anderes zu erwarten von einer Frau, der citybeat mal unterstellte mal unterstellte, sie leide “unter einem penetranten Selbstdarstellungsdrang und [wolle] dringend Karriere machen, egal um welchen Preis”. Erschreckender ist für mich, wie gering offenbar die Anforderungen inzwischen sind, um bei SPON unterzukommen. Und nicht einmal im Unispiegel, sondern in der professionellen, redaktionell betreuten Kultur-Ecke.

Übrigens, es ist nicht so als wenn es mich nicht interessieren würde, was deutsche Rapper zu dem Thema Jugendgewalt sagen würden. Beispielsweise ein Sido oder ein Bushido. Sido, der inzwischen das Gangsta-Image mehr oder weniger abgelegt hat, zum akzeptierten Teil der deutschen Popkultur wurde, sogar die Comet-Gala moderieren durfte und der in Interviews nicht im Ansatz so verspackt wirkt, wie ich das ursprünglich mal gedacht habe. Und Bushido, der bis heute das Image des aggressiven Ghetto-Kinds mit Migrationshintergrund hochhält und der regelmäßig dafür kritisiert wird, dass seine Texte islamistisch, anti-semitisch, rassistisch, anti-amerikanisch, homophob und frauenfeindlich wären. Dessen Platten sich aber, anders als die vom Frollein Schlampenstrahl, tatsächlich wie geschnitten Brot verkaufen und der wirklich ein relevanter Teil eines großen Segments der derzeitigen deutschen Jugendkultur ist. Und zwar auch jenes Segments, auf das gerade im Zuge der ganzen Jugendgewaltdebatte das Auge gerichtet wird. Interviews mit solchen Leuten wären tatsächlich spannend, anders als das dämliche, selbstgefällige Werbegewichse einer Frau die einfach zu gequält und zu brachial versucht zu schocken und irgendwie einen Skandal vom Zaun zu brechen. Will sagen: Zum Thema Gewaltverbrechen amerikanischer Jugendlicher will ich hören was Snoop Dogg oder Fifty Cent zu sagen haben, nicht K-Fed oder Vanilla Ice.

Hat niemand bei SPON den Text gelesen bevor er online ging? Hat niemand gemerkt, dass der Text plumpe und schamlose Eigenwerbung ist, der das angebliche Thema “Jugendgewalt” gerade mal aus Versehen streift? Hat niemand die Sache mit den Gartennazis bemerkt? Wigga, please! Falls noch Zweifel daran bestanden, dass die angeblich so brennende, dringliche Jugendgewaltdebatte sich in einen lächerlichen Medienzirkus der Eitelkeiten verwandelt hat, dann sollten diese mit Lady Bitch Rays Text beendet worden sein. Weckt mich auf, wenn sich die Quotenmeute einem neuen Thema zugewendet hat, dann bin ich gewillt ernsthaft über die Jugendgewalt zu reden. Momentan wäre jeder Versuch einer ernsthaften Debatte ohnehin sinnlos. Und bis es soweit ist, fordere ich ein weiteres Korollar zu Godwin’s Law einzuführen:

Man kann eine Realwelt-Diskussion als gescheitert bezeichnen, wenn ein D-Promi ohne direkten Bezug zum Thema Hitler und die Nazis herauskramt um für sich selbst die Werbetrommel zu rühren.

In diesem Sinne: Bierce und Pussy Galore.

Unpolitik, oder: Das Dschungelcamp ist ehrlicher als ihr

Sunday, January 13th, 2008

Es mag Sie, werte Leserschaft, vielleicht überraschen, aber es ist nur Wahlkampf in Hessen. Das mag man kaum glauben, angesichts des Umstands, dass sich CDU und SPD derart in die Wolle gekriegt haben, dass die rabiateren Parteimitglieder schon vorschlugen, vor die Kuppel des Reichstags ein “Donner-” zu setzen und die Koalitionsstreitigkeiten dann darin ein- für allemal auszutragen. Und sogar unsere Bundesaußenministerin Angela Merkel hat sich getraut auf einen Staatsbesuch und für eine Wahlkampfempfehlung in Deutschland vorbeizuschauen. Ein beeindruckendes Schauspiel, bedenkt man dass der Halleysche Komet öfter an Deutschland vorbeikommt als das Merkel.

Dem Hessen-Dagon, dem brutalstmöglichen Aufklärer aller Zeiten, ging in den letzten Wochen der Arsch ein wenig auf Grundeis. Obwohl die SPD eine Kandidatin ins Rennen um den Ministerpräsidentenposten schickte, die den wohl unwahrscheinlichsten Nachnamen aller Zeiten vorweisen kann und von der man eigentlich erwarten sollte, dass sie nur grün-karierte Ganzkörperanzüge trägt, begann Dagons absolute Mehrheit in Hessen zu schwinden. Und während die SPD mantrahaft skandierte “Mindestlohn! Mindestlohn! We accept you! We accept you! One of us! One of us! Mindestlohn! Mindestlohn!“, begann in Dagons Unterwasserhauptquartier die Suche nach einem geeigneten Wahlkampfthema.

Zynisch und menschenverachtend wäre es, würde man Dagon unterstellen, dass ihm der brutale U-Bahnangriff zweier junger Männer, die zunächst von der Presse als “Raucher“, dann als “mit Migrationshintergrund” indentifiziert wurden (worauf man vielleicht dank des “Scheißdeutscher” auch direkt hätte kommen können), gelegen gekommen wäre. Erstmal musste nämlich der allgemeine Gefahrenraum U-Bahnhof, von dem wir schon lange wussten, dass dort primär Morlocks hausen, seine volle Wirkung entfalten. Zwei weitere Übergriffe in München. Dann ein Vierter. Weitere Übergriffe in Frankfurt und Berlin folgten. Und in Heilbronn sogar einer ganz ohne U-Bahn.

Dass “Jugendgewalt” und “Gewalt durch jugendliche mit Migrationshintergrund” heiße Eisen sind, die es anzupacken gilt, das ist wohl unbestreitbar. Aber die Form in der das hier stattfindet, ist wieder ein Musterbeispiel dafür, warum man sich von Medien und Politik regelmäßig verschaukelt fühlen darf, denn einmal mehr haben wir viel Lärm um Nichts. Wobei ich mit Nichts nicht das Problem meine, sondern das was am Ende bei dieser Debatte mal wieder rauskommen und die Situation verbessern wird: Nichts.

Beginnen wir mit der Rolle der Medien: Jeden Tag liest man jetzt über ein bis zwei weitere Übergriffe von Jugendlichen. Was die Frage offenwirft: Ist seit dem ersten Angriff in München die Quote der von Jugendlichen begangenen Gewalttaten um mehrere tausend Prozent explodiert? Oder ist das ein weiterer Beleg dafür, wie die Medien eine gefühlte Bedrohung erschaffen können, die in der Form nicht mit den realen Daten übereinstimmt.

Meine, nicht mit Statistiken abgedeckte, These: Die Jugendgewalt ist ähnlich hoch wie sie vor einem Monat war… und sie wird ähnlich hoch sein wie nächsten Monat, wenn die Medien eine neue Sau gefunden haben, auf der sie splitterfasernackt durchs Dorf reiten, während die Übergriffe von Jugendlichen (egal ob Rauchern, Migranten oder rauchenden Migranten) keine Sendezeit mehr bekommen, weil sie nicht so interessant sind wie Britney Spears neueste Eskapaden. Mal wieder an den Federn herbeigezerrter Vergleichsfall: Die Vogelgrippe, die immer noch so gefährlich ist wie im Frühjahr 2006, die aber seit über einem Jahr total uninteressant zu sein scheint und in den Medien, wenn überhaupt, unter “inferior news” abgelegt wird. Weshalb plötzlich weniger Handlungsbedarf zu bestehen scheint, als noch vor knapp zwei Jahren.

Es gilt also für die Politik schnell zu handeln, ehe das ohnehin begrenzte Zeitfenster sich geschlossen hat: Sonst steht man mit seinen tollen Konzepten da und der aufgebrachte Volksmob hat sich schon auf das nächste Entrüstungskonzert begeben. Wie immer wenn sich komplexe Probleme stellen und man nicht viel Zeit hat um die Probleme anzugehen, mein Wahlbenachrichtungszettel läd mich für den 27. Jännar in das Wahllokal meines Vertrauens ein, gilt es Entschlossenheit und Härte der Hand zu demonstrieren: Warnschußarrest, Erziehungscamps und “schnellere Ausweisungen” sind die Zauberworte der Stunde.

Bestimmte Probleme mit diesen Vorschlägen, etwa dass “Jugendliche mit Migrationshintergrund” eben nicht gleichbedeutend mit “Ausländer” ist, weil das Kinder von Ausländern sind, die zum Teil schon in der dritten Generation in Deutschland leben und ihre “Passheimat” nie gesehen haben, die fragwürdigen Methoden der Erziehungscamps oder der Umstand dass die Einsparungen bei Polizei und Justiz – die jetzt bemägelt werden – von Dagon selbst ausgingen, werden schnell beiseite gewischt, denn um echte Politik geht es hier ja nicht. Um die echte Politik kann man sich nach dem Wahlsieg kümmern, wenn das Thema wieder vergessen und möglichst stiefmütterlich behandelt wird. Jetzt geht es darum Angst zu nutzen und auf einer Stimmung zu surfen.

Eine Stimmung die auch von der ZEITUNG quotenträchtig geschürt wird. Anderswo werden derweil die alten Feindbilder mal wieder rausgekramt, statt ernsthaft zu debattieren: “Kulturbereicherer”, “Musels”, “die 68er”, “Multikultipsychopathen” und “Gutmenschen”. Es läuft etwas falsch in der Bundesrepublik wenn ausgerechnet Christian Pfeiffer als mäßigende Stimme auftritt.

Anyway: Die Jugendgewalt hat es geschafft zum ersten großen Themenblock des Jahres 2008 zu werden. Was, zugegebenermaßen, eine ziemliche Leistung war. Immerhin hat sie sich da gegen ein Joint Venture aus zwei anderen Themenblöcken durchgesetzt: Letztes Jahr um diese Zeit war das große Thema natürlich Knut, der kleine Eisbär, Scheißbär. Im Dezember war das große Thema derweil Eltern die am Tod ihrer Kinder schuld sind. Man sollte annehmen, dass die Kombination beider Themen – Eltern die ihre niedlichen Eisbärkinder umbringen – die öffentliche Aufmerksamkeit vollends binden sollte. Tja, Pustekuchen: Selbst niedlicher Eisbärkannibalismus hatte keine Schnitte gegen die gewalttätigen Jugendlichen.

Das Thema war, wie das im zynischen Jargon heißt, sexy geworden. Jetzt schnell ein Statement oder eine Paper dazu der Presse lancieren und man konnte sicher sein, dass man ein wenig von der medialen Aufmerksamkeit bekommt, die man so dringend benötigt. Das Problem: Die wirklich guten Positionen “law and order” oder “mehr Jugendförderung” hatten sich schon die Politgranden Koch, Merkel, Struck und Zypries unter den Nagel gerissen. Was natürlich niemanden davon abhalten sollte, sinnlose Geisterfahrerdebatten zu eröffnen, um auch ein Stück des Medienkuchens abzubekommen. Und damit sind wir auf dem Nebenkriegsschauplatz, um den es hier eigentlich gehen soll.

Auftritt: Friedbert Pflüger. Pfriedbert Flüger ist ein Gewinnertyp, den nichts vom Gewinnen abhalten kann. Nicht einmal die Realität. Damals, anno domini 2006, verkündete er siegesbewusst: “Die CDU in Berlin ist wieder da, nach fünf schweren Jahren.” Wohlgemerkt, nachdem die Berliner CDU gerade ein schlechteres Ergebnis – das zweitschlechteste in ihrer Historie – eingefahren hatte als noch vor fünf Jahren. Und vor einer Woche, am 6. Januar, da war Pflüger plötzlich wieder da.

Pflüger will Morde erst nach 20 Uhr sehen“, sprang mich die Schlagzeile an. Was ich schon irgendwie verwunderlich fand. Waren Morde bisher vor 20 Uhr gesetzlich erlaubt? Hatte ich die große Chance vertan unausstehliche Mitmenschen vor fahrende Busse zu schubsen oder nervtötenden Hausierern mit der Axt den Scheitel nachzuziehen? Und sollte ein Politiker nicht eher ein generelles Mordverbot fordern, statt es auf die Zeit vor 20 Uhr zu beschränken? Warum will Pflüger überhaupt Morde sehen? Ist doch ziemlich unappetitlich.

Nun: Der Teaser informierte mich. Es ging natürlich nicht um den Mord an sich, es ging um Morde im Fernsehen. Wie gesagt, die guten Themen waren schon weg, die Hinterbänkler müssen also mit den Krümeln vorlieb nehmen, die vom Tischtuch fallen. In diesem Fall bedeutet das: Medienschelte.

