Sneak Review: Horsemen
July 30th, 2009Rev. Lovejoy: “Homer, ich möchte sie an Matthäus Kapitel 7, Vers 26 erinnern: ‘Denn der ist eines törichten Mannes gleich, der sein Haus auf Sand gebaut hat.’
Homer: “Und darf ich sie erinnnern … an Matthäus… Kapitel 21, Vers 17?”
Rev. Lovejoy: “‘Und er ließ sie da und ging zur Stadt hinaus gen Bitanien und blieb da selbst.’”
Homer: “Ja! Denken sie mal drüber nach!”
Mir wird in letzter Zeit gerne vorgeworfen, ich wäre Filmen gegenüber zu negativ. Das ist nicht wahr. Ich wage es nur auch weiterhin gewisse Standards zu haben und nicht jeden Scheiß abzunicken und so zu tun, als wäre ich dankbar dafür, dass ein beliebiges Zelluloidprodukt ja immer noch besser ist als ein Schlag auf den Hinterkopf mit einem spitzen Stein. Im Ernst: Was ist inzwischen der Mindeststandard für Filme? Jener Standard über dem man keine Kritik mehr üben darf, weil der Film ja gar nicht die Wiedergeburt von Citizen Kane sein will? Sicher, The Proposal war kein guter Film, blablabla, aber er war auch nicht so schlimm wie der Völkermord in Dafur, also sollte man auch keine Kritik daran üben! Feh, sage ich, feh!
Anyway: Mit Horsemen wird der Trend nicht gebrochen… ganz im Gegenteil: Horsemen ist der schlechteste Film den ich seit langem sehen durfte. Und ich meine damit: “So schlecht, dass er eine körperliche Reaktion hervorruft”. Ich habe mich im Kinosessel gewunden in einer Mischung aus Abscheu, Wut, Verachtung und Fremdschämen. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen: Ich habe diesen Film irgendwo ab Minute 15 verabscheut, ab Minute 30 gehasst und ab Minute 45 war ich gewillt ihm meinen künftigen Erstgeborenen zu opfern, wenn er nur bitte endlich zuende geht. Und nein, ich hätte nicht das Kino verlassen können: Dafür war der Film zu schlecht.
Ich weiß schon, dass ich einen Film nicht mögen werde, wenn ich mir vorstellen kann, wie der Pitch aussah: “Es ist Se7en, aber mit der Ästhetik von CSI und der schamlosen Gewaltfixiertheit von Saw und Hostel.” - “Wird der Film eine eigene Identität haben? Planen Sie irgendwo eine kreative Eigenleistung?” - “Iwo, das erscheint mir zu riskant.” - “Gekauft!”
Wenn irgendjemand dumm genug ist freiwillig in den Film zu gehen, dann nehme er bitte Stift und Papier mit, denn man kann Filmklischee-Bingo spielen (und nach anderthalb Minuten gewinnen). Unser Held: Der von seinen Kindern entfremdete Bulle, der eigentlich zu alt, fertig und zerknautscht für den Job ist, dessen Frau an Krebs verstarb, während er einen Fall gelöst hat, der sich völlig in diesem neuen Fall des religiös motivierten Serienmordens verliert? Nie gesehen, sowas. Mindestens so klischeebeladen wie unser Hauptdarsteller sind auch viele Momente, die man gerne mal gefühlt Einstellung für Einstellung aus anderen, besseren Filmen übernimmt. Hey, die Einstellung wenn die Spitze einer Zigarette in Nahaufnahme aufglimmt, weil gerade an der anderen Seite der Buffe gezogen wird: An der kann ich mich gar nicht sattsehen. Und wenn man nicht schamlos klaut, dann nutzt man ungewohnte Perspektiven einfach nur weil man es kann oder greift aus dem gleichen Grund in den großen Sack kameratechnischer Spielereien. Wenn die Kamera auf Dennis Quaids Gesicht zoomt, während Dolly der Kamerawagen zurückfährt: Ist das nicht cool? Mindestens so cool wie sinnlos in der Szene, gell?
