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Book Report: THE COBRA (aka Old Man’s War)

Thursday, May 5th, 2011

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Was macht eigentlich… Frederick Forsyth?

Bei Tom Clancy kann man ja zumindest den genauen Moment festmachen, an dem seine Karriere als Autor den Weg der Approval Ratings George W. Bushs ging. (Ja, hier bei Agitpop wissen wir, wie man zeitgemäße Vergleiche anstellt… vergleichbare Blogs hätten hier garantiert eine Herbert-Hoover-Referenz gedroppt.) Die Idee, dass seine zweihundertseitigen Politthriller sich besser verkaufen würden, wenn er sie in der Mitte mit vierhundertseitigen, mit Wachsmalern geschriebenen Politmanifesten darüber auschmückt, wie der einfache Mann in der Politik soviel besser wäre, als die geleckten Karrieristen, war dann wohl doch nicht das, was das breite Publikum wollte. (Oder Clancy war seiner Zeit einfach voraus.)

Bei Forsyth ist das anders. Forsyth stieg mit The Day of the Jackal im Jahre 1971 direkt mal in die Oberklasse des realitätsbasierten Spionagepolitthrillermilieus auf (okay, das ist ein eher spezielles Milieu; granted) und zementierte seine Position als Säulenheiliger johnlecarré’scher Ausprägung dort in den Folgejahren mit Hits wie The Odessa File und The Dogs of War. (Falls Sie sich wundern: Wir haben dieses Blog nur reaktiviert, weil wir schon lange mal das Adjektiv ‘johnlecarré’sch’ verwenden wollten. Next stop: ‘frederickforsythian’.) Und dann, irgendwann nach The Fourth Protocol, war der Mann über Nacht scheinbar von der Bildfläche verschwunden. Klar, er hat weiter Bücher verlegt… aber hat wirklich jemand Icon oder The Deceiver gelesen?

Einmal, kurz, gelang es Forsyth seinen Kopf aus dem Maelstrom des Vergessens herauszureißen. Statt, wie mit The Fist of God den Fehler zu machen, ein Buch über einen Krieg zu schreiben, der im Rückblick einfach nicht populär genug war, um dem ihn führenden Präsidenten die Wiederwahl zu sichern, schrieb er 2006 mit The Afghan ein Buch über den “Krieg gegen den Terror”, bevor dieser völlig uncool wurde. Die Feuilletons jauchzten ob der Gelegenheit den Terrorkrieg endlich in bunt bebilderten Aufsätzen in marxistische Kulturtheorien einsortieren zu können, die tatsächlichen Leser reagierten mit einem überwältigenden: “Meh.”

Danach wurde es vier Jahre still um Forsyth, ehe er im letzten Jahr – unbeachtet von der Weltöffentlichkeit – sein neues Buch vorstellte: The Cobra. Ein Buch, das mit soviel Trara verlegt wurde, dass meine Reaktion – als ich es neulich vor einer Zugreise im Bahnhofskiosk sah – nur eine sein konnte: “Huh?! Ich dachte Forsyth wäre tot.” Da ich allerdings Forsyths frühe Romane schätze (oder schätzte als ich 16 Jahre alt war und Kevin J. Anderson und Wolfgang Hohlbein für die größten Literaten vor dem Herrn hielt) und noch literarisches Junkfood brauchte, griff ich beherzt zu.

Und was soll ich sagen? Forsyth kann es immer noch!

Zumindest wenn wir mit “es” meinen, dass Forsyth es nicht mehr kann.

Nachdem der Krieg gegen die Tremors im Jahr 2010 irgendwie nicht mehr so der Burner war, weil amerikanische Soldaten zwar starben, Osama Bin Laden aber noch nicht, entschied sich Forsyth für einen Rückzug in die gute alte Stube und die gute alte Zeit, als Helden und Schurken in der Popkultur noch klar deliniiert waren. So ähnlich wie es ja Tom Clancy mit Red Rabbit schon versucht hat, nur dass in Forsyths Thrillerbiedermeier keine Sowjets vorkommen. Statt des Kalten kehrt er zurück zu einem anderen Krieg, der eigentlich auch nur im Vergleich zum Krieg gegen den Terror gut aussieht: Dem supererfolgreichen und superpopulärem Krieg gegen die Drogen. (Der 2010 ein scheinbar sehr beliebtes Thema war.)

Und so beginnt Forsyth seine Räuberpistole auch gleich mal in der dramatischen Form die möglich ist: Ein junger Mann stirbt irgendwo im Ghetto von Washington. An Kokain! (Dun-dun-dun!) Und schon bald werden, wegen seines Todes, viele weitere Menschen sterben. Was aber, wie Forsyth festhält, dem jungen Mann völlig humpe wäre, wüsste er es. Weil er auf Kokain (Dun-dun-dun!) ist! Und, wie Forsyth mit einem imposanten Verzicht an Pathos feststellt: “That is what drug abuse does to a young mind. It destroys it.” (Seite 1!) Danke, Dr. F.

Gekonnt schafft Forsyth dann den Bogen vom toten Kokser zum Krieg gegen die Drogen: Die Tante des toten KameraKokskindes kellnert im Weißen Haus, bricht dann in Tränen aus, die First Lady hört sich ihre Geschichte an und schuldreist dann ihren Ehegatten – einen nie genannten schwarzen Präsidenten, der primär von seiner Oma in Kenya großgezogen wurde und aus Chicago stammt (eindeutig ein Stand In für Jesse Jackson) – Abends im Schlafzimmer, dass er ja mal den Müll runterbringen, die Teller abwaschen und nebenbei die Drogen aus Amerika verschwinden lassen könne. Und weil Obama, äh, der namenlose Präsident eh gerade nichts anderes am Laufen hat, verspricht er seiner Alten, zumindest die Sache mit den Drogen mal auszuchecken. Weil das nach der wenigsten Arbeit klingt.

Eine Ereigniskette auf 20 Seiten, die so hanebüchen ist, dass man – wenn sie nicht wirklich stattgefunden hätte – sie als total uninspirierten, lächerlichen und unglaubwürdigen Kokolores würde bezeichnen müssen. Auf den Folgeseiten zeigt sich dann, dass Roderick Frothsydes Romane immer noch durch das geradezu unglaubliche Maß an persönlicher Recherche charakterisiert werden. Immerhin lässt der Präsident sich erstmal vom FBI in nur einer Woche einen Bericht über “Kokain” anfertigen, der so präzise und vielsagend ist, dass ihn ein Siebtklässler nicht hätte besser von Wikipedia kopierpastieren können. Kernaussagen: “Kokain ist eine Droge. Drogen sind böse, Pac-Man.” Your tax money at work. (Forsyth streckt das auf 10 Seiten.)

Aber, so fragt der König der Vereinigten Amerikanischen Emirate, können wir den Kokainhandel überhaupt stoppen? Tja, sagt sein speichelleckender Stabschef, das kann uns nur einer beantworten! Ein Mann, dessen Namen ich vergessen habe, der aber bei der CIA rausgeflogen ist, weil er zu brutal gegenüber seinen Feinden war! Jack Bauer Paul Devereaux… die Cobra! Was diesen Mann dazu qualifiziert ein Statement darüber abzugeben, ob es möglich sei, die Drogen aus Amiland zu verbannen, woran ja scheinbar hochbezahlte Think Tanks (mit hunderten Experten und Datensätzen und so einem Schnickschnack) scheitern? … Äh… er ist bei der CIA rausgeflogen, weil er zu brutal mit seinen Feinden umgesprungen ist. Welche Qualifikationen wollt ihr denn noch? Angela Merkel verlässt sich sicher auch bei allen relevanten innenpolitischen Fragen auf die Haudrauftürsteher der Dorfdisko Meppen. (Hm. Come to think of it…)

Anyway. Befragt ob er den Drogenhandel stoppen könne, sagt Die Kobra: “Klar! Und alles was ich dazu brauche, sind die besten Piloten, Soldaten und Hacker der Welt, zwei Milliarden Dollar Kleingeld, die geheime Umklassifizierung von Drogenhandel zu Terrorismus und alle Zufälle der Welt!”

Gesagt, tun getan. Und wie es der Plot verlangt das Leben so spielt, kann man relativ schnell einen kolumbianischen Schiffskonstrukteur schnappen, der – Zufälle gibt’s – noch genau weiß, in welche hunderte Schiffe er an welchen Stellen seine nicht entdeckbaren Drogenschmuggelverstecke hat eingebaut. Und als hätte es ein fauler Autor geschrieben glücklicherweise gelangt man auch relativ schnell an eine Liste mit allen korrupten Bullen und Zollfahndern in Europa und den USA. Hallelujah, Baby!

Damit sind wir so irgendwo auf Seite 70 und weil Frostbyte wahrscheinlich seinem Verleger eine feste Zahl an Seiten versprochen hat, nutzt er die nächsten 300 Seiten mal eben, um eine alte Autorenmaxime zu verfolgen: Wenn es etwas wert ist erzählt zu werden, dann ist es auch wert, fünf Mal erzählt zu werden. Und so erleben wir wiederholt, wie die Elitetruppen ein Drogenschiff problemlos borden, die Crew ins Geheimgefängnis schaffen und die Drogen im Meer versenken oder wie ein brasilianischer Pilot in einer aufgerüsteten Blackburn Buccaneer ein Drogenflugzeug nach dem anderen vom Himmel putzt. Militärjet gegen unbewaffnete Transportflugzeuge. Eine Dramatik am Himmel, wie sie am Boden nur vom Duell Grave Digger gegen angesägte Rostlauben getoppt wird.

Als erfahrener Raconteur verzichtet der alte Hase Pferderich Brotzeit hier auf allen unnützen Ballast wie Dramatik, Rückschläge, Fehler, mögliches Scheitern oder auch nur den leisesten Zweifel am eigenen Handeln durch die Protagonisten! Der Meistererzähler weiß, dass die Dramatik beim Lesen dadurch entsteht, dass der Leser sich fragt: “Kann so eine Schiffskaperung schon wieder so fehlerfrei ablaufen? Kann der Pilot den Drogenjet vielleicht dieses Mal sogar noch problemloser aus der Luft fegen? Kann dieser Die Kobra vielleicht noch ein bisschen perfekter sein ohne für unsere Sünden zu sterben?”

Auch mit Charakterisierung hält sich Absyths nicht lange auf: Paul Devereaux hasst Kommunisten und Atheisten und ißt gerne so italienisches Zeug und hört Opern. Seine rechte Hand, Paul Dexter, hasst etwas weniger und ißt lieber im KFC. So schreibt man dreidimensionale Figuren mit viel Tiefe auf einem Bierdeckel.

Den eingesparten Platz nutzt Forsyth dann, um alle paar Seiten mal einen Schwinger gegen die fiese Political Correctness und die doofen Bürgerrechte vom Stapel zu lassen, die dem unvermeidlichen Sieg im Kampf gegen die Drogen nur im Wege stehen. Ansonsten lässt er, immerhin sein Gimmick, reale Ereignisse in Cameos auftreten und zeigt immer mal wieder, dass Guinea-Bissau ein failed state ist, den militärisch zu befrieden das Einfallstor der Drogen nach Europa schließen würde. Immerhin ist es nicht Äquatorialguinea, das hier die Watsch’n bekommt. Insofern hat Forsyth seinen gescheiterten Putsch inzwischen vielleicht doch verdaut. (For more information check Adam Roberts The Wonga Coup.)

Am Ende der 300 Seiten fehler- und spannungsfreier Erfolge der Guten gegen die Bösen enthüllt uns Herr Die Kobra seinen Meisterplan, um den Drogenhandel zu besiegen: Indem er alle Drogenflugzeuge und -schiffe auf den Grund des Meeres geschickt hat, hat er den Preis für die Drogen in Europa und den USA auf benzinähnliche Rekordwerte getrieben. Resultat? Ein massiver Drogenkrieg zwischen Bikern, Kolumbianern, Puerto Ricanern, Triaden, der ‘Ndrangheta und Kubanern, in dem diese sich solange gegenseitig umbringen, bis keiner mehr da ist, der den Drogenschmuggel betreiben kann. Ein total fehlerfreier Plan. Ist ja nicht so, dass am Ende des Drogenkriegs aus der Asche einfach ein neues Kartell aufsteigen würde, das nun keine Konkurrenz mehr hätte. Denn wie wir wissen: Die Natur liebt ein Vakuum… oder so.

Gut, wo gehobelt wird, da fallen Späne. 10 % der in diesem Drogenkrieg Getöteten, so Devereaux, sind Zivilisten die zufällig ins Kreuzfeuer geraten. Aber, so die Kobra weiter, das sind immer noch weniger Amerikaner, als an einem Feiertagswochenende bei Autounfällen ums Leben kommen. Devereaux fragt: “Wir führen Kriege im Ausland, sind wir also selbst nicht gewillt, dieses Opfer im eigenen Land zu bringen?” An der Stelle könnte man fast schon glauben, dass Forsyth zumindest einen Moment lang die interventionistische Außenpolitik hinterfragt oder von seinem klaren “White Hat/Black Hat’-Schema abrückt. Bis sich dann herausstellt, dass der verweichlicht liberale Präsident nicht die Cojones dazu hat, diesen Plan bis zum Ende zu verfolgen. Nicht aus Überzeugung, mind you, sondern weil inzwischen Wahljahr ist und sich ein Drogenkrieg in den USA negativ auf seine Wiederwahl auswirken könnte. So endet er, der Krieg gegen die Drogen: Im Felde unbesiegt, aber von den feigen Politikern aus der Heimat erdolcht. Als Topos ein Klassiker

Und da Pfrederick Pforzheim inzwischen in die Nähe der abzuliefernden Seitenzahl gekommen zu sein scheint, wickelt er den Rest des Buches im Schnelldurchlauf ab. Die Kobra beschließt den Krieg trotz der rückgratlosen Politiker zu gewinnen, entlockt Drogenbaron El Clichéro wo der seine letzte Ladung Kokain geparkt hat, stellt dann fest, dass er vom Drogenkönig belogen wurde (schockschwerenot!), hat aber das Glück, dass seine rechte Hand den richtigen Drogenhaufen doch noch findet und zerstört. Dann wird – off the page, nicht dass sich am Ende noch Dramatik in das Buch einschleicht… hier merkt man, dass ein Experte auf der Schreibmaschine eingeschlafen ist – Die Kobra von einem Handlanger des Drogenbosses ermordet, denn ‘nobody fucks with the Jesus’. Und dann ist die Mindestseitenzahl erreicht und das Buch vorbei.

Man muss es Forsyth lassen: Mit The Cobra hat er einen Titel vorgelegt, in dem es ihm meisterhaft gelingt auf 450 Seiten auch nie im Entferntesten ein Quäntchen Spannung aufkommen zu lassen. Seite für Seite knüppelt Forsyth uns ein: “Guckt mal wie geil Die Kobra ist! Wie perfekt der Plan von dem Alten funktioniert.” Mit deutlicher Betonung auf “der Alte“, denn an dieser Beweihräucherung der Größe grandios-genialer Gerontokraten hätte auch ein Frank Schirrmacherim Seniorenstift St. Anna seine helle Freude.

Forsyth ist inzwischen 72 und auch all seine Helden würde ein Dieter Hundt nur noch wenige Jahre arbeiten lassen, ehe sie in die Rente gehen dürfen: Die Kobra ist über 70, sein Lakai Dexter in ähnlichem Alter und der brasilianische Pilot wurde auch bereits aufs Altenteil abgeschoben. Himmel, selbst das Flugzeug mit dem man die Drogenkuriere permanent erdet ist seit Jahren in Rente. Mit einem so neumodischen Dreckskram wie dem Jäger 90 braucht ihr Forsyth gar nicht erst zu kommen.

Da wo den Amerikaner Clancy blinde Technophilie auszeichnet, die in seinen Romanen zu lächerlich verlustarmen Blitzsiegen führt (und in der Realität, wie Donald Rumsfeld feststellen musste, zu lächerlich verlustreichen Belagerungen wie Falludscha 2004), da schlägt der Brite in die Gegenrichtung. Technik und Personal, das in den ’70ern schon dabei war, ist nützlich, hochkompetent und moralisch integer, die Jugend – repräsentiert von Präsident Barack NoNama und seinem schmierigen Stabschef, hingegen ist charakterlos, was man auch daran merkt, dass es dieser Stabschef ist, der sich dem notwendigen Drogenkrieg in den Weg stellt, z.B. mit der Frage, ob es wirklich sinnvoll ist einem alten Sack zwei Milliarden Dollar zu geben und ihm dann einen politischen Blankoscheck für Kaperfahrten und Geheimgefängnisse ohne jedwede Kontrolle durch den Kongress auszustellen. Congressional oversight?! Wo sind wir denn hier?! In Sowjetrussland?!

Generell ist die Jugend verweichlicht und total unnütz, weil sie so mit Skrupeln belastet und von dem schleichenden, die wehrhafte Gesellschaft zersetzenden Gift der Political Correctnes zerfressen ist, dass es einen brasilianischen Rentner braucht, um Drogentransporte abzuschießen. Die jungen Air-Force-Piloten sind sich nämlich zu fein für diese Drecksarbeit. (Und nicht umsonst wurde der Die Kordoba für überbordende Gewaltanwendung bei der CIA vor die Tür gesetzt. In Forsyths Weltbild ist das ein Ehrenzeichen. Einzig die Seals brechen aus diesem Muster der nutzlosen Mistjugend im Alter von 15 bis 65 aus.) Und Hi-Tech braucht auch kein Mensch. Wäre Forsyth zwanzig Jahre älter, wahrscheinlich hätten seine Figuren sich in Spitfires und mit M1 Garand Karabinern auf die Jagd nach den Drogenbaronen gemacht. Es ist schon erstaunlich, dass Die Kobra das Auslöschen des Kokainhandels nicht als “Operation Get Off My Lawn” tituliert hat. Junge Jungs bringen’s nicht.

Wie eingangs gefragt: Was macht eigentlich… Frederick Forsyth? Die Antwort kennen wir jetzt: Er schreibt monotone aber dafür möglichst lächerlich geplottete Masturbationsphantasien für Konservative, die – abgesehen vom Technikmangel – inzwischen deutlich mehr Clancy als Le Carré sind. Während seine frühen Bücher auch weiterhin unbedingt empfehlenswert bleiben, sollte man um The Cobra einen großen Bogen machen. Oder die Digest Version des Guardian lesen. Die enthält eigentlich jede Szene, die auch im Originalbuch vorkommt… nur halt nicht gleich sechs Mal auf 450 Seiten.

1/5

Eppur si muove!

Tuesday, April 21st, 2009

Ach du Schreck. Sowas ähnliches wie neuer Content. Und das nach kaum einem halben Jahr! Damit sind wir nur noch marginal lahmarschiger als das Programmierteam von Duke Nukem Forever

Während ich immer noch überlege, welches Blog-Format und welche Wochenplanung ich wählen muss, um auf Agitpop endlich mal wieder regelmäßig echten Content zu bringen (ich vermute, dass demnächst [was in diesem Blog in den letzten anderthalb Jahren zu einem Codewort für "vermutlich nie" geworden ist] mal eine Reihe Kurzreviews folgen werden), habe ich die Gelgenheit zu einem Gepräch (wir hier im Chateau Agitpop bevorzugen ja den Begriff “Elektroplausch“) mit Herrn K. drüben auf seinem Blog genutzt. Dabei geht’s um Piratenbuchten, die Contentindustrie und mittelalterliche Riemenschneider.