Zur Eindämmung von Jugendkriminalität will der CDU-Politiker Pflüger Mord und Totschlag vor 20 Uhr vom Bildschirm verbannen. In der “Bild am Sonntag“ beklagte er eine zunehmende Brutalisierung des Fernsehens. “Viele Kinder schauen tagsüber allein fern“, sagte Pflüger. “Ich bin der festen Überzeugung, dass die Hemmschwellen für Gewalt sinken, wenn Kinder Hunderte von Morden erleben.“

Womit Pflüger primär meint, dass man bitte morgens nicht die Spielfilme vom Vorabend wiederholen solle. Pflügers Vorschlag kommt überraschend, passt aber in den populistischen Tenor. Denn in der Debatte über die Jugendkriminalität war bis dato das Fernsehen in dieser Form nicht attackiert worden. Die zunehmende Brutalisierung des Fernsehens ist als Topos natürlich mindestens so alt, wie das Fernsehen selbst und Pflügers Argumentationslinie kann von mehreren Seiten aus hinterfragt werden: Das Tötungsverbot würde durchaus einen Teil des Nachmittagsprogramms der deutschen Sender aushebeln. Seriendauerbrenner wie Star Trek, Charmed, Matlock, Diagnose: Mord oder Mord ist ihr Hobby würden ebenso wie Picket Fences: Tatort Gartenzaun oder die Anime-Serie Detektiv Conan von den Mattscheiben verschwinden. Vielleicht ist das der Preis den man dafür zahlen muss, dass Lenßen & Partner endlich in Frührente geschickt werden. Fraglich derweil ob das auch für die abstrusen Mordphantasien aus den nachmittäglichen Gerichtsshows gelten sollte, die man ja nicht sieht, sondern die nur von den Laiendarstellern hölzern als Geständnis abgelegt werden.

Um zu zeigen, dass er nicht nur auf billige Effekthascherei aus ist – frei nach dem Motto: Wir haben was getan und es hat uns nicht einmal Geld gekostet, anders als wenn wir mehr Polizisten oder Street Worker einstellen würden – hat er auch gleich eine Idee, wie das funktionieren könnte:

“Keine TV-Morde mehr vor 20 Uhr – das muss ein Ehrenkodex werden“, forderte der Vater zweier Kleinkinder. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern könne man politisch darauf dringen, was er in seiner Funktion als Rundfunkrat beim rbb auch tun werde, sagte Pflüger. Bei den Privaten sollten Firmen nicht mehr werben, wenn sich die Sender nicht an einen entsprechenden Ehrenkodex hielten.

Wir merken: Wenn ein Politiker von “Ehrenkodex” spricht, dann meint er “Gesetz”. Zumindest für die öffentlich-rechtlagigen Sendeanstalten. Und nun könnte man Pflügers Argumentationslinie mit einem Augenrollen und Schulterzucken ignorieren, aber der Geist war halt aus der Flasche. Und die Idee, dass bestimmte Medien die Jugend verrohen und damit für unsichere Straßen sorgen, ist ein Klassiker. Echte Entrüstungsprofis sind natürlich ein wenig konsterniert, dass Pflüger hier mediale Aufmerksamkeit erhält, obwohl er doch einen totalen Amateurfehler beging: Der Schockbegriff in diesen Debatten sollte natürlich “Killerspiele” sein, nicht “Fernsehen”.

Brigitte Zypries, bekannt als Faktotum unseres Bundesinnenministers Dr. Seltsam, erkannte diesen Schlendrian von Pflüger natürlich sofort und schob in der N24-Sendung Links-Rechts nach:

“Auch PC-Spiele, Playstations, Spielkonsolen und dieses ganze Zeug”, seien für den Nachwuchs “natürlich Gift”, so die Ministerin wörtlich. Zypries betonte: “Die Kinder lernen weder Sozialverhalten noch bewegen sie sich, wenn sie vor diesen Teilen sitzen, sondern werden zugeschüttet.”

Dass die Medien natürlich eine gewisse Mitschuld an der Gesamt”debatte” haben – siehe die plötzliche Flut an Berichten über Jugendgewalt, die schon bald wieder abklingen wird… also, die Berichtsflut, nicht die Jugendgewalt – ist schwer von der Hand zu weisen. Die nebenbei aufgezäumte Debatte rund um die Mediengewalt erscheint allerdings irreal und fern von realen Lösungsmöglichkeiten, hat aber den Vorteil, dass alle vorgeschlagenen Lösungen eben fast kein Geld kosten. Und sowas ist im politischen Bereich immer ein starkes Argument dafür etwas zu befürworten. Klar, es hat nichts gebracht. Aber überlegen sie doch mal, was so ein Heer an Sozialarbeitern den Steuerzahler kosten würde.

Stellen wir uns die ernste Frage: Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Jugendgewalt zurückgeht, wenn vor 20 Uhr im Fernsehen nicht mehr gemordet wird? Nein? Na, dann wäre der nächste Schritt vielleicht das Verbot von gewaltätigen Lyrics! Die fördern… öh, einen Moment… die fördern… ähm, halt die auch nicht… die fördern… nein, jetzt habe ich’s… die fördern natürlich auch die Jugendgewalt.

Friedbert Pflüger muss derweil machtlos mitansehen, wie neben Zypries auch andere Politiker vorbeikommen, um sich auf seinem eigenen Nebenkriegsschauplatz auszutoben. Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Wir erinnern uns: Oettinger war selbst Opfer von Jugendgewalt und hat ein durchaus interessantes Verständnis von Recht, Ordnung, Moral und Amoral. Und dieser Oettinger hatte kurz nach Pflügers Epiphanie das Bedürfnis das Problem der Jugendgewalt auch mal zu lösen und setzte der friedbert’schen Medienkritik darum die Krone auf:

Es gibt Programme, die in einigen Sendern verstärkt kommen, von denen ich erhebliche Gefahren für die Erziehung der Jugend ausgehen sehe”, sagte Günther Oettinger heute in Stuttgart. Explizit nannte er die Fernsehsender RTL 2 und Super RTL. Hier sehe er eine “schädliche Entwicklung” bei der Qualität. Bei einer CDU-Veranstaltung in Markgröningen soll Oettinger kürzlich gar von “Scheiß-Privatsendern” gesprochen haben.

Wo Super RTL – ein Sender der irgendwo zwischen Cartoon- und Sitcomrestposten, SpongeBob Schwammkopf, den typischen Bitte-Lächeln-Epigonen und T.V. Kaiser anzusiedeln ist – die Mitschuld daran trägt, wenn Renter in der U-Bahn von gewalttätigen Spacken zusammengetreten werden, das sei mal dahingestellt. Das jugendgefährdenste in deren Programm dürften das Potpourri aus alten 90er-Jahre-Talkshows sein, die der Sender jeden Abend ausstrahlt. Aber: Das tut er weit nach Pflügers 20-Uhr-Marke… und wenn das in den Neunzigern am Nachmittag nicht gereicht hat die Jugend zu verrohen, dann ist es doch eher unwahrscheinlich, dass dem hanebüchenen Geprolle genau das nun am späten Abend gelingen sollte.

Zumindest macht er nicht den Fehler wie Pflüger die “Killerspiele” zu ignorieren: “Sowohl im Fernsehen als auch bei Computerspielen gebe es leider eine Zunahme von gewaltgeneigten Bildern, sagte der Stuttgarter Regierungschef.” Und natürlich ist da das Problem, dass das Fernsehen nicht mehr den hehren Ansprüchen genügt, mit denen es mal auszog die Welt zu erobern:

Etliche Sender lösten auch den früher gültigen Anspruch, dass Fernsehen auch zur Bildung beitrage, nicht ein. Für “Produkte mit gutem Namen” sollte nicht im Umfeld jugendgefährdender Sendungen geworben werden, forderte Oettinger die Wirtschaft indirekt zu einem Werbe-Boykott bei jugendgefährdenden Sendungen aus.

Gleich danach zog Oettinger, hoch zu Roß in glänzender Rüstung, aus um den Call-In-TV-Geiern den Gar aus zu machen. Seine regionale Landesmedienanstalt hat da ja den ersten Schritt schon getan, ich bin sicher, Oettinger wird den Worten Taten folgen lassen. Und während Oettinger auszog, sprang die Süddeutsche Zeitung auf… und zwar auf den fahrenden Zug.

Für eine in München beheimatete Zeitung ist die Jugendgewaltdebatte natürlich besonders interessant, ist doch die Münchener U-Bahn derzeit, wie die CSU mit diesem Werbeplakat eiskalt diagnostiziert hat, sogar marginal unsicherer als die Hauptstraße in Sadr City. Und weil man nicht immer nur Koch Paroli bieten möchte, schließt man sich der Sturmformation Pflüger-Zypries-Oettinger an, mit einer Artikelserie die ein erschreckend naives und ewiggestriges Weltbild enttarnt. Da erinnert man daran, dass damals – vor dem Kartoffelkrieg – die CDU-Länder ja gegen den Willen der SPD die Privatsender erst ermöglichten, um sich den angeblich linken öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Druck zu machen. Wir erinnern uns an das Schlagwort vom “hässlichen Rotfunk”. Und dann wird schadenfroh befunden:

Heute sind manche der Christdemokraten entsetzt über die Spätfolgen ihrer Kulturrevolution und die Entwicklungen im “dualen System”, wie sie das Nebeneinander des öffentlich-rechtlichen Blocks (ARD, ZDF) und der entfesselten Kommerzkräfte nannten.

Sexy Clips, Dschungelshows, debile Manga-Comics, Menschenhaltungsformate wie Big Brother, bizarre Doku-Filme, Spielfilme mit Action und Trallala, auf der anderen Seite kaum Nachrichten oder anspruchsvolle Informationssendungen – für Wertkonservative ist es eine Mixtur des Grauens, die sie da geschaffen haben.

Ja, huch: Spielfilme mit Action! Das ist schon schlimm! Aber dann das Trallala! Das kann man doch keinem Menschen zumuten. Fachkompetent auch, wie Hans-Jürgen Jakobs “debile Manga-Comics” im Fernsehen entdeckt haben will. Wobei ja schon Manga-Comics doppelt gemoppelt ist… so wie Roman-Bücher. Klar, wenn der Herr “Manga-Comics” schreibt, dann meint er damit Animes. Mangas sind ein anderes Medium. Aber wenn ich schon eine Angriffsschrift verfasse, dann sollte ich zumindest solche Klopse vermeiden. Und erinnert diese Auflistung noch jemand an Mama, Papa, Zombie, in dem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in den Achtzigern vor der jugendverrohenden Kraft des Videorecorders warnten?

Stammen nicht übermäßig viele entliehene Filme aus der verbotenen Ecke mit zumeist ausländischen Billigproduktionen? Porno. Krieg. Karate. Brutalo-Action. Kannibalismus. Horror.

Eigentlich finde ich die Liste aus den Achtzigern sogar noch prosaischer. Am Ende bleibt ein resigniertes:

Vogel und andere CDU-Politiker hatten die Erwartung, dass die Manager der Privatsender sich ebenso verantwortlich für das Programm fühlen würden wie die Verantwortlichen von ARD und ZDF. Da sind sie nun eines Besseren belehrt worden: Der ewige Kampf um die Einschaltquoten und das Werbegeld haben die TV-Sender durchweg zu knalligen Unterhaltungsmaschinen gemacht, nicht aber zu Instanzen der Aufklärung.

Womit er natürlich nicht vollends Unrecht hat, ein Großteil des deutschen Fernsehprogramms ist unerträglicher Schmodder, aber das Welt- und Menschenbild das hier vertreten wird, finde ich bedenklich: Dient es nicht der Hochkultur, dann hat es keinen Wert. Dem schließt sich auch der, von mir in Bürgerrechtsfragen eigentlich sehr geschätzte, Heribert Prantl an:

Dass viele den Knopf jeden Tag erst nach fünf oder sechs Stunden finden, ist Teil der Unmündigkeit, und die ist nicht unbedingt selbstverschuldet.

Die Fernsehlandschaft ist nicht Ursache, sondern Abbild der neuen Klassengesellschaft; sie wird aber auch vom Fernsehen zementiert. Die Bildungsoffensive der sechziger und siebziger Jahre ist Geschichte; sie wartet auf Wiederholung.

Und folgert dann, dass die BAföG-Kürzungen damit zu tun hätten, was als logischer Sprung von A nach B nur mit einem Wurmloch in der Mitte machbar sein dürfte. Lustig auch, dass die “Unmündigkeit (unverschuldet)” der Langzeitglotzer kritisiert wird, der Ruf zeitgleich aber danach geht, das Fernsehen mehr und stärker zu reglementieren. Prantl kann gut und böse klar scheiden:

RTL 2, 9Live, Kanal 1, SuperRTL und DSF für die Unterschicht; dort gibt es Sendungen mit hohem Prol-Faktor und anzüglicher Sex-Werbung mit freiem Übergang zur Pornographie. [...] Am anderen Ende der TV-Skala stehen Sender wie Arte, mit feinen Produktionen für den feinen Geschmack. Die jeweiligen Zuschaueranteile sind auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Unterschichtenfernsehen, wie Harald Schmidt es damals, vor der Zeit mit Berufsproll Pocher, selbst nannte auf der einen Seite und auf der anderen Seite “feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Was allerdings an Kanal Eins so unterschichtig ist, das möge man mir doch mal erklären: Erste Hilfe mit den Johannitern? Der Bericht über den alten Bauhof in Stollberg? Oder gar die Wiederholung des Lugauer Krippenspiels in der Kirche Niederwürschnitz? Schon klar, Prantl meinte kabel eins, aber auch da scheint man am Ziel vorbeizuschießen.