Normalerweise wittere ich bei sowas ein Erstlingswerk, aber Jonas Åkerlund hat erschreckenderweise bereits einen Film gedreht. Bekannter ist er aber für seine Videoclips: ‘Smack My Bitch Up’ für The Prodigy, ‘Favorite Game’ für die Cardigans oder ‘Turn the Page’ für Metallica. Der alte Kinokritikkampfbegriff “Videoclip-Ästhetik” ist hier also zumindest angebracht.
Kehren wir zurück zu den Klischees. Was in diesem Film ein Synonym ist für: “Jede einzelne Figur die irgendwann innerhalb der quälend langen 90 Minuten auf der Leinwand auftaucht”. Ich habe amerikanische Propagandafilme über Japan aus dem Jahr 1943 gesehen, in denen weniger klischeebeladenen Figuren auftauchten. Den zerknitterten, heruntergekommenen Bullen mit dem guten Herzen, der entfremdeten Familie und der toten Alten hatten wir ja schon. Aber wir haben noch mehr im Angebot. Etwa seinen knallharten Boss, der nur in einer Szene auftaucht um genau das zu tun, was Polizeichefs immer tun: Dem Protagonisten den Fall entziehen wollen, sich dann aber von den Protesten seines Angestellten umstimmen lassen. “Sie haben 24 Stunden um diesen Fall zu lösen!” Im Ernst! Das sagt er wirklich. Oh, the pain… the pain!
Auch angestellt bei NYKlischee Blue: Der Kollege: Der hat nicht einen charakterisierenden Moment, dafür aber einen dümmlichen Namen (Stingray) einen Pornoschnauzbart, eine Schmalzfrisur, sowie einen schlecht geschnittenen Anzug. Der Kerl wirkt als wäre er direkt aus ‘Sabotage‘ entlaufen. Eine Mischung aus Sammy Davis, Jr. und Louie aus den Simpsons. Ja, sowas gilt heute schon als Charakterisierung. Oh, und statt Stingray hätte man ihn auch Red Shirt nennen können, denn vom ersten Moment an ist klar, dass er der Kerl ist, der später mal ‘überraschend’ sterben wird um zu zeigen: Unser eigentlicher Protagonist befindet sich in einer gefährlichen Situation. Einfach weil das diese Art von Film ist. Wobei: Ich war überrascht. Er stirbt nämlich scheinbar nicht, sondern wird nur schwer verletzt. Glück gehabt, Junge.
Glück gehabt auch, dass man dir keine “Tiefe” gegeben hat. Denn damit ist Stingray der beste Charakter auf der Leinwand, weit besser als all die “interessanten” Figuren die ebenfalls auftreten und bei denen man sich nicht nur auf visuelle Klischees verlassen hat. So wie etwa das verschüchtert wirkende medizinische Wunderkind, dessen älterer Bruder (der wiederum nur ein visuelles Klischee ist: der vor Testosteron triefende, männlich-maskuline Alpha-Mann mit US-Flagge am Revers seiner Dienstjacke) ihn nicht akzeptiert und als ‘Schwuchtel‘ schmäht. Oder die asiatische Adoptivtochter des schmierigen Kerls mittleren Alters, der sie natürlich missbraucht hat. (Der Stiefvater ist übrigens auch ein rein visuelles Klischee, wenn auch nicht dieses Klischee hier.)
Das sind übrigens (und ich spoilere jetzt mal wie die Hölle, weil dieser Film so schlecht ist, dass er mit Spoilern nicht mehr weiter verdorben werden kann) zwei der Serienkiller, die Komissar Knitter in diesem Film sucht. Und am Ende wird noch das Mastermind hinter diesen Morden enthüllt, der Mensch der das alles orchestriert hat, dieser Napoleon des Verbrechens. Im Anti-Klimax des Filmes, der sich 85 Minuten lang mit einem völligen Verzicht auf Spannung oder Überraschung darauf hinvegetiert hat, wird enthüllt, dass es sich bei dem Genie im Hintergrund um… Trommelwirbel, bitte… den entfremdeten, seltsamen Sohn der Hauptfigur handelt. Jenen Jüngling, der sich bisher dadurch auszeichnete, dass er immer wieder erklärt wie sehr er sich von seinem Vater zurückgesetzt fühlt, der in der Kirche starr zum Altar blickt und die Bibelpassagen mitmurmelt. Und das obwohl er offenbar nicht alle Murmeln beisammen hat, was wir daran sehen, dass er seiner toten Mutter noch immer jedes Jahr einen Geburtstagskuchen backt. Wow! Who could have guessed? Das habe ich gar nicht kommen sehen, obwohl man doch diese subtilen Hinweise eingestreut hat. Und subtil bedeutet hier: Dem Sohn wachsen keine Teufelshörner aus der Stirn und er ruft nicht die ganze Zeit: “Ich war’s! Ich habe sie umgebracht!” Wobei es aber wirklich nur eine planck’sche Maßeinheit subtiler ist.