Hier kann das ganze Spektakel, dieses King-Kong-gegen-Godzilla der Blogosphäre, nachgelesen werden.

Feedback ist sowohl hier in der Kommentarsektion, als auch drüben beim Herrn K. ausdrücklich erwünscht.

Nachtrag: Wie mir die Leserschaft per E-Mail mitteilte “Die Kommentarsektion in dem Artikel ist geschlossen, du Held…

Oder in Kurz: FAIL!
Sollte aber jetzt behoben sein…

Bloody Stupid Brown Books: Watch on the Rhine

Friday, August 8th, 2008

Exordialtopik

Ich bin zu negativ. Sagt man. Zumindest wenn es darum geht, was mich aus meinem traumhaltigen Schlaf in meinem Haus in R’lyeh reißt und zum Blog zurück bringt. Ich sollte etwas Positives bloggen. Dass ich The Dark Knight in der Sneak gesehen habe und der Film nicht nur der beste Superheldenfilm ist den ich kenne. Und vielleicht die faszinierendste und spannendste Interpretation der Figuren Joker und Batman seit Frank Millers The Dark Knight Returns und Adam Moores The Killing Joke. Dass Heath Ledger wirklich so gut in der Rolle ist wie alle sagen und dass das ganze Gerümpel zudem auch als Film ohne das Präfix “Superhelden-” ziemlich gut und überraschend vielschichtig und intelligent ist. (Weshalb ich nicht mehr mit euch rede, wenn ihr euch über “oberflächliche Sommerblockbuster” aufregt und dann diesen Film ignoriert.) Oder darüber, was für eine geniale und unterhaltsame, hervorragend gemachte Serie Life on Mars ist. Ja. Darüber könnte ich bloggen. Tue ich aber nicht. Weil ich das Blog gerade für einen anderen Zweck brauche. Katharsis.

Bei der Suche nach solider Military-SF im Stile von Heinleins Starship Troopers und Haldemans Forever War stieß ich auf ein Buch, das so daneben, “offensive” und bizarr klang, dass ich dachte: Hey, das könnte ja sogar auf eine dumme Art und Weise fast schon unterhaltsam sein. Namentlich: John Ringos und Tom Kratmans Watch on the Rhine (Die Wacht am Rhein). Offenbar der siebte Teil einer langen “Aliens überrennen die Erde”-Buchserie, aber mir auch als Stand Alone angepriesen, das man lesen kann ohne den Rest der Geschichte zu kennen. Worum es geht? Hier mal die Synopsis die mir amazon frei Haus lieferte:

In the dark days after the initial Posleen attack, but before the primary invasion, the Chancellor of Germany faces a critical decision. Over the years, with military cutbacks, the store of experienced German military personnel had simply dwindled. After the destruction of Northern Virginia, he realized that it was necessary to tap the one group he had sworn never, ever, to recall: the few remaining survivors of the Waffen SS. Has he made a devil’s bargain, or is this a chance for the reviled SS at last to fight the good fight? And, perhaps, gain redemption. . . ?

Ich lasse das mal noch einen Moment unkommentiert stehen, damit die Grundidee sacken kann. …

Okay. Also, die Erde wird von fleischfressenden Echsenaliens bedroht und alles was Deutschland noch retten kann, ist die wiederverjüngte Waffen-SS. Ich habe in meinem Leben schon viele Konzepte gehört, die irgendwo zwischen amüsant-blödsinnig und hochnotpeinlich anzusiedeln sind, aber das hier nimmt nicht nur den Kuchen mit nach Hause, das entführt gleich den ganzen Bäckereibetrieb. Der Red Ghost will mit einer Armee intelligenter Superaffen den Mond für das Kommunistische Imperium besetzen? Gekauft. Jesus Christ, Vampire Hunter? Warum nicht. Die Karriere des Mannes der Citizen Kane gedreht hat, geht so den Bach runter, dass er einen Transformer voiceacten muss? Klingt schon unwahrscheinlicher, aber auch gekauft… aber: nur die Waffen-SS kann die Welt vor Aliens retten? Puuuuh-leeze. Nowai!

Trotzdem dachte ich, dass das Buch aufgrund des dem total abstrusen Konzept schon inne wohnenden Peinlichkeitsfaktors das Potential zu einem möglicherweise unterhaltsamen Trainwreck haben könnte. *Nääääähhhht!* Falsch! Das Buch ist schlecht geschriebener, unspannender Dreck. Wobei es auf jeder Seite mindestens eine Szene – meist sogar zwei oder drei – hatte, bei der ich mich fast verschluckt hätte, weil ich gleichzeitig aufstoßen, lachen und heulen wollte. Und nach 447 Seiten von dem Mist habe ich soviel braune Scheiße in mich aufgenommen, als hätte ich mich auf einer Scat Porn Party (das ist ein Suchbegriff den ihr nicht aus Versehen durch Google Images jagen wollt… vertraut mir) mit Hotte Mahler befunden. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll… darum gehe ich dieses Buch an wie einen B-Film und beginne am Anfang. Da war bekanntlich das Wort. Wäre es nur bei einem Wort geblieben.


Inhaltsangabe

Viel Zeit verschwenden die Herren Ringo und Kratman (also: Kratman… wir wissen ja wie das mit Büchern von zwei Autoren ist, der unbedeutendere Kerl schreibt es, Tom Clancy setzt seinen Namen drüber) nicht um gleich mal zur Sache zu kommen. Nach einem kurzen Ausflug in die frühen Tage des alliierten Europafeldzugs und einem kurzen Überblick darüber, worum es hier eigentlich geht (die echsenartigen Posleen überfallen die Erde und fressen Menschen und werden dabei von den verweichlichten Darhel unterstützt, die laut Wikipedia die Banker und Anwälte (oha!) der Galaxie sind… einzig die technisch genialen Indowy unterstützen die Menschheit), beginnen wir mit dem Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland – der in seiner Funktion so aufgeht, dass er keinen anderen Namen hat als Bundeskanzler, Kanzler oder Herr Kanzler – der die absolute Verwüstung betrachtet, die die Posleen in Fredericksburg, PA angerichtet haben. Neben ihm steht sein nicht ganz so treuer Lakai “Günter, the Green“. Gut Günter heißt eigentlich Günter Stössel, aber das Epiphet “the Green”, das auch gerne mal verwendet wird, macht viel deutlicher klar woher der Wind weht. Und es erspart es Ringo/Kratman den Mann definieren oder weiter beschreiben zu müssen. This man is evil. Evil, I tell ya!

Anyway. Im Jahre 2004 machen der Grüne Günter und der kanzelnde Kanzler der Deutschen das, was sich anbietet, wo Außerirdische eine ganze Gruppe Menschen getötet und verspeist haben: Sie greifen zum Nazivergleich. Und stellen fest: Die Nazis waren schlimmer. Wobei Günter und der Kanzler konstant “ourselves” in einer Form verwenden, als wären sie beide direkt Teil des Dritten Reichs gewesen. Scheinen also beide weit über 70 Jahre alt zu sein, wenn ich den Satz “We have been worse, Günter, far worse. We were worse because what we did, we did to our own. Cities burned away. Lampshades. Soap. Dental gold. Einsatzgruppen. Gas chambers and ovens. A whole gamut of horror visited upon the innocent by our ancestors . . . and ourselves.“, richtig verstehe. Die Sache mit der Deutschen Schuld habe ich als Spätgeborener nämlich nie so verstanden, dass ich bei einer Diskussion über den Holocaust eine “direkte, ganz persönliche” Schuld einräumen würde.

Interessant ist derweil, wie stringent die Charakterisierung ist. Günter, der sich bald als fanatisch nazihassender Verräter an der Menschheit erweisen wird, fragt nämlich: “And Dresden? [...] Hamburg? Damstadt?“. Oh ja, der Stachel von Darmstadt sitzt tief im deutschen Fleisch. Und die Grünen sind natürlich immer vorne mit dabei, wenn es darum geht Dresden, etc. als Kriegsverbrechen der Alliierten zu deklarieren. Aber eigentlich geht es nur darum, den moralischen Relativismus so früh wie möglich zu beginnen. Denn der Kanzler antwortet aus dem SS… öh… FF: “I didn’t say, my young friend, that we were alone in our guilt.

Whoa! Der deutsche Bundeskanzler, der mit Hilfe der Grünen regiert und offenbar zur SPD gehört, bezeichnet die Alliierten Bombardements deutscher Städte offen als Kriegsverbrechen und stellt sie mit den Menschenhautlampenschirmen, etc. auf eine Stufe. Gewagte These, Herr Kundesbanzler. Bombenholocaust, ick hör dir trappsen. Leitet aber nur dazu über, dass dem Kanzler, sofort nach dem er das Massaker von Fredericksburg gesehen hat, klar wird, dass es nur eine Lösung gibt um Deutschland zu retten: Die Waffen-SS verjüngen. Ist übrigens auch Günter sofort klar, was sein Boss da meint. Weil, hey, sooo abstrus ist der Gedanke doch auch wieder nicht. Oder? Oder? Und das alles auf den ersten Seiten nach dem Prolog.

Auf der nächsten Seite geht es dann auch schon um unsere Freunde im Westen: Die Franzosen. Wer jetzt glaubt der Wiki-Link wäre übertrieben: Nein. Denn die Franzosen haben nichts besseres zu tun, als gegen die Amerikaner zu demonstrieren, die es wagen den menschenfressenden Aliens die ihre Städte zerstören und ihre Bevölkerung verspeisen den Krieg zu erklären. Die müssen ja Schuld sein am Galaktischen Krieg, die Amis. Und darum fordert usere Fokus-Friedensaktivistin auch gleich mal die Kapitulation vor den Aliens. Und außerdem hat sie schon früher demonstriert: “Then it had been the Americans she had protested; them, and the war they had inherited from France. Now it was France she protested against, France and the war it had seemingly inherited from the Americans.

Im Weltkrieg gab es keine Seite die schlimmer war als die anderen und die Franzosen wollen sofort wieder kapitulieren. Und das wo die USA doch schon vor kurzem ihren Vietnamkrieg für die ‘zossen haben kämpfen müssen. Ja, die Herren machen keine Gefangenen. Und dann lassen sie die Aliens mal Europa charakterisieren. Wenn man wissen will, was der gemeine Faschist Konservative in den Staaten so von Europa denkt, bitte sehr:

It is a strange place, this ‘Europe,’ as they call it. United and divided. Wise and senseless. Fierce and timid. Heedless in peace, so say the records we have gleaned, but potentially fearsome in war.

Krieg kann Europa, sonst nix. Nach diesem Interludium befinden wir ns im Bundestag, wo der Bundeskanzler gerade über die Rejuvenation der Waffen-SS abstimmen lässt. Der Kanzler weiß übrigens nicht wen er mehr fürchtet. Die Linken, die ein Amtsenthebungsverfahren fordern werden, oder die Rechten die fordern werden, dass er endlich den Titel “Führer” akzeptiert. Weil, ganz ehrlich, der Begriff ist in Deutschland nicht so vorbelastet, dass man ihn in Zeiten der Not nicht wieder aus dem Giftschrank der Geschichte holen könnte. Ich frage mich, wen Kratman hier mit den Rechten meint. Sitzt in seinem Universum die NPD im Bundestag? Geht es um den rechten Flügel der CDU? CSU? Oder stelle ich Fragen die irrelevant sind, weil Kratman so weit gar nicht recherchiert haben dürfte? Egal.

Es gibt eine kurze Debattenrunde, in der Herr Kanzler einmal mehr zeigen darf, dass man heute lockerer und neutraler mit der Geschichte umgehen kann. Böse Zungen würden gar von moralischem Relativismus oder Verharmlosung reden. Denn als man von den Kriegsverbrechen der Waffen-SS spricht, antwortet der Kanzler: ““Were this true [...] then equally guilty would be Heinz Guderian, Erich Manstein, Erwin Rommel, or Gerd von Rundstedt. They actually did the higher level planning for that war. The people I propose to bring back were low-level players indeed compared to those famous and admired German soldiers.”” Und auf den Vorwurf, dass sie Gefangene erschossen haben hat der Kanzler folgendes Bonmot als Antwort parat: ““In that war everyone murdered prisoners.” Bei the way: Die Pro-SS-Fraktion spricht ruhig, sanft und beherrscht, während die Anti-SS-ler sie niederbrüllen und sich total unangemessen und radikal verhalten. Wie damals in Weimar. Nicht dass noch irgendjemand glaubt, es gäbe Argumente nicht sofort total begeistert zu sein von der Idee die Waffen-SS zurückzubringen.

Es wird also abgestimmt und am Ende kommt es auf die Stimme von Annemarie Mai an. Die Frau ist Grüne, Sozialistin und aus Wiesbaden. In der Reihenfolge der Schlechtigkeit. Und als jemand der sich mit dem Parlament nicht übermäßig auskennt (aber hoffte, dass die entscheidende Stimme von Jakob Maria Mierscheid ausgeht) stellt sich für mich die Frage: Wäre die Wahl über die Wiedereinführung der Waffen-SS nicht vielleicht eine, die … öhm… frei und geheim stattfinden sollte, statt öffentlich? Und dann auch der Reihe nach, statt dass alle zeitgleich abstimmen? So dass die Waffen-SS später mal eindeutig weiß, wer gegen sie gestimmt hat. Aber, hey, das sind ja anständige Soldaten. Die würden sich nie gegen einen demokratisch gewähltes Gremium erheben.

Egal. Annemarie Mai hasst Amerika (aber nicht die Amerikaner) mit glühender Leidenschaft und freut sich einen Wolf, dass Washington D.C. zerstört worden ist. Ja, so sind sie die Ökosozen. Warum hasst sie Amerika? Simpel: Imperialismus, kein Umweltschutz und “their insistence on an outdated economic system that had the infuriating habit of making her own preferred statist system seem inefficient“. Uuuuuuh, ice burn! Trotzdem stimmt sie für die SS.

Und – schnell, schnell! – bevor irgendwelche Netzspasten ‘ne Demos organisieren oder Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe einreichen können, lässt der Kanzler die überlebenden SS-Mitglieder zur Verjüngung schaffen. Das übernimmt der BND. Der wird wie folgt beschrieben

Another man, one of a pair, clad in the leather trench coat that marked him as a member of the Bundesnachrichtendiest—the Federal Information Service, Germany’s CIA—answered, “We shall take care of him from here on out. You and your home need trouble yourselves no further.” [...]

And when will the Gestapo, under whatever name they chose to go by, realize that those coats mark them for what they are as clearly as my Sigrunen—the twin lightning bolts—used to mark me.

Genau. Der BND, mit seinen Gestapo-Mänteln. Darum heißen Geheimagenten in Deutschland ja auch Schlappmäntel, oder so. Und sie fungieren offenbar als persönliche, grimmige Leibgarde des Kanzlers. Übrigens, Baen preist das Buch an als “meticulously researched“. Dabei sollte man wissen, dass “re-searched” hier soviel heißt, wie das Buch ist mal verloren gegangen, dann wurde es wiedergefunden und dann ging es wieder verloren. Weshalb es Kratman schon wieder suchen musste. Und dafür hat er jeden Zentimeter seines Wohnbunkers abgeklopft. Als er dann in was braunes, weiches gegriffen hat, da wusste er: Ah, da ist ja Watch on the Rhine. Um hier mal kurz vorzugreifen: Andere “meticulously researchte” Dinge sind die Spätzle aus Bayern, die Bundespost die noch 2004 für die deutsche Telekommunikation zuständig ist, die Kriegsmarine und – zumindest in der Online-Ausgabe – der Umstand, dass man nicht mal Hakenkreuz richtig schreiben konnte, sondern vom “Hakenkreutzer” sprach. Was ich mir sehr gut vorstellen könnte, als etwas dass in einer alten Ausgabe von Captain America vorkommt. So ein Naziboot in Hakenkreuzform. Meticulously researched, mein Arsch.

Der Kanzler trifft sich nun mit Mühlenkampf, dem Head-Honcho der neuverjüngten Waffen-SS. Und der liest erstmal Günter dem Grünen – der übrigens, wie deutlich betont wird, aus Hass auf die Armee seinen Zivildienst geleistet hat – die Leviten bezüglich seiner politischen Einstellung:

“A political fanatic is dangerous no matter if he wants to hang capitalists or to gas Jews or to make economic life impossible, Herr Kanzler.”

“I am no fanatic, SS man,” bridled Günter.

“Neither am I, bureaucrat,” answered Mühlenkampf, coolly. “I am a soldier and I rather doubt the chancellor brought me here to discuss politics. But to my mind a Red fanatic and a Green fanatic are indistinguishable. And Germany has had more than enough of both.”

Richtig. Die Grünen wollen die Wirtschaft lahmlegen und sind damit mindestens so schlimm wie die Nazis. Wozu die SS nicht gehörte. Das waren ja nur Elitesoldaten, die sonst nirgendwo anders hin konnten. Allesamt unpolitisch bis zum geht nicht mehr. Und wenn ich den vorletzten Satz richtig lese, dann ist Mühlenkampf Rot-Grün-Farbenblind. Hoffentlich muss er im Kampf gegen die Aliens nicht irgendwo eine Ampel überqueren. Echt jetzt, sich von einem SS-Mann Lektionen in Sachen Fanatismus anhören zu müssen… bitter, bitter. Und auch andere Mängel an der Gegenwart stellt Mühlenkampf fest: Wegen “certain types of Gästarbeitern” (lies: Moslems) darf die Bundewehr nicht mehr in Uniform auf die Straße gehen. Und der Kanzler will die SS der Bundeswehr – Pussywehr, wie sie im Buch auch gerne genannt wird – unterstellen. Das geht natürlich gar nicht. Wie Caesar geht es auch Mühlenkampf nur um seine “Würde”. Und diese Würde, ohne die der Soldat nicht kämpfen könne, zeigt sich darin, dass die SS a.) ihre schicken schwarzen Uniformen braucht, b.) ihre Siegrunen und c.) ihre alten Divisionsnamen. Okay, mit einer Ausnahme: Die SS-Division Hitlerjugend (angelastete Kriegsverbrechen wurden wahrscheinlich eh von der Wehrmacht, nicht der ehrenwerten SS begangen, wie der Mühlenklops referiert) wird umbenannt in die SS-Division Jugend. Das ist für die SS zwar ungewohnt, aber Raider heißt jetzt ja auch Twix: Sonst ändert sich natürlich nix. Die Waffen-SS ist – laut Mühlenkampf – so apolitisch wie eh und je. Habe Hitler und Himmler selbst wiederholt gesagt, dass sie sich mal ficken können. Und diese Unabhängigkeit symbolisieren die Siegrunen. Sicher, Dicker.

Achja, wie findet der gemeine Deutsche eigentlich die SS-Idee, Herr Kanzler? “While, I assure you, there are some people, especially down in Bavaria, [...] who would welcome the return of the SS with cheers, most of our people would turn away.” Das Schlimme daran: In Kratmans Weltbild sind diese Bayern – denn Bayern ist ja das Texas Deutschlands – die einzig vernünftig reagierenden Deutschen, während der Rest liberale Pussies sind. Denn die SS war ja unglaublich toll:

“There is one other thing, Herr Kanzler. The SS was perhaps the most cosmopolitan armed force in history, certainly the most cosmopolitan force of its size. We had battalions, regiments, brigades and divisions of Dutch, Belgians, French, Danes, Swedes, Latvians, Estonians . . . damned near every nationality in Europe. We even had control for a while, though they were not part of us, of one Spanish Division, the Spanish Azul, or Blue, Division. Moslems? Lots. I have no doubt but that, had we won the war and some of the Reichsheini’s wilder schemes for a Jewish Homeland come to pass that there would eventually have been a brigade of the Waffen SS that would have sported armbands reading, ‘Judas Maccabeus.’ Yes, I am serious,” the former SS general concluded.