Man schaukelt sich ein wenig die Eier, weil man weiß wo auf der Fernbedienung arte zu finden ist. “Feine Produktionen für den feinen Geschmack”. Wobei natürlich durchaus mal gefragt werden darf, ob Filme wie Die Nacht der reitenden Leichen oder die Russ-Meyer-Streifen nur dann “für den feinen Geschmack” sind, wenn sie auf arte laufen, oder auch wenn sie RTL II im Nachtprogramm verstrahlen würde. Und ganz im Ernst und bei aller Zuneigung zu arte-Formaten wie Mit offenen Karten oder Karambolage, eine Fernsehwelt die größtenteils aus eklektischen Kunstformaten besteht, würde mir auch Angst machen. Und gezielt an über 90% der Bundesbürger vorbeisenden.

Spannend auch, was Prantl aus der ganzen Misere ableitet:

Ein verzweifelter Pädagoge hat vom Bethlehemitischen Kindermord der Moderne gesprochen. Das klingt dramatisch ausweglos. Ganz so ist es nicht. Es gibt Gegenrezepte.

Schon mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man die Ganztagsschule einführen müssen. Sie ist weniger ein Zugeständnis an die zeitknappen Doppelverdiener-Eltern der Mittelschicht als eine Art Internat für Kinder aus der Unterschicht und aus sozialen Randgruppen: ein Ort der Schicksalskorrektur.

Mit der Einführung des Privatfernsehens hätte man übrigens auch Kondome mit Kumquatgeschmack einführen sollen. Ist als Kausalkette ungefähr genau so stringent und logisch wie Prantls Forderung und sein Glaube, der Staat müsse den Schaden beheben, den das Fernsehen erst angerichtet habe. Und, ganz im Ernst, welche Möglichkeit hätte der Staat eigentlich den Schaden zu beheben, den avide Internetsurfer davontragen müssen? Es ist der Wunsch nach staatlicher Kontrolle, nach der guten, alten Zeit ohne Privatsender, der aber zu kurz greift: So wie das Argument nicht greift, man müsse “Killerspiele” verbieten, weil Eltern nicht kontrollieren könnten, was ihre Kinder da so spielen. Und, wie gesagt, Gott steh uns allen bei wenn die Debatteure mal in der Gegenwart ankommen und das Internet entdecken. (Btw: NSFW!)

Erinnert sich noch jemand an das Ausgangsthema? Nein, denn die Nebendebatte hat sich abgenabelt und verselbstständigt. Besonders da die Süddeutsche zeigt, dass eben nicht nur die ZEITUNG ihre Macht zum Agenda Setting verwenden kann:

1984 setzten sich die kommerziellen Rundfunkanbieter dazu. Sie führten Sexfilmchen, Gameshows und Soaps ein. Außerdem die Einschaltquote, die Zielgruppe, die Marktanteile. Anstatt sich zu unterscheiden, es mit dem Journalismus ernster zu nehmen, entschiedener auf Dokumentationen moderner Prägung und auf mehr als nur ein paar sehr gut gemachte Krimis zu setzen, fingen ARD und ZDF an, die private Konkurrenz zu kopieren und ihre Stars abzuwerben. In einem System mit der in Europa höchsten Anzahl frei empfangbarer Sender (über 30) muss man sich für 7,3 Milliarden Euro Gebühren ein anderes, ein öffentlich-rechtlicheres Profil leisten.

Die Hervorhebung stammt von mir. Der Wunsch ist klar erkennbar: Zurück in die Achtziger, besser noch die Siebziger oder Sechziger, mit einer überschaubaren Fernsehwelt die zudem den Vorteil hat, dass sie besser staatlich kontrolliert und reguliert werden kann als die Flut an Privatsendern. Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Warum ARD und ZDF mit den Privatsendern direkt konkurrieren (sie qualitativ teils sogar noch unterbieten, wie Roger Schawinski festhält)? Auch keine Ahnung. Ob Jugendgewalt damals wirklich kein Problem war? Eher fragwürdig. Und was das alles mit den Übergriffen, der Jugend und dem Migrationshintergrund zu tun hat? Ehrlich gesagt: Gar nichts mehr.

Was man der Süddeutschen lassen muss, sie versteht es sowas am richtigen Termin zu starten: Am zehnten Januar geht in mehreren Artikeln das deutsche Bildungsbürgertum unter, am elften Januar öffnet RTL erneut die Tore ins Dschungelcamp (Bush hätte bombardieren lassen… SCNR). Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

In Gestalt einer einzigen Sendung sieht die Süddeutsche hier noch einmal all die Menetekel vereint, die sie am Vortag für das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit diagnostizierte.

Je gebildeter ein Zuschauer, desto weniger interessiert ihn die Dschungelshow, brachte die Zuschauerforschung hinsichtlich der beiden ersten Staffeln heraus. Es wird niemanden überrascht haben. Eigene Misere befördert die Bereitschaft, Gefallen an Programmen wie diesem zu finden, bei denen es am Ende eben um Erniedrigung, Zirkus, Gladiatorenkämpfe und um Sadismus geht.

Reflexion und Rache eigenen Nicht-Genügens und selbst erfahrener Kränkungen: Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! ist das Fernsehen der Gekränkten und Beleidigten. [...] Was hier gelingt, ist das Ansprechen der niedrigen Sensorien bei dem Zuschauer, der gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag: eine Show als scharfes Gewürz für ermattete Seelen und Geisteszustände.

Es ist interessant, und heuchlerisch, wenn die Süddeutsche zwar erkennt, dass der “Eventcharakter der vergangenen Dschungelcamps [...] weniger darin [lag], dass so viele Leute eingeschaltet hätten“, als eher “im Heißlaufen der Medienmaschine“, aber gleichzeitig nicht sehen kann oder nicht sehen will, dass sie mit einem Empörungsartikel wie diesem eben nur ein Zahnrad in exakt jener Medienmaschine ist. Zum Zahnrad wird man auch dadurch, dass man nicht nur vor, sondern auch nach Beginn der Sendung nochmal naserümpfend über die “hoffnungslos hinterregenwäldlerischen Show” berichtet. (Nachtrag: Und mit einer Bildstrecke, die Clickrate in die Höhe treiben will.) Die Sorge vor dem Werteverfall, der Gladiatorisierung des Fernsehens existierte derweil schon lange vor der Ankunft der Privatsender.

Es ist eine große Entrüstung, ein Heulen, Zetern und Zähneklappern, dass es RTL wagt Ich bin ein Star – holt mich hier aus! in eine dritte Staffel zu schicken. Und auch wenn ich das Format mal als “televisionäre Totgeburt” bezeichnete, in Zeiten da einige Sender ihre Zuschauer rund 20 Stunden am Tag via Call-In-Shows abzocken, in denen Tarot und anderer Hokuspokus einen festen Platz auf der Mattscheibe haben, teils in der Prime Time, und in denen man allen Ernstes Samstags Abends eine Sammlung semi-lustiger YouTube-Videos als eigenständiges Fernsehformat verkaufen kann, da wirkt gut gemachter Sadismus wie eine frische Brise.

Natürlich berichtet niemand darüber, so wie die Sendung ja auch niemand guckt. Wenn man darüber berichtet, dann empört wie die Süddeutsche. Oder bildungsbürgerlich ironisierend, wie Spiegel Online. Yep, das selbe Onlinemagain, das noch vor wenigen Wochen in der Lage war das ähnlich gekünstelte Format Der Arbeitsbeschaffer als Lackmustest für den Zustand der deutschen Gesellschaft zu nehmen, den dort präsentierten Zustand ganz unironisch als Standardsituation zu verorten und daraus die Abgreifermentalität der deutschen Hartz-IV-Empfänger abzuleiten. Und die Frankfurter Rundschau wird ganz meta und spricht darüber, warum alle über das Format sprechen.

Man verbiegt sich schon sehr, um nur nicht den Eindruck zu erwecken, man könne ernsthaft über eine Sendung sprechen, die wahlweise tatsächlich ein Massenphänomen ist, oder erst zu einem wird durch den Versuch der Presse im Feuilleton darüber zu schreiben, ohne etwas über die eigentliche Show auszusagen. Einzig die ZEITUNG arbeitet mal wieder offen mit RTL zusammen, lässt ihren eigenen Outback Jack das Camp testen und hat exklusive Insiderstories, etwa darüber dass Björn Hergen Schimpf “tobte, weil man ihm im Hotel die [ZEITUNGS]-Bibel, die er mit ins Camp nehmen wollte, gestohlen hatte.” Schön zu wissen, dass Schimpf als guter Christenmensch auf seine ZEITUNGS-Bibel besteht und nicht einfach die jede dahergelaufene Feld-, Wald- und Wiesenbibel akzeptiert, die wahrscheinlich bei ihm im Hotelzimmer herumlag.

Der Umgang der Presse mit Ich bin ein Star ist beispielhaft für den Umgang der Zuschauer mit der Sendung. Vielleicht weil das Gefühl entsteht, dass man die Sendung “nicht gucken darf”. Und so kommt es dann, dass die Show niemand guckt, sie aber irgendwie eine Einschaltquote von 33% holt. Hrmm, seltsam. Noch seltsamer, dass jetzt einige Presseorgane das Format verdammen, die noch im Sommer Rotz und Wasser geheult haben vor Entrüstung darüber, dass Sat.1 seine Informationsschiene zurecht stutzt. Eine Informationsschiene die größtenteils aus dem Vorlesen der Klatschspalte der ZEITUNG bestand und die viele der jetzt im Dschungel internierten D-Promi-Zombies überhaupt erst erschaffen hat.

Ehrliches Geständnis: Ich gucke Ich bin ein Star. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein gutes Buch aus der Hand legen oder die Playstation ausschalten würde, nur um ja keine Sendung zu verpassen. Aber wenn ich gerade eh nur ziellos im Netz auf der Suche nach klugen Flaubert-Aufsätzen von Julian Barnes Inspiration für den nächsten Text bin, dann lasse ich die Sendung gerne parallel dazu laufen. Es ist ja nicht so, als würde sie ihre Hauptfunktion nicht erfüllen: Zu unterhalten, wenn man “gemüseartig und innen leer auf dem Sofa liegt und sich mit nichts beschäftigen mag”. Ein Zustand, den man sich nach einem langen Arbeitstag, nach Streß in der Schule, der Uni, dem Büro, auf dem Bau oder im Bau auch mal zugestehen darf. Beleg für den Kulturverfall: Zog ich neulich doch ein hirn- und anspruchsloses Herumzappen doch glatt Andrei Tarkowskis Stalker vor, weil ich nicht in der Stimmung war um mir einen langsamen, hochgeistigen, interpretationsbedürftigen Klassiker des sowjetischen Kino zu geben.

Okay, unterhalten tut Ich bin ein Star nicht konstant, dafür gibt es dann doch zuviel Leerlauf in der Mitte, wenn die Insassen des Camps einfach nur in der Gegend rumsitzen und nichts tun, aber von einem handwerklichen Standpunkt ist die Show hervorragend gemacht: Die Schnittfolge, die Musikunterlegung, die Moderatoren, die kleinen “Story Arcs” die man in die einzelnen Folgen einbaut, all das hat eine schwer bestreitbare Qualität. Vielleicht ist es der Umstand, dass ich Wrestling gucke, der mich entspannter zugeben lässt, dass ich auch ins Dschungelcamp reinschalte. Wenn die Leute gesehen haben wie du aus einem Mülleimer frisst, dann werden sie dich nicht mehr auslachen wenn du zum Abendessen zu Burger King gehst. Aber Ich bin ein Star kann mich unterhalten. Es ist nicht die beste Form der Fernsehunterhaltung – Serien wie Pastewka, Deadwood, Life on Mars, The Shield oder Firefly würde ich der Sendung vorziehen – aber es ist Unterhaltung. Und das kann eine Qualität für sich sein, auch wenn wir gerade in Sachen Fernsehen immer noch ein Problem mit dem Konzept haben, dass es unterhält statt den von der Süddeutsche erwarteten “Bildungs- und Kulturauftrag” auszuführen, statt als “Instanz der Aufklärung” zu fungieren.

Die Briten, die allerdings insgesamt eine weitaus bessere Fernsehlandschaft haben als wir in Deutschland, stehen dem Konzept von Shows wie Ich bin ein Star weitaus entspannter gegenüber. Dort geht das Format inzwischen in die siebte Runde und wird auch von der britischen Presse jenseits der Sun thematisiert. Mal ganz abgesehen davon, dass man einer Show nicht böse sein kann, die Johnny Rotten gezwungen hat sich als angestrengte Dramaqueen zu entlarven.

In Deutschland sind gute Quoten für ein Format wie Ich bin ein Star eher ein weiterer Grund für Politiker von den hinteren Rängen, quasi das Polit-Äquivalent zu den Lagerinsassen, zu fordern, dass man jetzt endlich gesetzgeberisch tätig werden und gegen den Nonsens vorgehen müsse. Da ist ein Gefühl, geteilt vom und der Politik, dass man bestimmte Standards moralisch, intellektuell, qualitativ festlegen müsse, dass man besser wisse was für den Menschen vor der Glotze gut sei, als der Mensch vor der Glotze. Und so sehr ich das aktuelle Fernsehprogramm auch verabscheue: Die Vorstellung, dass bald Heribert Prantl, Friedbert Pflüger und Günther Oettinger bestimmen was ich zu sehen bekomme, die macht mir noch mehr Sorgen.