Dinge die mich ähnlich überrascht haben wie diese Enthüllung:
*Doping bei der Tour der France
*Gebrochene Wahlversprechen
*Schlechte, von Michael Bay produzierte Filme
Wobei der Nicht-Twist am Ende des Filmes völlig zur totalen Inkompetenz passt, die das Drehbuch bis dahin schon zur Genüge an den Tag gelegt hat. Etwa wenn der Miststreifen fast 30 Minuten braucht, ehe Columbo herausfindet, dass die an den Tatorten gefundene Aussage “Come and See” aus der Bibel stammt (ist wohl kein Johnny-Cash-Fan, nehme ich mal an) und sich auf die vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes bezieht.
Danke, Filmverantwortliche, dass ihr euch die Zeit nehmt dieses kleine Mysterium so lange am Laufen zu halten… … …nachdem ihr es ja nur im verfluchten Titel des Filmes vorweg nehmt! Im Ernst: Wovon gehen die Filmfritzen hier aus? Dass man den Teller mit den Zähnen sieht, den die Polizei am Anfang des Filmes findet, und dann in Kombo mit dem Titel denkt, dass das sicher die Zähne sein werden die Ric Flair, Tully Blanchard und die Four Horsemen ihren Gegnern bei WCW Starrcade 1986 ausgeschlagen haben?
Himmel!
Wobei mir der Wrestling-Gag ja sogar noch lieber wäre als diese halbgare theologische Suppe die uns hier vorgesetzt wird. “Wir brauchen einen Thriller mit biblischem Leitmotiv, aber die sieben Todsünden sind schon weg. Was gibt’s da noch?” - “Oh, die Offenbarung des Johannes geht immer.” Und zack: Schon haben wir Morde die sich an den vier Surfern des Apocalypso orientieren. Respektive: An irgendwelcher semi-mythologischer Teenagertheologie, die kein Redakteur in einem Groschenroman würde durchgehen lassen und auf die dann mal eben das Signet “Reiter der Apokalypse (4)” draufgepappt wurde. Wenn der katholische Priester unserem herzensguten Bullen erklärt, dass die vier Schneider der Aproposkalypse in der Offenbarung auftauchen, die dem Apostel Johannes direkt von Jesus Christus diktiert wurde, dann rollen sich mir die Fußnägel auf. Moderne Bibelexegese ist dieses Filmes stärke scheinbar nicht. Dann wiederum: Nichts ist dieses Filmes Stärke.
Es sei denn wir zählen “dumme Logiklöcher haben” als Stärke. Dann ist der Film bärenstark und könnte mehrere Produktions-LKWs nur mit den Zähnen aus dem Bullshit ziehen, der en masse aus dem Skript fließt. Etwa in jenem Moment, wenn die Polizisten nach mindestens einer Stunde am Tatort feststellen, dass in einem Wandschrank noch eine gefesselte Geisel sitzt, nachdem sie es darin scheppern hören. … WAS? Der Film versucht das zu entschuldigen, wenn Hauptkommissar Strubbelhaar die anderen Polizisten anschnauzt, dass sowas ja nicht passieren dürfe und ein Zeichen für ’schludrige Polizeiarbeit’ sei. Falsch! Falsch! Falsch! Es ist ein Zeichen für ein schludriges Drehbuch, das auf Logik scheißt um eine ’spannende’ Szene zu bekommen, die aber natürlich nicht spannend ist, weil jedem klar ist, was man da im Schrank finden wird. An anderer Stelle ist das so ähnlich: Da wird am Tatort schon seit Ewigkeiten fleißig photographiert, ehe mal jemand auf die Idee kommt dem Überlebenden die Haken aus der Haut zu entfernen, die der Täter ihm da reinsteckte. Weil sonst der visuelle Ekel bei dem Dialog zwischen diesem Opfer und der Polizei fehlen würde.