*sigh* Wo soll man bei dem Bullshit zu schaufeln anfangen? Also, dass die SS Mitglieder fast jeder Nationalität hatte ist natürlich nett. Besonders wenn man bedenkt, dass die meisten Nationalitäten nur deshalb in der SS waren weil wir vorher ihre bekackten Länder erst überfallen und eingenommen haben, verdammte Scheiße. Auffällig, dass es keine englische SS-Brigade gab, oder? Und soweit ich weiß hat die SS weder Juden noch Slawen aufgenommen, das waren ja auch “Untermenschen”… aber, hey, was ist das schon unter Freunden? Und nach Kriegsende hätte man ja eine jüdische Division aufgestellt. Und bis es soweit war hat man sich halt die Zeit damit vertrieben aktiv in Heydrichs Einsatzgruppen hinter der Front mitzuwirken, die zu einem Drittel aus Einheiten der Waffen-SS bestanden und unter anderem fahrende Gaskammern betrieben und schon bis Ende 1941 eine halbe Million Juden umgebracht hatten. Von den Partisanen, Behinderten, Sinti und Roma ganz zu schweigen. Was Kratman, oder seine Figuren, darauf antworten würden ist klar: Das waren ein paar schlechte Äpfel, einige wenige, aber wegen denen darf man doch nicht den ganzen Baum fällen. Das ist nämlich die Kernagenda dieses Buches: Die Waffen-SS, mit der Ausnahme einiger weniger “böser” Menschen, aus dem Kontext Holocaust rauszunehmen. Der Rest hat halt das getan, was alle guten Soldaten getan haben: Befehle befolgt für das Vaterland… ist mir schlecht.

Anyway, das “jewish homeland” in Madagaskar… urks. Der eher oberflächlich bedachte Plan war schon 1940 aufgegeben worden. Und mehr als genug Historiker melden ihren Zweifel an, ob der Plan jemals wirklich umgesetzt werden sollte. Aber, hey, es passt halt schön in das Bild der sauberen, ehrlichen, anständigen, weltoffenen Waffen-SS, das Kratman hier zeichnet. Der Umstand, dass nach diesem Plan der Weg direkt nach Auschwitz und Birkenau ging? Geschenkt. Achja, die angeblich geplante SS-Division Judas Maccabaeus: Judas Maccabaeus hat hat einen Aufstand gegen das Seleukiden-Reich in den 160ern v.Chr. geleitet. Obwohl Kratman das natürlich alles “meticulously researched” hat, habe ich nie etwas von einem solchen Plan gelesen und behalte mir bis auf weiteres mal die Meinung vor, dass Kratman sich das alles aus seinem eigenen Arsch gezogen hat. Und dann hat der Divisionsname eine Bedeutung: Die Seleukiden waren die Nachfolger des Alexanderreichs und saßen zwischen Zweistromland und China. To wit: Proto-Moslems. Da liegt für Kratman die eigentlich Gefahr.

Und all dieser Blödsinn, und noch viel mehr den ich hier übersprungen habe, tritt alleine im ersten Kapitel zu Tage. Ich kürze ab jetzt bei der Zusammenfassung mal ein wenig ab. Also, in Kapitel 2 sind die SS-Männer erstmal schockiert über den Zustand der Bundeswehr, die wegen den gutmenschlichen Multikultireformen nur noch aus fetten, faulen, unfähigen Rekruten besteht, die hart wie Butter, schnell wie Eric Moussambani im 100-Meter-Freistil und zäh wie ein Filet Mignon sind. Und schlimmer noch: Die verweichlichte deutsche Gesellschaft hat dafür gesorgt, dass keiner von denen religiös ist. O tempora, o mores. Und noch schlimmer, weil Deutschland ja eine ökostalinistische Diktatur ist, demonstrieren Tausende im Angesicht der Alieninvasion gegen eine Panzerfabrik, die die Umwelt verschmutzen würde und gegen den Einsatz von atomar angetriebenen Panzern.

Es liegt also an den SS-Männern die deutschen Müttersöhnchen zu retten. Und wie geht das? Mit den alten Mitteln. Stechschritt und Marschlieder. Denn wie Mühlenkampf weiß: “The skinheads never got anywhere, Hansi, [...] because this is Germany and the assholes never learned to march in step . . .” Eben. Der Deutsche an sich ist ja nur zufrieden, wenn er im Gleichschritt marschieren darf. Und dann wird erstmal das Horst-Wessels-Lied angestimmt. Was kann denn das arme, unschuldige Lied dafür, dass es missbraucht wurde… missbraucht, sage ich. Schade, dass Kratmans und Ringos Deutsch offensichtlich nicht gut genug ist, um zu erkennen, dass in dem Lied die von seinen SS-Leuten verachtete SA besungen wird oder die Hitlerfahnen, obwohl die SS ja Hitler nie (nie!) gemocht hat. Au Mann. Aber all das ist natürlich nötig um die deutsche Jugend aus den Klauen der rotgrünen Musel-… öh… Alienappeaser zu befreien:

Ah, but Hansi, they forget something, those Reds and Greens. Several things, really. Germany was no less decadent, divided and weak in the 1920s. I was there. I remember. Yet we shook the world in the ’40s. Why? Because transformations like that are as superficial and shallow as they are easy. Those boys down there are Germans, Hansi—lemmings, in other words.

“Lemmings, they are, Hansi. Germans: mindless herd animals, at best.” The brief and indulgent smile was replaced in turn by a feral grin. Mühlenkampf slapped Brasche heartily on the shoulder, adding, “But they’d rather be in a pack than a herd, my friend . . . a pack of wolves.”

Über das da transpornierte Deutschlandbild schweige ich mal lieber. Deutschland war schwach in den ’20ern, aber schon in den ’40ern haben wir, in Form eines unprovozierten Angriffskriegs der rund 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, die Welt erschüttern können. Und vorher sind wir intern noch unsere Dissidenten, unsere Linken, Homosexuellen, Behinderten und “Rassenverräter” losgeworden. Ja, das klingt doch nach einer Zeit, die man so bald wie möglich mal wieder nachstellen sollte. Gerade weil Deutschland heute wieder genau so dekadent, schwach und gespalten ist. Ein paar ordentliche Rassengesetze und der Laden läuft wieder. Wobei natürlich die neuen Rassengesetze, dem Weltbild Ringos und Kratmans folgend, wohl eher gegen Moslems gerichtet sein sollten. Und das wäre dann natürlich eine legitime Verteidigung.

Also gut… also schlecht… also also, die SS verschärft die Grundausbildung so weit, dass ein Prozent der Rekruten schon in der Ausbildung ins Gras beißt: “not merely an acceptable, but a desirable figure“. Härtet die Burschen ab. Denn was sie nicht umbringt, macht die Jungs ja bekanntlich stärker. Ähm, außer natürlich das eine Prozent Jungs, die das umbringt. Die “Pussywehr” weigert sich aber leider dem heroischen Vorbild des SS-Trainings zu folgen. Der Grund: “There, the few Wehrmacht veterans scattered about were impotent to change things from the politically correct, multiculturally sensitive stew the politicians had made of the German army.” Gut dass wenigstens die SS-Männer wissen “what Germany, what Europe, what humanity, needed“.

Dumm nur, dass die SS-Kaserne zu dicht an Hamburg, Berlin, Essen und Frankfurt liegt. Wie das geographisch möglich ist, das sei mal dahingestellt, aber offensichtlich ist alles oberhalb des Weißwurst-Äquators stalinistisches Kernland und ideologisch verblendet, weil aus all diesen Städten zehntausende linksgrünschwule Friedensdemonstraten kommen (wie erwähnt wird, wählen 60% davon Grün) um gegen die SS zu demonstrieren. Faschisten! Also, die Demonstranten, nicht die Waffen-SS, versteht sich. Achja, die Friedensdemonstraten wurden angeleitet von den rot-grünen Politikern, die mit den intergalaktischen Bankern kooperieren. Und sie fordern “Freundschaft mit unseren außerirdischen Brüdern” und schlagen erstmal die anwesenden Polizisten samt und sonders nieder. Kennt man ja von den Ostermärschen, wie brutal diese “unwashed, long-haired young men” unsere durch Deeskalationsstrategien entmannte Polizei regelmäßig vermöbeln. Oder die Friedensmärsche gegen die Pershing-Stationierungen in den Achtzigern. Dagegen waren die Chaostage ein Zuckerlecken.

Die Frage ist nun natürlich, was soll die arme, von den Hippies bedrohte SS tun, nun da die Polizei ausgeschaltet wurde? (Vielleicht eine kurze Pause um die Täter-Opfer-Rolle hier nochmal einwirken zu lassen: Die Friedensbewegung hat die Polizei niedergeknüppelt und bedroht nun die arme, unschuldige, wehrlose Waffen-SS.) Klar: Sich verteidigen. Und so marschieren sie, das Panzerlied singend, aus der Kaserne heraus, um zu dem Teil zu kommen, bei dem Kratman die Hand in der Hose aufgeregt auf- und abbewegt haben wird, als er ihn schrieb. Der erste Cumshot in diesem SS-Porn. Denn jetzt bekommen die Ökos das, was sie im Weltbild von PI oder Kratman verdienen. Richtig schön aufs Maul:

Muscle and bone augmented by the same process that had returned the octogenarian Brasche to full youth, Hans’ fists leapt and flew like twin lightning bolts. Wading into the crowd, he strode over a medley of bleeding, tooth-spitting, choking, bruised and gagging leftists. Behind him, the singing grew louder and closer.

Dreckig kämpfen natürlich nur die Linken. Ist klar, die sind ja auch “ungewaschen”. (Verstanden? Dreckig… ungewaschen? Ba-da-dish!) So kann der SS-Mann Brasche beispielsweise keine Frau schlagen und wird sofort von den Friedensdemonstranten angefallen, als er zögert. Wobei dieses Beispiel von mutigem Widerstand gegen faschistische Gutmenschen scheinbar so toll ist, dass einige anwesende Demonstraten sich sofort bei der SS einschreiben. Sogar die emaskulierten “pansy boys” die sich vor der Armee gedrückt haben und ihren Zivildienst leisteten. Generalmajor von Ribbentrop (nein, nein, nein… different other chap), “an absolute weenie, a posturer, a knave” von der Bundeswehr gibt den Juden die Schuld an den Demonstranten. Aber, anders als die Bundeswehr, ist die neue Waffen-SS ist ja absolut antisemitismusfrei und darum erwähnt Mühlenkampf, dass die es Juden nicht sein können. Anders als die Bundeswehr können die Israelis nämlich kämpfen. Da, kein Antisemitismus in der Waffen-SS. Fall geschlossen, wo ist mein Hut. Stattdessen hat Mühlenkampf die wahren Feinde sofort erkannt: “Those papers contain the names of those I most strongly suspect of being our foes. You might let the men see those names before they sign out of the camp.

Ah, Proskriptionslisten für die SS. Mit den Namen derer, die Mühlenkampf “most strongly suspect[s]“. Betonung auf “suspects”. Beweise hat er keine. Braucht er aber auch nicht. In Kratmans und Ringos verschrobenen Weltbild sind ja die Philosophenkrieger von der SS das moralische Zentrum. Die machen keine Fehler. Und wenn doch: Da muss man halt mal im Namen der Freiheit dran glauben, wenn man sich verdächtig gemacht hat. Im Krieg gegen den Terror… öh… die Aliens kann man keine Rücksicht auf Verluste nehmen: “Of thirteen panzer Korps, fully a dozen have had their training sabotaged through propaganda, insistence on the rights of junior soldiers, withholding of vital supplies and equipment, and rigorous application of environmental regulations.” Bah! Das bestehen auf den Rechten von Wehrpflichtigen. Linker Faschismus, sowas. Also: Rechte, statt Pflichten.

Wir bekommen dann einen Nebenplot in dem der junge Freiwilige Dieter (alle Deutschen heißen natürlich Johann, Dieter, Klaus, Hans, Otto, Fritz und nicht etwa Kevin, Bill, Ronny, Murat oder Birkan) das deutsche “Fraulein” (natürlich nutzen auch alle Deutschen Worte wie “Fraulein”, “Libchen” oder “Lieber Gott im Himmel”) Gudrun für sich gewinnt, indem er betont, dass er trotz SS-Uniform kein Nazi ist (sein Oppa meinte er würde bei der SS besser ausgebildet werden als bei der Pussywehr… die haben ja auch die schneidigen Uniformen). Und schon ziehen die deutschen Soldaten in den Krieg. Und im Bus singen die Soldaten: “Muss i denn, muss i denn, zum Städele hinaus”. Weil, ganz ehrlich, dieser ganze neumodische Scheiß den die Marines hören um sich zu thrillen, Bodycount oder “Rock the Casbah” von The Clash oder so, der funktioniert natürlich nicht für Deutsche Soldaten. Der Deutsche braucht Heimatlieder, sonst kämpft er nicht. The StUffz don’t like it, rockin’ the Heide.

Und dann beginnt der Krieg. England hält das Gebiet südlich des Hadrianswall, der offenbar gegen raumfahrende Aliens genau so toll funktioniert wie gegen primitive Pikten. Italien und die BeNeLux-Staaten fallen. Die wilden, schluchtenscheißenden Alpenvölker verjagen die Aliens aus ihren Tälern. Für Frankreich und Polen sieht es derweil nicht gut aus. Und in Deutschland landen 30 Millionen Aliens. Ein fairer Kampf. Der in Mittelhessen besonders geführt wird. In Gießen und Marburg. Oh, hey, Marburg. Da habe ich ja bisher ein knappes Viertel meines Lebens verbracht. Da bin ich doch mal gespannt, wie ausführlich diese Stadt beschrieben wird. Wie dicht an der Realität das Buch ist. Also, gut Kratman, gib’s mir. Beschreib mir Marburg an der Lahn:

The ancient stone castle stood silent and untroubled, overwatching the ancient town below. From his hastily scraped fighting position, the castle and town beckoned Pieter Friedenhof with the hint, if not the promise, of safety.

Wooooow! Es ist als hätte Kratman sein Leben lang in Marburg gewohnt. “The ancient stone castle” und “the ancient town”. Wie schön, wie präzise, wie genau. Gut, es gibt hier auch noch eine “ancient church” in der Paule Hindenburg begraben liegt und oben auf den Lahnbergen gibt es ein Virologie-Forschungszentrum, wo man an Ebola, den Pocken und anderen Pandämieauslösern rumforscht, was man vielleicht in die Story hätte einbinden können, aber ich will mich nicht beschweren. Marburg bekommt mit diesen zwei Sätzen schon mehr Beschreibung ab als Hammelburg, Berlin, Gießen, Kiel oder Magdeburg zusammen. Und mit deskriptiven Parts haben es Ringo und Stratman ohnehin nicht so. Gedanken und Dialoge werden wiedergegeben, es wird auch gesagt was jemand macht, aber sowas wie eine Einleitung in der mal ein Handlungsort skizziert oder eine Person ein wenig äußerlich definiert wird oder sowas, das ist für linksgrüne Literatenschwuchteln. Echte Männerprosa braucht sowas nicht. Ist vielleicht auch besser, denn wenn Kratman und Ringo lyrisch werden, dann kommt sowas dabei raus:

Weather reports spoke of snow coming from the south, but Pieter felt already as if a blizzard had descended upon his heart and soul.

Achja, Landserromantik. Und während die Grünen die Pläne der Bundeswehr an die Aliens verraten – in der Hoffnung dass diese gewinnen und der Überbevölkerung durch den Virus Mensch ein Ende bereiten (ja, so denkt er, der gemeine Grüne) – haben sie mit der SS weniger Glück. Die weigert sich der Politik ihre Pläne zu verraten. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich unsere Militärelite, die nur unser Bestes will, vor der verräterischen Politeska verantworten müsste. Abstruse Idee. Abstrus. Ungehindert von politischen Ränkespielen funktionieren Armeen doch immer am Besten. So wie damals in Griechenland, als die Obristen das Land vor der Rotfront gerettet haben. Hätte die die Armee kontrolliert, dann wäre sowas nie passiert. Gut, all das hier wäre dann auch nie passiert, aber es war doch zum Wohle des Volkes. In Kratmans Welt muss der Moloch Regierung nunmal kontrolliert werden von einem Gegenwicht, bestehend aus einer unkontrollierten Elite-Armee.

Achja, und die Armee hat Neutronenbomben, Atom- und Antimateriewaffen und setzt Depleted-Uranium-Munition ein. Muss sie natürlich heimlich tun, weil sich sonst die linksgrünen Ökofaschischten sich beschwert hätten:

As for the DU penetrators themselves, the left would have shrieked their fury to a ritually denied Heaven could they have known how the otherwise simple rounds had been modified . . . and why. The use of depleted uranium itself had been a close run thing in the Bundestag, the German Parliament. “Ecologically unsound. Environmentally unsafe. Polluting . . . filthy.” Aesthetically unappealing. Heretical. Upsets me at my vegetarian breakfast. Forces me to contemplate that which must be denied.

Ebend. Ökologisch unsicher, verschmutzend, dreckig. Und noch dazu ästhetisch unattraktiv. So denkt er, der frühstücksvegetarische Linke. Ich frage mich ja, ob Ringo oder Kratman je einen Linken oder Grünen getroffen haben. Also, einen den sie sich nicht selbst aus Stroh zusammengebaut haben. Gibt ja auch keinen wirklichen Grund nicht begeistert davon zu sein, dass strahlende Mun verwendet wird. Aber kehren wir zum Krieg zurück.

Die von der Pussywehr verteidigten Städte wie Aschaffenburg fallen fast sofort. Auch Marburg fällt, weil der Ex-Freund von Gudrun (der Romantik-Subplot, wir erinnern uns) sich auf seine Trennung, statt den Krieg konzentriert und dann vor Panik flieht, woraufhin ihm alle anderen Pussywehr-Gefreiten folgen. Die Schlachtbeschreibungen sind öde, dröge und sehr blablablabla. Da wünscht man sich Clancys Prosa aus Red Storm Rising zurück. Also, die Fronten bröckeln. Die “innocent, bright, [...] “battle maiden” who would never hurt a soul” Gudrun wird gefangen genommen und verspeist und es gibt weitere Prosaperlen. (“He watched as a human—a female he thought, based on the curious bumps on the creature’s chest—had her nestling torn from her arms.“… hihihihi, Titten… echt gezz, Kratman/Ringo, werdet erwachsen.) Der SS wird klar, dass sie durchgreifen muss, um Deutschland zu retten: “It’s true, Dieter. The rot must be stopped as soon as it starts. Sometimes, if you train them right, the rot doesn’t start for along time; maybe not until the war is over. But when you have as much rabble in uniform as Germany today has, you don’t have much choice but to use harsh measures.