Wenn Kopien von Shows wie Ich bin ein Star überhand nehmen, dann würde ich die Aufregung verstehen. Aber es erscheint mir zynisch kalkuliert in einem Land das nichts gegen Call-In-TV unternimmt, immer nur dann panisch mit den Flügeln zu schlagen, wenn ein professionell gemachtes Großprojekt wie das Dschungelcamp vorbei kommt. Und gerade Ich bin ein Star funktioniert durchaus als kathartisches Mittel. Denn da drin sind immerhin “Stars” – to wit: D-Promis, die gerne Stars wären – die sich wahlweise schon durch den Promi-Dschungel Realität gekämpft haben oder planen das nach der Show zu tun. Da drin sind Menschen, die nach Aufmerksamkeit und Ruhm verlangen – gerne auch ohne besondere eigene Fähigkeiten zu haben. Da liegt der Unterschied zwischen diesem Menschenzoo und den Gladiatorenspielen im Antiken Rom.

Ich würde die Sorgen verstehen bei Formaten wie Die Super Nanny, Raus aus den Schulden oder Der Arbeitsbeschaffer, wo man gezielt sozialschwache, medien-unerfahrene Unterschichtler vor die Kamera zerrt und ihre menschlichen Dramen ungeniert vor der TV-Nation ausbreitet… aber solche Sendungen werden dann plötzlich von Spiegel Online als ehrliche Aufarbeitung der German Condition geadelt. Irgendwas läuft da doch nicht rund. Die überforderte Unterschichtenmutter mit dem Nazi-Sohn, die hat mein Mitleid sicher. Aber die Figuren im Dschungel? Daniel Küblböck? Susan Stahnke? Naddel? Désirée Nick? Dolly Buster? Carsten Spengemann? Diese quotengeilen Mediennutten? Ich will nicht kalt klingen: Aber wer im Puff schläft, der darf sich nicht beschweren wenn er gefickt wird. Man wird es mir nachsehen, dass ich meine moralische Entrüstung und mein Mitleid für Menschen aufhebe, die sie wirklich verdient haben.

DJ Tomekk? Alleine für seine Verwendung des Sesamstraße-Jingles in “Kymnotize” sollte man ihn, Lil’ Kim und Trooper Da Don direkt nach dem Dschungelcamp noch durch die Quotenhöllen Die Burg, Die Alm und Johannes B. Kerner jagen. Und seinen Kumpel Flavor Flav gleich hinterher: “Ich bin horny // Yell, ich geb’s dir von vorne // [...] In der Küche, auf’m Herd // In der Scheune auf’m Pferd // Denn ich mag es derb und danach noch mehr.” Ja, mein Mitleid hält sich doch arg in Grenzen. Und es sollte diese mediale Vorhölle noch länger geben, da sind anderen Gestalten, die man nur zu gern da sehen würde: Kai Diekmann, vielleicht, ganz sicher Max Schradin, Ninja Wagner und wie sie alle heißen. Warum nicht noch den Mattusek, Peter Scholl-Latour, Uri Geller, Claus Christian Malzahn und Claudia Roth mit dazu sperren?

Festzuhalten, dass Ich bin ein Star seine Faszination auf Sadismus und niedersten Reflexen basiert? Geschenkt. So als hielte man fest, dass ein Kreis rund ist. Man kann der Sendung ja vieles vorwerfen, aber es ist nicht so als würde sie dies verschleiern. Zumindest tut man in diesem Format nicht so, als wäre man altruistisch, als wäre man um das Wohl der Kandidaten besorgt, so wie das Vera Int-Veen oder ausgerechnet Jürgen und Alida aus Big Brother in ihren “Wir helfen Menschen”-Dramen vorheucheln. Oder so wie man das vor einigen Jahren bei dieser Comeback-Show auf ProSieben gemacht hat. Wer hat da nochmal gewonnen? Coolio? Na, das war ja ein voller Erfolg.

Dirk Bach und Sonja Zietlow wissen genau was sie da moderieren und das lassen sie raushängen. Beiden ist klar, dass auch sie theoretisch da unten im Dschungel sitzen könnten. Tun sie aber nicht, und so sezieren sie aus der Höhe die Einspieler, in denen kaum einer der Kandidaten zugeben will, dass das hier der letzte Griff nach Ruhm ist. Und wenn sie nicht die Kandidaten mit Hohn und Spott übergießen, dann bekommt die restliche Fernsehwelt ihr Fett weg. Kulturpessimist der ich bin, wage ich mal festzuhalten: Bach & Zietlow sind um einiges unterhaltsamer als Schmidt & Pocher.

Will sagen: Man kann Ich bin ein Star vieles vorwerfen. Sehr vieles. Unter anderem, dass ein Tag im Lager der Langweiler eigentlich nicht genug Material für eine Stunde TV hergibt, sondern eher auf eine halbe Stunde zusammengekürzt werden könnte. Aber man kann dem Format nicht vorwerfen, es wäre in der Grundintention unehrlich oder belüge seine Zuschauer.

Und damit schlagen wir jetzt den Bogen zurück zum Anfang: Gerade dieser Vorwurf, die Show würde niederste Gelüste ansprechen – nicht aus der Luft gegriffen – wird interessant, wenn man mal überlegt, welche Maßnahmen jetzt in der Jugendgewaltdebatte urplötzlich von der Politik auf den Tisch gelegt werden: Schnelle Abschiebung, Bootcamps, Erwachsenenstrafrecht ab 18 zur Regel machen, Warnschußarrest, Anwendung des Jungedarrests auch für Kinder unter 14. Es ist schon spannend, wo man “das Ansprechen der niedrigen Sensorien” verortet und wo man besorgt ist, dass man in erster Linie Sadismus, Kränkungsgefühle und Rachegelüste befriedigt. Der Unterschied zwischen deutschem Fernsehen und deutscher Politik ist vielleicht geringer, als man das gerne wahrhaben möchte. Nur mal so ganz locker in den Raum gestellt.

Ich selbst habe derweil vor, mit folgender Gesetzesinitiative in den Wahlkampf zu ziehen: Gewalttätige Jugendliche schneller ins Dschungelcamp abschieben! Mit dem Vorschlag dürften dann wirklich alle Seiten gewinnen.

Broder nun wieder

Monday, December 31st, 2007

Henryk Milhouse Broder (nicht zu verwechseln mit Henryk Martin Brodeur, der viel mehr Shut Outs verbuchen kann als der SPIEGEL-Kolumnist) ist jemand, den ich mal wirklich als Querdenker geschätzt habe. Seitdem “The Clash” allerdings nicht mehr mit einer grandiosen Punk-Reggae-Funk-Dub-Combo, sondern “of the Cultures” verbunden wird, hat sich Broder mehr und mehr zu einem klassischen Troll gewandelt, der mit der Keule ebenso umgehen kann, wie mit dem Florett… sofern vorne am Florett eine Keule befestigt ist.

Und offensichtlich versucht Broder gar nicht mehr zu diskutieren, sondern copypastiert sich fröhlich selbst. Schnell die beliebtesten Evergreens aus dem Setzkasten geholt (Klimapaniker, europäische Appeaseniks, das iranische Atomprogramm) und nur noch hie und da einen tagesaktuellen Bezug eingefügt, fertig ist die Glosse. Zumindest bekomme ich den Eindruck, wenn ich mir diesen Text so ansehe. Will sagen (im besten Colonel-Klink-Tonfall): “Brooooooooooooder!”

Der Text heißt bezeichnenderweise “Selbstmord aus Angst vor dem Tode”. Was ein Aussagesatz ist (gerne auch mit der Variation “Ableben” statt “Tode”), den Broder oft und gerne benutzt, wenn es um das Thema “der Westen und der Islamismus” geht. Das ist Broders Version von Pofallas Bonmot “Erst grübeln, dann dübeln.” Aufhänger heute: Die Ermordung von Benazir Bhutto in Pakistan. Gleich im ersten Absatz stellt Broder die harten Fragen, die den Rest der Welt bewegen.

Wie konnte es nur soweit kommen? Wusste Frau Bhutto nicht, welche Gefahr ihr drohte? Warum wurde sie nicht besser geschützt?

Zumindest Frage 2 dürfte sich der durschnittliche Zeitungsleser nur sehr bedingt stellen. Entging Frau Bhutto doch erst im Oktober 2007 einem Anschlag der 130 Menschen das Leben kostete. Was vielleicht schon darauf hindeutete, dass die Sicherheitsarchitektur in Pakistan bestenfalls als marode bezeichnet werden dürfte. Und das Frau Bhutto, sofern sie nicht der Maxime “Lightning never strikes twice” folgte, geahnt haben wird, in welcher Gefahr sie schwebte. Aber darum geht es bei den Fragen ja auch gar nicht. Hier steckt Broder einen Claim ab: Andere stellen depperte Fragen, er gibt die harten Fakten. Denn Henryk Marius Müller Westernhagen und ich haben quasi den selben Job: Wir sind Doktoren für Alles.

Dass die islamischen Fundamentalisten, die nicht nur Frau Bhutto ermordet, sondern auch Tausende ihrer Landsleute vom Leben zum Tode befördert haben, nur noch eine Armlänge von der Verfügungsgewalt über Atomwaffen entfernt sind, bereitet den Kommentatoren nur leichte Kopfschmerzen.

Die islamischen Fundamentalisten waren davon auch schon vor dem Attentat nur eine Armlänge entfernt. Etwa nach der ersten Anschlagsserie. Oder dadurch, dass der pakistanische Geheimdienst radikal-islamisch durchsetzt ist und seit Jahrzehnten in Pakistan eine Rolle spielt, die im krisengeschüttelten Rom den Praetorianern zukam: Sie haben die Macht Präsidenten zu schützen oder zu stürzen. Und dann ist da der Umstand, dass – auch ohne die Islamisten – zwei Atomstaaten seit Jahren um einen Wollpulli streiten. Einer der Gründe, warum Anfang des Jahres die Doomsday Clock zwei Minuten nach vorne bewegt wurde, was für sich genommen schon genug Grund für Magenbeschwerden ist. Auch ohne Islamisten am Drücker. Das sind Fakten, die nicht neu sind. Die Frage ist, was Broder jetzt gerade von uns erwartet? Panik?

Denn wenn Indien die A-Bombe hat, dann kann man es den Pakistanern nicht übelnehmen, dass sie mit dem großen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe kommunizieren wollen.

Interessante Argumentation, dass “der Westen” sich dem iranischen Atomprogramm nicht in den Weg stellte, weil ja der große Nachbar auch die Bombe hat. Wobei das natürlich nicht so war, als habe der Westen demokratisch abgestimmt, ob Pakistan die Bombe haben sollte. Das pakistanische Atomprogramm existiert seit den späten 1970ern – der Zeit des Kalten Krieges, als andere Handlungsmaximen galten und die Gefahr des Islamismus irrelevant erschien, verglichen mit der Gefahr des Sowjetkommunismus – und wurde zunächst von westlichen Staaten gefördert. Auch aus Angst, dass man Pakistan an die UdSSR verlieren könnte. Ab 1980 wurde das pakistanische Atomwaffenprogramm dann von China gefördert und… naja, der Interessierte kann das alles im National Security Archive hier selbst nachlesen.

Es soll ja auch gar nicht über das iranische Atomwaffenprogramm gesprochen werden, sondern hier verwendet Broder ein stilistisches Mittel: Die “gleiche Augenhöhe”-Rhetorik kennt man derzeit aus den Debatten über Israel und das iranische Atomwaffenprogramm. Der indirekte Vergleich deutet Broders Agenda an: Es gilt ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, weil die Waffen dort ebenso den Islamisten in die Hände fallen könnten, wie in Pakistan. Sagt er nicht, aber ich unterstelle ihm mal, dass er genau das meint. Darüber kann man übrigens diskutieren, ich stimme auch zu, dass es gilt den Iran vom Erwerb der Bombe abzuhalten. Dieser Einschub hier dient nur dazu aufzuzeigen, dass man durchaus B meinen kann, auch wenn man scheinbar über A redet. Ein Leitmotiv, dass den Großteil dieser Glosse durchzieht.

Die Ermordung von Benazir Bhutto, schreibt Gabriel Schoenfeld im Commentary-Blog, sei nicht nur eine Tragödie, sondern auch “ein strategischer Alptraum für die USA und einen großen Teil der Welt”.

Hier mal ein kurzer Zählerstand. Erwähnungen der USA in diesem Text bisher: Eins. Und zwar nicht von Broder direkt, sondern in Form eines Zitates. Warum wir hier zählen, dazu später.

Freilich: der Alptraum hat nicht vor zwei Tagen angefangen. Die Europäer träumen ihn mit offenen Augen, als würden sie sich einen Horrorfilm im Kino ansehen, der nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Und während sie sich voller Lustangst auf das Ende der Welt durch den Anstieg der Weltmeere vorbereiten und derweil über den Anstieg der Benzinpreise aufregen, merken sie nicht, was für eine Tsunami-Welle auf sie zurollt.