Und wer am Ende des Filmes noch seine ‘Radaufhängung des Unglaubens‘ aufrecht erhalten kann, der schluckt auch wirklich alles (zum Beispiel, dass ich für nur 500 Euro völlig unsichtbare Glücksatome verkaufe… legen Sie bei Interesse einen Verrechnungsscheck und einen frankierten und adressierten Rückumschlag bei). Also: Vati findet heraus dass Junior ein böser, böser Junge war und als “weißer Reiter” diese apokalyptischen Morde geplant hat. Und sein Sohn schilt ihn: “Daddy, du hättest das alles schon viel früher herausfinden können, wärest du in den letzten drei Jahren mal in meinem Zimmer gewesen.” Das hat der nämlich, seinem Nom de Plume entsprechend, völlig in weiß gestrichen… inklusive seinem Notebook, das auch komplett weiß angemalt ist. (Bis auf die F-Tasten, auf denen die Farben seiner Mitmörder zu finden sind… warum dem so ist? Keine Ahnung, aber die hat von den Machern dieses Flmes auch keiner, zumindest wenn es um Computer geht.) Aber immerhin: So ein Notebook scheint trotz Farbtropfern in der Tastatur auch weiterhin zu funktionieren. Trotzdem: WAS?
Junior malt sein Zimmer, seine Schränke, seinen Bürostuhl, seinen Schreibtisch, seine Fenster, seine Bilder, sein Bett, seinen Boden, seine Decke, einfach alles weiß an und sein Vater bekommt das drei Jahre lang nicht mit? Ach .com, gut gezz. Der Mann ist also ein Spurenleser (phorensische Zahnmedizin), wundert sich aber nicht woher der leicht benebelnde Geruch im ersten Stock seines Hauses oder der Berg an Alpina-Weiß-Eimern im Garten stammt? Aber sicher doch, liebes Drehbuch.
Mein persönliches Headdesk-Highlight kam aber schon in der Mitte des Filmes, als man in der Leiche eines Opfers einen Computerchip findet, beschriftet mit Exodus 9,15. (Was es damit auf sich hat, wird im Film nicht mehr erwähnt, es ist aber auch eine apokalyptische Drohung: “Denn ich hätte schon jetzt meine Hand ausgereckt und dich und dein Volk mit Pestilenz geschlagen, daß du von der Erde vertilgt würdest.”) Dieser “Chip”, der von der Größe her aussieht als habe man ihn frisch aus Univac ausgebaut, ist die einzige Spur die man in diesem Mordfall hat. Und was tut man? Man geht zu den ‘Computergeeks’ der Polizei.
Wer jetzt noch Kaffee, Tee oder ähnliche Flüssigkeit im Mund hat, der möge sie nun herunterschlucken. Ich übernehme keine Verantwortung dafür, dass ihr sonst eure Rechner ruiniert. Also, Inspektor Gadget fragt den Computergeek ob er herausfinden kann wo der Chip herkommt und der antwortet: “Sicher, wenn der zum Chip gehörende Computer online angemeldet wurde, dann kennen wir seine IP. Und dann können wir ihn über GPS lokalisieren.”
… … …
WAS?