Das haben wir gerne: Erst alle zum Wehrdienst zwingen und sich dann beschweren, dass die Leute keine Top-Soldaten sind. Aber das muss ja so sein: Wenn sich Menschen um den Dienst in der Armee drücken dürfen, wie soll man dann merken, wer ein schlechter Soldat ist? Und wer ein schlechter Soldat ist, der ist nach dem Krieg ja eindeutig auch ein schlechter Bürger, der seinem Land schadet. Nur darum ist Deutschland ja in dieser desolaten Verfassung. Wie gut, dass der liebe Gott das Seil und den Galgen erfunden hat um solche Probleme zu lösen. Und nur damit das keiner vergisst: Die SS-Leute die so argumentieren, sind Kratmans und Ringos Helden und die einzigen im ganzen Buch, die “vernünftig” und “moralisch richtig” agieren. Vielleicht nochmal eine kleine Prosaperle zu den Deserteueren:

Of course they had taken to their heels. These were the fleet-footed remnants, the early deciders, the least brave of all. Any good men, any good leaders? These were those most likely to have held on that fatal few seconds too long before, during the wretched rout at Marburg. In short, these were long since stuffed, in butchered parts, down alien gullets; and then, long since, deposited in malodorous lumps onto the soil thus soiled.

The good of the 33rd Korps had become shit . . . while the shit had become a sort of human diarrhea. This loose shit ran.

Eine äußerst beschissene Metaphorik, wenn ich das mal so anmerken darf. Nun gut. Die SS schießt nun also die Deserteure ab (“spoiled by mama’s teat and weakened military training“) und verurteilt danach, nach römischen Recht, jeden zehnten Deserteur zum “Todt durch dem strang.” Ähm… Todt?

Teile der Regierung (lies: die Grünen) waren zwar dagegen und das Kanzleramt forderte die Herausgabe der Deserteuere, aber die Bundeswehr verweigerte diesen Befehl (Bürger in Uniform, die nicht einfach nur Befehle ausführen… wie schön, so haben sich die Väter des Grundgesetzes das gedacht) und gibt sie lieber der SS heraus. Dann kommt der nächste Porno-Part. Wo man zuletzt mastrbierte weil Linksgrüne aufs Maul bekommen, da masturbiert man nun weil Feiglinge baumeln. Ich spul mal vor, die Exekutionsszene dauert ein wenig.

Der neue Stand des Krieges: Deutsche Soldaten halten die Oder-Neiße-Linie (wie gut, dass keiner der SS-Leute ein Heimatvertriebener ist, der Probleme mit dieser Grenze hat) und die Siegfried-Linie, während die letzten französischen Truppen (die bald erkennen, dass seit Napoleon I. keine französische Regierung mehr etwas getaugt hat und sich dem Kommando der SS unterwerfen) die Maginot-Linie halten. Irgendwofür muss das Ding ja gut sein. Schade, dass man den Atlantikwall nicht mehr verwendet. Und mit Deutschland geht es derweil bergauf. Zumindest wenn man Ringo Kratmans wirren Gedanken folgt, denn der Kanzler hat die Faxen dicke, dass die Grünen der Armee im Weg stehen und lässt darum rund fünf Prozent der Regierung von der SS verhaften, weil die Polizei am Ende noch weibische Verfassungseinwände hätte:


“Germany has enemies, enemies she has nurtured at her own breast. They cannot be allowed to sabotage us any longer.

“No, damn them!” fumed the Kanzler. “Nor will they until about five percent of them are removed from office!”

“Well, Herr Kanzler, surely your precious democratic constitution has provisions . . .”

“Not for this, General. Not for what must be done now.”

“Ohhh, I see. You want my Korps to break the law, do you?”

The chancellor glared. “Desperate times, General . . .”

Und nochmal dran denken: Die Politiker, die meinten dass es eine dumme Idee wäre die SS wieder einzuführen, werden als Paranoiker dargestellt, während dieser Akt hier nicht nur sinnig, sondern legitim ist. Weil Deutschland doof genug war nach dem zweiten Weltkrieg keine Ermächtigungsklausel in die Verfassung einzubauen. Als Dank für diese kleine Gefälligkeit darf die SS dann auch endlich wieder ihre Siegrunen tragen. Und zwar auf einem wunderschönen Fackelzug, der nicht nationalsozialistisch ist, weil er ganz ohne Hakenkreuze auskommt. Und wie der Kanzler ernsthaft denkt: “I wish that I had had the foresight to have Leni Rieffenstahl rejuvenated before she passed away in 2003. What a propaganda scene she could have made from this.

Fackelzüge und Riefenstahl und nur auf ihre Ehre bedachte, apolitische Nazis. Wie schon bei den Marschliedern zeigt sich übrigens auch hier: Der Deutsche hat sich nicht geändert. Auch nicht in seinen Ansprüchen. Riefenstahl-Propaganda, die funktioniert immer noch für ihn. Dann dürfte dem durschnittlichen Deutschen dieses Buch ja liegen. Grünspan-Günni, der von “our holy mother earth” faselt (denn alle Grünen sind gaia-anbetende Heiden) ist schockiert und droht – total undemokratisch, da sieht man wo die Macht in einem Staat liegt, der kein funktionales Zwei-Parteien-System hat – damit, dass die Grünen dem Kanzler die Unterstützung kündigen und ihn stürzen könnten. (Sowas würden andere Parteien bekanntlich nie tun.) Und ganz der Demokrat der er ist, wie ist dieser Faschist eigentlich an die Macht gekommen?, antwortet der Kanzler darauf mit diesem Wittizismus: “ I used to need your Green Korps. But now? Now I have the Black Korps, my green-hued friend.” Und lässt Günter abführen. Genau das hat dem Kanzler in den letzten fast sechzig Jahren gefehlt: Eine Praetorianer-Garde unter seinem persönlichen Kommando. (Außer wenn sie nicht auf ihn hören will.) Schöne neue Welt.

Aber natürlich muss der Kanzler nochmal klar machen, dass das hier was ganz anderes ist als damals und so fragt er den Ex-Zivi-jetzt-SS-Jungen, ob er Nazis in der Waffen-SS kenne. Dessen Antwort: “One, mein Herr. [...] He is a bad man and we all hate him. He is, however, a very good tank driver so we put up even with him, for the Fatherland.” Ein einziger Nazi in der Waffen-SS, den alle hassen? Na dann ist ja gut.

Wie geht denn der Putsch… öh… die Befreiung Deutschlands von der linksgrünen Diktatur voran? Gut: “The general reports that most suspect members of the Federal Legislature are under arrest, along with the A list of suspects within the Bundeswehr higher command echelons. In addition, leaders of the more radically antihuman of the political parties are almost entirely in the bag . . . Though some have already been executed . . . er, shot while escaping.

Neben dem kleinen Witz, dass man ein paar sofort exekutiert… öh… auf der Flucht erschossen hat (hahaha… dieser wacky conservative humor), lese man nochmal ein Adjektiv besonders heraus “suspect“. Die SS beseitigt hier nicht Leute von denen sie weiß, dass sie mit den Aliens kooperieren, sondern Leute die nur “verdächtig” sind. Was für Kratman und Ringo aber keinen Unterschied macht: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Und wer nicht bedingungslos hinter der Waffen-SS steht, der hat es verdient von der Waffen-SS vernichtet zu werden. Oder in Schutzhaft zu landen. Ich frage mich, was aus Annemarie Mai geworden sein mag, jener Grünen-Abgeordneten die die entscheidende Stimme für die SS abgegeben hat.

Auch anderswo räumt Deutschland endlich so auf, wie es wohl mal nötig war:

Yet there was a new ruthlessness in Germany, a ruthlessness that cared little for the “rights” of individuals, much for the survival of the Volk.

Student deferments? Gone. Alternative service? Gone. Refusal to serve? Conscientious Objector status claimed? The Penal Formation once known as the 33rd Korps grew to meet and then exceed its former strength. And the hangmen were often kept quite busy.

Nice, safe and comfortable billets in the rear? “No more, my son. You are going to the front. Women can do your job well enough.”

Only workers vital to the war effort were spared the sweep of conscription. Many of these were agricultural. Many others were industrial. Some were scientific and industrial both.

So stellen sich Ringo und Kratman das perfekte Deutschland vor. Unter Waffen, jeder dient, keine Intelligentsia sondern nur Bauern, Arbeiter und Soldaten. Jede Opposition wird ausgeschaltet und all diese von den kommunistischen Arschpiraten erfundenen “Rechte” (bah!) die das Individuum für sich verlangt, müssen hinter dem Volkswillen zurücktreten. Also, im Kern das Dritte Reich, nur dieses Mal ohne die Judenverfolgung. Der Rest war ja offensichtlich ganz toll, wenn ihn nur die zwei oder drei echten Nazis nicht mit ihrer Endlösung in Verruf gebracht hätten… argh!

Und jedes Schuldgefühl für den Holocaust endet damit, dass die SS-Division Judas Maccabaeus endlich eingerichtet wird. Israelis in Deutschland tragen die Uniform der Waffen-SS (nur mit Davidsstern statt Siegrunen) und kämpfen gemeinsan gegen die Aliens. Nur die Franzosen, die weigern sich den Juden in dieser Stunde der Not zu helfen. Grund: “[A]nti-Semitic France’s strong and vocal Muslim minority had put up vigorous protests towards the notion of sheltering the religious and cultural enemy.” Ja, alle Menschen sind endlich Brüder. Bis auf die Moslems, die Grünen und die Franzosen. Welche der Gruppen Kratman schlimmer findet, das muss man selbst entscheiden.

Und die SS marschiert. Singend. Über Kopfsteinpflaster. Weil ganz Deutschland scheinbar nur aus Kopfsteinpflastern besteht. Ist aber vielleicht einfach nur der bessere Marschierboden. Was weiß ich. Wenn die Waffen-SS mal nicht marschiert, dann wächst und wächst sie. Neben den Israelis dienen hier auch immer mehr Deutsche, die der “political correctness that had infected [the Bundeswehr]” zu entkommen versuchen und nun von der SS, wie es ein Ausbilder auszudrücken pflegt, endlich wieder “härter als Kruppstahl” gemacht werden. Auch Fünfzehnjährige tun endlich wieder freiwillig ihren Dienst. Und der Eifer der Truppen steigt, seitdem man angefangen hat Zivilisten zu exekutieren, “who had interfered with the army’s training and morale“. “Interfered with army’s morale” ist wahrscheinlich die freundliche Version von: Haben Kritik an der Armee und ihren willkürlichen Exekutionen geübt. Wobei, willkürlich? Nein, diese ehrbare Armee doch nicht.

Zudem hat die SS endlich ihren total geilen, atomgetrieben, Railgun-Superpanzer bauen können (dieses Mal ohne logistische Probleme), den man eiskalt “Brünnhilde” nennt. Und dann macht man eine Testfahrt während der Ritt der Valkyren aus den Lautsprechern erklingt. Der Panzer hat die Macht des Klischees. Und um das Klischee vollzumachen, hat er zudem eine Künstliche Intelligenz, die nicht nur altklug ist, sondern es auch noch mag mit den Panzerkommandanten zu debattieren. Weil Waffen mit KI ja so eine tolle Idee sind. Au mann…

Das Problem: Die SS ist so gut, dass die Aliens von ihr lernen, wie man richtig kämpft. Und deshalb hat man ja schon in Russland verloren: “It seemed the Germans had managed to do what they had done before, even with the Russians: teach an enemy to fight as a combined arms team.” Ich hatte ja gedacht, dass der Winter irgendwo Einfluss auf die Niederlage an der Ostfront hatte, aber offensichtlich war die SS viel zu gut um zu gewinnen. (Was für eine absolut blödsinnige Idee.) Und so fällt bald auch Mainz und die gesamte Rhein-Main-Region. Zumindest helfen die Deutschen den Flüchtlingen bereitwillig mit dem letzten bisschen aus, was sie selbst haben. So wie damals, als man sein Herz den Ostvertriebene öffnete. … Oh, halt.

Und selbst jetzt, da es eng aussieht für Deutschland, kämpfen die Deutschen wie die Berseker. Wie ein Franzose begeistert feststellen muss: “Give the bastards their due. When their blood is up, when it really matters, they know how to die.” Ja wie sterben sie denn, wie sterben sie denn? Antwort: Mit pathetischen Reden:

“We have been under siege for five days. For five days we have had no food. In ten minutes the enemy will attack; we can hear him massing now. I have only one magazine left for my rifle. The mines are expended. The machine gun is kaput. We are out of range of mortar support and I cannot raise the artillery. We have rigged a dead-man’s switch on our last explosives to ensure our bodies do not go to feeding the enemy. Tell my family I have done my duty and will know how to die. May the German people live forever!”

Ja, möge das deutsche Volk auf ewig leben, so dass es ewig im Krieg sterben kann, wie sich das gehört. Und zwischen belanglosen Panzerkriegsszenen geht Deutschlands Reise in die “gute alte Zeit” weiter. SS-Lazarette entstehen, mit Siegrunen neben dem Roten Kreuz und Feldlazarett in guten, alten gothischen Buchstaben geschrieben, nicht in dem neumodischen romischen Kram. Denn wenn die SS eines weiß, dann dass die in der PISA-Studie diagnostizierte Leseschwäche der deutschen Schüler daher kam, dass diese gezwungen wurden undeutsche Buchstaben wie das “c” zu verwenden, während klassische toitsche Buchstaben wie das “uuaer” oder das “thyth” verschwunden sind. Echt gezz, Kratman, als könnten Fettie und die Unterschichten-SS das gothische Alphabet entziffern. Oder Fraktur. Oder Sütterlin. Die können ja noch nicht mal Plastikspielzeig von Schokolade unterscheiden. Dafür stehen sie aber tierisch auf den guten, alten Roggenmehl-Ersatzkaffee, den ihnen das Heer gibt. Der hat uns schließlich schon in Stalingrad treue Dienste geleistet.

Ansonsten geht es weiter mit dem was Deutsche so lieben: Marschieren und singen, singen und marschieren. Mutig dem Tod entgegen. Mit einer Treue heißenden Ehre, die die Politiker ihnen bisher verwehrt hatten. Und so ist unser alter SS-Haudegen Mühlenkampf auch zu Tränen gerührt, als er folgende Szene mitbekommt: “Some of that sausage-bound flesh, in the form of the infantry division marching to the front to be butchered, sang under Mühlenkampf’s window.” Schön. Wobei ich nicht sicher bin, ob die Pathostriefigkeit dieser Szene nicht noch schöner gewesen wäre, ohne den Würstcheneinschub. Aber es geht hier ja um Deutschland. Insofern: Wahrscheinlich nicht.

Zwischendrin nutzen Kratman und Ringo die Gelegenheit nochmal um den Unterschied zwischen der ehrbaren SS und den echten Nazis deutlich zu machen. Nimmt sich eigentlich nicht viel, nur dass der Nazi die jüdisch-slawischen Untermenschen hasst, während der ehrbare SS-Mann alle Menschen liebt (bis auf Deserteure, Vaterlandsverräter, Kriegsschädlinge, Volksschädlinge, Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Demokraten, Grüne, Gutmenschen, Bildungsbürger, kinderlose Frauen, Lesben, Schwule, Wehrdienstverweigerer… oh und Nazis, die hasst der ehrbare Waffen-SS-Mann an sich wie kein Zweiter). Und darum kann man die Waffen-SS klar von den Nazis unterscheiden, während “Krueger [der eine Nazi in der ganzen Waffen-SS] would have been appalled to learn that, at the level of core philosophy, he, the Nazi fanatic, and Günter Stössel, the Reddish Green fanatic, were not so far apart after all.

Nun ist Strohmann Stössel, der Grüne, natürlich eine sehr abstoßende Figur, aber ich unterstelle Kratman und Ringo mal schweinefieserweise, dass es ihnen hier gar nicht um den einen Radikalen am äußersten Rand geht. Denn während in der SS nur einer ein Nazi ist, sind die Grünen durch die Bank weg menschenverachtende Radikalinskis. Achja, was macht Günter eigentlich jetzt, da er von der SS abgeholt wurde? Nun, er und seine 447 anderen Mitverräter verrotten lebenslang in Spandau. Erst wollte der Kanzler sie alle hinrichten lassen, aber er hatte Angst, dass sie dann für die Gutmenschfaschisten zu Märtyrern werden. Kluger Mann, der Kanzler. Da kann sogar Helmut Schmidt noch von lernen.

Bedauerlich für das tolle, neue Sparta Deutschland ist leider eines: Es wird nicht mehr lange halten. Die Fronten sind am kollabieren und der Rhein wird gefrieren, so dass die Posleen einfach drübermarschieren können. Mist. Dieser verdammte, linksgrüne, vaterlandsverräterische Rhein! Jetzt wo es dem Ende entgegen geht, stellt man sich natürlich die ernsten Fragen. Etwa: Wie konnte es damals zum Holocaust kommen? Wie konnten normale Menschen sowas zulassen? Schwierige Fragen, die unsere Moralphilosophen in sechzig Jahren nicht haben lösen können. Wie gut dass wir Kratman und Ringo haben, denn die finden die Antwort in weniger als einer Seite:

“They gave of their blood and they gave of their hearts. They fell in battle in droves for their ‘German Fatherland.’ Ten thousand of them fell in battle, Rinteel . . . giving all they had to give for what they thought of as their country. Rinteel, ten times that many served. More than the national average. They were us.

“And so, Indowy Rinteel, it is as if God used us, we Germans, to some purpose of his own . . . but we just don’t know.”

The Indowy digested that . . . thought upon the foolishness . . . thought upon the pain in Mueller’s voice. Finally he said, “It was a madness then.”

Mueller agreed. “Yes Rinteel, it was a madness.”

Eine Mischung aus “die Wege des Herrn” sind unergründlich und Wahnsinn. Na, war das jetzt so schwer, dass wir uns darüber über ein halbes Jahrhundert den Kopf zermartern mussten? Okay, Ende der Frontphilosophie. Zurück in die Realität. Da überqueren die Posleen gerade den Rhein und sie benutzen ihre menschlichen Gefangenen als lebende Schutzschilde. Und Waffen-SS-Mann Schulz ist schockiert, denn er weiß dass das ein Erfolg der Posleen wird. Nicht aus PR-Gründen, sondern weil die deutschen Soldaten nicht zu “that kind of soldier” ausgebildet worden sind, die aus der Hüfte Zivilisten erschießen können, wenn es Not tut. “Shit.“. Man beachte nochmal: Das Problem ist nicht, dass die Posleen menschliche Schilde verwenden, das Problem ist, dass wir unsere Soldaten nicht dazu ausgebildet haben, Zivilisten ohne zu zögern abzuknallen. Also opfert sich die SS und nur die SS und übernimmt das für die verstörten, schlecht trainierten Kinder. Und um das richtig schön reinzuhämmern: Das sind die moralisch richtig handelnden Helden. Klar, die Tat ist unschön, aber man nimmt die Schuld fürs Vaterland auf sich. Zumindest empfinden das alle, bis auf den einzigen Nazi in der Waffen-SS, als unangenehm. Der eine Nazi hat derweil jede Menge Spaß.

Schade nur, dass anderswo die Pussies die Lage kontrollieren: Denn ein französischer Jungsoldat, Sohn der Anti-Kriegsdemonstrantin aus Kapitel 1, ist nicht in der Lage eine mit Zivilisten besetzte Brücke zu sprengen. Das verübelt ihm zwar hinterher keiner, er ist ja nicht ordentlich ausgebildet worden, aber trotzdem geht damit die Westfront flöten. Und seine Mutter muss schon bald eines einsehen. Das hier ist alleine ihre gutmenschliche Schuld, dass sie es gewagt hat ihrem Sohn Respekt vor dem Leben einzubleuen. Dran denken, sowas ist auch wichtig für den Fall eines spontanen Ausbruchs von Zombieismus. Naja, zumindest lernt sie aus ihren Fehlern:

I made you to be a fine boy, warm and kindhearted and good. And so, when the time came, and you needed to do something horrible to prevent something worse, you could not. But it was my hand that froze yours, my loving mother’s heart that pierced your own. The guilt, my son, is all mine. And none of the blame is yours.