Dezidierte Erwähnung der Europäer, die das Problem Pakistan ignoriert haben statt zu handeln – Herr B. wird sicher gleich noch erwähnen, was er von Europa genau erwartet. Bonuspunkt dafür, dass er eine Katastrophenhierachie einführt und nebenbei noch einen Schwinger gegen die Global-Warming-Community einbauen kann. Wohlgemerkt, nicht nur gegen diejenigen die glauben, dass die globale Erwärmung durch die Menschheit entsteht, sondern gegen alle die glauben das ein “Anstieg der Weltmeere” bevorstünde. Die Idee der Globalen Erwärmung an sich ist derweil allerdings in der wissenschaftlichen Gemeinschaft relativ unumstritten, auch wenn über die Ursachen scharf diskutiert wird. Das alles in einem lässigen Handstreich wegzuwischen ist schon gewagt.

Ähnlich gewagt wie die Aussage “voller Lustangst”. Man könnte betonen, dass es schon einen Eschatologie-Experten braucht um einen anderen zu erkennen. Und Henryk M.O.D.O.K. Broder ist da ja keinen Deut besser. Sein Problem ist schlicht, dass sich der Rest der Gesellschaft nicht seiner persönlichen “Lustangst auf das Ende der Welt” (der islamistische Werwolf-Terrorismus) hingibt, sondern die größere Bedrohung in einer anderen Ecke sieht. Das ist es, was ihn hier hauptäsächlich stört.

Dabei ist es müßig, darüber zu streiten, ob es sich um eine religiöse oder eine politische Bewegung handelt, ob die Religion “instrumentalisiert” oder die Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck benutzt wird.

Interessant, dass Broder es “müßig” findet darüber zu streiten ob die “Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck” benutzt wird. Denn gerade die Frage müsste man sich stellen, wollte man tatsächlich ernsthaft über die Situation in Pakistan sprechen und eben nicht die islamische Welt von der Türkei bis zu den Phillipinen als einen monolithischen Block sehen.

Und darüber wurde auch schon gestritten. Etwa über die Frage welche Rolle der pakistanische Geheimdienst während der Achtziger gespielt hat als es darum ging, die Mudjaheddin in Afghanistan gegen die Sowjets aufzurüsten. Und welche Rolle der pakistanische Geheimdienst nach dem Ende der UdSSR gespielt hat, als der Westen die gesamten Istan-Region ignorierte, während der ISI weiterhin die Taliban unterstützte und weiterhin gute Kontakte zu Gulbuddin Hekmatyar hielt (dem alten Saufkumpel von Peter Scholl-Latour), einem der fanatisch anti-westlichen Warlords und während der Neunziger immerhin zwei Mal Premierminister des Taliban-Afghanistans. Man stritt auch darüber, wie Musharraf an die Macht kam. Und wieso Pakistan, trotz des Putsches, plötzlich wieder ins Commonwealth aufgenommen wurde. Wieso eine Regierung plötzlich “unser Freund” war, die am Morgen des elften September noch als Unrechtsregime galt. Ich verweise mal auf Steve Colls sehr lesenswertes Buch Ghost Wars.

Und all das sind Fragen, die in den letzten sechs Jahren wiederholt gestellt wurden. Inklusive der Frage, wie man garantieren kann, dass Pakistan nicht in den totalen Islamismus abrutscht. (Und, nur damit man mir nicht hinterher vorwerfen kann, ich hätte die andere Katastrophe mit offenen Augen kommen sehen: Die gleiche Frage gilt für unsere anderen “guten Freunde” aus dem Hause Saud.) Aber um all das geht es Broder ja nicht. Das wären Details, die die Bündnistreue gefährden würde, die er hier einfordert. Und dann kommt das Highlight des Textes. Fettmarkiert von mir:

Es geht darum, die Welt das Fürchten zu lehren.

Und für einen Moment dachte ich, Broder spräche von seinen eigenen rhethorischen Mitteln. Denn genau darum geht es auch ihm, nur dass er dabei natürlich niemanden tötet. Aber “be afraid, be very afraid” scheint auch sein eigenes Credo zu sein. Das war es schon vor dem Irakkrieg so, und das ist derzeit in der Vorbereitung des Kriegs gegen das iranische Mullah-Regime genau so. Denn in diesem Pakistantext geht es ja bekanntlich nicht um Pakistan, zumindest nicht primär, es geht darum die SPIEGEL-Leser auf den Krieg gegen den Iran einzuschwören.

Und dazu benutzt Broder, als Glossierätiker darf er das, drastisches Vokabular: Chaos, Todessüchtig, Haus in Flammen, eine Armlänge von [...] Atomwaffen entfernt, die Gefahr eines globalen Krieges, Alptraum, Tsunami-Welle die auf [Europa] zurollt, die Verbindung von Barbarei und High-Tech, die Apokalypse, brutal, grausam, toddessüchtig, et cetera. All das sind durchaus Dinge, mit denen Broder nicht falsch liegt, aber es ist die stakkato-artige Aufzählung an Untergangsphantasien und Bedrohungslagen… ohne Antwort, ohne Gegenkonzept, ohne Hoffnung, die nicht dazu dient eine auf Fakten basierende Debatte zu eröffnen, sondern auf das Bauchgefühl abzielt. Denn: In Gefahr und schlimmster Not bringt der Mittelweg bekanntlich den Tod. Wir oder die. Alternativen gibt es nicht mehr, ja Alternativen sind naive Gutmenschlerei:

Und deswegen ist es auch egal, ob die Bundeswehr in Afghanistan den Amis zuarbeitet oder beim “zivilen Aufbau” des Landes hilft, ob sie die Stellungen der Taliban auskundschaftet oder die “Herzen der Menschen” erobert.

Zweite Erwähnung der USA, wir zählen mit. Wir sind jetzt in Afghanistan, also noch in der Nähe von, aber nicht mehr in Pakistan selbst. Kernthese: Deutsche müssen das Töten wieder lernen. Warnschüsse, statt Multi-Kulti-Gesäusel.

Sie bekommen mit, wie die Welt auf ihre Taten und Untaten reagiert und wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Der Anschlag von Madrid führte zu einem Abzug des spanischen Kontingents aus dem Irak, die Ermordung zweier koreanischer Geiseln bedeutete das Ende des koreanischen Engagements.

Inzwischen sind wir in Europa (erneut) und dem Irak, also ziemlich weit weg von Pakistan. Die Frage ob die Islamisten tatsächlich “am längeren Hebel” sitzen, darf man stellen. Der direkte Zusammenhang zwischen Madrid und dem Abzug des spanischen Kontingents ist allerdings verkürzt: Zugegeben, die Anschläge waren zeitlich so gelegt, dass sie die bevorstehenden Wahlen in Spanien beeinflussten.

Aber: Die Truppen schickte die Aznar-Regierung, beliebt war die Entscheidung bei der spanischen Bevölkerung noch nie. Auch nicht vor den Anschlägen. Nach den Anschlägen versuchte die Aznar-Regierung dann, die Bombenattentate der ETA anzulasten, nicht der al-Quaida. Um sich so noch einmal als starke Kraft gegen die baskischen Separatisten präsentieren zu können. Resultat dieser Politik: Die sozialistische PSOE unter Rodríguez Zapatero, die schon vorher damit geworben hatte, bei einem Wahlsieg die Truppen aus dem Irak abzuziehen, bekam die Mehrheit der Wählerstimmen und setzte ihr Wahlversprechen um.

Hat Broder also Recht, dass der Truppenabzug eine Antwort auf die Anschläge war? Ja. Verkürzt er den Vorgang dabei stark? Auch hier: Ja. Und das Fass Irakkrieg an sich, möchte ich an dieser Stelle gar nicht aufmachen, das würde zu weit führen.

Eine solche Schwäche würden sich die islamischen Fundamentalisten nie erlauben, schon gar nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung. In Algerien wurden im Laufe von zehn Jahren über 100.000 Moslems von islamischen Fundamentalisten ermordet. Warum? Wurde das Land von amerikanischen und britischen Truppen überfallen? Mussten sich algerische Freiheitskämpfer gegen eine Besatzung ihrer Heimat durch christliche Kreuzritter zur Wehr setzen?

Schwäche. Rückgratlosigkeit. Und fast schon ein neidvoller Blick auf den Islamismus. Man kann ja über den Islamismus sagen was man will, an Grundsätzen fehlt es nicht.

Von Pakistan geht die Reise derweil im Fliwatüt weiter. Jetzt an die westlichste Stelle Nordafrikas, knapp 15 Jahre in die Vergangenheit. Und wieder benutzt Henryk Malefiz Broder die Taktik der unzulässigen Verkürzung: Nein, Algerien wurde nicht von Briten, Amerikanern oder christlichen Kreuzrittern besetzt. Aber man kann eine Algerien-Debatte nicht in einem oder zwei Absätzen führen. Und schon gar nicht, ohne dabei zu erwähnen, dass Algerien seit 1830 französische Kolonie war und erst 1962, nach dem Algerienkrieg, die Unabhängigkeit gewann. Einem Krieg der 350.000 bis 1,5 Millionen Algerier (je nachdem welcher Seite man glauben möchte) das Leben kostete und der Auslöser einer gewissen Europafeindlichkeit des Landes gewesen sein dürfte.

Die “Front Islamique du Salut” hatte 1992 die Wahlen gewonnen, wurde aber daran gehindert, die Regierung zu übernehmen. Das reichte, um ein Blutbad nach dem anderen zu veranstalten und bei dieser Gelegenheit auch mit ein paar Minderheiten abzurechnen.

Und auch hier verkürzt Broder, eben um den Zusammenhang zwischen den Homegrown Terrorists in Madrid, der al-Quaida im Irak und der FIS herzustellen. Und ohne die FIS nun in irgendeiner Form verteidigen zu wollen – ganz bestimmt nicht! – hatte der FIS-Guerillakrieg einen politischen Auslöser und eben nicht nur blinden Hass auf den Westen.

Und was Broder auch vergisst zu erwähnen, ist das auf der anderen Seite nicht nur die FIS daran gehindert wurde die Regierung zu übernehmen, sondern das Militär diese Situation nutzte um die Macht im Staat an sich zu reißen. Oder dass sich die FIS schon bald aufsplitterte und die Massaker an Zivilisten primär von der Splitterfraktion GIA durchgeführt wurden, der die Politik der FIS nicht radikal-islamisch genug war. Auch hier hat Broder also nicht per se unrecht, er vereinfacht nur komplexe Zusammenhänge so weit, dass sie exakt in sein Raster passen.

Während die europäischen Intellektuellen sich darüber die Köpfe zerbrechen, wie man den Islamismus bekämpfen könne, ohne die moderaten Moslems in die Arme der Extremisten zu treiben, bestimmen die Fundamentalisten den Gang und das Tempo der Auseinandersetzung.

Ein weiterer Schwinger gegen Europa. Dieses Mal gegen die Intellektuellen, nicht gegen die Klimagläubigen. Wobei das wohl die selbe Gruppe sein dürfte. Interessant auch, dass Broder die Frage komplett wegwischt, ob nicht eventuell bestimmte “Lösungen” tatsächlich die Probleme auf lange Sicht verstärken könnten. (Siehe den Irakkrieg.) Immerhin haben kurzfristige Problemlösungen – egal ob es nun der Sturz Mossadeghs oder die Unterstützung der Mudjaheddin im Krieg gegen die Sowjets – oft langfristig mehr Ärger gebracht, als man damals absehen konnte.

Im Folgenden zählt Broder nochmal Teddybeargate, die Karikaturen und Salman Rushdie auf (und bevor mich da wieder jemand mit Gewalt missinterpretiert: all das ist aus westlicher Sicht nicht akzeptabel) und listet im Gegenzug Enthauptungen, die Steinigung von Homosexuellen und Ehebrecherinnen auf, die der Westen nicht zu kritisieren habe, weil das sonst von den Islamisten als “islamophob” gegeißelt würde. Inwiefern wir jetzt noch in Pakistan sind, sei mal dahingestellt. Aber um Pakistan geht es ja auch eigentlich gar nicht mehr:

Das atomare Programm Irans dient nur friedlichen Zwecken, in inzwischen 3000 Zentrifugen soll nicht Uran angereichert, sondern Softeis hergestellt werden

Womit wir wieder bei Broders derzeitigem Steckenpferd sind, den nuklearen Ambitionen des Iran.

das Regime der Hamas im Gaza-Streifen, das mehr Palästinenser als Israelis das Leben gekostet hat, muss alimentiert werden, um eine “humanitäre Katastrophe” zu verhindern, damit nicht Gruppen an die Macht kommen, die noch radikaler sind

Auch hier ist es interessant, dass es Henryk Eminem Broder schafft, zwar zu kritisieren, dass man die Hamas im Gaza-Streifen hält um zu verhindern dass “noch radikalere” Gruppen an die Macht kommen (by the way: wir sind immer noch bei der Kritik an den Europäern, das ist also ganz alleine deren Schuld), dabei aber den 500-Pfund-Gorilla Saudi-Arabien erneut umtanzt. Denn Steinigungen von Homosexuellen und Ehebrecherinnen, und sogar angedrohte Peitschenhiebe für Vergewaltigungsopfer, sind nicht unbekannt im befreundesten Staat des Nahen Ostens.