Ich bin mir nicht sicher ob irgendwer der für diesen Film verantwortlich ist auch nur eine grobe Vorstellung davon hat, wie Computer funktionieren. Wobei der Technobabble zwar schmerzhaft war, aber nicht so schmerzhaft wie die “dramatischen” Dialoge zwischen Polizeichef Wiggum und der vergewaltigten asiatischen Killerin. Die sind nämlich sowas ähnliches wie Gespräche zwischen Jodie Foster und Sir Anthony Hopkins in Hannibal, nur dass das in diesem Film so wirkt, als habe ein Fanfiction-Autor mit Zugang zum Grundwörterbuch Philosophie die Gespräche mit Wachsmaler auf eine fleckige KFC-Serviette geschmiert, während er in Gedanken schon bei seinem nächsten Slashfiction-Epos war. Die Dialoge sind so grotesk überzeichnet und lächerlich in ihrer prätentiösen Sinnlosigkeit (Referenzrahmen: der Merowinger in Matrix Reloaded), dass selbst Zhang Ziji da nichts mehr reißen kann, Golden Globes und BAFTA Awards hin oder her.
Und dabei dreht sie doch schon alle Regler auf 11. Im Ernst: Das einzige was in diesem Film noch überzogener ist als das Drehbuch, ist das Schauspiel der armen Schweine die versuchen aus diesem hanebüchenen Blödsinn noch irgendwas rauszuholen. Das Resultat das bekommt, wenn man schlechten Schauspielern gute Drehbücher gibt, dass sie versuchen ihre eigenen Mängel durch Overacting zu kompensieren? Das gibt es auch in die Gegenrichtung: Nur dass dann das Overacting die Mängel des Drehbuchs ausgleichen soll. Und da ist einfach Hopfen und Malz verloren.
Wenn das Drehbuch wenigstens nur schlecht wäre. Aber leider ist es nicht nur schlecht, es ist auch noch verachtenswert reaktionär. Das erkennt man daran, aus welcher Gruppe sich die Serienkiller, die vier apoplektischen Router rekrutieren. Jener Großgruppe, die in der Literaturkritik gerne zusammengefasst wird als ‘The Other‘. Unsere Serienkiller sind “anders” und darum gefährlich: Es sind Homosexuelle, Asiaten, Gothen, Emos, Menschen mit sexuellen Fetischen und natürlich Computerfreaks. Merke: Wenn es nicht ist wie du und nicht in dein WASP-Raster fällt, dann wird es dich vermutlich umbringen. Und um dieser Gruppe zugeordnet zu werden, reicht es schon aus einen leichten Emo-Haarschnitt zu haben. Denn Lektion 2 ist natürlich: Unsere Kinder werden uns alle umbringen. Klar, das ist schon den ollen Griechen bekannt gewesen, als sie die Geschichten rund um Elektra und Tyrannosaurus Oedipus Rex verfasst haben, aber seit Columbine und V-Tech (oder hier drüben: Erfurt und Winnenden) hat dieser Topos nochmal eine ganz neue Relevanz für die Allgemeinheit erhalten.
Es ist eine Konspiration der Emos. Yep, dieser Leute hier. Denn in dem Moment, in dem die Jugend sich eine Frisur zulegt die ihre Eltern nicht mehr verstehen, sind sie eine Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung. Wobei aber auch das filmisch gesehen natürlich nichts neues ist. Schon der von mir sehr geschätzte Dirty Harry bediente ja beispielsweise massivst die Angst der breiten amerikanischen Mehrheit vor der Hippie-Kultur. Wobei es heute scheinbar schon ausreicht DVD-Hüllen der Happy Tree Friends (”Ist sie nicht etwas alt für Zeichentrickfilme?”) im Zimmer zu haben und ein analoges Buch mit mystischen Zeichen vollzukritzeln und das dann damit zu untermauern, dass man Bilder von “Emily the Strange” da reinklebt. Yep, dem “Hello Kitty” für Mädchen die glauben Fall Out Boy würden ansprechende Musik mit inspirierenden Texte produzieren.
Und weil das alleine noch nicht ausreicht nimmt sich der Film gleich noch der zweiten großen Gefahrengruppe unserer Zeit an: Den sogenannten “Onlinecommunitybenutzerm”. Denn Leute die denken, dass man über einen Computerchip von der Größe Rhode Islands die IP des zugehörigen Computers feststellen kann, die halten auch das Internet für einen rechtsfreien, bedrohlichen Raum. Die vier Emos der Afrocalypse streamen all ihre Morde natürlich live für das Internet. Namentlich für ein Forum namens “We are the nothing”, das - als es Inspecteur Clouseau endlich findet - gerade “wegen Reparaturen” für einen Tag down ist. Worauf der ganz messerscharf kombiniert: “Morgen wird etwas großes passieren.”