And so, tomorrow when you awaken to breakfast . . . and for every morning to come, you will find a mother who will give her heart and soul into making you what I never wanted you to be: a soldier. You will find a mother who will advise you and prompt you and support you in becoming the best French soldier in a century.

For “Survival cancels out programming.”

Nach der Westfront fällt auch die Ostfront, aber man geht zumindest mit wehenden Fahnen unter, seinem letzten Sieg entgegen. Und auf die Frage aus dem Werbespruch, ob die SS “redemption” erlangen kann. Die Antwort darauf überlassen Kratman und Ringo nicht dem Leser. Am Ende kommt der noch auf dumme und falsche Gedanken: “Hans’ left hand stroked his right lapel, feeling the Sigrunen sewn there. And they are clean, my soldiers. No crimes to their name, not even the crimes of necessity. Their sins, if any, I have assumed. And I was likely damned anyway.” Und dann legt SS-Mann Brasche die Siegrunen ab, denn er hat ihre Ehre wiederhergestellt und braucht sie jetzt nicht mehr. Außerdem “They were only a symbol, after all, one that meant different things to different people.” Eben.

Es ist ja nicht so, dass bestimmte Symbole so fest mit einer Institution verbunden sind, dass diese Konotation alle anderen überlagert. Das ist offensichtlich nur eine Meinungsindoktrination der Deutschland beherrschenden Rotgrünfaschisten gewesen. Und als nächstes befreien wir dann Symbole wie das Hakenkreuz, Zahnbürstenschnurrbärte, den roten Stern und Stefan Effenbergs Mittelfinger. Achja, falls jemand Kratman und Ringo widersprechen will, dann könnt ihr das Vergessen. Die beiden berufen sich nämlich auf “authority by holocaust”. Selbst der jüdische SS-Mann akzeptiert, dass “the Sigrunen meant something different now—the lightning sword of vengeance—to most Germans, to most Europeans, and even to a fair number of Israelis“. Für ihn persönlich zwar nicht, aber im Generellen akzeptiert er das. Bitte sehr, wenn selbst ein Jude – gut, ein von Kratman und Ringo geschriebener, fiktiver Strohmann-Jude in SS-Uniform – sagt, dass das alles in Ordnung ist, wie kann man dem dann widersprechen?

Und damit nähern wir uns dem Ende des Buches. Die Bayern und Alpenvölker kämpfen zwar noch, aber der Rest der Deutschen zieht sich langsam nach Skandinavien zurück. Der eine, alleinige Nazi in der SS wird von seinem Kameraden erschossen, der vor dem Weltkrieg ein Jüdin geheiratet und nach dem Weltkrieg in der israelischen Armee gedient hat (“you NAZI SON OF A BITCH“). Günter und die anderen Grünen werden von lachenden Wachen in Spandau zurückgelassen und von den Posleen gefressen. Selbst die Anti-Kriegsfranzösin ist zu Tränen gerührt, dass nun auch Zwölfjährige ihren Dienst in der Waffen-SS tun. Hach schee, Kindersoldaten. Das waren schon immer die verblendetsten. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Kratman und Ringo Tränen der Rührung in den Augen hatten, als Zitterhand-Adolf in Der Untergang seine Berlin verteidigende Hitlerjugend geehrt hat. I’m doing my part, too!

Und ein Soldat nimmt bei der Nordflucht etwas deutsche Erde mit in seinem Helm, denn “someday, children will ask us, ‘What is Germany?’ And I thought I might be able to point to this helmet, filled with the rich soil of home and the last remains of as pure a spirit and heart as Germany ever produced, and encased in and protected by a helmet of war as only soldiers ever could have protected Germany. And with that, maybe I will be able to explain.” Ist ja gut. Blut und Boden, wir haben’s verstanden. Ob die Kinder das natürlich verstehen, das sei mal dahingestellt. Aber ist natürlich sicher ein tolles Postermotiv für die nächste “Du bist Deutschland”-Kampagne. “Mutti, Mutti. Was ist eigentlich Deutschland?” – “Äh, so Dreck von draußen in ‘nem Pott für’n Kopp.” – “Hä.” – “Vergiss es, das ist ‘ne Allegorie für irgendwas, dafür bisse noch zu jung. Oder so.”

Aber irgendwie hat es sich ja auch gelohnt, die Alieninvasion, denn wie Mühlenkampf festhält:

We have saved nearly twenty million of our own people here; a like number have found safety in the Alps. Add to that several million more French and Poles and Czechs and Italians.

The people we saved, too, are the most precious: women to breed more soldiers in abundance, wise farmers, skilled workers. And enough soldiers have been saved to make a seed from which mighty armies will grow. North and south we shall grow again; we shall marshal and build our strength. And the enemy has no chance of digging us out from either Scandinavian snows or Alpine fortresses; they’ll starve first.

“But we will not starve, Herr Kanzler. Oh, yes, rations may be a little scant and bland until we can break out from our mountain fastnesses. So what? The Volk had become pudgy with prosperity, and a lean wolf is a fierce one.

“No, Herr Kanzler, the war in not lost, but only beginning.”

Oh schöne neue Welt, der Krieg hatte auch was Gutes. Zumindest haben die fleischfressenden Aliens den bösartigen Tumor Zivilgesellschaft aus dem kränkelnden Volkskörper herausgeschnitten. Die Schwachen sind gestorben, die Starken haben überlebt. Bauern, Arbeiter, Soldaten und Frauen um mehr Soldaten “auszubrüten”. Und das Brutprogramm um diesen gewissen Nukleus des deutschen Volks zu erretten, verlangt sicher… hrrr, hrrr… das Ende der monogamen Lebensverhältnisse. Ein Opfer das man bringen muss, für die Zukunft der deutschen Rasse. Und irgendwo im Hintergrund erhebt sich Dr. Seltsam aus seinem Rollstuhl und erwähnt: “Mein Führer! I can walk!

Epilog

Jahre in der Zukunft, das deutsche Volk hat sich erholt und sich zu einem weiteren Klischee entwickelt: Nazis im Weltraum. Pardon, habe ich doch glatt die ehrbaren, apolitischen Waffen-SS-Arschlöcher aus dem Buch schon wieder als Nazis bezeichnet. Tsk, tsk, tsk. Wie komme ich da nur drauf? Vielleicht weil sie all ihren Schiffen Namen der Kriegsmarine gegeben haben? Übrigens arbeiten sie mit der japanischen Raumflotte zusammen. Alte Freunde, kann niemand trennen… oder so. Wo ist denn bitte schön der Raumkreuzer Scipio Africanus, wenn wir schon die Achse wieder zusammentrommeln? Na gut. Statt der Italiener kämpfen jüdische SS-Raumschiffe mit. Hey, moment! Jews in Space? Im Ernst? Da Kratman die Raumschiffe nicht im Ansatz beschreibt, gehe ich mal eiskalt davon aus, dass das wirklich so aussieht.

Und die Weltraum-Nazis haben es nun geschafft, den Heimatplaneten der Banker-Aliens zu finden, die die Posleen finanziert haben. Und sie Bomben ihn aus dem Orbit kaputt, wobei sie auch fliehende Zivilschiffe zerstören. Ist aber alles total legal: “[T]he ships attempted to run the human-imposed blockade. But centuries-old human laws of war held it perfectly legitimate to engage civilians trying to flee a siege.” Und Mühlenkampf, jetzt Chef der Weltraumflotte, stellt klar, was das Ziel dieses Angriffs ist: “[O]ur sights are set lower. We only wish to change you from living to extinct.”

Gut, die Ausrottung außerirdischer Rassen ist ein bekannter Topos in der SF, aber hier wirkt er natürlich besonders effektiv. Denn dieser neue Holocaust ist ja, anders als der letzte Holocaust, ein “guter” Holocaust. Weil er ja die richtigen trifft. Aliens, die es verdient haben. weil es da keine Unschuldigen, keine zehn Gerechten, kein einziges Alien geben wird, dass vielleicht gegen diese Politik war oder versuchte sie zu verändern. Anyway: So endet das Buch, das mit der Verjüngung der Waffen-SS begonnen hat, ganz themengerecht mit der kompletten Ausrottung einer außerirdischen Spezies. You get what you pay for.

Fazit

Der hier drüben musste während meiner Lesephase ein wenig als seelische Schrägablage dienen, weil ich mir meinen Hass auf das Buch schon beim Lesen in Form von E-Mails von der Seele schreiben musste. Und dabei kam die Frage auf, ob ich sicher bin, dass das nicht alles nur verdammt clevere Satire ist. Naja, das wäre es beispielsweise, wenn sich auf der letzten Seite rausstellt, dass die vollen vierhundertschlagmichtot Seiten davor ein Manuskript von Martin Bornmann oder Heinrich Himmler sind, der sich beim Schreiben ordentlich einen geschubbert hat und jetzt nochmal volles Rohr über die Seiten kommt. Quasi wie in Spinrads The Iron Dream.

Aber es ist keine Satire. Und um das auch dem letzten Deppen deutlich zu machen, fügen die Autoren auch noch ein Nachwort an. Ich will jetzt nichts über die Leserschaft mutmaßen, aber vielleicht hatten Kratman und Ringo tatsächlich Angst, dass ihrer Leserschaft der allegorische Hammelsprung in diesem Werk verloren geht. Denn natürlich hat dieses 2005 erschienene (sprich: zu einer Zeit als man noch “Freedom Fries” gegessen hat= Meisterwerk eine politisch Intention, die über die Reinwaschung der Waffen-SS hinausgeht: Na, welche Bevölkerungsgruppe trägt im Buch nichts zur Verteidigung der Erde bei, sondern behindert sie sogar noch? Auch wenn das nur einmal explizit gesagt wird? Was? Ja, gut die rotgrünfaschistischen Multikultischgutmenschschwuchteln. Gut, das wird ja öfter erwähnt. Aber wer noch? Achja: Die Moslems. Und warum ist dem so? Nun, man muss nicht David Icke sein um zu verstehen, was hier vor sich geht. Aber dankenswerter Weise wird es uns ja nochmal detailliert erklärt. Kratman, Ringo. Hier ist eure Seifenkiste:

Right now, Western Civilization, however much many of its members may refuse to admit it, is involved in a world war. No, it has seen no entire cities destroyed; no trenches have drawn their scars across entire continents. It is a world war all the same. Moreover, it is a world war that is putting to the test every notion of individual liberty, freedom of conscience, and rule of law that the West prizes. And should we lose we will see, or our grandchildren will, the erasure of all that is good in Western Civilization.

We cannot afford to lose.

Yet winning will have its price, too. Just as the invasion John described is ordained to change humanity into something that one of Hitler’s Waffen SS would recognize and call home, so too will this war change us. Because side by side with the virtues of Western Civilization are paired vices that may destroy us: a narrow legalistic mindset, an emphasis on form over substance, and an unwillingness to do the ruthless and violent things we must if we are to survive. This list is not exhaustive. Perhaps worse than these things, however, the West has nurtured at its own breast a set of execrable, vile, treacherous and treasonous villains that seem to seek at every opportunity to do all they can to ensure its destruction.

Yet there is hope. “Survival cancels out programming.”

Und selbst wer es geschafft die braune Scheiße bis hierhin als amüsant oder bestenfalls lantent peinlich zu empfinden, als konservativ aber nicht bedrohlich, dem kommt hoffentlich jetzt endlich die Galle hoch. Die menschenfressenden Posleen = der Islam. Im Internet wird inzwischen zu schnell, viel zu schnell, Godwin’s Law gezückt. Dabei wird eine Sache oft und schnell übersehen: Wenn der eingesprungene Nazivergleich angemessen ist, dann sollte man ihn auch verwenden. Und diese verschissene krypto-islamophobe Kacke ist schlicht das: brauner Dreck. Eine abgestande Rotze die zu gleichen Teilen Hitlerjunge Quex und Jud Süß ist. Dass die Gleichsetzung “menschenfressende Moslems” und “Islam”, oder im direkteren Kontext “Irak”, dabei unehrlich bis zum äußersten ist, muss ich nicht mehr erwähnen, oder? Dass es leicht hyperbol wirkt, wenn man Irakkriegsgegner mit Leuten gleichsetzt, die auch mit kinderfressenden Aliens kollaborieren würden? Fein.

Bei all dem schafft es das Buch zudem noch auf eine Art und Weise dreist zu sein, die einem die Schuhe auszieht, um sie einem dann mit voller Wucht ins Gesicht zu werfen: Kratmans Fiction wird als “well-thought political views with a practical voice” beschrieben. Und ungefähr auf diesen Zug springen auch die meisten Rezensenten bei amazon.com auf. Im Kern läuft es darauf hinaus: Wer das Buch kritisiert ist links. Wer das Buch als demokratieverachtende, faschistische Wichsvorlage kritisiert, der belegt damit nur wie richtig Ringo und Kratman in ihrer Darstellung der Linksgründyaddayadda lagen. Und wenn man den Autoren eine Glorifizierung des Nationalsozialismus vorwerfen würde, dann würden sie betonen, dass der einzige vorkommende Nazi am Ende doch seine verdiente Strafe abbekommt und die Waffen-SS immer wieder ihre Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus bekundet.

Und in einer Hinsicht stimmt das sogar: Watch on the Rhine würde beispielsweise auf den Stormfront Messageboards nicht gut ankommen, weil die Israelis zu gut wegkommen. Das dürfte aber auch das einzige sein, was die inzestuösen Herrenmenschenverschnitte aus dem Mittleren Westen an Watch on the Rhine auszusetzen haben könnten. Und die Juden haben in diesem Buch eine ganz entscheidende Rolle, die sie beispielsweise auch haben wenn ihnen PI die Freundschaft erklärt: Sie sind dankbare Smoke Screens, hiter denen man den eigenen Rassismus verstecken kann. Denn wer für Israel eintritt, der kann ja kein brauner Abschaum sein. Und wenn man sich die Juden anguckt, die Kratman und Ringo in diesem Buch schreiben, dann haben sie alle – ausnahmslos! – eine Funktion: Der SS-Division “Alte Herren” immer und immer und immer und immer und immer wieder zu bestätigen, dass sie keine Schuld am Holocaust trifft und man ihnen eigentlich nichts wirklich übel nimmt. Und wenn man dann zusammen Krieg führt, dann sind keine negativen Schwingungen mehr da. Was sind schon 6.000.000 unter Freunden.

Feiglinge. Zumindest stehen die Turner Diaries ganz offen zu dem, was sie sind und verstecken ihre brechreizerregende Haltung nicht hinter “Neutralität” oder dem Kampf gegen die “politische Korrektness”. Bei Watch on the Rhine drängt man sich mit jeder angebrachten Kritik mehr und mehr in die Opferrolle und sieht das alles als weiteren Beweis dafür an, dass alle anderen Amerika hassen und die Meinungsfreiheit der Autoren beschneiden wollen. Ist so eine Masche, die seit einiger Zeit gut zu ziehen scheint. So wie jetzt Rechte auch gerne mal bei Aussagen wie “Wir wollen keine Nazis in unserer Nachbarschaft” die Frage stellt, ob die Zivilgesellschaft sowas auch akzeptieren würde, wenn da statt “Nazis” jetzt “Juden” stünde.

So: Und warum bezeichne ich das hier als eine scheißbraune Nazi-Apologetik, ohne da auf die Godwin-Mäßigung zu setzen? Weil es genau das ist: Auch wenn das Buch das natürlich anders sieht. Für Kratman und Ringo scheint festzustehen, dass nur die (paar) Leute Nazis waren, die aktiv am Holocaust beteiligt waren. Und der Holocaust und die Judenverfolgung waren scheinbar auch das einzig kritikwürdige am Dritten Reich. Alles andere, die schicken Uniformen, die schön funkelnden Siegrunen, die Marschlieder, die Kameradschaft, die kruppstahlharte Jugend, das Ausschalten der politischen Oppostion, das alles war hingegen der richtige Weg in den Idealstaat. Und dann mussten diese herumschnüffelnden Kinder und ihre verdammte Endlösung kommen und alles kaputt machen… dass das eine nicht ohne das andere möglich gewesen wäre, dass der Holocaust eben aus dieser Perversion und Abschaffung jeder Form von Zivilgesellschaft hervorging, das wird dezent ausgeblendet. Hey, das ganze Marschieren, Aufrüsten und Einfallen hat Deutschland immerhin aus der Krise der Weimarer Republik gerettet. Das Dritte Reich war für Kratman, bis auf den Holocaust, ein Quantensprung nach vorne. Scheiß auf die Angriffskriege.

[A]n unwillingness to do the ruthless and violent things we must if we are to survive“. Darin sehen Kratman und Ringo die Wurzel allen Übels in der westlichen Gesellschaft. Und mit dem Satz disqualifizieren sich beide für die Verteidigungslinie “ein Autor muss nicht alles meinen, was er schreibt… Jonathan Swift wollte auch nicht wirklich Babies fressen”. Denn wer so einen Satz in sein Nachwort schreibt, gerade in Kombination mit all dem davor, der steht 100% hinter dem, was seine ach so moralischen Helden von der Waffen-SS fordern und durchsetzen. Sprich: Kratman und Ringo würde voll einer abgehen, wenn die “execrable, vile, treacherous and treasonous villains that seem to seek at every opportunity to do all they can to ensure [the West's] destruction” (lies: Rot-Grün) endlich aufgehängt würden, wenn eine soldateske Elite-Einheit ohne parlamentarische Behinderung Dissidenten verschwinden lassen könnte, wenn Wehrkraftzersetzer und Deserteuere aufgeknüpft würden, wenn man Soldaten und Bürgern ihre verweichlichenden Bürgerrechte abnehmen würde, wenn deutsche Landser Lieder singend und mit stolz geschwellter Brust freiwillig in den Tod marschieren würden, wenn die verschissenen Zivildienstschmarotzer verschwinden würden, wenn endlich Kindersoldaten wieder für das Vaterland dienen dürfen, wenn die Gesellschaft reduziert würde auf einen Bauern-Arbeiter-Soldaten-Staat in dem Frauen die Wahl haben: Massenhaft Kinder bekommen oder in der Armee dienen. Und jetzt möge man unter diesen Gesichtspunkten und diesem Konnex zur echten Welt und dem “Clash of the Cultures” den Epilog nochmal bedenken, in dem eine ganze außerirdische Rasse ausgerottet wird und man sogar noch ausdrücklich betont, dass man keine Zivilisten mehr kennt. Es gibt halt offenbar gute und schlechte Genozide.

Genau. Wenn wir das alles eingeführt haben, worüber Kratman und Ringo sich literarisch so einen hobeln, dann haben wir “all that is good in Western Civilization” für unsere Kinder und Kindeskinder gerettet. So wie die US-Army damals “Ben Tre” gerettet hat. Und selbst wenn nur jemand Nazi sein könnte, der auch Antisemit ist, dann vertreten die rechtsspackigen Autoren hier immer noch eine antidemokratische, antiaufklärerische und antihumanistische Faschistenscheiße, die ausreicht um das kalte Kotzen zu bekommen. Und noch kälter wird das Kotzen, wenn man bedenkt, dass das ein Weltbild ist, dass sich in einer kaum abweichenden Form auch in Deutschland wieder zeigt und das zum Teil bis in die Mitte der Gesellschaft. Wie man täglich in der Kommentarhölle von PI lesen kann. (Wer sich nicht direkt dahintraut: Hier gibt es ein Worst Of in ausgewählter, kommentierter Form.) Und irgendwas sagt mir, dass Watch on the Rhine in dem Blog zu wahren Jubelstürmen führen würde. Und das macht mir Angst.