Wenn wir realpolitisch argumentieren, dann sind das Haus Saud und die Hamas vielleicht derzeit Realitäten, die man nicht umgehen kann. Wenn wir allerdings argumentieren, dass es Unrecht ist, die Hamas trotz ihrer Radikalität und ihrer Position an der Macht zu halten, nur um Schlimmeres zu verhindern, dann kommen wir nicht umhin auch Saudi-Arabien anzuschneiden. Entweder wir diskutieren das im Ganzen, oder wir lassen es. In dieser Form ist es unehrlicher Populismus: Wenn man es schafft Palästina, den Iran, den Irak und Lybien anzureißen, dann kann man nicht ausgerechnet Saudi-Arabien außen vorlassen, wo genau diese Politik des “kleineren Übels” seit Jahrzehnten betrieben wird.

Ganz abgesehen von der Frage, ob nicht auch Musharrafs Militärdiktatur – immerhin demokratisch legitimiert von 99% der Pakistanis – nur deshalb seit dem 11. September 2001 unterstützt wird, weil alle anderen Alternativen in Pakistan noch unschöner sind. Wie Broder ja, am Anfang seines Textes, selbst konstatiert. Auch das könnte und sollte man in einer Glosse, die sich am Mord an Benazir Bhutto aufhängt, vielleicht anschneiden. Und man könnte fragen, wie humanitär das pakistanische Regime sich bisher verhalten hat: Beispielsweise im Bezug auf das – sich explizit auf den Koran stützende – pakistanische Blasphemiegesetz. (Das Bhutto während ihrer Zeit als Prämierministerin lockerte, das aber unter der Nachfolgeregierung Sharifs wieder verschärft wurde.)

Wir können gerne offen über alles diskutieren, auch wenn diese Dialogbereitschaft von uns Gutmenschen Broder sauer aufstößt, aber dann bitte auf gleicher Augenhöhe und nicht indem wir nur Missstände in Ländern kritisieren, die derzeit nicht auf unserer Seite stehen. Alles andere ist unehrlich und langfristig kontraproduktiv. Wie das Eskalieren der Situation in Pakistan gerade andeutet.

Nach der Entführung und Ermordung eines Deutschen in Afghanistan sagte Außenminister Steinmeier, dieses Verbrechen werde “nicht ungesühnt bleiben”. Es blieb bei dem Versprechen.

Auch die Mörder von Benazir Bhutto wissen, das sie nichts zu befürchten haben. Das halbe Land ist bereits in der Hand der Extremisten, für Sanktionen ist es zu spät. Der atomare Alptraum geht weiter. Die einen sind noch nicht am Ziel, aber die anderen haben das Rennen bereits verloren.

Die Mörder von Bhutto wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Von den Europäern. Die ja auch gegen den Iran, gegen den Irak, gegen die Hamas, Lybien, die Taliban in Afghanistan und die Islamisten in Algerien nicht vorgegangen sind. Was Broders These des “Hurra, wir kapitulieren” schön unterstreicht.

Die Leistung seines Artikels: Er gibt nicht einen Hinweis darauf, was er von Europa erwartet. Wie man handeln soll. Pakistan ist ein Commonwealth-Staat. Noch. Sollte also die britische Regierung intervenieren? Oder sollte die EU Truppen nach Pakistan schicken, die den Staat befrieden? Hätte so etwas Aussicht auf Erfolg? Sollte die EU dem ISI mehr Freiräume und Macht geben, damit der Geheimdienst die Islamisten im eigenen Land stärker bekämpft, auch wenn er selbst islamistisch durchsetzt ist? Den Satan quasi mit dem Beelzebub austreiben? Oder darauf drängen, dass Musharraf jetzt endlich den Geheimdienst ausmistet, auch auf die Gefahr dass der ISI ihn absetzt und das Land endgültig im Chaos versinkt? Broder hat keine Antworten, er versucht sich nicht einmal daran, sondern er hält schlicht fest, dass alles was Europa tut schon per se falsch ist: Im Irak lässt man die USA im Stich, in Afghanistan macht man humanitären Schnickschnack, aber kämpft nicht aktiv gegen die Terroristen.

Aber Europa kann ja auch nichts richtig machen, das würde Broders schöne These kaputt machen, dass die EU Schuld ist an allem Elend in der Welt. Und Europa trägt für Broder klar die Alleinschuld: Im ganzen Text schafft er es, die USA nur zwei Mal zu erwähnen (einmal via Zitat, nie bezogen auf Pakistan), obwohl es gerade die USA waren, die in den Achtzigern und dann wieder seit dem 11. September Pakistan als Verbündeten auserkohren haben. Aber die Rolle der USA in Pakistan anzusprechen würde das schlichte Gut-Böse-Weltbild zerstören, in dem Team America nicht nur dem Islamismus, sondern auch den Appeaseniks im Rest der Welt trotzen muss.

Wer es schafft einen Text über die Krise in Pakistan zu schreiben ohne dabei die USA oder den ISI zu erwähnen oder auch nur einmal den Namen Musharraf fallen zu lassen, der klammert große Teile der Krisensituation aus, weil sie nicht in sein Weltbild passen. Ja, die Debatten über diese Themenkomplexe werden sogar von vornherein als “müßig” abgestempelt. Gott bewahre, dass am Ende das schlichte Weltbild durch Komplexitäten verstellt oder umgeworfen wird. Es geht Broder gar nicht um Pakistan oder die Islamisten, es geht ihm nicht um die Frage was man hätte besser machen können, es geht darum die Meinung der Leser zu emotionalisieren. Fakten sind sekundärrelevant, was zählt ist dass man jetzt nicht schwächelt, dass man Geschlossenheit demonstriert. We will not falter. And we will not fail.

Auf der anderen Seite durchzieht den gesamten Text eine “Lustangst auf das Ende der Welt”, die hier im letzten Absatz noch einmal deutlich wird. “[D]ie anderen haben das Rennen bereits verloren.” Der Islamismus wird uns alle hinwegspülen. Die Demokratie ist tot. Die Meinungsfreiheit ist tot. Menschenrechte sind tot. Die Aufklärung ist tot. Europa hat schon verloren. Warum noch kämpfen? Warum noch diskutieren? Warum noch hoffen. Alles was jetzt über den Abwehrkampf hinausgeht ist eine Vergeudung von Ressourcen. Wer noch Hoffnung hat, dass man das Blatt wenden könnte, der ist ein naiver Gutmensch, der der Sache schadet.

Es ist eine Selbstgeißelung und Selbstkasteiung und es ist eine gigantische Verschwörungstheorie. Jedes islamistische Ereignis, egal ob Homegrown Terrorism, Wahlsiege der Hamas im Gazastreifen, der Bürgerkrieg in Algerien, terroristische Anschläge im Irak und das iranische Atomprogramm, wird in einen großen Topf gesteckt. Der globale Gefahrenraum, ausgehend von einer globalen, geschlossenen islamistischen Front. Mit der Hamas kann man so wenig diplomatisch umgehen wie mit der al-Quaida. Nur bestimmte Islamisten, die mit denen wir derzeit zusammen den Krieg gegen den Terror führen, die werden ausgeklammert. Erstmal. Bis sie irgendwann auf der anderen Seite stehen. Dann hat Europa wieder die Entwicklung verschlafen. Das man sich mit dieser Weltsicht selbst bestimmter Mittel beraubt, das ignoriert Broder galant, denn es würde nicht seiner Endzeitlyrik entsprechen.

Ohnehin Europa: Da ist sie, die Selbstkasteiung. Alles was schief geht in der islamischen Welt, all das ist direkt oder indirekt die Schuld der “Old Europeans”. Sie agieren nicht oder nicht stark genug. Sie verhindern nicht und sie fördern die Falschen, die Europäer. Diese Attitüde passt zu Broders Weltbild, wenn sie mit seiner Sicht Amerikas vergleicht, dass die Rolle des unfehlbaren Heroen hat, der sich einzig und ganz allein dem islamischen Terror in den Weg stellt. Nur um an allen Ecken und Enden von Europa sabotiert zu werden. Auch so kann man sich einen Sündenbock basteln. Aber wenn man Fehler der USA allein auf die linken Appeaseniks schieben kann, dann muss man das eigene Weltbild nicht hinterfragen. Nicht sehen, dass die Wahrheit vielleicht komplexer ist, als der hier an die Wand gemalte Teufel. Und wenn man dieses Verhalten bei Broder kritisiert, dann wird das schnell weggewischt mit dem Argument, dass Broder nun einmal Glossen schreibt, da dürfe er das Stilmittel der Simplifizierung verwenden. Er wisse sehr wohl, dass die Welt komplexer wäre. Nur zeigt er das sehr selten.

Und natürlich ist dieses Gefühl, dass Europa alles verbockt hat, an allem Elend schuld ist, auch etwas das David – bezogen auf das europäische Verhältnis gegenüber Afrika – als eine Form des Größenwahnsinns beschrieben hat: Wenn man sich selbst die Schuld an allem Elend in der Welt gibt, dann ist das auch eine Form sich wichtig zu machen und ein Versuch nicht akzeptieren zu müssen, dass vielleicht bestimmte Ereignisse eben nicht in unserer Hand liegen. Was als Erkenntnis noch schockierender sein kann, als das Gefühl zu haben, das man alles Elend der Welt selbst verursacht habe. Vielleicht macht diese Erkenntnis schlichtweg auch Broder Angst. Seinen Querdenker-Anzug hat Broder längst gegen den Frack des apokalyptischen Hysterikers eingetauscht.

Es ist ironisch, dass ausgerechnet der Mann der mit Hurra, wir kapitulieren die Appeasement-Politiker in Europa attackiert, selbst schon längst aufgegeben hat. Dass Broder selbst keine Hoffnung mehr zu sehen scheint, dass sich irgendetwas bessern könnte und darum nur noch laut und hysterisch verzweifelt. Diese Lust am Kapitulieren wird Broder auch 2008 in seinen Glossen wieder präsentieren. Na dann, guten Rutsch…

Der Staat als Demokratiefeind

Tuesday, October 2nd, 2007

Irgendwas ist ja immer: Sobald das Internet dann wieder geht, geht auch die Zeit. Nämlich flöten, wegen einer linguistischen Seminararbeit. Die zieht sich derzeit noch unschöner hin, als sich die USA demnächst aus dem Irak zurück. Soviel zur sprachlichen Eleganz und dem latenten Anti-Amerikanismus.

Jetzt zu dem Thema, wegen dem ich trotz der derzeitigen Stressigkeit doch mal wieder das Keyboard unter die Finger klemme ohne über Semantic Features oder ähnlichen Schlonz zu schreiben: Das nächste Beispiel dafür, wie schnell ein Organ zum Schutz der Demokratie zum Totengräber der selbigen verkommen kann, wenn man nicht aufpasst. Und da prasselt in den letzten Tagen leider mal wieder einiges auf uns ein, das bei mir persönlich zu diesem klammen Gefühl in der Brust geführt hat. Diesem Gefühl wütender Ohnmacht. Wenn man auf gleicher Augenhöhe diskutieren will… aber noch während der Gesprächspartner einen von oben herab über das Thema #1 belehrt, veranlasst besagter Gesprächspartner gleich zwei oder drei weitere Dinge, die man auch kritisieren müsste. Wenn nicht absehbar wäre, dass sich das Spiel exakt so wiederholen würde. Weil es das irgendwie immer tut. Und auch das führt, zumindest bei mir, zum so genannten “Demokratieverdruss”.

Wobei ich den Begriff eigentlich entschieden ablehne: Hier von “Demokratieverdruss” zu sprechen, das ist als wenn man einem Mann “Autoverdruss” unterstellen würde, dem jeden Tag weitere Teile des Wagens geklaut werden. Mal der Spiegel, dann die Alufelgen, morgen die Antenne, übermorgen der Saugnapfgarfield und der Wackeldackel und immer so weiter. Weshalb der Fahrer erwähnt, dass es ihm keinen Spaß mehr macht, mit diesem auseinander genommenen Auto zu fahren. Der möchte nicht das Autofahren an sich aufgeben, der hätte nur gerne wieder ein komplett funktionierendes Auto, mit dem er dann dann sicher auch die Freude am Fahren™ wiederfinden würde.

Zum aktuellen Fall: Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, dass eine Demokratie nicht funktionieren kann, wenn sie ihre Bürger unter Generalverdacht stellt. Gute Vorsätze, Weg in die Hölle, ihr kennt den Drill. Der Berliner Tagesspiegel berichtete vorgestern Abend, dass das Bundeskriminalamt im Internet mit (mindestems) einem Honeypot arbeitet. To wit:

Die Internetseite des Bundeskriminalamtes hat nur 14 Zeilen. Unter „offene Tatkomplexe“ beschreibt die Behörde die nach ihrer Darstellung linksterroristische Vereinigung „Militante Gruppe“. Sie erwähnt etwa Bekennerschreiben zu zehn Brandanschlägen in Berlin und Umgebung – und die Beschäftigung der Aktivisten „mit verschiedenen linksradikalen Themenfeldern, aktueller Schwerpunkt ist die beabsichtigte Kürzung von Sozialleistungen“, dazu gibt es ein paar Links. Wer sich im Netz diese offizielle Information einholt, riskiert was: Ausweislich eines Vermerkes der Behörde, der dem Tagesspiegel vorliegt, werden seit September 2004 die IP-Adressen – es geht um Zahlenkolonnen, die der eindeutigen Identifizierung von Rechnern dienen – aller Besucher dieser Internetseite registriert. Zudem versuchte die Behörde, einen Teil der Computerbesitzer zu identifizieren, die die betreffende BKA-Website besucht hatten.