Ich bin mir sicher, dass Filme wie dieser Rotz einer der Gründe dafür sind, dass Menschen wie #Zensursula mit dem Rasenmäher über die Meinungsfreiheit fahren dürfen und von einer großen Bevölkerungsgruppe dafür auch noch Zustimmung ernten. Denn auch wenn man Computer nur über eine ihrer Komponenten per GPS lokalisieren kann, an das anonyme Netzforum kommt man natürlich nicht ran. Das kann man nicht vom Provider aus dem Netz nehmen lassen, da kann man keine IPs der Betreiber oder Hauptposter feststellen, da ist man als Polizei absolut machtlos. Darum brauchen wir die Stoppschilder fürs Internet! Jetzt! Schnell! Bevor die Französische Revolution für Emos losbricht und wir alle knietief durch Tränen und Kajal waten müssen.
Anyway: Das Netzforum bekommt am Ende des Filmes nochmal große Relevanz, wenn der Ober-Emo sich selbst umbringen will (was natürlich auch gewebstreamt wird) und betont, dass die Millionen (Millionen!) Nutzer des Emo-Boards nur darauf warten, dass er stirbt. Denn wenn er stirbt ist der Schleier gelüftet (wusstet ihr schon, dass “Apokalypse” eigentlich nur Enthüllung heißt, wie wir von ihm lernen… wären wir ja nie drauf gekommen bei einem biblischen Buch namens “Offenbarung” oder “Revelation”) und die Millionen (Millionen!) Emos auf diesem Board werden dann “die Hölle auf Erden” lostreten. Im Ernst, wovon reden wir hier? 4Chan? Tyler Durdens Project Mayhem? Hackern auf Steroiden? Einer Internet Hate Machine.
Im Ernst: Ich habe am Ende des Films nicht den Hauch einer Ahnung gehabt, was diese Emokalypse sein soll, die über uns alle hereinbrechen wird sobald Mr. Weißer Reiter stirbt. Hören dann all die Millionen (Millionen!) Nutzer des Boardes auf sich Make Up zu kaufen und treiben damit die Wirtschaftskrise noch weiter voran? Dass ich keine Ahnung habe, vor welcher ominösen Bedrohungslage ich Angst empfinden sollte ist aber okay. Einerseits kenne ich das Gefühl ja dank der Reden des badischen Kofferbombers im Bundesinnenministerium zur Genüge, zum anderen hat der Schreiberling dieses Schweizer Käses, den er ein Drehbuch nennt, vermutlich ebensowenig Ahnung davon, worum es sich bei der bevorstehenden Katastrophe handeln könnte. Da ist dann so eine obskure Gefahrensituation ja viel angenehmer, weil sich jeder seine eigene Emo-Horrorvision da reinmalen kann. Dass von den Millionen Nutzern eines öffentlichen Boards nicht einer das Gefühl hat, er sollte die Polizei wegen dem kontaktieren, was da regelmäßig gestreamt und diskutiert wird, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie absolut habebüchen dieser Film ist. (Da gibt es noch unzählige andere offene Fragen und unlogische Abstrusitäten, auf die ich jetzt aus Platzgründen aber nicht eingehen werde.)
Dass er dann mit einem Ende schließt, das ein Schlag ins Gesicht ist, macht zu dem Zeitpunkt eigentlich auch nichts mehr. Papa Polizei verhindert den Suizid seines Sohnes, drückt ihn an sich und betont, dass er jetzt ein besserer Vater sein wird, einer der sich mehr Zeit für seine Kinder nehmen wird. Liebt ihr Filme mit Happy End nicht auch? Vati hat erkannt, dass er seinen Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken muss, und alles was es bis dahin gebraucht hat, sind vier Morde. (Eigentlich fünf, denn der zweiten ermordeten Person wurde auch noch schnell ein Fötus aus dem Bauch geschnitten). Family values? Saved. Denn alles was diese Emos mit ihrem komischen Haar wollen, ist mal so richtig von ihren Eltern gedrückt werden. Schlichte Weltbilder für schlechte Filme.