Oh, dass der Schnodder zudem sowohl im Bereich “science” als auch im Bereich “fiction” komplett abstürzt, sollte auch noch erwähnt werden. Und bevor irgendwer auf den (dummen) Gedanken kommt, sich das Buch jetzt aus bloßer Neugier zuzulegen, hier ein Vorschlag: Die Onlineversion verwenden und das gesparte Geld lieber in Haimo Kinzlers schwarzhumorig-bitterböse Weltkriegssatiere Krigstein investieren. Ihr könnte es mir dann später danken.

Ich überlege derweil, was ich mit der Offline-Papierversion des Buchs mache. Sowas ist ja nunmal keine Lösung. Oh, ich hab’s. Watch on the Rhine landet ganz unaufregend im Altpapier. Ich bin es los, es kann mal was ordentliches daraus werden und ich habe noch dazu linksgrüngutmenschlich was für die Umwelt getan. Und das dürfte Kratman und Ringo wirklich ankotzen… gut so…

(Dieses Auftauchen wurde Ihnen von einer Mischung aus richtig stehenden Sternen und akuter, dringend wegzutippender Abscheu präsentiert. Bis auf Weiteres versinkt Agitpop damit wieder zum Weiterträumen in die Tiefen des Pazifiks. Iä, iä, usw. usf.)

Wer hat uns verraten…

Friday, April 18th, 2008

Grüße, noch verbliebene Leser. Wir unterbrechen die anhaltende Contentpause für einen Beitrag, der ihnen mit freundlicher Unterstützung der großen Volksparteien SPD und CDU präsentiert wird:

Liebe SPD,

an dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei dir bedanken, für deinen heldenhaften Einsatz für meine Bürgerrechte und gegen eine unnötige Überwachung und Gängelung durch staatliche Institutionen. Zum Beispiel den hartumkämpften Kompromiss, dass zur Installation des sogenannten Bundestrojaners das BKA meine Wohnung nicht betreten darf. Chapeau! Ein wahrer Husarenstreich! Das hast du ja wirklich wunderbar durchgesetzt. Ich fühle mich nämlich gleich viel wohler, jetzt wo ich weiß das mein Rechner nicht angetastet werden würde… sollte das BKA – im Rahmen des selben Gesetzes! – gerade in meine Wohnung eingedrungen sein und Mikrokameras und Mikrophone anbringen, um mir über die Schulter zu schauen, während ich am Rechner sitze.

Ich wäre jetzt gerne feingeistig und total höflich sein, aber… ehrlich… drauf geschissen. Frei nach Max Goldt werde ich ab sofort das Recht heraus nehmen, Parlamentariern gegenüber, die diese Blödsinn unterstützen, so unhöflich zu sein, wie es das Gesetz gerade noch erlaubt. Damit Gesetze millimetergenau auszulegen, liebe SPD, kennst du dich ja aus. Gell?

Eine ganz ehrliche Frage, liebe SPD: Willst du mich verarschen? Hälst du mich wirklich für total merkbefreit? Du feierst es als “Erfolg”, dass der Bundestrojaner nur online auf einem Rechner installiert werden darf, während das Betreten der Wohnung zur Installation von Kameras und Mikrophonen völlig in Ordnung geht? Das ist ungefähr so, als wenn beim Fußball als Erfolg gelten würde, dass man einen Spieler zwar ab jetzt nicht mehr mit der flachen Hand schlagen darf (gut, darf man auch jetzt schon nicht… aber den Bundestrojaner durfte man bisher ja auch nicht installieren), im Gegenzug aber plötzlich der Einsatz von langen, schweren Knüppeln als durchaus den FIFA-Statuen entsprechend gelten würde.

Und auch bei Privatgesprächen soll sich das BKA nun also nicht mehr ausklinken müssen, weil ja irgendwann mal ein Richter entscheiden wird, welche Teile eines Gesprächs privater und welche Teiler terroristischer Natur sein könnten. Ist klar, die ohnehin schon überlasteten Richter werden das sicher alle ganz gewissenhaft tun und die Mehrarbeit nicht einfach wegunterschreiben. Sicher doch. Und anschließend werden sie es Franz Josef Jung erlauben, die fliegenden Schweine abzuschießen, die dann den deutschen Luftraum unsicher machen. Und sogar unser Bundessparminister ist dann gewillt der Frau Wieczorek-Zeul zusätzliche Finanzmittel locker zumachen, damit man den armen Kindern in der zugefrorenen Hölle warme Rentierpullis kaufen kann. Am Arsch!

Aber, SPD, natürlich kämpfst du jetzt wieder für die Bürgerrechte und bist absolut schockiert von den Vorgängen. Schockiert und entrüstet! (Also, schockiert und entrüstet dass rausgekommen ist, wie schön du dich mal wieder auf den Rücken gerollt und an England gedacht hast.) Und natürlich wirst du schauen, was da jetzt noch zu machen ist. Und am Ende wird Pützi doch wieder Recht behalten:

SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz erwartet dort trotz einiger Bedenken die Zustimmung seiner Fraktion.

Nicht dass daran irgendwas neu wäre. Auch die Sprüche die kommen werden, wenn ihr den Rotz dann endgültig durchgewunken habt, werden nicht neu sein: Von wegen Einsatz nur in begründeten Einzelfällen, natürlich keinerlei Interesse an der Überwachung aufrechter Bürger, dazu würden ja auch die Zeit und die Mittel fehlen, Vorgehen nur strikt nach Vorschrift, aber ohne das Gesetz würden uns die Terroristen halt alle umbringen. Same old tunes. Und eine Regierung die sowas missbrauchen könnte, die würde in Deutschland ja sicherlich nie an die Macht kommen. Dass es derweil genau diese Form der Überwachung ist, auch wenn sie den einzelnen Bürger nur potentiell treffen könnte, die unsere Demokratie effektiver untergräbt und eine kollektivere Form der Angst (und einen damit einhergehenden Assimilationsdruck) erzeugt, wie es die Terroristen nie könnten? Geschenkt.

Liebe SPD, ihr habt euch inzwischen jeden Stasi-2.0-Vorwurf und jeden 1984-Vergleich redlich erarbeitet. Ihr hättet euch auch noch viel deutlichere Worte redlich erarbeitet, aber in Sachen Kritik hört der Spaß ja bekanntlich bei euch auf, da will ich mal lieber nichts riskieren.

In diesem Sinne: Freundschaft!

P.S: Dass ich die CDU genau so ansicken sollte, ist mir wohl bewusst. Aber denen ist das inzwischen alles so scheißegal. Anders als die SPD tun die ja nicht mal mehr so, als wenn sie irgendein Interesse an der Verfassung hätten. Da wird inzwischen sogar akzeptiert, dass Wolfgang Schäuble ein verfassungsfeindliches Symbol ist.

P.P.S: Mir geht es in dieser Sache inzwischen übrigens, wie vielen anderen auch: Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte. Vielleicht solltest du, liebe SPD, also zumindest im Rahmen der weltweiten Hungerproblematik und der Volkskrankheit Bulimie mal darüber nachdenken, deine Linie bezüglicher staatlicher Überwachung zu ändern. Ich mein’ ja nur, weil dir alle anderen Argumente ja ohnehin völlig schnurz sind…

Short Fiction: When Sysadmins Ruled the Earth

Monday, February 18th, 2008

Ein Claim der in Bezug auf Cloverfield gelegentlich gemacht wurde, war dass es die erste große Katastrophengeschichte der YouTube-Generation sei. Dem möchte ich, nachdem ich jetzt Cory Doctorows When Sysadmins Ruled the Earth gelesen habe, deutlich widersprechen. Denn Doctorows Story über eine Gruppe Systemadministratoren, die den Kataklysmus einer globalen Terrorkatastrophe in ihrem Rechenzentrum überleben und jetzt darüber diskutieren, wie es nach der Katastrophe mit dem Internet weitergehen soll, ist mindestens so effektiv dabei das Ende der Welt in ein kontemporäres Gewand zu kleiden:

The Internet Archive was offline in the Presidio, but the mirror in Amsterdam was live and they’d redirected the DNS so that you’d hardly know the difference. Amazon was down. Paypal was up. Blogger, Typepad and Livejournal were all up, and filling with millions of posts from scared survivors huddling together for electronic warmth.

The Flickr photostreams were horrific. Felix had to unsubscribe from them after he caught a photo of a woman and a baby, dead in a kitchen, twisted into an agonized heiroglyph by the bioagent. They didn’t look like Kelly and 2.0, but they didn’t have to. He started shaking and couldn’t stop.

Wikipedia was up, but limping under load. The spam poured in as though nothing had changed. Worms roamed the network.

When Sysadmins Ruled the Earth hat mich an vielen Stellen stärker in die Magengrube getroffen als Cloverfield das schaffte, vielleicht weil es meine Lebenswelt besser umfasst als dass die Hipster im Film taten. Vielleicht weil ich mir auch vorstellen könnte, als Überlebender einer großen Katastrophe zuerst das Netz zu nutzen, um zu erfahren was gerade vor sich geht. Und, so bizarr es klingt, vielleicht wegen der Idee dass die Menschheit gehen, das Internet aber zumindest noch eine Zeit lang überleben könnte und sich nach dem letzten Menschen dort noch immer Spambots und Würmer tummeln würden. Das ist… deprimierend.

Doctorow, Co-Editor von Boing Boing, hat sein Ohr exakt am Puls der Zeit. Die allgemeine Angst vor dem großen Terroranschlag und die Attitüde der Borderline-Autisten die das Netz am Leben halten, verbindet er zu einem gelungenen Gesamtpaket. Besonders da sich Doctorow in der Materie auskennt und so etwas sehr seltenes schafft: Er schreibt glaubhafte Dialoge für Nerds. Die Leute hier reden nicht irgendwelchem sinnfreien Technobabble wie in 24 oder Die Hard 4.0, sondern sie benutzen Computerskills und Termini, die dem Netzbürger nicht fremd sind. Vom Usenet über den BOFH und PEBKAC bis hin zur Declaration of the Independence of Cyberspace, die heute vielleicht wichtiger ist als sie es bei ihrer Veröffentlichung vor zwölf Jahren war.

Eine sehr spannende und sehr, sehr zeitgemäße Geschichte, die man möglicherweise in ein paar Dekaden in der Literaturwissenschaft als Beweisstück für den Zeitgeist des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends verwenden wird. Und man kann die Kurzgeschichte kostenlos hier zu lesen. Zumindest wenn man die grässlichen Illustrationen ausblendenden kann:

*Cary Doctorow – When Sysadmins Ruled the Earth.
*Und das Ganze nochmal als Podcast.

***

(Postskript: Und wenn man dann in der richtigen Stimmung ist, bietet sich auch gleich noch die Doku Life After People des amerikanischen History Channels an.

Oder aber man lädt sich Doctorows Novel Down and Out in the Magic Kingdom auf seiner Seite legal und kostenfrei herunter. Oder ein paar weitere Stücke Short Fiction aus seinen Sammlungen Overclocked und A Place So Foreign. Das ist empfohlen, aber optional…)

A Morality Play

Thursday, January 31st, 2008

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Da ich den folgenden Text an einem spezifischen Spiel, namentlich der PC-Version von Splinter Cell: Double Agent, aufhänge, folgt hier etwas das ich aus dem Weg haben will. Denn eigentlich soll es nur am Rande um Splinter Cell selbst gehen. Will sagen, ich möchte hier eigentlich nicht in epischer Breite über Stärken und Schwächen der Engine, Story oder Spielmechanik sprechen. Auch nicht unbedingt in den Kommentaren. Weil sich sowas aber meist nicht vermeiden lässt, hier ein Kurzreview:

Splinter Cell: Double Agent

Splinter Cell: Double Agent hat mir mehr geboten als Chaos Theory. Vielleicht weil die Story immer noch willkürlich und ohne echten Zusammenhang war, aber das Spielgefühl als Doppelagent unterwegs zu sein der Serie ein wenig neues Leben einhaucht. Vielleicht mag ich auch einfach nur die lustige Brille mit Kassengestell, die Sam Fisher im Kongo-Level trägt. Die einzelnen Missionen sind wie immer hübsch gestaltet und abwechslungsreich designt, mit dem Bürgerkrieg im Kongo als eindeutigem Highlight, allerdings hätten es ruhig drei oder vier Level mehr sein dürfen. Und, ganz im Ernst, wenn nie wieder ein Schleichspiel einen Level auf einem Frachtschiff, Öltanker oder sonstigem Hochseevehikel hat, dann ist das immer noch zu früh. Die Spielmechanik ist in üblicher Manier grundsolide, auch wenn einige neue Spielelemente – etwa das Geschicklichkeitsgefriemel wenn man Minen zusammenbastelt, das an die Bohrsequenzen aus Oil Imperium erinnert – nervig und unnötig sind.

Der Versuch die Geschichte etwas besser zu erzählen, den Spieler stärker einzubinden, ist zu begrüßen, scheitert aber daran, dass es zu wenig Interaktion zwischen Sam Fisher und den Terroristen gibt, deren Gruppe Fisher infiltriert hat. Auch die Idee, dass Sam für Fiesigkeit das Vertrauen der Terroristen gewinnt, aber das Vertrauen der NSA verliert, ist eigentlich gut, leidet aber darunter, dass es letztlich für den Spielverlauf scheißegal ist, wie man sich wann entscheidet. Bonushass dafür, dass man mal wieder ein Spiel auf den Markt geworfen hat das nicht vollständig ausgereift war und dass selbst gepatcht noch einen Hang zu Grafikfehlern und Abstürzen hat. Zumindest kann man mit dem Patch aber die freigespielten Gadgets verwenden, die zuvor dem Spieler verwehrt blieben. Alles in allem ein netter Versuch Splinter Cell eine Frischzellenkur zu verpassen, der aber die guten, neuen Ideen nicht konsequent genug verfolgt, sondern sie kurz vorstellt und dann einfach ignoriert.

3/5

Mit all dem aus dem Weg geräumt: Double Agent war für mich trotzdem das interessanteste Videospiel mit einer moralischen Komponente, das ich seit langem gesehen habe. Man beachte die Verwendung des Wortes “interessant”. Linguisten unter uns werden bemerken, dass das nicht “perfekt” oder auch nur “wirklich gut” heißt. Aber es deutet darauf hin, dass hier Potential vorhanden ist, das ansonsten eher selten genutzt wird.

Ich will ehrlich sein: Wenn ein Spieldesigner mir große moralische Herausforderungen in seinem Videospiel verspricht, dann gehe ich sicherheitshalber in meinen bullshitabweisenden Panic Room. Aus dem Stehgreif fallen mir jetzt drei Spiele der letzten Zeit ein, die diese Moralkomponente gezielt beworben haben. Eines davon war Peter Molyneuxs Fable. Und das Spiel – das ich unterhaltsam finde, auch wenn es (keineswegs überraschend) nicht im Ansatz das hält was Molyneux versprochen hat – ist ein Musterbeispiel für die Problematik die mit Moralsystemen in Videospielen oft einhergeht: Wir haben Schwarz, wir haben Weiß… aber Grau gibt es nicht.

Am Ende von Fable bin ich entweder ein Weltfrieden bringender Messias, mit frisch gewienertem Heiligenschein über der Omme, den Schmetterlinge umschwirren oder ich habe katerrote Augen, werde von Schmeißfliegen begleitet und aus meiner Stirn wachsen Hörner die dicker sind als meine Arme. Weil ich in jedem Quest eigentlich nur die Auswahl habe ob ich lieber der bessere Ghandi sein möchte oder doch eher ein Kerl den Hitler als “menschlich unangenehm” bezeichnet hätte. Und das meine ich ernst: Würde ich in Fable einen Bettler treffen, ich hätte wahrscheinlich die Wahl ihm entweder mein ganzes Hab und Gut zu vermachen, dazu noch ein paar innere Organe, die ich eh nicht mehr brauche oder ihm nach Hause zu folgen, seine Familie vor seinen Augen anzuzünden und ihn dann mit seinem eigenen Darm zu erwürgen, ehe ich ihn ausweide um seinem Leichnam zu nächtigen. Das Spiel hatte ein echtes Problem damit einen Mittelweg zu finden.

Wollte man am Ende nicht bei einem der Extreme gelandet sein, dann musste man Fable so spielen, als litte die Hauptfigur an Borderline-Schizophrenie. Sprich: Erst rettet man die Waisenkinder aus dem brennenden Waisenhaus, dann springt man so lange auf ihrem Hamster Hermie rum, bis der bequem in einen Briefumschlag passt.

Waisenkinder wählte ich als Beispiel, weil sowas immer beliebt zu sein scheint, wenn es um moralische Fragen gibt. In einem Interview zu Mass Effect, in dem Greg Zeschuk (den SPIEGEL Online, und sonst wohl niemand, ihn als Dr. Game tituliert) so viel Bullshit verzapft, dass man glaubt er wolle Molyneux werden an Stelle des Molyneux, fällt auch folgende Aussage:

Am Anfang von “Mass Effect” kann man entscheiden, ob man ein Kriegsheld sein möchte oder eine irgendwo im All geborene Figur. Ich habe beim ersten Mal den Kriegshelden genommen. Wenn man dann eine Militärbasis auf einem der Planeten betritt, gibt es eine Figur, die plötzlich sagt, “Hey, Sheperd! Dich kenne ich doch, wir waren zusammen auf diesem Schiff das zerstört wurde, ich bin der einzige andere Überlebende!” Wenn man aber die andere Spielfigur ausgewählt hat, ist der gleiche Mann nur irgendein Feind. Das war für mich ein äußerst persönlicher Moment. Oder wenn man sich entscheiden muss – helfe ich den Waisenkindern oder nicht?

Mal abgesehen davon, dass das was Zeschuk da im ersten Teil der Antwort als interaktives und total geiles Storytelling bezeichnet in Fachkreisen bereits als Plot- oder Infodump bekannt und eine fürchterlich missratene Erzähltechnik ist, für die Autoren gezwungen werden sollten jedes einzelne Buch von Tom Clancy zu lesen (und zwar Wort für Wort), fällt im letzten Satz wieder “Waisenkinder”. Memo an alle Spielentwickler der Welt: Waisenkinder sind nicht subtil! Nicht subtil! Nicht subtil! Waisenkinder verbinden zwei Eigenschaften: Sie sind Kinder, und gelten darum im Generellen als unschuldig und schützenswert und dadurch dass sie auch noch Waisen sind, fehlt ihnen auch zudem ein Beschützer. Sie sind also noch hilfloser, als Kinder an sich. Sie sind unschuldige, auf sich allein gestellte Opfer.

Sowas lässt eigentlich fast immer nur zwei Möglichkeiten offen: Ich helfe ihnen (gut) oder ich helfe ihnen nicht (böse). Genau auf dieser moralischen Achse funktionierte auch das hochgejubelte Moralsystem in BioShock, das bei genauerer Betrachtung ganz großer Bullshit war. Eben weil es ganz am Ende auch nur die Wahl lässt zwischen Vollzeithippie, neben dem sich Martin Luther King, Jr. wie ein Kriegstreiber fühlen würde und schlechtgelaunter Sohn Satans, der Böse (mit großem B) ist um Böse zu sein. Was besonders lächerlich wirkt, wenn man am Anfang unmoralisch gehandelt hat, dann aber den eigenen Fehler einsieht und versucht Gutes zu tun. Wenn man dann immer noch am Ende als Stalin 3.11 tituliert wird, dann ist das Moralsystem bestenfalls mangelhaft, weil zu simpel.