Nachdem die “Militante Gruppe” am 16. März dieses Jahres einen Brandanschlag in Berlin verübt hatte, versuchte das BKA – so der Tagesspiegel weiter – “die Identität jedes Besuchers ihrer Website zur „Militanten Gruppe“ feststellen” zu wollen. Nochmal: Jedes Besuchers. Verdachtsunabhängig. Respektive: Der bloße Besuch einer Website die ein offizielles Organ der Bundesrepublik Deutschland ins Netz stellt, würde schon ausreichen um sich “verdächtig” zu machen. Klar dass die Internetnutzer mal wieder entsetzt sind, während der Rest der Republik die Nachricht unter “Ferner liefen” verbucht. Irgendwo im Irrelevanzteil hinter dem WM-Sieg der deutschen Fußballfrauen, dem Sorgerechtsentzug wegen schlechtem Tanzens bei Frollein Spears und der “Aller guten Dinge sind… öh… mein wievielter Ehemann wäre das jetzt?”-Hochzeit der weltbekannten Quantenbademeisterin Pamela Anderson. Some of my friends sit around every evening and they worry ’bout the times ahead, but everybody else is overwhelmed by indifference and the promise of an early bed.

Das Problem an der Sache ist klar: Als Bürger, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, möchte man nur ungern auf einer Liste auftauchen, die potentielle linksradikale Gewalttäter identifiziert. Und schon gar nicht, weil man möglicherweise nur durch Zufall auf dieser Website landete. Bei Google dürften offizielle Seiten weiter vorne gelistet sein und “Militante Gruppe” wird nicht der einzige Weg sein, wie man auf besagter – und aus verständlichen Gründen hier nicht verlinkter – Website landen kann. Was also tun, um seinen Unmut zu bekunden? Stefanolix verweist auf die Möglichkeit dem BKA eine E-Mail zukommen zu lassen.

Aber: Will ich das überhaupt? Wie schon bei den Bissigen Liberalen in der Kommentarsektion angemerkt: Das Bundesinnenministerium spielt ja auch mit dem Gedanken den Bundestrojaner auch per Behördenmail zu verschicken. Und jetzt haben wir ein Conundrum. Traue ich mich, einer Behörde zu schreiben, die mich möglicherweise überwachen wird? Gehen wir mal positiv davon aus, dass der Bundestrojaner nur an “potentielle Gefährder” verschickt wird. Dadurch dass ich besagte Website des BKA besucht habe, stehe ich inzwischen doch möglicherweise auf dieser Liste. Und weil ich auf dieser Liste stehe, hält es das BKA möglicherweise für notwendig mir den Bundestrojaner auf die Platte zu pflanzen.

Sicher, da sind einige Unbekannte in der Gleichung… aber so ganz ausschließen kann man nicht, dass irgendjemand in der Bundesregierung großer Fan von Kafkas Der Prozess ist und sich jetzt schon begierig die Hände reibt. Alleine wegen der Möglichkeiten nur durch einen dummen Zufall in die Maschinerie einer Justiz zu geraten, die zwar von der potentiellen Schuld überzeugt ist, aber aus Sicherheitsgründen dem Opfer keinerlei Auskunft darüber geben kann, was ihm eigentlich zur Last gelegt wird. Nur, wer wäre schon gerne der erste Herr K., Walter R. Child oder Mr. Buttle?

Dass diese Vorstellung nicht komplett abwegig und das Vorgehen des BKA wohl kein Einzelfall ist, dass demonstriert folgender Bericht des Focus:

Offenbar ist dies nicht das erste Mal, dass die Polizei gegen die Besucher der eigenen Webseiten ermittelt. Der Systemadministrator Jan Grewe berichtet FOCUS Online, dass er bereits vor zwei Jahren von der Polizei befragt worden sei. Verdachtsmoment gegen ihn: Er hatte sich zu häufig Informationen über einen Bombenanschlag in Köln angesehen. Bei dem Attentat im Juni 2004 waren in Köln 22 Personen verletzt worden. Täter und Motive sind bis heute unklar.

Bloßes Interesse an bestimmten Dingen macht also schon verdächtig und erhöht die Chance, dass eines Tages die Gewalt bei einem vor der Tür steht. Und mit diesem Vorgehen – den Honeypots und der Idee, dass man den Bundestrojaner via Behördenmails verschicken könnte – schafft man es, gleich zwei relevante Pflugschare der Demokratie wieder zu Schwertern zu machen. Dass man damit der Demokratie die Möglichkeit nimmt für ihre Ernährung zu sorgen ist egal, Hauptsache man ist abwehrbereit.

Der Bayerische Rundfunk – der sicher nicht im Verdacht steht mit linksradikalen Gewalttätern zu sympathisieren – konstatiert in diesem Text: “Demokratie ohne politisch interessierte und informierte Staatsbürger gibt es nicht.” Aber genau darauf laufen die Maßnahmen des BKA und der Polizei hinaus: Der sich informierende Staatsbürger verwandelt sich plötzlich vom Rückgrat der Demokratie zum potentiellen Gefährder.

Terrorismus ist – das lässt sich wohl kaum abstreiten – das Thema des angebrochenen neuen Jahrtausends. Wer erinnert sich an das letzte Mal, dass er Morgens die Zeitung aufschlug oder Abends die Tagesschau anstellte, ohne dass ihm das volle Wörterbuch des modernen Terrorismus von A wie al-Quaida bis Z wie Zarkawi angesprungen hätte? Terrorismus ist der zweihundert Pfund schwere Gorilla der inzwischen bei jeder Debatte im Raum zu sitzen scheint, auch wenn man noch so sehr versucht ihn zu ignorieren. Die kollektive Klatsche die sich die Führungsriege der Grünen neulich abholte? Die Streitigkeiten innerhalb der Größten Koalition aller Zeiten? Die Debatten um Integration und Immigration, um Moscheengrößen, Kopftücher, Kreuze im Klassenzimmer und das Design von Domfenstern? All das hat – in verschiedenen Aufstaffelung – mit dem Thema Terrorismus zu tun.

Wenn also ein Thema so sehr die Realität dominiert und formt, dann sollte der Staatsbürger Interesse daran haben sich selbst so weit wie möglich über dieses Thema zu informieren und der Staat sollte froh sein, dass der Bürger genau dieses tut. Denn im Idealfall funktioniert die Demokratie so, dass die Bürger sich in möglichst vielen Belangen möglichst weit informieren und dann auf der Basis dieser Informationen in den Wahlen den weiteren Kurs des Landes bestimmen. Der informierte Bürger ist das Rückgrat jeder funktionierenden Demokratie.

Mit den eingesetzten Honeypots verändert man diese Maxime: Der Bürger der versucht sich im Internet schlau zu machen um so informierte Entscheidungen treffen zu können, gilt nicht mehr als besonders vorbildlicher Staatsbürger, sondern genau das Gegenteil ist der Fall. Der Bürger der versucht sich zu informieren gilt als potentieller Gefährder. Als wäre das noch nicht abstrus genug: Selbst ein Bürger, der beschließt sich nur auf Seiten der Regierung zu informieren, also Seiten die nicht im Ansatz im Verdacht stehen, einen radikalen oder antidemokratischen Ideologieanstrich zu haben, derjenige der sich so als besonders staatstreuer und -gläubiger Bürger geriert, gerät als Erster ins Visier der Fahnder. Es ist egal wo man sich informieren möchte, schon der Akt des Informierens an sich ist potentiell verdächtig. Und ja, das ist der Moment wo wir mal wieder mal wieder 1984 aus dem ACME Exorzismuskit auspacken. Denn wie verriet schon der Parteislogan:

“War is Peace; Freedom is Slavery; Ignorance is Strength.”

Nur wer kein Interesse hat, der hat auch nichts zu befürchten. Nur wer sich seine Unwissenheit gezielt erhält, der kann (derzeit) sicher gehen, dass er nicht in Verdacht gerät. Fragen darf man natürlich ob eine Demokratie funktionieren kann, die gewillt ist ihren Bürgern die Unschuldsvermutung zu entziehen, die Bürgern nachschnüffelt die nichts anderes getan haben als ein staatliches Informationsangebot in Anspruch zu nehmen. Warum soll ich noch irgendeinem staatlichen Angebot vertrauen, wenn der Staat diese Angebote offenbar als Spionagewerkzeug begreift? (Und es erscheint mir arg naiv zu glauben, dass die Seite über die “Militante Gruppe” der einzige Honeypot des BKA ist.)

Falls ich über den aktuellen Stand in Sachen Weltpolitik informiert werden will, dann kann ich ja gefälligst das nächste Interview von Dr. Strangelove in der FAS abwarten, in dem er und sein Braintrust aus aner- und unbekannten Experten mir die Welt erklären. Und da man auch überlegt die Möglichkeiten direkt mit der Regierung oder einer ihrer Institutionen Kontakt aufzunehmen als Spionagetool zu verwenden, werde ich auch das tunlichst unterlassen. Glückwunsch, Bundesregierung, viel effektiver kann man die Minderheit an politikinteressierten Bürgern wohl nicht vergraulen.

Die Honeypot-Kiste belegt das Hauptproblem von fast aller Politik, die derzeit gemacht wird: Man geht immer direkt von der schlimmstmöglichen Situation aus. Jemand der sich im Internet über die “Militante Gruppe” informiert, der muss ja der Gruppe angehören oder plant sich ihr anzuschließen oder etwas ähnlich verwerfliches. Dass die große Mehrheit derer, die sich informieren dies wahrscheinlich aus anderen Gründen tut – meine Schwester suchte beispielsweise neulich für ein wissenschaftliches Paper mehrere offizielle Websites zum Thema internationaler Terrorismus und organisierte Kriminalität auf und wurde sich damit möglicherweise auch als “Gefährderin” markiert – wird zwar bekannt sein, wird aber auch geflissentlich ignoriert.

Es sind die wenigen Ausnahmefälle am extremen Rand auf die alles zugeschnitten wird und über die sich jetzt alles definiert. Die Beweislast wird umgekehrt: Wer auffällt, der muss beweisen dass er unschuldig ist. Schwierig, wenn man – aus Sicherheitsgründen – nicht einmal einmal darüber informiert wird, dass der Staat einem wegen eines Websitebesuchs das Vertrauen entzieht. Womit wir wieder bei Kafka wären. Und wenn sich dieses Denken wirklich durchgesetzt hat – der Gedanke dass jeder als potentielle Gefahr zu gelten hat, das Denken des “man könnte ja irgendwann” – dann sind wir mitten im Präventionsstaat angekommen.

Hinweise dass wir da zumindest auf dünnem Eis schlittern gibt es ja: Man denke an den Vorschlag von EU-Komissar Franco Frattini die Suche nach Bösen Wörtern™ zu unterbinden. Wörtern wie “Bombe”, “Terrorismus” oder “Völkermord”. Sicher, weit 90% der Suchenden werden sich nur zur Tagespolitik informieren wollen und nicht im Traum daran denken, selbst eine Bombe zu bauen, ein Trainingslager in Pakistan zu bereisen oder einen Völkermord zu starten (inwiefern man sowas im Internet lernt würde mich auch noch interessieren, aber das nur so am Rande)… aber es sind plötzlich diese paar Prozent – vielleicht sogar nur Promille – der Suchmaschinennutzer auf die alles zugeschnitten werden soll. Siehe auch: Spiele, Killer.

Nun fahren jeden Tag Betrunkene mit ihren Autos unschuldige Mitbürger tot. Trotzdem würde es da keinem Politiker einfallen Autos oder Alkohol komplett verbieten zu wollen. In diesen – und ähnlich gelagerten – Feldern bedenkt die Politik wie man mit dem Rand umzugehen hat, aber sie schneidet nicht ihre gesamte Politik ausschließlich auf diesen Rand zu. Dass das in Sachen Internet anders ist, dürfte nicht zuletzt der Unwissenheit der Politiker und der breiten Öffentlichkeit geschuldet sein. Sicher, wir hier sind alle seit Jahren im Internet… wir wissen um den dreckigen Unterbauch des Biests, wir wissen aber auch, dass es absoluter Schwachsinn ist das Netz darauf zu reduzieren.

Aber das kann man nicht von jemandem erwarten, der andere Leute oder seine Kinder braucht um “das Internet zu bedienen” (by the way: Michael Glos – Bundesminister für Wirtschaft und Technologie… wie sagte Django Asül bei der Nockherbergsrede: “Jetzt denkt sich der Glos: ‘Sinnlos… fehl am Platze… oha, jetzt bin ja ich dran!’”). Und dann ist es natürlich kein Wunder, wenn man sich – als Ahnnungsloser – von solchen Shock-&-Awe-Horrorshows blenden lässt:

BKA-Chef Jörg Ziercke hatte den Abgeordneten Abgründiges aus dem Internet mitgebracht: Videos mit jungen gefesselten Frauen, die sadistisch gefoltert werden; den grausamen Missbrauch eines bitterlich weinenden Mädchens. Und Terroristen, die einer Geisel den Kopf abtrennen.

Ziercke wollte schockieren, das war der Sinn seiner Berlin-Reise in der vorvergangenen Woche. Seine Vorträge bei Innenexperten beider Regierungsfraktionen endeten denn auch mit einem Appell: Um digital vorbereitete Straftaten verhindern zu können, so der BKA-Chef, bräuchten die Behörden dringend eine Gesetzesgrundlage für vorbeugende Online-Durchsuchungen.