All diese Schwächen versucht Åkerlund damit zu verdecken, dass er die Kamera immer schön draufhält auf die ekligen Szenen. Dass er, wie in CSI, zeigt wie sich die Luftröhre mit Blut füllt, dass er nicht wegschneidet wenn sich die Knochensäge in die Brust fräst, die Haken im Fleisch nochmal schön in Großaufnahme zeigt und wir natürlich auch den blutigen Fötus in der Plastiktüte vor Augen gehalten bekommen. Was dann zu mehreren Abgängen aus dem Kino-Saal führte. Wobei irgendwer Åkerlund doch bitte mal sage, dass Gore kein Ausgleich für ein vernünftiges Skript ist und nicht einmal zwangsläufig Spannung oder Unbehagen erschafft. Denn Unbehagen ist ein anderes Gefühl als Ekel. Ekel geht bei mir übrigens oft mit Genervtheit einher, weil man versucht mich so platt zu manipulieren.
Horsemen ist das, was man auf dem Emo-Messageboard im Film vermutlich als Epic Fail bezeichnen würde. Ein Film der einfach nur unglaublich schlecht ist. Und nicht schlecht, aber tolerierbar wie The Proposal, sondern so schlecht, dass ich am liebsten die ganze Zeit die Kinoleinwand angeschrien hätte. Unlogisch, fürchterlich geschauspielert, mit grässlichen Dialogen, reaktionären Konzepten und sinnloser Gewalt angefüllt. Und am schlimmsten: Wie ein frankenstein’sches Monster komplett aus den Ideen, Konzepten und Szenen besserer Filme zusammengeflickschustert. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass ich mich von diesem Film persönlich beleidigt fühle!
Im Ernst, Lionsgate, habt ihr eure gesamte QA-Abteilung gefeuert? Solltet ihr nicht viele, viele Chancen gehabt haben dieses Projekt zu kippen? Oder gar nicht erst zu starten? Irgendwer muss das Skript gelesen und gedacht haben, das wäre eine gute Idee. Irgendwer muss die ersten Szenen aus dem Film gesehen und beschlossen haben, ihn trotzdem nicht in der Production Hell verenden zu lassen. Irgendwer muss das fertige Produkt begutachtet und einen Release dieser Spökenkiekerei abgenickt haben. Wo ist der Fehler im System, das sowas nicht schon frühzeitig ausgesondert wird. Wir sprechen hier ja nichtmal über einen Film wie Transformers 2, der zumindest damit zu rechtfertigen ist, dass er ja die guten, kleinen Filme mitfinanzieren muss (was so ist, als wenn man Drogenverkäufe legitimiert, solange ein Teil der Erlöse an Waisenhäuser gestiftet wird). Dieser Film hingegen ist so ähnlich wie viel Geld auf einen Haufen zu packen und es dann zu verbrennen. Nur weniger spannend, logisch oder sinnvoll.
Bah! Wenn jemand einen guten Serienkillerfilm mit biblischem Leitmotiv sehen will, dann soll er lieber zum Original greifen und sich nochmal Se7en angucken. Oder Zodiac. Der hatte zwar kein biblisches Motiv, war aber einfach so ein Spitzenfilm. Oder überhaupt ein Film. Nicht nur eine Anhäufung von Szenen und Klischees, in deren Nähe durch Zufall eine Kamera rumstand. Produziert hat das ganze übrigens, wie oben schon angedeutet, unter anderem Michael Bay. Ein weiterer Indikator dafür, dass Bay seit The Rock nicht an einem einzigen guten Film mitgearbeitet hat, sondern - ganz im Gegenteil - die noch zuckende Leiche namens “Kino das mehr will, als den kleinsten gemeinsamen Nenner finden” Schaufel um Schaufel und Film für Film unter einem großen Haufen dampfender Scheiße begräbt.
Ich hasse dich Michael Bay!
Ich hasse dich!
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