Denn die Achse besteht nur aus zwei polaren Gegensätzen: Gut und Böse. Böse wie in: Ich handle so, obwohl ich weiß das mein Handeln unmoralisch ist und es eine moralisch einwandfreie Alternative gibt. Natürlich darf ein Moralsystem genau auf dieser Achse aufbauen, wenn es das will. Aber Schurken die Böses tun, nur so aus Spaß an der Freud, sind außerhalb von Captain Planet oder Bond-Filmen doch eher klischeebeladene Skriptschwächen, die man vermeiden sollte, wenn man das kann. (Gut, dass sind sie sogar in Captain Planet.) Planescape: Torment, Baldur’s Gate und die beiden Fallout-Spiele haben es richtig gemacht (angeblich auch die KOTOR-Serie, wozu ich aber nichts sagen kann), weil man die freie Auswahl vom heldenhaften Strahlemann über den zynischen “was springt für mich raus?”-Söldner bis hin zum Klischeeschurken aus Captain Planet alles spielen konnte. Es gab eine Mitte, die die beiden moralischen Extreme verband. Damit kann ich leben.

Spiele die nur zwischen Gut und Böse differenzieren, haben – soweit es mich betrifft – fast nie ein Recht darauf zu behaupten, dass der Spieler hier schwierige, moralische Entscheidungen zu fällen hat. In bestimmten Situationen, ist “richtig” und “falsch” schlicht eine Frage auf welcher Seite man gerade steht. Und manchmal gibt es auch nicht richtig und falsch, sondern nur die Möglichkeit für sich selbst das kleinere von zwei Übeln abwägen zu müssen, ohne dabei bewusst “böse” zu handeln. Und hier kommt Splinter Cell: Double Agent ins Spiel, dessen Moralsystem ich – bei aller Kritik – als besser und erwachsener empfand, als das Moralsystem im gerade dafür im Vorfeld beworbenen BioShock oder Fable.

Natürlich ist die Ausgangssituation anders: Eine Gut-Böse-Dichotomie passt in ein mittelalterliches High-Fantasy-Setting, aber nicht so sehr in ein Setting, das der realen Welt ähneln soll. (Dann wiederum: Splinter Cell basiert auf dem Weltbild des Tom Clancy, das genau in diesen Kategorien funktioniert.) In Double Agent ist man als Sam Fisher in titelgebender Funktion unterwegs: Man wurde als Doppelagent bei einer Terrorzelle eingeschleust, befindet sich nun also in der selben Prämisse in der sich schon Jack Bauer in der dritten Staffel von 24 oder Holden Carver in Sleeper befanden.

Nun kann man über die Philosophie von 24 vorzüglich streiten und so sehr ich die Serie mag, so flau wird mir im Magen bei der Tendenz der Show Folter, Entführung und jedes noch so unmenschliche Vorgehen als legitimes Mittel zum Zweck zu akzptieren und jeden Kritiker dieser Positionen als liberale Dhimmi-Tunte darzustellen, die sich von den Terroristen ausnutzen lässt. That being said: 24 hat einige ganz hervorragende Momente in denen klar wird, dass selbst hier nicht alles Schwarz und Weiß ist. Beispielsweise die Storyline, in der Jack Bauer von Terroristen gezwungen wird, seinen eigenen Vorgesetzten Ryan Chapelle zu erschießen, weil die Terroristen sonst eine Atombombe (oder was auch immer der McGuffin in der Staffel war) im Zentrum von L.A. detonieren lassen.

Das war ein gutes Beispiel für moralische Grauzonen und unbequeme Entscheidungen, eben weil es keine sauber getrennte Richtig-Falsch-Situation war, weil nicht klar ersichtlich war, dass eine Verhaltensweise inhärent gut und die andere inhärent schlecht war. Gibt Bauer nach und erschießt Chapelle, dann opfert er das Leben eines Menschen für die Sicherheit vieler Menschen, schafft einen Präzendenzfall und zeigt, dass die USA von Terroristen erpressbar sind. Dann wiederum: Tut er’s nicht, hat er zwar einen Menschen gerettet und seine moralische Position unterstrichen… aber im Gegenzug eine Million Menschen dem Tod durch die nukleare Vernichtung preisgegeben. Uuuuuuh. Conundrum, baby.

Und mit solchen Situationen werde ich als Spieler in Double Agent wiederholt konfrontiert. Direkt nach meiner ersten Mission im Hauptquartier der Terroristen, bittet mich der Anführer der Terrorzelle, dass ich einen Gefangenen erschießen soll. Den Piloten eines TV-Helikopters, den ich in der vorherigen Mission entführt habe, um mit einem anderen Terroristen aus dem Gefängnis zu entkommen und mir so das Vertrauen der Terrorgruppe zu erschleichen. Erschieße ich den Piloten und verhindere so, dass die Terroristen mir das Vertrauen entziehen? Oder versuche ich keine Unschuldigen zu töten, auch wenn dadurch das Misstrauen mir gegenüber wächst.

Double Agent hat in dieser Hinsicht eine nicht zu unterschätzende Schwäche: Für das weitere Spiel hat es so ziemlich genau keine Bedeutung, wie ich mich entscheide. Die Vertrauensbalken für die Terrororganisation JBA und meine eigentlichen Auftraggeber von der NSA sind nur soweit relevant, dass das Spiel verloren ist, sollte eine der Gruppen mir das Vertrauen komplett entziehen. Dank unzähliger Nebenquests in den einzelnen Missionen, ist diese Gefahr allerdings so gut wie auszuschließen. Ob mir die JBA nun blind vertraut oder ich nur einen schiefen Blick davon entfernt bin, als Maulwurf erschossen zu werden, hat keinerlei Einfluß auf die folgenden Missionen oder die Art wie sich die Terroristen mir gegenüber verhalten.

Schade, denn welche Möglichkeiten und welcher Wiederspielbarkeitswert in sowas steckt, zeigten die ersten drei Missionen in Deus Ex sehr schön. Da kann ich durch meine Spielweise nämlich beeinflussen wie meine Vorgesetzten in der Anti-Terrororganisation UNATCO auf mich reagieren. Gehe ich pazifistisch und non-lethal vor, dann sind der Waffenkammernschrat und mein Bruder gut auf mich zu sprechen. Meine Vorgesetzten hingegen gestehen mir Lob nur dann zu, wenn ich mit der vollen Härte von Recht-und-Ordnung™ Terroristen links und rechts niedermähe. Sowas hätte ich mir in Double Agent auch gewünscht: Verweigere ich mich der terroristischen Fiesmöppigkeit, dann bekomme ich eine frostigere Behandlung als wenn ich fleißig Zivilisten meuchle um ja nicht aufzufallen.

Die vertane Chance ändert aber nichts daran, dass die Situation in die ich vom Spiel geworfen werde, an sich eine ziemlich spannende ist, weil ich keinen “leichten” Ausweg aus ihr habe und eine Entscheidung fällen muss. In dem Fall argumentierte ich mit mir selbst und erschoss den gefangenen Zivilisten dann: Kennt man ja aus Filmen. Wenn ich das nicht tue, dann tut es ein anderer Terrorist (dem ist so, wie ein schnelles Quicksave/Quickload bestätigte) und es macht sich sicher nicht gut, schon am Anfang meiner Karriere als Schläfer in einer Schläferzelle negativ aufzufallen. Aber “leichter” wurde die Entscheidung dadurch auch nicht. Und in dieser Situation fand ich persönlich mehr moralische Sprengkraft als in der gesamten “Waisenkinder: Retten oder Killen?”-Problematik BioShocks.

Ich hatte an anderer Stelle mal erwähnt, dass es Spielsituationen gab in denen ich mich unwohl fühlte: In Hitman hatte ich kein Problem damit die Terroristen, Waffenhändler, Pornofürsten und das andere Gesocks umzubringen. Good riddance to bad trash. Aber als ich in Hitman: Contracts einen Privatdetektiv töten musste, der dummerweise einen Auftrag nicht zufriedenstellend ausgeführt hatte oder am Ende von Hitman: Blood Money unter anderem einen Priester erschießen musste, weil er mich halt gesehen hat, da fand ich das moralisch nicht befriedigend. Gleiches galt für die Szenen in Soldier of Fortune in denen das Spiel von mir erwartete, dass ich um Gnade flehende Gegner erschieße, weil der Level erst abgeschlossen ist, wenn alles tot am Boden liegt. Und über meine Gefühle als “Starkiller” in Wing Commander III schrieb ich ja schon.

Aber Double Agent ist das erste Spiel seit langer Zeit, vielleicht seit der Juan-Lebedev-Mission in Deus Ex, das mich gezielt in die Situation bringt möglicherweise – für das größere Wohl – Taten begehen zu müssen, die ich moralisch nicht tragfähig finden mag. Wohl gemerkt, man hätte daraus mehr machen können. Viel mehr: Ich kann das Spiel moralisch einwandfrei beenden, ohne einen einzigen Zivilisten getötet zu haben und – dank der mangelnden Reaktion der Spielfiguren auf mein Verhalten – ohne mir das Misstrauen der anderen Terroristen zuzuziehen. Aber was wäre, wenn mir das Spiel diese Möglichkeit nicht gäbe: Was wäre, wenn ich nach zwei oder drei Handlungen gegen den Willen der Terroristen ein Vertrauensbeweis von mir verlangt würde? Geh auf ein Dach und erschieß willkürlich drei Zivilisten. Entweder das, oder du bist raus aus der Terrorgruppe. Nun ist ein Videospiel natürlich noch immer etwas ganz anderes als die Realität, aber das wären spannende Möglichkeiten: Bin ich als Spieler gewillt drei Unschuldige zu töten, um hinterher eine größere Anzahl von Unschuldigen zu retten, wenn ich einen großen Terroranschlag verhindere?

Wobei das natürlich nur wirkt, wenn es kontextualisiert wird und die Situation mehr ist, als das willkürliche Ermorden eines Pixelhaufens: Also, wenn das Spiel mir später – in einer Cutscene, oder in einem Nachrichtenbericht den ich in der Spielwelt verfolgen kann – zeigt, dass meine Handlungen Auswirkungen hatten. Etwa die trauernde Witwe einer der Personen, die ich da “für das größere Wohl” getötet habe. Und wer jetzt das in der Killerspieldebatte gerne genutzte Argument vorbringen möchte: “Aber es sind halt immer noch digitale Figuren und keine echten Menschen!” Stimmt. Aber für The Day After sind auch keine echte Menschen gestorben, nimmt das der Darstellung ihre Wirksamkeit oder Dramatik? Videospiele können die selbe Wirkung haben.

Splinter Cell mag nicht das ideale Vehikel dafür sein, es ist schwer vorzustellen, dass Tom Clancy etwas abnickt, das letztlich ein grau-matschiges Weltbild vertritt, das einfache Lösungen ausklammert und sich vielleicht den Erwartungen eines Happy Ends verwehrt: Aber auch das ist ein Weg den Videospiele gehen müssen, wenn sie sich als Medium weiterentwickeln wollen. Videospiele können solche moralischen Probleme vielleicht besser angehen als jedes andere Medium, schlicht aufgrund ihrer Interaktivität. Wenn ich in 24 sehe wie Jack Bauer seinem Vorgesetzten eine Kugel in den Kopf jagt, um so Millionen zu retten, dann mag ich das reflektieren… aber zumindest lag die Entscheidung nie bei mir. Ein Videospiel lässt mir, zumindest im ersten Durchgang – wenn ich es so spiele wie es gedacht ist und nicht so lange lade und speichere bis ich das beste Ende für mich entdeckt habe – genau diese Sicherheitsbarriere nicht. Ich als Spieler entscheide in dem Moment aktiv, welches Verhalten ich für akzeptabel halte und welches nicht.

Und die Folgen dieses Verhaltens, die mir das Videospiel dann auch präsentieren müsste, kann ich nicht abwälzen. Die Verantwortung ruht auf den Schultern der Spielfigur und damit auch auf den Schultern von mir als Spieler. Natürlich bleibt der Umstand, dass das alles nur Fiction ist, was man als Kritikpunkt immer einwerfen kann. Und trotzdem wären Videospiele eine interessante Art über bestimmte Einstellungen nachzudenken. Ich weiß auf welcher Seite ich in abstrakten Debatten stehe, wenn es um die Jung-Frage geht, ob man Flugzeuge abschießen darf oder nicht. Ich weiß, dass ich die Idee des “Bürgeropfers” eigentlich ablehne, die in der Ideologie Wolfgang Schäubles zurück ins politische Weltbild schleicht. Aber wie verhalte ich mich in einem Videospiel, wenn von mir erwartet wird ein Bürgeropfer zum Schutze der Staatsgemeinschaft zu bringen? Videospiele, wenn sie das Thema erwachsen angehen, können dieser Diskussion eine bis dato nicht bekannte Tiefe hinzufügen.

Wie gesagt, ein Tom-Clancy-Spiel mag dafür ideologisch zu festgefahren sein, aber im Zuge der “Videospiele = Kunst”-Debatte muss man auch akzeptieren, dass das Ende eines Spiels nicht immer ein Happy End zu sein hat. Nehmen wir mal Adam Cadres Varicella, das ist ein Spiel ohne Happy Ends. Egal wie ich das Spiel spiele, am Ende verliere ich (so wie beim Spiel Globaler Thermonuklearer Krieg.) Und ausgerechnet wenn ich im Spiel selbst am erfolgreichsten bin, also alle meine politischen Feinde ausschalte, erfahre ich das für mich persönlich schlimmste und grausamste Ende. Warum auch nicht? Filme enden ja auch nicht immer auf einer Note, die uns fröhlich gestimmt aus dem Kinosaal entlässt.

Ein Spiel mit der Thematik Terrorismus könnte durchaus auch auf so ein Happy End verzichten: Verweigere ich mich den unmoralischen Aufträgen wird mir nicht soweit vertraut, dass ich in die Planungen für die große Terroraktion einbezogen werde, weshalb ich diese nicht verhindern kann. (Ein Spiel das mir moralische Freiheit lässt, müsste also mit einer flexiblen Missionsstruktur einhergehen.) Auf der anderen Seite: Das “beste” Ende, das verhindern des großen Terroranschlags, wäre vielleicht nur möglich wenn ich zuvor genug “amoralische” Entscheidungen getroffen habe, um den Terroristen meine Vertrauenswürdigkeit zu beweisen. Und das muss nicht, wie oft bei 24 als glorifizierender Pathos der Marke “whatever’s necessary to win” daherkommen, das kann durchaus dazu führen, dass die Spielfigur am Ende feststellt, dass sie zwar Hunderte, Tausende oder Millionen gerettet, dafür aber einen wichtigen Teil ihres eigenen Gewissens aufgegeben hat. What shall it profit a man to gain the whole world and lose his soul. Ist es das wert? Die finale Wertung kann man dem Spieler überlassen.

Double Agent hatte eine weitere potentiell sehr wirkungsvolle Szene in der Mitte des Spiels: Lasse ich ein Kreuzfahrtschiff explodieren und töte damit hunderte Touristen und Polizisten? Oder verhindere ich die Explosion und lege eine falsche Fährte, die darauf hindeutet, dass eine andere Terroristin die Explosion verhindert hat. Was sie das Leben kosten würde. Moralisch scheint das erstmal kein Problem zu sein: A.) Sie ist eine Terroristin. B.) Ich rette Zivilisten.

Aber: Im Spiel stellt sich heraus, dass besagte Terroristin nicht per se böse ist, sondern primär durch Druck und Angst in der Gruppe gehalten wird. (Und sie kann als pontentielles Love Interest für Sam Fisher fungieren.) Anders als die namenlose Masse auf dem Passagierschiff, kenne ich besagte Terroristin (immerhin hat sie ja für den Playboy… öhm… posiert und damit bewiesen, dass Regel 34 so langsam aus dem Internet in den Meatspace suppt) und erlebe direkt die Folgen, die meine Entscheidung sie haben wird. Ja, auf einem rein moralischen Podest ist die Wahl einfach: Zivilisten > Terroristin, auch wenn Frollein Terror nicht ganz böse ist. Aber praktisch ist die Entscheidung verquerer.

Zumindest sollte sie das sein, denn dank der dürftigen Charakterisierung ist mir das Schicksal meiner Terrorfreundin relativ schnuppe. Man stelle sich allerdings die gleiche Situation mit einer gut implementierten Figur vor, die interessant und sympathisch ist. Und im Idealfall sogar eine Figur, die ich als Spieler schon seit ein oder zwei Spielen kenne. Man stelle sich diese Szene mal mit Alyx aus Half-Life 2 vor: Lasse ich Unschuldige sterben um Alyx zu retten? Oder bin ich gewillt eine Figur über die Klinge springen zu lassen, die ich seit mehreren dutzend Spielstunden kenne und eigentlich auch mag?

Das kann natürlich auch an anderer Stelle funktionieren: Was wenn meine Entscheidung über das Leben einer mir sympathischen, gut ausgearbeiteten Figur auch darüber entscheidet, ob ich den großen Terroranschlag am Ende des Spiels verhindern kann oder nicht? Wo setze ich da meine Prioritäten? Wie verhielte ich mich, gäbe es ein Foltersystem wie in The Punisher und ich müsste einen Partner von mir foltern, wobei mir das Spiel keinen moralisch sauberen “third way” anbietet? Entkommen kann er ohnehin nicht: Also, meine Rolle als Terrorist voll ausspielen und ihn im Zuge der brutalstmöglichen Aufklärung foltern? Oder doch – hupps abgerutscht! – den Mann schnell und relativ schmerzlos töten? Auch wenn sich das darauf auswirkt, wie weit die Terroristen mir vertrauen? Wirklich moralisch ist keine der Alternativen: Welche ist also im verbliebenen Rahmen “richtiger”, “moralischer”, “vertretbarer”?

Natürlich, in Splinter Cell: Double Agent funktioniert all das nicht wirklich: Das Spiel händigt mir das alles nur in homöopathischer Dosis Likörfläschen aus, aber was ich über die Bar hinweg sehen kann, ist dass da hinten ein ganzes Fass dieses Potentials steht, das nur darauf wartet angezapft zu werden. Selbst mit der unflexiblen Missionsstruktur und den blassen Figuren, die ein persönliches Involvement für mich verhindern, hat Double Agent mir ein spannenderes Moralsystem gezeigt, als fast alle anderen Spiele der jüngeren Vergangenheit, die sowas als ihre Kernstärke angepriesen haben.

Und da liegt eine Chance für die Spieleindustrie sich weiter zu entwickeln, für Videospiele als Kunstform den nächsten Schritt zu wagen und ihre Stärke gegenüber jedem anderen Medium auszuspielen: Die Chance dem Spieler möglichst viel Entscheidungsfreiheit zu geben und ihn dann mit den Folgen seiner eigenen Entscheidungen zu konfrontieren. Eine derart persönliche Verbindung zwischen Konsument und Produkt kann kein noch so guter Regisseur und kein noch so grandioser Autor erschaffen. Natürlich müssen bestimmte Vorraussetzungen erfüllt werden: Die Spielfiguren müssen auf meine Entscheidungen unterschiedlich reagieren, die Missionsstruktur darf nicht komplett linear sein und das Spiel muss mir Figuren und Szenarien bieten, die so gut ausgearbeitet sind, dass ich Interesse daran habe und mich voll auf die Spielwelt einlasse.