Angst und Schrecken funktionieren als Verkaufsargumente also weiterhin, besonders bei Menschen die keinerlei oder nur eine marginale Ahnung von der Materie haben. Die verstehen dann nicht, dass das was sie da eben gesehen haben ein Panoptikum der verabscheuungswürdigsten Randerscheinungen des Netzes war, aber kein repräsentativer Querschnitt war. Das Internet als Sündenbabel. Ein Trop das auch deshalb bei Politikern so gut ankommen dürfte, weil es sich mit der Meinung eines Teils der Bevölkerung überschneidet. Sprich: Man kann der uninformierten Mehrheit nach dem Mund reden. Wofür sich dann die Medien wieder auf die Schulter klopfen dürfen, die – da sind sie Jörg Ziercke gar nicht so unähnlich – auch wissen, dass sich Angst immer gut verkauft.

Terroristen kommunizieren über das Internet (so wie die Mehrheit der Bevölkerung), Bombenbauanleitungen gibt es da zu finden und wer könnte die schockierende Enthüllung vergessen, dass ein Pädophiliering in Second Life sein Unwesen treibt. Die “Im Internet gibt es Pädophile”-Karte zieht sowieso immer, wenn man gerade kein anderes Thema zur Hand und keine andere Sau zum durchs Dorf treiben hat.

Und wenn man es so geschafft hat, dass sich bei Politikern, Medien und nicht netzaffinen Bürgern erstmal das Bild festgesetzt hat, dass das Internet ein Sündenpfuhl ist bei dem selbst die Bürger von Sodom und Gomorrah angewidert das Gesicht verziehen würden, ein Ort an dem man zwar schnell mal GMX oder Spiegel Online ansurfen kann, an dem man aber sonst nur Bombenbauanleitungen und Kinderporn findet, dann ist es auch kein Wunder, dass im Hinblick auf das Internet Maßnahmen diskutiert, eingesetzt und bereitwillig akzeptiert werden, die außerhalb des Internets zu Recht zu einem Aufschrei der Entrüstung führen würden.

Siehe auch Zierckes Aussage, dass das Internet “das Tatmittel der Zukunft” sei oder Dr. Strangeloves fixe Idee, dass das Internet Menschen “aus unserer Mitte” schneller zu Terroristen machen könne, als der Papst anno tobak Karl den Großen zum Kaiser krönen konnte.

Und damit haben wir eine Situation geschaffen, welche die denkbar schlechteste aller Welten ist: Paranoia auf beiden Seiten. Zwei Seiten die ja eigentlich gar nicht gegeneinander arbeiten sollten. Auf der einen Seite steht der Staat, der mir – rein präventiv – das Vertrauen entzieht. Obwohl er das ja eigentlich gar nicht tun dürfte, bis es einen begründeten Verdachtsmoment gibt. Aber in Zeiten des Terrors, blablabla.

Auf der anderen Seite stehe ich und kann dem Staat nicht mehr vertrauen: Der Staat nutzt einige Informationsangebote die er mir kostenlos zur Verfügung stellt als Falle. Wenn ich von diesen Angeboten Gebrauch mache, dann bin ich dadurch automatisch Leslie Nielsen. Und ein anderes Werkzeug der Demokratie, die direkte Kommunikation mit Teilen des Staatsapparats, wird möglicherweise auch dazu benutzt mich auszuspionieren. Darum verzichte ich natürlich auf die Kommunikation mit dem Staat.

Aber: Kann eine Demokratie funktionieren wenn ihre Bürger Angst davor haben mit ihren gewählten Vertretern und deren Angestellten zu kommunizieren? Würde noch jemand persönlich aufs Amt gehen um sich zu beschweren, wenn er befürchten müsste mit einer Wanze am Pulli aus dem Amt zu gehen? Und wenn der Staat einige seiner Angebote dazu nutzt mich potentiell zu kriminalisieren oder zu überwachen, warum soll ich ihm dann glauben, dass er das nicht auch bei allen anderen Angeboten nutzt? Resultat: Ich nutze auch diese Angebote nicht mehr. Die Demokratie beschneidet sich selbst.

Der Staat erwartet – in Zeiten des Terrors – etwas von mir, dass ich ihm nicht gewähren kann. Das tut er primär in Form von Dr. Wolfgang Strangelove, aber der Mann ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Der Staat erwartet von mir, dass ich ihm blind vertraue. Warum? Weil es ja um alles oder nichts geht: Darum den unvermeidbaren Atombombenanschlag, den damit einhergehenden Verfall der westlichen Wertegemeinschaft und die Gesellschaft die Schweinekacke als Energiequelle nutzt so lange wie noch möglich herauszuzögern. Verhindern lässt sich das alles ja eh nicht. Wer dagegen ist, der will natürlich dass die Terroristen gewinnen. Sowas fällt dann auch wieder in die Kategorie: Fear mongering.

(Wobei auch das Thema bekanntlich nichts neues ist: Freiheit statt Sozialismus! Seid abwehrbereit: Wählt CDU!)

Wie gesagt: Dr. Stangelove und der Rest der Regierung erwarten von mir etwas, dass ich nicht gewillt bin ihnen zu gewähren: Ein blindes Vertrauen darauf, dass der Staat nur unser Bestes will und nichts falsch machen kann. Diese Einstellung vertritt Rolling Wolle auch in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Ich bin kein Experte, und ich weiß auch gar nicht, ob es so furchtbar zielführend ist, dass man jede Ermittlungsmethodik der Sicherheitsbehörden breit diskutiert. [...] Die Bundesanwaltschaft, die Generalbundesanwältin Frau Harms, wenn die alle sagen, und die Chefs der Landespolizeien entsprechend, und international gibt es auch keinen Zweifel, wir brauchen in Ausnahmefällen diese Möglichkeit, dann finde ich, sollten sich nicht Politiker und vielleicht auch nicht Journalisten gewissermaßen zu größeren Experten machen und sagen, das braucht man gar nicht. Ich glaube, wir müssen schon auf den Rat derjenigen, die die Verantwortung tragen, auch hören.

Ich beiße mir gerade auf die Finger um nicht schon im Post selbst Godwin’s Law zur Geltung kommen zu lassen und verzichte darum auf den zynischen “…wir folgen!”-Vergleich. Aber man darf das dennoch gerne lesen als: “Schnauze halten, Stahlhelm enger schnallen und dem Mann an der Spitze vertrauen!” Und auf die Nachfrage, ob nicht vielleicht da das Risiko besteht, dass die Leute an der Spitze mehr wollen als ihnen rechtlich zusteht, konternt von Schäublewitz:

Also, das Bundeskriminalamt und sein Präsident, Herr Ziercke, ist gegen jeden Verdacht in Schutz zu nehmen, sie wollten etwas haben oder tun, was nicht rechtmäßig ist. Das ist ja gerade der Vorzug einer rechtsstaatlichen Verfassung.

So, so. Herr Ziercke und sein BKA sind also gegen jeden Verdacht in Schutz zu nehmen, während der Rest der Gesellschaft erstmal potentiell nur in Verdacht zu nehmen ist, gell? Schön auch: Wir haben eine rechtsstaatliche Verfassung, darum kann ja innerhalb des Staats gar keiner illegal handeln oder die Grenzen des Rechts überschreiten. Wir sind eine Partei, weil wir eine Partei sind. Weil wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben muss alles was innerhalb dieses demokratischen Rechtsstaats passiert auch automatisch recht und demokratisch sein. Denn: Sonst wären wir ja kein demokratischer Rechtsstaat. Aber weil wir einer sind, et cetera pp.

Dass Schäuble so argumentiert, das kann man ihm kaum verdenken. Immerhin hat er ja seit diesem taz-Interview bewiesen, dass er die Deutungshoheit über die Bedeutung von Wörtern hat. Außer ihm selbst würde ihn wohl niemand auf Anhieb als “anständig” beschreiben.

Gerade seit dem 11. September testet der Staat seine Grenzen mehr und mehr aus und er überschreitet seine Kompetenzen und Rechte immer weiter, während er konstant dabei ist meine Freiheiten zu beschneiden. Etwas dass sich vor dem 11. September noch mit Fug und Recht als demokratischer Rechtsstaat beschreiben durfte verwandelt sich immer mehr in Hobbes’ Leviathan. Ein übermächtiger Staatsapparat, der seinen Untertanen zu nichts verpflichtet ist, nicht zum Erhalt von Rechten, Freiheiten oder Wohlstand. Er muss nur ihr bloßes Überleben gewährleisten. We should live, but we only survive.

Als jemand der sich der Demokratie nach den Idealen eines säkularen Humanismus und der französischen Aufklärung verpflichtet fühlt, sehe ich es eigentlich als meine Bürgerpflicht an immer dann zu klagen, wenn ich das Gefühl habe, dass der Staat versucht seinen Bürgern eines dieser Rechte zu gewährleisten (hier: life), aber die anderen beiden dafür zu opfern. Nur, wenn der Staat erst einmal angefangen hat mein Vertrauen zu verlieren – und genau daran arbeitet er gerade, mit seinen Honeypots, dem Bundestrojaner aber auch der von Schäuble vertretenen Attitüde, dass wir einfach schlucken sollen, was er ex cathedra entscheidet statt die Wehrkraft des Staates zu zerlabern – dann wird das immer schwerer. Denn dann ist die Schere im Kopf da: Gehe ich auf die Anti-Schäuble-Demo? Mache ich mich dadurch nicht nur noch verdächtiger? Wenn ich auf besagter BKA-Seite war, traue ich mich dann noch eine Unterschrift unter eine Petition zu setzen, die sich gegen von der Regierung geforderte Anti-Terrorgesetze stellt?

Selbst wenn es diese Regierung wirklich nicht ausnutzen wird, wer garantiert mir dass nicht bald wieder eine Regierung gewählt wird die komplett anti-demokratische Verhaltensweisen an den Tag legt? Ich möchte nicht, dass irgendwann so eine Regierung schon beim Regierungsantritt einen ganzen Katalog an Maßnahmen zur Hand hat, um potentielle Kritiker zum Schweigen zu bringen: Eine große Datenbank potentieller Unruhestifter, die Vorratsdatenspeicherung, den Bundestrojaner, einen unkontrollierten Geheimdienst der auch die eigenen Bürger ausspioniert, dazu noch der Einsatz der Bundeswehr im Innern, Sondergesetze à la Heiligendamm, die Vermischung der Institutionen Polizei, Geheimdienst und Armee und, und, und.

Wir haben bewusst Geheimdienst von Polizei und Polizei von Armee getrennt: Weil das Dritte Reich und die DDR gezeigt haben, wie solche Macht korrumpiert. Jaja, das BKA und der BND sind weder Stasi noch Gestapo. Und? Wer garantiert mir, dass es so bleibt? Ich würde nicht einen geladenen Revolver im Bus auf einen Sitzplatz legen, nur weil der
Kerl der gerade da sitzt damit keinen Unsinn treiben und ihn wirklich nur im absoluten Notfall verwenden würde. Einfach weil ich das nicht für den Kerl garantieren könnte, der sich nach ihm auf diesen Platz setzen wird.

All das sind Kleinigkeiten. Für sich genommen “harmlos”. Einzelne Spatenstiche. Aber es werden immer und immer mehr und auch so kann man der Demokratie langsam eine Grube ausheben. Jeder dieser Spatenstiche sorgt dafür, dass ich das Vertrauen in den Staat und Staat mehr verliere, dass ich anfange demokratische “Rechte” nicht mehr in Anspruch zu nehmen, weil ich Angst habe, dass ich mich damit schon verdächtig mache. Und wenn dieser Gedanke bei vielen Staastbürgern gleichzeitig auftritt, dann sollte sich der Staat die Frage stellen, ob er nicht gerade dabei sein könnte das Dorf zu zerstören bei dem Versuch es zu retten.

Ein Staat kann durchaus auf Angst basieren. Aber ein demokratischer Staat kann es nicht. Denn Angst lähmt und Angst frisst tatsächlich Freiheit auf. Besonders wenn das zu passieren scheint, was wir derzeit beobachten können und der Staatsapparat vergisst, dass er es ist, der den Bürgern dienen sollte und nicht umgekehrt. Thomas Paine hat die ganze Kiste in seinem Werk Common Sense wie folgt zusammengefasst:

Society in every state is a blessing, but government even in its best state is but a necessary evil; in its worst state an intolerable one; for when we suffer, or are exposed to the same miseries by a government, which we might expect in a country without government, our calamity is heightened by reflecting that we furnish the means by which we suffer.

Wenn für den Staat alle Bürger potentiell verdächtig sind, dann stellt sich die Frage: Wen schützt er mit den geforderten Maßnahmen? Nicht die primär die Bürger, denn denen kann er ja nur sehr bedingt vertrauen. Also beginnt der Staat damit nur noch sich selbst zu schützen. Selbst wenn er dazu die Ketten durchkaut, die ihn eigentlich einschränken sollten. Und wenn das der Fall ist, dann sollte man vielleicht darüber nachdenken ob es nicht doch Zeit ist, den Leviathan in neue Ketten zu legen. Bevor er es ist, der die Demokratie in Ketten legt. Auch wenn er uns mit noch so großen Hundeaugen versichert, dass das nur “zu unserer eigenen Sicherheit” geschieht.


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