Aber wenn diese Grundvorraussetzungen erfüllt sind, dann stehen dem Videospiel ungeahnte Möglichkeiten offen und dem Spieler ein in letzter Zeit oft vermisstes Element an Wiederspielbarkeit ins Haus. Den Spieler wählen zu lassen, ob er lieber wie Superman oder Lex Luthor agieren möchte, das ist ein nettes Gimmick. Den Spieler mit moralisch komplexen Problemen zu konfrontieren, für deren befriedigende oder unbefriedigende Lösung er alleine verantwortlich ist, das ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft des digitalen Erzählens.

Lady Bitch Ray – Debattentod Delüks

Saturday, January 19th, 2008

Das Medienbruhaha rund um das Thema Jugendgewalt hat einen neuen Level von Absurdität erreicht. Nachdem die Professor Pfeiffer einmal überall herumgereicht wurde, gehen den Medien scheinbar die Experten zum Thema aus. Weil das Thema aber noch immer sexy ist, wird jetzt offenbar jeder ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, der vielleicht mal irgendwie, irgendwo, irgendwann mal mit dem Thema konfrontiert worden sein könnte. Auftritt bei SPIEGEL Online: Lady Bitch Ray. Ihr Thema: Die Jugendgewalt. Ihr eigentliches Thema: Sie selbst.

Ich bin mir nicht ganz sicher, unter welchem Kapitel Drew Curtis diesen Artikel in seinem Buch It’s Not News, It’s Fark eingeordnet hätte. Es könnte “Equal Time for Nutjobs” sein, es könnte ein erstes Anzeichen dafür sein, dass eine “Media Fatigue” einsetzt und die Medien jetzt anfangen sich selbstreferenziell zu fragen, wie sie über das Thema berichtet haben, es scheint aber am ehesten in die Kategorie “Unpaid Placement Masquerading as Actual Article” zu passen:

Many odd news items are commercials in disguise. They’re not necessarily bought and paid for in payola-type situations, but it’s obvious what the point is. Mass Media has been full of these types of articles for years although most people haven’t noticed.

Lady Bitch Ray, alias LBR (nicht verwechseln mit LBJ, JBL oder JBK) ist eine “türkischstämmigen Rapperin und Linguistin”, wie uns der Teaser verrät. Sie ist außerdem prominent, auch wenn das der Teaser nicht sagt. Respektive, sie versucht prominent zu werden, wofür ihr kein Publicitystunt zu peinlich ist. (Ganz nebenbei: Fotze schreibt man mit “F”, nicht mit “V”.) Also, prominent wie das dem Fernsehmagazin, in dem VOX jeden Sonntag Abend die Klatschspalte der ZEITUNG vorlesen und dann von GZSZ-Sternchen kommentieren lässt, nicht prominent wie “Götz George”.

Am ehesten würde wohl noch das Wort “Internet-Berühmtheit” passen, das ungefähr gleichbedeutend ist mit “der Welt größter Zwerg”. Das dürfte als Prominenzlevel im Zweifelsfall ausreichen um von RTL ins Dschungelcamp deportiert zu werden, es reicht auf jeden Fall aus um einen eigenen Artikel bei SPIEGEL Online zu erhalten. Daraus darf jeder seine eigenen Schlüsse ziehen, so er denn will. Ich kann damit sehr gut leben, wenn auch dieser “stolze Tokio-Hotel-Fan” bald seine eigene Kolumne bekommt. Im Gegenzug kann man ja Broder von der Gehaltsliste streichen… ich schweife ab.

Kommen wir wieder zu Lady Bitch Ray und ihrer messerscharfen Analysen zur derzeitigen Situation in Deutschland:

Als in der Bundesrepublik geborene und aufgewachsene Türkin spreche ich ungern von spießigen Deutschen, denn Spießigkeit hat nichts mit Nationalität, sondern mit persönlicher Engstirnigkeit von Menschen zu tun. Deshalb habe ich den Begriff Spießer umbenannt und spreche lieber von Gartennazis.

Frau Lady Bitch Ray beginnt die Selbstpromotion gleich mal damit, dass sie ihre Credentials auf den Tisch legt – Türkin die in der BRD aufgewachsen ist – und dann erwähnt, welchen Begriff sie geprägt hat: “Gartennazis”.

Das ist spannend, weil es mehrere Möglichkeiten offen lässt. Erstmals begegnet ist mir der Begriff “Gartennazis” im Jahre des Herren 2002. Reihard Mey, auf Sylt und nicht über den Wolken weilend, hielt da fest:

Seit einer Woche suchen wir Erholung … In dieser Zeit waren jeden Tag um uns herum die Gartennazis mit schwerem Gerät und unter Höllenlärm-Entwicklung damit beschäftigt, auf handtuchgroßen Grundstücken kleinen, unschuldigen Grashalmen den Garaus zu machen. Beenden sie diesen Rasenmäherkrieg!

“Beenden sie [sic] diesen Rasenmäherkrieg!” Vielleicht eine der bewegendsten Aufforderungen die wir Deutschland hören durften seit Lady Bitch Reagans: “Mr. Gorbatchev, tear down this wall!” Und jetzt haben wir ein Problem: Ich möchte Lady Bitch Ray nicht unterstellen, dass sie als schamlose Selbstdarstellerin auch mal die Wahrheit bewusst biegen möchte. Manchmal haben große Geister ja die selben genialen Ideen, wenn die Zeit dafür reif ist. Und vielleicht hat Lady Bitch Ray den Begriff schon vor dem Jahr 2002 verwendet, ehe sie “prominent” wurde. Dann hat ihn der Mey gehört und so genial gefunden, dass er ihn gleich mal verwendet hat um seiner stagnierenden Karriere einen Schub zu verpassen. Vielleicht hat sich Reihard Mey auch einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und schockiert nun als türkischstämmige Rapperin die Talkmaster der Nation. Ich habe seit der Gartennazi-Story schließlich nichts mehr von Mey gehört, das mag ich also nicht ausschließen.

Aber sollte dem nicht so gewesen sein, dann muss ich – absolute entrüstet! – festhalten, dass diese junge, erfolgreiche Frau hier versucht Geschichtsklitterung zu betreiben und sich das, tatsächlich sehr schöne, Wort “Gartennazi” von einem abgehalfterten Schlagerbarden zu klauen, von dem die eigene Zielgruppe wahrscheinlich noch nie etwas gehört hat. Und sollte das rauskommen, dann wäre die Straßenkredibilität von Lady Bitch Ray ganz sicher hinüber. Aber zumindest könnte sie dann ein paar Wochen später mit Klaus Lage und Peter Maffay (muränischstämmiger Barde und Schauspieler) bei Maxi Arland auf dem Musikantendampfer auftreten.

Weiter im Text:

Ich benutze diese Metapher nicht, weil osmanisches Blut in meinen Adern fließt und ich die Deutschen gern zynisch an ihre Geschichte erinnere. Sondern vielmehr, weil ich mit Gartennazis engstirnige Menschen verbinde, die sich sogar darüber aufregen, wenn Nachbars Baum (in ihren Augen) zu weit über ihren Zaun ragt.

Okay, sie erklärt sogar die Etymologie ihrer Gartennazis, die ganz anders geartet sind als die Gartennazis des Reinhard Mey. denn während Meys Gartennazis einen Vernichtungskrieg gegen unschuldige Grashalme führen, haben Lady Bitch Reys Gartennazis einfach kein Interesse daran, dass der Nachbar ihr Territorium in irgendeiner Form verletzt. Wer ordentlich rumtrollen will, der kann ihr jetzt vorwerfen, dass sie mit dieser Aussage die alte Nazilüge perpetuiere, dass das deutsche Reichsgebiet damals von den Polen attackiert worden wäre… Sender Gleiwitz und so. Ich begnüge mich damit festzuhalten, dass Meys Gartennazis sich den Namen ehrlicher erarbeitet haben als Bitch Ray Ladys Gartennazis.

Und dabei ist es bemerkenswert, dass diese nicht nur “besserwisserische Rentner” (und Renterinnen) sind, wie sie Herr Jens Jessen, der Feuilletonchef der “Zeit”, in seinem derzeit breit diskutierten Videokommentar beschreibt.

Aaaah! Jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema an: Der Nebenkriegsschauplatz “Fernsehen = teh evil” scheint sich inzwischen erschöpft zu haben, das eigentliche Thema ist als Aufhänger auch nur noch bedingt tragfähig, jetzt wo Merkel den Hessendagon zurückgepfiffen hat und der sich wieder als Kartograph versucht, also übernimmt man in den Medien nun als irrelevantes Sekundärthema – den Videokommentar von Jens Jessen auf ZEIT Online. Wenn sich die Politisch Inkorrekten, Schirrmacher in der FAZ, sein Kumpel Dieckmann bei der ZEITUNG und sogar der Ringelnatz des 21. Jahrhunderts zu dem Thema äußern, dann will man ja nicht die schöne Sau vorbei reiten lassen, ohne sich selbst drauf zu setzen. Was die Blogosphäre kann, das können die klassischen Medien schon lange.

Okay, wir hatten also bisher das aufmerksamkeitsheischende Schlagwort (Gartennazis) und den eigentlichen Aufhänger (das Spießervideo von Jens Jessen). Und jetzt kommen wir zum Hauptthema und zum eigentlichen Problem der Jugendgewalt: Lady Bitch Ray wird voll diskriminiert,ey. Und das nur weil keiner ihre Meinungsfreiheit versteht, ihr Fotzen. Aufgepasst:

Nein. Gartennazi-Verhalten, oder auch Engstirnigkeit (auch gerne Intoleranz genannt), wird vor allem auf anderen Ebenen klar. Dort, wo eigentlich Meinungsfreiheit, Künstlerfreiheit und vor allem Demokratiebewusstsein groß geschrieben werden sollten [...] Ich spreche von Radiostationen, die qualifizierten Menschen fristlos kündigen, weil jene künstlerische Tätigkeiten ausüben, deren Lebenswelten und Absichten sie nicht verstehen wollen und können. Ich spreche von gebildeten Menschen, die sich bei Universitäten beschweren und eine Exmatrikulation von Personen fordern, weil er/sie eine bestimmte Kunstform ausgewählt hat, deren Ausdruckweise ihnen nicht passt.

Oder in der Kurzform: “Ich spreche von mir selbst!” Zumindest unterstelle ich mal, dass Frollein Lady Ray, damals scheinbar noch ohne zweiten Vornamen, sich da selbst meint mit dieser “künstlerischen Tätigkeit [...], deren Lebenswelten und Absichten sie nicht verstehen wollen und können.” Als Gartennazi würde ich jetzt mal als Absicht unterstellen: Platten verticken.

Auch wenn man dafür mit der ZEITUNG – dem Zentralorgan der Gartennazis in Deutschland, gerade in der derzeitigen Jugendgewaltdebatte – zusammenarbeiten muss. Und um das zu erreichen muss man sich scheinbar mit Gewalt selbst darstellen, indem man einfach mal ganz offensiv da geschmacklos wird, wo sich das bisher keiner getraut hat. Sowas zieht ja bekanntlich immer.

Was allerdings dieses Jammern über ihre Kündigung damals bei Radio Bremen mit der Jugendgewaltdebatte zu tun hat, das sei mal dahingestellt. Also, der Jessen glaubt, dass die Jugendgewalt auch durch deutsches Spießertum zustande kommt. Lassen wir jetzt einfach mal so im Raum stehen. Würde das dann bedeuten, dass der Münchener U-Bahnangriff vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn LBR weiterhin bei Radio Bremen moderieren dürfte? Hm…

Wobei Rady Litch Bay diesen Lapsus, den Mangel an Themenbezug, auch selbst mitbekommen hat und darum noch schnell in drei Absätzen zusammenfasst, was in den letzten Wochen in manchen Zeitungen ganze Leitartikel für sich alleine abbekommen hat: Das Kriminalität kein Ausländer-, sondern ein Jugendphänomen ist. Und dass “Parolen wie ‘kriminelle Ausländer sollen abgeschoben werden’ aus der CDU-Ecke gerufen werden, in der es sich immer wieder Gartennazis gemütlich machen”. Was für sich genommen kein Gegenargument ist: Die CDU ist konservativ und darum ist der Vorschlag schlecht? Das ist argumentativ ungefähr so pfiffig wie: “Du bist ‘ne nervige, mediengeile Aufmerksamkeitshure und darum ist dein Text kacke.” Trotzdem schließt sie daraus:

Gefährlich wird das aber dann, wenn die Jugend insgesamt (manchmal sogar die eigenen Nachkommen) als etwas Fremdes wahrgenommen wird. Und wenn Menschen vergessen, dass sie selbst jung (und rebellisch) waren und sie den natürlichen Prozess der jugendlichen Abgrenzung einfach unterschätzen – oder schlicht ignorieren.

Womit wir schon den ersten Kandidaten für den “Dick-Cheney-Gedächtnispreis für gekonntes am Ziel vorbeischießen” des Jahres 2008 haben. Die Debatte wurde angestoßen wegen zwei junger Männer, die ohne Grund einen Rentner nicht nur hinterrücks attackiert haben, sondern auch noch genüsslich nachsetzten, als der alte Mann am Boden lag. Wir reden hier ja nicht davon, dass irgendwelche Teenies heimlich rauchen, saufen, schwarzfahren, die Schule schwänzen oder mal ein Azad-Album aus dem lokalen Media Markt mitgehen lassen.

Hey, ganz im Ernst, ich bin eine der linksgrünen Multikultischwuchteln die der Meinung sind, dass es nicht sinnvoll ist sofort mit dem “Law & Order“-Hammer zuzuschlagen. Aber irgendwo hört der Spaß auf: Und jugendliche Rebellion und Abgrenzung hat nicht zu bedeuten, dass wir anfangen Rentner zusammenzutreten. Oder überhaupt irgendwen. Period. Ich vermute, dass Baby Rich Lay die Meinung eigentlich auch teilt, aber diesen Stuß zusammengehackt hat, weil ihr das Kernthema gerade entfallen oder egal war. Denn eigentlich geht es ja, wie schon im Großteil des restlichen Textes, um etwas ganz anderes. Und so schafft die junge Dame, angehende Doktorandin, auch gleich mal wieder den Schwenker zu dem Thema, mit dem sie Text begonnen hat: Sich selbst.

Aber damit es auch Grenzgänger gibt, die den Mut haben, jene Grenzen zu überschreiten – mit der nötigen Portion rebellischem Geist -, gibt es Leute wie mich: Lady Bitch Ray alias Reyhan Sahin. Rapperin, Akademikerin, Designerin, Türkin – der größte Schreck aller engstirnigen Menschen.

Peace und Pussy Delüks!

Ende des unbezahlten Infomercials für Lady Bitch Ray. Zum Schluß nochmal gehörig ins eigene Horn blasen (oder für die Bitch-Ray-Fans unter der Leserschaft: Sich an die eigene Möse greifen.). Sie ist eine Grenzgängerin! Sie hat den Mut Grenzen zu überschreiten! (Uhm… vielleicht nicht so klug, das mitten in der Abschiebedebatte zu äußern.) Sie hat die nötige Portion rebellischen Geist! Den Rebell Yell, den auch schon Billy Idol und H.P. Baxxter hatten! Sie ist der größte Schreck aller engstirnigen Menschen! Sie persönlich! Die Leitartikler der FAZ zittern, wenn sie ihren Namen nur lesen! Sie ist toll! Großartig! Best there is, best there was, best there will be! Und, hey, sie bricht Tabus. Benutzt die sieben schmutzigen Wörter und so. Das hat sich noch niemand getraut. Außer vielleicht George Carlin. Aber gut, das war in den Siebzigern. Ancient History.

Im Ernst, ich kann Lady Bee-yatch Reh nicht einmal einen Vorwurf machen (also, außer dem der generellen Peinlichkeit und Nervigkeit): Der SPIEGEL gibt ihr die Chance sich selbst in zehn Absätzen zu preisen und sie nutzt diese Chance. Warum auch nicht? Es wäre wohl ziemlich weltfremd etwas anderes zu erwarten von einer Frau, der citybeat mal unterstellte mal unterstellte, sie leide “unter einem penetranten Selbstdarstellungsdrang und [wolle] dringend Karriere machen, egal um welchen Preis”. Erschreckender ist für mich, wie gering offenbar die Anforderungen inzwischen sind, um bei SPON unterzukommen. Und nicht einmal im Unispiegel, sondern in der professionellen, redaktionell betreuten Kultur-Ecke.

Übrigens, es ist nicht so als wenn es mich nicht interessieren würde, was deutsche Rapper zu dem Thema Jugendgewalt sagen würden. Beispielsweise ein Sido oder ein Bushido. Sido, der inzwischen das Gangsta-Image mehr oder weniger abgelegt hat, zum akzeptierten Teil der deutschen Popkultur wurde, sogar die Comet-Gala moderieren durfte und der in Interviews nicht im Ansatz so verspackt wirkt, wie ich das ursprünglich mal gedacht habe. Und Bushido, der bis heute das Image des aggressiven Ghetto-Kinds mit Migrationshintergrund hochhält und der regelmäßig dafür kritisiert wird, dass seine Texte islamistisch, anti-semitisch, rassistisch, anti-amerikanisch, homophob und frauenfeindlich wären. Dessen Platten sich aber, anders als die vom Frollein Schlampenstrahl, tatsächlich wie geschnitten Brot verkaufen und der wirklich ein relevanter Teil eines großen Segments der derzeitigen deutschen Jugendkultur ist. Und zwar auch jenes Segments, auf das gerade im Zuge der ganzen Jugendgewaltdebatte das Auge gerichtet wird. Interviews mit solchen Leuten wären tatsächlich spannend, anders als das dämliche, selbstgefällige Werbegewichse einer Frau die einfach zu gequält und zu brachial versucht zu schocken und irgendwie einen Skandal vom Zaun zu brechen. Will sagen: Zum Thema Gewaltverbrechen amerikanischer Jugendlicher will ich hören was Snoop Dogg oder Fifty Cent zu sagen haben, nicht K-Fed oder Vanilla Ice.

Hat niemand bei SPON den Text gelesen bevor er online ging? Hat niemand gemerkt, dass der Text plumpe und schamlose Eigenwerbung ist, der das angebliche Thema “Jugendgewalt” gerade mal aus Versehen streift? Hat niemand die Sache mit den Gartennazis bemerkt? Wigga, please! Falls noch Zweifel daran bestanden, dass die angeblich so brennende, dringliche Jugendgewaltdebatte sich in einen lächerlichen Medienzirkus der Eitelkeiten verwandelt hat, dann sollten diese mit Lady Bitch Rays Text beendet worden sein. Weckt mich auf, wenn sich die Quotenmeute einem neuen Thema zugewendet hat, dann bin ich gewillt ernsthaft über die Jugendgewalt zu reden. Momentan wäre jeder Versuch einer ernsthaften Debatte ohnehin sinnlos. Und bis es soweit ist, fordere ich ein weiteres Korollar zu Godwin’s Law einzuführen:

Man kann eine Realwelt-Diskussion als gescheitert bezeichnen, wenn ein D-Promi ohne direkten Bezug zum Thema Hitler und die Nazis herauskramt um für sich selbst die Werbetrommel zu rühren.

In diesem Sinne: Bierce und Pussy Galore.


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